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Title: Das kleine Buch der Tropenwunder : kolorierte Stiche
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 Material Information
Title: Das kleine Buch der Tropenwunder : kolorierte Stiche
Physical Description: Archival
Language: German
Creator: Merian, Maria Sibylla 1647-1717
Publisher: Insel-Verlag
 Subjects
Subject: Insects -- Suriname -- Pictorial works -- Suriname
 Record Information
Bibliographic ID: UF00083041
Volume ID: VID00001
Source Institution: University of Florida
Holding Location: University of Florida
Rights Management: Available through a Creative Commons license: Attribution + Noncommercial + ShareAlike (by-nc-sa)
Resource Identifier: oclc - 3804436

Table of Contents
    Front Cover
        Front Cover 1
        Front Cover 2
    Dedication
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    Front Matter
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    Title Page
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    Illustrations
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    Foreword (Geleitwort)
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        Kleines Tropenbild
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        Die Reise Nach Surinam (The journey to Suriname)
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        Das Tropenbuch Der Maria Sibylla Merian (The Tropical Book of Maria Sibylla Merian)
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    List of Illustrations
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    Back Matter
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    Back Cover
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    Spine
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Full Text









Da kleine Buch
der Tropenwunder
In vielen Farben

Insel-Biicherei Nr. 51


















UNIVERSITY OF FLORIDA
LIBRARIES







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DAS KLEINE BUCH

DER TROPENWUNDER


Kolorierte Stiche

von Maria Sibylla Merian

Geleitwort von
Friedrich Schnack


IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG













































































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GELEITWORT











KLEINES TROPENBILD


Tropenland ist Wunderland.
Wer zum ersten Mal tropische Erde betritt, glaubt sich
in eine Traumlandschaft versetzt. Eine Grenze, die ihn
scharf vom Vertrauten trennt, ist iiberschritten. Das
Schiff ist fort, Europa mit ihm. Alles ist anders, die
Welt zeigt ein anderes Gesicht, hat eine andere Seele
und arbeitet mit andern Kraften. Nichts von dem, was
der Blick erschaut, erinnert an die Bilder der Heimat -
nicht der Tag, nicht die Nacht. Den Tag erhellt eine
andere Sonne, die Nacht ein anderer Sternenhimmel. Ge-
waltig, l6wenmichtig ist die Kraft der Sonne. Sie hat
ihre feurigen Pranken auf die Berge gesetzt, und wie
eine flammende Miihne regnen ihre Strahlen nieder, auf
die Fliisse, Steppen und Wilder. Diimonisch und gefiihrlich
brennt ihr Auge. Sie ist nicht das milde, miitterliche Ge-
stirn des Nordens. Man muB sich gegen ihre Strahlen
schiitzen, wie wenn ein Gift in ihre Glut gemischt ware.
Nachts funkeln unvertraute Sternenbilder in der Himmels-
kuppel: das Kreuz des Siidens, der Blitz des Skorpions,
der Siidpolarstern. Die Sichel des zunehmenden Mondes
liegt wie ein Apfelschnitz auf dem Riicken. Einem Silber-
boot gleich schwebt er im Nachthimmel.
Ich erinnere mich an meine erste Tropennacht. Tief-
schwarze Schatten lagerten in Tilern und Griinden. Die








Grillen, ihre Horngeigen wetzend, veriibten ein Finster-
niskonzert. Zikaden mengten sich ein, wie mit Fliigeln
von Blech schnarrend. Erdgrillen Ihrmten schrillend laut.
An BZchen und Wasserstellen trommelten Fr6sche, pauk-
ten Kr6ten. Der Urbusch fauchte, lachte, winselte. Von
Augenblick zu Augenblick schwoll die Weise dieser wilden
Musikanten zu unheimlich gesteigerter Heftigkeit.
Die Erde schlief, in den Eingeborenenhiitten war es
still, kein Feuer brannte mehr. Aus Gras und Hecken
stoben Tausende fliegender Funken, Leuchtkiifer auf
Liebesfahrt. Ihr griinliches Gespriih zuckte auf, erlosch,
zuckte auf, erlosch...
Im Garten schimmerten die groflen Bl1tter der Gummi-
und Melonenbaume wie Hande, und auf der Kuppe des
schwarz und diinn vor dem Himmel schwebenden Hiigels
reckten sich die federzarten Bambusbiische. Am Weg,
der zwischen Gras hinblinkte, raschelten im leichten
Wind die langen Schirmblatter der Bananenstauden...
Die Nacht hat alle Diifte und Wohlgeriiche geweckt, die
tagsiiber in Bliiten und Blattern schliefen. Nun quellen
sie aus den fleischigen Bechern, trinken die Wiesen und
ziehen am FluB hin, wo die Eingeborenen ihre kleinen
Pflanzungen angelegt haben. Es sind die Liliendiifte
bliihender Kaffeestriucher, die Vanillegeriiche der Nel-
kenbiume, der siile Liebeshauch der Orangen, der Li-
monen und Pampelmusen, der Geschmack der wilden








Zitronenbiische, der Myrtenduft der Roseniipfelbiume,
die Balsame des Zitronellagrases und die fliichtigen Ole
der Eukalyptushaine der Hauch einer tropischen Blu-
menfee, die im Dunkel umherschweift.
tiber Abend gleichsam ist es Friihling geworden, der
Tropenfriihling hat begonnen. Wie die Blumen sich aus
ihren Knospen herausrollten, sind auch die Tropen-
schmetterlinge ihren Puppenhiillen entschliipft. Unter Tags
stoben die bunten, geschwiinzten Segelfalter und Schwal-
benschwinze, die Papilios, die Gelb- und Weiflinge fiber
die Grasfluren und Batatengespinste, durch den Ananas-
garten und die Fackeln des indischen Blumenrohrs -
nun huschen die Nachtfalter durch schlafende Zucker-
rohrpflanzungen, schwarze Blumengirten und irren her-
auf zum Licht der Veranda, wo ich meine hell- und
weithinstrahlende Schmetterlingslampe aufgestellt habe,
das Locklicht fiir die nachtlichen Flieger. Bald schwirren
Miicken, Kifer und Schmetterlinge herbei, aufgeregte
Geistchen, die bei Tag an einem Bambusreis, auf einem
Maniokstengel oder unter dem Blatt eines Brotfrucht-
baumes geschlummert haben, federweifle Dinger, kleine
Elfen, betupft mit schwarzen Punkten und umgiirtet mit
ziegelroten Leibesringen. Ihrem Gest6ber folgen Spanner
und Eulenfalter, graue, griinliche, braune und rinden-
farbige Lichtfreunde, deren Fliigel mit unruhigen Wellen
iiberzackt sind. Wirbelnde Farbensplitter, aus Gold ge-








prigt und mit Perlmutter iibergossen, umkreisen die
Lampe. Woher kommen sie? Von den Ufern der Berg-
fliisse, aus den Nelkenpflanzungen? Gro3e Eulenschmetter-
linge, Boten der Dunkelheit, mit schattenhaften Samt-
fliigeln, schwere, handgrof3e V6gel, taumeln ungestiim
und wie hehext umher. Blumenblattgleich blinken ihre
orangegetanten Hinterfliigel, in die schwarze Spiralen
eingelegt sind. Riesige Nachtpfauenaugen umschaukeln
das Locklicht. Sie haben weinrote Pelzleiber und braune
Schwingen mit gelb und weil3 umrandeten Trugaugen.
Mitten hinein in diesen Wundertanz schnurrt ein gigan-
tischer Bockkifer und knallt auf die Tischplatte, wo eine
bernsteingelbe Heuschrecke umherspioniert, ein wahres
Nachtgespenst, das den einen der peitschenlangen Fiihler
nach vorne, den andern nach hinten stellt.
Bis iiber die Mitternacht hinaus wahrt der Spuk. Am
Morgen ist alles weg, nur ein paar ermiidete Falter
kleben an den Winden. Die friihe Landschaft, wie aus
Tau und fliissigem Griin geschdpft, leuchtet spiegelklar.
Die kleine Regenzeit ist voriiber, die Erde schwillt fiber
an Kraften und Saften. Die Bambusrohre, hohe Spargel,
stechen durch das Gewiihl von Gras, Laub und Ranken.
Die Bananenkronen entfalten sich iippig. Von den Hdhen
stiirzen die Goldstrbme der Sonne, die sich fiber den
zackigen Waldern erhoben hat. Die Wildtauben gurren,
die Falken steigen, die Singv6gel schmettern, und die








Eingeborenen trotten schnatternd und lachend in ihre
Maniokfelder, wo ihnen die Nihrwurzel der Kassawe
heranwachst.
Ich schlendere in den Busch. fberall scheinen griine,
laubspeiende Brunnen aufzuwogen, sprudelndes Blitter-
werk, dessen Fiille und Massigkeit das Antlitz der nie
ganz griinlosen Landschaft verindert. Griine Wolken
liegen auf der Erde. Mannshohe, scharfe Griser treiben
in den Wiesen, armlang spriefen die Rispen und Fuchs-
schwanze ihrer Halme. Die kaum zaunk6niggroDen Reis-
finken werfen sich auf die Rispen, ein halbes Dutzend der
Federballchen reiht sich auf einem Halm er wippt sie
auf und nieder. An den Eingeborenenwegen und im
Dickicht bliihen die wilden Zitronenbiische. Es sind die
Futterpflanzen der verschiedenen Schwalbenschwinze,
die auf den gewachsten, bitter duftenden Blfttern ihre
Raupenzeit verlebt haben. Im Tal strbmt der tief ein-
gessgte Urwaldflul, das Jagdgebiet der Eisvggel, der
Bienenfresser und Schwalben. Wo die Biische Platz lie-
Ben, haben die Bataten, die lila bliihende Kriechwinde,
deren Knollen in der Buschkiiche die Kartoffel ersetzen,
mit ihrer Blktterdecke die Hinge iiberzogen.
Der mit Gujavenbdiumen, einer Myrtenart, bepflanzte
Pfad leitet abwlrts zu Hiigeleinschnitten, die mit beinahe
undurchdringlichen Dickichten vollgestopft sind. Unter
den Kraut- und Blittergewdlben flieBt das Bachwasser








kellerkiihl, und winzige Fischchen, vom FluB hinein-
verirrt, huschen in den gewundenen LKufen. Bei meinem
Kommen schwirren Eisv6gel wie fliegende Edelsteine von
den Zweigen. Durch die Laubtore segeln die Schmetter-
linge und landen auf dem feuchten Sand, wo sie trinken.
Es ist schon sehr heiB.
An einer Stelle, die sich zu einem kleinen, von blauen
Lotosblumen bedeckten Teich verbreitert, wachsen viele
Aronstabe, ein kleiner Wald. Gestalt und Blattform dieser
mannshohenWasserpflanze iihnelt etwas den Bananenstau-
den. Die schenkeldicken Scheinstimme stehen mitten im
Wasser. Mit dem Buschmesser haue ich eins der groBen
Bitter ab ein Briinnchen rieselt. Dem Blattbiischel
entsprol3t die michtige, zwei bis drei Handspannen lange
Bliite, eine gelblich-weil3e Hauttiite, die sich um den
aufragenden kriftigen Klippel bauscht. Da die listige
Bliite eine Kesselfalle fiir die sie besuchenden Fliegen
erfunden hat, die den Bestiubungsvorgang ausfiihren
miissen wonach sie wieder entlassen werden -, sind
die Aronstibe ein beliebtes Jagdrevier der eidechsen-
haften Geckos. Diese altgriinen Fliegenjiger tragen an
ihren FiiBen Haftzehen, die sie befihigen, an senkrechten
Flichen, ja sogar an der Zimmerdecke hinzulaufen. Blitz-
schnell eilen sie an den Stammen empor und fegen fiber
Blattrippen und Blitter. Auch fiir sie ist die Liebeszeit
gekommen: die miinnlichen Tiere haben ihre Hochzeits-








tracht angelegt, einen hochroten Lingsstreifen auf dem
Riicken.
In der Umgebung der Ddrfer und Kolonialhiuser bliihen
nun auch die Mimosen und die Feuerbaume, mit denen
die Pflanzer ihre empfindlichen Kulturen gegen zu grelle
Bestrahlung schiitzen. Die Blumen der Feuerbiume lodern
fackelgleich aus dem Griin der Wipfel empor. Zart und
unsinnlich bliihen die Mimosenbiume: ein weiBler und
blafrosener Hauch durchschleiert ihre lichten Kronen.
Die gelb bliihende Mimose, lings der Bahnstrecken auf-
geforstet, bildet dichte Waldungen, die golden dampfen.
An den Bambuszaunen der Siedlungen hat sich der Hi-
biskus mit gliihroten Malven geschmiickt. K6stlich scheint
ihr Nektar zu schmecken, immer wieder segelt ein groler
Papilio heran und senkt den Saugriissel in ihre Korallen-
becher.
Auch der Urwald bliiht. Durch seine Palisanderpforte
splhe ich ein paar Augenblicke in das Reich seltsamer
H6lzer und Schmarotzerpflanzen. Ich tue nur ein paar
Schritte, weil ich ohne Begleitung bin. Ein Fl1tenvogel
singt Kantilenen; pl6tzlich lachen irgendwo kleine Affen
und meckern Buschgespenster. Papageien? Kein Bliiten-
blitz der schirmartigen Baumwipfel dringt herab in die
Tiefe des Waldscho3es, wo ewige, diistergriine, unter-
seeische Dimmerung herrscht. Nur beim Verbliihen der
Kronen tropfen und schweben aus der H6he gliihende








Bliitter, blue Feuerflammchen, rote Zungen, gelbe Fetzen
zerschlissener Gehlnge, ein Regen gestorbener Bliiten,
die wie Feuerflecken auf den Moosen und Farnen des
Bodens nachgliihen. Aus welchen zauberhaften Himmels-
girten m6gen sie herunterrieseln? Getragen von den
silberweil3en und schattenhaften Saulen der sechzig his
achtzig Meter hohen Baumriesen und Stangen, schwebt
in der H6he das Meer der Wipfel, durchsprenkelt von
den Bliiteninseln in WeiI, Gelb, Blau, Purpur und Vio-
lett. Unerreichbare, unausdenkliche Marchenschmetter-
linge und Wunderv6gel funkeln in diesen Bliitenpara-
diesen und huschen von Garten zu Garten, wihrend ich,
sehnsiichtigen Herzens nach ihrer Farbenpracht, auf
einen dimmerigen Moderpfad mich mit den Tiicken und
Fallstricken des labyrinthischen Waldes abmiihe, der
seine Mauern von Rosen- und Ebenholz, seine Baum-
tiirme von Eisen- und Amarantholz und seine silbernen
Fahnenstangen mit Orchideen und Lianenwimpeln auf
die Berge wuchtet und in die Schluchten hineinrammt -
der mystische, fremde, unersiittliche Wald, der Wald der
Gifte, der Milchsafte und Honigseime, der Wald der
Tiere, Insekten und V6gel, die verschlossene Kammer
voller Teufelsgeheimnisse und Gottestraume.
Nach kurzem Besuch verlasse ich ihn. An meinen Klei-
dern hangen Diifte, Spinnenfaden, Insektenfliigel, Blitter
und Dornen. Wenn ich ihn von unten her aus dem Tal








betrachte, schimmert er am Morgen wie ein Block von
Gold, am Mittag gleich einem Block von Smaragd und
Jaspis und am Abend wie ein dunkelblauer Block von
Lapis, iiber den die Flammenkugel der Sonne, wie Feuer
auf einem Opfertisch, einen Augenblick zu z6gern scheint,
ehe sie scheidend hinabrollt und die Tropennacht ihre
Sternenkuppel fiber die schwarze Landschaft w6lbt.


DIE REISE NACH SURINAM

Die Blumen, Zweige, Friichte, das Getier und die In-
sekten, die als Vorbilder far die farbigen Stiche unseres
Bandes dienten, wurden vor mehr als zwei Jahrhun-
derten in den Tropenlandschaften der hollandischen Ko-
lonie Surinam gesammelt, und wie damals, so sind auch
heute noch diese schbnen, fremdartigen Gesch6pfe in
jenen iiberseeischen Gegenden zu finden.
Surinam, nach einem Flu1 benannt, ist ein Streifen des
siidamerikanischen Landes Guayana, in dessen Besitz die
Hollander sich mit den Briten und Franzosen teilen. Die
Kolonieen, die einzigen europaischen in dem gewaltigen
Erdraum Siidamerika, liegen n6rdlich von Brasilien am
Meer.
In dieses heilBe und auch bunte Land reiste im Jahre
1699 die deutsche Naturforscherin und Meisterin des
Kupferstichs und der ausgemalten Pergamente: Maria
Sibylla Merian. Sie stammte aus Frankfurt am Main,








wo sie als Tochter des Kupferstechers und Verlegers
Mathaus Merian am 2. April 1647 geboren worden war.
Dem Vater verdanken wir eine grole Anzahl gestochener
Bilder der Stidte und Landschaften seiner Zeit. FrauMerian
war zweiundfiinfzig, als sie die grofe Fahrt unternahm.
Die Kiinstlerin reiste ohne miinnlichen Schutz. Schon
einige Jahre zuvor hatte sie sich von ihrem Mann, dem
Niirnberger Gebiudemaler Graf, getrennt und war mit
ihren beiden T6chtern nach Friesland in Holland aus-
gewandert. Die jiingere hatte sie bei ihrer alten Mutter
zuriickgelassen, wihrend die iltere, Johanna Helene, sie
begleitete. Zwei Monate lang fuhren die wunderlichen
Reisenden mit dem niederlandischen Segler.
Frau Merian war in jenen Jahren schon beriihmt. Sie
hatte in Deutschland und im Ausland einen Namen: da
waren ihre sch6nen, zarten Blumen-Still-Leben, die sie
gem mit fliegenden und saugenden Schmetterlingen ver-
zierte, ihre gestochenen Tafeln und Pergamente, das
,,Blumenbuch" und das gluinzende Werk ,,Der Raupen
wunderbare Verwandlung und seltsame Blumennahrung",
sowie ihre kunstvoll eingefiirbten Leinenstoffe und be-
malten Seidentiicher. Einmal hatte sie sogar einem Ge-
neral ein ganzes Zelt bemalt, in dem der Kriegsmann
saB wie in einer Blumenlaube.
Ihren kiinstlerischen FleiB und die grole Begabung, die
ihr der Vater vererbt hatte, verquickte sie mit einer








naturkundlichen Liebhaberei, die sie bald flir ernster
nahm als ihre gestaltenden Fihigkeiten: sie hatte sich der
Erforschung des Insektenlebens ergeben, insbesondere der
Erkundung und Beobachtung des Lebens der Schmetter-
linge, das damals noch wenig bekannt war. Ein friihes
Kindheitserlebnis, die Seidenraupenzucht, spann sich so
in der Kiinstlerin fort und entwickelte sich zu einer
Lebensaufgabe. Ihre Darstellungen erregten bei Sach-
kennern und Liebhabern Aufsehen, sie vermehrte die
naturkundlichen Kenntnisse ihrer Zeit und wurde eine
Wegbereiterin auf dem Gebiet der Insektenforschung.
Lang blieb sie in Deutschland die einzige erst hundert
Jahre spiter kam, angeregt und befeuert durch ihr strah-
lendes Werk, der bedeutende R6sel von Rosenhof, der
Niirnberger Meister, dessen ,,Monatlich erscheinende In-
sektenbelustigungen" das Entziicken seiner Zeitgenossen
erregten. Mochte R6sel, der aus den Erfahrungen der
Vergangenheit Nutzen zog, ein gr6f3erer Kenner gewesen
sein, anKunstverstandund Kdnnen iiberbot er jedochkaum
seine so sehr geliebte und bewunderte Vorlauferin.
Als Maria Sibylla Merian nach gliicklich beendeter Reise
wohlbehalten in Surinam landete und alsogleich an die
Arbeit going, zu der sie bei der Besichtigung einer Samm-
lung surinamischer Schmetterlinge auf einem nieder-
landischen Schlof angeregt worden war, schiittelten die
Kolonialbeamten und Pflanzer die Kdpfe. Unfaflbar, wie








jemand in die Kolonie reisen konnte, ohne die Absicht,
Zuckerrohr zu pflanzen und damit Geld zu machen.
Schmetterlinge, Insekten, Blumen? Und das Zeugs gar noch
abzumalen! Wahnsinn! Sie lachten die Deutsche aus.
Die fleifige und leidenschaftliche Kiinstlerin aber kiim-
merte sich nicht um die koloniale Hinterwelt und ihre
Sp6ttereien. Unermiidlich sammelte und beobachtete sie
in der freien Natur, in den Wiesen, Pflanzungen, an den
Fliissen und in den Dickichten: mit ihrem Sammel- und
Fanggeriit bald eine landbekannte Erscheinung. Sie rich-
tete ein paar Indianer ab, die bestindig frisches Futter
fiir die vielen gesammelten Zuchtraupen im Beobachtungs-
kasten und die gefangenen KLfer, Zikaden, Gottesanbe-
terinnen, Grillen und alle die andern Insekten und Tiere
herbeischaffen muBten, denn die eingebrachten Bliitter
daheim in Zimmer und Veranda, wo iiberall die Ter-
rarien und Behiltnisse aufgestellt waren, verwelkten und
verdorrten im Nu und das war eine groDe Schwierig-
keit fiir die Schmetterlingsziichterin: oft war es miihe-
voll, neues Futter zu bekommen, zumal wenn die Blitter
und Zweige von weitentfernt wachsenden Biischen oder
von Biumen des Urwaldes herriihrten.
Frau Merians beste Helferin war ihre Tochter. Johanna
Helene war selber eine begabte Kiinstlerin, die Zeichen-
stift und Pinsel meisterhaft fiihrte, und sie war auch
eine gute Beobachterin im Freien, wozu noch der Vor-








zug ihrer jugendlichen Gewandtheit kam. Mit Tropen-
hut und Miickenschleier bewaffnet, zogen die beiden
Frauen beinahe tiglich, zu FuB oder zu Wagen, schon
am friihesten Morgen, ehe noch die Tagesglut iiber der
Landschaft flammte, in ihre Jagdgriinde und Wildnisse.
Der ungewohnten Natur ihre Geheimnisse abzulisten,
war nicht leicht. Die iippig griinende Welt versteckte
mehr, als sie enthiillte. Wie mit einem dichten Blatter-
schleier und Grasvorhang, mit Dornen, Ranken, Pflanzen-
seilen, durch Mauern von Gehdlz, Stammen, Dickichten
und Gezweig verbarg sie ihre Lebensvorgiinge und We-
sen. Frau Merian wollte ja nicht nur Schmetterlinge
fliegen sehen, sondern auch deren Leben vom Ei an
kennen lernen und die Umwelt dazu. Wie schwer war es
doch, einzudringen in dieses versponnene, in sich ver-
schlungene, prassende und briitende Reich und zu er-
blicken, was die wilde Mutter so strong behiitete!
Die wissenschaftlich unterrichtete Frau hatte zwar ihre
Handbiicher aber wie vieles stand nicht darin, war
nicht beschrieben, nicht bestimmt, noch von keines Euro-
paers Auge gesehen worden! Nur wenig wul3ten die
Schriften von der tropischen Tier- und Pflanzenwelt, die
Forschung hatte noch kaum den iiulersten Saum dieses
seltsamen Bereiches beriihrt, kaum ein Zipfelchen der
dichten Verhiillung geliiftet. Und die im Land wohnen-
den und arbeitenden Pflanzer und Verwaltungsbeamten?








Die sahen bloB Zucker, Pfeffer, Gerberrinde. So war
denn Frau Merian in der Hauptsache auf sich selber und
die Unterstiitzung ihrer Tochter angewiesen, auf ihre
guten Augen, ihren Spiirsinn und auch auf den Zufall.
Und da sie unermiidlich suchte, vor Schwierigkeiten
nicht zuriickschreckte, durch Verluste und Riickschlage in
ihrer Arbeit nicht entmutigt, vielmehr zu neuem Eifer
angespornt wurde, gelangen ihr fiir den Stand der da-
maligen Wissenschaft nicht unwesentliche Entdeckungen
und Funde. Sorgsam schrieb und zeichnete sie auf, was
sie erlebt, und malte mit Wasserfarben, was sie gesehen
hatte. Auf ihren Pergamenten wurden die blitzenden
Schmetterlinge des Landes wiedergeboren, entrollten sich
die saftigen Blatter der Baume und Striucher, entfalteten
sich die feurigen Bliiten, schimmerten die goldenen
Friichte. Ihre Bilder verzierte sie nach Lust und Neigung,
setzte nach kiinstlerischem Geffihl allerlei Getier hinein
und bereicherte sie durch reizende Einffille. Jede Tafel
bot eine geschlossene Welt, jedes Schaubild war ein
Gleichnis tropischer Fruchtbarkeit und Pracht, ein Stiick
wimmelnder Natur.
Zwei Jahre arbeitete sie in Surinam. So gliicklich und
griindlich, wie sie nur konnte, niitzte sie ihren Aufent-
halt. Der Gewinn davon war fiir die Kiinstlerin ebenso
groB wie ffir die Naturfreundin, wenn nicht noch grbBer.
Neue Farben hatte sie erlebt, ein unbindiges Licht er-








fahren. Der Saft der Pflanzen, Blumen und Friichte war
gleichsam in ihren Pinsel geflossen. Da sie aus gesundheit-
lichen Griinden das feuchtheiBe Klima aber nicht linger
ertragen konnte, muBte sie sich friiher, als ihr lieb war,
zur Heimreise entschlieBlen.
Im Herbst des Jahres 1701, nach dreimonatiger See-
reise auf einem niederlindischen Kauffahrteifahrer, trafen
Mutter und Tochter wieder in Amsterdam ein, erwartet
von Maria Dorothee Henrika, der jiingeren Tochter und
Schwester. Frau Merian verarbeitete nun ihre reiche
Ausbeute und vollendete ihre Pergamente. Die Zeich-
nungen lieB sie durch die tiichtigen Stecher Mulder und
Sluyter auf Kupfertafeln iibertragen.


DAS TROPENBUCH
DER MARIA SIBYLLA MERIAN

Die Tropenlinder sandten zu Frau Merians Zeiten einen
viel starkeren und durchdringenderen Zauberglanz nach
Europa, als sie es heutzutage noch tun, da durch die
Entwicklung des Verkehrs die Weltteile einander naher
geriickt scheinen. So war es denn nicht verwunderlich,
daB Frau Merians Bilder bei den Freunden in Amsterdam
die allergr6Blte Begeisterung erweckten und ihr h6chstes
Lob einbrachten. Nicht das naturkundliche Ergebnis
allein mochte so bestechlich gewirkt haben, es waren wohl
vor allem der Schmelz, das Feuer und der wahrhafte








Tropengeist der einzigartigen Kunstwerke: nie zuvor
waren aus den heifen Lindern Bilder von solcher Ein-
druckskraft undVollkommenheit nachEuropa gekommen.
Die Freunde drlngten die Kiinstlerin, der Offentlichheit
ihre Arbeiten vorzulegen, in einem Sammelband heraus-
zugeben. Nach anfinglichem Z6gern fand sie sich dazu
bereit, und im Jahre 1705 erschien in Amsterdam das
Buch. Es war in lateinischer Sprache geschrieben, wo-
mit Frau Merian wohl den wissenschaftlichen Charakter
ihrer Funde und Bilder betonen wollte. Sie hatte es
,,Metamorphosis Insectorum Surinamensium" genannt, die
,,Verwandlung der surinamischen Insekten", ein schlecht
gewihlter Titel, der sich sprode auf den biologischen In-
halt des Buches beschrankte, die angeschaute Wunderwelt
aber nicht umfal3te. Und dies war ein bedauerlicher Irr-
tum die Forscherin hatte die Kiinstlerin in den Schatten
gestellt. Und so kam es, daB ihr Werk, als es nach hun-
dert Jahren seinen Ruhmeslauf beendet hatte, ausschlieB-
lich in die Hinde der Gelehrten geriet, und zwar nur
der Insektenforscher, denen die kiinstlerische Leistung
kaum etwas sagte. Die reine Wissenschaft, mehr und
mehr sich entwickelnd und erweiternd, sah manche Dinge
anders, als die forschende Malerin und die malende For-
scherin sie befunden hatte und so war es das Schicksal
des Buches, einer der wundervollsten Naturdichtungen
in Kupfer und Farben, in den Archiven so gut wie ver-








gessen zu schlafen. Aber was nicht tot ist, wacht wieder
auf, wenn seine Zeit gekommen...
Die Kiinstlerin und Naturfreundin hatte allerdings die volle
Genugtuung, den groBen Erfolg ihres Werkes zu erleben.
Der lateinischen Ausgabe folgten bald deutsche, hollan-
dische und franz6sische Fassungen, Frau Merian war eine
europiische Beriihmtheit geworden. Der grole, in Leder
gebundene, mit goldenen Schriften auBen reich gezierte
Band enthilt sechzig kolorierte Kupferstiche. Auf jeder
Tafel steht in der Bildmitte eine Pflanze, ein Stiick Baum
mit Ast und Laub, ein Zweig mit Bliiten und Frucht,
eine Ranke mit Blattern und Blumen, Gewichsen, die
aber nicht nur auf Surinam beschrinkt sind; unter den
tropischen befinden sich auch subtropische, aus dem
warmen Erdgiirtel zwischen der heiBen und gemaBigten
Zone stammende Straucher und Baume. Die Auswanderer
und Siedler hatten schon damals Nutz- und Zierpflanzen
aus verschiedenen warmen und heiBen Gegenden in ihre
Lander und Kolonieen eingefiihrt. So hatten sie beispiels-
weise die Ananas aus dem tropischen Amerika nach
Afrika und Indien verpflanzt, den Granatapfelbaum aus
Nordafrika und Vorderasien nach Siidamerika und in an-
dere heil3e Linder gebracht. Die Sonne des Landes nahm
die Fremdlinge wie ihre eigenen Wald- und Garten-
kinder an und lieB sie gedeihen, wie wenn sie schon
immer hier gewurzelt hatten.








Bekannte und weniger bekannte, auch den meisten Men-
schen unbekannte Pflanzen hat Frau Merian abgebildet.
Wie bei uns zulande die QuittenbHume in den Garten
bliihen und fruchten, so stehn in den Girten der An-
siedler in den heilen Gegenden die sch6nen Gujaven-
blume, deren gelbe, apfelartige Friichte die Frauen der
Kolonisten in Zucker einlegen und zu Marmelade ver-
kochen. Die surinamische Kirsche, eine rote, gefurchte
Frucht, ist bei weitem nicht so wohlschmeckend wie
unsere siife, saftige Kirsche was auch Frau Merian
gefunden hat -, geh6rt auch zu einer andern Pflanzen-
familie: aber die Frauen von Surinam bereiten daraus
Gelee. Der Baum ist nicht gro3, eher ein Strauch, aber
wundervoll anzusehen, wenn er Friichte trggt. Die Ananas
ist wohl die edelste Frucht der Tropen. Als Frau Merian
sie kostete, vermeinte sie Aprikosen, Apfelsinen, Apfel
und siil3e Beeren zugleich zu schmecken. Es war gewil
eine wilde Ananas, die iiberall an den Wegen, Garten-
zaunen, in den Wiesen und Wildnissen wiichst: ihr Ge-
schmack ist urspriinglicher als der etwas parfiimierte
der Plantagenananas.
Beschauen wir diese Bilder, sehen wir das Licht und
die Jahreszeiten einer heil3en Erde. Ist es nicht, wie
wenn ein ferner Atem all diese Biume und Biische um-
wehe? Und ist nicht jede Bliite und Frucht, jedes Blatt
und jede Ranke gleichsam ein summer, in Farben bren-








nender Lobgesang auf die Sonne dort, auf den Regen
und die Erde dort?
Wie Frau Maria Sibylla einst in Niirnberg den General
in das bemalte Zelt wie in eine Blumenlaube hinein-
setzte, aus der er mit Sabel und Schnurrbart heraus-
funkelte, so hatte sie in Surinam die behaarten, ge-
stachelten und bedornten Raupen der Schmetterlinge in
leuchtende Blumen- und Blatterzelte getan, auch die
Kifer mit ihren kriegerischen Zangen und die Gottes-
anbeterinnen, die Raub- und Fangschrecken mit ihren
gesagten Sabelarmen. Der Weinschwarmer oder Wein-
zecher, ein Nachtschmetterling, samt seiner dicken Raupe,
bewohnt nun eine Weinlaube. Pfeilritter, der Segelfalter,
in den Zitronenduft verliebt, hat sich eine kleine Zitronen-
hecke ausgesucht. Die leuchtende Blaufee bewohnt das
Bliltendach der immergriinen brasilianischen Pflaume -
sie hat ein Bliitenzelt in einem Pflaumengarten. Die
schreckliche Vogelspinne, der Kolibrifresser, lauert in dem
griinen Haus der Gujave und schlagt ihr zartes Opfer.
Ein Stockwerk im grofen Baum des Indianerwaldes hat
sich eine Raupe erwahlt, die wie eine Biirste aussieht.
Ein anderes GelaB in dieser griinen, hohen Zelle hat
der Palmbohrer eingenommen, ein schwarzer Kkfer. Er
ist hier geduldet. Eigentlich geh6rt er nicht hierher, sein
Obdach ist ein Palmenzelt aber Frau Merian konnte
die Palme nicht abmalen, weil die Blatter viel zu groB








sind und auf der Bildtafel keinen Platz gehabt hatten.
Der Kifer hat eine kleine Geschichte. Seine Larve, auf
dem Blatt fiber ihm ruhend dargestellt, bohrt im Stamm
jener Palme. Die Indianer holen sie heraus, und weil
sie wie Vanillemilch schmecken soll, wird sie ger6stet
und verzehrt. Aber auch das Mark und die jungen Triebe
der Palme werden gegessen. Man kocht sie wie Blumen-
kohl, und dann schmecken sie besser als die Arti-
schocke.
Gleich einem Strahl von Ultramarinblau auf Silbergrund
flammt der Fliigelblitz der ,,Blauen Sonne" auf dem
wilden Baum des Dickichts, einem hohen Laubhaus, das
der hochgeborene Morphoschmetterling, ein wahrer
,,Himmelsvogel", wie er auch genannt wird, fiir seine
Raupe gefunden hat. Die Sch6nheit und das Feuer dieses
tropischen Riesenschmetterlings, dessen Fliigel wie Schei-
ben von Edelsteinen zu Schmucksachen vom Kunstge-
werbe verwendet werden, scheint nicht aus Wald und
Erde zu stammen: so verehrten auch manche Indianer-
stamme diese gaukelnde Falterflamme als ein iiberirdi-
sches, vom Indianergott in ihre Welt geschicktes Wesen.
Sie haben den Morpho menelaus, die ,,Blaue Sonne",
als Vorbild fiir ihre Tanzmasken gewiihlt. Aber auch
diese Sonne verliert an Glanz und geht unter: eine kleine
Fliege des Urwaldes kittet, wenn der Schmetterling an
Stimmen und Zweigen ruht, ihre winzigen Eier auf








seine Fliigel, und die Larven fressen minierend ihre
feinen verderblichen Ginge in das herrliche Blatt.
Ein prachtrotes Gartenzelt haben sich die surinami-
schen Laternentrdger erkoren. Die schmetterlingsiihn-
lichen Fliigel dieser Zikaden tragen Farbenaugen, auf
den K6pfen haben die Zirpen merkwiirdige Chitinblasen.
Eine geheimnisvolle Gesellschaft, um die sich unter den
Gelehrten ein kleiner Streit entspann. Die einen wollen
gesehen haben, daB der Stirnfortsatz, die Laterne, nachts
leuchtet. Die andern bestreiten das. Frau Merian schreibt
in ihrem Buch, sie habe beim Schein der Laternenzikade
Zeitung gelesen. Eine Menge der Zirpen im Kifig habe
einen ganzen Lichtstrahl in die Dunkelheit gesandt. Sie
hatte scharfe Augen, und man wiirde sich wundern,
wenn sie etwas ungenau gesehen und beobachtet hitte.
Aber die Gegner wollten ihre Feststellung nicht gelten
lassen. Die neuesten Forschungen jedoch haben die sorg-
same Beobachtung der Kiinstlerin bestitigt: man hat
herausbekommen, daB in den Zikaden gewisse Mikro-
organismen, Kleinlebewesen, enthalten sind, ohne die sie
wahrscheinlich nicht leben k6nnen. Die einen treiben
den Wirtstieren die absonderlichen Ausbliihungen und
Stirnblasen auf, die andern haben sich als Leuchtbakterien
in den ,,Laternen" angesiedelt und ziinden nachts die
Lampen an. Nicht alle sind mit Leuchtstoff versehen, aber
die vereinzelten Lichttriger, die nun genau untersucht








worden sind, haben in eine dunkle Geschichte Helle
gebracht.
Ein Geheimnis umgibt auch den schlanken ,,Pagen von
Surinam", der die Laube der glanzenden Pampelmuse
umschwebt. Dieser Schmetterling, ein Nachtelf, der bei
Tage in der gr6f3ten Hitze fliegt und am liebsten hoch
oben um die Wipfel der Urwaldbiume, dieser Glanzfalter
aus dem Geschlecht der Uraniden, unterhllt verwandt-
schaftliche Beziehungen nach Madagaskar, wo ein ein-
ziger Vetter von ihm lebt und die gleichen Gewohn-
heiten hat, der metallisch in Schwarz, Gold, Griin,
Blau und Rot schimmernde Urania ripheus, der ,,Page
von Madagaskar". Da es in dem nahen Afrika keinen
dieser Uraniden gibt, bleibt sein Auftreten in Mada-
gaskar fern des siidamerikanischen Stammlandes rat-
selhaft.
So haben sie ihre feinen gemalten Zelte und Lauben und
so auch ihre bunten Geschichten, alle die Schmetterlinge
und die Kifer, die Zikaden und Mauerwespen, die Ei-
dechsen, Spinnen und Ameisen. Man kann nicht alle er-
zihlen, der vorliegende Band ist ja kein Geschichtenbuch,
er ist ein Bilderbuch, ein Schaubuch.


Frau Merian hitte gern noch einmal die Luft Surinams
geschmeckt und ihr Werk erginzt. Sie hatte ja nur eine
kleine leuchtende Spur des fremden Lebens verfolgt und








aufgezeichnet: wie viele Pflanzen und Friichte waren
noch abzumalen und wie viele Falter noch zu bestaunen
Aber ihr Wunderland, einmal verlassen, 6ffnete ihr nicht
wieder das lianenbekrinzte Urwaldtor. Ihre Kraft reichte
nicht mehr zu einer zweiten beschwerlichen Segelreise.
So unterdriickte sie ihren Wunsch. Doch ihre Mitarbeite-
rin, Johanna Helene, wohl auch vom Surinamzauber er-
griffen, entschloB sich zur Fahrt, um das Fehlende nach-
zuholen. Sie hatte sich inzwischen verheiratet, und mit
ihrem Mann, einem Kaufmann Herolt, der Geschifte
nach Surinam pflegte, stach sie in See. Es war ein Ab-
schied fir immer. Wahrend Johanna Helene auf dem
Ozean schwamm, starb die Mutter am 15. January 1717
in Holland.
Die Verheiratete kehrte nicht wieder zuriick. Sie blieb
in Siidamerika. Doch hatte sie nicht des miitterlichen
Auftrags vergessen. Ihre Arbeiten, die denen ihrer Mutter
an Schdnheit nicht nachstanden, wurden spater veriffent-
licht. Das besorgte in Holland die Schwester Maria Doro-
thee Henrika, die sich mit einem Herrn Gsell verehelicht
hatte. Als der Nachtrag erschienen war, wanderten die
Eheleute Gsell nach RuBland aus.
Die Werke der Maria Sibylla Merian wurden in der
Nachzeit in vielen LIndern wiederholt und in mancherlei
Ausgaben gedruckt. Einem ganzen Jahrhundert der For-
schung hatte sie Richtung und Ziel gegeben. Ihre Tafeln








und Texte wurden bewundert und geliebt; erschien doch
kaum eine neue Ausgabe, die nicht mit einem Preis-
gedicht auf die grofle Frau und ihre Werke eingeleitet
worden wire.
So going das seltsam erstaunliche Zukunftswort ihres Va-
ters Mathius Merian in Erfiillung, bei dessen Tod die
Tochter erst drei Jahre alt war: ,,Ach nein, ganz wird
mein Andenken nicht untergehen, denn man wird einst
sagen: das ist Merians Tochterl"
Die Meisterin, wenn auch nur noch einem kleinen Kreis
von Freunden und Kennern vertraut, blieb unvergessen.
M6gen nun durch den vorliegenden Band neue Freunde
zu den alten gewonnen werden! Wir Heutigen sehen
sie nicht mehr als eine friihe Vertreterin der Wissen-
schaft, der Insektenlehre, wir sehen in ihr die natur-
freudige Kiinstlerin, einen hochgemuten Menschen, der
sein Herz an die groBe und kleine Bruderschaft der
Erde dahingab. Aus ihren Bildern leuchtet uns der
Liebesfunke zur Sch6pfung an. So haben denn auch
die Jahrhunderte die Lebenskraft ihres Surinamwerkes
nicht ausl6schen kbnnen. Es wird noch lange, wenn
nicht fiir immer, einmalig bleiben: als ein wahrhaftes
Wunderbuch der Tropen, als ein Buch der Tropen-
wunder.









VERZEICHNIS DER TAFELN


1. Granatapfel-Bliite (Punica granatum L.), Gat-
tung: Myrtazeen.
Oben: Surinamische Laternentriger-Zikade (Laternaria
phosphorea L.).
Mitte: Nachtwanderer und seine Larve.
Unten: Surinamischer Laternentrager und Leiermann-
Zikade (Fiducina mannifera Fabr.).

2. Weinrebe (Vitis vinifera), weif3e Traube.
Oben: Der Weintrinker (Pholus vitis L.), Nachtfalter
und seine Stinde: Raupe und Puppe.
Unten: Der Zecher (Pholus anchemolus Cr.), Nachtfalter
und seine Stande: Raupe und Puppe.

5. Hibiskus (Hibiscus mutabilis L.), Gattung: Mal-
vazeen.
Der Liebesbote, w u. m (Papilio androgeus L.), Tagschmet-
terling und seine Stlnde: Raupe und entleerte Puppe.

4. An anas (Ananassasativa L.), Gattung: Bromeliazeen.
Oben links: Scharlachfunke, Kifer (Morphoides biplagiatus
Guir.) und Kurierwanze (Paryphus laetus L.).
Oben rechts: Wunderpapilion (Eueides ricini L.), Tag-
schmetterling.
Unten: Heliconia (Metamorpha dido L.), Tagschmetter-
ling und Stiinde: Raupe und Puppe.

5. Amerikanischer Gummiguttbaum.
Die Trauereule (Thysania agrippina L.), Nachtfalter.
Eine Schwlrmerraupe und ein Spinnerkokon.

6. Brasilianische Pflaume oder spanische Kir-
sche.
Die Blaufee (Euselasia-Art), Tagschmetterling und seine
Stiinde: Raupe und entleerte Puppe.









7. Surinamische oder franz6sische Kirsche.
Der groBe Argus (Morpho deidamia Hb.), Tagschmetter-
ling und seine Stinde: Raupe und Puppe.

8. Maniok (Manihot utilissima), Gattung: Euphorbia-
zeen.
Riesen-Pfeilschwanz (Protoparce rustic F.), Nachtfalter
und seine Stinde: Raupe und Puppe.

9. Immergriiner Dschungelbaum.
Die Blaue Sonne (Morpho menelaus L.), Tagschmetterling
und seine Stlnde: Raupe und Puppe.

10. Schotenpfeffer oder spanischerPfeffer(Cap-
sicum annum L.), Gattung: Solanazeen.
Oben: Waldwerber, Bindenfalter (Castnia licus Dru.),
tagfliegender Nachtfalter.
Unten: Pfeilschwanz (Protoparce paphus Cr.), Nachtfalter
und seine Stiinde: Raupe und Puppe.

11. Orange (Citrus aurantiaca), Gattung: Rutazeen.
Pfauenspiegel (Rothschildia hesperus L.), Nachtfalter und
seine StUnde: Raupe und Kokon.

12. Gujave (Psidium guyava L.), Gattung: Myrtazeen.
Oben: Weberin, Netzspinne mit Eierpaket und Jungen.
Jlgerin, Netzspinne.
Mitte: Dickkopf-Ameisen (Atta cephalotes).
Unten: Vogelspinne, Kolibrifresser (Avicularia avicularia
L.). Gefliigelte Ameisen. Larve einer Kakerlake (Blatta
americana).

13. Bananenbliite (Musa L.).
Oben: Traumauge (Automeris liberia Cr.), Nachtfalter und
seine Stinde: Raupe und Puppe mit Kokon.
Unten: Glasfliigler (Leucothyris aegleF.), Tagschmetterling.









14. Zitrone (Citrus spec.), Gattung: Rutazeen.
Oben rechts: Der Punktrand (Catopsilia eubule L.), Tag-
schmetterling.
Der Pfeilritter (Papilio anchises L.), Tagschmetterling und
seine Stande: Raupe und Puppe.

15. Blutauge.
Oben: Der Purgierling (Cyllopoda jatropharia L., Tag-
schmetterling und seine Stande: Raupe und Puppe.
Unten: Der Medorschwarmer (Cocytius medor Stoll.),
Nachtschmetterling und seine Stinde: Raupe und
Puppe.


16. Weinrebe (Vitis labrusca), blaue Traube.
Der Claret-Weinschwarmer (Pholus labruscae L.), Nacht-
falter und seine Stande: Raupe und Puppe.

17. Pallisadenbaum, Gattung: Leguminosazeen.
Pallisadenspinner(Arsenura armida Cr.), mannlicher (unten)
und weiblicher Falter (oben), Nachtfalter und seine
Stinde: Raupen in mehreren Entwicklungsstufen und
Puppe.


18. Tabrubabaum.
Oben: Hirschbock-Kafer (Cerambycini ceroicornis L.).
Mitte: Palmbohrer-Kifer (Rhynchophorus palmarum L.).
Palmbohrer-Larve.
Unten: Biirstenraupe eines Schmetterlings. Surinamer
Hummel (Euglossa surinamensis).

19. Nachtschatten (Solanum spec.), Gattung: Solana-
zeen.
Oben: Surinamischer Nachtpfau (Automeris surinamensis
Ky.), Nachtfalter und seine Stinde: Raupe und Puppe
mit Kokon.








Unten: Indianisches Buschauge, Nachtfalter und seine
Stiinde: Raupe und Puppe mit Kokon.

20. Dschungelbliite.
Der groBe Atlas (Caligo idomeneus L.), nachtfliegender
Tagschmetterling und seine Stiinde: Raupe und Puppe.
Wespe.

21. Banane (Musa L.), Gattung: Musazeen.
Der kleine Atlas (Caligo teucer L.), nachtfliegender Tag-
schmetterling und seine Stinde: Raupe und Puppe.
Mauerwespe.

22. Apfel von Sodoma (Solanum mammosum L.), Gat-
tung: Solanazeen.
Oben: Das Eselchen, Eulenschmetterling, Nachtfalter
und seine Stinde: Raupe und Puppe.
Unten: Gottesanbeterin, Kropftrager (Choeradodis stru-
maria L.), Mordschrecke und ihre Entwicklungsstinde:
Gelege und Larve.

25. Strahl von Barbados (Poinciana pulcherrimo L.),
Gattung: Caesalpiniazeen.
Der Pfeilschwanz (Protoparce paphus Cr.), Nachtfalter und
seine Stlinde: Raupe und Puppe.

24. Pampelmuse (Citrus grandis), Gattung: Rutazeen.
Der Page von Surinam (Urania leilus L.), tagfliegender
Nachtfalter und seine Stiinde: Raupe und entleerte
Puppe.



Die wissenschaftlichen Namen der Pflanzen und Insekten
sind nach dem Stand der heutigen Forschung angegeben.
Die Bestimmung der Insekten besorgte Willi Kraus in
Augsburg.












Unserer Wiedergabe liegt die erste Ausgabe zugrunde,
die im Jahre I705 im eignen Verlage der Kiinstlerin
in Amsterdam, mit lateinischem und auch mit hollan-
dischem Text, erschien. Das Werk, dem die Bilder
dieses Buches entstammen, tragt den Titel: ,,Meta-
morphosis Insectorum Surinamensium." Bei einer
kleinen Anzahl von Exemplaren lieB Sibylla Merian
die frischen Abziige von den schwarzen Platten auf
andere BlOtter umdrucken und benutzte diese, die
die Konturen nur noch ganz zart zeigten, um sie
eigenhlndig auszumalen. So erwecken sie fast den
Eindruck von Aquarellen. Zwei solcher kostbarer
Exemplare: aus der Sammlung des Herrn Max Adolf
Pfeiffer in Kbtzschenbroda und aus dem Germanischen
Museum in Niirnberg, durfte der Verlag
dankbar benutzen.


Den Druck der Bilder besorgte H. J. Jiitte,
den des Textes Poeschel & Trepte,
beide in Leipzig













DAS KLEINE

SCHMETTERLINGSBUCH

24 farbige Tafeln
nach kolorierten Stichen von Jakob Hiibner
Mit einem Geleitwort von Friedrich Schnack
(Inselbiicherei Nr.213)
Kenner und Liebhaber stimmen darin iiberein, daB die
Formen und Farben der bunten Sommerv6gel nie zuvor
so bezaubernd wiedergegeben worden sind, wie in den
Bildern dieses mit grolem Beifall aufgenommenen
Inselbuches.
*


DAS KLEINE BUCH

DER VOGEL UND NESTER

NEUE AUSGABE
24 vielfarbige Bilder von Fritz Kredel
Mit einem Geleitwort von Heinz Graupner
(Inselbiicherei Nr. ioo)
Die wichtigsten deutschen Singv6gel mit ihren Nestern
in neuen Bildern von Fritz Kredel, anmutig und lebens-
wahr in den Bewegungen und den bald zarten,
bald frischen Farben ihres Federkleides.



IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG







































































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Last updated October 10, 2010 - - mvs