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Title: Die Religionsphilosophie des Maimonides und ihr Einfluss ..
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 Material Information
Title: Die Religionsphilosophie des Maimonides und ihr Einfluss ..
Physical Description: 3 p. l., 36, 1 p. : ; 22 cm.
Language: German
Creator: Mèunz, Ignatz, 1857-
Publisher: H. Itzkowski
Place of Publication: Berlin
Publication Date: 1887
 Subjects
Subject: Philosophy, Jewish   ( lcsh )
Judaism   ( lcsh )
Genre: theses   ( marcgt )
non-fiction   ( marcgt )
 Notes
Thesis: Inaug.--Diss. Leipzig.
Statement of Responsibility: von Ignatz Mèunz.
General Note: Lebenslauf.
 Record Information
Bibliographic ID: UF00072071
Volume ID: VID00001
Source Institution: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Holding Location: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Rights Management: All rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier: oclc - 11919483

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DIE

RELIGIONSPHILOSOPHIE

des

MAIMONIDES

UND IHR EINFLUSS.



lunaugural-Dissertation
zur
Erlangung der Doctorwilrde,
der
plilosophischen Facultlt der Universitat Leipzig
vor eoegt. von

Ignatz Miiuz.





BERLIN 1887.
S DrU k von R. Itzkowski, Or. Bambargestr. 18-19,
















/ .',

Q 1KV-
U/C)Z;


P. FELD
Heb-, B.71,1. .
4 5 ESSE, L,, "_ j
NEW YORK


















Seinem theuern Bruder


Herrn Dr. Wilhelm Miinz,
Rabbiner in Gleiwitz,


in Liebe und Verehrung

gewidmet


vom Verfasser.


















Einleitung.


An der Spitze der jiidischen Religionsphilosophon des
M3Dtir.l. i11 erblicken wir einen Mann, der zu den gross-
artigsten Gestalton l, I.tl, welche die jiidische Goschichte
aufzuweisen hat: Saadia ben Josef ibn Alfajumi (geb.
892 guest. 942)'). Dieser durch sein reiches talnudisches

1) Schon vor Sandia hat der beriihmte jiidische Arzt Isak
Israeli (gest. um 950) eiue religionsphilosophische Schrift verfasst
und manche Lehren des Judenthums mit den Resultaten der Phi-
losophie in Uebereinstimmung zu bringen gesucht. Allein dieses
S Werk hat auf die Folgezeit einen sehr geringen Einfluss ausgeiibt
und kann nicht als der Anfang der systematischen jiidischen
Religionsphilosophie im Mittelalter bezeichnet werden. Interessant
ist Maimuni's Urtheiliiber die philosophischen Leistungen Israeli's.
Er sprieht ihnen in seinem bekannten Briefe an Ibn Tibbon jede
wissenschaftliehe Bedeutung ab' ud meint, dass Israeli wohl ein
grosser Arzt, aber kein Philosoph gewesen sei (Kobez II S. 28 b).
Erst Saadi a ist der eigentliche Begriinder der Religionsphilosophie
bei den Juden im Mittelalter, Zu bemerken ist aber, dass schon
vor dem Auftreten Saadia's von Seiten der Karder das Streben
sich geltend machte, religi6se Wahrheiten mit der Hilfe der Philoso-
phie, wie sie in der Schule der arabischen Religionsphilosophen
:ai-~e'.,illLt. wurde, zu erklaren und zu begriinden. Der Karier Ben-
jamin ben Moses Nahawendi hat bereits die anthropomorphistischen
Stellen in der Bibel allegorisch umgedeutet und den Satz ausge-
sprochen,dass rGott in keiner W.. ;-t. IL. i geschaffenenDinge gleichem
(Haarbriicker, Scharastani's Religionsparteien und Philosophenschulen
I S. 257). Ueber Saadia's Thatigkeit vergleiche Steinschneider
in seinem Katalog der Bodlejana Col. 2157 und Gritz, Gesohichte
1







-2--


Wissen und seine gediegene arabische Bildung ausgezeichnete
Mann, der von seinem Heimathslande Aegypten als Schul-
oberhaupt, Gaon, nach Babylonion berufen wurde, schrieb
in der ersten Hilfte des zehnten Jahrhunderts (934) ein
religionsphilosophisches Werk, Emunoth wedeot, Glauben
und Wissen genannt. Schon der Name lisst den Zweck
dieses Werkes errathen. Saadia war bestrebt, die Vor-
schriften und Lehren der jiidischen Religion mit den Er-
gebnissen der Philosophie in Eil;l.il zu bringen und den
tiefen Glaubensinhalt des Judenthums mit der Fackel der
Wissenschaft zu durchleuchten.
Dieses Werk hat auf den Forschergeist in Israel eine
miachtige Wirkung ausgeiibt und den philosophischen
Spekulationen innerhalb des Judenthums eine bleibende
Stit. geschaffen. ,,Wir miissen forschen und nachdenken,
um das zu erkennen und selbststindig zu erfassen, was wir
auf dem Wege der Offenbarung wissen," war der Wahl-
spruch des Gaon Saadia, und dieser Satz wurde das
Losungswort aller seiner Nachfolger in dieser Richtung2).
Neben den Minnern, die ihre ganze Geisteskraft dem
Studium der rabbinischen Literatur zuwandten und keine
andere Anschauungsweise als die religi6se kannten, trat
eine Reihe ausgezcichneter Denker auf, die sich der wissen-
schaftlichen Durchforschung des Judenthums hingaben und
Glauben und Wissen, Religion und Philosophie zu
vereinen suchten. N.i:.,l dem lebendigen Borne dor Thora
sprudelte in unversiegbarer Frische der Quell der Philosophie

der Juden, B. 5 S. 317 und Note 20. Juda ibn Tibbon hat den
arabisch geschriebenen Emunoth ins Hebritische iibersetzt. Eine
leicbtfassliche Darstellung der Religionsphilosophie des Saadia
erschien von Dr. I. Guttmann, GSttingen 1882.
') Emunoth, Einleitung. Nur der fromme Dichterphilosoph
Juda Halevi bekennt sich nicht zu diesem Satze. Im scharfen
Gegensatze zu der Annahme Saadia's bebauptet er, dass der Mensch
durch Spekulation und eigenes Nachdenken nimmermehr zn den
religi6sen Wahrheiten gelangen wiirde und wir diese nur der Offen-
barung und Ueberlieferung zu verdanken haben. Kusari 111. 50,








-3--


hervor. Es schien, als ob der religionsphilosophische Geist
der Alexandrinischen Juden, der fast ein Jahrtausend ge-
schlummert hal.to, seine glorreiche Auferstehung in neuer
.l-ijg,,.l Gestalt gefeicrt hittc. Manner, wie Salomo
ibn G.,li'in. Juda Halevi, Josef ibn Zaddik und
Abraham ibn Daud3) haben durch ihre Schriften nicht
nur auf ihre Zeit und auf ibre Glaubensgenossen anregend
und befruchtend gewirkt, sondern zur immer gr6sscrn Ver-
breitung des Studiums der Philosophie im christlichen
Europa \iwil..i1 des ganzen Mittelalters sehr viel bei-
getragen4). Die Fragen liber Gott, fiber sein \\'.-.. und
seine Eigenschaften, iiber die Bestimmung des Mnii hln

,) Salomo ibn Gabirol (gest. um 1070), sein philosophisches
Werk Mekor Chajim (fons vitae) wurde von den Lehrern der christ-
lichen Scholastik im Mittelalter stark benutzt und er selbst hunter
dem verstiimmelten Namen Avicebron sehr oft angeffihrt. Es ist
bekanntlich das grosse Verdienst Munks die Identitat von Ibn
Gabirol und Avicebron his zur Evidenz zuerst nachgewiesen 'az
haben. Vgl. die treffliche Arbeit von M. Joel: Ibn Gabirol's Be-
deutung fiir die Geschichte der Philosophie, Breslau 1876. Juda
Halevi (geb. um 1085, gest. um 1140), sein philosophisches Buch
Kusari ist ans dem Arabischen von Juda ibn Tibbon ins Hebraische
fibersetzt. In neuerer Zeit wurde es von David Cassel und im
Jabre 1884 von Dr. H. Hirschfeld auf Grund des arabischen Textes
ins Deutsche ibertragen. Josef ibn Zaddik (gest. um 1149), ver-
fasste ein religionsphilosophisches Werk unter dem Titel Olam
Katan, Mikrolosmus.8 Ablaham ibn Daud (gest. als MArtyrer
1180) steht in scinem philosophischen Werke Emuua Rama ganz
auf dem rationellen Standpunkte Maimuni's und ist bestrebt, die
Wahrheiten der jiidischen Religion mit den Lehrsitzen der aristo-
telischen Philosophie zu versohnen.
4) Der grosse Einfluss, den die Juden auf die Verbreitung und
Erhaltung der Wissenschaften im Mittelalter und ganz besonders
der Philosophie ausgeiibt haben, wird seit den griindlichen Forschun-
gen von Munk, Joel und Renan allgemein anerkannt und von
allen Gelehrten, welche die Geschichte der christlichen Scholastik
behandeln, im Ganzen und Grossen gewiirdigt. Ueber diesen Punkt
soll weiterhin bei der Darstellung des Einflusses des More Nebuchim
ausfiihrlich die Rede sein.







-4-


und seine Willensfrieiit der gt ll-.l All]. i-..iiti gegen-
iiber, iiber die Offenbarung der Lchre, iiber die Unsterb-
lichkeit und Vi.-il;:l ui diese und ailliche Fragen, die
dem denkenden Geiste sich immor von ncuem aufdriingen,
waren es, die sie verstandesgemiss zu beantworten suchten.
Alloin die Leistungen und Bestrebungen dieser jdih-, ii-i
Philosophen, so hervorragend nd d bedeutend sic auch sein
mochten, warren nicht im -:,i.l, die Kluft zwischen
Religion und lPhili-'l.. pi. u IilI l.i,,l.ll unmd vermoehten
zwiscien den Lehren des Judenthums mid den Resultaten
der \\i,-'.', h.i'i.n um so weniger einen v6lligen Ausgleich
herbeizufiihrcn, als der jiidische spekulative Geist unter der
unmittelbarsten Einwirkung der arabisclhen Religions-
philosophie stand und mnanchorlei fromde E lli'-.'- zu iiber-
winden hatte)}.
In der arabischen Philosophic, die damals zu ihrer
hochsten Bliithe gelangt war, hatten sich neben den anderen
vielen -Sekten, zwei Hauptrichtungen herausgebildet. Die
arabischen Aristoteliker von Alfarabi bis auflbn Sina
und Ibn Roschd standen ganz hunter dem Einflusse der
peripatetischen Philosophie, der sie eine immer grissere
Auerkennung und Verbreitung zu verschaffen bestrebt waren,
und beurtheilten selbst die religi6sen Fragen vom Stand-
punkte der griechischen Weisheit. Neben diesen ara-
bischen Gelehrten traten die sogenannten MutakallimCn")

6) Ueber das verwandte geistige Streben der jadischen mit den
arabisehen Religionsphilosophen vergleiche Kaufmann, Geschichte
der Attributenlehre in der jiidischen Religionsphilosophie, die Ein-
leituug zu dem Kapitel fiber Juda Halevi.
6) Der Name Mutakallimfin bedeutet: Lehre des Kalam
des Wortes, d. h. des geoffenbarten Glaubens; demnach ist der da:
fur bei den jtid. Religionsphilosophen gebrauchte Ausdruck oc'i~~
nihet, wie es tiblich ist, mit >Dialcktikerc, .Disputirende, zu fiber-
setzen, sondern in dem Sinne von Lehrern und Ausdeutern des
religi6sen Wortes (der muhammedanischen Lehre) zu fassen.







- 5 -


auf, die die eigentlichen muhammedanischen Religionsphilo-
sophen warren und in ihrer eigenartigen Weise die religiosen
Lehren wissenschaftlich zu begriinden suchten. Unter don
Vertretern dieser letzteren Richtung ragen ganz be-
sonders die freisinnigen Mutaziliten hervor, die manche
Dogmen des KorAn nicht anerkannten und mehr an den
Lehrsatzen der Philosophie festhielten.
Durch diese religionsphilosophischen Ideen und An-
schauungen, die aus der arabischen Welt in die gebildeten
jiidischen Kreise eingedrungen warren, machten sich auch
innerhalb des Judenthums dieselben zwei Bestrebungen
immer mehr geltend. Es gab viele, welche die Lehren des
Judenthums hcilig hielten, dabei aber auch die Vernunft-
Ssitze der aristotelischen Philosophic respectirten und mit
alien Kriften ihres forsehenden Geistes danach rangen und
strebten, ihr philosophisches Bewussts ein mit ihrem an-
gestammten G lauben zu vercinigen und jenem, wie diesem
zu seinem Rechte zu verhelfen. Namentlich war es der
spanische Religionsphilosoph Abraham ibn Daud aus
Toledo, der seine speculative W '\i il. i aus dem Borne der
aristotelischen Philosophie sch6pfte und sich iibcrzeugt
hielt, dieselben philosophischen Wahrheiten in den Religions-
quellcn des Judenthums i' I,-uin;li,, n. Ncben dieser
religionsphilosophischen Richtung sehen wir wiederum Denker
aufrceten, die mehr von dcm l7inii .-, der specifisch muham-
medanischen Religionsphilosophen, der Mutakallimnin,
sich beherrschen lessen und namentlich den Lehren der
freisinnigen M i t i.:i h n sich anschlossen. Sowohl die jiidischen
Hiiretiker (dio Kariier), als auch cinige rabbinitische
cligionsphilosophen im Orient (Gaonim) schlugen denselben
Weg der Dialektik und Ieweisftihrung ein, der von den
Mutakallimiin angebahnt worden war. Dieses religions-
philosophische Streben musste aber diqjenigen denkenden
M:,ii r die nicht Philosophen von Fach waren und es
nicht abzusehen vermochten, ob und wie eine V' r.-iiiu;
zwischen Glauben und Wisson herbeizufiihren m6glich







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sei, nach zwei Richtungen bin dringen. Einige, die
aus dem Gegensatze zwischen Religion und Philosophie
nicht herauskommen konnten, warden in ihrem religi6sen
Bewusstsein schwankend und verloren die Ruhe und den
Frieden ihrer Seele; Zweifel und Ungewissheit waren die
Friichte ihres Strebens. Andere warren sich ganz der nur
halb verstandenen Philosophic in die Arme und schauten
mit Missachtung auf die jiidische Lehre herab. Diese Frei-
denker gehoren zu jenen Minnern, die, wie Maimonides
sagt'), viele Bibelstellen und die agadischen Ausspriiche
des Talmud, welche in bildlicher Form metaphysiscee
Wahrheiten enthalten, in ihrem wbrtlichen Sinne nahmen
und deswegen als ;i-ti ig und vernunftswidrig verwarfen.
Ausser diesen Geistesrichtungen, die aus dem .ihr Ii nach
spekulativer Erforschung hervorgingen, gab os noch cine
Klasse von Leuten, zu der aber die allermeisten zAiblten,
welche jeder Philosophie abhold warn und ohne li; 1i.-i hr
auf die Resultate derselben ibre Weltanschauung sich bil-
deten. Es sind das jene Mnl,,:r die, wie Maimonides uns
bcrichtet, die agadischen Stollen im talmudischen Schrift-
thum im buchstaiblichen Sinne ,iell ii. I, ohno cinen tiefern
Gedanken unter der diusseren Hille derselben zu vermuthen,
und in Folge dessen zu einer ganz unwiirdigen Gottes-
lehro gelangten8).
In diese Bewegung und Giihrung der Gcister trat am
Ausgange des 12. Jahrhunderts cin Mann ein, der durch
sein reiches, tiefes Wissen an T:;ia nd und Anschcn alle
seine Vorginger lr.[' il und durch seine grossartigen
Leistungen auf philosophischem Gebieto den spckulativen
Forschungen innerhalb des Judenthumis auf viole Jabr-
hundorte hinaus cine bestimmte Ricltung anwies. Dieser
Mann war Rabbi Moses ben AMaimun. Das grosse

1) Vgl. Maimuni's Miachna-Commentar zu Sanhedrin X und
an vielen anderen Stellen.
8) Vgl. Maimonides a. a. O., More Nebuchim I. 71. IlI 43,
Gritz, Gesch. Bd. 5 S. 225.






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Werk, in dem dieser gewaltige Denker sein religions-
philosophisches System niedergelegt und zur vollstindigen
Darstellung gebracht hat, ist sein ,More Nebuchim"
oder ,,Fiihrer der Rathlosen".
Bei dem Namensklange dieses W.rk.-s tritt dem Ge-
schichtskundigcn eine ganze.Fiille von historischen Ereig-
nissen und Erscheinungen vor den Geist, die zu den
denkwiirdigsten und einflussreichsten im geistigen Lebon
der jiidischen Nation geh6ron. Maimuni's religionsphiloso-
phisches Werk hat eine ausserordentliche Bedoutung erlangt
und ist goradezu opochemachend geworden, nicht nur
innerhalb des Judenthums, sondern auch in der gesammten
Geschichte der Philosophic des Mittelalters. Doch davon
erst spiiter; hier soil nur vorliufig von der Entstehung und
dem Zweeke dieses Werkes die Rede sein.
Maimonides hatto sich von Jugend auf mit dem
Studium der Philosophic sehr eingehend L.~,- lirigs; er
hatte eine tiefe Kenntniss der gesammten philosophischen
Literature und eine durchgreifende Herrschaft iiber das
gesammte '\~! .n,1,. t seiner Zeit erlangt. Die aristole-
lischc Philosophic, die ihm durch die arabischen Common-
tatoren von .\l f- ab i bis aufIbn Sina (Aviennna)9) ver-
mittelt wurdc, hatte auf ihn einen geradezu i1'],, 1] i; lr,.
Eindruck gemacht, und er war in die wahrhaft grossartige
Welianschauung des grossen r.igni .ii so tief cingedrungen,
wie noch keiner vor ihm und nur sehr wenige nach ibm.

9) Der eigentliche Begriinder der aristotelischen Philosophie
hunter den Arabern war Alkendi, welcher unter der Regierung Al-
Mamuns in der ersten H5lfte des 9. Jahrhds. blihte; aber erst mit
Alfarabi, der um 950 zu Bagdad lehrto, beginnt die fruectbare
wissenschaftliehe Thiitigkeit der Araber auf philosophischem
Gebiete. Vgl. SiSckl, Gesch. der Philos. des Mittelalters. II S. 16.
und Steinschneider, Leben und Schriften Alfarabi's, Petersbg. 1869.
Aiicenna wurde von den Arabern als das Haupt der Erklarer und
Verbreiter des aristotelischen Systems betrachtet. Scharastani, S.
160 und Munk, Melanges S. 352. Ueber die interessante Lebens,
geschichte dieses Philosophen vgl. Stekl a. a. O. S. 28.






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Die Nikomaehische Ethik des Aristoteles hat Maimonides
in der arabischen Uebersetzung gelesen, und er fiihrt sie
auch mehrfach an. Die Commentare der griechischen
Philosophen, des Eklektikers Themistius und des Peri-
patetikers Alexander von Aphrodisias, durch welche
die Araber die aristotelische Philosophie kennen lernten,
warren Maimonides wohl bekannt und werden von ihm nicht
selten zu Rathe gezogen. Es ist aber ein bereits nachge-
wiesener Irrthum, dass Maimonides in der Philosophie cin
Schiiler des Ibn Roschd (Averroes st. 1198 in Marokko) ge-
wesen sei'0). Maimuni lernte, wie er uns selber berichtet, die
Schriften seines beriihmten Landsmanns, erst wenige Jahre
vor seinem Tode kennen, wo er mit seiner firztlichenThiatigkeit
so sehr in Anspruch genommen war, dass er nicht einmal
Zeit hatte, dieselben zu lessen. Maimuni erhielt aber in
Spanien und spiter in Fes philosophischen Unterricht von
vielen Gelehrteri, die der Schulo des Averroes angehtirten
und kann also als ein iiIn..1,,.'. Schiler dieses grossen
t'hil.'-pl., i angesehen warden").
Ebenso wie mit den '. 1t i;i: I der arabischen Gelehrten
war Maimonides mit den bedeutendsten Leistungen seiner
Glaubensgenossen auf religionsphilosophischem Gebiete wohl-
bekannt. Wenn sich dies auch nicht strong nachweisen
t lsst, so liegt doch die Vi ,iimuflltn sehr nahe und cs
sind viele Anzeichcn dafiir vorhanden, dass Maimonides die
religionsphilosophischen Schriften der jiidischen Hirediker
(oder Karii r), des gelehrien Gaon Saadia, des gedanken-
tiefen Salomo ibn Gabirol, des gemiithvollen Bachia
ibn Pakuda und des bcgeisterten Ju da Halevi gelesen
und in scinen A,\.l;i, vielfach verwerthet hat. Maimonides

1o) Vgl. Renan, Averroes et l'Averroisme, Paris 1852. Schon
Josef ibn Kaspi (gest. 1340) hemerkt richtig in seinem Commentare
zum Fiihrer: .(61 mav-r-) w,: ni o ib nirrmam.
") Ueber Maimuni's Umgang mit arabischen Gelehrteuvgl. uncino
Schrift: M.,iiii..,, Ai Leben und Wirken, Ileft I Separatabdrnck aus
Dr. M. Grlinwalds Judischem Centralblatt 1881.







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hat uns sogar an einer sehr mcrkwiirdigen Stelle sein
Urtheil fiber das religionsphilosophische Streben seiner
Glaubensgenossen in etwas verbhillten Worten hinterlassen12).
Er macht es dem Gaon Saadia und den K.i., Iin zum
Vorwurfe, dass sie nicht aus wissenschaftlicher Ueber-
7.'.i-u, sondern aus reinem Zufall sich den freisinnigen
iMutaziliten eng angeschlossen, deren philosophische
Spekulationen, weil nicht von der Natur der Dinge aus-
gchend, keinen wahren Nutzen r 'wihr.i, und dass sie auf
die spiter cntstandene Religionssecte der Aschariten keine
Riicksicht genommen haben. Giinstiger urtheilt Maimonides
iiber seine andalusischen d. h. spanischen Glaubens-
genossen. Die Andalusier, mint Maimonides, befleissigen
sich alle der wabren aristotclischen Philosophic und haben
ungeffibr denselben Weg der Dialektik betreten, den er
sclbst in seinem More verfblge. Wenn auch dieses Urtheil, so
allgemein undunbestimmt,wie unserPhilosoph es ausgedriickt,
mit dem wirklichen Sachvorhalte nicht ganz iibereinstimmt, da
cinerseits Saadia und die Karier nicht aus Zufall, sondern
wohl aus innern Griinden den freidenkenden Mutaziliten,
die sich von vielen Dogmen der muhammedanischen Religion
1III.I.l1Il;'. machten, und nicht der orthodoxen Sekte der
Ascharitcn, die cine strong fatalistische Lehro aufstollten,
sich anschlossen, und andercrseits die sogenannten ,anda-
lusischen Glaubensgenossen", soweit wir ihre Srliirrt, ,
kennen, auch siark genug von den von Maimonides gotadelten
arabischen Religionsphilosophen :.... iilni-, sind: so ist doch
aus den \..,ii I, Maimuni's doutlich zu ersehen, dass ihm die
philosophischen Schriften und Leistungen seiner Glaubens-
genossen keineswegs unbckaunt waren und von ihm nicht
unberiicksichtigt blieben.
So hatte sich donn Maimuni durcheigoncsNachdcnken und
Forschen und durch ein tieferes Studium aI c r philosophischen
Worko, dio ihm zugiinglich warren, einen iiberaus reichen
2) Vergl. MIunks franuz6ische Ucbersctzuug des Fiihrers, I S.
339 u. Anmerk,






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Schatz spekulativen Wissens angeeignet, welchen er in den
Dienst des Judenthums stellte und zur Verherrlichung der
jiidischen Religion, die ihm als unantastbare g6ttlicho
Wahrheit gait, verwerthete.
Gleich die erste Schrift, mit der Maimuni seine litera-
rische Thitigkeit er6ffnete, war cine Logik im Geiste des
Aristoteles. Jn seinen zwei talmudischen Werken, in seinem
Mischna-Commentar und i : i, iih.-Thora, hat Maimonides,
so oft sich ihm Gelegenheit darbot, philosophische Lehren
entwickelt und iiber manche metaphysische Gegonstinde
sich eingehender ausgesprochen 1).
Allein das -,,-f mil;1'.-1n. und formalistische Streben,
welches Maimuni's Personlichkeit durchdrang und welches
wir in seinen talmudischen \\' rki n so sehr bewundern,
musste auch hier anf philosophischem Gebiete hervortreten.
Maimuni, der von der !i.ht l...,i ja der.Nothwcndigkeit
der philosophischen Spekulation im Innersten iil. i, j
war, musste auch naturgemiiss sich' -. li ii. n fiihlen;
diesen nach seiner Anschauung so wescntlichen Be-
-1I:inhll.il der jili-. Religion, den religionsphilo-
sophischcn Lehrinhalt des Judenthums, -,-, i, i11li, darzu-
stellen. Dieses .irii., a wurde iiberdies noch a:In il.,r Iutnd
wach crhalten durch das allgemeit cmpfundcno 7.1ili lii; -
niss, sich auf rlii; -.r i I.I- mit den Resultaten der Wissen-
schaften auseinander zu setzen, welches sich in seinem ge-
liebtenSchiiler Josef ibnAknin besonders l 1. nIil zeigte"').

13) Ueber die philosophischen und rein wissenschaftlichen Momente
in Maimuni's Commentar znr Mischna und Religionscodex handeln
wir in der grisseren Arbeit iiber das Leben nnd Wirken des Rabbi
Moses ben Maimun in den Kapiteln: Maimuni's Mischna-Commen-
tar und seine ThZtigkeit als rabbinische Autoritiitt und hAaimuni's
Religionscodex, Mischne-Thorao. Die ersten Theile dieser zwei
Kapitel sind erschienen in Dr. Croners Israelitischem Familienblatt
1883 Nr. 9 und in der Israelitischen Monateschrift. Wissescehaft-
liche Beilage zur Jidisehen Presse von Dr. Meyer 1882 u. 83.
") Vgl. iiber diesen Lieblingsschiiler Maimuni's die vortreffliehe
Monograghie von Munk, Notice sur Josef ben Jehuda.






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Diesertalentvolle junge MaInn war um das Jahr 1185,
mit cinem brennenden Dursto nach Wahrhcit und mit be-
dcutenden Kenntnisson ausgestattet, zu Maimonides, dem
bertihmien Weisen, nach Fostat gekommcn und gewann bald
die Liebe und Zuneigung seines grossen Meisters. Maimonides
..lh:il:r., wie cr uns selber berichtet, seinen Schiilcr Ibh
Aknin wegen seines hohcn Eifers fir das Studium und
seiner besondcren Vorliebe fiir spekulative Untersuchungen
sehr hoch, und die Freude des \ N1..ri war um so grosser,
als er gleich anfangs bemerkte, dass der Wissenseifcr bei
diesem jungen Mann mit gediegenen mathematischen Vor-
studien gepaart und von gliicklichen Geistesgaben unterstiitzt
war. Er hirte bei Maimuni Vortriigo iiber Astronomie und
betrieb mit seinem Lehrer zusammen mathematische Studien.
Spiter fiihrte Maimonides diescn hochbegabten Jiingling
in das Studium dcr Logik und der Philosophic ein, und
das heisse ungestiime Strebcn seines Lieblingssehiilers,
immer ticfer in die speculative Erkenntniss der Wahrheit
cinzudringen, bestirkte ihn in seinem Plane, scin religions-
philosophisehes Werk, More Nebuchim, abzufassen. ,,Als
Du endlich so schreibtMaimuni an seinen Schiller Ibn Aknin
(lie Logik bei mir hirtcst, da fasste ich vollends grosse
TIoffnungen von Dir und fand Dich wiirdig, Dir die Dunkel-
heiten, (lie in den prophetischen Schriften enthalten sind,
zu enthiillcn, damit Dir dicjenigen Wahrheiten klar wiirdon,
(lie cin vollendeter Denkor nieht unbeachtet lassen darf.
Tch gab Dir anfangs nur einige Winke; allein Du verlang-
test cine doutliche Erkliirung und drangest in mich, Dir
uher ,i r. c metaphysisciho Gegenstinde nihcere Aushunft
zu crtheilen. Ich sollte Dich mit den Lchrmcinungen der
Iutlkallimuin bclkannt maclien und Dir mittheilen, ob ihre
Bewcisminthodc die demonstrative sci, odor, wenn dies nicht
der Fall, worauf denn sonst ibre Ueberzeugungskraft sich
stiitze.
Ich fand forner schreibt Maimonides weiter dass
Du bercits diurch anderweitige Studien einige Kenntnisse






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davon Dir angeeignet hattest; allein Du warst schwankend
und von Unruhe ergriffen, und Dein edler Geist verlangte
Befriedigung von Dir. Ich lies es aber andererseits an
Zurechtweisungen und Ermahnungen nicht fehlen, ein strong
methodisches Verfahren zu beobachten; weil es in meiner
Absicht lag, dass Du auf sicherem Wege zur Wahrheit
gelangen und nicht von ungefihr darauf gerathen solltest!
Wiihrend der ganzen Zeit unseres Zusammenseins habe ich
nicht unterlassen, so oft eine auffallende Bibelstelle oder
ein rabbinischer Satz unsere Aufinerksamkeit auf sich zog,
Dir die nithige Erklihrung zu geben. Nachdem Gott aber
unsere Trennung beschlossen und Du Deiner Bestimmung
Dich zugewandt hattest, nahm ich einen lingst aufgegebenen
Plan wieder auf und wurde durch Deine Abwesenheit
vollends darin bestiirkt, dieses Werk iir Dich und Deines-
gleichen so wenig auch ihrer sind zu schreiben. Ich
habe es in einzelne Kapitcl getheilt und were Dir die-
selben nach und nach, wo Du auch sein m6gest, zusenden.
Lebe wohl"'1).
Fiihlte sich Maimonides cinerseits schon in seinem
cigencn Innern gedrungen, das Verhiltnis der wichtigsten
Fragen derPhilosophie zu dem religiisen Glauben systenatisch
und im Zusammenhange darzustellen, so kam andererseits
zu diesem tiefempfundcncn Verlangen die iiussere An-
regung hinzu, die aus dem Hinblick auf das Herzensbe-
diirfnis seines geliebten Schiilers und vieler gleichgcsinnten
IMinner fir iln entsprang.
Diese zwei Ursachcn, cine innore und cine iiussere,
waren es, die Maimonides zu der Abfassung seine! religions-
philosophischen Werkes veranlassten, welches er im Jahre
1190 der Oeffentlichkeit iibergab. Maimonides schrieb sein
iphilosophisches Work in arabischer Sprache, aber mit
hebriiischen Buchstabcn und nannto es seiner grossen Be-
stimmung gemiiiss Dahllat al H lrin, Fiihrer der Rath-

") VgJ. die Einleitung zum ersten Theile dea Fihrerm.







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losen'6). Er, dcr Mlann mi der ,,starken Hand", wollte
der I',ih r der I'rrndon und Uns(chlissigen werden, und
wahrlich, wenn irgcnd einer zu dieser grossen Mission be-
rucen war, so war es Moses ben Maimun. Die
Vereiniigung und gcgenseitige DPurcldringung dor vermeint-
lichen Gegensitze z\wischen aristotclisclhr Philosophie und
,,,IIliii. ,'r Religion, den Lehren und Uoberlieferungen
des Judenthums und don Spekulationcn der Vernunft, dio
Ncubelebung des jnllii Geistes mit Ililfe der Wissen-
schaften und die Vrhlorrlichung dcr welthistorischen Wahr-
heiten des Judentliums das sind die Ziele, die Maimuni mit
seinem More Nebuchim verfolgte. ihm schwebte die Idee
des Judenthums in ihrer schriftlichen und miindlichen Ent-
faltung als cin abgescllossenes Ganzes vor der Seele, und
dieses Ideal menschlicher Erkenutniss wollte cr als louchten-
des Vorbild seinen ,,schwankenden" Glaubensgenossen vor-
halten. -
Maimonides latte bei der Abfassung seines Werkes
einen ganz bestimnit geartetcn Lesorkrcis vor Augen. In dem
oben angeffiirtenBriefe an seinen Schillcr Josef ibn Aknin, der
auch in der Einlcitung zu dem More Nebuchim mitgetheilt
wird, hat es unser Philosoph bercits ausgesproclien, dass er
sein Werk lediglich fiir denkende Leser geschrieben babe.
An einer anderen Stelle seiner Einleitung schildert er mit

16) Ueber den Titel des More vgl. die Auseinandersetzung
Munks in seinem Guide des Egares II S. 379. Es ist bereits von
Ueberweg (Grundriss der Gesch. der Philos. II S. 169) bemerkt
worden, dass Munks Uebersetzung des Titels den Sinn, den Maimonides
mit dem Namen seines Werkes verbunden wissen will, nicht getreu
wiedergiebt. Der hebr. Name o',- in rn stammt von dem Uebersetzer
Samuel ibn Tibbon her und hat den grossen Vorzug fiir sich, von
Maimuni selber gebilligt und acceptirt worden zu sein. In seinem
hebr. Sendschreiben an die Weisen von Liinel fiihrt Maimonides
den hebr. Titel an. Kobez I1 S. 44a. Der zweite Uebersetzer
des More Nebuchim, Juda Charisi, eignet sich stillschweigend den-
selben Namen an. Vgl. Kaufmann, Gesch. der Attributenlehre, S.
363 Anmerk. 1.






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den klarsten und entschiedensten Wort6n die Klasse von
Menschen, fur die sein philosophisches Werk ausschliesslich
bestimmt sei. ,Dieses Work hat denZweck sagt Maimuni -
demjenigen zur Aufmunterung und zur Belehrung zu dienen,
der an die Offenbarung glaubt und mit der Ausibung der
Gotteslehre die feste Ueberzeugung von ibrer Waihrheit
verbindet, der nicht nur vollkommen religiis und sittlich,
sondern auch mit der Philosophie und ihren Problemen
wohl vertraut ist, der cinerseits der menschlichen Vernunft
den ihr gebiihrenden Platz anzuweisen sich gedrungen ffihlt,
andererseits aber durch den anstussigen Wortsinn vieler Bibel-
stellen in Verwirrung gerathen ist. Er befindet sich so-
dann in einer ingstlichen Unentschlossenheit und weiss
nicht, ob er sich nach seiner Vernunft richten und den
Wortsinn der betreffenden Bibelstellcn aufgeben, oder
an dem buchstiblichen Ausdruck der Schrift festhalten und
der Vernunft entsagen soll. Fiir den ersteren Fall be-
fiirchtet er, gewisse Hauptwahrheiten der Religion mit auf-
zugeben, fir den zweiten, von der h. Schrift eine gering-
schitzige Meinung zu gewinnen. Er ist nicht im Stande,
sich diesen Schreckensbildern der Phantasie zu entziehen,
und es bemichtigt sich seiner Furcht und Schwermuth und
er lebt in steter Betriibniss und Bestiirzung". -
In einer Aihnlichen Lage, wie Maimonides sic hier mit der
ihm eigenen poetischenKraft und Lebendigkeit schildert, befand
sich auch sein Lieblingssehiller Josef ibn Aknin. Nachdem
er sich von seinem grossen Meister getrennt hatte und ohne
die leitende Hand seines Lehrers in der Ferne weilte, warren
in scinem Geiste Zweifel und Fragen aufgestiegen, die sein
Gewissen beunruhigten und ihn an den Rand der Verzweiflung
zubringen drohien. Zwei Michte, Religi on und Philoso p hie,
kiimpften lange Zeit in seiner Brust, endlich trug die erste
den Sieg davon und schwang die Geissel des Spottes und
des Hohnes fiber dem Haupte der letzteren. In einem
solchen Momente, in dem Ibn Aknin sich von der Erfolg-
losigkeit des philosophischen Studiums iiberzeugt zu haben







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glaubte, theilt er seinem Meister seine Enttiuschung mit
und wirft ibm die Treulosigkeit und Doppelziingigkeit seiner
Hcrzgeliebten so nennt ibn Aknin bildlieh Maimuni's
Philosophie vor. Er habe die Philosophic nach der An-
weisung, die ihm Maimonides gegeben, studirt und von dieser
spekulativen \\i..II-, iln Rube und Befriedigung erwartet;
sie habe ihn aber, gleich einer buhlerischen Geliebten, treu-
los verlassen und sich .. li li. lh von ibm abgewendet.
Maimonides sucht in seiner Antwort das aiugeregte
Gemiith seines Schiilers zu boruhigen. Fern sei es von
der Geliebten seines Herzens cine solclh Sclmach zu be-
gehen und ihrem Erkorenen treulos zu warden. Weil sie
bescheiden in der Sphire der Waihreit verlarre und in
ji, 'r.; lh;.l i r li.1111l fli;.l;it. ihr Antlitz verhiille, worde sie
von ihm (Ibn Aknin) fir ein buhlerischesWeib gehalten. Seine
Anmassnng, Alles zu begreifen und besser als sein Lehrer zu
verstehen, habe ihm j--.' Mii ii: I gegen die Geliebte seiner
Jugcnd ;..in;i, und jene ungereclten Anklagen in den
Mund gelegt. Wahrlich, ruft der grosse Meister sicht-
bar entriistet seinem Sciller Ibn Aknin zu wahrlich,
er sei der Mann von unreinen Lippen; sic abet habe sich nicht
entchrt und ihre Hinde nimmermehr entweiht. Maimonides
ermahnt am Schlusse seinen Scliiler diesen Diinkel fahren zu
lassen und nicht voreilig zu urthcilen und vor allem erst
die Sache reiflich zu iiberlegen. Indessen migen sich
seinesgleiehen in Israel mehren"7).
Dieses Schreiben, welches Ibn Aknin an scinen Lehrer
nach Aegypten richtete, und die Antwort Maimuni's auf
dasselbe bieten uns viel Interessantes. Sie sind, wie es

17) Diese zwei Schreiben, welche Munk am Schlusse seiner be-
reits genannten Schrift Notice sur Josef ben Jehuda in dem hebra-
ischen Originale zum ersten Male mittheilt und die einen sehr
scehtzenswerthen Beitrag zur Charakteristik der Verfasser bilden,
wurden bis jetzt von alien jiidischen Gesehichtsschreibern mit Still-
schweigen libergangen, und deswegen haben wir hier ihren Inhalt
etwas auafUhrlicher behandelt.








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in damaligor Zeit belicbt war, in hobriiscihem Musivstyl
und in allegorischer Weise abgofisst und lassen uns einen
tiefen Blick in das Scelenlebon hbn 'Aknin's und Mainini's
werfen. Withrend der Slhiiler lin und her schwankt und
zu keiner Ruhe gelangen kann, tritt ihm scin Lehrer mit
der siegroichen Kraft bereits crrungenor Klarhcit entgogen.
'Und diese himnilische Ruho und diesen Scelenfrieden, den
or selber nach langem heissen Bcmiihon gowonnen hatte,
wollte .l.iiiiini']l durch soinen More Nebuliim auch seinem
geliebten Schiiler und allen gleichgesinnten Miinnern, die von
demselben Strebon und demselbern Wunscle erfiillt waaren,
mittheilen.
Maimonides schrieb also seinWerk, wieer in dorEinleitung
deutlich sagt und auch sonst mehrmals hervorhebt,") weder
fir die grosse Masse des Volkes, noch flir Mainner, die in dcn
spekulativen Wissenschaften erst.Anffinger sind oder lediglicl
talmudischl Kenntnisse besitzen, sondern er verfasste es
fiir seine ,,Gesinnungsgenossen im Glauben und Denken, die,
weil sic mit ihm seine philosophisclen, so gut wie religibsen
Voraussetzungen theilen, auch nothwendig von denselben
Zweifeln ergriffen sein miissen."' ) Und nach dem Bediirf-
nisse dieser Leser ridctete sich unser Philosoph bei der Be-
handlung undii IA i1iiinI seines Stoffes. Maimonides wollte
keineswegs, wie er sclber deutlich sagt, cin abgeschlossenes
philosophisches Lehrsystem schaffen; cr setzte vielmelr
ein solches voraus; or philosophirt niclit nur der Philosopie
willen, sondern unternimmt es nur, wenn auch nicht alle,
so doch die wicitigsten religissen Fragen zu beantworten
und die Zweifel zu lsen, die sich ihm, seinem Schiiler
") Am Schlusse I 26 u. 68.
19) M. Joel, Die Religionsphilosophie des Moses ben Maimon.
Breslau 1876 S. 8. In dieser Arbeit, welche sehon 1859 als wissen-
schaftliche Beilage des Programmes des jiid. theol. Seminars zu
Breslau erpchien, wird nur das religionsphilosophische System Mai-
muni's in seinen allgemeinsten Grundzugen behandelt, ohne dass die
zahlreichen einzelnen Fragen und Probleme zur Darstellung gebracht
werden.







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und allen gleichgesinnten und gloichdenkenden Glaubens-
genossen mit unwiderstehlicher Kraft aufdriingen mussten.
Maimuni hebt es selber nachdrucksvoll hervor, dass alle me-
taphysischen und wissenschaftlichen Punkte, die or in scinem
Werke beriihre, bei ilm nur einen religionsphilosophisdlen
Zweek haben und dass scin ganzes System sich nur um
die eine Axe drehe: Die Dunkelheiten im Glaubensinhalte
des Judenthums zu erhellen und iiber die prophetischen
Allegorion Licht zu verbreiten (II. 2). ,,Maimonides hat
in seinom Fiihrer nicht ein schulgerechtes, philosophisches
System, das mit der Solbstgefiilligkoit des golohrten Besscr-
wissens sich etwa ausschliesslich an den Kreis der Gleich-
goschulten und Fachgenossen wendet, sondern ein religi6ses
Erzielungsbuch fir seine jiidischen Glaubensgonossen
schaffen swollen, denen daraus die Ueberzeugung der Ueber-
einstimnuung zwischen Schriftsinn undWeisheitslehre, zwischen
Glauben und Denken aufgelen sollte"20). Deswegen ver-
missen wir auch in diesem Werke beim ersten Anblick
jenon scharfgegliederten, systematischenPlan undjene stoffge-
mitsse, iibersichtlicbe Eintheilung Vorziige, die wir in
allen andern \.1rl:.!i Maimuni's so sehr bowundern; Mai-
muni versetzte sich hier in den Gedanken- und Anschau-
ungskreis seines Lesers und ordnete von diesem Stand-
punkte aus das weitschichtige Material, das or zu behandeln
hatte.
Sein ganzes Werk besteht aus drei Theilen; jeder
Theil zerfallt in kleinere Abschnitte oder Kapitel. Das
erste Buch, 76 Abschnitte enthaltend, er6ffnete Mai-
monides mit einer eingehenden philosophischen Bibelexegese,
in der er darzuthun sucht, dass der Gottesbegriff des
Judenthums rein und jiber alle sinnlichen und k6rperlichen
Begriffe erhaben ist. Es war unscrem Philosophen in erster
Reihe darum zu thun, den anthropomorphistischen Vor-
20 Vergl. Einleitung zum eraten Theile und die Schlussworte
II 2. iz ,ni nnn NI m, nmn N a pi. Kaufmann, Geschichte
der Attributenlehre in der jUdischen Religionsphilosophie. S. 366.







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stellungen, zu deenn die bildliche und allegorische Ausdrucks-
weise der heiligen Schrift, wenn falsch aufgefasst, Veran-
lassung geben kinne und auch vielfach gegeben hat, vor-
zubeugen und dieses grosse Missverstandniss, die Quelle
aller Irrthiimer, von Grund aus zu zerstiren (1-49).
Er handelt sodann iiber die gittlichen Attribute (50-60)
und iiber die verschiedenen Gottesnamen (61 70). Nach-
dem er die Entstehungs- Geschichte der Scholastik in
kurzen Umrissen gekennzeichnet (71) und seine kosmolo-
gischen Grundanschauungen ganz im aristotelischen Geiste
entwickelt hat (72), entrollt Maimuni ein sehr lehrreiches
Bild von den Principien der Mutakallimfn und der Art
ihrer Beweisfiihrung (73--76). Durch den ersten Theil,
welcher mehr die negative Seite in seiner Philosophie
bildet, hatte sich unser Philosoph den Boden geschaffen,
auf dem er seinen michtigen Gedankenbau auffiihren konnte.
Im zweiten Theile, 48 Abschnitte umfassend, entwickelt
Maimonides die aus den Principien der peripatetischen
Schule hervorgehenden Beweise fiir die Existenz, Einheit
und Unkirperlichkeit Gottes (1-12), und nachdem er die
aristotelische Anschauung von der Weltewigkeit einer ein-
gehenden, iiberaus scharfen Kritik unterworfen (13-18),
sucht er nachzuweisen, dass die Lehren und Anschauungen
des Judenthums iiber die Natur des Universums und die
Weltsch6pfung (19---31), fiber das Wesen der Prophetie
und die Offenbarung (32- 47) mit dem philosophischen
Bewusstsein in keinem Widerspruche stehen und mit den
hgchsten Anspriichen der menschlichen Vernunft sich ver-
einbaren lassen. Wie die ersten zwei Theile die theore-
tischen Lehren, so sucht der dritte Theil, aus 54 Ab-
schnitten bestehend, hauptsachchli die praktischen Gebote
des Judenthums als rationell nachzuweisen und in ein
iibersichtliches System zu bringen. Maimonides eriffnet
dieses Buch mit einer sehr geistreichen Deutung der wun-
derbaren Vision des Propheten Ezechiel (Maasse Merkaba)
(1-7) und wendet,sich sodann den grossen Problemen







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zu iiber den Ursprung des Uebels (8-12), iiber den End-
zweck des Weltalls (13-15) und iiber die g6ttliche Vor-
sehung und specielle Providenz in der Menschenwelt (16-
24). Erst nachdem Maimuni das Verhaltniss fast aller
philosophischen Fragen zu der Religion des Judenthums
behandelt hat, schreitet er zu der wichtigen Untersuchung
iiber den Zweeck und die Absicht der g6ttlichen Gebote
im Allgemeinen (25 34) und ist bestrebt, die Griinde fiir
die Satzungen des Judenthums im Einzelnen zu ermitteln
(36- 50). Maimuni schliesst sein ganzes Werk in gross-
artiger Weise ab mit einer schwungvollen Betrachtung
iiber die verschiedenen Arten der Gotteserkenntniss und
der Gottesverehrung (51-54). Ausser diesen wichtigen
Fragen und Problemen, die hier nur in den allgemeinsten
Umrissen skizzirt werden konnten, finden sich in Maimuni's
More Nebuchim noch eine ganze Reihe von interessanten
und lehrreichen Er6rterungen, wie iiber die Astrologie
(I. 32, 61), iiber die Sphdirenmusik (11. 8), iiber die epicykli-
schen und excentrischen Kreise (II. 24), iiber den Welt-
untergang (II. 27), iiber die Sabier und ihre eigenthiimliche
Verbindung der Agricultur mit der Astrologie (III. 30),
iiber die Auffassung vieler metaphorischen Stellen in Bibel
und Talmud (III. 43 Ende, II. 26) und iiber verschiedene
andere Punkte, die fiir uns ein grisseres oder geringeres
Interesse haben. Dies ist ungefiihr der reiche Inhalt des
More Nebuchim.
In cinem so losen Zusammenhange die einzelnen Ab-
schnitte dieses Werkes unter einander zu stehen scheinen
und so schwer es auch oft sein mag, die innere Verbindung
derselben herauszufinden, ,,so tritt uns doch der More
Nebuchim als seltenes Beispiel planvoller, bis ins kleinste
berechnender Anordnung entgegen"21). Alles ist mit kluger

2t) Joel, a. a. O. S. 7. Soviel iiber und za Maimuni's Fahrer
gesecrieben wurde, so wenig wurde noch die Composition und der
Gedankengang dieses Werkes behandelt. Die wohlberechnete An-
ordnung der einzelnen Abschnitte in Maimuni's More wnrde mehr







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Berechnung auf ein bestimmtes Ziel gerichtet und verfolgt
unentwegt den einen Zweck: mit der Fackel der Wissen-
schaft in das inner Heiligthum der Religion hineinzuleuchten.
Mit Recht fordert daher unser Philosoph von dem denkenden
Leser, dass er den gesammten Inhalt seines Werkes fiber-
schaue und die einzelnen Abschnitte gegen einander halte,
wenn er anders die rechte Belehrung aus der Lektiire des-
selben schopfen wolle; ,,denn in diesem Werke," fiigt er
gleich in seiner Einleitung hinzu, ,,sind die Worte nicht
zuflillig hingeworfen, sondern sie sind mit grosser Um-
sicht und erst nach genauer Priifung aufgenommen."
Hatte Maimonides einerseits die feste Ueberzeugung,
dass seine gebildeten, religiisen Glaubensgenossen sein Werk
mit Freuden begriissen und aus demselben reiche Belehrung
schipfen warden, so verkannte cr auch andererseits nicht
die Gefahr, mit der sein Unternehmen nothwendig verbunden
war. Maimuni wusste, dass sein philosophisches Buclh von
den Halbgebildeten leicht missverstanden und von den-
jenigen, deren Kopf, wie er sagt, bereits mit falsehen
Vorstellungen, mit irrigen AlMinungen iiber das Wesen Gottes
gefiillt sei, als .shiidlich und verderblic gemieden werden
wiirde. Nur mit bangemi Herzen going unser Philosoph
daran, dieses Work abzufassen und, wie er sich ausdriickt,
den Vorhang von den ,gehcimen Dingen" hinwegzuziehen,
die von keinem jiidischen Gelelirten bis auf seine Zeit
erklirt worden waren.
Alloin Maimonides, der Mann mit der ,starken Hand",
fiihlte in sich den heiligen Beruf, in den ernsten Kampf, in
dem jene zwei MAichte, Religion und Philosophie, in
seiner Zeit begriffen waren, einzutreten und hatto seine

anerkannt, als wissenschaftlich nachgewiesen. Interessant sind die
Worte des spanischen Gelehrten Josef ben Todros, der sich in dem
heftigen Kampfe gegen Maimonides als Feind der Philosophie hervor-
that: 'ini Inin nr n rvipn1 78noe crnnr cv'mn v'pui nD-i
.inN<15 Isni iCInN nipn, vgl. c'oenz rimp edirt von Halberstam,
8. 19, Kaufmann, a. a. O S. 364 Anm. 2 u. 3.







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ganzo Kraft dem Siege der grossen Wah'rheiten des Juden-
thums geweiht. ,,Zwei Grundsitze waren es, sagt M.i.iiiiiii,
auf die ich mich stiitzte. Erstens haben beroits die Rabbinen
den Satz ausgesprochen: ,,In Zeiten, wo fiir Gott otwas
gethan worden soll, ist es orlaubt, solbst gewisse gesetzliche
Bestimmungen ausser Acht zu 1, ni ", und zweitens haben
sic den Ausspruch gethan: ,Alle deine Handlungen miissen
zu Ehren Gottes geschehen." .,Eln11. 1 bin ich der
Mann fiihrt M.,iiIII;, an jener denkwiirdigon ti.-ll. fort
- der, wenn er auf beengter Bahn eingeschlossen ist und
keinen anderen Ausweg findet, als eine strong crwiesene
\\.,hhl.o nur in cinor Weise darzustellen, dass sic cinem
vortrefflichen Menschen Nutzen bring, tausend Unwissenden
aber i,--I illiL- crscheint, es vorzieht, sic fir diese einzelne
, ~l ;;ii ;-,. Person mitzutbeilen, ohne auf den Tadel der
grossen Menge zu achten, und entschlossen ist, diesen
YV,,r,;;i; ..i aus seiner Bedringniss zu retten und ibm in
seiner V. il .. n -llf beizustehen, damit er Seelenheil und
Zufriedenheit erlange." (I. Einl. Endo).
So I I.lIIr.- -, Maimonides, wie er am Schlusse soiner
Einleitung sich bildlich ;.mi1,,i'1i, die festgeschlossenen
There, die in das innoro Heiligthum der jiidischen Religion
fiihren, ,,damit einziehe ein gerechtes Volk, das den Glauben
bewahret." -
Treten wir diesem Heiligthume niahr nud werfon wir
einen tiefcren Blick in die cinzelnen GAnge nnd Hallen des
religionsphilosophischen LehrgebAudes, das Maimuni's ge-
waltige Hand in so grossartiger Weise vor den Augen dor
erstauntons Mit- und Nachwelt aufgefiihrt hat.
Wie bei den philosophischen Forschungen eines jeden
Denkers, drei ('.; nlirn.lb. gnti;, ins Auge gefasst werden
miissen, auf die das System, wie weitverzweigt es auch
sein mag, sich zuriickfiihron lisst, so auch bei den spekula-
tiven Untersuchungen Maimuni's. Diese droi Begriffe sind:
Gott, Natur und Mensch. Der denkende Geist kann
sieh entweder mit der Vorstellung vom Wesen der Gott-








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heit beschiftigen (Gotteslehre); er kann die Natur und
Entstehung des Weltalls zu ergriinden und zu begreifen
suchen (Kosmologie); oder er kann die Aufgabe und Be-
stimmung des Menschen zum Gegenstande seiner Forschung
machen (Ethik). Mit diesen drei Grundproblemen ist das
ganze Gebiet begreizt, innerhalb dessen das philosophische
Denken sich bewegen kann. Zu diesen Cardinalbegriffen,
welche die Bestandtheile einer jeden Philosophie bilden,
kommt bei der Religionsphilosophie noch die Frage
hinzu, welchen Zweck und welche Bedeutung die religi6sen
Gebote haben. Die nachfolgende Arbeit, die das religions-
philosophische System unseres Denkers nach alien Rich-
tungen hin darstellen und auch den Einfluss, den das-
selbe in der Folgezeit innerhalb und ausserhalb des Juden-
thums ausgeiibt hat, behandeln soll, zerfillt demnach in
fiinf Theile:
1. Maimuni's Gotteslehre.
2. Maimuni's Kosmologie.
3. Maimuni's Ethik.
4. Maimuni's Lehre vom Zwecke der biblischen
Gebotc.
5. Der Einfluss der maimunischen Religions-
philosophie.
Maimonides hat aber seinen philosophischen Speku-
lationen gewisse Annahmen oder Voraussetzungen zu Grunde
gelegt, die ihm als feste, unerschiitterliche Wahrheiten
galten und die er als die unverriickbaren Stiitzpunkte seines
Systems betrachtete. Diese Voraussetzungen gehiren nicht
zu den Theilen des Systems, sondern bilden vielmehr den
Boden, auf dem dasselbe beruht. Wollen wir daher das re-
ligionsphilosophische System Maimuni's in seinem innersten
Wesen erfassen, dann miissen wir zuvor die Voraussetzungen
oder die Grundlagen kennen lernen, auf denen unser
Philosoph sein ganzes Lehrgebiude aufgerichtet hat.















Die allgemeinen Grundlagen der maimunischen Religions-
philosophie.

Maimuni hat seinem ganzen philosophischen Sy'h.ni.i
den Gedanken zu Grunde gelegt, dass die geoffenbarte
Religion des Judenthums und die Wahrheiten der ari-
stotelischen Philosophie nicht zwei verschiedene, einander
widerstrebende Elemente sind, sondern vielmehr zwei
zusammenhingende Factoren bilden, die sich gegenseitig
stiitzen und ergiinzen und in ihrem wesentlichen Inhalte
iibereinstimmen. Leugnet man dieso Voraussetzung und
Annahme und erblickt man zwischen Religion und Philosophie
eine uniiberbriickbare Kluft, so stiirzt M;iiinui'j michtiger
Gedankenbau in seinen innersten Theilen zusammen. Die
absolute Uebereinstimmung der religi5sen Lehren mit den
philosophischen Resultaten war der Fundamentalgedanke,
auf dem Maimonides sein ganzes Lehrgebiude aufrichtete,
auf dem seine weiteren Spekulationen und Untersuchungen
ruhen. Dass etwas philosophisch wahr und theologisch
falsch sein k6nne oder umgekehrt, war far Maimonides
eine Sache der Unm6glichkeit. Es kann kein Widerspruch
stattinden zwischen Vernunft und Offenbarung, zwischen
Philosophie und Religion.
Von dieser allgemeinen Voraussetzung going Maimuni
aus und fiihlte sich zu der Folgerung vollkommen berechtigt:
nur die iusseren Formen, in denen die religiosen und
die philosophischen Wahrheiten und Lehrsitze auftreten,
sind von einander verschieden, der innere Kern und der
tiefere Gehalt sind in beiden dieselben. Wir schipfen






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dieselben Wahrheiten und Lehren aus zwci verschiedcnen
Erkenntnissquellen: Religion und Vernunft 2).
Schon der Gaon Saadia, von dem unser Philosoph
so manche wichtige Winke erhalten, hatte bereits den
Gedanken ausgesprochen, dass man auf philosophischem
Wege, wenn auch nicht so schnell und so zielbowusst, so
doch nach langer, miihevoller Arbeit zu denselben Wahr-
heiten gelangen kinne, die uns von der Religion geoffenbart
worden sind. Maimonides hat, wie in so vielen andern
F;illbn, den Gedanken, den bereits einer seiner l..-..i
Vorginger ausgesprochen und der seit dieser Zeit bei den
Religionsphilosophen versehiedener Richtung anzutreffen ist,
wieder aufgenommen und mit nie goahnter Klarheit und
Lebendigkeit in seinem ganzen philosophischen Systeme
durchgefiihrt23). Darin besteht ja eben vorzugsweiso das
grosse Verdienst M.l i,'' und darin gipfelt ja die wunder-
bare Kraft seines Genius, dass er nicht ganz neue, nic ge-
kannte Begriffe schafft, sondern die fruchtbaren, aber nur
schwach angedeuteten Gedanken seiner Vorgiinger sich an-
eignet, sic verwerthet und verarbeitet und his in die letzten
Consequenzen zur Geltung.bringt. Saadia und seine Nach-
folger haben mit fleissiger Hand die Saat ausgestreut; aher
Maimonides erst hat die Friichte zur herrlichen Reife
gebracht.

82) Vgl. Rosin, die Ethik des Maimonides, Br. 1876. S. 29.
2) Die Uebereinstimmung zwischen Offenbarung und Philoso-
phie war auch die Grundlage, auf der Abraham ibn Daud und
Bachja ibn Pakuda ihre philosophischen Werke aufbauten. Der
erste nenut beide sehr bezeichnend zwei M~chte, von denen die
eine gross und die andero nicht klein ist. vWir diirfen uns gliiek-
lich preisen, wenn es uns gelingt, beiden Machten Geniige"zu
listen (Emuna Rama 8. 82); der letztere macht es sogar ganz
wie Maimonides einem jeden Juden zur unverletzlichen Pflicht, aber
die Einheit Gottes spekulativ nachzudenken und den ererbten Glau-
ben zur sicheren philosophischen Erkenntniss zu bringen (Herzens-
pflichten, Schaar hajichud I u. 11.) Vgl. Kaufmann, die Theologie
des Baehja ibn Pakuda. Wien, 1874 S. 32 u. 34. Aumerk. 2.







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Die Lehre von der Vcrsoihnung der philosophischen
und 'Ii;N;...- Wahrheiten hielt Maimonides nicht-fiir eine
subjective V -.. ii., fir die sich keinc Griinde an-
fIlli, 1i lassen; er glaubte vielmehr den Nachweis liefern
zu kinnen, dass cine Uebereinstimmung zwischcn den
Lehren der Religion und den Resultaten der Philosophic
aus innercn (logischen) und tusseren (historischen)
Griindon stattfinden miisse.
In der heiligen Schrift selbst scien viele metaphysische
und kosmologische W\.1 i hI 11 nI nd Geheimnisse enthalton.
Das Gottesbuch will namlich nicht nur das praktische Lc-
ben seiner Bekenner nach bestimmten hiheren Y.Vn- lii'lirn
ordnen, sondern auch das geistige Leben derselben in
heilsaner Weise gestalten, hat nicht bloss den Zweek, dem
\i ..I- Ii ,i dlie Anweisung za einem frommen, tugendhaften
1\; i und '. I, if. iI xu geben, sondern auch ihm gvwisse
SL-h.. t;-, i. Wahrheitcn zu :1ih l i 1. 1 und i iber die wich-
tigsten metaphysischen Fragen, wie iiber das Dascin und
das Wcsen Goties und scin Verhiiltniss zu den Dingen, Auf-
schluss zu crtheilen (IT 36, 40)24). Die hciligo Schrift
verfolge aber bei. der Mittheilung von philosophischen !Er-
kenntuissen eine cigenthiimliche Methode. Sie liisst uns
kcinen tiefern Ilick in ihr inneres System werfen, sondern
theilt uns nur ihre Ergcbnisse und Endresultate mit. Die
h. Schrift accommodirt sich niimlich der monschlichen
Denk- und Anschauungsweise und. redet zu uns in einer
staindlich ist. Sic driickt ihre. metaphysischen W \' ilir1. i-
und Gcdanken in Bildern und Parabeln aus und bedient
sich dabei keiner philosophischen Ausdrucksweise. Dieser
scheinbare Mangel in der sprachlichen Darstellung ist aber
nichtaus dem Umstande zu erkliaren, dass es in der hebriiischen
Sprache fir die hiheren 11. liphd \ -.I-1 n Begriffe iibrhalntult

24) Vgl. iiber diesen Punkt Rosin, die Ethik des Maimonides.
Allgemeine Vorbemerkunge.






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keine bezeichnenden Worte giebt, sondern ist vielmehr auf die
Riicksicht zuriickzufiihren, welche die h. Schrift auf die Unzu-
linglichkeitundMangelhaftigkeit unserer geistigen Kraft nimmt.
Es sei namlich nichts so schidlich und verderblich,
sagt Maimonides, als wenn sich ein Mcnsch, der nicht die
nithige Vorbildung und geistige Reife besitzt, mit dem
Studium der Philosophie und mit der L6sung metaphysischer
Problem beschiftigt. Er werde bald auf Fragen und
Zweifel stossen, die er nicht zu lisen im Stande sein wird,
und anstatt zur Klarheit und Wahrheit zu gelangen, werdo
er immer tiefer in den Abgrund des Irrthums und der
Unwissenheit gerathen. Wie zu kriftige Nahrungsmittel,
wie Weizenbrod, Feisch und Wein, sagt unser Philosoph
in einem sch6nen Gleichnisse, dem saugenden Kinde
Schaden bringen, so metaphysischo Spekulationen dem noch
nicht zur Reife gekommenen Geiste (I. 33 und III 32).
Nicht als ob die philosophischen Erkenntnisse in sich. den
Keim der unheilvollen Wirkung enthielten, sondern der
unausgebildete Verstand ist einmal ausser Stande, Dinge
von metaphysischer Schwierigkeit in ihrer ganzen Tiefe
zu erfassen. Maimuni zlhlt in einer grisseren, geistvollen
Erarterung fiinf Ursachen auf, welche die meisten Men-
schen unfahig machen, in die Tiefen religionsphilosophischer
Problem einzudringen25) und schliesst seine Abhandlung mit

25) Ersten s ind die metaphysischen Wissenschaften, sagt Mai-
monides, ilberhaupt an und fuir sich schwierig und subtil. Z weite n
setzt das Verstandniss fiir metaphysische Probleme eine langjahrige
geistige Thitigkeit voraus. Sodann erfordert das philosophische
Studium ein reiches propideutisches Wissen. Mit diesen geistigen
Vorziigen mifsse ferner nothwendig die Vortrefflichkeit des sitt-
lichen Charakters verbunden sein; endlich sind es die mannig-
fachen Sorgen fir unser irdisehes Leben, die durch die eingebildeten
Bedirfnisse unseres Leibes noch mehr gesteigert werden, welche
den Aufschwung unseres Geistes hemmen und diesen zu der idealen
BHhe metapbysischer Erkenntniss sich nicht emporschwingen lassen.
Wir werden in der Darstellung des Einflusses des More Nebuchim
auf diesen Punkt noch zurlickkommen.







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der Bemerkung, dass nur bevorzugte Denker sich mit
solchen Fragen beschaftigen swollen, wiihrend jeder andere
sich aller philosophischen Untersuchungen enthalten misse,
,obenso wie ein kleines Kind sich hiiten muss, allzukri~ftige
Speisen zu geniessen oder schwere Lasten zu heben (I 34)."
Aber selbst fir den bereits geiibten Denker, fiigt Maimuni
hinzu, giebt es auf religi6sem Gebiete gewisse Punkte, die
er ob der Schwierigkeit des G,':Iajifn nicht ganz zu
erkennen und zu begreifen vermag. Es sind eben inner-
halb der Theologie gewisse Grenzen vorhanden, die der
menschliche Verstand nicht zu iiberschreiten vermag; denn
wio die physische Kraft des Menschen begrenzt und auf
ein bestimmtes Mass beschr6nkt ist, so auch seine geistige
Auffassung. Es giebt gewisse Wahrheiten in g6ttlichen
Dingen, die alle Fassungskraft monschlicher Vernunft iiber-
steigen (I. 31).
Die heilige Schrift, die fur das ganze Volk, selbst
'fur Kinder, Frauen und Laien, ebensogut wie fiir Gelehrte
und Denker bestimmt ist, hat deswegen gleichsam aus
pldagogischen Riicksichten, "alle ibre Lehren gemein-
verstindlich dargestellt und jeden schwierigen philosophischen
Ausdruck vermieden. Sie bedient sich vielfacher Bilder
und Gleichnisse, um das, was sie lehrt, unserem noch
schwachen, nur wenig ausgebildeten Erkenntnissvermagon
leichter zugAnglich zu machen. Ebenso haben auch die
Propheten in Israel die philosophischen Wahrheiten und
metaphysischen Erkenntnisse, die sie mittheilen wollten, in
cine allegorische Form gekleidet und in Bildern und Gleich-
nissen zum Volke gesprochen. Hinter der dunklen und
bildlichen Ausdrucksweise der Propheten liegt ein herrlicher
Schatz von tiefen Gedanken und Wahrheiten verborgen,
den wir nur durch ein richtiges Verstlindniss der Allegorien
zu heben im Stande sind26). ,,Die Thora redet eben nach
6) Es ist interessant zu seen, wie schon Job. Scotus Erigena
den Gedanken ausgesprochen hat, dass es Sache der Weisen sei,
hunter der BHlle der bibl. Bilder den wahren Sinn dessen, was die








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derSprache der ., w::h-.1;, 1 ,\Ii:.1 n," wiedie talmudischen
Weisen sich ausdricken. (I. 26, 33, 46 u. a.)")
Zwar bringt schon in vielen Fillen die aiussere H ille
dcr prophetischen Bildcr eine niitzliche, heilsame Wahr-
heit fir Jedermann zur Darstellung; aber erst dcr inncre
Kern birgt in sich eine h6here Glaubenswahrhoit fir den
Tieferblickenden. Die Bilder der Prophcten glcichcn schr
oft, wie Maimonides schr sch6n. sagt, einmn goldencn
Apfol, der sich in cinem fein durchbrochonen Netze aus
Silber befindet. Stelt Jemand in der Ferne, so scheint
ihm der Apfcl aus Silber zu sein; betrachtct man das
Kunstwerk aber genauer, so schimmert das Gold hindurch

heilige Schrift uns lehrt ausfindig zu machen; nur die Schaar der
gewobnliehen GlAubigen halt sich an dem Buehstaben. Stoeki,
Gesch. der Philos. des Mittelalters, Bd. I S. 40. Ganz auf dem-
selben Standpunkte, auf dem wir Maimonides erblicken, steht auch
der grosse Commentator der aristotelisecen Philosophie, Avicenna.
Die Wissenschaft, lehrt er, k6nne und diirfe nicht im Widerspruch
mit dem Glauben stehen. Die Griinder des Glaubens, die Prophe-
ten, hitten fraher dasselbe ausgesproehen, was spiter die Philo-
sophen gelebrt batten; sie batten es nach ihrer Weise nur dunkler
und als Ergebniss ohne Beweis aufgestellt, damit es spiter erklart
und mit Beweisen versehen werde Die Offenbarungsurkunden, die
fir das gauze Volk bestimmt, dricken sich in einer bildliehen und
leichtfasslichen Weise aus; die Aufgabe der Philosophie sei aber,
den Beweis fOr die Glaubenssatze hinzuzufdgen. Stockl, a. a. O.
Bd. II 8. 25. Aehnlich sagt auch der Neuplatoniker Synesiu s:
>das Volk bedarfe der Mythen, die reine, bildlose Wahrheit sei
nur Wenigen erkennbar and wUrden auf die schwachen Geistes-
augen der Menge nur blended wirkent. Ueberweg, II S. 112.
Ganz in demselben Sinne wie Maimonides lehren auch die Alaute-
teren Brfiderc: 2Alle Menschen werden angeredet, je nachdem
es ibrer Vernunft und Erkenntnissstufe, ihrem Erkenntnisavermagen
entspricht, da die Propheten sowohl for B6bere als das Volk, sowie
fir Alle, die dazwischen stehen, reden.c Dieterici, Anthropologie der
Araber im 10. Jahrhundert. Berlin 1861 S. 153.
27) .m t ,3 li nInn lr Im Talmud wird dieser Satz nochl
nicht in dem Sinne aufgefasst, in dem ihn Maimuni so oft gebraucht.
Vgl. fiber diesen Punkt Reggio im Ozar Nechmod I S. 125 und
Geigers Gegenbemerk. S. 159. : ..








und man gewahrt das edle Metall im Innern. So bemerken
die Oberflichlichen in den prophotischen Bildern nur den
5usseren Wortsinn, der dem Silber gleicht, wiihrend die
Scharfblickendcn den tiefern Gedanken wahrnehmen, der
dem Golde gleichkommnt. Unter den prophetischen Gleich-
nissredon, sagt unsor Philosoph, besteht aber oin wesent-
lichcr Untersehied. Es giebt prophetische Gleichnisse, bei
denon jodem cinzclncn Worte Sinn und Bedeutung inne-
wohnl, wie in dem allegorischen Traum von der Jakobs-
lcter, und wiederum solcelc, bei denen nur das ganze Bild
im Zusammenhange eine Wahrheit veranschauliehen will.
Ein klassisches Beispiel letzterer Art ist das salomonische
Gleichniss vom ehebrecherisclien Weibe (Spr. 8), in dem
Maimonides sehr sinnreich, aber doch gezwungen genug,
das Streben der Materie, die Formen stets zu wechsoln
und eine immer andere anzunelimen, veranschaulicht findet.
Da nun die Religionsurkunden des Judenthums, die
mosaischen und prophetischen Biicher, unter ihrer geheim-
nissvollen Hiille cinen grossen, unergriindlichen Schatz
lihoqrcr metaphysischer Erkenntnisse und Wahrheiten in sich
bergen, so ergiebt sich fiir Maimonides aus dem innern
Wesen der jiidischen Religion, dass ihre Lehrsitze mit den
Resultaten der Philosophic in Harmonie und EIiiil.l.,i
stehen miissen.
Maimonides going aber noch weiter nnd lieferte den
Nachwcis, dass auch aus historischen Griinden eine
Uebereinstimmung zwischen Religion und Philosophie statt-
finden miisse.
Wie so zahlreiche Gesetze und Vorschriften der sinai-
tischen Offenbarung aus weison Griinden nicht niederge-
schrieben wurden, sondern miindlich sich erhalten haben,
so warren auch die Lehren der Philosophic durch die Tradition
iiberliefert und haben .sich im jiidischen Volke auf diese
Weise fortgepilanzt. In der alten Zeit sei n~mlich eine
spekulative Wissenschaft im Judenthum vorhanden gewesen,
die sehr reich an metaphysischen Wahrheiten und Erkennt-


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nissen war. Diese Wissenschaft sei aber unter dem Drucke
der Zeit um so leichter in Vergessenheit gerathen, als sie
nicht schriftlich aufbewahrt, sondern lediglich der miind-
lichen Ueberlieferung des Volkes iiberlassen wurde; ihre
Lehren haben im Verlaufe der wechselvollen Verhiltnisse
vielfache Triibungen erfahren und ihre Klarheit eingebiisst.
Die unsaglichen Leiden und Verfolgungen haben derjiidischen
Nation nicht bloss die materiellen Giiter, sondern auch
diese geistigen Schitze geraubt (I. 70. II. 11, 29.)28).
Manche dieser philosophischen Wahrheitcn und Erkennt-
nisse seien noch in den hagadischen Stellen des Talmud
und Midrasch bildlich entLalten; denn sie klar aussprechen
wollten die talmudischen Lehrer nach dem Vorbilde der
h. Schrift nicht. Fir sie gait der Grundsatz: Theologische
Gegenstlnde (Maasse Merkaba) diirfen nur einem einzelnen
und nur dann mitgetheilt werden, wenn er ein Gelehrter
von besonderem Scharfsinne ist; aber selbst in diesem
Falle diirfen ihm nur einzelne Aphorismen mitgetheilt
werden (Einleit. I. 33, 71 u. a.)"9). Wie in den prophetischen
Schriften, so werden auch in den talmudischen Werken die
hiheren philosophischen Wahrheiten und Gedanken nicht
klar und unverhiillt uns mitgetheilt, sondern sie treten in
einem allegorischen Gewande uns entgegen. AWer daher
mit denkendem Geiste in die Worte der talmudischen Weisen
tiefer eindringt, wird hinter der Hiille einen leuchtenden
Kern finden; das Thor, das friiher vor ihm geschlossen
war, wird ihm den Eintritt in das Land der spekulativen
Forschung und der philosophischen Wahrheit eriffnen (III
43, I 46). Fir den tiefern Denker, der mit der allegorischen
Ausdrucksweise in den biblischen und talmudischen Schriften
wohl vertraut ist und ihren inneren, geheimnissvollon Ge-
halt zu ergriinden weiss, schwinden alle jene Gegensitze,
28) Vgl. Maimuni's Mischna- Commentar zu Berachoth 9, 5.
Schluss.
t9) I Einleitung und 33, 71 und an versehiedenen anderen
Stellen.






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die zwischen den Lehren der Religion und den Ergebnissen
der Philosophic zu herrschen scheinen. Kann er in irgend
einem Falle eine religiise Anschauung, wie sie sich schein-
bar aus dem Wortsinne einer biblischen oder talmudischen
Stelle ergiebt, mit dcn gesicherten anerkannten Resultaten
der Wissenschaft und der Philosophie nicht in Ueberein-
stimmung bringen, so wird er die betreffende Stelle in
ihrem tiefern Sinne auffassen und in allegorischer \\'.-iv
zu deuten wissen.
Ma;iinnil-, spricht es sogar einmal bestimmt aus
(II. 2, Ende), dass er sich in seinem More keine andere
Aufgabe gestellt habe, als zu zeigen, wie die bildlichen
Ausdriicke der Propheten und der talmudischen \\i.',ri
richtig aufzufassen seen, denn von dem Verstandnisse der-
selbcn hinge die ganze Erkenntniss der Wahrheit ab.
Maimuni erinnert in der Vorrede zu seinem philosophischen
Werke daran, dass er schon in seinem Kommentare zur
Mischna versprochen hi.I'-'), ein besonderes 'Buch iiber
,das Wesen der Prophetie" und ein anderes iiber ,die
allegorischen Ausdriicke in der Hagada" zu schreiben und
die Uebereinstimmung des esoterischen Sinnes der letzteren
mit der Philosophic nachzuweisen. Er habe die Arbeit
bereits in Angriff genommen, aber den schwierigen Plan
wiederum aufgegeben und anstatt dessen den More
Nebu chim fiir die philosophisch gebildetenLeser geschrieben.

Begegnen wir aber feinl.rs.iti in vielen hagadischen
Stellen des talmudischen Schriftthums einzelnen Lehren
der chemaligen in der Mitte des Judenthums traditionell
sich fortpflanzenden philosophischen, Anschauungen, so
haben wir auch andererseits in den philosophischen
Spekulationen der anderen Vilker Lehrsysteme zu erblicken,
die auf Fundamontalwahrheiten, welche dem Judenthume
"0) In den .acht AbschnittenK (Einleitung zu den Spriichen
der Viter) und sodann in der bekannten Stelle zu Sanhedrin X
gegen Ende.









entnommon sind, sich ;iI,,,lw.IIj. Die philosophischen Lehr-
sitze und Idoon, die wir bei dor iibrigen Mlensclhhit ver-
breitet finden, haben ihren, Ursprung im Judenthumo und
sind als die Ueberreste der alten, untergegangonen Spckulation
des jildischen Goistes zu bctrachten (11. 11, 29)31). Wenn

s1) Der Uebergang der spekulativen Wissenacsaften vom Juden-
thume zu den anderen Vdlkern war nicht nur ein Lieblingsgedanke
Maimuni's und vieler seiner Glaubensgenossen, sondern auch mehrere
altere griechisebe Schriftsteller und spaterhin viele Kirchenvtter
waren von der Ueberzeugung durchdrungen, dass die spekulativen
'Wissenschaften im Judenthume ihren Ursprung haben. So z. B.
sagt nach der Angabe des Kirchenvaters Origenes (Cont. Cel. 1 1, 3)
Hermippus, ein griechischer Schriftsteller, in seiner Biographie des
Pythagoras: Dieser Philosoph babe einen Theil der Lehren, welche
er nach Griechenland gebracht, von den Juden entlehnt. Numenius,
ein Pythagoreer, sagt nach dem Zeugnisse des Kirchenvaters Eu-
sebius (Praep. Evang. XI 10) von Plato: Er war der athenisehe
Moses. Tatian, der im zweiten Jahrhundert nach Chr. lebte, such
in seinem Werke Orat. adv. Graec. den Nachweis zu liefern, dass
die religibsen Vorstellungen der griechischen Weltweisen aus der
Quelle der mosaischen Schriften geflossen sind. Sein Lehrer Justin
der Martyrer, behauptet sogar (Just. Mart. Cohortatio ad Graecos),
dass alle philosophischen Kenntnisse der Griechen aus den Schriften
der Hebraer herstammen. xDie Lehre von der sittlichen Wahlfrei-
heit bat Platon von Moses entnommen; ferner stammt Alles, was
Philosophen und Diehter fiber die Unsterblichkeit der Seele, fiber
die Strafe nach dem Tode, fiber die Betrachtung der himm-
lischen Dinge und Aehnliches gesagt haben, ursprfinglich von jii-
dischen Propheten herc. (Ueberweg II S. 45). Ganz in demselben
Sinne aussert sich der Kirchenvater Clemens von Alexandrien (Strom.
I und Admon. ad Gent.), dass die vorzfiglichsten Lehren der grie-
chischen Philosophie von den Juden entnommen sind und dass
Plato ein Schbler der Hebriter sei. Urn das Jahr 200 der gewbhnl.
Zeitrechnung unternahm der Karthager Tertullianus in seiner Ver-
theidigungsschrift der verfolgten Christen den Ni l bwch zu liefern,
Adass die heiligen Schriften der Juden die Quelle und der Inbe-
griff aller Weisheit, sozusagen eine Eneyklopaedie aller Wissen-
echaften und Kiinste seienc. Vergl. die Theodicee von Leibnitz,
die kleine Ausgabe von Philipp Reclam jun. Einleitung von Robert
Babs, S. 7. Selbst der gelehrte Augustin (gest. 430 als Bischof
von Hipporegius) war noch der Meinung, dass Plato wUhrend seines


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33 -

wir daher, so fiihrt Maimonides aus, die Lehren der h.
Schrift und manche Ausspriiche im Talmud mit denen der
aristotelischcn Philosophic zu il.iLri n und Glauben und
Wissenschaft zu vereinigen suchen, so ist dies nicht ein
ncues Verfahren, sondern wir gehen nur auf den Ursprung
zurick und geben der jiidischen Religion das wieder, was
ihr vom Anfange an eigen war. Wir lassen nur die einzelnen
Fliisse, die im Laufe der Zeit von ihrem Ursprunge sich
abgezweigt und einen andern Gang genommen habon,
wiederum in die Quelle zuriickfliessen, der sie ihre Ent-
stehung zu verdanken haben. Die Lehrsitze der Philosophie
und die Wahrheiten der Religion fallen also auch ihrem
geschichilichen Ursprunge nach zusammen.
So habe man zu diesem Resultate gelangt Maimo-
nides-aus inneren (logischen)und iusseren (historischen)
Griinden das Recht, zwischen Religion und Philosophie
eine Vers6hnung herbeizufiihren und die Ausspriiche der
ersteren mit den Lehren der letzteren in Einklang zu
bringen.
Aber nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht.
Maimuni macht es jedem Israeliten zur Pflicht, neben
der h. Schrift und den rabbinischen Werken auch mit den
andern Wissenschaften, vor allem aber mit der Metaphysik
sich zu beschiftigen. ,,1;. l1 durch Beten und Kasteien
allein, sondern durch philosophische Erkenntniss tl..II'.I
wir das Wohlgefallen CG t. to- (1. 54. 111. 51)32). Das Ge-

Aufenthaltes in Aegypten ein Schiller des Propheten Jeremias ge-
wesen sei und auch dann, als er diesen argen Anachronismus ein-
sah, gab er die M6glichkeit zu, dass der grosse griechische Philosoph
von dem Inhalte der prophetischen Schriften Kenntniss besessen und
seine Lehren fiber Gott aus der Bibel geschipft habe. Vergl. Ueber-
weg, 1I S. 99.
32) Ueber die Angriffe und Misedeutungen, die dieser Ausspruch
Maimuni's erfahren bat, vgl. Kaufmann, a. a. O. S. 405. Anmk.
70. Aehblich schreibt aueh Maimonides an seinen Freund Obasdai
Halevi in Alexandrien: n t As np'i n In nrynz i'n an wi ptm
.nXt;n Vy rncEi







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bot: Du sollst den Ewigen, Deinen Gott, lieben u. s. w.
(Deut. 6, 5), welches in der h. Schrift zu wiederholten
Malen enthalten ist, fordere uns daher auf, uns nicht mit
einem blinden Glauben zu begniigen, sondern immer tiefer
in die Geheimnisse der Thora einzudringen, durch philo-
sophisches Nachdenken uns eine Idare Anschauung fiber
das Wesen Gottes und iiber Fragen von metaphysischer
Schwierigkeit zu verschaffen und zu dem, was die Bibel,
die fir alle berechnet sei, nur kurz ausdriickt, die nihere
Begriindung zu suchen. Es sei demnach geradezu ein
religiises Gebot, den Glaubensinhalt der Thora denkend
und forschend zu ergriinden und einen klaren, ungetriibten
Einblick in das innere Wesen des Judenthums zu gewinnen
(III. 51. 52). Glauben heisst nicht sagt unser Philosoph
einmal ausdriicklich mit dem Munde etwas hersagen,
sondern sich iiberzeugt halten und deutlich erkennen
(I. 1. 50). Erst die feste Ueberzeugung und das klare Be-
wusstsein, dass etwas, was der Geist sich vorstellt, so sein
muss und das Gegentheil davon iiberhaupt unm6glich ist
macht das Wesen des warren Glaubens aus. Wer
cinen Glaubenssatz bloss mit den Lippen ausspricht, ohne
eine klare Vorstellung von der Richtigkeit desselben damit
zu verbinden, gehart zu der gedankenlosen Menge, von der
das Schriftwort lautet: Ihrem Munde bist Du nahe, fern
aber ihrem Innern (Jer. 12. 2.); im Besitze des echton
Glaubens befindet sich nur derjenige, der von der Wahrheit
des von der Religion Gelebrten im Innersten seines
Herzens iiberzeugt ist und sich davon eine klare und un-
getriibte Vorstellung macht. Denken und Glauben sind
also keine Gegensiitzc, sondern das letztere ist ohne das
erstere gar nicht denkbar und beide zusammen sind zur
echten Erkenntniss der rcligi6sen Wahrheit nithig. Der
wabre Begriff des Glaubens besteht eben darin, klar und
deutlich den Inhalt desselben zu erkennon. Die rationelle
Forschung muss daher der hiheren Theologie vorangehen;
erst wenn man die Gottheit und ihro Werke mit der Ver-






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nunft erkannt hat, kann man sich ganz ihrem heiligen Dienste
weihen und die wahre geistige Vollkommenheit auf Erden
erlangen (1I. 51. I. 50.)s3) Die hichste Bliite der geistigen
Vollkommenheit besteht in der klaren, spekulativen Er-
kenntniss der religibsen Wahrheiten und desGottesgedankens.
Durch diese Auseinandersetzung, die Maimonides nir-
gends im Zusammenhange, sondern an verschiedenen zer-
streuten Stellen giebt, hatte unser Philosoph den kritischen
Standtpunkt, den er in seinem More Nebuchim einnimmt,
begriindet und auch denjenigen seiner Glaubensgenossen
gegeniiber, die von den andern profancn Wissenschaften
wenig oder gar nicht wissen wollten, geniigend gerechtfertigt.
Fassen wir am Schlusse die Endergebnisse ,der mai-
munischen Untersuchung iiber das Verhiltniss der Religion
zur Philosophie kurz zusammen, so ergeben sich folgende
Fundamcntalsitze, die unserem Philosophen unerschiitterlich
feststanden und die Grundpfeiler seines ganzen Systems
bilden:
1) In den Religionsurkunden des Judenthums, in Bibel
und Talmud, sind die hichsten philosophischen und meta-
physischen Wahrheiten, zu denen der Menschengeist in
seinem Streben nach spekulativer Erkenntniss iiberhaupt zu
gclangen im Stande sei,, in bildlicher Darstellung ent-
halten.
2) Was einem wissenschaftlich anerkannten und durch
apodictische Beweise feststchenden Lehrsatze widerstreitet,
kann das Judenthum unm6glich lehren. Religion und Philo-
sophie kinnen in keinem Widerspruche zu einander stehen.
-3) Findet sich etwas in Bibel und Talmud, was, in

a3)ntnl n'm 'w wn 'v K ImiMyn 10 i'cn n: ^'nnn i C=H )aws
l oun is 'rm un p nn< lrn mh '10 noD rvau i cvn I''M.W14)
51 III .1? sapnn sinvm Welche hohe und principielle Bedeutung
Maimonides dem spekulativen Studium und der philosophischen
Durchdringung des religiosen Glaubens beigemessen hat, wird uns
erst spliterhin bei der Darstellung der maimunischen Unsterbliclh
keitstheorio klar werden.







36 -

buchstiblichem Sinne genommen, mit der Vernunft und
Wissenschaft sich nicht in Einklang bringen lisst, so
miissen diese Stellen in ihrem tiefern Sinne aufgefasst und
bildlich gedeutet werden34).

Sehen wir, wie Maimonides von diesen Gesichtspunkten
aus die einzelnen Fragen seines religionsphilosophischcn
Systems zu lisen such.

34) Vergl. die Worte Maimuni's IL n- W nrs W, nnl'
.nVIn W~VI tr y-* nea!n taw hy pSnn' Wie aus der Dar-
stellung der maimunischen Religionsphilosophie hervorgehen wird,
versteht es unser Philosoph mit bewundernswerther Meistersehaft,
seinem Grundsatze entsprechend, jeden Widerspruch, der zwischen
Religion und Philosophie zu herrschen scheint, zu beseitigen und
die Lebren des Judenthums Yome rationellen, wissenschaftlichen
Standpunkte ganz und voll zu rechtfertigen.














Lebenslauf.


Ich wurde im December des Jahres 1857 in Tarnow
(Galizien) geboren. In meiner Jugend beschiftigte ich mich
viel mit dem Studium der Bibel und des Talmud und genoss
Unterricht in den verschiedenen profanen Disciplinen. Im
Jabre 1876 kam ich mit meinen Eltern nach Kempen,
(Provinz Posen) und wurde daselbst als Preusse naturalisirt.
Anfang 1878 going ich auf das israelitische Lehrerseminar
in Kl1n am Rhein und wurde von dieser Anstalt mit dem
Zeugnisse der Reife entlassen. Bald darauf wurde ich in
meiner Vaterstadt Kempen von einem Vereine als Prediger
angestellt. WAihrend meiner \\W1, .nk:'i. in dieser Stadt
war ich auch literarisch thittig und veriffentlichte die Arbeit:
Maimuni's Leben und Wirken. Im Wintersemester 1882
begab ich mich behufs meiner weitern wissenschaftlichen
Ausbildung nach Berlin und wurde an der philosophischen
Facultiit immatriculirt. Ich studirte hauptsachlibc Philosophie
und Orientalia und horte die Herren Professoren: Zeller,
Paulsen, Lazarus, Sachau und Barth. Meine theologische
Ausbildung erhielt ich gleichzeitig an dem Rabbinerseminar
zu Berlin, welches hunter der Leitung des Herrn Rabbiners
Dr. J. Hildesheimer steht. Gegen Ende des Jahres 189P
erschien von mir die Schrift: Ueber die jiidischen Aerzte
im Mittelalter.




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