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Group Title: Schuld und Verantwortung : 10 Jahre nach der Kristallnacht, 9. November 1938
Title: Schuld und Verantwortung
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Permanent Link: http://ufdc.ufl.edu/UF00072059/00001
 Material Information
Title: Schuld und Verantwortung 10 Jahre nach der Kristallnacht, 9. November 1938
Physical Description: 48 p. : ill. ; 21 cm.
Language: German
Creator: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Landesvorstand Niedersachsen
Publisher: Buchdruckwerstèatten Hannover
Place of Publication: Hannover
Publication Date: 1948
 Subjects
Subject: Kristallnacht, 1938   ( lcsh )
Genre: non-fiction   ( marcgt )
 Notes
Statement of Responsibility: zusammengestellt und hrsg. vom Landesvorstand Niedersachsen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.
 Record Information
Bibliographic ID: UF00072059
Volume ID: VID00001
Source Institution: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Holding Location: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Rights Management: All rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier: oclc - 04789404

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Schuld und Uerantwortung




10 Jahre
nach der Kristallnacht
9. November 1938










JUDAICA
UBRARY
Zusammengestellt und herausgegeben vom Landesvorstand Niedersachsen der
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN)
Druck: Buchdruckwerkstltten Hannover GmbH.' CDH 524, Hannover. 1851110 000
September 1948, K1. C







UNSERE SCHULD UNSERE VERANTWORTUNG
Propst zu Berlin Heinrich Grueber
Auf der von der VVN Land Niedersachsen zum 8. und 9. November
1947 nach Pyrmont einberulenen Tagung ,,Humanitdt oder Antisemitis-
mus" machte Propst Grueber, einer der Vorsitzenden der VVN fur
die sowjetische Zone Deutschlands, folgende Ausfihrungen, die
leider heute genau so aktuell sind, wie vor einem Jahr. Propst
Grueber spricht insbesondere auch fir den Teil der christlichea
Menschen in Deutschland, die aus ihrem Christentum wahrend der
Hitlerzeit auch dann die notwendigen praktischen SchluiBolgerungen
zogen, wenn Verfolgung und Gefahr an Leib und Leben drohten.
Es gibt in unserem Leben Stunden, mit denen wfr nicht so leicht fertig
werden und deren Gedenken uns immer wieder das Geffihl von Scham-
rite und Mitschuld aufkommen lassen! Ich selbst wei3 in meinem Leben
von zwei Zeiten, bei' denen mich das Geffihl tiefster Beschdmung nicht
verlaibt! Das eine ist die Abschlachtung von Tausenden russischer
Kriegsgefangener im KZ Sachsenhausen, an die wir wieder erinnert
wurden in dem Prozefi gegen die Wachmannschaften, der vor kurzem in
Berlin lief, und in dem ich als Zeuge auftreten muf3te.
Es war im August 1940, als der erste Transport bei uns im KZ Sachsen-
hausen ankam. Wir anderen HBftlinge, die. wir diese Grausarnkeiten im
Lager miterlebten, riihrten uns damals nicht. Wir waren von Entsetzen
und Grausen so gepackt, daB wir starr und ratios dastanden. Wir wuB-
ten, daB ein Aufschreien uns das Leben gekostet h~tte und doch hitte
die Wahrhaftigkeit gefordert, dab wir diesen Bestien ihre Untaten offen
bezeUgt h~tten.. Wir fanden nicht den Mut, gegen dieses Morden in sei-
ner ganzen Grausamkeit aufzutreten. Darum leben wir heute noch,
aber wir leben als Mitschuldige.
Die andere -dunkle Zeit in der Vergangenheit sind die Novembertage
1938, als sich dieselbe sadistische Meute iiber unschuldige, wehrlose
Menschen hermachte, Synagogen ansteckte, Geschifte plUnderte, mit
Menschenleben spielte und Menschenrecht und Menschenwiirde mit
FUiBen trat.
Der Pobel machte mit. Der SpieBer steckte den Kopf in den Sand oder
er zog sich die Zipfelmiitze tiber die Ohren und Augen und der Reichs-
iugenminister verkiindete stolz: ,,Das war der spontane. Willen des
Deutschen Volkes!". Gerade wir wenigen, die damals vielleicht Tag und.
Nacht unterwegs waren, um zu helfen und zu trbsten, um Verstecke zu
finden und Wege ins Ausland zu bffnen, wir wuBten es damals, und
wir wissen es heute, wie wenig wir zu listen vermochten und wie sehr
wir versagten.
Es fand damals keiner das entscheidende Wort, hatte keiner den Mut
zur entscheidenden Tat. Manche machten ihre Faust in der Tasche;
einige bekundeten ihren Unwillen im Freundeskreis; die Bekennende
Kirche rief zu Protestversammlungen auf, einige mutige Predigten wur-
den gehalten; aber was bedeutete das alles im Blick auf das gesamte
Versagen des In- und Auslandes.
Es steht uns jetzt kein Urteil fiber das Ausland zu, aber um der ge-
schichtlichen Wahrheit willen muB es einmal gesagt werden, dab das

3









Die ,,Bliite" der SA organisiert den Juden-Boykoft 1933

"Ms di m Mr-


Die Herrenmenschen marschieren auf und .







gesamte Ausland und gerade die Stellen, di6 sich jetzt so pharishisch
benehmen, schmihlich versagt haben. Wenn wirklich die Ideale, die
man heute so leicht zur Schau stellt, damals die Politik der anderen
LBnder beherrscht hatte, wire es tin leichtes gewesen, auch hier ent-
sprechende Schritte zu unternehmen. Im Verfolg jener Tage 1938 be-
suchle ich den Minister eines Landes, das friiher fuir seine Gastfreund-
schaft und fir die Vertretung der Menschenrechte bekannt war, das sich
aber jetzt lngstlich vor allen verschloB, die aus Deutschland kamen.
Ich versuchte, Gehdr fUr mein Anliegen zu finden und bat ihn, seinen
EinfluB dahin geltend zu machen, dafi sein Land weiterhin ein Hort der
Humanitat und eine Zufluchtsstitte fUr Verfolgte bleiben mSchte. Als
auf alle meine Bitten immer wieder Ausreden kamen, sagte ich dem
Minister, der ein Christ sein wollte:
,,Herr Minister, die Seelen der Menschen, die jetzt zum Selbstmord ge-
trieben werden, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, werden
einmal im letzten Gericht auch von Ihnen gefordert werden." In
Deutschland war es ja s9: Die Beamten hatten einen Befehl und fiihr-
ten den Befehl aus, und der Pbbel hatte eine billige Gelegenheit, sich
auszustaffieren. Alle, die damals die Gelegenheit zu KDF (,,Kauf durchs
Fenster") wahrnahmen, sind ja dieselben, die heute in stramm anti-
faschistischen Phrasen machen, wenn etwas dabei herauskommt. Der
SpieBbUirger schlief damals und schlift heute, und die Brandstifter
treiben ihr Werk ungestBrt welter.
Es fing an mit dem Reichstagsbrand, als Arbeiterffihrer entrechtet und
ihrer Habe beraubt wurden. Der ewige Pharisier dachte damals: Das
betrifft mich nicht. Dann kam der Brand der Synagogen, die Gefahr
riickte schon etwas niher, und doch going es noch nicht um das eigene
Haus und die eigene Existenz. Und dann kam der Weltbrand, von dem
nun alle betroffen wurden. Es ist fiir uns eine Linie von Februar 1933
fiber den November 1938 bis zum September 1939, und wenn es eine
Besinnung im Jahre 1933 oder etwas mehr Mut im Jahre 1939 gegeben
hatte, dann wiren uns vielleicht 1939 und 1945 erspart geblieben.
Ein fiihrender Amerikaner, der Prisident des ,,Council of Christians and
Jews", das sich die Verst~ndigung von Rassen, Religion und Volkern
zur Aufgabe gestellt hat, erzihlte bei seiner letzten Anwesenheit in
Berlin folgende Geschichte. Er war im Jahre 1932 im Kaiserhof in Ber-
lin, um mit ffihrenden Mdnnern der Wirtschaft und des Geisteslebens
diese Fragen zu besprechen und die Mbglichkeit der Verwirklichung
dieser Gedanken in Deutschland zu iiberlegen. Es wurde ihm damals
geantwortet: ,,Wir Deutschen brauchen keine besondere Organisation,
um diesen Gedanken zu vertreten. Wir sind ein so freiheitliches Volk,
bei uns ist Gedankenfreiheit und Toleranz etwas ganz selbstverstind-
liches." Darauf erwiderte er seinen G5sten, er habe am Morgen hier
im Kaiserhof Herrn Hitler mit seinem Gefolge Hanfstengel, Hef6 u. a.
mehrere getroffen, die von einer Rundfunkilbertragung gekommen seien,
und er fragte sie, wie sie fiber die Gefahren dBchten, die dort auf-
steigen und die in den Reden Herrn Hitlers immer wieder durch-
klingen. Darauf wurde im selben Brustton erwidert: ,,Wir.Deutschen
sind ein viel zu aufgeklirtes Volk, um auf solche aabwegige Dinge her-
einzufallen. Wir haben Hitler durchschaut als einen wahnsinnigen Ver-
brecher." Der Amerikaner sagte dann weiter: ,,Ich stand jetzt in diesen
Tagen nach 15 Jahren wieder an derselben Stelle. Der Kaiserhof ein









(;. J. N-. 4 Sttpo., SD., SS., PO. ,i. 9. 11.2355 U.S. A. 729 :374- PS1




I

Berlin Nr. 234 04 P. 11. 2355



3 An tlle Stapo-Stelltn und Stlapnoitstellen An Lctler oder Selivertreter.

Inv's.C F'S Stt arutort itu diem schnmlstlen Wvgc. ;',rzulcgen.
1. F.., wrt-rn in ikurzi'.. r Frit in- ganz Diul h t'.hrmd Aktinmn e-n gn Judtn. :r.U'-
sn'tr it'g.n di-crkin iyni>trw'.-n la.rt:tnidn. S!i .dri ni mcht zu st;:r'n. Jcdoh i! i
BR luthni'tt mtti !t.r Ordnungpji,'h1ti sichirui.'ui lb n. d.d, il'inmderungen undi s.inst,
bthlndi.ret Auiilih t iiVflhun;tvn un teriburdicn wvtdin k:n 'r n.
2 Sfl-rn -htch ini SylnagiRgn wichtiites Archtvlnismt'rrial btfind't. i1l diec-. durch cire
,dlortlge' lta;nfinaht sichtvrustellen.
I. Es t vi rztuil'it.'n die F'stnailhmn von ctwia 20--30t0i) Jurt n nn friche E- -:f .
;un :tl'"uA.h!Irn \'ar m v (rtmuicnd'c Jtldn, N.ahtri' Aj,ordringein r ch. e cr n'ith 1i"
Lt-.if (dtltwii Nuahi.
i Sllten hibi denli klilllln.'i'lrn AktionR n Juden :m'n B-i;z *.on V.ll- n ang::i r.:-it.n v ir-
dfin. .-o i:.d dii m-h'afrf-Iin M.iOnahmlrn durchzuhtt.hren Zi'-lt in G(c-aa!kn''r-n(n
kunnn ltra;.!"zii)rgen '\crdi'n Veri-i.gini.trnupp;n der SS Dutirh 'ntsji.r(ihltnd' M;tiBllnhim n it die F:hrtung der iAk!l'.n'n dur-., ci;L: '- :-
aif jeden Fall atchtrtzurcellen.
Z us a t z f u r St apo K ti n :
In der Syvnnkgae KIln lbxfindet s ith tbo-.ndtrs v.rig"*' M.atrial D:e- --t durai
tchnicate MarBnahmn im Eenchmen mit SO ~-ofort shcu rzusI'liin.
Gestapc I! Mcl'ierr
i'f"c'. FS :s' ge<'inm.



DiK 411 LIS 202
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s,,bald vn, gn nt'eCiti:ner1n nnwr'isung-en zur bh-cnd;agung der ti-khl:,,ci. v';ci.i da.^uer
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artriten im aufltri d&r ih)!izi au.fuchrrn lasi-.n trurnimmer tr, syi.:ag:ag.;r ..-w. i;c-
-Ihtiit gtt bt iitiren lisson --
ch,-f !-"r .rdinungs'poli.-h
:.ndr r b f~i(ch '..t ;i k' g .i n.-
224 38


geben den Befehl und . .







Trtmmerhaufen. Die Menschen selbst wenn sie noch am Leben sind,
um Hab und Gut gebracht."
Diese Geschichte bietet uns nichts neues,- und doch wollen wir sie uns
einmal durchdenken, weil die Situation heute eine ihnliche ist wie vor
15 Jahren. Die Raffinierten sehen zu, wie sie zu ihrem Profit kommen.
Die wohlmeinenden Spieler aller Kategorien treiben wieder Vogel-
strau8politik und stecken den Kopf in den Sand, und alles, was an
Zeichen eines neuen Unwetters sich zeigt, wird bagatellisiert und man
meint, darilber zur Tagesordnung gehen zu konnen. ,,Wir haben etwas
aus der Vergangenheit gelernt, uns kann so 'etwas nicht passieren, wir
lassen uns nicht noch einmal iiberraschen." Das sind dieselben Kreise,
die vor 1933 klug geredet haben und von 1933 bis 1945 noch kliiger
geschwiegen haben.
Wir fragen uns einmal ehrlich: Was haben wir aus der Geschichte ge-
lernt? Und wo zeigt es sich im 6ffentlichen Leben, dai wir etwas dazu
gelernt haben. Die sogenannten Lehren der Geschichten sind nicht nur
in unserer kurzlebigen Zeit schnell vergessen. Glaubt Ihr wirklich, daB
alle diese Lehren verstanden kaben und sie beherzigen. Ich zweifle
iiberhaupt daran, daB V61ker aus der Geschichte etwas lernen und daB
diese sogenannten Lehren der Geschichte eine wirklich gestaltende und
umbildende Kraft besitzen. Ich bin der Meinung, daB das Gewissen
der Menschen und Volker von anderen Michten beeinfluBt und ge-
schdrft werden muB, und nur da, wo das Gewissen in- Ordnung ist, da
kinnen Augen und Ohren .die Zeichen der Zeit vernehmen oder er-
fassen. Da kann der Verstand die Sprache der Zeit deuten.
Ueberall im deutschen Reich hdren wir davon, daB die alten HaBlieder
gesungen werden, daB Friedhdfe geschandet, daB Hiuser beschmiert,
daB Drohbriefe jetzt noch anonyme geschrieben werden. Glaubt
Ihr es wirklich, daB wenn jetzt wieder ein monomaner Psychopat
auftritt, der den Menschen golden Berge: Arbeit, Freiheit, Brot, Kohlen
und Kalorien und weiB ich was sonst verspricht, ausreichend intellek-
tuelle, ethische und charakterliche Hemmungen in unserem Volke vor-
handen sind, um die Menschen von einem neuen Irrweg, der uns aufs
Neue mitschuldig macht, zuriickzuhalten?
Wenn jetzt in zunehmenden MaBe solche Bewegungen sich breit
machen, so ist das fir -nich ein Beweis dafiir, daBf wir nicht nur nichts
aus der Vergangenheit gelernt haben, sondern daB wir auch mit der
Schuld der Vergangenheit noch nicht fertig geworden sind. GewiB, vor
zwei Jahren, als man noch unter dem Schock des Zusammenbruches
stand, da suchte sich jeder so einen Juden, dem er einmal geholfen und
dem er einmal ein freundliches Wort gesagt hatte und jeder registrierte
seine judenfreundlichen Aeuferungen aus der Vergangenheit, weil man
glaubte, sie fiur die politische Persil-Aktion, die man Entnazifizierung
nannte, gebrauchen zu k6nnen. Damals hatte man ja auch noch etwas
Respekt vor den Menschen, die die besten Jahre ihres Lebens und ein
gutes Stiick ihrer Gesur.dheit im KZ geopfert haben, heute mitssen wir
OdF's uns entschuldigen, daB wir iiberhaupt noch leben, und dabei
wagen wir es schon gar nicht mehr, irgendwelche Forderungen zu stel-
len, auf die man meint, ein Anrecht haben zu k6nnen. Heute miussen
die Juden wieder gegenwirtig sein, daB sie nicht nur zurUckgestellt und
beschimpft, sondern wieder fUr alles schuldig gemacht werden, und da--
bei macht man sich die Dinge sehr leicht, indem man alles das, was
einem in der Vergangenheit unangenehm ist, in die Mirchenwelt ver-





G.J. NIr.9 Stdpo.,SD.,PO.,SS. J. 11.. I1938 -- U.S. A.425 17-1--PSi


S& der NSDAP.
Brigade so lStarkenburg)
AbleilunjgF Br. NY. 4300


Darmstadt, den II. November 1938


An
SA-Gruppe Kurpfalz
Mannhei m.

Am 10 1. 1938 3 Uhr erreichte mich folgender Betehi:
,.Aut Befehl des Gruppnfiihrers sind sotort nnerhalb der Brigade 50 amtliche )iidi-
schen Synagogen su sprengen oder in Brand zu setzen.
Nebenhauser, die von arischer Bevilkerung bewohnt werden, durfen nicht beschadigt
werden. Die Aktion ist in Zivil auszufuhren. Mcutercien oder Plunderungrn sind zu
unterbinden. Vollzugsneldung bis 8.30 Uhr an Brigadefuhrer oder Dienststelle."
Die Standartentuhrer wurden von mir sofort alarni-ert und genauestens instrulert. und
mit dem Volzug sofort begonnen.
Ich melde hiermit, es wurden zerstort im Bereiche der


Standarte 115
1. Synagoge in Darmstadt. Bleichstrafie
2. Synagoge in Darmstadt. FuchsstraSe
3. Synagoge in O. Ramstadt
4. Synagoge in Griitenhausen
5. Svnagoge in Griesheim
6. Synagoge m Pfundstadt
. Synagoge in Eberstadt
St anda r e 145
1. Synagoge in Bensheim
2. Synagoge in Lorach in Hessen
3. Synagogc in Heppenheim
4. Synagoge in Birkenau
5. Gebetshaus in Alsbach
6. Versammlungsraum in Alsbach
7. Synagoge in Rimbach
Standarte 168
1. Synagoge in Seligenstadt
2. Synagoge in Offenbach
3. Synagoge in Klein-Krotzenburg
4. Synagoge in Steinheim a.M
5. Synagoge in Milhlheim a.M
6. Synagogue in Sprendlingen
7. Synagoge in Langen
8 Synagoge in Egelsbach
Standarte 186
1. Synagoge in Beerfelden
2. Synagoge in Michelstadt
3. Synagogue in K6nig
4. Svnagoge in Hichst 1 0.
5. Synagogue in Grol-Umstadt
&. Synaroge In Dieburg
7. Sv.nagoge in Babenhausen
H. Synagoge in GroB-Blebcrau
p.- Snang ie in Frank. Crumbach
o1 Synagoge in Reichelaheim
Standard te 22t


durch Brand zerslort
durch Brand zerstort
Innenraum und Einrichtung zertrurmmert
Inncnraun und Einrichtung zertrummert
Innenraum und Einrichtung zcrtrunmmert
Innenraum und Einrichtung zertrummert
durch Brand zerstort

durch Brand zerstirt
durch Brard zerstort
durch Brand und Sprengung zerstort
durch Brand zerstort
durch Brand zerstort
durch. Brand zerstbrt
lnnenentrichtung vollstAndig zerstort

durch Brand zerstdrt
durch Brand zerstort
durch Brand zerstort
durch Brand zerstort
durch Brand zerstbrt
durch Brand zerstbrt
durch Brand'zerst6rt
durch Brand zerstort

durch Sprengung zerstirt
Innenetnrichtung zertrummert
SInneneinrichtung zcrtruimmert
Innenelnrichtung zertriimmert
Innencinrichtung zertrtimmert
Innencnrichtung zertrummert
Inneneinrichtung zertrummert
durch Brand zerstbrt
Innencinrichtung zerstirt
Innencinrichtung zerstcrt


. man gehorcht.








schiebt oder als bloBe Propaganda hinstellt. Als neulich der Sachsen-
hausenprozeB in Berlin lief, da war die Meinung des Durchschnitts-
burgers dabei wurde er auch durch die Bemerkungen einiger Zeitun-
gen unterstiitzt -, dab es sich dabei nur um Schauprozesse handelt, die
keinen anderen Zweck als den der Propaganda hitten. Das Endresultat
war wieder die Beruhigungspille: So schlimm wird es nicht gewesen
sein. Wir, die wir als Zeugen vor Gericht standen, wir waren entweder
unaufrichtig oder gekaufte Kreaturen. Und doch war es so, daB sich
uns der Mund schloB bei den gr6l3ten Greueln und bei den schmahlich-
sten Schimpfwdrtern. Was wir schilderten, war nur ein Tell dieses
gewaltigen Infernos, das wir erlebten. Wenn heute auf der anderen
Seite ein paar tausend Menschen, die von hunderttausenden Vergasten
und Ermordeten in Deutschland zuriickgeblieben sind, nun etwas
Lebensraum fordern, wenn die Menschen, denen man alles geraubt hat,
um Rickgabe wenigstens eines Teiles des gestohlenen Gutes bitten,
wenn Menschen jahrelang illegal gelebt und gehungert haben, nun ein
Paket aus dem Ausland bekommen, dann erhebt sich bei denen, die ein-
mal so klug geschwiegen haben, jetzt ein Geschrei und Gezeter fiber
jildische AnmaBung und Ueberheblichkeit, und die, die selbst nichts
lernen wollen, werfen dann den anderen vor, daB sie nichts gelernt
haben.
Die Zeit von 1932 bis 1945 ist eine kurze Zeit. Im Zeitraum der Welt-
geschichte bedeuten 13 Jahre nichts und doch kinnen sie nicht nur fir
einen Menschen, sondern auch fiir ein ganzes Volk Tod oder Untergang
bedeuten. Von 1947 bis 1960 wird es auch) eine kurze Zeit sein, die
manche noch mit erleben m6chten. Wollen wir noch einmal mitschuldig
werden an Leid und Tod von Millionen Menschen, vielleicht auch an
einem neuen Weltenbrand?
Wenn jetzt die alten Krifte, die uns einmal ins Ungliick stiirzten, unge-
stbrt und ungestraft sich wieder regen, dann liegt m. E. die Ursache
darin, daB wir vor allem mit der Schuld der vergangenen Zeit; heute noch
nicht fertig geworden sind, und wo man die Stimme der Schuld und Mit-
schuld nicht h6ren will, da sucht und schreit man um so later nach
Schuldigen. Es ist eine alte Wahrheit auch im Lebean der V61ker, daB
unvergebene Schuld zu neuer grbBerer Schuld ffihrt. Ich' darf es wohl
sagen, dal wir Verfolgte des Naziregimes, die wir die KZ's Uiberstanden
haben und die wir die SolidaritBt, die uns dort geschenkt wurde, hinein-
tragen wollen in die neue Zeit, daB wir alles daran setzen, nicht noch ein-
mal mitschuldig zu werden. Wir wissen um eine Gemeinschaft, die sich
gebildet hat zwischen rassisch, religiSs und politisch Verfolgten und wir
werden in dieser Gemeinschaft im Kampf stehen gegen alle, die aufs
Neue dem Untermenschentum, der Intoleranz und dem Machthunger fr6-
nen. Wir werden alles, was in unserer Macht steht, tun, daffir zu sorgen,
daB Menschen nicht wieder ohne Grund hinter Stacheldraht gesetzt, daB
ihnen ZMhne eingeschlagen werden. Wir wollen es nicht noch einmal
erleben, daB Hunderte und Tausende Kameraden tot und lebend in die
Oefen der Lager-Krematorien geschoben werden.
Wir rassisch, religios und politisch Verfolgten wollen in der vordersten
Reihe dieses Kampfes stehen, wenn einmal die Nazis neu aufleben sollten
und wenn auf antisemitische Phrasen wieder Progromhandlungen folgen
sollten. Wir, die wir mit unseren jiUdischen Kameraden das Zebrakleid
des Lagers, das uns ein Ehrenkleid geworden ist, getragen haben, wir
lassen es nicht mehr zu, daB ein Mensch um seines Glaubens willen und

9









seiner Rasse verfolgt wird. Ich sage es immer wieder im Namen von
Zehntausenden Verfolgten des Naziregimes, daB wir nicht nur um diese
Solidaritdt wissen, sondern das uns ein Manneswort bleibt:
,,Wer einen Juden anfaBt, der greift uns an, und wer einen
Juden beschimpft, der trifft uns."
Wir kennen unsere groBe Schuld in der Vergangenheit. Darum kennen
wir auch noch unsere grdBere Verantwortung fUr die Zukunft.
Wir als Volk in der Mitte von Europa, die wir zum Unruheherd der Welt
geworden sind, wir kennen unsere besondere Aufgabe in der gesamten
Welt. Was vor uns steht, sind ja nicht nur Wiedergutmachungsverpflich-
tungen auf wirtschaftlichem, sondern es sind vor allem Reparationen auf
sittlichem und seelischem Gebiete. Wir haben einst Kliifte aufgerissen
und miissen jetzt Brficken bauen, und wir kinnen eine Aufgabe in der
Welt nur durchftihren, wenn wir sie zuerst in unserem Volke gel6st
haben.
Unsere Zukunft hdngt ja jetzt davon ab, was die Minner, die sich jetzt
in London zusammenfinden, an Mbglichkeiten erarbeiten, um der Welt
und Deutschland zu einem gerechten und dauerhaften Frieden verhelfen.
Aber alles das, was von auBen kommt, bleibt vergeblich, wenn nicht im
Volke selbst eine neue Umkehr und neue Willensbildung erfolgt. Wenn
wir uns aufs neue von unverant-
wortlichen, gewissenlosen Dema-
gogen in eine neue Katastrophen-
politik fiihren lassen, ist es aus.
Wir swollen nicht in die Fehler
von 1932 bis 1945 verfallen, da8
wir sagen: Es betrifft uns nicht,
und so schlimm wird es nicht
warden. Wer dem Teufel den
Finger gibt, der wird ihn nicht
nur bald die Hand geben miissen,
sondern wird seine Macht am
ganzen K6rper verspilren. In der
Geschichte der Kirche ist es noch
immer so gewesen, daB jede
Judenverfolgung eine Christen-
verfolgung nach sich zog und wo
eine Gruppe von Menschen diffa-
miert und verspottet wurde, da
goB man bald auch Hohn und
Spott auf alles das, was Men-
schenantlitz trug. Da war man
bald bereit, alle Menschenrechte
zu verachten und alle Menschen-
wtirde zu verhbhnen. Aber je
mehr um die Vergebung der
Scluld wissen, um so mehr wird
uns Kraft geschenkt, den Anderen
zu tragen und zu ertragen, an Ihre? Unsere Schande
Unrecht zu wehren und den
Frieden zu mehren! Cuxhafen im 3. Reich

10









DEUTSCHE MINISTERGESPRACHE 1938
(Auszug aus dem stenographischen, Protokoll einer Ministerbesprechung
unter Vorsitz G6rings im RLM am 12. November 1938.)

Fu n k: Es ist fhr uns eine ganz entscheidende Frage: Sollen die judischen
Geschafte wieder aufgemacht werden?
G o e bb el s : Ob sie aufgemacht werden, ist eine andere Frage. Es handelt
sich darum, ob sie wiederhergestellt werden. Ich habe Frist gestellt bis
Montag.
H e y d rich : Es sind im ganzen 101 Synagogen durch Brand zerst6rt,
76 Synagogen demoliert, 7500 zerst6rte Geschdifte im Reich.
Gob e bbe s : Ich bin der Meinung, dao das der AnlaB sein muB, die
Synagogen aufzuIosen. Alle, die nicht mehr vollkommen intakt sind,
miissen von den Juden niedergelegt werden. .Die Juden miissen das
bezahlen. Hier in Berlin sind die Juden dazu bereit. Die Synagogen, die
in Berlin abgebrannt sind, werden von den Juden selbst niedergelegt. Das
muB nun, glaube ich, als Richtschnur fur das ganze Land herausgegeben
werden, daB die Juden selbst die beschadigten und angebrannten Syn-
agogen zu beseitigen haben und der deutschen Volksgemeinschait fertige
freie Plitze zur Verffgung zu stellen haben .
Weitcrhin halte ich es fOr notwendig, dal die Juden iberall da aus der
Oeffentlichkeit herausgezogen werden, wo sie provokativ wirken. Es muB
also ein ErlaB des Reichsverkehrsministers herauskommen, daB fir Juden
besondere Abteile eingerichtet warden. Wenn dieses Abteil besetzt ist,
die Juden keinen Anspruch auf Platz haben. Und daB, wenn kein Platz ist,
die Juden drauBen im Flur zu stelten haben.
G 6rin g: Es gibt nur einen jddischen Wagen. Ist der besetzt, mfissen
die ibrigen Juden zu Hause bleiben.
Goebbels: Aber nehmen wir an: Es sind nicht so viele Juden da, die
mit'dem Fern-D-Zug nach Miinchen fahren, sagen wir: Es sitzeri zwei Juden
im Zug, und die anderen Abteile sind Oberiillt. Diese beiden Juden hitten
nun ein Sonderabteil. Man muB deshalb sagen: Die Juden haben erst dann
Anspruch aul Platz, wenn alle Deutschen sitzen.
G ring: Das wurde ich gar nicht extra einzeln fassen, sondern wiirde
den Juden einen Wagen oder ein Abteil geben. Und wenn es jemals so
ware, wie Siisagen, und der Zug sonst Oberfiillt ist, glauben Sie, das
machen wir so, da brauche ich kein Gesetz. Da wird er rausgeschmissen
und wenn er allein auf dem Lokus sitzt wihrend der ganzen Fahrt ...
Vor alien Dingen hier im Admiralspalast sind wirklich widerwdrtige Sachen
passiert.
G o e b b e s: Auch im Wannseebad. Eine Verordnung, daB es den Juden
absolut verboten ist, deutsche Erholungsstdtten zu besuchen.
G ri n g: Man k6nnte ihnen ja eigene geben.
S. Glasschaden bei Judenaktion 3 Millionen Mark. Juweliergeschift von
Marggraf, Unter den Linden: 1,7 Millionen Schaden, weil der Laden voll-
kommen ausgeplundert worden ist.
G ring: Daluege und Heydrich, Ihr miBt mir die Juwelen wieder
beschaffen durch Riesenrazzien.

11








Auszahlung durch die Versicherungen.
G 6 ring: Einen Moment. Auszahlen miissen Sie sowieso, weil Deutsche
geschidigt sind. Sie bekommen aber ein gesetzliches Verbot, die Aus-
zahlung unmittelbar an die Juden vorzunehmen. Die Schdden, die sie an
die Juden auszuzahlen hitten, missen sie auch auszahlen, aber nicht an
die Juden,'sondern an den Finanzminister. Was der damit macht, ist seine
Sache.
S c h m e r: Herr Feldmarschall, ich hitte den Vorschldg zu machen, daB
man von dem angemeldeten Vermogen es soil ja eine Milliarde ein-
gezogen werden einen bestimmten Prozentsatz festlegt, meinetwegen
15 Prozent, und diesen Prozentsatz noch etwas erh6ht, so daB alle Juden
gleichnmaBig zahlen und von diesem Beitrag den Versicherungen das Geld
zuriickerstatten.
G r i n g: Nein, ich denke gar nicht daran, den Versicherungen das Geld
zurickzuerstatten. Die Versicherungen sind ja haitbar. Nein; das Geld
geh6rt dem Staale. Dos ist ja ganz klar. Dhs wire ja ein Geschenk fir
die Versicherungen. Sie haben ja hier ein groBartiges Petitum abgegeben.
Sie werden erfiillen. Verlassen Sie sich darauf.
H e ydrich : 7500 zerst6rte Geschdilte im Reich .
G 6 ring : Nun bin ich der Meinung, man miiBte diese wirtschaftlichen
Sachen untermauern mit einer Anzahl von polizeilichen Aktionen, Kultur-
aktionen, damit jetzt alles herauskommt, und das Judentum in dieser Woche
zack-zack eins nach dem anderen ur die Ohren kriegt.
(Es lolgen Vorschlige fir das Herausbringen der Juden aus Deutschland
durch besondere Auswandererbehorden.)
H ey d r i c h : Fr die Isolierung mochte ich auch rein polizeilich einige
Vorschlage machen, die auch wegen ihres psychologischen Einflusses auf
die dffentliche Meinung von Wert sind, z. B. die pers6nliche Kennzeichnung
der Juden, indem man sagt: Jeder Jude im Sinne der Nirnberger Gesetze
muB ein bestimmtes Abzeichen tragen. Das ist eine M6glichkeit, die viele
andere Dinge erleichtert in bezug auf Ausschreitungen sehe ich kcine
Gelahr -, die uns auch das Verhdiltnis zum auslandischen Juden erleichtert.
G 6 ring: Eine Uniform.
He y d rich: Ein Abzeichen. Dodurch k6nnte man auch die Schlden
abstellen, die dadurch entstehen, daB die auslindischen Juden, die sich in
ihrem AeuBeren nicht von den inlandischen Juden unterscheiden, in Mit-
leidenschait gezogen werden.
G 6 ing : Aber lieber Heydrich, Sie werden nicht darum rumkommen, in
ganz grolem MaBstab in den Stddten zu Ghettos zu kommen. Die mussen
geschaflen werden.
He y d rich: Diese ganzen MaBnahmen werden praktisch-organisch zu
einem Ghetto fiihren. Ich muB sagen, man soil heute nicht ein Ghetto
bauen wollen. Aber durch diese MaBnahmen werden die Juden automatisch
in ein Ghetto gedringt, in der Form, wie das angedeutet wurde.
Fun k: Der Jude muB ganz eng zusammenriicken. Was sind 3 Millionen?
Da muB der einzelne fir den anderen stehen. Der einzelne verhungert.
Heydrich: Vorschlige, um dem Juden Fihrerschein zu entziehen
(Gefihrdung des Lebens deutscher Menschen), Verbot des Besuches von






Heilbidern ... Dann wiirde ich tdasselbe fir die Krankenhiuser vor-
schlagen. Ein Jude kann nicht im Krankenhaus mit einem arischen Volks-
genossen zusammenliegen.
G 6 ring: Aber das muB allmahlich gemacht werden.
He ydrich : Dasselbe mit 6flentlichen Verkehrsmitteln.
Gdring: Das muB alles durchgefiedelt werden. Diese Dinge milssen
hintereinander herauskommen.
Heydrich: Ich wollte bloB grundsitzlich das Einverstandnis erbitten,
damit wir diese Dinge einleiten diirfen.
G 6 ring: Noch eine Frage, meine Herren: Wie beurteilen Sie die Lage,
wcnn ich heute verkinde, daB dem Juden als Strafe diese eine Milliarde
als Kontribution aulerlegt wird.
B irck el: Die Wigner werden sehr einverstanden damit sein.
Goebbels: Ich meine, ob die Juden die Moglichkeit haben, sich zu
entziehen, etwas auf die Seite zu schaffen?
Brin kman n: Dann machen sie sich schon strafbar.
G 6 ring: Ich werde den Wortlaut wdhlen, daB die deutschen Juden in
ihrer Gesamtheit als Strafe fur die ruchlosen Verbrechen usw. eine Kontri-
bution von I Millarde auferlegt bekommen. Das wird hinhauen. Die
Schweine werden einen zweiten Mord so schnell nicht machen. Im iibrigen
michte ich noch einmal feststellen: ich m6chte kein Jude in Deutsch-
land sein.


Hitlers Bankier spricht:

,,Ich kann behaupten, daB der FUhrer mit allem, was ich sage und tue,
vollkommen einverstanden ist, und ich werde nichts tun oder sagen, was
nicht seine Genehmigung bekime."
Schacht am 4. Mdrz 1935 in Leipzig.

,,Gott sei Dank konnte dies das grofe deutsche Volk nicht daran hindern,
seinen Weg weiterzugehen, weil Adolf Hitler den deutschen Willen und
den deutschen Geist geeinigt hat."
Schacht im 1virz 1938 in Wien.

,,In einer Unerhaltung mit Dr. Schacht habe ich mich davon fiberzeugt,
daB er denselben Standpunkt einnimmt wie wir. Er ist einer der
Wenigen, die vollkommen mit den Ansichten des Fiihrers fiberein-
stimmen."
Goebbels in seinem Tagebuch am 21. November 1932.

So sprach der Finanzier des Mordregimes, und jetzt wurde er
als Antifaschist freigesprochen.







GEHT ES UM DIE JUDEN? UM DEUTSCILIBO GENT ES!


Angefangen von Dinter ,,Stinde
wider das Blut" tiber die plump
gefailschten ,,Protokolle der Wei-
sen von Zion", fiber die nazistische
Rassentheorie, die keinem ernst-
haften wissenschaftlichen Stand-
punkt gegeniiber standhalten
konnte, fiber Streichers widerliche
Sudeleien und Goebbels dlige Sal-
badereien, bis zu Hitlers Luige vom
,,Krieg der Juden gegen Deutsch-
land", jahrzehntelang wurde das
deutsche Volk fiber das Judentum,
seinen Anteil am gesellschaft-
lichen, politischen und kulturellen
Leben des deuJtchen Volkes und
der Welt belogen und betrogen,
mit einer wohlberechneten Syste-
matik.
Eine ganze Generation weifi so
heute nichts fiber die hervorragen-
den Leistungen deutscher Juden,
Leistungen, die einen guten Teil
jener Zivilisation und Kultur aus-
machten, die auf die sonst so ma-
gere Plusseite im Kontobuch des
deutschen Volkes zu setzen waren,
welche seinen positive Anteil
am Fortschritt Europas und der
Welt ausweist. Die Seite, die wir
Deutschen selbst ausldschten.
Dali aber die junge Generation in
Deutschland davon nichts weifB,
das wiegt schwer auf dem viel-
seitigen Schuldkonto.
Schon unter diesem Gesichtspunkt
sollten ,,Unabhdngige Blttter der
jungen Generation" sich veranlalBt
fihlen, ihren jungen Lesern
Kenntnis und Wissen, Erkenntnis
und Verstehen zu vermitteln. Well
es sich um die junge Generation
handelt, beschiftigen wir uns hier
auch nur mit den Ausfihrungen
eines sfiddeutschen Publizisten
zum Problem des Antisemitismus.
Und weil uns diese Bemerkungen
typisch erscheinen fiir die Einstel-
lung auch der Deutschen, die sich
innerlich freihielten vom Antise-

14


mitismus und dennoch das groBe
und schaurige Verbrechen in der
bekannten Geschichte der Mensch-
heit duldeten, erlebten und sich
weiter sperren gegen die Alter-
native, vor die dieses Verbrechen
und seine Duldung uns alle stel-
len.
Der Verfasser des sehr akade-
misch aufgemachten Artikels in
den ,,Bl.ttern der jungen Gene-
ration" **) meint, daB den Juden
durch eine prosemitische Propa-
ganda nicht gedient sei. Er er-
zlhlt seinen jungen Lesern. daB
niemand, der ohne antisemitische
Ideologie doch keine innere Be-
ziehung zum ,,jUidischen Men-
**) ,,Der Ruf", Nr. 8, Jahrgang 3,
Minchen 1948.


Die hohe, ebrenvolle Aus-
zeichnung des Nobelpreises
wurde an diese deutschen Juden
verteit:
1905 Professor Dr. Adolf
Ritter von Bayer Chemie
1909 Prof. Paul Ehrlich Medizin
1910 Dichter PaulHeyse Literatur
1911 Alfred Fried, Schrift-
steller, Herausgeber der
,,Friedenswarte"
(Ffiedensnobelpreis)
1915 Prof. Rich. Will-
stidter ... .Chemie
1918 Prof. Fritz Haber Chemie
1921 Prof. Alb. Einstein Physik
1921 Prof. Meyerhoff Medizin
1925 Prof. Hertz Physik
1931 Prof. Warburg Biologie
.1931 Prof. Otto Loewi Medizin







schentyp" findet, durch Propagan-
da zum Philosemiten bekehrt wer-
den kann. Denn ebensowenig,
meint er, lieBe sich jemand zum
Schwedenfreund machen, dem
blaue Augen und blonde Haare
ein Greuel sind. Das ist doch ge-
wiB sehr einleuchtend, nicht wahr?
Nur hltte der Verfasser auch den
jungen Lesern klarmachen sollen,
daB man jeden ins Irrenhaus
stecken wiirde, der, weil er die
Schweden fir ein Greuel hilt, nun
auf die Idee kime, auch eine Anti-
schwedenpartei aufzumachen, wenn
er seine Animositit gegen blonde
Haare -und blaue Augen zur
Staatsmaxime erheben wollte.
Schallendes Gelichter wlre die
t6tliche Antwort.
Dem deutschen Volke aber blieb
vorbehalten, jemanden zu seinem
,,Fiihrer" zu machen, dem schwarze
Haare und gebogene Nasen ein
,,Greuel" waren, der die Ausrot-
tung dieser Menschen zur ,,tragen-
den Idee" des deutschen Staates
machte, und es duldete die besti-
alische Vernichtung von Millionen
solcher Menschen aus sachlich
keinem anderen Grunde, als ihn
derjenige haben kann, dem blaue
Augen und blonde Haare nicht
liegen.
Das muB unserer jungen Gene-
ration bewuflt werden, denen die
Murder bisher als Helden geprie-
sen wurden. Das Judentum hat
aber unseres Wissen den Deut-
schen keinen Auftrag erteilt, fir
seineBelange und seine Wesensart
Propaganda zu machen. Es hitte
wahrhaftig auch wenig Veranlas-
sung dazu. Und nicht um die
Juden handelt es sich bei der
zwingenden Notwendigkeit, den
Antisemitismus zu iiberwinden. Es
handelt sich um die Deutschen und
ganz allein um das deutsche Volk
und um Deutschland. Um die Er-
kenntnis, in Schande und Schuld
verstrickt zu sein und um den


Weg aus dieser Schuld. Nur
Deutsche allein waren und sind
das Ungliick des deutschen Volkes.
Dieses wollen wir sehr deutlich
am Beginn unserer Zeilen sagen,
die dem 10. Jahrestag der schtind-
lichen Nacht vom 9. November
1938 gewidmet sind. Wir wissen
sehr wohl, daB es viele Menschen
gibt in Deutschland, die sich nicht
gern erinnern an manchen Tag
und an manche Nacht wihrend
der ,,tausend" schaurigen Jahre,
die auch nicht gerne erinnert wer-
den wollen, die zu erinnern wir
aber um so mehr fiir unsere
Pflicht halten. ,,Jede Schuld rdcht
sich auf Erden" sagte man uns,
als wir zur jungen Generation
zlhlten. Erinnern wir uns alle
daran und erkennen wir, daB das
heutige Elend der Deutschen ein-
zig und allein die Folge unserer
Schuld ist, lag sie im Handeln, lag
sie im Dulden, im Schweigen, in
der vagen Hoffnung, der alte
Spruch habe fiir ein ,,Herrenge-
schlecht" seine Gilltigkeit verloren.

IINE FASSADE GEHT II TRIMMER
UND DER STEIN ROLLT WELTER
Fiinf Jahre war es m6glich, sich
Sand in die Augen zu streuen, das
Gewissen einzuschlifern. Der
Judenboykott 1933 war eine Epi-
sode geblieben. Die Gestapo ar-
beitete im Stillen. Und, mein
Gott, es schadete ja auch nichts,
daB die Juden mal einen kleinen
Denkzettel bekamen. Thre Kon-
kurrenz war hiufig zu listig ge-
wesen. Glaubten sie, die Intelli-
genz gepachtet zu haben? GewiB,
der ,,Stirmer" war etwas unge-
schickt, aber die Masse hatte nun
mal kein ,,Niveau" und mit der
Zeit wtirde sich das auch geben.
Es hatte sich so manches normali-
siert. Herr Schacht verbUirgte
solides Geschiiftsgebahren; Herr
von Papen demonstrierte die gu-
ten Beziehungen zur Welt; in Neu-

15






rath, in Schwerin-Krosigk konnte
man doch nichts anders als den
wohltuenden EinfluB des guten
alten Konservatismus erblicken.
Wie lange war es her, da hatten
wir der Welt ein Gastspiel gege-
ben: Die Olympiade zeigte das
,,Neue Deutschland" als geachtete
und geschitzte Macht. Es war eine
schsn gestrichene Fassade, aus
deren Fenstern die Figuren schau-
ten, die glaubten zu schieben und
geschoben wurden und die sich
schieben lielen.
Als in der Nacht zum 9: Novem-
ber 1938 die jUidischen Gotteshbluser
in Stadt und Land brannten und
in Asche versanken, als die Fen-
sterscheiben klirrten, die Mdbel
splitterten, wehrlose Menschen
schrien, als Raub und Pltinderung
und Mord durch die StraBen tob-
ten, war es mit einem Schlage aus
mit der Tarnung, mit der Mdglich-
keit nicht sehen zu wollen. Die
Augen wurden weit aufgerissen.
Jedermann muBte Stellung neh-
men, vor sich, vor seinem Gewis-
sen, vor dem Volke, vor der Welt.
Der Christ vor seinem Gott.
Mann vor Frau und Frau vor
Mann. Aus war es mit der Fassa-
de. Sie war zertriimmert und eine
rohe Bestie, ein gieriges, fettes
Vieh zeigte seine blutige Visage.
Man sah in sie hinein.
Es war dieser 9. November ein
entscheidender Tag auf dem Wege
zur deutschen Katastrophe. An
diesem Tage hatte das deutsche
Volk noch einmal die M6glichkeit,
der Entwicklung Einhalt zu ge-
bieten. Es sah deutlich, was war,
und es hatte in einer Frage, in
der fiber alle politischen und
weltanschaulichen Gegensatze hin-
weg nur das reine menschliche
Empfinden sprechen konnte, die
M6glichkeit, sich vor der Welt
offen zu distanzieren, Nein! zu
sagen; von dem Treiben gekaufter
und befohlener Subjekte abzu-
riicken. Oder zu schweigen, zu

16


dulden und sich vor aller Welt zu
indentifizieren mit einer Fiihrung,
mit einem System, das die Barbe-
rei war. Keine Ehre, kein natio-
naler Stolz standen lauf dem
Spiel. Kein Feind hatte Deutsch-
land angeblich angegriffen. Nein,
einzig und allein des Menschen
Antlitz war bespien.
Das deutsche Volk stand nicht auf.
Kein Sturm der Entriistung fegte
die Mordbrenner hinweg und der
Stein, der die blanke Fassade zer-
triimmerte, er rollte weiter, wurde
zur Lawine, die Deutschland unter
sich begrub, nachdem sie Europa
und in ihm Millionen Menschen
zermalmt hatte. Noch eine Chance
war uns gegeben worden an diesem
Novembertage vor 10 Jahren. Wir
haben damit auch alien Volkern
gezeigt, daB wir unflhig warren.
die Dinge in ihrem Zusammen-
hang zu sehen und daB wir, die
wir uns riihmten, Kulturboten
alien zu sein, so seltsam unfihig
warren. politisch zu denken und zu
handeln.
Maximilian Harden sagte vor
langen Jahren, schon 1895. etwas
Uber Politik, das uns treffender
diinkt, a!s so vieles, was schon
dartiber gesagt wurde.
,.Politik ist nicht ein Ding an sich,
das ein eigenes Leben tfhrt und
eigenen Gesetzen gehorcht .
Politik ist die Summe dessen,
was den zum Staatsbirger ge-
wordenen Menschen angeht, seine
Rechte und seine Pilichten be-
grenzt und die Atmosphdre
schalft, in der er die Krdfte des
Geistes und Korpers betdtigen
kann; Politik treibt jeder, der
diese Atmosphdre verandert:
durch ein Gesetz oder durch ein
starkes Kunstwerk, durch das
Finden einer neuen oder durch
das Beseitigen einer alten Wahr-
heit, durch jede within wider-
hallende Produktion oder Kritik.
Die Papiermauern, die uns die








Politik zur Geheimlehre machen
m6chten, miissen endlich umge-
weht werden, damit die Einsicht
Raum gewinnt, daB auch aul
diesem bisher dingstlich abge-
sperrten Gebiet mit Nutzen nur
die modernen Metlhden des Er-
kennens zu verwenden sind."
Seit Harden diese Sdtze schrieb,
fehlte es in Deutschland nicht an
Bemiihungen, die Mauern zwischen
der Politik und den Deutschen ab-
zutragen. Immer wieder aber
siegten die, welche mit Recht die
Selbstbestimmung des Volkes fiber
sein Schicksal zu ffirchten haben.
Am 9. November 1938 aber stieB3
das Geschehen mit aller Wucht das
deutsche Volk auf seine Aufgabe,
Pflicht und Bestimmung. Es ver-
sagte in seiner Gesamtheit.
Wir versagten, obgleich andere
V6lker, zu anderen Zeiten und bei
ungleich geringfiigigeren Anlissen
nicht geschwiegen hatten, sondern


spontan dem Recht zum Siege ver-
halfen.
Die heute sagen, es war zu spit
und was war zu tun, m6chten wir
an den Fall des Juden Dreyfu3
erinnern, der in Frankreich zu
Unrecht wegen Spionage verurteilt
wurde. Auch hier going es gegen
den ,.Saujuden". Regierung, Mili-
tar, Klerus, alles hielt zusammen,
aus Unrecht Recht zu machen,
einen Menschen zu vernichten, die
wahren Schuldigen zu decken. Die
Besten des franz6sischen Volke
aber standen auf. Zola schleuderte
den regierenden Gewalten sein
,,J'accuse!" entgegen. Das Volk
kam in rnmchtige Bewegung und
Frankreich geriet eines Unrechts
wegen an den Rand einer Revo-
lution. Um einen Juden going es
und das Recht siegte.
Bis 1938 waren im Deutschland
Hitlers tausende Meuchelmorde,
Justizmor'de, war schreiendes Un-


Leonrore Herz:

Tabelle des Grausens
2800000 schrien im Leid
(russisch-polnische Juden)
1 700000 Opfer der Nazizeit
(ruminische Juden)
425 000 Leichen wurden gezhilt
(tschechische Juder)
260000 Menschen zu Tode gequilt
(deutsche Juden)
170 000 ermordet, erschossen, verbrannt
(griechische Juden)
120000 elend Verscharrte im Sand
(jugoslawische Juden)
90 und
60 000 nach denen kein Hahn mehr krdht
(hollindisch-belgische Juden)
40 und
15 000 Asche vom Winde verweht
(6sterreichisch-italienische Juden)

5 680 000 grausende Zahl
5 680 000 Menschen waren einmal.








recht geschehen, warren ganze
Schichten des Volkes vogelfrei, und
eine Lawine des Unrechts going
Oiber Deutschland in der klirren-
den ,,Kristaltnacht".
Deutschland schwieg vor sich und
der Welt und der Stein rollte
weite'r.
Die Juden in Deutschland wurden
ausgepliindert.
Der Krieg Hitlers began. Die
Viehwagen fuhren nach Auschwitz,
Maidanek, Treblinka, nach The-
resienstadt, kreuz und quer durch
Europa. Zuriick kamen leere
Kinderwagen, Berge von Schuhen,
von Haaren,' Zihnen, Kleidern,
Schmuck und das Gold der Er-
mordeten.
Die Bomber durchflogen die Nacht,
die StBdte verbrannten. Die Men-
schen irrten umher. Fassungslos.
Die Vl6ker standen auf und die
Lawine rollte zurtick. Ueber uns!

ES IRRT DER BIRGERMEISTER
Vor langen Jahren konnte die
Freie und Hansestadt Hamburg
fiUr sich den Ruhm buchen, in
seinen Mauern der Toleranz und
dem freiheitlichen Sinn eine Stitte
zu geben. Am 9. November 1938
brannten auch in Hamburg die
jildischen Gotteshiuser und feierte
der Raub Orgien. Seit 1933 wuB-
ten wir, daB es in Hamburg ein
Fuhlsbiittel gab, Zuchthaus und
KZ. Am 18. 8. 1947 aber erklirte
der neue Btirgermeister dieser
Stadt, B r a u e r, in einer offiziel-
len Regierungserklirung:

,,Ich m6chte betonen, daB ich seit
Smeiner Riickkehr nach Deutsch-
land auf keinen Antisemitismus
mehr gestolen bin. Ich bin sicher,
daO mit dem Nationalsozialismus
auch diese Geisteskrankheit aus-
geldscht ist."


Wir sind sicher, daB er sich irrt,
der Biurgermeister. Wir sind
sicher, dab der Nationalsozialis-
mus weder in Hamburg noch in
Deutschland ausgeloscht ist. noch
sein besonderes Merkmal. der An-
tisemitismus. Wir sind sicher,
daB wir weiter davon' entfernt
sind, so etwas sagen zu k6nnen
und sagen zu diirfen, als je seit
1945. Wir sind sicher, daB es dem
Birgermeister dieser Stadt ent-
gangen ist, dafi der Nationalsozia-
lismus nicht durch die Deutschen
geschlagen wurde, daB bis lange
,,nach Zw6lf" die groBe Mehrzahl
aller Deutschen mit Hitler kimpf-
te, weil sie glaubten, dab nur
der Sieg alle Schuld 16scht. und
daB es nicht der Verdienst des
deutschen Volkes ist, wenn nicht
der letzte Jude noch ermordet
wurde. Es gibt in Deutschland
nicht wenig Leute, die dieses noch
nachtrdglich bedauern, ganz sicher
auch in Hamburg.
Doch so wie dieser Buirgermeister
denken viele Demokraten heute,
die glauben, der Nazismus sei
fiber Deutschland gekommen. wie
e'n Wunder vom Himmel gefallen,
und er babe sich auf gleiche Art
verfliichtigt. Nur nicht daran riih-
ren! Es erscheint uns deshalb auch
nicht miifig, auf die zahlreichen
Erscheinungen des Antisemitismus
in Deutschland hinzuweisen.


GESCHIADETE GRiBER
Eine fliichtige Durchsicht der
Presse setzt uns instand. eine
ganze Liste feiger, hinterhiltiger
nazistischer Untaten zusammenzu-
stellen. Diese Liste ist durchaus
unvollstindig. Sie gentigt aber.
um aufhorchen zu lassen. Sie
sollte gentigen, um jene BUirger-
meister und wohlmeinenden Be-
amten zu veranlassen, aufzuhor-
chen, sich den Sand aus den Augen
zu reiben und zu erkennen. daB











Die Toten des Hitlerkrieges

Angehorige bewaffneter Streitkrifte wurden als tot oder ver-
rmit gemeldet:


Sowjetunion : .
Deutschland . .
China . .
Japan . .
Britische V61kerfamilie
GroBbritannien .
Italien . .
USA .


Frankreich . .



. 7500000
. . 2850000
. 2200000
. 1506000
. 452 570
. 305770
. 300 000
. . 295000
. 200000


Und die Opfer der Bombennachte
Urid die Opfer der Gestapo und SS
Und die Opfer der SA
Und die Opfer der Einsatzkommandos
Und die Opfer der Hitlerjustiz
Und die Opfer der Euthanasie
Und die Opfer des Hungers
Und die Opfer der Seuchen
Und die Opfer der Kilte
Und die Opfer der Flucht durch die Lande
Und die Opfer der Verzweiflung'
Und die Millionen Witwen, Waisen und Kriippel


Der 9. November 1938

war ein Meilenstein auf diesem Opfergang!


I I-c-------- '~







der alte Feind der Freiheit nicht
geschlagen ist. Im Gegenteil, wir
sind sicher, daB diese Liste bald
um zahlreiche Terrorakte gegen
Juden, Sozialisten, Kommunisten
sich erweitern wird. Man wird
vor Grdbern kpinen Halt machen.
Was heute noch das Licht des
Tages scheut, wird morgen viel-
leicht in anderer Uniform, doch
unverkennbar der alte Unhold,
wieder da sein. Diesem ist auch
ein ehrenwerter Biirgermeister
einer Freien und Hansestadt nicht
sakrosankt. Ebensowenig wie 1933,
obgleich so mancher Biurgermeister
daran glaubte und im stillen
dachte: ,,Es geht nur um die
Juden und die Kommunisten".

Man sehe sich diese Liste an:
27. 11. 46. Jfidischer Friedhof Ham-
burg-Langenfelde
6.12. 46. Jidischer Friedhof Han-
nover
1. 1. 47. Hamburg-Langenfelde
243 Grabsteine beschidigt
2. 3. 47. Osterburg (Oldenburg)
30 Grabsteine beschadigt
1. 4. 47. Hannover- Bothfeld, alle
Grabsteine umgeworfen
3. 4. 47. Liibeck-Moisling,
30 Grabsteine beschidigt
15. 4.47. Dildelsheim, Kr. Bildin-
gen (Hessen), 20 Grab-
steine umgerissen
3. 5.47. Rehns bei Koblenz
5. 5.47. Kdln-Deutz, 6 Grabsteine
beschidigt
6. 5. 47. Eutin 'Massengrab be-
schddigt
7. 5. 47. Neuwied
8. 5. 47. Hoyershagen-Hoya
9. 6.47. Kdln-Deckstein, 7 Grab-
steine beschidigt
10. 6. 47. Lauenau (Deister)
11. 6. 47. Dilsseldorf-Urdenbach
12. 6. 47. Celle-Burgdorf


13. 7. 47. Kroschenbroich bei Miin-
chen-Gladbach
14. 8. 47. Diisseldorf Gerresheim,
40 Grabsteine beschidigt
15. 8. 47. Laasphe
16. 9. 47. Barsinghausen
17. 9. 47. Sbgel (Westfalen)
18. 9. 47. Haselhiinne (Westfalen)
19. 9.47. Reydt-Odenkirchen,
15 Grabsteine beschadigt
21. 9. 47. Schwathausen bei Lands-
berg
8. 10. 47. Menningen, 60 Grabsteine
beschadigt
20.10. 47. Issum, Krs. Geldern
21. 10. 47. Osnabriick
22. 10. 47. Batrsinghausen (Deister)
alle Grabsteine beschdigt
23. 10. 47. Essen-Seyrodt
1. 11. 47. Oranipnburg-Berlin
24. 11. 47. Pr.-Oldendorf b. Liibbecke
25. 11. 47. R.sfeld b. Borken i. W.
26. 11. 47. Kln Briihl, 25 Grab-
steine beschidigt
Wie ersichtlich, umfaBt diese Auf-
stellung nur das Jahr 1947. Mel-
dungen aus dem ,,Jiidischen Ge-
meindeblatt" zeigen, daB es so
weitergeht und zwar in verstArk-
tem Mafe.
Die antisemitischen Untaten be-
schrlnken sich auch nicht auf
Friedh6fe und Grdber. Aus Her-
ford, Aschaffenburg, Wuppertal,
Offenbach, Aachen. wurden anti-
semitische Sudeleien, Kundgebun-
gen und Demonstrationen bekannt.
Wenn die Biirgermeister deutscher
Stidte im Volk horchen wilrden,
wachen Sinnes, wtirden sie ganz
sicher auch in der Lage sein, in
ihre ,,Regierungserklarungen" Be-
richte wie folgt einzuschieben:
,,Der Berater General Lucius D.
Clays in jiidischen Angelegen-
heiten, Phillip S. Bernstein, er-
kldrte vor kurzem, daB der Anti-
semitismus in Deutschland keines-








wegs liberwunden sei und nur
die Anwesenheit der amerikani-
schen Armee ernsthafte Aus-
schreitungen gegen die Juden in
der US-Zone verhindere. Wie
auch in Bayern auf alien Ge-
bieten des Lebens der Antisemi-
tismus wieder frech sein Haupt
erhebt, beweisen nachstehende
Ausiihrungen des Staatskommis-
sars fir die Opfer des Faschis-
mus in Bayern:
In der Eisenbahn spielen sich
Szenen ab, die an die schlimm-
sten Tage des ,,Dritten Reiches"
erinnern. In Dorien wurde ein
jiidischer Mitbiirger aus dem
Zuge geholt und im Zimmer des
Stationsvorstehers liber den Tisch
geworfen, um so geschlagen zu
werden. In Dienstabteilen, die
zwischen Miunchen und Regens-
burg von Angeh6rigen der Bahn-
polizei welche, nebenbei ge-
sagt, die Zeichen der Militdr-
regierung auf der Armbinde tra-
gen benutzt werden, konnten
einwandfreie Zeugen hdren, in
welcher Weise auf die Juden und
die politisch Verfolgten ge-
schimpit wird. Nach der Dachauer
Kundgebung wurden politisch und
rassisch Verfolgte, die nach


Frankfurt zurzickfuhren, von der
Bahnpolizei im Hauptbahnhof
Niirnberg aul das schlimmste be-
schimpft und miBhandelt. Bei mir
liegen zahlreiche, durch Zeugen-
aussage erharteten Beschwerden
vor, die von unglaublichen anti-
semitisehen Hetzereien in allen
Eisenb'ahnzaigen berichten. Vor
wenigen Wochen war ich ver-
pllichtet, dem Reichsbahnpriisi-
denten eine Anzeige gegen einen
Schaifner einzusenden, der einen
jiidischen Schwerinvaliden aus
dem lahrenden Zuge werfen
wollte und nur durch besonnene
Leute gehindert wurde, dieses
zu tun.
In den StraBenbahnen der GroB-
stddte und insbesondere in Miin-
chen spielen sich tdglich skanda-
lose Szenen ab. Ich habe unzih-
lige Protokolle vorliegen, aus
denen einwandfrei hervorgeht, daB
die Schaiiner gegen jiidische 1Mit-
fahrende in gehassiger Weise vor-
gehen und alsdann vom Publikum
in antisemitischer Weise weit-
gehend unterstritzt werden. Heute
geht mir das Protokoll einer
meiner Angestellten zu, welches
das Datum vom 14. August 1947
tragt. Die bekannte politisch v6r-


Allen Landriten in Deutschland zur Empfehlung.

In Waldbreitbach, einem kleinen Stidtchen bei Neuwied, wurde der jiidische
Friedhof von unbekannten Thitern zerstort. Auf Initiative des Landrats von
Neuwied wurde der Friedhof sofort durch Nazis dieses Ortes unter Bewachung
wieder hergestellt. Der Ortsbuirgermeister wurde seines Amtes enthoben. Der
Friedhof muB Tag und Nacht von Ortsbewohnern bewacht werden, die durch
die Polizei kontrolliert werden. Fiir die Dauer von 4 Wochen sind alle Ver-
anstaltungen in Waldbreitbach untersagt. Die Vereinigung der Verfolgten des
Naziregimes hat anliBlich dieser Friedhofschandung, die die fiinfte in der
franzosischen Zone ist, ein Protestschreiben an den General-Gouverneur der
franzosischen Mi'itar-Regierung und an den Ministerprasidenten des Landes
Rheinland-Pfalz gesandt, das von alien flihrenden Persbnlichkeiten der Religions-
gemeinschaften, der politischen Parteien und der Einheitsgewerkschaft unter-
schrieben war. Fiir die Auffinduug der Tater ist eine Belohnung ausgesetzt.
,Zwischen den Zeiten" Koblenz, 1. Jahrgang, Januar 1948.








oolgte Schriftstellerin Luise Rinser
unterhielt sich mit einer jidischen
Leidensgenossin aus dem KZ
Auschwitz in der Stralenbahn in
Miinchen in ruhig-unaultiilligem
Tone. Pl6tzlich griff ein Mann
aus dem Publikum in die Unter-
haltung ein und Iragte die Schrift-
stellerin: ,,Warum interessiert Sie
diese Saujiidin? Was die Alliier-
ten heute mit dem deutschen
Volke treiben, ist doch viel
schlimmer als allies, was je in
Auschwitz geschah." Der Bericht
bemerkt, daB fast das gesamte
Publikum der StraBenbahn in
eindeutiger Weise gegen Frau
Rinser und ihre jiidische Be-
gleiterin Stellung nahm, und duAB
diese mit Schimpfworten bedacht
wurden, als sie den StraBenbahn-
wagen verlieBen. In meiner jiidi-
schen Abteilung stehen Tat-
sachenprotokolle iiber tdglich vor-
kommende, iihnliche antisemi-
tische Zwischenfille in Miinchen
zur Verfiigung.
In Geschiiften und Gastwirtschat-
ten kommt es sehr oft vor, dal
die Inhaber sich weigern, an Ju-
den etwas zu verkaufen. So hahe
ich erst vor wenigen Tagen eine
Beschwerde erhalten, daB ein
Gastwirt in Windsheim sich wei-
gerte, an jidische FuBballspieler
nach dem Spiel Bier auszuschen-
ken, und erst erklirte, er habe
keines. Als die jiidischen Spieler
darauf hinwiesen, daB die anderen
Kollegen Bier erhielten, sagte er:
,,An Juden gebe ich nichts ab."
Aehnliche BesChwerden habe ich
erhalten von jiidischen Mitbiir-
gern, die in der Stqdt Miinchen
auf ihre Lebensmittelkarten Brot
kaufen wollten und von den
Balckereien abgewiesen wurden.
In Kinos haben sich ebenfalls
antisemitische Zwisehenfille er-
eignet. So anliiBlich der Voriih-
rung der Wochenschau, in 'der
die Einweihung der Synagoge der
Stadt Miinchen in Anwesenheit


des Generals Lucius D. Clay ge-
zeigt wurde. In Garmisch kam es
zu schweren ZusammenstdBen. In
Ansbach wurde der Zwischen-
ruler (,,Es sind viel zu wenig
Juden get6tet") vom Militdrge-
richt zu 30 Tagen Gefingnis ver-
urteilt. Zur gleichen Zeit wurde
in Niirnberg ein politisch Ver-
1olgter, der einem im Aerze-
prozeB angeklagten SS-Ffihrer,
der ihn miBhandelt hatte, eine
herunterschlug, wegen UngebOhr
vor dem hohen Gericht zu 90
Tagen verurteilt. In Memmingen
und in anderen Stiidten ianden
die gleichen Zwischenruie und
antisemitische Stdrungen statt."
,,Niirnberger Nachr.' 17. 8. 47.

UNMEZIEIiNG DES VOLKES?
In den Jahren 1945 46 konnte man
in der neuen deutschen Presse
manchen erfreulichen Ansatz einer
klugen und wirksamen Aufklirung
und gesunden Selbstbescheidung
und Selbstkritik erleben. Opti-
mistische Leute glaubten die Zei-
ten iiberwunden, in denen Deut-
sche sich berufen fihlten, selbst-
gerecht und pharisierhaft anderen
Volkern Vorschriften machen zu
konnen, in lautes Geschrei auszu-
brechen ob eines Unrechts, das in
RuBland. England, Frankreich
oder den USA geschieht. Wer
heute in eine x-beliebige Zeitung
schaut, findet ganze Spalten. aus
denen Schadenfreude. sichtliche
Genugtuung uns geradezu ent-
gegenspringt. Mit wahrer Wollust
wird berichtet tiber die Ki)mpfe
in Palistina oder Griechenland,
iiber Arbeitsliger in den UdSSR
oder Negerverfolgungen in den
USA. Und auf die Exodus-Affire
stiirzen sich alle mit Begeisterung,
nicht nur die Nazis. um eigentlich
nur eins zu zeigen, daB nimlich
die Englinder die gleiche Last
liaben mit den bbsen Juden und
um nachtraglich Hitler und seine







SS zu rehabilitieren. Wie selten
waren die Stimmen, die dem Volk
sagen, daB es Aufgabe des eng-
lischen Volkes sei, 'zu rechten und
richten und die aufrichtig bedauer-
ten, daB die'britischen Stellen so
schlecht beraten waren, die
Schwierigkeiten ihrer Nahostpolitik
vor den Augen der nazistisch ver-
seuchten Deutschen zu bereinigen.
GewiB ist dies nicht alles B6swil-
ligkeit, wie auch der Buirgermei-
ster Brauer gewiB nicht bbswillig
seiner Stadt bescheinigte, rein
vom Uebel zu sein. Aber auch
Leichtfertigkeit, Gedankenlosigkeit
sind uns sehr teuer schon zu
stehen gekommen. Ueberlegt sich
so .eln Pressemann, was er an-
richtet, wenn er seinen Lesern in
pikanter Aufmachung berichtet,
S daB es offenbar die Bolschewisten
seien, welche die Juden auf ,,ge-
heimen Schleichwegen" durch Eu-
ropa nach Palistina dirigieren,
wenn er schwltzt von ,,Schwarzen
Organisationen", wenn er von
,,Ostjuden" schreibt, die ausge-
sandt seien, die Wirtschaft West-
deutschlands zu unterminieren,
von ,,Ali Baba in Berlin" **). Das
lasen wir schon bei Goebbels und
damals wie heute waren SchAn-
dungen an Menschen und Gribern
die Folge. Das ist strifliche Ge-
dankenlosigkeit, die geahndet wer-
den sollte.

IEUE ODER ALTE SCHANDE?
In Abhandlungen iUber die Er-
scheinung des Antisemitismus
lesen wir hlufig von einem
,,Neuen Antisemitismus" in
Deutschland, und haiufig wird dabei
betont, daB neue, zusatzliche Fak-
toren zu diesem neuen Antisemi-
tismus ffihrten. Letzteres ist dann
meistens als Entschuldigung ge-
dacht und in diesem Zusammen-
hang wird dann schlieBlich aut
**) ,,Hann. Presse", 21. 8. 47. u. 7. 2. 48.


die schwarzhindlerische Tdtigkeit
mancher Juden hingewiesen. Dar-
iiber, gibt es mdrchenhafte Dar-
stellungen und wenn die Verfolg-
ten 'des Naziregimes ,,selbstver-
standlich alles haben", so trifft
das auf die Juden noch mehr zu.
Also: Nieder mit den Juden! Im
Kabarett ,,Die Hinterbliebenen"
wurde bei, einer AuffUihrung in/
Reichenhall (Bayern) unter dem
tosenden Beifall der Nazimenge
den Geffihlen der menschenfreund-
lichen Neidhammel Sehr einfach
und deutlich Ausdruck gegeben:
,,Die Juden essen Schokolade -
Nir sechs Millionen sind ver-
gast schade!"
Uns Deutschen geht es infolge des
Hitlerkrieges schlecht. Den Nazis
hunter uns am wenigsfen und auf
dem Schwarzen Markt beherrschen
sie die Lage. Ihr heuchlerisches
Geschrei fiber die Juden dilrfte
als schmieriger Konkurrenzneid
abzutun sein und als die durch-
sichtige Taktik: ,,Haltet den Dieb!"
Aber kann man von der Masse
der darbenden Deutschen wirklich
nicht mehr erwarten, daB sie
noch ein wenig denken kann?
Ist es wirklich so schwer, sich zu


Hewlett Johnsen,
Dekan von Canterbury schreibt:
In der Sowjetunion gibt es keinen
rassischen oder nationalen Unter-
schied zwischen den Juden und der
iibrigen Bevilkerung. Die Juden ge-
nieBen wirtschaftliche, soziale und
politische Gleichberechtigung. Im
Sowjetlande kdnnen die Juden leben,
wo es ihnen beliebt, sie k6nnen
Universitaten' besuchen, es steht
ihnen frei, in den Fabriken oder in
der Landwirtschaft zu arbeiten.
Hewlett Johnsen, Dekan von Canterbury.
,Ein Sechstel der Erde"
Verlag Volk und Welt Berlin.







vergegenwtirtigen, daB die in
Deutschland in Lagern und Quar-
tieren untergebrachten Juden der
spArliche Rest eines gemordeten
Volkes ist, daB jeder von ihnen
engste Verwandte hunter den Ge-
mordeten hat, daB sie jahrelang
unter Bedingungen lebten, die die
Masse der Deutschen sich nicht
vorstellen kann, daB sie den Deut-
schen zum Trotz von den Alliier-
ten gerettet wurden, daB sie in
Deutschland heute gegen ihren
Willen sind, daB Deutschland bis-
her nichts ernsthaftes tat, das an
diesen Juden begangene schreien-
de Unrecht in etwa wieder gu.zu-
machen und daB man von ihnen
schlechthin nicht erwarten kann,
daB sie die harten Bedingungen
des geschlagenen Angreifers auf
alle, Freiheit auch zu den Bedin-
gungen ihres Lebens machen?

Nein, die Theorie vom neuen An-
tisemitismus erscheint uns ab-
wegig; denn nicht nur in diesen
Fragen dokumentiert sich in
Deutschland der alte nazistische
Ungeist. Aus alien Mausel6chern
kriechen sie heute wieder hervor,
die Bankrotteure des 3. Reiches,
die Verderber des Volkes, nach-
dem die famose Entnazifizierung
sich als ein probates Mittel ent-
puppt hat, die Schuld auf die Klei-
nen und Schwachen abzuwilzen,
und nachdem die Deckung der
Kriegsverbrecher und Denunzianten
anscheinend Ehrensache der neuen
deutschen Justiz geworden ist.
Ueber dieses Kapitel ist noch
etwas zu sagen. In den Jahren
1945/46 war es zweckmaliig, sich
zu verkriechen, sich zu tarnen,
auf Protektionsjuden auszugehen.
Wir sehen die Zeit schon kommen,
wo gewisse Herrschaften es be-
dauern .werden, damals ,,von
nichts gewuBt" zu haben. Ihr Ge-
dlchtnis wird pldtzlich wieder
aufgefrischt sein, wie das von Ru-
dolf HeB und sie werden protzen
mit ihren Untaten als gute Em-

24


fehlung fir weitere Henkersdien-
ste. Etwa so:
,,Empfehle mich bestens als Kul-
turreferent fur den neu eroberten
deutschen Osten. Habe nachweis-
lich eigenhindig 50 Judenkinder
bei Krakau umgebracht."
Hier und da im GroBen wie im
Kleinen soll es heute schon so
sein und das blaubliitige Mitglied *
einer Verbrecherorganisation, Erb-
prinz Ernst zur Lippe, SS-Sturm-
bannfiihrer, wird die unverhohle-
ne Zustimmung und Bewunderung
seiner zackigen Kollegen gefunden
haben, als er vor der Spruchkam-
mer in Hamburg-Bergedorf er-
klirte:
,,Die MaBnahmen gegen die Juden
haben mich nicht erschittert, denn
die Juden sind keine Deutschen, son-
dern ein anderes Volk."
Der unerschtitterte Verbrecher
wurde deshalb auch natirlich
wegen Mangels an Beweisen durch
dieses Gericht freigesprochen.
Man spuirt geradezu das Wohlbe-
hagen, mit dem in mancher Zei-
tung und Zeitschrift antisemitische
AeuBerungen un d Erscheinungen
in anderen Ldndern zitiert und
behandelt werden.
,,Seht, das gibt es nicht nur in
Deutschland! Die haben Grund
sich aufzuregen? Was die von uns
wollen?!"
Der Antisemitismus ist keine deut-
sche Erfindung. Hitler war ohne-
hin nur im Massenmorden und
im Blutrausch Original. Kulturelle
Rickstdndigkeit, Antiliberalismus,
Antisozialismus, fehlgeleitete JClas-
seninstinkte, Verdummung im
Aberglauben, Intoleranz in rel-
gidsen und weltanschaulichen Fra-
gen, Kabale und Intrigen despoti-
scher Potentaten waren zu ver-
schiedenen Zeiten und in den
verschiedensten V61kern Ursachen
antisemitischer Entartungen und
Wellen. Hitler, Streicher und







Rosenberg aber sind ,,Made in
Germany". Und an uns ist es, zu
erkennen, daB wir keinen Schritt
vorwirts, sondern nur einen zu-
riickkommen, wenn wir das durch
uns begangene, Unrecht durch
anderswo begangene Fehler zu ent-
schuldigen suchen. Wir stehen
vor keinem Gericht, von dem
ein' Spitzbube freigesprochen wird,
weil er petzt, daB im Nachbardorf
auch gestohlen wurde.

WAS SOLLEN WIR TUNl?
Niemand wurde je in Deutschland
so offen, schamlos und riicksichts-
los ausgepliindert, wie die Juden.
Keinen Toten kinnen wir leben-
dig machen. Um so mehr sollte
es unsere Pflicht sein, an den
wenig fiberlebenden Juden gutzu-
machen nach Kraften. Doch so-
lange solche Urteile von Spruch-
kammern m6glich sind, wie die
der Stadt Fiirth, die dem geistigen
Vorbereiter der grausigen Massen-


morde tausendmal schuldiger
als jeder SS-Wachmann eines KZ
- dem ,,Stiurmer"-Verleger Wilmy
ein Millionenverm6gen belieB, so-
lange dieses Urteil mdglich ist,
wie auch die im Falle Veit Harlan
und Werner KrauB, ohne daB die
Deutschen in Emporung aufstehen,
solange steht es schlecht mit der
generellen Wiedergutmachung.
Es ist merkwtirdig, wie oft in
seiner Geschichte das deutsche
Volk und auch breite Klassen-
schichten in ihm glaubten, sich um
den unvermeidlichen Preis fuir
Fortschritt und eine friedliche
Entwicklung herumdricken zu
konnen. Nach der milittirischen
Niederlage 1918 und einem Schein-
erfolg demokratischer Krdfte lieB
man alles beim Alten. Im Jahre
1933 glaubten Arbeiterparteien,
Gewerkschaften und demokratische
Verbande die Opfer eines ent-
schlossenen und entscheidenden
Kampfes gegen die Hitlerpest
sparen zu konnen und sie haben


Massenmord!

I Million. 425000 Reichsmark Belohnung!

Fur die jahrelange geistige Vorbereitung des
Massenmordes an Millionen Frauen, Mdnnern
und Kindern durch das schmierige Hetz- und
Sudelblatt ,,Der Sturmer"
setzen wir obige Summe als ausdrockliche
Belohnung aus, indem wir dem Verleger dieses
Blattes, dem Nazi Dr. Max Wilmy,
die Halfte seines Vermbgens in H6he von
2 850 000 Mark belassen.
Spruchkammer Furth.




sie dann in den folgenden Jahren
zehnfach gebracht. Als es offen-
sichtlich wurde, daB der Hitler-
krieg verloren war und die unter-
driickten Vdlker Europas den Deut-
schen zeigten, wie man gegen die
nazistischen Tyrannen kimpft,
war es zum erheblichen Teil wie-
der die Furcht vor den unver-
meidlichen Opfern, die uns abhielt,
dem Beispiel zu folgen. Wir zah-
len diese Opfer heute restlos nach
und beklagen uns bei den anderen
und bei den Gdttern. Und sind
wieder dabei, die harten Konse-
quenzen zu vermeiden. Legenden
werden erfunden, hinter Sophismen
und dem Unrecht in aller Welt, -
meistens nur die Folge der deut-
schen Barbarei verstecken sich
die Deutschen und spielen schon
wieder die Ankliger und Denuzi-
anten. Schon sind wieder die Er-
mordeten, die Opfer, und nicht
ihre Henker schuldig.

Es strdubt sich in jedem Anti-
faschisten, noch ein Wort iiber die
Entnazifizierung zu verlieren.
Aber nicht umhin kommen wir,
auf die Justiz,. ihre Stellung und
ihre Aufgabe hinzuweisen. Nach
1918 wurde sie am wenigsten an-
getastet und in den Jahren bis
1933 hat sie am meisten beigetra-
gen, die Feinde und Mbrder der
Demokratie zu schiitzen, zu tarnen.
Die MSrder Erzbergers, Eisners,
Rathenaus, Luxemburgs, Lieb-
knechts. die Femem6rder und
Putschisten waren thre erklirten
Schtitzlinge. Nur wenn man der
Justiz ihre Aufgabe in einem de-
mokratischen Deutschland zuwei-
sen wollte, erhob sich Geschrei
gegen die angebliche Politisierung
der Justiz. Allen Legenden zum
Trotz hat im Dritten Reich nichts
reibungsloser funktioniert, 'als
die Justizmaschine; nichts wurde
griindlicher zerstbrt im Hitler-
deutschland, als das Recht. Nie
traf das Wort Glasbrenner mehr


ins Schwarze als im Hitlerdeutsch-
land:
,,Gerechtigkeit ist eine schdne
Sache, doch leider gibt es auch
Justiz."
Wir weigern uns, auch nur noch
von einem Rest von Recht und
Gerechtigkeit in einem Deutschland
zu sprechen, durch das 5 700 000
Menschen gemordet werden konn-
ten ohne Gesetz, ohne daB auf
ihrer Seite auch nur der Schein
eines Vergehens bestand. Tausend
Ausflichte findet man heute, einem
Juden das Seine wiedergeben zu
miissen, einen Kriegsverbrecher
der gerechten Strafe zuzuftihren.
Die Dreistigkeit von dem ,Be-
fehl" wird uns und der Welt
immer wieder geboten und heuch-
lerische Trinen vergieIt hinderin-
gend mancher Richter der heu-



Wir fordern von alien demo-
kratischen Parteien und Or-
ganisationen, von den Regie-
rungen aller deutschen Ldnder

entschlossenes Vorgehen gegen
jede Spielart von Chauvinismus
and Antisemitismus. Wir haben
nicht vergessen, daft die Nazis
ihre Kriegsvorbereitungen mit der
verbrecherischen Rassenirrlehre
und der antisowjetischen Liigen-
propaganda begannen. Es geniigt
nicht, daft Kriegs- und Rassen-
hetze nach den Verfassungen der
deutsdhen Lande verboten sind.
Es gilt schdirfste gesetzliche Mafi-
nahmen oegen alle diejenoen
durchzufihren,diehinteracrNebel-
wand einei neuen Rassen- und
Vilkerverletzung ihr blutiges
Kriegsgeschiift vorbereiten.
Aus der EntsdilieBung der 2. HaLpikorfererz der
VVN in der sowetisdien Besatzungszere
Deutsdilands.







tigen Demokratie, wenn er einen
Massenmbrder und ordiniren -
R;uber verurteilen soil wegen
seiner Verbrechen, wenn diese
damals in Ausfiihrung eines na-
zistischen ,,Gesetzes" geschahen.
Kein Ereignis aber kennzeichnet
die Zerstbrung des Rechts und die
Rolle der deutschen Justiz besser
als der 9. November 1938. Brand-
stiftung blieb Brandstiftung, Dieb-
stahl blieb Diebstahl, Pliinderung
blieb Pliinderung, Totschlag Tot-
schlag und KGrperverletzung blieb
Kbrperverletzung; hundert fest-
stehende Paragraphen setzten die
deutsche Justiz in die Lage, die
Schnder des deutschen Rufes
fiir alle Zeit der gerechten Strafe
zuzuftihren. Auch sie hatte eine
unwiederbringliche Gelegenheit, den
Rest ihres Rufes zu retten, sich
abzusetzen und ein Tell von dem
gutzumachen, was mit ihrer Hilfe
bis dahin geschehen war. Jeder
Buchstabe des Gesetzes gab ihr
in diesem Fall das Recht da-
zu und war ihr Verpflichtung.
Wir alle wissen, daB nichts ge-
schah. Und so verstrickte sich.
der Stand der deutschen ,,Rechts-
wahrer" mehr als jedereandere in
Schuld, Verbrechen und Verant-
wortung.
Und heute? Niemand versteht es
besser als die deutschen Juristen,
aus der einfachsten Sache durch
unverstindliche Phrasen, durch
Jonglieren mit Paragraphen und
Gesetzen, durch kiinstliche Pro-
blematik eine Scheinwissenschaft
zu machen. Wir werden erst wie-
der zu einer Gleichheit von Ge-
rechtigkeit und Justiz kommen,
wenn diese es als ihre vornehme


Pflicht ansieht, nach bestem K6n-
nen und Wissen das Unrecht der
Vergangenheit wieder gut zu
machen, es zu siihnen und zu
einem Hort einer friedlichen de-
mokratischen Entwicklung zu wer-
den. Von dieser Pflicht ist sie
abhingig, von ihr ist jeder Richter
abhangig, der diesen hohen Titel
verdient. Heute sind wir weit da-
von entfernt und noch ist die Justiz
ein Hort der Reaktion und des Un-
rechts. Noch ist es so, wie kiirz-
lich der ehem. Justizministgr Dr.
S c h i f fe r sagte: ,,Recht und Volk
sind einander entfremdet. Das
Recht ist volksfremd, das Volk
rechtsfremd, und der Richter, der
Mittler zwischen Recht und Volk
sein sollte, oft 'lebensfremd." Ist
es nicht klar, daB eine bewufte
Politisierung der Justiz im Sinne
H a r d ens die Volks- und Lebens-
fremdheiU von Recht und Richter
erst beseitigen kann?
Die Interzonale Juristenkonferenz
des Rates der VVN in Frankfurt
a. M. am 20. bis 22. 3. 48. driickte
die gemeinsame Auffassung der
fortschrittlichen deutschen Ju-
risten und der Verfolgten des Na-
ziregimes in Bezug auf die Justiz
in folgender EntschlieBung aus:
EntschlieBung zur Frage
derErneuerung derdeut-
schen Justiz
,,Zur Frage der Erneuerung der deut-
schen Justiz stellt die Interzonale
Konierenz der Juuisten der VVN
folgendes lest: Die Erneuerung der
deutschen Justiz ist ein Teil der De-
mokratisierung des gesamten Staats-
und Volkslebens. Die Grundlage da-
iir sind Richter und Staatsanwalte,


Antiseniitismus in Miinchen 1948
M iinchen (RVN). "Auf den amtlichen Bekanntmachungen des'Staats-
kommissariats ftir politisch, rassisch une religios Verfolgte wurden in
Mtinchan an vier verschiedenen Platzen gedruckte Klebezettel mit dem
Text angebracht: ,,ln einer Gemeinschaft von 60 Millionen Deutschen
ist fiir den Juden auch wirklich kein Platz!"

27






die v6llig unbelastet von einer Teil-
nahme an dem Justizunrecht sind,
das vor und waihrend der Hitlerzeit
begangen wurde. Sie mussen mit
ihrer ganzen Pers6nlichkeit fiir eine
neue Justiz eintreten und von dam
Glauben an deren Neugestaltung
durchdrungen sein.
Die' vorhandenen oder entstehenden
Licken in Justiz und Verwaltung
miissen durch iiberzeugte Demo-
kraten geschlossen werden. Die Mit-
wirkung des Volkes an der Recht-
sprechung ist weiterhin durch Heran-
ziehung von Laienrichtern zu sichern.
die von den politischen Parteien
und den Gewerkschalten vorzu-
schlagen sind.
Der akademische Nachwuchs ist
durch die Haltung der Universititen
in Gefahr, wieder demokratiefeind-
lich zu werden. Deshalb ist ein
grundsitzlicher Wandel der juristi-
schen Fakultdten in personeller und
sachlicher Hinsicht geboten."
Zu den wichtigen Aufgaben der
Justiz sagte sie in nachstehenden
Ausfiihrungen ihre Meinung, die
besser als wir es verm6gen, die
Frage beantworten: Was sollen
wir tun?

Ausreichender Stralrechts-
schutz nationaler, reli-
gi6ser oder rassischer
Gruppen
Die Juristenkonferenz der VVN stellt
fest, daB ein geniigender Strafrechts-
schutz nationaler, religidser oder
rassischer Gruppen gegen die Ver-
tichtlichmachung in der Bev6lkerung
einschlieBlich wissenschaftlich ge-
tarnter Abhandlungen nicht besteht,
wie die Vergangenheit und die
jiingste Gegenwart gezeigt haben.
Hierin liegt eine betrichtliche Ge-
lahr fiir den Rechtsfrieden.
Die Konferenz kommt zu folgenden
Ergebnissen:
1. Bereits nach der neueren Recht-
sprechung kann die Verleumdung


und Beleidigung von Personenmehr-
heiten aul Grund der Bestimmungen
uber Verleumdung iible Nachrede
hunter erhebliche Strafe stellen.
Die Konferenz empfiehlt jedoch, dar-
ilber hinaus den Tatbestand der
Gruppenverleumdung gesetzgebe-
risch festzulegen.
2. Die Auihetzung anderer gegen
national, religiose oder rassische
Gruppen der Bevolkerung ist durch
Bestimmungen des deutschen Strai-
rechts bzw. Liinderstrafrechts unter
erhebliche Strafe zu stellen. Die Kon-
ferenz ist der Auffassung, daB be-
reits bei Anwendung von Kontroll-
ratsdirektive 38 und Kontrollrq!s-
gesetz Nr. 10 eine Ahndung der-
artiger Handlungen mdglich und er-
forderlich ist, halt jedoch die Schaf-
Jung klarer. deutscher Strafbestim-
mungen fir unerldilich.
3. Die anerkannten Organisationen
der durch die Straftaten angegriiie-
nen Gruppen miissen das Recht er-
halten, als Privatkliger auizutreten.
Sie sind als Nebenklager zuzulassen,
wenn iffentlicheAnklage erhoben ist.
4. Die Konferenz ist der Auiiassung,
daB die a erkannten Organisationen
der Verfolgten in Veriahren wegen
Verbrechen gegen die Menschlich-
keit die gesetzliche M6glichkeit er-
halten sollten, als Nebenklager sich
dem Verfahren anzuschlieBen.

Wider Lals che, sin nwidrige
Auslegung des Kontroll-
ratsgesetzes Nr. 10
,,Die Juristenkonferenz der 1 -N
stellt mit groBem Bedauern iest,
daB das Kontrollratsgesetz Nr. 10,
das die Bestrafung der Menschlich-
keitsverbrechen vorsieht, in weitem
MaBe eine Auslegung eridhrt, die
nicht dem Geiste dieses Gesetzes
entspricht. Insbesondere kann sich
die Juristenkonferenz mit der iiber-
wiegenden Rechtsprechung in der
britischen Zone nicht einverstanden
erkliren. Die unzuliingliche Recht-








sprechung auf diesem Gebiet ubd
in anderen Straf- und Zivilsachen
riihrt zu einem groBen Teil daher,
daB die verbrecherische Betatigung
des Hitler Regimes, insbesondere
der verbrecherische Charakter des
Hitler-Krieges, unberiicksichtigt blei-
ben. Die Juristenkonferenz bedau-
ert insonderheit auch, daB in der
amerikanischen Zone eine Verfol-
gung der Menschlichkeitsverbrechen
an Deutschen bis jetzt weder durch
die Besatzungsmacht erfolgte noch
von ihr den deutschen Gerichten
zur Verfolgung freigegeben wor-
den ist.
Die Juristenkonferenz gibt der Hoff-
nung Ausdruck, daB die Verbrechen
gegen die Menschlichkeit iiberall
in Deutschland der grolen poli-
tischen Bedeutung dieses Gesetzes
entsprechen, einer gerechten Sihne
zugefiihrt werden. Die Juristenkon-
ferenz fordert die Besetzung der
mnBgeblichen Stellen mit Richtern
und Staatsanwilten, die die Gewahr
flir eine sinngemdte Anwendung
des Kontrollratsgesetzes Nr. 1.0
bieten."
In Bezug auf die iltere Generation
unseres Volkes scheint die Lage
weitgehend hoffnungslos zu sein.
Die verschiedensten Umfragen von
verschiedenen Seiten ergaben
immer wieder ein Zurtickfallen in
die alte Stumpfheit und Gedan-
kenlosigkeit. Die Schriftstellerin
Eva Sievert machte sich die
Miihe einer private Umfrage und
Unterhaltung mit zahlreichen, ihr
unbekannten Menschen aus alien
Schichten. Zehn Fragen stellte
sie. Die 4., 5. und 6. Frage be-
trafen im Ganzen unser Thema:
Horen wir sie selbst:

Die vierte Frage: ,,Glauben Sie,
daB die jetzt geschilderten
Greueltaten in den KZ.s wirklich
vorgekommen sind?" wurde von
nahezu 80 Prozent verneint. Man
bezeichnete die Mehrzahl der
Schilderungen alo Propaganda-


mache der Alliierten oder als
*Versuch ehemaliger Haftlinge,
Posten und Entschadigungen zu
ergattern, weil ,,sie sonst ja
nichts erreichen wirdenr denn
das sind alles minderwertige
Elemente." Viele fiigten hinzu:
,,Wenn es wirklich zu Massen-
morden in KZ.s kam, die anglo-
amerikanischenLuftangriffe waren
auch Massenmorde. Wir haben
also genau soviel oder mehr
durchgemacht als die KZ-
Insassen." Fur den Unterschied
zwischen diesen Vorgangen und
den Folgen kriegerischer Ein-
wirkungen zeigten knapp. zehn
Prozent Verstandnis.
Die fiinfte Frage: ,,War Hitlers
Judenpolitik richtig?" erhielt
sehr verschiedenartige Antwor-
ten. Etwa 50 Prozent stieBen
sich an Pogromen wie den Vor-
gingen des 10. November 1938,
ebenso viele hielten die Deporta-
tion in Lager fir falsch. Aber
fiber 70 Prozent bezeichneten die
Juden als FremdkBrper, die ein
nach Einigung und Starke stre-
bendes Volk beseitigen misse,
wobei viele sich auf Vorgdinge
in anderen Landern beriefen.
Aeulerungen wie ,,Die anderen
magen die Juden auch nicht!",
,,Die Juden k6nnen nie wie
Deutsche empfinden'", ,,Sie
fischen immer im truben und
sind Ausbeuter niemand will
sie haben!", waren sehr zahl-
reich. Als L6sung wurde zumeist.
Ausweisung in solche Linder
vorgeschlagen, die die Juden
aufzunehmen bereit w8ren oder
aber: ,,Man soil ihnen Palistina
geben, damit endlich Ruhe ist.
Dann aber auch alle dorthin
chickenn" Zu einer Wiedergut-
machung an den Rasseverlolgten
fihlten sich nur etwa 10 Prozent
verpflichtet.
Die sechste Frage: ,,Wie denken
Sie fiber das Mischlingsproblem?"
stieB auf groBe Unsicherhejt.







Die Ansichten, ob sich hier das
arische oder jiidische Blut star-
ker durchsetzen wiirde, warren
sehr geteilt. Etwa 40 Prozent
hielten Mischlinge, die nicht im
jiidischen Glauben erzogen wur-
den, fir ,,harmlos". Etwa fiinf-
zehn Prozent erklirten, wo auch
nur etwas jiidisches Blut wdre,
landen sich auch jiidische, nach
ihrer Meinung untragbare Eigen-
schaften."
.,Zwischen denZeiten",Nr. 1Okt.47
Entmilitarisierung, eine weise Ge-
setzgebung und die demokrati-
schen Institutionen entscheidend be-
herrscht durch den Teil unseres
Volkes, der unerschrocken gegen
das Hitlerregime kimpfte, sind
Garantien gegen einen Riickfall in
die Barbarei. Ueber allem aber
steht der entschlossene Kampf um
den Frieden der Welt.
Alle erdenkliche Sorgfalt aber sollte
man der Erziehung der jungen
Generation unseres Volkes wid-
men! Einer Heranbildung tole-
ranter, human denkender und
fiihlender Menschen. Man tiusche
sich nicht. Die Liicken sind groll
und genau so beingstigend ist be-
reits die Vergiftung. Diese Ant-
wort auf den Aufruf einer Zeit-
schrift (,,Benjamin"), das von der
SS in Frankreich zerst6rte Dorf
Oradour wieder aufzubauen, ent-
spricht wirklich der Gesinnung
vieler Jugendlicher. Die Zeit-
schrift verbffentlichte folgende
Antwort:


Ein Ehrentitel iir unsere lugend
DOS Echo oul unseren Orodour-Auflut
Das Dorf sollen die
Oberfaulenzer und
Tagediebe, dieses
Verbrechergesindel,
in erster Linie die
Juden aufbauen,

30


denn diese Sorte
hat schon genug Un-
hei1 und Unglick
auf der Welt an-
gerichtet. Aber auch
die Franzosen wollen
keine Juden haben.
Kein Land will diese
Verbrecher, das muB
und hat doch sicher
Grfinde.
Die Meinung der Bevblkerung der
Stadt Hof (Saale), Max Hoftmann, Hof.
Entn. aus der Jugendzeitschlift .Benjamin'
Wir meinen, daB Lehrerschaft,
Schule, Kirche und Jugendorgani-
sationen grofe Aufgaben haben.
Hat es nach dem Erleben der
letzten Jahrzehnte wirklich noch
einen Sinn, der heranwachsenden
Jugend von dem Kindermord yn
Bethlehem und dem K6nig Hero-
des zu erzahlen? Wozu ist es gut,
immer wieder Kindern zu predi-
gen, daB die Juden vor 2000 Jah-
ren den Heiland kreuzigten?
Ihnen muB gesagt werden, daB
Krafte sich in unserem Volke ent-
wickeln konnten, die hunderttau-
sende Kinder mordeten. allein des
Aussehens wegen. Wohin Unduld-
samkeit, Irrlehre. HaB und Un-
freihet fiihren, soil man ihnen an
der unseligen ,,Kristallnacht". zei-
gen und man soll sie lehren, von
Hitler mit weit grboerem Abscheu
zu sprechen als von Herodes und
allen Despoten und blutigen Ty-
rannen der Weltgeschichte. Man
soil sie vertraut machen mit der
Schande unseres Volkes und ihren
Ursachen. Man soill sie erziehen
in der Achtung vor dem Menschen,
ganz gleich, welche Hautfarbe sie
haben, welchem Volke sie ange-
hbren, welchen Glaubens und wel-
cher Weltanschauung sie sind. In
der Achtung vor allem. was Men-
schenantlitz tragt und in dem
guten Beispiel. E. \ ald.








MEIN KIND .....

Ein Schrei lang und anhaltend durchdringt meine Seele
Mein Kind hat nach mir gerufen.
Mein Kind, welches ich hier geboren,
hier im Gefangnis -
An einem sonnigen Friihlingstag kam es zur Welt.

Ich schenke Dir meine ganze Liebe
Ich schenke Dir mein ganzes Ich
Ich gebe Dir viel mehr, als ich Dir sonst geben wiirde,
Denn mein gutes, armes Kind,
Du hast erblickt das Licht der Welt im Geft ngnis.

Deine Wiege ist ein Wdschekorb,
Dein Ausflug in die Welt ein kahler Hof mit einem Baum
Dein Kinderzimmer ist ein Saal mit vielen MUttern und Kindern
Und wenn Du allein sein willst mit Deiner Mutter,
Kannst Du es nicht .....

Di blickst mit Deinen grolen blauen Augen
Erstaunt um Dich
Und Deine sUiBen kleinen Hinde greifen um sich
Fragend, tastend, voll Neugier .....

Und wenn Dein Vater kommt
In einem Trupp von vielen Mdnnern,
Und wenn er aus der Reihe treten darf,
Und kurze Minuten Dich an sein Herz drUicken kann,
Dann, mein Kind, geniefle diesen heiligen Augenblick
Und weine nicht.

Lach' ihm zu, Deinem tapferen Vater,
Zeig' ihm, daB Du Dich freust Deines Lebens,
Und beweis es ihm, daB Du keine Angst hast vor der Zukunft.
Beweis' es ihm mit Deinem sonnigen Kinderlachen
Mit Deinem sorglosen Blick.
Mein gutes Kind, hier bist Du nur als Nummer geffihrt.
Du bleibst trotzdem mein einzig Kind
Und mein ganzes, groves Glick.
Du kamst zur Welt in Theresienstadt im Friihling 1942.

N a c h s a z : Dieses riihrende Gedicht einer jidischen Mutter,
die in Auschwitz urns Leben kam, wurde durch den Kameraden
Theo Hohenstein aus Theresienstadt gerettel. Es wild hier das erste
Mal verdlfentlicht.









Die Begegnung

Tagtaglich begegnet er mir Ahasver in anderer Gestalt:
als Flichtling aus alien Gefilden Europas,
im Blick noch das Wunder der wunderreichen Errettung,
als Hiob und als Jeremias aus Buchenwald, Belsen, aus Dachau,
Ins totenkopfhafte Gesicht eingegrabea die Qualen der H6lle,
bedeckt noch mit Schorf und mit Narben,
als eines der zahllosen Kinder, verkimmert zum durren Gewurme,
als Waiseder zahllos gemordeten Eltern,
als Witwe der zahllos gemordeten Gatten,
als Jingling, der nie wieder jung,
als Mddchen, das nie wieder Madchen kann sein!

Erschreckende Zeugen getretener Menschen!
Mach nackt einen jeden, du siehst noch die Spuren
der glihenden Siegel auf seinem skeletten Kdrper.

Mit ihnen begegne ich geisternde Schatten -
den Zug der Millionen, die spurlos verschwanden
in dwn Menschenschlachthdusern Europas .

Hatten sie nicht alle eine Heimat in Europa?
Waren sie nicht alle schmerzgeboren?
So wie du oder ich?

Liebten sie nicht Elternhaus und Eltern?
Gingen in die Schule, machten ihren Weg,
mancher schwer und mancher leicht.

Sorgten sie sich nicht um die Familie?
Litten sie nicht Krankheit, Kummer, Not?
So wie du oder ich?

Ganz wie Christ und Moslim haben sie zu Gott gehetet,
warren gut und schlecht,
wie du und ich!

Kannten Wohlstand oder Armut, ganz wie andre,
so wie irgendeiner aul der Welt.

Textilweber waren sie in Lods, Diamantschleifer in Antwerpen,
Altwarenkrdmer, Bankiers, Hausierer, Vertreter,
Kommis, Fabrikherren, Kaufleute, Lumpensammler,
Handwerker, Gelehrte, Techniker, Dichter und Kinstler,
Handler aul alien Markten, aufs Geld aus wie alle,







die von der Peitsche ,,Verdienen" erfaBt.
SchlieBlich sie starben, warden betrauert, wie andere Tote,
und ruhten, wie andere Sterbliche auch, in friedlicher Urde.

Auf einmal hieB es, sie seen anders als du oder ich!
Sie seen Juden und also ganz anders.
Der Jude sei sohuld an allem B6sen und allem Unglick!
Und so verfolgten sie ihn, ersannen ihm bis dahin nie erfundene Qualen.
Sie nahmen ihm alles und trieben ihn aus seiner Heimat,
trieben mit lhm ihren Spott und zerstdrten ihm seinen Tempel,
marterten ihn, erlanden Verschickung und langsam Verhungern,
erfanden die Ghettos, Pferche der grausamsten Schindung,
erfanden Auschwitz, Maidanek und Theresienstadt.
Well der Jude anders sei, nicht so wie du oder ich!

Deutsche waren es, die das erfanden.
Auch ich bin Deutscher.
Aber nie land ich, der Jude sei anders, als du oder ich.
Mit manchem verband mich Freundschaft und mancher war mir zuwider,
so wie ich auch ihm, wie man eben dahinlebt.

Aber nun war keiner mehr mir belanglos.
Ich bangte um jeden, der in Gefahr sich befand.
Jeder Erschlagene wurde mir nahe verwandt.
Jedem Geschlagenen fihlt ich mich innigst verbunden.
Ich mdchte die Hand ihm driicken, doch 'habe ich Scheu, es zu tun.
Wenn meine StraBe er kreuzt, senk ich bedr(ickt meine Augen.
Dernn ich gehore dem Volk an, das die Judenschldchter gezeugt hat,
das Buchenwald, Dachau, Maidanek, Auschwitz erfand.

Ursache hat er, zu hassen. Und ich -
ich m6chte ihm sagen:
LaB uns steigen aus dem Abgrund des Hasses,
der unsere besseren Krnflte nicht freigibt.
Wir im Weltbibrger-Jahrhundert
sollten nicht trennen uns lassen
gegen das Unrecht, wo und wie es auch wuchert,
gegen Knechtung in all ihren Formen.
Damit Unheil nicht Unheil gebire,
laB endlich vereint doch uns fihren den heiligen Kampf.
Und so gewinnen das lange verheiBene,
dos briiderlich free -Reich hier auf Erden,
das einst Jesaija, wie Christus erschaut! Julius Zerlass.
(Aus: ,,Du Mensch in dieser Zeit" von Julius Zerfass.
Verlag Oprecht Zurich 1946)







ZUR FRAGE DER FRIEDHOFSSCHANDUNGEN
(Entnommen dem ,,Judischen Gemeindeblatt" vom 25. 8. 1948)


Leider muB man heute, da Schin-
dungen jildischer Friedh6fe an
der Tagesordnung sind, von einem
Problem sprechen, und zwar von
einem politischen. Die erste Frage,
die wir uns vorlegen miissen, ist
die, ob die Schandungen eine sy-
stematische und nicht zufillige
Aktion darstellen. Da seit der
Kapitulation keine Nachricht fiber
die Verwiistung eines nichtjiidi-
schen Friedhofes, wohl aber lau-
fend solche von Schandungen jfi-
discher Friedhdfe eintreffen, kann
die Antwort nur ,,Ja" lauten. Die
zweite Frage ist nach den TUtern
und den ,,Grtinden" ihrer Hand-
lungen. Nur in drei Fllen ge-
lang es, der Titer habhaft zu
werden. Der erste gefalte Schul-
dige war ein im mittleren Alter
stehender Mann, der vorgab,
Grabsteine umgestoBen zu haben,
um nachzweisen, daI der Fried-
hofswairter zur Bewachung des
Gelandes ungeeignet sei und um
dessen Posten zu erhalten. Ob
man diese Formulierung als wahr
unterstellt oder nicht die mora-
lische und sittliche Verkommen-
heit des TBters stehtt aufer Frage.
Ist es ein politischer Fall? Man
mSchte auch diese Frage bejahen.
Der Mann hielt sich an einen jii-
dischen Friedhof, um sein angeb-
liches Ziel zu erreichen. Das
diirfte zumindestens auf einige
Vorurteile' politischer Natur zu-
riickzuftihren sein. Man weil, wie
sehr der Grol~teil des deutschen
Volkes von den nazistischen Ideb-
logien fiber die ,,Minderwertig-
Einrichtungen infiziert ist. Wa-
rum sollte das nicht bei der Wahl
keit" anderer Rassen und ihrer
des Taters nach einem ,,geeig-
neten" Objekte eine Rolle, viel-
leicht unbewuBt, gespielt haben.
Im zweiten Falle waren zwei
Jungen die Tater. Auch sie hielten

34


sich an einen jiidischen Friedhof.
Das Umwerfen der Grabsteine
machte ihnen ,,SpaB" ,,es going
nimlich ganz leicht!" Die Eltern
der Jungen sind unbelastet. Und
doch der Anstifter hielt sich
fir einen ,,echten deutschen Jun-
gen". Er hat genug vom nazisti-
schen Gifte abbekommen, genug
wahrscheinlich ffir sein ganzes
Leben. Seine Worte sprechen fir
sich.
Im dritten Falle hatte ein Stein-
metz zahlreiche Grabsteine von
einem jfidischen Friedhof entfer-
nen lassen und sie nach Ausschlei-
fung der Inschriften fiur seine ge-
schtftlichen Zwecke benutzen
wollen. Er hielt angeblich den
Friedhof fir eine ,,herrenlose
Trfimmerstltte" (!), erklirte sich
aber zur Wiedergutmachung be-
reit. Man kann ihm nicht
glauben. Er wuBte. dab es sich
um jildische Grabsteine handelte
und trotz der Verwahrlosung
(Schuld der deutschen Behorden!)
des Gelindes ist dieses durchaus
als ein Friedhof erkennbar. Aber
seine Aussage warf ein helles
Licht auf einen Mifstand. der bis-
her zu wenig ins Blickfeld der
Oeffentlichkeit gerichtet worden
war auf den unglaublich
schlechten Zustand, in dem sich
die jfidischen Friedhofe nach wie
vor befinden. Wenn die deut-
schen Beh6rden hier nicht bald
fir eine wiirdige Aenderung sor-
gen, wird man ihre Phrasen von
der ,,Pflicht zur Wiedergutma-
chung" noch weniger als bisher
ftir ernst gemeint halten.
Wer sind die fibrigen Titer? Die
Polizei hat ,,versagt"! Man muB
also vermuten. Ein GroBteil von
ihnen diirfte aus den Kreisen
kommen oder von ihnen ange-
stiftet sein, denen die passive und
aktive Resistenz der Behorden







gegen die jidischen Forderungen
auf finanzielle und sachliche
Wiedergutmachung nicht geniigt.
Mit anderen Worten: es diirften
Nazi-Aktivisten sein. Manche ver-
muten, daB es sich in erster Linie
um Mitglieder der zum groBen
Teil fanatisierten Jahrginge han-
delt, die bei Hitlers Machtantritt
ins ,,Jungvolk", in die ,,HJ" oder
in die ,,SA" traten also um
jiingere Menschen von 20-35
Jahren. Den Tiitern geniigt es
nicht, da3 infolge der nie statt-
gefundenen Wiedergutmachung, die
iiberlebenden Juden ein trauriges,
freudloses Dasein filhren. Zwar
wagen sie es (mit Ausnahme
einiger FAlle) nicht, zu kirper-
lichen Mi8handlungen ihrer jildi-
schen Mitmenschen zu greifen -
weniger aus Furcht vor der An-
wendung deutscher Gesetze als
vielmehr aus Respekt vor der
Konsequenz der anwesenden Be-
satzungsmaibhte und der betref-
fenden Kontrollratsgesetze aber
ihr durch und durch kranker
Geist verlangt nach barbarischen
Handlungen. Tief verwurzelter
Antisemitismus ist die Ursache


ihres Handelns, wenn sie das
nichtliche Dunkel benutzen, um
selbst das Andenken an die Toten
zu schanden, zu zertriimmern, zu
vernichten!

Es ist der Geist derer, die Tre-
blinka, Maidanek und Auschwitz
schufen! Und was tun die deut,
schen verantwortlichen Stellen,
um die Verbrecher zu fassen?
Wahrend der Polizei bei alien
uibrigen Verbrechen das Ausfin-
digmachen der Tater in der Mehr-
zahl der Fille stets gelingt, ,,ver-
sagt" sie hier vollig. Kann das
anders sein? Kaum, denn die
Polizei ist bis zu 70 vH. und teil-
weise mehr mit ehemaligen Par-
teigenossen besetzt, ja sogar mit
vielen SA- und SS-Leuten. In den
Kommandoh6hen ist der Prozent-
satz, mit Ausnahme einiger we-
niger Stidte nicht geringer. Die-
se Leute diirften sicherlich nicht
ein sonderliches Interesse an der
Aufklirung der Friedhofsschln-
dungen haben, zumal sie von an-
deren Beh6rden, die alles vertu-
schen m6chten, noch in dieser
Haltung bestdirkt werden, wobei


IA/113 -14 795
Kdnntet daheim ihr diese Nummer lesen,
dann seh ich euch schon Iragenden Gesichts.
Jedoch, wer in Theresienstadt gewesen,
dem sagt sie alles. Ihm verschweigt sie nichts:

IA du wurdest in Berlin gefangen.
Der 113. Transport du kamst sehr spdt!
Bist als der 14 795. gegangen .
So viel schon hat ein bittres Los von dort hierher verweht.

Ja, hier verliert man alles, auch den Namen,
hier wird man Nummer, wie wir's alle sind.

Und unter denen, die im letzten Sommer kamen,
bist diese Nummer du nun mein geliebtes Kind!
Tana Peter






das allgemeine Schweigen der
deutschen Presse den Endeffekt zu
dieser Einstellung gibt. Man kann
sich allerdings vorstellen, daB es
manchem deutschen Politiker,. der
6fters von dem Vorhandensein
einer Demokratie hier redet, un-
angenehm sein wiirde, wenn er die
Verbrecherphysiognomie eines SS-
Mannes, der tagsUiber den harm-
losen Handwerker oder Geschiifts-
mann spielt, als einen nachtlicher-
weise gefaBten FriedhofsschSnder
in der auslindischen Presse wie-
derfindet. Auch in diesem Zusam-
menhang mul man die ,,eifrigen"
Bemiihungen deutscher Stellen zur
Festmachung der Thter sehen!

Es soll nicht verkannt werden, daB
maBgebliche deutsche Regierungs-
vertreter sich pers6nlich fuir die
Aufklairung und Verhinderung der
Schindungen jUidischer Friedhife
eingesetzt haben, sicher aus ehr-'
lichem Willen heraus und daB es
Polizeichefs gibt, die nichts unver-
sucht gelassen haben, um die Ti-
ter zu fassen. Aber dies ist eben
bezeichnenderweise nicht die all-
gemeine Haltung der deutschen
verantwortlichen Beh6rden, und
besonders in kleineren deutschen
Gemeinden trifft man auf einen
kaum versteckten, dumpfen anti-
semitischen Ungeist.

Alle GegenmaBnahmen kamen zu
spit. Wiren die deutschen Poli-
tiker sich nach der Kapitulation
darin einig gewesen, den dunklen
Krdiften der ewig Gestrigen ein
fir allemal das Wasser abzugra-
ben, d. h. ihren gesamten EinfluB
zu liquidieren, dann ware es zwei-
felios nie zu den ausgedehnten
Friedhofsschindungen gekommen,
obgleich der allgemeine Antisemi-
tismus auch dann noch ein Gefah-
renherd, aber ein wesentlich klei-
nerer, geblieben wire. Waren alle
Positionen von Bedeutung mit
Gegnern des Hitlerregimes,.die so-
wohl quantitativ wie qualitativ zur

36


Verfilgung standen und stehen,
besetzt worden, nie hitten die
Ueberlebenden urn ihre geschin-
deten Toten weinen brauchen, denn
wenn der verderbliche Einflul von
oben aufhirt, pflegt er unten
ebenfalls aufzuhbren. Stattdessen
spielte die Entnazifizierung nach
der Kapitulation eine andere, we-
nig riihmliche Rolle in der Partei-
politik. Die um die Stimmen von
Hunderttausenden und Millionen
warben, erfanden das Mirchen
vom ,,kleinen Nazi", vom ,,armen,
hungernden Pg., der seine Stellung
verloren habe und nun seine Fa-
milie nicht durchbringen k6nne".
Selbst die Frage der Mitschuld an
den Verbrechen der Vergangenheit
wurde verneint. Schamlos wurde
auf Kosten der Wahrheit um
Stimmen gefeilscht. Der Erfolg
ist, daB der Nazi-Aktivist heute
triumphierend in den Schlhissel-
stellungen sitzt, dali ,,unschuldige,
kleine Pg.", die ,,nur eine Num-
mer" gewesen sein wollen, gehor-
sam denselben Vorgesetzten die-
nen wie in der Nazizeit. Und jetzt
soll die Re-Nazifizierung groB-
zigig ihrem Ende zugeffihrt wer-
den!
Was also hat sich denn fir die
Unzahl der Antisemiten. die Hitler
zujubelten, well sie nicht um-
sonst die Erfiillung ihrer un-
menschlichen Wiinsche von ihm er-
warteten, getindert? Doch eigent-
lich nicht allzuviel! Juden werden
wieder offen geschmiht, ihre Wie-
dergutmachungsforderungen kalt
idcheInd ignoriert oder deren Er-
lillung endlos hinausgezogert. Nur
einige Kontrollratsgestze und in
erster Linic die Anwesenheit der
Besatzungsmichte iiberhaupt ver-
hindern gr6Bere antisemitische
Pogrome. Gentigt es aber nicht
schon reichlich, daB, neben den
Friedhofsschlindern, die Drohbrief-
schreiber und Fensterscheibenzer-
triimmerer eifrig und unbekiim-
mert am Werke sind? Ganz zu







schweigen von den oben angefiihr-
ten Tatsachen in der politischen
Suberung, die den Antisemitis-
mus begtinstigen.

Von deutscher Selte konnte eine
Verhinderung antisemitischer De-
monstrationen auf Grund der er-
bArmlichen Haltung in der Ent-
nazifizierungsfrage nicht verhin-
dert werden, selbst wo die ver-
antwortlichen Politiker es vielleicht
im Stillen wfinschten. Aber eben-
sowenig wie die verantwortlichen
deutschen Stellen darf man die
verantwortlichen alliierten Stellen
Sfrei von Schuld sprechen. In vie-
len Ffllen tolerierten alliierte
Kontrollorgane, die die politische
Siuberung iiberwachten, untrag-
bare deutsche Entscheidungen zu-
gunsten von Schuldigen oder stell-
ten sich in manchen Fillen gegen
gerechte deutsche Entscheidungen,
wenn diese Nazis trafen. Diese
Toleranz schUitzte lediglich die
Feinde der Demokratie. Der Er-
folg ist, daB heute in Deutschland
Demokraten und Anti-Demokraten
mit gleicher Ausdauer und Haufig-


keit das Wort Demokratie be-
nutzen. .Dieser Umstand war von
Anfang an verdichtig. Und was
sehen wir heite? Zur gleichen
Zeit, wo von Politikern, fiber
Rundfunk, durch die Presse und
von den Kirchenkanzeln herab die
Welt umn Hilfeleistungen aller Art
filr das deutsche Volk aufgerufen
wird, hdufen sich von Monat zu
Monat die Schdndungen jtidischer
Friedh6fe. Wer in der Welt glaubt
angesichts solcher Pietatlosigkeit
Deutschland und dem deutschen
Volke, daB hier eine Demokratie
im Werden ist? Wann werden die
Deutschen begreifen, daB die an-
deren Vl6ker ihre ablehnende
Haltung nicht eher aufgeben wer-
den, als bis diese Dinge aufhbren?

Es ist Sache des deutschen Volkes
selber, daffir zu sorgen, daf alle
gefihrlichen Elemente, die bereits
western ihr Unwesen trieben, un-
schadlich gemacht warden, andern-
falls wird jede antisemitische De-
monstration auch in Zukunft zu
Lasten des ganzen Volkes und sei-
nes Ansehens gehen.


Sally Rosenbaum bekommt seine Wiedergutmachung
Zerschunden und zerfetzt kommt Sally Rosenbaum aus Theresienstadt
zurtick. Bevor man ihn nach dort verschleppte, hatte er in seiner
Heimatstadt in Hessen die StraBen gefegt. Nun liest er in den Zeitun-
gen von Wiedergutmachung und der Pflicht des neuen Deutschlands, den
Opfern des Naziregimes Gerechtigkeit zu geben.
Sally geht zu seiner Stadtverwaltung, meldet sich zurtick und fragt nach
der Wiedergutmachung. Dabei ergibt sich folgendes Gesprich:
Sa 11 y: Tag, Herr Inspektor, bin -aus Theresienstadt zurtick, ich habe
gelesen von Wiedergutmachung.
In s p e k tor: Tag, Herr Rosenbaum, was haben Sie gemacht, bevor
Sie nach Theresienstadt kamen?
Sally: Ich hab' die StraBen gefegt, Herr Inspektor.
I n s p e k t or : Welche StraBen hab'n Sie gefegt, Herr Rosenbaum?
Sally: Die NebenstraBen, Herr Inspektor.
Inspe k tor: Oh, Herr Rosenbaum, da bekommen Sie Ihre Wieder-
gutmachung. Sie fegen jetzt die HauptstraBen!
.... Sally Rosenbaum fegt jetzt die HauptstraBen. E. W.







DER KINDERMORD / Von Orli Reichert
Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben:
Sterne, Blumen, Kinder.
Gibt es viele Menschen, die diesen Ausspruch Dantes nicht aus vollem
Herzen bejahen wiirden? Gibt es etwas, das uns mehr rithren kbnnte,
als die reinen, hilflosen und vertrauensvollen Kinderaugen? Wohl kaum.
Wie sehr mufl wohl ein ,Mensch'in die Irre gehen, wie traurig ist es um
seine Seele, sein menschliches Empfinden bestellt, wenn er imstande
ist, kleine, unschuldige Kinder zu morden. Wenn wir lesen bzw.
hiren, daB ein Mensch ermordet wurde, ein erwachsener Mensch, so
wird Abscheu in unseren Herzen wach und leises Grauen. Hbren wir
aber, daB man ein Kind gemordet hat, so werden diese zwei Empfin-
dungen noch verstirkt. Empbrung kommt hinzu und wir fragen, wie
ist dieses m6glich. Wir sehen vor dns kleine, hilflose Kinderhlnde,
hiren helles Kinderlachen und sehen Trainen, groBe wehrlose Trinen
aus blauen, braunen und schwarzen Augensternen. Kinderaugen sind
Sterne und wehe dem, der sie triibt oder. gar ihr Leuchten fir immer
auslbscht. Er ist verdammt. Tief steht er. So tief wie ein Mensch
nie stehen darf.
K6nnte ich es, so wilrde ich alle Menschen in Deutschland, besonders
aber die Frauen und Mitter fUinf Jahre zuriickversetzen. Nach Ausch-
witz wiirde ich sie. flihren, zurtick in das Jahr 1943. Dann kBnnten
sie sehen sehen an einem Tag, daB Scheiterhaufen aufgericltet sind
und in einer langen Reihe davor Frauen aufgestellt sind mit Kindern
auf den Armen. Und diese Kinder reilt man aus ihren Armen und
wirft sie ledendig ins prasselnde Feuer.
Und sie kdnnten eine lange, lange Reihe von Kindern sehen, Kinder im
Alter von 6 bis 14 Jahren. Diese Kinder stehen und heben bittend die
Hinde zu Minnern und Frauen in Uniform empor. Und sie bitten um
ihr Leben, um ihr armes, hilfloses Leben, das eben erst begonnen hat
und nun schon enden soll. Ungehbrt aber verhallen ihre Bitten und
'ihr letztes Stammeln verhallt in den Gaskammern des Krematoriums.
Und sie kinnten an einem dieser Tage eine endlose Reihe von Kinder-
wagen sehen. Sie rollen aus den Nebenbaracken des Krematoriums die
StraBe entlang, die zum Bahnhof Auschwitz fiihrt. Leer sind sie. diese
Kinderwagen. Als sie ankamen, war begltickendes Leben in ihnen,
Beinchen strampelten, helle und dunkle Augen schauten verwundert,
Dlumchen waren in den Mund gesteckt. Miutter hatten sie vorsichtig
und besorgt geschoben. Nun aber sind sie leer, diese Wagen, diese
schier endlose Reihe von Wagen aus den verschiedensten Lindern. Gab
es je ein solches Stelldichein von Kinderwagen? Verstummt ist das
Lallen der Kindermtinder und verstummt ist der entsetzte Schrei der
Matter.
Manner in Uniform schieben die leeren Wagen zum Bahnhof. M6rder-
hinde! Sie werden verladen, ins ,,Reich".
Nur diese drei Bilder sollte man allen Menschen in Deutschland zeigen
kdnnen. Nicht mehr, es muiBte geniigen.
Wenn der Schrei dieser tausender gemordeten Kinder wirklich ver-
stummt ist, wenn es niemand in Deutschland gab und gibt, der ihn
h6ren will, wenn ihm nicht Erkennen wichst und die tiefe Scham iiber
dieses Geschehen, so sind wir verdammt, so sind wir verloren und
immer tiefer werden wir sinken.







Ziviah Lubetkin:

DIE .LETZTEN TAGE DES WARSCHAUER GETTOS
Es fiel uns schwer, das Getto und die Toten zu verlassen. Der Gedanke,
die Einheiten von Zechariah und Josef Farber im Stich zu lassen, pei-
nigte uns. Wir hatten verabredet, sie am nichsten Tage zu treffen, und
jetzt, im Morgengrauen, bot sich keine Gelegenheit, Verbindung mit
ihnen aufzunehmen ... Wenn wir bei beginnender Tageshelle uns
zeigten, wiirden wir sie nur dem Feinde verraten. Wir sahen ein, daB
wir jetzt nichts weiter tun konnten und daB wir gehen muiten. Den-
noch weigerten sich einige Kameraden mitzukommen: ,,Wir werden uns
nicht vom Fleck riihren. Solange auch nur einer von uns im Getto ist,
wollen wir alle dableiben."
Aber wir wuBten: wir multen gehen. Schweren Herzens stiegen wir
hinunter in die Kanalisationsanlage, an der Spitze die beiden Fiihrer,
Marek und ich am Ende. Es war ein Abgrund von Dunkelheit, und ich
fihlte, wie das Wasser um mich herum aufspritzte, als ich hinunter-
sprang, und dann wieder weiterstrimte. Ein grailiches Gefiihl des
Ekels tiberkam mich in dem kalten schmutzigen Wasser, und ich ffihlte.
daB nichts nicht einmal die Freiheit das lohnte.
Nur ganz wenige konnten mit uns kommen. Die Alten und die Kinder
konntern bei einer solchen Unternehmung nur urs Leben kommen. Sie
baten nicht einmal, mitgehen zu dilrfen. Sechzig Menschen krochen
durch den engen Abwasserkanal, halb zusammengekriimmt, wahrend
das schmutzige Wasser uns bis an die Knie reichte. Jeder hatte eine
Kerze. In dieser Weise arbeiteten wir uns halb gehend, halb kriechend
20 Stunden lang, einer hinter dem anderen, ohne Rast, ohne etwas zu
essen oder zu trinken, durch diesen grauenvollen Kanal. Hunger und
Durst nahmen uns die Krdfte. Zu unserer Gruppe geh6rten auch die
18 Ueberlebenden der Katastrophe bei Milah Nr. 18, die sich von den
Wirkungen des Gases noch nicht erholt hatten. Einige von ihnen waren
nicht imstande zu laufen, und wir zerrten sie an Hdnden und FiiBen
durch das Wasser. Mehr als einmal field einer Von uns hin und bat.
man solle ihn liegen lassen; aber nicht einer wurde wihrend dieser
ganzen Wanderung zurtickgelassen.
Am nichsten Morgen erreichten wir in der Friihe eine Stelle unter der
FrostastraBe auBerhalb des Gettos. Hier machten wir halt, um zu
rasten. Kazhik und sein polnischer Gefihrte hoben den Kanaldeckel in
die H6he und verschwanden. Wir saBen im Wasser und warteten. An
jenem Tage h6rten wir nichts mehr von ihnen. Marek und ich, die
beide am Ende des ganzen Zuges waren, beschlossen in unserer Unge-
duld, nach vorne zu gehen und mit den anderen zu besprechen, was
geschehen solle. Eng gegen die Kanalwand geprelt, zwingten wir uns
hinter der Reihe der sitzenden Kameraden hindurch, bis wir zu denen
in der Nihe des Ausgangs kamen. Sie wuBten ebenfalls nichts.
Nun kam uns der Gedanke, zum Getto zurtickzugehen und die anderen
herauszubringen. Viele meldeten sich als Freiwillige fir diese Mission,
aber nur zwei wurden daftir bestimmt. Der eine von ihnen war Schla-
mek Schuster, ein etwa siebzehnjdhriger Junge. Jeder wuBte, daB
keiner fir dieses gewagte Unternehmen geeigneter war als er. Wir
alle erinnerten uns, wie er seine Einheit aus einem brennenden, von








den Nazis umstellten Haus im Btirstenbinderviertel gerettet hatte. Er
war mit Handgranaten durch eine Mauer von Deutschen hindurch-
gebrochen, und als sie sich wieder fal3ten, hatte er bereits fir sich und
seine Kameraden einen Weg freigemacht, Ihm schloB sich jetzt Yorek
Blons an, ein Blterer, wegen seiner Intelligenz und Tapferkeit ge-
schdtzter Kamerad. Sie verlielen uns, bevor es Abend wurde.
Erst um Miternacht nahmen die Kameraden von der Aufenwelt die
Fiihlung mit uns auf. Der Deckel fiber dem Einstiegschacht wurde in
die Hdhe gehoben, und man reichte uns Suppe und Brotlaibe herunter.
Wir konnten die EBwaren kaum anriihren; uns peinigte nur der Durst.
Yehuda Vengrover, noch durch das Gas geschwdcht, konnte seinen Durst
einfach nicht mehr ertragen. Er. hatte sich in das Kanalwasser her-
untergebickt und davon getrunken. Als wir am ndchsten Tag den
Wald erreichten, fiel er zu Boden und starb in wenigen Minuten.
Die Kameraden von drauBen unter ihnen auch ein von der P. P. R.
(Polnische Arbeiterpartei) zur Unterstiitzung des Jidischen Kampfbunds
bestimmter Pole sagten uns, sie wfirden uns am Morgen holen. Wir
erz~hlten ihnen, daB zwei unserer Kameraden zurtickgegangen seien, um
die iubrigen zu holen; wir wfiiten nicht, wann sie zuriickkdmen, und
wiurden uns nicht von der Stelle riihren, bevor sie nicht wieder da wiren.
Wir machten uns Sorgen, daB, wenn wir erst einmal hier herausge-
stiegen waren, es nicht mehr miglich sein k6nnte, die anderen heraus-
zuholen, da die Deutschen bestimmt den Ausgang entdecken und sorg-
f~ltig beobachten wilrden.
Ueber uns going das Leben auf der StraBe wie gewohnt weiter. Wir
lauschten auf den Ldrm der StraBe und hbrten die frdhlichen Laute
poinischer Kinder, die auf der StraBe spielten.
Am Morgen kamen unsere beiden Boten, Schlamek und Yorek, mit leid-
verzerrten Gesichtern zuriick. Alle in das Ghetto fiihrenden Kanalaus-
gdnge waren verrammelt.
In unserem Kummer beteten wir, es mige doch alles zu Ende gehen. Die
k6rperlichen und geistigen Krifte versiegten. Dann, um 10 Uhr, horten
wir ein Geriusch, und bald darauf war der Tunnel von einem Licht er-
flillt, so hell, wie wir es seit vielen Tagen nicht mehr gesehen batten.
Wir waren alle davon iberzeugt, daB die Deutschen unser Versteck auf-
gest6bert hatten, und rannten weiter zurick in die Kanile. Aber es
waren unsere Kameraden, die gekommen waren, uns zu holen. Sie
riefen uns aufgeregt zu sich und halfen uns, die Leiter hinaufzusteigen.
Nahe beim Ausgang stand ein Lastwagen. In wenigen Minuten waren
vierzig Personen ihn ihn verladen* er fuhr weg, und ein anderer kam
herangefahren.
Jetzt, da wir einander bei Tag sahen schmutzig, in Lumpen gewik-
kelt, mit dem Unrat der Kanile beschmiert, mit ausgemergelten Ge-
sichtern, wihrend die Knie vor Miidigkeit schlotterten -, fiberwaltigte
uns das Entsetzen. Nur unsere fiebernden Augen verrieten, daB wir
noch lebendige Menschen waren. Wir legten uns alle auf den Boden
des Lastwagens, um von der StraBe nicht gesehen werden zu kbnnen,
und jeder hatte seine Waffe neben sich liegen. In dieser Weise fuhr ein
Lastwagen voll bewaffneter jiidischer Kampfer am 12. Mai 1943 mitten
durch das von den Nazis besetzte Warschau. Der Pole Kascek, der unser
Bundesgenosse war, saB neben dem Fahrer und zeigte ihm den Weg,







wihrend Kazhik fUr jedermann sichtbar aufrecht im Wagen stand. Wir,
die wir am Boden lagen, wurden durch seinen Gesichtsausdruck be-
ruhigt. Wir wul3ten weder, wohin es going, noch durch welche Stralen
wir fuhren. Wir sprachen nicht. Und um uns herum war der LUrm des
Warschauer Lebens, das Geriusch voriiberfahrender Autos und der
Menschenmassen.
Die Fahrt dauerte nur eine Stunde, aber die Minuten schleppten sich
dahin. Verschiedene Male erging im Fliisterton das Kommando: ,,Waffen
bereit halten! Deutsche in Sicht!" Aber es kam zu keinem Zusammen-
sto3f. Die schwerste Phase kam, als wir versuchten, fiber die aus der
Stadt ffihrende Brticke zu fahren. An jeder Bricke standen deutsche
Posten, die jedes Auto durchsuchten. Unser Lastwagen fuhr von einer
Stra8e zur anderen; wenn der Fahrer bemerkte, daB bei einer Briicke
eine sorgflltige Untersuchung stattfand, kehrte er um, um einen anderen
Ausweg zu suchen. Bei der vierten Brticke gelang es uns dann, in dem
Durcheinander des dichten Verkehrs unangefochten hiniiberzukommen
und so den Wald von Mlochini, 7 km von Warschau, zu erreichen.
Unsere Flucht war von unseren Kameraden auBerhalb des Gettos orga-
nisiert worden. Wenn die polnische Untergrundbewegung ein Unter-
nehmen dieser Art in der Hauptstadt bei Tage haitte versuchen wollen,
dann hitte sie dafiir starke Kampfeinheiten einsetzen miissen. In un-
serem Fall wurde die ganze Aktion lediglich von drei Juden und einem
Polen durchgefihrt. Zwei von ihnen standen an den beiden Enden der
StraBe und verhinderten mit ihren Waffen jedermann daran, sie zu be-
treten. Ein polnischer Polizist erschien zufillig auf der Szene, und als
einer unserer Kameraden ihn anschrie: ,,Fort von hier, oder ich
schiele!", rannte er davon.
Einer unserer Kameraden hatte am Morgen eine Speditionsfirma ange-
rufen, sie solle zwei Lastwagen nach der FrostastraBe chicken, um
Holzschuhe abzufahren. Als die Wagen kamen, war schon alles fir die
Befreiungsaktion vorbereitet. Unsere Kameraden gingen bewaffnet zu
den Fahrern und sagten: ,,Hier sind keine Holzschuhe. Wir haben hier
eine Gruppe jildischer Kimpfer. Ihr miiBt sie in die Wilder auBerhalb
Warschaus bringen, oder wir machen euch kalt." Sie gehorchten, und
der erste Lastwagen brachte uns aus der Stadt hinaus.
Whrend der Fahrt sorgten wir uns um die anderen, die in der Kanal-
anlage geblieben waren. Sie waren vom Ausgang ziemlich weit ent-
fernt gewesen, und als sie dort angekommen waren, konnten die Kame-
raden drauBen den Verkehr von der Strafe nicht mehr linger fern-
halten. Der Fahrer des zweiten Lastwagens bekam Angst und verlieB
seinen Sitz. Man konnte ihnen nur noch sagen: ,,Geht durch den
Kanal zu dem Ausgang in der nichsten StraBe. Wir holen euch spiter."
Aber sie hatten das Warten offenbar satt und kamen aus dem Kanal
heraus. Sofort wurde die ganze Nachbarschaft von einer grofen Zahl
Deutscher umstellt, da inzwischen unsere Flucht ruchbar geworden war.
Sie warfen Handgranaten in den Kanal, und als die zwanzig die StraBe
erreicht hatten, kam es zu einem schrecklichen, sich lange hinziehenden
Handgemenge zwischen der kleinen Schar unserer hurgrigen und ent-
kriifteten Leute und den deutschen Truppen. Die Polen BuBerten ihre
staunende Bewunderung fiur diese Handvoll jiidischer Knaben und
Mddchen, die es wagten, in die Stadt auszubrechen, um gegen die







Deutschen zu kimpfen. Legenden bildeten sich um diesen Zusammen-
prall, bei dem all die jungen Kimpfer den Tod fanden.
Wir wu8ten nicht, wohin man uns brachte, aber als wir uns dem Walde
niherten, fanden wir uns plotzlich von Freunden umringt. Eine Gruppe
von Kimpfern, die das kleine Getto verlassen hatte, die Gruppe Tebens-
Schultz, lief herbei, uns zu begriiBen. Sie waren ebenso wie wir ent-
kommen, aber etwa zehn Tage friiher hier eingetroffen. Sie hatten
schon um uns getrauert, in dem Glauben, wir seen verloren und sie
selbst die letzten Ueberlebenden.
In unseren Lumpen, voller Unrat und mit unseren verschmutzten und
noch ungewaschenen Gesichtern waren wir menschlichen Wesen so un-
fihnlich, daB man uns kaum erkannte. Sie brachten uns sofort warme
Milch. Alles war so seltsam. Um uns der griine Wald und ein schoner
Fruihlingstag. Es War lange her, daB wir einen Wad, den Friihling und
die Sonne gekannt hatten. Alles, was jahrelang in unseren vereisten
Herzen begraben und zuriickgedrfingt war, regte sich jetzt. Ich brach in
Tranen aus.
In jener Nacht salen wir alle um das in einer Vertiefung brennende
Lagerfeuer und ffihlten in unseren Herzen, daB wir die letzten Ueber-
lebenden des Warschauer Gettos waren, das man ausgerottet hatte. Wir
wuiten nicht, was sich iiberball in Polen abspielte, aber wir fiihlten.
daB fur unser Volk das Ende gekommen war und daB wir Ueberbleibsel
waren, rauchende und verglimmende Aschenreste ... Unsere Zukunft
war in Dunkel gehillt, und wir, die Geretteten, empfanden uns als iuber-
fliissig und vereinsamt, verlassen von Gott und den Menschen. Was gab
es, das noch getan werden konnte, was wir nicht getan hatten?
Wir lagen am Boden, aber wir konnten keinen Schlaf finden. Wir
dachten an das Mysterium der Welt und des Menschen, und wir erin-
nerten uns des Mordes, der an unserem Volke begangen worden war,
und der geliebten toten Kameraden, die Asche waren von der Asche un-
serer verbrannten Seelen. Wir grtibelten und fragten, griibelten und
fragten, aber es gab keine Antwort.

Auszug aus einem Beitrag der Monatsschriit ,.Commentar.-,
New York. Die Veriasserin nahm am Kampf in Wa:schcu ie:! und
lebt heute in Palasina und ist in der jud;schen ,,E:nhe::sp'r.ei
der Arbei'er" titig.



Ein Zitat zum Nachdenken

Es kommt zuweilen, wie fiir den einzelnen Menschen, so ffir ein
ganzes Volk ein Moment, wo es iiber sich selbst Gericht halt. Es
wird ihm niimlich Gelegenheit gegeben, die Vergangenheit Zu
reparieren und sich der alten Siinden abzutun. Dann steht aber
die Nemsis ihm zur linken Seite, und weehe, wenn es nun nicht
den rechten Weg einschlligt. So steht es jetzt um Deutschland.
Friecridl Hecbel







,AUS PRESS UND ZEITSCHRIFTEN


TINTENSONDER
Flinf Millionen Juden sind von den
Nazim6rdern. umgebracht worded.
Zweihunderttausend Juden leben
heute noch in Deutschland. Und
Artur Dinter hat die eiserne
Hakenkreuzstirn, bei der Gerichts-
verhandlung in Offenburg (Belei-
digungsklage gegen Dinter) den
Richter zu fragen: ,,Ist Antisemi-
tismus ein Verbrechen?" Das
ist nicht Naivitdt eines weltfrem-
den Trdumers, das ist zynische
Frechheit eines gemeinen Ver-
brechers, der wieder Morgenluft
wittert, dem die Gelegenheit giin-
stig erscheint, von neuem unzu-
friedene junge Leute in Deutsch-
land zum Judenmord aufzuhetzen.
Artur Dinter ist kein blSder Trot-
tel, kein dummer Sensations-
schreiber, nein, Artur Dinter ist
etwas ganz anderes: ein Massen-
m6rder der Feder, Dinter weiB,
was er tut. Und er hat es immer
gewuBt, genau wie Streicher. Ar-
tur Dinters erstes Buch: ,,Die
Siinde wider Blut" erschien 1918,
vor der ersten Nazipropaganda-
literatur. 1920 erschien ,,Die Siinde
wider den Geist." Dinter trdgt
die Parteinummer finnf. Heute
bezeichnet er sich selbst als
,,Opfer des Faschismus", tritt fir
ein ,,neues, wahrhaft demokrati-
sches Deutschland" ein und prote-
stiert gegen die Beschlagnahme
seines Hauses in Grifenrode in
Thiiringen. Er selbst wohnt nicht
in seinem Hause in Thiiringen,
sondern in Zell am Hamersbach
in Baden.
1923 traf Dinter mit Hitler zusam-
men. 1925 wurde er Parteimitglied
der Nazipartei. Er war Gauleiter
in Thiiringen. Dieses alles hat er
in der Gerichtsverhandlung am
8. January 1947 selbst zugegeben.
Gleichzeitig erklirte er dem Rich-


ter, daB er alles aufrechterhalte,
was er in seinen Schriften gesagt
habe. (,,Sfinde wider das Blut",
,,Stinde wider den Geist", ,,Sinde
wider der Liebe") und stellte damit
Forderung auf, daB die restlichen
200 000 Juden, die heute noch in
Deutschland leben, durch staatliche
Mafnahmen liquidiert werden
sollten. Heute, 1947. Artur Din-
ter hat durch seine Biicher den
Massenmord an den europdischen
Juden ideologisch vorbereitet. Er
hat die Seelen unzihliger junger
Menschen in Deutschland systema-
tisch mit wildem HaB gegen die
Juden erfiillt. Erhat den jungen
Menschen die giftige Lilge einge-
fliBt, und schmackhaft gemacht,
daB nicht die Siinde wider Gott,
sondern die Siinde wider das
,,Blut" die eigentliche Siinde sei.
Es unterliegt keinem Zweifel, daD
dieses ddmonische Wesen, welches
Dinter in seiner Terminologie mit
,,Blut" bezeichnet, nichts anderes
sein kann, als der Satan der
christlich theologischen Termino-
logie. Er erkldrt also die Siinde
wider den Satan als die Suinde.
In ,,Die Siinde wider die Liebe"
schreibt er auf Seite 176 ,,Jahwe
ist unter den Gottheiten das
Raubtier, wie die Juden die
Raubtiere unter den Menschen
sind." In ,,Die Siinde wider das
Blut" schreibt er auf Seite 431:
,,Und das Wissen, daB ,ich der
edelsten Rasse entstamme, die je
der Erdboden getragen und dazu
berufen ist, alle Volker des Erd-
balles ihrer hdchsten und letzten
Bestimmung entgegenzuffihren." -
Demnach waren also die Mdrder
der 5 Millionen Juden einfach
weife Limmer, wie er selbst,
wahrend die ermordeten Juden es
wohl verdient hbtten, ausgerottet
zu werden, da sie ja ,,Raubtiere"
seien. Das deutsche Hakenkreuz-
lamm mordet den jiidischen Wolf!







Nur ein Verbrecher kann der-
artiges propagieren.
Theologisch betrachtet ist eine
Siinde nur m6glich wider Gott.
,,Eine Siinde wider das Blut" ist
daher eine Gottesl~sterugg Artur
Dinters grundlegender ,,Gedanke"
(oder wie man diesen Propaganda-
brei nennen will) steht im Wider-
spruch zur Lehre aller christlichen
Kirchen. Nach Dinters Lehre ist
,,Demokratisierung" schlicht und
einfach Folge der ,,Semitisierung"
(,,Stinde wider das Blut", Seite
432). Nach Dinters Lehre zihlen
auch alle Nichtjuden, die das
,,Weltbfirgertum fiber das Deutsch-
tum setzen" und Worte wie ,,Kul-
tur, Fortschritt, Gleichheit, Mensch-
lichkeit, Weltseele" anwenden, zum
Alljudentum. (Siinde wider das
Blut," Seite 437). Nach Dinters
Lehre soll der Geschlechtsverkehr
zwischen jiidischen Minnern und
nicht jildischen Frauen mit Zucht-
haus bestraft werden. (Seite 361-
362). Die Tbtung solcher Juden
erscheint ihm wiinschenswert.
(Zehn Jahre vor Ausbruch des
Dritten Reiches): ,,Im iibrigen
stimme ich den Ausffihrungen des
Herrn Staatsanwaltes durchaus zu,
er hat in der Tat recht: Wenn alle
seine Rassegenossen die Siinden,
die sie durch Untauglichmachung
deutscher Madchen zur Geburt
deutscher Kirider begehen, mit
dem T o d e biiien milften, dann
gabe es wohl fast keinen Juden
mehr im deutschen Vaterlande."

Ich klage Artur Dinter an der in-
tellektuellen Urheberschaft an der
Ermordung von fiinf Millionen
europdischer Juden. Er ist ein
Massenmrrder der Feder wie
Julius Streicher.
David-Luschnat.

Aus ,,Geist und Tat",
Nr. 12, Dezember 1947


,,AFGEKIA~TE" FRIEDIOFSSICHDI W G
Wie wir seiner Zeit berichteten,
wurden im Marz auf dem jiidi-
schen Friedhof in Karlsruhe 113
Grabsteine umgeworfen und zer-
trummert. Die stidtischen Behbr-
den bagatellisierten die Angelegen-
heit und behaupteten, es handle
sich um ,,Jugendstreiche". Die jii-
dische Gemeinde mul3te sich zu
nachst mit der Mitteilung abfin-
den, daB der geschindete Friedhof
wieder in Ordnung gebracht wer-
de.
Mitte April wurde der Friedhof
zum zweiten Male geschtndet. und
zwar wurden dieses Mal weit fiber
200 Grabsteine zerst6rt.
Der Karlsruher Polizeiprasident
W. K r a u t erklarte auf der Stadt-
ratssitzung am 28. April dazu.
nach den bisherigen Ermittlungen
h~ttten sich keine politischen Hin-
tergrfinde fur die Schandungen er-
geben. Jugendliche hitten beim
Spielen aus Mutwillen die Grab-
steine umgerissen.
Wie die Jiidische Gemeinde in
Karlsruhe mitteilt, hat die Militair-
regierung jetzt die Nachprufung
der Angelegenheit in die Hand ge-
nommen.
Die Grabschindungen auf dem
israelitischen Friedhof in Karbach
bei Marktheidenfeld wurden jetzt
durch die Landpolizei aufgekidrt.
Als Tditer sollen neun Jugendliche
im Alter von 8 bis 17 Jahren in
Frage kommen, die, wie die Land-
polizei mitteilte, die Tat angeblich
aus Mutwillen und jugendlichem
Leichtsinn veriibt'haben. Es wurde
Anzeige an die Staatsanwaltschaft
erstattet.
Die Friedhofsschindungen auf dem
jiidischen Friedhof in Bad Neu-
stadt wurden von der dortigen
stadtischen Schutzmannschaft eben-
falls Jugendlichen zur Last gelegt.
Es liege kein Anhaltspunkt daftir
vor, so erklirte auch hier die







Polizei, daB die- Jugendlichen von
irgendeiner Seite aufgehetzt wor-
den seien. Die Eltern wiirden sich
jedoch wegen ungentigender Be-
aufsichtigung zu verantworten
haben. (DENA.)
Wie oft noch mfissen wir fest-
stellen: Friedhofsschandung!
Am 1. Mai wurde die Schdndung
des jiidischen Friedhofes Berg-
holzhausen (Krs. Halle/Westfalen)
festgestellt. Acht Grabsteine waren
timgestolen und eine Gedenktafel
auf einem Grabstein durch Ziegel-
steinwurf zertrUmmert:
Wie oft werden wir noch die Tat-
sachen registrieren mtissen und im
tibrigen von den verantwortlichen
deutschen Stellen Bagatellisie-
rungsversuche vernehmen? Kein
Volk hat Anrecht, fir die Auf-
nahme in den Kreis der Kultur-
v6lker zu plddieren, wenn es nicht
einmal den Schutz der heiligsten
Giter einer religi6sen Minderheit
gewdhrleisten kann.
Wo bleibt die Stimme der echten
Empbrung tiber solches Treiben
im deutschen Volk, das doch sonst
so ,,spontan" in ,,Volkswut" gerat?
Man kann es nicht laut genug
sagen: es geniigt nicht, daB man
auf einige tribe Elemente im
Volke hinweist und nachher nur
noch monoton wiederholt: ,,Wir
sind es ja nicht gewesen. Wir
haben nichts davon gewult". DaBi
diese Elemente in aller Freiheit
ihr Spiel zu treiben wagen, daB
sie sich der Toleranz und Sympa-
thie eines groflen Teiles der Be-
vilkerung erfreuen, ist ein Symp-
tom, das in erster Linie'die deut-
sche Oeffentlichkeit angeht, denn
sie reprasentiert letztlich Deutsch-
land, und ihr Verhalten zu sol-
chen Geschehnissen wird die gra-
vierende Bedeutung in der Hal-
tung der Welt Deutschland gegen-
fiber haben.
Jiidisches Gemeindeblatt fir die
britische Zone vom 12. 5. 1948.


DIE HELDEN DES WARSCHAUER GHETTOS
Die< Juden aller Lander, die von
den Nazi Barbaren unterjocht
wurden, bildeten immer nur Min-
derheiten, die schutzlos ihren Ver-
folgern ausgeliefert waren. Jeder
Versuch, Widerstand zu listen,
war von vornherein sinnlos und
zum Scheitern verdammt, da sie
keine Waffen besaflen, wihrend
der Feind alle Machtmittel in der
Hand hatte. Nur in Polen gab es
eine starke jUidische Bev6lkerung,
aber auch sie war waffenlos und
stand einer vdlligen Teilnahms-
losigkeit der iibrigen Bevilkerung
im allgemeinen gegeniiber. Um so
h3her ist es zu veranschlagen, dab
die Juden im Warschauer Ghetto
sich nicht ausnahmslos ohne Kampf
von der deutschen Soldateska nie-
dermetzeln lieBen. Mehr als
450 000 warren bereits in die Todes-
lager verschleppt oder in Warschau
ausgerottet worden, 35 000 aber
warren icbriggeblieben, und diese
35 000 wagten in den April-Tagen
1943 jenen Aufstand, der den
heroischsten KBmpfen der Ge-
schichte wiurdig zur Seite gestellt
werden kann. Diese Namenlosen,
die kein Lied, kein Heldenbuch
verzeichnet, warren sich iiber die
Hoffnungslosigkeit ihres Unter-
fangens im klaren, aber sie woll-
ten sich nicht einfach zur Schlacht-
bank fiihren lassen. Mehr als
flinf Wochen wahrte der Wider-
stand, der schlieBlich durch Brand-
bomben und Artillerie gebrochen
wurde. Bis auf 10 000 fanden alle
dabei den Tod. Das sind jene ver-
achteten polnischen Juden gewe-
sen, die auch heute schon wieder
in der deutschen Oeffentlichkeit
nur als Schwarzmarkthdndler und
-auch sonst als minderwertige Ge-
schdpfe geschildert werden. WBre
ihr Beispiel in Deutschland befolgt
worden, so hitte das Schicksal
einen anderen Weg genommen.
Viele von den Ueberlebenden
stehen heute in Paldstina in er-







bittertem Kampf um eine neue
Heimat,' nachdem 'die alte ihnen
von den Nazis zprst6rt worden ist.
Wenn man die Methoden, die in
der Tat terroristisch sind, scharf
verurteilt, und das tun wir auch,
so soil man sich daran erinnern,
daf3sie durch die Schule der deut-
schen SS gegangen sind und da-
bei manches lernten, was sie lei-
der nun an verkehrter Stelle an-
wenden.
In Warschau fand am fiinften
Jahrestage des Aufstandes eine
Gedenkfeier statt, an der die Ver-
treter jildischer Organisationen
aus 20 LUndern teilnahmen. An-
schlieBend wurde zu Ehren der
Gefallenen ein Denkmal enthiillt.
Auch wir grtiBen die Toten unse-
res Volkes und hoffen, daB ihr
Geist lebendig bleibt.

DER NWDR ZUM OHLENDORF-
KOMMENTAR
Auf die von uns in unserer Aus-
gabe Nr. 3 vom 12. Mai abge-
druckte Protestresolution des Lan-
desverbandes der Jiidischen Ge-
meinden von Westfalen gegen die
Ausftihrungen des Rundfunkskom-
mentators zum Urteil im Ohlen-
dorf-ProzeB antwortete der Ver-
waltungsrat des NWDR:
,,Der Verwaltungsrat bedauert,
daB der Kommentar zum Ohlen-
dorf-ProzeB im Sachlichen zwar
einwandfrei beabsichtigt, in Form
und Fassung aber eine verhing-
nisvolle Wirkung ausgelist hat.
Der Kommentar bezeichnet die
Verbrechen Ohlendorfs eindeutig
als ,,Mordorgie", als eine ,,Metho-
de von ScheuBlichkeiten", michte
dann aber die Pers6nlichkeit
Ohlendorfs in ihrer inneren Ein-
stellung zur Tat deuten und sieht
in ihm einen Mann, der hem-
mungslos niedrigste Mittel zur
Verwirklichung vermeintlicher ide-
alistischer Ziele gebrauchte. Der
Kommentar machte von Ohlen-

46


dorf im Hinblick auf ihnliche
Erscheinungen in Vergangenheit
und Gegenwart feststellen, daB
,,sein Geist iiberall in der Welt
weiterlebt". Es war die Absicht
des Berichtes, damit gegen den
Geist Stellung zu nehmen, der im
Manuskript ausdriicklich als ,,un-
seliger Geist" bezeichnet war.
Leider ist durch eine Fahrlassig-
keit (Verlesen des Manuskriptes
nach einer nicht durchkorrigierten
Kopie in Vertretung des Verfas-
sers) die Bezeichnung ,,unselig",
durch die die Tendenz des Ganzen
noch einmal gekennzeichnet wor-
den wire, weggefallen. So konnte
beim Abhdren des Berichtes der
verschiedentlich kritisierte Ein-
druck bedauerlicherweise ent-
stehen.
Der Verwaltungsrat bedauert, daB
durch eine Verkntipfung von Un-
vorsichtigkeiten und Zufdllen die-
ser Eindruck entstehen konnte. Die
daran Schuldigen sind diszipliniert
worden und es ist Sorge getragen.
daB in Zukunft derartige Fehler.
die zu MiBverstindnissen AnlaB
geben, ausgeschlossen sind.

BAGATELLSTRAFE
FR UNMENSCHLICBKIT
Angeklagt, jiudische Schutzhaft-
linge grausam behandelt zu haben,
stand der vierundftinfzigj~hrige
Ingenieur Bernhard F uchs aus
Hohenneuendorf vor der Vierten
GroBen Strafkammer des Lard-
gerichts. Der Angeklagte war
technischer Betriebsleiter eines
Riistungswerkes bei Krakau, in
dem hundertftinfzig jildische und
zweihundert polnische Zwangs-
arbeiter aus dem KZ Plaschow be-
sch;ftigt waren. Fiinf dieser ehe-
maligen Haftlinge bekundeten
unter Eid, daB in diesem Betrieb
alle Arbeiter, auch die deutschen,
vor Fuchs gezittert hitten. Er
habe sie mit FuBtritten zur
schnelleren Arbeit angetrieben und








bei den geringsten Verfehlungen
zpr Bestrafung gemeldet. Ein jii-
discher Rechtsanwalt, Dr. B u -
w e r, den Fuchs schlafend an einer
Maschine angetroffen und gemel-
det habe, sei am nichsten Morgen
von der SS abgeholt, auf den so-
genannten Todesberg gefiihrt und
erschossen worden. Als sich die
Front niherte, wurde der Betrieb
nach Briinnlitz in der Tschecho-
slowakei verlegt. Ein grofer Teil
der Hiftlinge sei in das Vernich-
tungslager Mauthausen iiberge-
fthrt worden. In Briinnlitz sei im
Winter 1945 wihrend der streng-
sten Kdlte ein neuer Transport
von hundert Hiftlingen angekom-
men, die wegen ihres Gesund-
heitszustandes nicht hitten laufen
kSnnen. Die verschlossenen Wag-
gons, in denen sie zehn Tage ohne
Verpfegung und ohne Wasser zu-
gebracht httten, seien so vereist
gewesen, daB die iibrigen Hift-
linge drei Stunden'benotigt hatten,
um ihre Leidensgenossen mit
Brechstangen aus ihrer fiirchter-
lichen Lage zu befreien. Neun-
zehn seen tot, die iibrigen voll-
kommen erschdpft gewesen. Viele
von ihnen seien spiter noch ge-
storben.

Kriminalobersekrettr Sch., der
diesen Todestransport mitmachen
mufte, sagte aus, von Fuchs ge-
treten worden zu sein, nur weil
er sich an eine Heifluftmaschine
gestellt habe, um seine Kleider zu
trocknen. Fuchs sei auch stets
dabei gewesen, wenn Kranke wie-
der arbeitsfihig geschrieben wor-
den seen. Als Sch. einmal von
einem anderen KZ-HHftling, einem
Berufsverbtrecher, eine gefiillte
Munitionskiste in die Kniekehle
geworfen worden sei, so daf er
heute noch darunter leide, habe
ihm dieser erklirt, er solle sich
dafiir bei Fuchs bedanken, der ihn
beauftragt habe, die politischen
Gefangenen anzutreiben. Ueber-
einstimmend bekunden die Zeugen,


der Angeklagte sei allen Hiftlin-
gen als Vertrauensmann der SS
bekannt gewesen, er habe auch
stindig das Parteiabzeichen ge-
tragen.
Fuchs bestreitet ganz entrtistet
alle gegen ihn erhobenen Beschul-
digungen. Er sei nicht Mitglied der
NSDAP, sondern ein Gegner der
Bewegung gewesen. Er habe nie-
mals Hiftlinge miBhandelt, viel-
mehr alles getan, um deren trau-
riges Los zu erleichtern. Von an-
deren leitenden Angestellten des
Riistungsbetriebes, die sich jezt im
Westen aufhalten und dort kom-
missarisch vernommen worden
sind, wird dem Angeklagten be-
stdtigt, dab dieser seine Arbeiter
gut behandelt habe. Seine Hal-
tung sei stets korrekt und der Be-
trieb bei den KZ-Hiftlingen sogar
behebt gewesen.

Staatsanwalt Cantor meinte, diese
Zeugen hitten wohl alien Anlai,
den Angeklagten zu decken, da sie
damit rechnen miiBten, selbst zur
Verantwortung gezogen zu wer-
den. Aus eigener Erfahrung als
KZ-Hiftling wisse er, dai leitende
Stellen, wie sie der Angeklagte
bekleidet habe, nur mit ganz zu-
verlissigen Nationalsozialisten be-
setzt worden seen. Der Ange-
klagte habe eine ganze Iette un-
menschlicher Handlungen began-
gen. Er beantragte eine Zucht-
hausstrafe von drei Jahren, Aber-
kennung der biirgerlichen Ehren-
rechte auf ftinf Jahre und seine
sofortige Festnahme. Das Urteil
lautete auf ein Jahr und sechs
Monate Gefingnis. Dem Ange-
klagten, fiihrte der Vorsitzende
aus, habe, obwohl dafiir ein sehr
starker Verdacht leeStehe, nicht
nachgewiesen werden kinnen, daB
er den Tod des Rechtsanwalts Dr.
Bulwer verschuldet habe. Das
Gericht bezweifle im tibrigen die
Glaubwiirdigkeit des ehemaligen
Hdftling nicht. Dem Angeklagten






sei seiner ganzen Natur nach die
ihm zur Last gelegte unmensch-
liche Behandlung der Zeugen
durchaus zuzutrauen. Das Gericht
habe jedoch als Siihne dafiir eine
Geftngnisstrafe fiir gentigend ge-
halten. Von einer Aberkennung
der biirgerlichen Ehrenrechte habe
es Abstand genommen und dem
Angeklagten die erlittene Unter-
suchungshaft angerechnet. Von
einer sofortigen Inhaftnahme habe
es abgesehen, weil ein Fluchtver-
dacht nicht gegeben sei.
Dieses Urteil zahlt zu den Unbe-
greiflichkeiten deutscher Justiz.
Die Aussagen der Entlastungs-
zeugen sind wegen des ,,Solida-
rititsgefiihls", das aus ihnen
spricht, im Grunde nur belastend
fiir den Angeklagten. Das Gericht
konnte also nur vor der Frage
stehen, ob es den Bekundungen
der ehemaligen Haftlinge keinen
Glauben schenken kann. Dann
multe es den Angeklagten frei-
sprechen. Wenn es aber ihre
Schilderungen als wahr unter-
stellte und das hat es, wie der
Vorsitzende ausfiihrte, getan -,
dann bedeutet eine so milde
Strafe keine Sthne fuir die Taten
des Angeklagten, sondern eine
Krhnkung der ehemaligen Hift-
linge und eine Bagatellisierung
ihrer Leiden. P. J. B.
,,Der Tagesspiegel", Berlin, 11.5. 1947

BEKIMPFUNG DES ANTISEMITISMUS
DURCH DEN RELIGIONSUNTERRICHT
Grundlegende Aenderungsvorschla-
ge fir die religi6se Erziehung
von Christen und Juden werden
auf Grund einer Entschlielung der
in Selisberg am Luzerner See vor
kurzem abgeschlo4ssenen Interna-
tionalen -Sonderkonferenz zur Be-


kmpfung des Antisemitismus (In-
ternationale Emergency Confe-
rence to combat Antismitism) den
fiihrenden Pers6nlichkeiten iiber-
mittelt werden.
Fiinfundsechzig katholische, prote-
stantische und jiidische Erzieher
und Geistliche aus 17 Ldndern
nahmen diese EntschlieBung an,
nach der mit Hilfe religioser und
biirgerlicher Organisationen und
mit Unterstiitzung von Erzie-
hungs- und Regierungsstellen der
Antisemitismus durch weitgehende
Toleranz und gegenseitiges Ver-
sttndnis bekdmpft werden so1l.
Der' Bericht eines religiosen Un-
terausschusses soll auf die tra-
gische Tatsache hinweisen, daB
gewisse theologisch ungenaue Auf-
fassungen und irrefUhrenden Aus-
legungern des Evangeliums. die im
Grunde mit dem Geist Christi in
Widerspruch stehen, zur Verstir-
kung des Antisemitismus beitra-
gen. Die christlichen Mitglieder
dieses Unterausschusses dulerten
dazu, man miisse darauf hinwei-
sen, dali ein enges Band zwischen
Judentum und Christentum be-
stehe. Deshalb sollte die Passi-
onsgeschichte nunmehr in einer
Weise dargestellt werden, aus der
keine feindliche Haltung zwviichen
Juden und Christen entst hen
kann. Aus den Predigten und aus
dem Religionsunterricht miisse vor
allem der Gedanke gebannt
werden, daB das jtidische Volk
unter einem Fluch stehe. Diese
Vorschldge werden den ftihrenden
Pers6nlichkeiten der Kirchen. dar-
unter Papst Pius XII. und dem
Erzbischof von Canterburyl, iber-
reicht werden.
Aus ,,Geist und Tat",
111. Jahrgang, Nr. 6, Juni 1948.


EIN ZITAT ZUM NACHDENKEN
Der Antisemltismus Ist eine Angelegenhelt der zurOclleblleUbeaef Hlr.
Friedridz Engels, Ausgeaiihlte Briefe.




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