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Group Title: Pro Palastina, I. Hft
Title: Die politische Bedeutung des Zionismus
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Permanent Link: http://ufdc.ufl.edu/UF00072070/00001
 Material Information
Title: Die politische Bedeutung des Zionismus
Series Title: Pro Palèastina
Physical Description: 32 p. : ;
Language: German
Creator: Cohen, Max
Publisher: Deutsches Komitee zur Fèorderung der jèudischen Palèastinasiedlung
Place of Publication: Berlin
Publication Date: 1918
 Subjects
Subject: Jews -- Restoration   ( lcsh )
Genre: non-fiction   ( marcgt )
 Notes
Statement of Responsibility: von Cohen (Reuss).
General Note: "Vortrag, gehalten in der ersten Versammlung des Deutschen Komitees 'Pro Palèastina' am 25, April 1918, in Berlin."
 Record Information
Bibliographic ID: UF00072070
Volume ID: VID00001
Source Institution: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Holding Location: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Rights Management: All rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier: oclc - 18151394

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von Cohen M.d. R.


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t-C unbehinderter und organisder Entfaltung natieqi lt
Sjtsdisier Kultur und Wirtsdaft in 4der alten Heimadnit
Sjadischen Volkes ist geeignet, aus dem duri Mangel a4'
Beirlkerung und durd wirtsdaftlide Vernad~ ssigu
verarmten Palastina ein blfhendes Wirtsdaftsgebiet z
: maden. Das Aufblfiein Palastinas dient ipt gl"ditB1
SMaDe dem -Interesse der' mit Deutsddand- verfindetel.
Trkei wie der Ausbreitung deutsdcer Kultr- .und.
S/ Wirts&cafts-Beziehungen im vorderen Orient. Es mu.'i
.dahe von peuts&land gefordert werden.
S ,Das Komitee ,,Pro Palsstina" will die deutsAe
: -,: Oeffentlidhkeit fiber die Bedeutung "dieser -ZJsamn-i
hange aufklarern.



r.^ :; / AusschuB I;
,'ProfDr.r Ballod; Vrsitzender, Prof. Dr. Hans D el-
": i brfi C, Major a. D. E-ndres, Bergrat a. D.'Got-
Shei n, M. d. R., Stadtrat Fehren ba dc, President d.,R.
Gehenier .Justizrat J n c k, M. d. R., Redakteur
SN'oske, M. d. R., Kaised. Gesandter z. D. Ras r-:-
Sdau, Exzellenz.

witete AussdB auf 3. UmsdAlagseite.)



0 ,.-,, .









Pro Palastina

Schriften des
Deutschen Komitees zur F6rderung
der jiidischen Pal s t i n a siedlung


I. Heft:
Die politische Bedeutung
des Zionismus
von Cohen (Reu8) M. d. R.







1918
REIMAR HOBBING.BERLIN












LI cl c






=UACA
UBRAPY












Neubabelsberg, Ende Juni 1918.


Diese kleine Schrift ist die nahezu unverAnderte
Wiedergabe eines Vortrages, den ich am 25. April 1918
in der ersten 6ffentlichen Versammlung des Deutschen
Komitees ,,Pro Paliistina" gehalten habe. Neu hinzu-
gefiigt ist der Anhang, der, wie ich hoffe, den politisch
In'teressierten willkommen sein wird, da er die wichtigsten
der bisher bekanntgewordenen offiziellen Regierungs-
erkldirungen zur Frage der jidischen Palistinasiedlung in
zeitlicher Reihenfolge wiedergibt.


Max Cohen.












Die politische Bedeutung des

Zionismus
Von Max Cohen-ReuO, M.d.R.
(Vortrag, gehalten in der ersten Versammlung des deut-
schen Komitees ,,Pro Palistina" am 25. April 1918 in
Berlin.)

Meine Damen und Herren Die zionistischen Be-
strebungen haben erst durch den Weltkrieg und die
durch ihn aufgeriihrten Probleme auch in weiten,
nichtiidischen Kreisen griflere Beachtung gefunden.
Der ungeheure Auftrieb, den dieser Krieg den natio-
nalen Forderungen, auch der kleineren Vilker, gegeben
hat, ist auch den jiidischnationalen Wiinschen zu-
gute gekommen. Auch zu ihnen wird gegenwiirtig selbst
von denen Stellung genommen, die bis dahin dem
Zionismus teilnahmlos gegeniiberstanden. Und die
Wandlung ist unverkennbar: die Mehrzahl derer, die durch
die Kriegsereignisse in nihere Beriihrung mit dem Ost-
Judentum gekommen sind, haben mit Staunen wahrge-
nommen, dab da an unserer bisherigen Ostgrenze ein
Volk ganz besonderer Art, mit ausgesprochen national-
jiidischem Empfinden, verschieden und abgesondert von
den iibrigen Nationalittiten, wohnt. Diese Erkenntnis ist
von der Zionistischen Organisation zu eifriger Propa-
ganda fir ihre Ideen ausgeniitzt worden. Und sie hat
dabei den ungeheuren sachlichen Vorteil auf ihrer Seite,
daig nicht nur die politischen Zustiinde in den vom Ost-
Judentum bewohnten Gebieten einer Neuordnung unter-
zogen werden miissen, sondern dafI auch das Land ihrer
Sehnsucht, Pallistina, durch die Kriegsentwicklung mit
in den Vordergrund des politischen Interesses geriickt







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ist und weltpolitische Bedeutung erlangt hat. So ergibt
sich ganz von selbst, und ohne den geringsten Zwang,
lediglich durch die Entwicklung der Dinge, eine Situation,
die eine Priifung und Besprechung der nationaljidisch-
zionistischen Forderungen notwendig macht. Diese Tat-
sachen sind es denn auch, die deutsche Politiker aller
Richtungen zusammengefiihrt haben, Klarheit dariiber zu
gewinnen und zu verbreiten, daf3 die zionistischen Be-
strebungen, nicht nur aus allgemein menschlichen und
kulturellen Griinden, sondern auch vom Standpunkt
deutscher Interessen aus, gef6rdert zu werden verdienen.
Es ist vielleicht am besten, die Angelegenheit unter drei
Haupt-Gesichtspunkten zu behandeln; I. Was will der
Zionismus? 2. Welches sind seine bisherigen Leistungen
und zukinftigen Aussichten? 3. Wie ist seine Verwirk-
lichung politisch einzuschitzen?
Das Ziel des Zionismus wird am besten mit den
Worten seines eigenen Programms ausgedriickt: Sie
lauten: ,,Der Zionismus erstrebt fur das Uiidische Volk
die Schaffung einer 5ffentlich rechtlich gesicherten Heim-
stitte in Paliistina." Dieser Programmsatz ist nicht etwa
die mehr oder minder gescheite Konstruktion phantasti-
scher KSpfe oder wohlwollender Philanthropen. Er ist
auch nicht das zufhllige Ergebnis wechselnder Mehrheits-
beschliisse, sondern das Resultat einer langen, kampf-
reichen geschichtlichen Entwicklung. Ein Resultat,
dessen ideelle und sachliche Grundlagen auf das Sorg-
filtigste gepr(ift worden sind, das kommen muf3te, weil
es natiirlich und zwingend war.
Als den Ursprung der heutigen zionistischen Be-
wegung darf man wohl die schlechte allgemeine Lage
des hunter den schlimmsten wirtschaftlichen und sozialen
Verhiltnissen lebenden Ostjudentums ansehen. Ver-
schiedene Versuche, ihre Lage durch Ansiedlungen in
auf3er-europlischen Lindern zu verbessem, haben keine
besonderen Erfolge gehabt. Und auch in den Massen-
quartieren der nach New-York und anderen amerikani-









schen Groflstidten ausgewanderten Ostjuden findet man
im Grunde dieselben und iihnliche Erscheinungen wie
im europtiischen Osten. Filr die grofBe Masse auch
der so ausgewanderten Juden ist die wirtschaftliche,
soziale und national Not kaum anders geworden.
Und die mangelnde, nur auf stiidtische Gewerbe
beschrlnkte Berufsgliederung hat ihrer Aufwirts-
entwicklung die stirksten Hemmungen bereitet. Und
auch der nicht gerade schnell vorsichgehende Auf-
saugungsprozefi der westeuropiiischen Juden hat mit da-
zu beigetragen, in immer mehr Kipfe die Notwendigkeit
einer auf nationaler Grundlage ruhenden Erneuerung
des Judentums eindringen zu lassen. Die Sehnsucht
nach dem Lande der Viiter ist bei den osteuropiischen
Juden all die Jahrhunderte hindurch lebendig geblieben,
in Zehritausenden und aber Zehntausenden von Herzen
hat sie weiter gelebt. Und gar mancher alte Jude ist
gegen Ende seines Lebens nach Palistina gewandert um
dort zu sterben und begraben zu werden.
In diesen vier Kriegsjahren ist der Wunsch, als eine
besondere national Art angesehen und gewertet zu
werden, bei den Massen der osteuropiischen Juden zur
allgemeinen politischen Forderung geworden. Als Folge
blower Agitation ist das nicht erkliirbar. Hier ist etwas
wach geworden, was immer da war, von fast alien
Juden mehr oder minder deutlich empfunden wurde,
aber infolge der Verhiiltnisse keinen so klaren Aus-
druck finden konnte, wie" wir es jetzt erleben. Die
Formulierung nationaljidischer Forderungen konnte
nur deshalb die Zustimmung .der jildischen Volks-
massen finden, weil mit ihnen Dinge ausgesprochen
wurden, die ihrem tiefsten Fiihlen und dem eigenen
Wollen entsprachen. Wenn sich also auch die national-
jiidischen Bestrebungen in ihren Anflingen auf soziale
und wirtschaftliche Griinde zuriickfiihren lassen, so sind
sie heute aus diesen Anfingen herausgewachsen und zu
einer nationalen Bewegung geworden, die auch die Phase


.... 7







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mystischer Schwlirmerei liingst iiberwunden hat. Sie wird
gestiitzt und getragen durch den Willen nicht nur fast
des gesamten Judentums, sondern auch durch einen
wesentlichen Teil der affentlichen Meinung aller Linder.
Sie steht bereit zu tatkriiftigem Handeln, um mit allen
sachlichen Mitteln und unbeirrbarem Willen ihre Volks-
genossen in ein Land zu flihren, wo sie nicht nur eine
pers6nliche, sondern auch eine national Existenz finden
k5nnen.
Es kann dem nationalen Selbstbewultsein der Juden
auf die Dauer nicht geniigen, iiberall nur Minderheit zu
sein und auf Schritt und Tritt vor die Frage der Assi-
milierung gestellt zu werden, die immer nur eine Lisung
fiir eine Minderheit, nicht aber fiur die Massen selber sein
kann. Deshalb geht ihr Streben auf die Schaffung eines
nationalen Zentrums. Geschichte, Gefiihl und wirtschaft-
liche Eignung weisen sie auf Palistina, wo sie in dem
Lande der Viter nicht sterben, sondem arbeiten und
schaffen und durch ihre Leistungen den Beweis ihres
Rechtes auf national Selbstbestimmung erbringen wollen.
Dieses Ziel ist, obwohl es fiir die Juden die Riickkehr
an ihren geschichtlichen Ausgangspunkt bedeutet, keine
geradlinige Fortsetzung der Geschichte des alten Juden-
tums. In vielen Jahrhunderten muf3ten endlose Zickzack-
Linien abgelaufen, zahllose Irrwege durchwandert, Elend
ohnegleichen ertragen und iiberwunden werden, ehe das
Ziel klar erkannt und durch die politische Entwicklung
der Dinge sachlich erreichbar wurde. Die moderne zioni-
stische Bewegung leitet iibrigens ihren Anspruch auf
Palistina nicht aus der blofen biblischen Vergangenheit
her, die nichtig sein wiirde, wenn sie nicht Gegenwart
und Zukunft zugleich bedeutete. Diese Vergangenheit
wirkt mit ihrem historischen Inhalt vor allem richtung-
weisend, und aus der engen Verbindung des Judentums
mit Palistina schipft der Zionismus die Kraft, die schwere
Arbeit bewiltigen zu konnen. Sie gibt ihm die Sicher-
heit, die ruhmvolle Periode der Viter auf neuer Grund-







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lage wieder aufleben zu lassen. Der starke Wille, im
Lande der Viiter zu arbeiten und hier eine grof3e pro-
duktive Aufgabe zu erfiillen, die, wie die Erfiillung jeder
produktiven Aufgabe, der Menschheit im ganzen zugute
kommt: das ist die wahre Legitimation des jiidischen
Anspruchs auf Palistina.
Durch die geschichtliche Entwicklung haben nahezu
alle Juden eine der wichtigsten und grundlegendsten
menschlichen Tiitigkeiten, die der Bodenbearbeitung, ver-
loren. Die Wiederherstellung dieses Zusammenhangs
wiirde allein schon einen lohnenden Versuch darstellen.
Und nur die Wiederverbindung mit dem Grund und Boden
und seine Bebauung vermag der alten jiidischen Kultur-
nation, die trotz des schweren zuriickgelegten Weges
auch heute noch ein gutes und brauchbares Menschen-
material darstellt, die friihere Kraft wiederzugeben. Und
es handelt sich dabei nicht allein um eine Gesundung
des Judentums (vor allem des 6stlichen), sondern auch
um eine Erweiterung und Steigerung menschlichen
Strebens iiberhaupt, das keinem anderen Volk Schaden,
sondern nur Nutzen bringen kann. Wenn das Judentum
auf diese Weise regeneriert wiirde, so wiirde es, wie man
zuversichtlich hoffen darf, einen nicht unbetriichtlichen
Beitrag zu den vielfiltigen und verschiedenen Aufgaben
der Kulturmenschheit listen k6nnen, wie fast alle Na-
tionen, die von der Basis nationaler Selbstindigkeit und
Wiedergeburt aus zu wirken verm6gen.
Ich habe bereits darauf aufmerksam gemacht, dai
die zionistischen Bestrebungen sich in der Hauptsache
auf das Ostjudentum erstrecken. Eine Besiedlung
Palistinas kann in jedem Falle nicht allzu schnell vor-
sichgehen und es wiirde, selbst wenn eine Erweiterung
des Territoriums in Betracht kiime, erst in jahrzehnte-
langer Entwicklung wirklich groie Volksmassen auf-
nehmen k6nnen. An eine Abwanderung a 11 e r Ost-
juden, geschweige denn der westeuropaischen Juden,
braucht man dabei nicht zu denken. Hier wie dort







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bleibt jedem einzelnen die persinliche Entscheidung
vorbehalten, und man wird besonders die assimilatorisch
gesinnten Juden Westeuropas gewiihren lassen miissen.
Ich halte es fur wahrscheinlich, daB sich fiir einen
grofien Teil von ihnen der beschrittene Weg als richtig
erweist. Ihnen wird der Zionismus weder Schwierigkeiten
bereiten wollen noch diirfen. Man wird abwarten miissen,
wie viele den Weg vulligen Aufgehens bis zu Ende gehen,
und es ist anzunehmen, daB mit fortschreitender
Verwirklichung der zionistischen Plane in Palistina, so-
wohl die vollstindige Assimilierung der zu ihr ent-
schlossenen Juden schneller vor sich geht als bisher, wie
auch ebenso die Riickkehr der dazu nicht Entschlossenen
zu nationaljiidischer Auffassung. Aber auch denen, die
in der Mitte stehen und sich so schnell weder zum einen
noch zum andern entschliei3en k6nnen, wird die Schaffung
des nationaljiidischen Zentrums in Palistina ihre Stel-
lung wesentlieh erleichtern und es ihnen besser ermig-
lichen, ihr Anderssein ruhig und stolz, ohne jede Auf-
dringlichkeit selbstverstindlich, aber auch ohne jedes
absichtliche Verbergen zu tragen. Zwar glaube ich nicht,
daB die zu voller Assimilierung bereiten Juden zu der
Wurzellosigkeit verdammt sein werden, wie das von
manchen zionistischen Kreisen angenommen wird. Denn
es gibt keinen modernen Staat, dessen Mitglieder aus
e i n e r Stammes-, Religions- oder Geschichtsquelle her-
vorgegangen sind. Overall haben wir, nicht zuletzt in
Deutschland, wesentliche und vielfache Mischungen, die
im Laufe der Jahrzehnte dennoch zu kriiftigen, im Grunde
einheitlichen Staatsbildungen gefiihrt haben. Und mir
scheint, daB die hauptsaichlichen Verschiedenheiten im
Wollen der Angehbrigen eines Staates viel starker aus
sozial-wirtschaftlichen Griinden erklirbar sind, als aus
solchen des stammesmriGigen Ursprungs.
Bei dieser Gelegenheit darf ich vielleicht sagen, dal
ich pers6nlich der zionistischen Bewegung weder ange-
h6re noch angeh6rt habe. Ich bin vielmehr als ein Poli-







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tiker, der sich seit Jahren vorzugsweise mit auf3enpoliti-
schen Dingen beschlftigt hat, beim Studium sstlicher
Fragen ganz von selbst auf fas Ostjudentum und den
Zionismus gestoBfen und habe von dieser Zeit an der
zionistischen Bewegung meine stirkste Sympathie ent-
gegengebracht, weil sie mir das einzige Mittel zu sein
scheint, diesem, trotz aller erlittenen Qualen unverwiist-
lichen Volke, die wohlverdiente Brldsung und eine
bessere Zukunft zu bringen.
Nun gibt es Gegner der zionistischen Bestrebungen,
die an die Bignung der heutigen Juden zu landwirtschaft-
licher Tiitigkeit nicht glauben. Fir diese m5chte ich
darauf hinweisen, dafi es in den fiinfziger Jahren in
RuBland 420 grofere und kleinere D6rfer mit nur jiidi-
scher Bauembevblkerung gab, denen im Jahre 1872 der
Grund und Boden durch einen staatlichen Gewaltakt fort-
genommen wurde. Aber auch die bisherige Arbeit der
jiidischen Ansiedler in Palistina beweist die Unrichtig-
keit jener Auffassung. Die jiidische landwirtschaftliche
Kolonisation, deren Anflnge auf das Jahr 1881 zuriick-
reichen, ziihlte im Jahre 1900 knapp 5000, 1912 bereits
12 000 Einwohner in 45 Kolonien. Der Wert des Bodens
ist durch die in ihn hineingesteckte Arbeit von durch-
schnittlich etwa 100 M fiir den Hektar auf etwa 1000 M
gestiegen. Die Ertraige sind stark gewachsen, und die
jiidischen Kolonien haben der eingeborenen Bev6lkerung
vielfach als Muster gedient. Der Wert der jiidischen
Kolonien wird, nach dem Stande von 1913/14, auf 70 bis
80 Millionen Mark geschAtzt. Die jihrliche Ernte stellte
einen Wert von 3,8 Millionen Mark dar, der durch das
Heranwachsen zahlreicher hunger Baumpflanzen in rascher
Steigerung begriffen war. Von etwa 400 000 ha be-
bauten Bodens in Pallstina sind etwas liber 10%,
44000 ha, in jiidischen Hinden. Der Hauptteil der
Kolonien besteht aus Pflanzungen und Gartenbau, wie
iiberhaupt intensive Kultur vorliufig den Hauptteil der iii-
dischen landwirtschaftlichen Titigkeit darstellt. Der Haupt-







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ernteertrag besteht aus Orangen, Weintrauben, Mandeln,
Oliven, Gemiisen und Produkten der Milchwirtschaft.
Aber auch Getreide wird gewonnen. Getreide, Hiilsen-
friichte und Sesam stellen den vierten Teil des Gesamt-
erntewertes dar. Die Ansiedler in Galilia, in der Niihe
des Sees Tiberias, betreiben vorzugsweise den Kmrner-
bau. Von ihnen sagt Alfons Paquet in einer lesens-
werten Broschiire fiber den Zionismus, daB man hier
,,den echten Schlag der Pioniere findet, die in hirtester
kSrperlicher Arbeit den Kampf mit dem seit Jahrhunder-
ten ver6deten Boden aufnehmen und ihn mit Weizen be-
bauen, der von Jahr zu Jahr bessere Ernten gibt." Unter
diesen sind, nebenbei bemerkt, auch huufiger deutsche
Juden anzutreffen.
Der Nutzen, den die tirkische Steuerwirtschaft aus
der jiidischen Ansiedlung Palistinas zu erzielen vermag,
soil durch zwei Beispiele erwiesen werden: die Ertriige
der Zehnten-Steuer aus zwSlf der 45 Kolonien betrugen
fiir die Ernte an Orangen und Getreide zusammen-
genommen
im Jahre 1904 36015 Mark
1 19135 257160 .
Das bedeutet eine Steigerung auf das siebenfache inner-
halb von zehn Jahren. Und die Kolonie Petach-Tikwah,
die im Sandboden entstand, zahlte kurz nach ihrer Griin-
dung an den Fiskus eine Steuer von nur 60 Mark, heute,
nach fast 40 Jahren ihres Bestehens, hingegen 68 000
Mark. Wenn man in Betracht zieht, dai es vor der
Griindung der jiidischen Kolonien Steuerertrlgnisse hier
eigentlich iiberhaupt nicht gegeben hat und ferner daran
denkt, dafi jeder dieser Ansiedler friiher ein Stadt-
bewohner war, so kinnte man fast von beispiellosem
Erfolge der Ansiedlung sprechen.
Dabei stehen wir erst in den Anfiingen der jiidischen
Kolonisation. Die landwirtschaftliche Produktion lii3t
sich auBerordentlich steigern, und viele Zehntausende







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vegetierender Stadtbewohner k6nnen als jiidische Bauern
Raum in Pallistina finden.
Von der Arbeit der Juden in den Stidten soil spliter
noch die Rede sein.
Um die guten Wirkungen zu beurteilen, die ein
starkes Zustrimen jiidischer Einwanderer auf die Tiirkei
haben kann, ist es notig, die Lage der Tiirkei selbst mit
einigen Sitzen zu schildern. Die Tilrkei ist, so tapfer
sie diesen Krieg fifhrt, und so sehr sie sich als Bundes-
genosse bewdhrt hat, dennoch ein politisch und wirt-
schaftlich sehr kranker Staat. Gerade weil wir witnschen,
dai sie nach diesem Kriege eine neue Bliltezeit erleben
mige, dirfen wir uns tiber die gegenwlrtige- Lage der
Tilrkei nicht taiuschen, da eine wirkliche Besserung tiirki-
scher Zustlinde eine ehrliche Erkenntnis der bisherigen
triiben Verhiiltnisse zur Voraussetzung hat.
Die Tiirkei ist mit ihren 24 Millionen Einwohnern
ein menschenarmer, nahezu reiner Agrarstaat, der sich
indessen (ein Phlinomen in der Geschichte) nicht selbst
zu erniihren vermag. Er fiihrte zwar nach der tiirkischen
Handelsstatistik von 1909/10
fir 15 Millionen Mark Getreide aus
aber ,, 97 ,, ,, und Mehl ein.
Seinen ganzen Bedarf an Zucker mufte der tiirkische
Staat durch Einfuhr decken; er erzeugt Wolle, Baumwolle
und Seide,
fiihrte aber fiir 225 Millionen Mark Textilwaren ein.
Er fiihrte fir 14 Millionen Mark HRute und 16 Mil-
lionen Mark Gerbstoffe aus,
aber fiir 17 Millionen Mark Schuhwaren ein.
Seine Handelsbilanz ist in hohem Made passiv.
Die Ausfuhr betrug 325 Millionen Mark, die Bin-
fuhr hingegen 600 Millionen Mark.
Diese, die Ausfuhr so stark iibersteigende Einfuhr
ist nicht etwa die Polge von Anlagen produktiver
Unternehmuhgen (dann wilrde die passive Bilanz volks-







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wirtschaftlich ungefiihrlich sein), sondern sie besteht fast
ausschlieflich aus der Einfuhr unproduktiver, zu GenuS
und Verbrauch bestimmter Waren. Wir finden daher in
der Tiirkei eine stiindig steigende Staatsschuld, die immer
wieder nur durch neue Auslandsanleihen gedeckt werden
konnte, an denen Deutschland stark beteiligt war.
Deutschlands Beteiligung betrug
im Jahre 1881 (Griindungsjahr der tiirkischen Staats-
schuldenverwaltung) rund 80 Millionen Mark.
Mit dieser Beteiligung stand Deutschland erst an sechster
Stellea hinter Prankreich, England, der Tilrkei selber,
Holland und Belgien.
Inzwischen ist Deutschland betrachtlich vorgeritckt.
1898 betrug seine Kapitalanlage 160 Mill. Mark,
1912 betrug sie bereits 600 Mill. Mark.
Das ist eine durchaus kiinstliche Kapitalinvestie-
rung, die aus politischen Griinden begreiflich und be-
rechtigt ist, aber zugleich eine nicht geringe wirtschaft-
liche Gefahr darstellt, die nur durch eine aufsteigende
Wirtschaftsentwicklung zu beseitigen wire. Und nur
diese aufsteigende wirtschaftliche Entwicklung allein ver-
mag der Tiirkei die Kraft zu geben, durch die sie uns auf
die Dauer als Bundesgenosse wertvoll bleibt.
Die ungiinstige wirtschaftliche Lage der Tiirkei hat
ihre Griinde nicht etwa in natiirlichen Ursachen, wie in
schlechten Boden- oder widrigen klimatischen Verhilt-
nissen oder im Mangel an Rohstoffen. Nein, in dieser
Hinsicht ist es um die Tiirkei gar nicht schlecht bestellt.
Nur liegen riesengrol3e, friiher fruchtbare Strecken
Mesopotamiens, Syriens, Palistinas, Anatoliens vollkom-
men brach. Bewisserungs- und andere Anlagen sind zer-
fallen, die Wilder vernichtet. Die tiirkische Agrarwirt-
schaft ist schlimmste Latifundienwirtschaft unter Benutzung
primitiver landwirtschaftlicher Gerite. Dazu kommen viel
zu hohe Steuern in allen maglichen Formen, besonders
viel zu hoch auf Grund, Boden und Ernteertrag. Und








-15


nicht zuletzt eine mangelhafte Staatsverwaltung im ganzen,
mit einem Beamtenapparat, der von Grund auf reformbe-
diirftig ist. Die Tiirkei braucht Reformen auf allen Ge-
bieten, besonders aber eine Steuer-, Boden- und Ver-
waltungs-Reform.
Und auch nur unter dieser Voraussetzung ist mit
der Wiederherstellung der paliistinischen, syrischen und
mesopotamischen, und einer Verbesserung und Erweite-
rung der anatolischen Produktionsgebiete zu rechnen.
Und ebenso kann nur unter dieser Voraussetzung eine
normal tiirkische Industrie entstehen, die jetzt vielfach
kiinstlich ins Leben gerufen wird. Wenn die Tiirkei wirt-
schaftlich gesunden soil, was aber nicht von heute auf
morgen geschehen kann, sonder der Zeit bedarf, so ver-
mag sie durch eine gesteigerte Ausfuhr die ihr notigen
eingefiihrten Dinge sehr wohl zu bezahlen. Fir die Aus-
fuhr kommen in Betracht:
Getreide, Friichte, Reis, Ole, Fette, Tabak, Baum-
wolle, Flachs, Hanf, Seide, Wolle, Haute,
Gerbstoffe, vielleicht auch Erze und Metalle.
In Pallistina sind fuir den eigenen Gebrauch Kohlen ge-
funden worden, ebenso gibt es dort Erdo1, Phosphate,
Schwefel, Kupfer und Eisenerze. Alles Dinge, die auch
wir gut gebrauchen kinnen, und deren Erzeugung zu
vermehren wir nach diesem Kriege und bei der wahr-
scheinlichen Gestaltung der politischen Verhiltnisse im
eigenen Interesse alle Veranlassung haben.
Bin paar Zahlen iiber die in der Tiirkei produzierte
Baumwolle, die in Kleinasien und Mesopotamien gut er-
zeugt werden kann. Die ersten Versuche haben in der
Nihe von Smyrna stattgefunden. Die Gesamtproduktion
hatte vor dem Krieg einen Wert von etwa 20 Millionen
Mark, davon gingen
1911 nach Deutschland fUr % Million Mark
1913 ,, ,, 2 Millionen, Mark
Bine sehr geringe Summe freilich, wenn man sie an un-
serem Friedensbedarf von 600 Millionen Mark mif3t.







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Immerhin aber handelt es sich um groBe Zukunftsm5g-
lichkeiten, und, bei der Knappheit der uns zur Verfiigung
stehenden Baumwolle, wird auch der kleinste ZuschuB will-
kommen sein. AuBer Reformen gebraucht die Tiirkei aber
vor allen Dingen Menschen. Dieses zum Wieder-
erstarken der Tiirkei unentbehrliche Menschenmaterial ist
nicht da, GeburteniiberschuB und Einwanderung ist gleich
null. Und wie wird es damit erst nach dem Kriege be-
stellt sein? Da muf man es vom staatlichen Standpunkt
der Tiirkei geradezu als einen Gliickszufall betrachten,
daB es ein Menschenreservoir gibt, von dem ein grof3er
Tell auf die Gelegenheit wartet, in die Tiirkei auszu-
wandern: das osteuropiische Judentum, aus dem die
Tilrkei im Laufe der Jahrzehnte Hunderttausende geeig-
neter, den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes f&r-
dernder Krifte gewinnen kann, die zugleich gute tiir-
kische Staatsbiirger sein werden.
Es ist bereits gezeigt worden, was das jiidische Ele-
ment fiir die Wiedererweckung der Landwirtschaft in Pali-
stina bedeutet. Eine ebensolche Bedeutung kommt ihm
in den Stldten Palistinas zu, sowohl was die beginnen-
den Keime der Industrieentwicklung als auch den Handel
und die allgemeine kulturelle Beeinflussung betrifft.
Dafiir ein pear Zahlen und Belege.
Die jiidische Einwanderung nach Palistina bildete
schon bisher das zahlreichste europaische Einwande-
rungsmaterial. Mit seiner Zunahme stiegen auch Ein-
und Ausfuhr sehr erheblich. So betrug der Gesamt-
handel der palistinischen Hafenstadt Jaffa
in den Jahren 1886 .. .7,2 Millionen Mark
? ?,, 1900 .12,2
,, ? 1913 81,2
(darunter 1910 fiir 3160000 Mark Olivenbl-Seife).
Der GesamtauBienhandel der Tiirkei betriigt pro Kopf
40 Mark, in Siidpallistina allein durch den Handel Jaffas
110 Mark, mithin fast das dreifache des tiirkischen Durch-
schnitts. Der bekannte MilitirschriftstellerEndres sagt ilber








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die Bedeutung des Judentums in den palistinischen
Stildten das Folgende:
,,Von groler Bedeutung ist die zionistische Ein-
wanderung von Stadtbevilkerung. Aus ihr gewinnt
Paltistina seine Arzte, Kaufleute, Kiinstler und Lehrer.
Das geistige Streben dieser Kreise ist sehr groIl. Wo
man die Gelegenheit hat, in diese Kreise zu kommen,
da findet man, was Lebensfiihrung als auch Lebensauf-
fassung betrifft, die Oasen des Orients. Turmhoch steht
der ganze Betrieb iiber allem Einheimischen, Tiirkisch-
Arabischen. Der Zionismus hat zudem bewiesen, dalI
der Sinn fiir das rein Materielle nicht den Geist des
Judentums kulturhemmend beherrscht. Ein schiner,
selbstloser Idealismus durchzieht alle zionistischen Werke.
Mit den grifiten Opfern ist eine gro3ziigige Schul-
reform und Neugriindung von modernen Schulen in die
Wege geleitet. Ein jiidisches Gymnasium sorgt fiir die
Weiterbildung der Jugend gebildeter Kreise. Eine jil-
dische Universitit Ist nur durch den Krieg an ihrer Ent-
stehung verhindert worden. Kinderschulen, Volks-
schulen, Spezialschulen, Realschulen und Kolonialschulen
sind zahlreich gegriindet. In alien ist Hebriisch die
Lehrsprache. Bibliotheken, Theater, Vereine und Kran-
kenhiuser machen heute schon das zionistische Palistina
zu einem Kulturzentrum Vorderasiens."
Und ein anderer ausgezeichneter Kenner orien-
talischer Dinge, Hans Rohde, hat in seiner 1916
erschienenen Schrift ,,Deutschland in Vorderasien" iiber
die Wirkungen, die eine jiidische Kolonisation Palastinas
fiir die Tiirkei haben miifte, das Nachstehende ge-
schrieben: ,,Welchen Erfolg eine starke jidische Kolo-
nisierung Palastinas der Tiirkei zu bringen verspricht,
zeigt uns klar das bisher von ihr Geleistete. Die brach-
liegenden Lindereien werden fruchtbar werden; die Er-
tragsflhigkeit des Landes um ein Bedeutendes steigen,
eine steuerkriiftige und konsumfiihige, vor allen Dingen
aber eine dankbare, von aufrichtiger Treue gegen die








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tiirkische Regierung erfillte Bevolkerung gewonnen wer-
den. Ebenso bedeutend ist die Reihe indirekter Vorteile.
Die Eisenbahn- und Schiffahrtslinien werden ihren
Nutzen mehr denn je aus den Frachten der Kolonisten
ziehen, ihre Ertragsfihigkeit wird sich entsprechend
steiger. Die Verkehrsverhlltnisse im Lande werden in-
folge Zunahme von Handel und Industrie besser werden,
StraBen und Eisenbahnen erstehen. Da sich in jeder
Kolonie ein Arzt und eine Apotheke, in manchen An-
siedlungen auch neuzeitige Krankenhiuser befinden, wird
sich der Gesundheitszustand, besonders unter der ein-
heimischen Bev8lkerung, der diese Einrichtungen auch
zustatten kommen, heben. Vor alien Dingen wird aber
die jiidische Kolonisation wesentlich zur Erziehung der
Landeseinwohner beitragen, deren Wohlstand heben, in-
dem sie einerseits den arabischen Grundbesitzer mit den
moderen Wirtschaftsmethoden und neuen Pflanzungs-
miglichkeiten vertraut machen, andererseits den Fella-
chen durch Verwendung ihrer Arbeitskraft einen lohnen-
den Nebenverdienst schaffen.
Einen nicht minder grolfen EinfluB wird eine ver-
stlrkte jiidische Einwanderung auf die Entwicklung der
Stiidte in Palistina haben, deren wirtschaftlicher Auf-
schwung durch jene verbtirgt ist. Die Juden werden
aufBer ihrem Handelsgeist vor allen Dingen auch das
bisher dort fehlende Kapital mitbringen. Fabriken, Werk-
stlitten, Handelshliuser werden entstehen, Arzte, Inge-
nieure und Kaufleute sich in gr6i5erer Anzahl in ihnen
ansiedeln. In der jiidischen Einwanderung wird die Tiirkei
nach dem Kriege das finden, was ihren Bediirfnissen in
geradezu dealer Weise entspricht: einen Volkszuwachs,
hinter dem keine feindliche Macht steht."
Meine bisherigen Ausfiihrungen Oiber die Verhiltnisse
in der Tiirkei und die M6glichkeit ihrer Hebung durch
jiidische Einwanderung sind allein schon dazu angetan,
das deutsche Interesse an der Sache zu erweisen. Denn
das Deutsche Reich hat ein groves, eigenes, besonders








19 -


durch seine weltwirtschaftliche Entwicklung begriindetes
Interesse an einem lebensftihigen und starken tiirkischen
Staat. Dazu vermag die jiidische Einwanderung nicht
nur sehr viel beizutragen, sie ist vielleicht die einzige
Quelle, aus der die Tiirkei die ihr n6tige neue Kraft
sch6pfen kann. Lassen Sie mich noch ein paar fiir
Deutschland wichtige Punkte hervorheben:
96 % aller 6stlicher Juden sprechen jiddisch, oder
wie man auch vielleicht sagen darf jiidisch-deutsch, den
Dialekt, den man vom Standpunkt des Verstehens aus in
den deutschen Sprachbereich zthlen muIf. Die Hundert-
tausende deutscher Soldaten, die mit dem Ostjudentum
in Berihrung gekommen sind, werden das bestlitigen.
Die Zunahme des deutschen Handels und der Riickgang
des englischen wird von den Konsuln beider Linder der
Titigkeit der eingewanderten Juden zugeschrieben. DaB
dieses Judentum ein der deutschen Sprache und der deut-
schen Kultur zuneigendes Element ist, geht auch aus der
von Trietsch festgestellten Tatsache hervor, daB die Juden
in den deutschen Auslandsschulen des Orients (Agypten
nicht ausgenommen) einen auflerordentlich hohen Pro-
zentsatz der Gesamtschiilerzahl ausmachen. Man nimmt
sogar an, daf 4/, bis 9/,0 der fast 15 Millionen zihlenden
Juden der ganzen Welt die deutsche Sprache oder den
Jargon reden und verstehen. Man darf mit Sicherheit
annehmen, daB neben dem Hebraiischen, das in kurzer
Zeit die lebendige, von alt und jung gesprochene Um-
gangs- und Muttersprache der Juden Palistinas geworden
ist, die deutsche Sprache die wichtigste international
Sprache fiir das palistinische Judentum bleiben wird,
deren Erlernung in den Schulen Palistinas auch jetzt
schon mit viel Eifer betrieben wird.
Es ist bekannt, daB die Entente den Juden Pallistina
versprochen hat. Durch diesen geschickten politischen
Schachzug hat sie auch bei denjenigen aulerhalb der
Zentralmichte wohnenden Juden Sympathie errungen,
die sonst von der englischen Politik nicht grade be-







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geistert waren. Man mufi es sehr bedauer, daBi die
Mittelmlichte, besonders Deutschland, nicht v o r England
eine iihnliche offizielle Erklirung abgegeben haben, ob-
wohl es an Versuchen, sie dazu zu bewegen, nicht ge-
fehlt hat. Es war nicht unbedingt natig, dafi man die
Erkennung und Ausniitzung der politischen Bedeutung
des Zionismus zuerst der Entente iiberlieB. Man hiitte
sehr wohl vorangehen k6nnen. Indessen, das Versiumte
ist nachgeholt worden, und sowohl von deutscher wie
8sterreich-ungarischer und tiirkischer offizieller Seite ist
den national-jiidischen Bestrebungen im allgemeinen, wie
den zionistischen im besonderen, wohlwollende Sympa-
thie und Unterstitzung zugesagt worden. Es muf bei
dieser Gelegenheit offen ausgesprochen werden, daB die
Zionisten selbstverstindlich (und dagegen kann billiger-
weise nichts eingewendet werden) Palistina zur Schaffung
eines iidisch-nationalen Zentrums nehmen werden, von
wem immer sie es bekommen k6nnen. Sie haben aber
sin sehr viel stirkeres Interesse daran, dai Palistina
auch weiterhin ein Bestandteil des tiirkischen Reichs
bleibt, als dafi es ihnen von der Entente Gnaden zur
Kolonisierung zugewiesen wird.
Fir den Zionismus miissen deshalb die Erkliirungen
der Mittelmichte von weit grif3erer Bedeutung sein, als
die der Entente, obwohl Palistina vorerst in englischen
Hinden ist. Wir hoffen ja bestimmt, dafi es gelingen
wird, dieses Land, mitsamt Mesopotamien, fur das tiirkische
Reich zurtickzugewinnen. Der Zionismus hat keinerlei
Interesse an der Loslosung Pallistinas aus der Tiirkei. Er
erstrebt zwar dort eine kulturelle Autonomie und eine ge-
sicherte national-jUdische Entwicklung, aber innerhalb,
nicht auflerhalb des tilrkischen Gesamtstaates. Denn die
Zionisten wissen sehr wohl, dafi eine national Selb-
stindigkeit im Rahmen eines gri5Beren Staatenverbandes
fir eine kleine Nation die heute einzig m6gliche Form
wirklicher Selbstindigkeit sein kann. Bliebe Palastina in
englischen Hlinden, so kinnte davon nicht die Rede sein.








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Ich bin welt davon entfernt, die englische Zusage als
Bluff anzusehen. Sie war durchaus ernst gemeint, wenn
sie auch nicht aus besonderer Vorliebe fiir das Judentum,
sondern aus eigenem, wohlerwogenem Interesse diktiert
war. So zu handeln war natirlich Englands gutes Recht,
wie ja auch von Deutschland in dieser Sache nichts
verlangt wird, was seinen Interessen zuwiderliefe. Ent-
scheidend aber ist hierbei, daB die jidischen Ziele mit
den Interessen des Deutschen Reiches in viel hiherem
MaBie parallel laufen, als mit denen Englands. Fiur Eng-
land ist Palistina mit Mesopotamien das Gebiet, das
eins der wichtigsten englischen Kriegsziele, die Ober-
gangsstelle des europiiisch-afrikanischen Verbindungs-
wegs nach Indien, zu bewachen hiitte. Paliistina wiirde
also nur dem Zwecke der Sicherung des englischen Impe-
riums dienen, und deshalb allmaihlich den Charakter eines
englischen Protektorats annehmen, wobei die stlndige
Gefahr einer Anglisierung vorliige, wihrend die Trieb-
feder der zionistischen Kolonisation im Streben nach
nationaler Eigenentwicklung liegt. Enge Beziehungen
aum Angelsachsentum miiten diese Eigenentwicklung
um so mehr gefihrden, als die territorial Lage Pallistinas
fiir England eine ganz besondere strategische Bedeutung
hat, was den Wunsch, es durchaus zu beherrschen und
mehr als andere Gebiete dem englischen EinflufB zu
unterstellen, doppelt wahrscheinlich macht. Fur England
ist Paliistina lediglich der Schutz des Suezkanals, der,
um ein Wort Bismarcks anzuwenden, auch heute noch
,,das Genick der Welt" bedeutet. Aui3erdem aber
wiirde England, in konsequenter Fortsetzung seiner
bisherigen Araberpolitik und mit Riicksicht auf die
zahlreichen Araber Mesopotamiens, sicherlich ge-
zwungen sein, arabischen Forderungen zu ungunsten
jiidischer nachzugeben, und Pallistina k6nnte im
Grunde fiir England nichts anderes sein, als das Rand-
gebiet eines grof3en englisch- arabischen Kolonial-
reichs. Aber auch wenn Palistina in englischem Besitz









bllebe, so milite nach meiner Uberzeugung ein jtdisch
kolonisiertes Palastina fe lIinger je mehr aus Selbsterhal-
tungstrieb von England-Amerika abriicken und eine
engere Verbindung mit der Tiirkei und RuBiland suchen,
was durch die osteuropiische Herkunft der Kolonisten, die
keinerlei probritische Schattierung aufweist, ohnehin be-
giinstigt wuirde. Und die Wichtigkeit eines guten zukiinf-
tigen Verhiiltnisses zwischen Deutschland und Rufiland
spielt auch in diesen Zusammenhang hinein. Wir sehen
also, daft es, selbst wenn es bei der englischen Eroberung
Palistinas bliebe, seine jiidische Besiedlung vom deut-
schen Standpunkt aus zu begriifien wiire. Wir wollen
uns aber vorliufig auf den Boden der Zuriickeroberung
Pallistinas stellen, und fir diesen Fall ist es erst recht not-
wendig, dai Deutschland seinen ganzen EinfluB auf-
bietet, damit Paliistina den Juden als nationals Erbe
zugesprochen wird. Es ist selbstverstiindlich, daI
Deutschland dieses Ziel nur durch freundschaftliche Ver-
stiindigung mit der Tiirkei firdern kann. England hat
es in dieser Beziehung einfacher als Deutschland. Es
kann leichter iiber tiirkische Gebiete verfilgen, da es die
Ttirkei, im Gegensatz zu Deutschland, zerschlagen will.
Aber wenn man auch zugeben mag, daBi die tiirkischen
Staatsmlinner dem Begriff der kulturellen Autonomie etwas
mii3trauisch gegeniiberstehen, da sie in ihren friiheren
europiischen Besitzungen b6se Erfahrungen mit ihm ge-
macht haben: In Paliistina liegen die Dinge anders.
Hinter den pallstinischen Juden steht nicht, wie das
beispielsweise bei den mazedonischen Autonomiebestre-
bungen seinerzeit der Fall war, ein imperialistisch ge-
richteter Mutterstaat, der die von Angehbrigen seiner
Nation bewohnten Gebiete sich einzuverleiben trachten
kinnte; hier handelt es sich um ganz andere, mit den
Erfahrungen friiherer Zeiten nicht vergleichbare Verhilt-
nisse: Hinter den in Paliistina einwandemden Juden
steht kein der Tiirkei feindlich gesinnter Staat. Zudem
aber wirde eine iidische Siedlung in Paliistina immerhin







23 -


nur eine Minderheit gegeniiber dem sie von alien Seiten
umschlieBenden Arabertum sein und daher wohl dauernd
auf den Schutz und das Wohlwollen der Zentralgewalt
in Konstantinopel angewiesen bleiben, ein Umstand, der
ebenfalls eine starke Biirgschaft fir die Loyalittt eines
jiidischen PalZstinas bildet. Und abgesehen davon, wo-
rauf ich schon hinwies, dai die Zionisten die Lostrennung
von der Tiirkei gar nicht wollen: heute ist die jiidische
Kolonisation Palistinas das einzige Mittel, aus dem Lande
wieder einen wertvollen Bestandteil des tiirkischen Reiches
zu machen. Der ,,Besitz" Pallistinas ist in der letzten Zeit
fiir die Tiirkei nur durch die jiidische Arbeit in seiner
losen und fragwiirdigen Gestaltung verbessert worden.
Die Tiirkei selbst hat es in der Hand, Palistina oh ne
die Zionisten in seiner bishergen Wertlosigkeit filr den
tiirkischen Staat zu belassen, oder aber es mit den
Zionisten zu einem der wertvollsten und ergiebigsten Teile
des Reiches zu entwickeln.
Im pallistinischen Gebiet haben his ins nirdliche
Syrien hinein zur jiidischen Zeit und beim Beginn des
christlichen Zeitalters 7 bis 10 mal soviel Menschen ge-
wohnt als jetzt, und es ist sehr wohl msglich, dai die
heutigen modernen Hilfsmittel einer noch viel gr6f3eren
Zahl von Menschen Wohnung und Nahrung geben kin-
nen. Die jiidische Besiedlung wird nicht allein Pallstina
kultivieren: aus ihm heraus kann nach und nach das
Menschenmaterial heranwachsen, dessen Arbeit nicht nur
Mesopotamien wieder zu einer Kornkammer zu machen
vermbchte, sondern das auch fir die Erschlief3ung
Vorderasiens eine ganz besondere Eignung bestile. An
dieser Erschliefung haben Deutschland wie die Tiirkei
gleichermalen ein Interesse. Hier kinnen zahlreiche
Rohstoffe gewonnen werden, nach denen wir mehr denn
je auf Jahrzehnte hinaus hungern werden. Zu ihrer Her-
vorbringung aber gehbren Menschen, die willens und
fiihig sind, die Arbeit zu leister. Die Heranziehung dieser
Menschen auf palistinischem Boden ist m6glich. Die







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iidische Kolonisation ist das gegebene, geradezu Ideale
Mittel dafiir. Wenn die Tiirkei die Zeichen der Zeit
versteht, so kann sie sich in Palistina ein wirtschaftliches
Kraftzentrum schaffen, von dem aus EnergiestrSme sich
befruchtend auf das iibrige tirkische Reich ergieBen
werden. Und es gibt kein anderes Volk, das die Neu-
kolonisation Palistinas besser durchfiihren k6nnte, als
die Juden.
Ihnen, die bisher unter schwierigsten Verhailtnissen,
nur auf die eigene Kraft angewiesen, ohne jedwede be-
hordliche Hilfe, Vorbildliches zustande gebracht haben,
ist die Lebens- und SchaffensmSglichkeit in Palistina
Erfillung hichster Sehnsucht. Dort, wo fuir Hundert-
tausende und Aberhunderttausende die Stitte der Er-
ftillung all ihres religiBsen und anderen gefiihlsmgiBigen
Empfindens liegt, werden sie mit zehnfacher Lust und
Liebe ans Werk gehen und alle Kraft hergeben, die in
ihnen ist. Es ware wirtschaftlich und sittlich falsch und
vom deutschen Standpunkt sowohl wie von dem jedes
anderen Volkes aus sinnlos, die hunderttausende, durch
den Krieg beschliftigungslos gewordenen Ostjuden,
wieder in das graue Elend des Hausierers und Kleinhind-
lers zuriickfallen zu lassen.
Man mache diese gebundenen 6konomischen Krifte
endlich freil Sie dringen ja nach Entfaltung. Nach der
Verwiistung des Weltkriegs ist solch ein Neuaufbau,
solch eine NeuschSpfung, von der allergr6i3ten wirtschaft-
lichen und sittlichen Bedeutung, und man braucht weder
Tiirke, noch Deutscher, sondern nur ein Mensch zu sein,
um sich an dieser grofien und niitzlichen ,,zur Tat ge-
wordenen menschlichen Sehnsucht", wie Endres den
Zionismus einmal nennt, helfend zu beteiligen.
Die helfende Beteiligung, das Fortriumen von Hinder-
nissen, die vorbereitende Arbeit, Garantieen fuir die
Sicherheit der Ansiedlung zu erhalten: das wird die
Hauptaufgabe derer sein, die sich im Komitee ,,Pro
Paliistina" zusammengefunden haben. Alle HiuBeren Um-









stande sprechen ffir den Erfolg der Sache, der gerade fUr
uns Deutsche, die wir den englischen EinfluB auch
in Vorderasien mit dieser Arbeit bekaimpfen wollen,
eine ganz besondere Befriedigung wire. Die Arbeit
dieses Komitees erSffnet weite Perspektiven. Wenn wir
sie der Verwirklichung entgegenfiihren helfen, so dienen
wir sowohl dem nach seiner Wiedergeburt hungernden
jiidischen Volke, dem tirkischen Bundesgenossen, wie
auch den Interessen des eigenen deutschen Landes.



Anhang.
Erklarungen der englischen, 6sterreich.-ungarischen
tiirkischen, deutschen, franz6sischen und italienischen
Regierungen zu den zionistischen Bestrebungen.

I. Die Erklarung der englischen Regierung.
Sie erfolgte durch einen Brief, den der englische Staats-
sekretar des Auswiirtigen Amts, Balfour, am 2. No-
vember 1917 an Lord Rothschild in London richteto.
Der Brief hat den nachstehenden, in eng lischem Original
und in d e u t s c h e r Ubersetzung wiedergegebenen Wortlaut:

Foreign Office. November 2nd. 1917.
Dear Lord Rothschildl
I have, much pleasure in conveying to you, on behalf of
H. M. Government, the following declaration of sympathy with
Jewish Zionist aspirations which has been submitted to and
approved by the Cabinet
H. M. Government view with favour the establishment in
Palestine of a national home for the Jewish people, and will
use their best endeavours to facilitate the achievement of this
object, it being clearly understood that nothing shall be done
which may prejudice the civil and religious rights of existing
non-Jewish communities in Palestine, or the rights and political
status enjoyed by Jews in any other country. I should be
grateful if you would bring this declaration to the knowledge
of the Zionist Federation.
Arthur James Balfour.










Minfteduim des Auferen 2. November 1917.
Lieber Lord Rothschild!
Es ist mir ein groBes Vergniigen, Ihnen namens S. M. Re-
gierung die folgende Sympathie-Erkldrung mit den jtidisch"
zionistischen Bestrebungen zu iibermitteln, die dem Kabinett
unterbreitet und von ihm gebilligt worden ist:
Seiner Majestiit Regierung betrachtet die Schaffung einer
nationalen Heimstitte in Palistina fir das jidische Volk mit
Wohlwollen und wird die gri6iten Anstrengungen machen, um
die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei Klarheit
daritber herrschen mu8, daf3 nichts getan werden soll, was
die biirgerlichen und religiosen Rechte bestehender nicht-
jiidischer Gemeinschaften in Pallistina oder die Rechte und
die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen
Lande beeintrachtigen kinnte.
Ich bitte Sie, diese Erklarung zur Kenntnis der Zionistischen
FPderation zu bringen. Arthur James Balfour.
2. Erklirung der isterreichisch-ungarischen Regierung.
Sie erfolgte bei einem Empfang, den der damalige 6ster-
reichisch-ungarische Minister des Au&feren, G r a f C z e r n i n,
dem Mitglied des ,,Zionistischen Aktionskomitees" Dr. Hantke,
Berlin, Mitte November 1917 gewlihrte. Uber diesen
Empfang veriffentlichten die 6sterreichischen Zeitungen am
19. November 1917 die nachltehende halbamtliche Mitteilunmg
,Der Minister des AuBeren, Graf Czernin, hat Samstag
das Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees, Dr. Arthur
Hantke, zur lingeren Besprechung empfangen. In der Unter"
redung zeigte sich der Minister sehr befriedigt von den poli-
tischen Aufkliirungen Dr. Hantkes und sagte ihm die Unter-
stiitzung der 6sterreichisch-ungarischen Regierung fir die
zionistischen Bestrebungen bei der TUirkei zu."
3. Erklirung der tiirkischen Regierung.
Sie erfolgte in einer besonderen Audienz, die dem Mit-
glied des Zentralkomitees der deutschen ,,Zionistischen Ver-
einigung", Dr. Julius Becker, vom GroBwesir
Ta aat Pas c h a durch die Vermittlung des deutschen Bot-
schafters im D e z em b e r 1917 gewlihrt wurde. Dr. Becker
hat iiber diese Audienz in der ,Vossischen Zeitung" vom
31. December 1917 berichtet. Nachstehend sind die Erklirun-
gen des tiirkischen Grofiwesirs w6rtlich wiedergegeben.
Auf die Frage Dr. Beckers, welche Haltung die tlirkische
Regierung in Zukunft zu den jiidischen Bestrebungen in Pala-
stina einnehmen wiirde, antwortete der Grofwesir:







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,Wir waren stets von den besten Gof i h ln fOr
unsere jldischen Mitbiirger beseelt, und die Juden unsoros
Reiches waren uns immer ebenso lieb wie unsere anderen
Burger. Die Tiirkei ist ja das einzige Land, das nie eine anti-
semitische Bewegung gekannt hat, wie Sie sie in allen anderen
Lindern finden. Bei uns hat es nie judenfeindliche Regungen
gegeben, die auf die Politik unseres Landes hitten Einfluf ge-
winnen k6nnen."
Auf die Bemerkung Beckers, es sei wichtig, wenn die tirlki
sche Regierung erkliren wiirde, daB sie die kolonisatorischen
Bestrebungen der Juden in Palistina wohlwollend betrachte,
sagte der Grofiwesir:
,Diese Bewegung besitzt das Wohlwollen der Re-
g i e r u n g bereits, denn sonst wire ja die Entstehung und das
Gedeihen der heute bliihenden judischen Kolonien in Palastina
bisher schon unmSglich gewesen. Freilich stehen wir auf dem
Standpunkt, dafi wir den Juden keine Vorrechte vor unseren
anderen Biirgern einriumen k6nnen."
Dr. Becker wies sodann auf den Brief Balfours an Lord
Rothschild hin, worauf Talaat P a s c h a erwiderte: ,Mais
c'est une blaguel Ich bin fest iberzeugt, daB hinter diesen
Versprechungen nicht einmal ernste Absichten stecken. Eng-
land schreibt an Lord Rothschild, wie es an den Scheriff Hus-
sein geschrieben hat, und am Ende wird es nichts geben, weder
Hussein, noch den Juden. Sein einziger Zweck ist, Sympathien
zu gewinnen und die Juden der ganzen Welt fir die Ziele der
Entente einzufangen."
Auf die Bemerkung Dr. Beckers, daB in dem Brief Bal-
fours kein Wort gegen die tiirkische Regierung enthalten sei,
was er auf den Einflui der englischen Zionisten zurickfiihre,
die, obwohl sie gute Engliinder seien, sich der Tirkei gegen-
iiber stets loyal verhalten hiitten, sagte der Groflwesir:
,,GewiiB, das habe ich bemerkt, und ich habe es auch der
Loyalitit der Zionisten zugeschrieben. Ubrigens
ist as nur klug von den Zionisten, wenn sie sich nicht von der
Entente ins Schlepptau nehmen lassen."
Auf die fernere Frage Dr. Beckers, ob die bisher bestehen-
den Beschriinkungen, die der Ausbreitung der Kolonisation
hinderlich gewesen seien, nicht aufgehoben werden k6nnten,
antwortete der Grol3wesir folgendermaBen:
,Wenn die ottomanische Regierung bisher zu gewissen
Einschrinkungen gezwungen war, so hatte das seinen Grund
darin, daf die Juden, die nach Pallstina einwanderten und zum
gr6flten Teil aus Rufiland kamen, infolge des Widerstandes








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ihrer Reglerung notgedrungen ihre russische Staatsangeh6rig-
keit beibehielten. Daraus ergab sich der ganz anormale und
fir uns nattirlich sehr unerwitnschte Zustand, dafi ein groBer
Teil der Bev6lkerung nicht ottomanische Staatsangeharige
waren. Besonders liistig wurde dieser Zustand aber dadurch,
dafi unter der Herrschaft der Kapitulationen und der Konsular.
gerichtsbarkeit die fremden Untertanen der Rechtsprechung
der tiirkischen Gerichte entzogen waren una sich bei jeder Ge-
legenheit hinter ihren Konsul verschanzten. Die Konsuln ihrer-
seits suchten diese Situation auszubeuten, um ihre Stellung
zu starken, und die Folge waren immer neue Konflikte zwischen
ihrer Regierung und den tiirkischen Beharden. Es ist klar,
dafI solche Verhiiltnisse uns nicht befriedigen konnten, und dar-
aus erkldirt sich manche Mai3nahme zur Beschriinkung der
JUidischen Kolonisation. Nachdem jetzt glicklicherweise die
Tiirkei von dem Alb der Kapitulationen und damit auch der
Konsulargerichtsbarkeit befreit ist, und wir also die Wieder"
holung dieser unangenehmen Vorkommnisse nicht mehr zu
befiirchten haben, wird as m6glich sein, von diesen
Beschrankungen abzusehen. Natirrlich ist die Vor-
aussetzung dafiir immer, dalf die Juden, die sich im Lande
dauernd niederlassen wollen, ihre bisherige Staatsangehsrig"
keit aufgeben, um ottomanische Birger zu werden und alle
Pflichten zu erifllen, die mit dieser Staatsangeharigkeit ver-
kntipft sind."
Auf die weitere Bitte Beckers, der Grofiwesir mSge sich
doch auch zu der Frage der freien jitdischen Einwanderung
und ihrer ungestbrten wirtschaftlichen Entwicklung sowie iiber
die freie Betitigung der Juden auf geistigem und kulturellem
Gebiet iiuBern, sagte Talaat Pascha:
,Was die Frage der freien Einwanderung anlangt, so
sind meine eben abgegebenen Erklirungen ja schon die Ant-
wort darauf. Es versteht sich von selbst, dafl jede Einwande-
rung sich in den natiirlichen Grenzen der-derzeitigen Auf-
nahmefahigkeit des Landes halten muB, und es wire unmng-
lich, wenn etwa mit einem Male Hunderttausende nach Palli-
stina einwandern wollten. Diese kannte das Land ja heute gar
nicht ernihren. In ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsfreiheit
haben wir die Juden in Palistina niemals beschrankt. Im
Gegenteil, wir wissen das, was in Palistina von den Juden auf
wirtschaftlichem Gebiete geleistet worden ist, sehr wohl zu
schaiten. Was nun die M6glichkeit geistiger und kultureller
Betitigung betrifft, so haben sich die Juden schon bisher nie
fiber uns zu beklagen gehabt. Sie haben in den Stddten so-
wohl wie in den Kolonien ihre eigenen Kindergarten und








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Schulen gehabt, und sogar in der Begriindung eigener hiherer
Schulen haben wir ihnen niemals Schwierigkeiten gemacht.
Ich glaube, daBf die Juden in keinem anderen Lande sich auf
diesem Gebiete so frei bewegen konnten wie bei uns. Sie
haben in alien ihren Schulen v6llige Freiheit genossen, in ihrer
eigenen hebriiischen Sprache zu unterrichten und sich dieser
Sprache auch sonst zu bedienen, wo sie nur wollten. Ebenso
ist ihnen niemals in der Verbreitung ihrer Zeitungen und ihrer
Literatur ein Hindernis in den Weg gelegt worden. Und was
die freie Ausiibung ihrer Religion anbelangt, so werden die
Juden, wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft, nie-
mals belistigt werden, was fibrigens bel unserer bekannten
Toleranz gegentiber alien nichtmuselmanischen Bekenntnissen
selbstverstiindlich ist."
Auf die Frage Dr. Beckers, ob es maglich sein werde, den
Juden in Palistina eine gewisse Selbstiindigkeit in der artlichen
Verwaltung zu geben, erwiderte der Groflwesir:
,,Da muf ich zundichst wiederholen, was ich schon vorher
sagte, nlmlich, dafi es uns unm8glich ist, den Juden irgend-
welche Vorrechte zu geben. Sie kinnen nur dieselben Rechte
genreflen wie alle unsere anderen Staatsbtirger. Aber wir
haben ja berets in unserer jetzigen Gesetzgebung ein ziem-
lich weitgehendes Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden, und
in elnem neuen Gesetzentwurf, den wir eben jetzt im Parla-
ment vorlegen, beabsichtigen wir, hierin noch weiter zu gehen.
Die 5rtlichen Gemeinden und Vilajets (Provinzen) sollen noch
mehr Selbstlindigkeit erhalten als sie bisher schon haben. In
diesem Rahmen werden meines Erachtens auch a lle b e-
rechtigten WUVnsche der Juden in Paliistina
ihre Erfiillung finden k8nnen.
Nach dem neuen Gesetz werden alle Gemeinden von 5000
Einwohnern und dariiber das Recht der Selbstverwaltung
haben, und auch die kleineren jiidischen Gemeinden konnen
stets auf das Wohlwollen der ottomanischen Regierung rech-
nen. Im allgemeinen kann ich Ihnen die Versicherung geban,
daf unsere Regierung den Juden wohlgeneigt ist, und daB sie
bereit ist, alle sie betreffenden Fragen mit ihrem stets be-
wiihrten Wohlwollen zu behandeln. Ich ermlichtige Sie gern,
wenn Sie glauben, dati meine Erkliirungen zur Beruhigung der
8ffentlichen Meinung beitragen konnen, sie in Ihrer Zeitung zu
veriffentlichen."
4. Die Erkliirung der deutschen Regierung.
Sie erfolgte bef einem Empfang von Professor War b u r g
und Dr. Hantke vom ,,Zionstichen Aktionskomites" und









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Professor Oppenheimer, Dr. Friedemann, Professor
Sobernheim vom ,,Komitee fiur den Osten" durch den
Unterstaatssekretir des Auswirtigen Amts.
von dem Busche-Haddenhausen, am 5. January
1918. Laut einer Veroffentlichung, die am Abend des 5. Ja-
nuars 1918 durch das amtliche Wolffsche Bureau verbreitet
wurde, hat die Erklirung der deutschen Regierung den nach-
stehend wiedergegebenen Wortlaut:
,Wir wiirdigen die auf Entwicklung ihrer Kultur und
Eigenart gerichteten Wiinsche der jiidischen Minderheit in den
Lindern, in denen die Juden ein stark entwickeltes Eigenleben
haben, bringen ihnen volles Verstiindnis entgegen und sind zu
einer wohlwollenden Unterstiitzung ihrer diesbeziiglichen Be-
strebungen bereit.
Hinsichtlich der von der Judenheit, insbesondere von den
Zionisten, verfolgten Bestrebungen in Palistina begriifien wir
die Erkliirungen, die der Groiwesir Talaat Pascha kiurzlich ab-
gegeben hat, insbesondere die Absicht der kaiserlich osmani-
schen Regierung, gemiif ihrer den Juden stets bewiesenen
freundlichen Haltung, die aufbliihende jiidische Siedlung in
Palistina durch Gewihrung von freier Einwanderung und
Niederlassung in den Grenzen der Aufnahmefiihigkeit des Lan-
dea, von 6rtlicher Selbstverwaltung, entsprechend den Landes.
gesetzen, und von freier Entwicklung ihrer kulturellen -Eigen-
art zu f6rdern."

5. Die Erklarung der franz5sischen Regierung.
Sie erfolgte bei einem Empfang des Mitglieds des ,,Zio-
nistischen Aktionskomitees" Nahum S o k o o w beim Minister
des Aufleren Pichon und erhielt ihre affentliche Festlegung
durch ein amtliches Communiqu6, welches P i c h o n mit dem
nachstehend in franzosischer und deutscher Sprache
wiedergegebenen Brief Herrn Sokolow iibermittelte:
Ministbre des Affaires EtrangAres;
Direction des Affaires politiques et Republique franqaise.
commercials. Paris, le 16 fvrier 1918.
MonsieurI
Comme ii a 6te convenu au course de notre entretien le
Samedi 9 de ce mois, le Gouvernement de la Republique, en
vue de pr6ciser son attitude vis-a-vis des aspirations sionistes,
tendant A crder pour les juifs en Palestine un foyer national,
a public un communique dans la press.
En vous communiquant ce texte je saisis avec empresse.
ment 1'occasion de vous feliciter du g6n6reux d6vouement








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avec lequel vous poursuivez la rdalisation des voeux de vos
cor6ligionnaires, et de vous remercier du zble que vous appor-
tez B lear faire connaitre les sentiments de sympathie que leurs
efforts 6veillent dans les pays de l'entente et notamment en
France.
Veuillez agr6er, Monsieur, l'assurance de ma consideration
Sign&: Pichon.
M. Sokolow, Hotel Meurice (Paris).
Le communique
Monsieur Sokolow, repr6sentant des Organisations Sio-
nistes, a 6t6 requ ce matin au Ministbre des Affaires EtrangBres
par Monsieur St6phan Pichon qui a 6t6 heureux de lui con-
firmer que l'entente est complete entire les Gouvernements
Francais et Britannique en ce qui concern la question d'un
6tablissement Juif en Palbstine.

Ministerium des Auswiirtigen, Franzsische Republik.
Direktion der politischen
und Handelsangelegenheiten. Paris, den 16. February I918.
Sehr geehrter Herrl
Wie es im Laufe unserer Unterhaltung am Sonnabend,
den 9. d. M. beschlossen wurde, hat die Regierung der Re-
publik, im Hinblick auf die Prizisierung ihrer Stellungnahme
zu den zionistischen Zielen, die dahin gehen, filr die Juden eine
national Heimstiitte in Palastina zu schaffen, ein Communique
in der Presse ver6ffentlicht.
Indem ich Ihnen diesen Text mitteile, ergreife ich mit
Eifer die Gelegenheit, Sie zu der hochherzigen Ergebenheit
zu beglickwiinschen, mit der Sie. die Verwirklichung der
Wiinsche Ihrer Glaubensgenossen betreiben, und Ihnen fiur den
Eifer zu danken, mit dem Sie dazu beitragen, sie mit den sym-
pathischen Gefiihien bekanntzumachen, welche Ihre Be-
mithungen in den Lindern der Entente und besondrs in
Frankreich hervorrufen.
Ich verbleibe, sehr geehrter Herr,
hochachtungsvoll gez. Pichon.
Herrn S oko o w, Hotel Meurice, Paris.
Communique.
Herr Sokolow, Vertreter der Zionistischen Organisationen,
ist heute friih im Ministerium des Auswirtigen von Herrn
Stefan Pichon empfangen worden, der gliicklich war, ihm zu
best&tigen, daily ein vollkommanee Einvernehmen zwichan do








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franzisischen und der englischen Regierung betreffs der Frage
der Errichtung einer jiidischen Siedlung in Palistina herrscht
6. Erkllirung der italienischen Regierung.
Sie erfolgte durch den nachstehend in italienis c h e r
und d e u t s c h e r Sprache wiedergegebenen Brief des ita"
lienischen Botschafters in London, Marquis I m p e r i a i, an
Herrn Nahum S o k ol o w, Mitglied des Zionistischen Aktions-
komitees.
Londra, li 9 Maggio 1918.
Pregiatissimo Signore,
D'ordine de Sua Eccellenza il Barone Sonnino, Ministro
per gli Affari Esteri del Re, ho Fonore d'informarla che, in
relazione alle domande che gli sono state rivolte, il Governo
de Sua Maesth b lieto di confermare le precedent dichiara-
zioni gih fatte a mezzo dei suoi rappresentanti a Washington,
1'Aja, e Salonicco, da essere cio& disposto ad adoperarsi con
piacere per facilitare lo stabilirsi in Palestina di un centro
nazionale ebraico, nell' intesa pero che non ne venga nessun
pregiudizio allo stato giuridico e politico che gl'Israeliti gi6
godono in ogni altro paese.
Gradisca, Pregiatissimo Signore, gli atti della mia distin-
tissima considerazione. r
Imperial.
Signor Nahum Sokolow,
35/38 Empire House, 175 Picadilly, W. I.
London, 9. Mai 1918.
Hochgeehrter HerrI
Im Auftrage Seiner Exzellenz, des Barons Sonnino,
K6nigl. Ministers des Auswiirtigen, habe ich die Ehre, Sie
davon in Kenntnis zu setzen, daf bezugnehmend auf die
Wiinsche, die ihr tbermittelt wurden, die Regierung Seiner
Majesyt sich freut, die vorhergehenden Erkliirungen zu be-
staitigen, die sie durch Vermittlung ihrer Vertreter in Was-
hington, Haag und Saloniki gemacht hat, dahingehend, dafB sie
bereit ist, mit Vergniigen daran mitzuarbeiten, die Errichtung
eines nationaljiidischen Zentrums in Palistina zu erleichtern,
unter der Voraussetzung jedoch, dafi dadurch die rechtliche
und politische Lage, die die Juden zurzeit in irgend einem
anderen Lande genieflen, in keiner Weise beeintrichtigt wird.
Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr, den Ausdruck meiner
ausgezeichneten Hochachtung. i.
Herrn Nahum Sokolow,
55/38 Empire Houee, 175 Picadilly, W. I.



Buchdruckeret Streuf A.-G., Berlin SW 8.







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Generaldirektor Hubert Au age n, Rektor doer Land-
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S':- hag:en, Verigsdirektor, Bxerniard, Prof.Dr. Blan- '
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Seimer Regi'iungsrat Clei n o, ,C Phen M.'d.R., Landrat!aD. v. De-witz, M.d.'A;, Oberst
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': rab ow S :y, Prof. Dr. I'ob'itz s h,, Prof. Ernst
,,Jaeck-h,-Redakteur Katiski, Prof. Dr. Kamp f f- .
i einy e i, Redakteur K ranold (Chemnitz>, Prof. Dr. ','
Mein h of (Hanmbirg, Koloniafinstitut>, Kgl. Oekonomine-
S rat Dr, Lothar M e y e r <(otiadh>, Geh. Regierungsrat
Prof. Dr. Morit z, KammerherrDr. Blrries Fredherr
: .-vonn Muncbhbausen, Dr. Quessel M..d. R.;
S & eid emann M. d. R., Prof. Dr. Sombart, Prof.:
SDr. Ludwig S tein, Geh. RegierungsratProf. Dr, Stuh ih
a ima nn Haimburg, Kolonialinstituto AdmiraVlz, D. udnd .
'; Gouverneur a. D. von Trupp el, Exzellenz, Dr. V o, s
Sber g Re ko w, Prof. Dr. Max We bhe r ObervervaItungsgeriditsat Graf v.'Westarp M. d.R,,
-..:Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Wiedenfeld, Geh.,
Oberregierungsrat i.md vortragender, Rat im Reidi-c ,
,.Konnlamt Prof. Dr. Z o p f 1.

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