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HIDE
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 Table of Contents
 I: Reden und Aufsatze Deutscher...
 II: Aussebungen Judischer...
 III: Erklarungen der Deutschen...
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Group Title: Der Aufbau Palastinas und das Deutsche Judentum
Title: Der Aufbau Palèastinas und das deutsche Judentum
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Permanent Link: http://ufdc.ufl.edu/UF00072058/00001
 Material Information
Title: Der Aufbau Palèastinas und das deutsche Judentum
Physical Description: 50 p. : ;
Language: German
Publisher: Keren Hajessod
Place of Publication: Berlin
Publication Date: 1925?
 Subjects
Subject: Zionism   ( lcsh )
Jews -- Germany   ( lcsh )
Genre: non-fiction   ( marcgt )
 Record Information
Bibliographic ID: UF00072058
Volume ID: VID00001
Source Institution: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Holding Location: The Isser and Rae Price Library of Judaica
Rights Management: All rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier: oclc - 18188596

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    I: Reden und Aufsatze Deutscher Juden
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    II: Aussebungen Judischer Korperschaften
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    III: Erklarungen der Deutschen Regierung
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    Index
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DER AUFBAU PALASTINAS

UND DAS DEUTSCHE JUDENTUM


REDEN / AUFSATZE

DOKUMYIENTE





















THeram~gegeben voom Keren Hajessod / Jildisches Paliitinawerk E.V.
]flrlin l 15, AMeinekestr. to


DS
149
.A84




















INHALT:


I. REDEN UND AUFSATZE DEUTSCHER JUDEN
II, AUSSERUNGEN JUDISCHER KORPERSCHAFTEN
III. ERKLARUNGEN DER DEUTSCHEN REGIERUNG





















UNtvERSy O FILOFDA O IBARIES









I. TEIL


REDEN UND AUFSXTZE
DEUTSCHER JUDEN




















Oscar Wassermann
Dr. Alfred Apfel
Rabbiner Dr. Leo Baeck
Alfred Berger
Justizrat Ludwig Cahen
Professor Dr. Albert Einstein
Rabbiner Dr. Felix Goldmann
Dr. David Krombach
Generalkonsul Eugen Landau
Lehrer M. Steinhardt
















OSCAR WASSERMANN
Direkto:" der Deutschen Bank und Vorsitzender des Prdsidiums des
Keren Hajessod /Jiidisches Palastinawerk E. V.
Aus einer Rede, gehalten auf der rheinischen Keren-Hajessod-Kon-
ferenz in K61n, am 22. April 1922.
Meine Damen und Herren,
der Aufbau Palastinas, der Aufbau eines modernen Gemeinwe-
sens in Vereinigung von Judentum und Zivilisation und Kultur der
ganzen Welt, lii83 sich nicht von einer Partei vollbringen. Er liiBt
sich nicht allein mit Energie und Mut durchfiihren, auch nicht mit
Geld allein. Er ldlBt sich nur durchfiihren mit der Arbeit, mit dem
ganzen Enthusiasmus nicht nur mit einer Sympathie mit dem
ganzen Enthusiasmus einer Gesamtheit, die allein imstande ist, der
unsiglichen Schwierigkeiten Herr zu werden, die uns bei dem Aufbau
ohne jeden Zweifel bevorstehen. Wir miissen fiber den Zionismus hinaus
Es muB eine Bewegung im ganzen Judentum werden, eine Bewegung
nicht nur in Deutschland. Die Bewegung muB iiberall, wo Juden
sind, zu einer zielgebenden Einstellung auf dieses Programm werden,
von dem das Judentum und seine Zukunft abhlngt. Denn heute
liegt es anders, als wenn wir urspriinglich gesagt hitten, wir wollen
uns auf dieses Experiment nicht einlassen. Wir sind jetzt hinein-
gestellt, wir k6nnen cs nicht ungeschehen machen, sondern nur das,
was geschehen ist, wieder entwurzeln lassen: wir kannen das zerstoren
lassen, was eben anfiingt, aufgebaut zu werden. Und wenn wir das
tun, dann hlufen wir Schmach auf das Judentum, und in der ganzen
Welt wird man sagen: Hier waren die Juden zum ersten Male vor
eine groBe Aufgabe konstruktiven Charakters gestellt, und hier haben
sie versagt!


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Sollte nicht das Judentum als Ganzes, mit alien seinen Kriften,
in allen Teilen der bewohnten Welt, sollte das Judentum nicht in der
Lage sein, ein Gemeinwesen aufzubauen, das besser ist, als das, was
wir gesehen haben? Fiihlen wir in uns nicht Kraft und Fahigkeit,
etwas zu tun, was man in unserem deutschen Vaterlande nicht zu
Wege bring: jetzt einig zu sein und mit Einigkeit etwas aufzubauen,
was nur durch Einigkeit aufzubauen ist? Und fiihlen wir Juden
in der ganzen Welt nicht die Kraft und Fahigkeit, der Welt zu zei-
gen, dag da, wo etwas zerst6rt worden ist, es nur mit Einigkeit auf-
gebaut werden kann; daB es nicht zu machen ist, wenn der eine sagt,
ihn interessiere es nicht, und der andere, seinen Interessen widerstrebe
es? Hicr muB jedes Privatinteresse, jede andere Rficksicht schwei-
gen. Hier handelt es sich um ein groBes Werk, um ein Werk der
Renaissance des Judentums.
Es handelt sich hier nur um die Idee des Judentums, nicht um
die Idee irgend einer Partei, sei es einer zionistischen oder antizio-
nistischen, es handelt sich um den ZusammenschluB alles dessen,
was Jude ist. Wir miissen den Willen haben, uns zu einigen. Nur
dann kann der groBe Tag kommen, und fur uns ist dieser groBe Tag
der Moment, in dem wir sagen k6nnen, daB durch unsere Arbeit Pa-
listina wiedererstanden ist, wiedererstanden als ein blilhendes jiidi-
sches Gemeinwesen, als ein Gemeinwesen, das keine fremde Bevor-
mundung braucht, das sich selbst verwalten kann und das auch der
Welt zeigt, dat die Juden befihigt sind, fur sich und aus sich heraus
alles das zu schaffen, was zum Leben, zum modernen Leben notwen-
dig ist. Fur alles das ist immer nur das eine notwendig: die Einig-
keit, die Einigkeit hier im kleinen Kreise, die Einigkeit im Lande und
fiber das Land hinaus unter allen Juden.
Mleine Damen und Herren, heute kommen wir hierher, um
Ihnen aie Idee des Keren Hajessod nahe zu bringen, um Ihnen un-
sere Absichten und Ziele vorzutragen. Nicht ich, andere, die beredter
sind als ich, mfissen dieses Werk Ihnen und anderen iiberall in
Deutschland uid iiber Deutschland hinaus naher bringen. Aber im
Rahmen miner Krafte will ich alles tun, um diese Sache zu fordern,
die ich fir die gr6f8te halte, die seit langer,'langer Zeit an das Juden-
turn herangetreten ist.


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DR. ALFRED APFEL


Rede, gehalten auf der rheinischen Keren-Ilajessod-Konferenz
in C6ln, am 2. April 1922

Das politische Tatsachenmaterial stellt uns deutsche Juden vor
zwei wichtige Fragen:
Die erstc Frage heifit: Ist es irgendwie von EinfluB, ob wir
uns an dem Aufbau Palastinas beteiligen? Die Antwort kann nur
lauten: Angesichts der weltpolitischen Gesamt-Konstellation und des
leider z. Zt. so geringen Einflusses der deutschen Juden innerhalb
der Gesamt-Judenheit werden sich weder die siegreichen Machte,
noch England, noch die zahlreichen jiidischen Krafte, die sich in
alien Landern um den Aufbau Palistinas bemiihen, dutch einen
Widerspruch der deutschen Juden beeinflussen lassen. Hingegen
wiirde eine m6glichst einmiitige Stellungnahme der deutschen Juden
zugunsten der Beteiligung an dem Aufbau eine ausgezeichnete und
einflulfschaffende Tat darstellen. Wenn das deutsche Judentum
die Kraft aufbringt, den Juden der anderen Lander in dieser
Frage Vorbild zu sein, wird es sich nicht nur ma8gebenden Ein-
flufi auf die Arbeit des Keren-Hajessod sichern, sondern auch seine
einst fiihrende Stellung im Weltjudentum wiedererobern.
Die zweite Frage betrifft die Rolle, die der zionistischen Orga-
nisation durch die Entwicklung der Verhaltnisse zugewiesen worden
ist. Es hief3e Vogel-StrauB-Politik treiben, wenn man verkennen
wollle, daB manche deutschen Juden ihre Teilnahme an der Pa-
lastina-Arbeit ablehnen, well es sich bei ihr um eine zionistische oder
doch vorwiegend zionistische Angelegenheit handle. Wenn man die
Sachlage in dieser Hinsicht ohne Voreingenommenheit, ohne klein-
liche Erinnerung an die erbitterten inneren Kampfe der Vorkriegs-
zeit betrachtet, stellt sie sich also dar: Sowohl die siegreichen Machte,


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wie auch das Judentum miissen bei der Errichtung der palastinen-
sischen Heimstatte mit der zionistischen Partei rechnen. Es ist
aber wohl zu beachten, daf einer Vorherrschaft dieser Partei
schon durch den Mandatsentwurf zwei wichtige Hindernisse ent-
gegengestellt worden sind. Es ist namlich ausdriicklich bestimmt
worden, daf5 durch die neue Heimstatte ,,die Rechte und die politi-
sche Stellung, deren sich die Juden in irgend einem anderen Lande
erfreuen, nicht beeintrachtigt werden darfen". Vor allem aber ist
der zionistischen Partei im Artikel 4 des Mandatsentwurfes die ein-
deutige Verpflichtung auferlegt worden, alle Schritte zu unterneh-
men, um die Mitarbeit aller Juden, also auch der nichtzionistischen
zu gewinnen.

Aber nicht nur diese v'1lkerrechtlich festgelegte Verpflichtung
zwingt die Zionisten fortan zur Riicksichtnahme auf die Empfindun-
gen der anderen Juden, sondern vor allem die wirtschaftliche Not-
wendigkeit, denn niemand zweifelt daran, daB ein Aufbau Palistinas
ohne die materielle und ideelle Unterstiitzung der nichtzionistischen
Juden eine absolute Unm8glichkeit ist. Dadurch, daB wir nicht-
zionistischen Juden in dieser Frage in eine solch enge Schicksals-
verbindung mit den Zionisten verstrickt worden sind, haben wir
das Recht und die Pflicht, uns um die Verhaltnisse und um das
Verhalten dieser Partei zu bekiimmern. Es kann und darf uns z. B.
fortan nicht mehr gleichgiiltig sein, ob die zionistische Partei, die
ein vilkerrechtlicher Faktor geworden ist, in sich uneinig ist und
ob sie mehr oder weniger nationalistisch gefiihrt wird. Wenn sich
ganz zweifellos hunter dem EinfluB des Weltkrieges bei den meisten
Juden eine objektivere Beurteilung der zionistischen Gedankenwelt
herausgebildet hat, so darf auch von den Zionisten verlangt werden,
daB sie fortan die grOBte Riicksicht auf unsere anderweitigen
Empfindungen nehmen, und zwar hoffentlich nicht nur aus tak-
tischen Griinden, sondern aus dem Geffihl wahrer Loyalitat. Ob es
im Augenblick notwendig ist, den nationalen Charakter der zionisti-
schen Bewegung besonders zu betonen, ist eine Frage, die ich der


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Leitung der deutschen zionistischen Partei zur ernsthaften Prfifung
vorlegen m6chte.
Auf Grund der Bestimmung des Mandats, dafg die zunichst
der zionistischen Partei iiberlassene Vertretung der jiidischen Inter-
essen in Palastina zu einer Reprisentanz des Gesamtjudentums aus-
gestaltet werden soll, und auf Grund der Erkenntnis, dal die ma-
teriellen Mittel aller Juden zum Aufbau des Landes ben6tigt wer-
den, ist der Keren-Hajessod als ein selbstandiges FiDanzinstrument
der Palastina-Kolonisation gegriindet worden. In ihm sollen sich Zio-
nisten mit Nichtzionisten auf einer allgemein jiidischen Grundlage zum
gemeinsamen Aufbauwerk verbinden. Die Mittel des Keren-Hajessod
sollen ausschlief3lich dem praktischen Siedlungswerk in Palistina die-
nen. Aus seinen Einkiinften diirfen keinerlei Betrige den zionistischen
Parteifonds zuflieflen. Die Einkiinfte sind einmal fiir den Bodenkauf
bestimmt, dessen grundlegende Bedeutung fiur die Siedlungsarbeit
einleuchtet. Ein weiterer Prozentsatz seiner Einkiinfte wird fir
dauernde Einrichtungen gemeinniitziger Natur verwendet, wie Schul-
gebaude, Hospitaler, Baracken, Einwanderer-Hallen, Bibliothekeri,
Versuchsstationen und fiir die Deckung der laufenden Ausgaben des
Sanitatswesens, des Emigrantenwesens, des Erziehungswesens. SchlieI-
lich wird ein weiterer Teil der -Einkiinfte in wirtschaftlichen An-
lagen auf geschiiftlicher Grundlage investiert: also ffr hindliche
Agrarkredite, fir stadtische Hypothekenkredite, fir industrielle und
kommerzielle Kredite und fir die Beteiligung an 6ffentlichen Ar-
beiten.
Der Keren-Hajessod ist als eine Gesellschaft englischen Rech-
tes mit dem Sitz in London konstituiert. Seine leitenden K5rper-
schaften sind das Direktorium und der Council (Aufsichtsrat). Die
Zusammensetzung dieser leitenden Instanzen ist so geregelt, daB
Zionisten und Nichtzionisten sich in die Verwaltung der eingehenden
Gelder teilen. Solange die zionistische Organisation als Trigerin der
durch das Mandat bestimmten ,,Jewish Agency" gegeniiber der Man-
datar-Macht die Hauptverantwortung fir den Wirtschaftsaufbau
der jiidischen Heimstitte in Palistina trigt, ist vorgesehen, daB die


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Exekutive der zionistischen Organisation die Halfte der Direktoren
ernennt, wahrend die andere Halfte durch den Council bestellt
wird. Der Council wird von alien Zeichnern des Keren-Hajessod, also
von Zionisten und Nichtzionisten, gewahlt. In Deutschland sind im
Hinblick aut die besondere wirtschaftliche Lage des Reiches organi-
satorische MaBnahmen getroffen, durch welche der feste Zusam-
menhang mit der allgemeinen, die ganze Welt umfassenden Keren-
Hajessod-Organisation aufrechterhalten, aber dennoch eine besondere
Verwendung der in Deutschland gesammelten Keren-Hajessod-Gel-
der gewahrleistet wird. In der konstituierenden Versammlung des
deutschen Keren-Hajessod ist eine Mehrheit von Nichtzionisten in
das Prasidium entsandt worden.
Aus der Tatsache, daB das Mandat fiber PalIstina England
iibertragen werden soil, wird der Einwand hergeleitet, man k5nne
doch als deutscher Jude eine englische Sache nicht unterstfitzen.
Die Ansichten dartiber, ob England in Palastina im eigenen, egoisti-
schen Interesse eine jiidische Heimstatte errichten will oder ob bei
diesem Plan eine uneigennnfitzige Sympathie mit den jiidischen
Bestrebungen ausschlaggebend ist, sind selbst im zionistischen Lager
geteilt. Martin Buber scheint der ersteren Ansicht zuzuneigen, wah-
rend Sokolow und Weizmann uns versichern, daB eine starke in-
nere Verbundenheit mit dem Gedanken des Alten Testaments, mit
dem Heiligen Lande und mit dem Volk der Juden die den Juden
giinstige Stellungnahme der englischen Staatsmanner herbeigeffihrt
habe. Ich wiirde es begriiBen, wenn in der Tat England durch ein
ernsthaftes, realpolitisches Interesse dazu veranlaBt wird, die jiidische
Heimstatte zu f6rdern, da dann ihr Entstehen und ihre Entwick-
lung fast als gesichert betrachtet werden darf. Wir diirfen aber
auch nicht verkennen, daB England seine Juden stets in ausgezeich-
neter Weisa behandelt hat, so daB wir schon aus diesem Grunde keine
Veranlassung haben, nach dem FriedensschluB die Gott-strafe-Eng-
land-Stimmung weiterzupflegen.
Sehr ernst zu nehmen ist die Araber-Frage. Wir im deutschen
Keren-Hajessod swollen uns von vornherein bfiten, fiber das Pro-


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blem des Zusammenlebens der arabischen Mehrheit mit der vor-
Jiufigen jiidischen Minderheit in Palastina mit einer Handbewegung
hinwegzugehen. Es diirfte im Gegenteil notwendig sein, diese Frage
griindlich durchzustudieren. Soweit ich mir ein Urteil erlauben kann,
scheint die zionistische Parteileitung in dieser Hinsicht weitsich-
tig zu operieren und mit der Tatsache zu rechnen, daf der Schwer-
punkt der arabischen Entwicklung nicht in Palistina liegt. Uber-
haupt liegt uns daran, neben dem Palastina-Rausch, der z. Zt. die
Juden erfaSt hat, unbedingt den Sinn fur das Tatsachliche, ins-
besondere aber auch fir die ungeheuren Schwierigkeiten der Auf-
bauarbeit zu schAirfen. Diese Schwierigkeiten werden noch durch
die Gegensiitze kultureller und wirtschaftlicher Auffassung verstarkt,
die diejenigen Juden trennt, die nach Palastina gehen und ffir Pa-
listina arbeiten.
Als vor einigen Wochen der Palistina-Aufruf der deutschen
Juden erschien, waren manche Kreise fiberrascht, hunter ihm die
Namen von Fiihrern fast aller groBen jidischen Organisationen aller
Richtungen und der GroBgemeinden zu lesen. Es erschien fast als ein
Traum, daB sich diese Manner nach all dem unseligen Zwist der
letzten Jahrzehnte die Bruderhand zu einer groBen, aufbauenden
Tat gereicht haben. Paliistina ist nun einmal das Gemeinschaftser-
lebnis der modernen Juden geworden, die des ewigen Theoreti-
sierens miide geworden sind und die denjenigen Bridern, die ander-
weits nicht heimisch werden kannen, die Riickkehr in das Heilige
Land ermaglichen wollen.
Es widerstrebt mir, bei diesem Anlaf mein Deutschtum be-
sonders zu betonen. Ich weifi nicht, was mich hindern soll, meine
Krifte gleichzeitig dem Aufbau meines Vaterlandes und des Landes
zu widmer, das der Mutterboden des jiidischen Genius ist und dem
die unvergiinglichsten Schopfungen des Judentums entstammen. Der
deutsche Katholik scheut sich nicht, den katholischen Kirchenstaat
auf italienischem Boden zu erstreben, nur wir Juden leben in fort-
wahrender, unwiirdiger Angst ob der Ansichten unserer nichtjiidi-
schen Mitwelt und haben nicht mehr den Mut zu uns selbst und


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zu der Hoffnung, daB dem jiidischen Geist in Palastina eine zentrale
Statte neuen Wirkens geschaffen werden kann, von der aus er sich
wieder ungebrochen entfalten und in seinem Ewigkeitswert doku-
mentiereii wird. Eine Wiedergeburt des judischen Geistes, ausgehend
von der alten Heimat der jiidischen Religion und der juidischen
Geschichte ist das ideelle Ziel des Palastina-Werkes.
Es darf nicht verschwiegen werden, daB es Teile der deutschen
Juden gibt, die das PalistinaV-Werk ablehnen. Wir miissen ihre
Ansicht, soweit sie begrfindet ist, respektieren. WVir miissen aber
von denjenigen, die nicht mitmachen swollen, verlangen, daB sie sich
abseits halten, ihre Stellungnahme nicht mit gehassiger, innerlich
unwahrer Motivierung kundgeben und daB sie denen nicht in den
Riicken fallen, die das gr6ote Werk des modernen Judentums schaf-
fen wollen, die erreichen wollen, daB fortan nicht mehr der Hand-
ler, der Vermittler als Prototyp des Juden gelten soil, sondern daB
in Palistina ein neues, erdgeborenes, starkes, in sich selbst sicheres
Judentum entstehen soil.
Die heilige Begeisterung und der sittliche Ernst, die aus den
Palastina-Kundgebungen unserer Jugend und unserer Rabbiner
sprechen und ihren Niederschlag im Aufruf zum deutschen Keren-
Hajessod gefunden haben, wird alle Schwierigkeiten und alle Wider-
stande iiberwinden. Jetzt ist den Juden Gelegenheit gegeben worden,
einmal zu zeigen, daB sie zu aufbauender Arbeit fahig sind, daB
sie gewillt sind, der Judennot durch eine groftzigige, von den Augen
der ganzen Welt verfolgte kolonisatorische Leistung zu steuern, daB
sie das unerhirte Elend von Millionen heimatloser Juden durch
andere als rein philanthropische Mittel beseitigen swollen Gebe
Gott, daB wir nicht versagen!


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RABBINER DR. LEO BAECK.


Aus einer Rede, gehalten in K6nigsberg.
.....,,Wenn die Frage gestellt wird, wie das gestaltet werden
wird, was in Palistina sich vorbereitet, welche Richtung das alles
dort nehmen wird, ob es den Wiinschen jedes Einzelenen entsprechen
wird, so gibt es darauf eine Antwort nur: das alles bleibt der Zu-
kunftsentwicklung vorbehalten, deren Entritselung und Bestimmung
Menschenhanden entwunden ist. Wo ein Neues entsleht, dort begin-
nen Gedanken mit einander zu klmpfen, und der Gedanke, der der
st~rkste sein wird, wird siegen. Wer von uns davon ilberzeugt ist,
daB der Gedanke, den er vertritt, der stirkste ist, daB dem die Zu-
kunft gehoren muB, der wird nicht daran zweifeln, daB dort auf
jiidischem Boden in der Arbeit, die den Ideen dient, seine Idee die
entscheidende sein wird. Es werden dort sicherlich auch Ideen und
Interessen miteinander kampfen. Die ganze Weltgeschichte ist ein
solcher Kampf der Ideen und der Interessen, aber wer den Glauben
daran hat, daB am letzten Ende die Idee siegen wird, der wird auch
diese GewiBheit in sich tragen, daB das Land, das dort geschaffen
wird, kein Gebiet bloBer Interessen sein wird, sondern daB dort Ge-
danken sich verwirklichen werden, Gedanken, die es verdienen, daB
sie leben und im Leben sich erfiillen.
Und wenn dann die andere Frage gestellt wird, die Frage, die
fir viele eine so sorgenvolle ist, ob denn nicht nahere, dringlichere
Aufgaben hierselbst auf uns warten, ob nicht der dringende Verfall
jiUdischer Kultur- Institute in Deutschland uns dazu zwingt, zunachst
ihnen jedes Opfer zu bringen und das Opfer fur Palastina unseren
Briidern in gliicklicheren Lindern zu fiberlassen, bis an einem bes-
seren Tage fir uns die Stunde auch kommen wird, wo wir an ihnen
teilnehmen k6nnen. Aber demgegenfiber ist eines zu sagen: Geben


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wird am Geben gelernt. Wer Opfer ffir das eine zu bringen beginnt,
der gewinnt dadurch die Fahigkeit, fiir das andere auch sein Opfer
herzugeben. Wir sehen es, wenn wir die Menschen beobachten. Die
einen bringen fir nichts ihre Opfer und das eine gibt ihnen immer
nur den Grund, auch fiir das andere nichts zu geben. Sie werden
die sein, die auch ffr Palfstina nichts geben werden. Sie werden ffir
jede Not in der Nihe bereit sein, so wie sie bereit sind, das Opfer zu
bringen, das fiber den engen Gesichtskreis hinaus fiihrt und darum
ein Opfer ffir die Ferne zu sein scheint, das aber doch in Wirklich-
keit ein Opfer fiir das Nahe und fir das Nachste ist, da e- ein Opfer
fiir den Juden, ffir das Judentum, ist.

Eine Philosophie allerdings muB abgelehnt werden: die Philoso-
phie, welche nur darin besteht, den Grund zu finden, urn nichts zu
tun. Es gibt eine Philosophic, die nur die Entschuldigung fir die
eigene Engherzigkeit, f ir die Kargheit und die Selbstsucht ist, die
Philosophie, die immer dem ,,Nein" dient. Goethe hat einmal gesagt:
,,Gott ist, wenn wir hochstehen, fiir uns alles, stehen wir niedrig, so
ist er nur ein Supplement unserer Armseligkeit." Was hier von
Gott gesagt ist, kann auch von den GrundsAtzen gesagt werden, die
der Mensch hat. Wenn wir hochstehen, dann bedeuten unsere Grund-
sitze fur uns alles, die Wahrheit unseres Lebens. Stehen wir im
Niedrigen, in der Engherzigkeit und in der Engsichtigkeit, dann sind
unsere Grundsatze nur das Supplement unserer Armseligkeit. So
wird es bei jedem, wenn er sich pruift, mit dem Worte, das er zu dem
Palastinaproblem spricht, immer sein. Steht er hoch, fiber dem
Kleinlichen, so wird er das ,,Ja" sprechen, vermag er sich nicht fiber
das Alltagliche und Enge zu erheben, so wird er wie in so vielem
anderen, so auch hier, mit dem ,,Nein" antworten undalle seine Grin-
de werden nur dazu da sein, um seine Enge vor sich und der Welt
zu verteidigen.
I FIr uns ist Palastina kein Problem mehr, sondern eine Tatsache,
die Gott vor uns hingestellt hat. In der Geschichte kommt es im-
mer daraut an, die Tatsachen zu erkennen, zu sehen, was ist. Was


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sein wird, k6nnen wir nicht wissen. Wir k6nnen nicht wissen, was
in Palastina sein wird, und wir kannen nicht wissen, was hier in
Deutschland sein wird. Wir k6nnen es nicht wissen, aber wer will
daher sagen, ob nicht einmal die Enkel derer, die heute sicher da-
stehen, werden ausziehen miissen nach dem alten Lande der Vater.
Auch in Spanien, wo die Juden in den Jahrhunderten der Sicherheit
gelebt hatten, war einst der Tag der Wanderung dahn gekommen.
Was werden wir antworten, wenn einst die Enkel fragen und Vor-
wiirfe erheben werden, warum der Vater, der Vorfahr nicht mitge-
holfen hat an dem Werke, das aufbauen will und aufbauen soil fir
den Sohn, fir den Enkel, und wenn wir an das Heute denken, welches
Urteil werden die Menschen auf Erden fiber uns Juden fiillen, wenn
die Gelegenheit, die geboten wird, ffir die Suchenden, fur die um
ihres Judentums willen Wandernden, fUr die Umhergeworfenen, ffir
die Fragenden und Zweifelnden einen Platz, eine Statte der Arbeit,
ein Land des Eigenen, zu schaffen und diese Gelegenheit, diese
Stunde durch Lauheit, durch Engherzigkeit, durch Eigensinn nicht
geniitzt und dadurch vernichtet worden ist. Wir sollen mit grofen
Worten sparsam sein, aber hier muB es gesagt werden, wenn diese
Stunde nicht begriffen und nicht erfiillt wird, es wire ein hilul ha-
schem, eine Entweihung des g6ttlichen Namens vor den Augen der
V1lker der Welt.
Darum gibt es fur uns nur ein ,,Ja", das ;,Ja" der Pflicht, als
Antwort auf die Frage, die Palistina heute an uns richtet. Wer die
erste Pflicht fibt, dem erhellt sich alsbald ein Dunkel, eine UngewiB-
heit. Wo das Wort, das bloBe Wort am Anfang stehen will, dort
bleibt der Zweifel, bleibt die Unsicherheit. Wo die Tat am Anfang
steht, dort kommt die Klarheit, dort kommt die Zuversicht und der
Glaube. Deshalb wollen wir mit dem Opfer beginnen, mit dieser
Antwort der Tat; die wir geben. Dann werden wir die Antwort als-
bald vernehmen, welche die Zukunft uns gibt ..... .


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ALFRED BERGER.

Aus einem Vortrag fiber ,,Die jiidische Wanderung", gehalten -in
Braunschweig:

....,,Wir haben also festgestellt, daf( die jiidische Wander-
bewegung der neueren Zeit vor allem eine Wanderung der 5kono-
misch bedriickten und verelendenden jiidischen Massen ist. Wir
haben weiterhin die auBerordentlich starke Verbundenheit der jil-
dischen Massen mit ihren Wohnlhndern erkannt und festgestellt,
daft die Behauptung, daB der Jude leicht und schmerzlos das Land,
in dem er geboren sei, in dem seine VIter bereits gelebt haben, ver-
lasse, eine villig abwegige, durch nichts beweisbare Behauptung ist
Wir diirfen im Gegenteil feststellen, daB diejenigen Schichten der
jildischen Massen, die sich noch irgendwie 6konomisch halten kon-
nen, trotz aller kulturellen und politischen Bedruickung auch unter
den schwersten Umstanden in ihren Wohnlandern geblieben sind.
Wir k6nnen aber auch die SchluBfolgerung nicht iibersehen,
da8 der Druck, der auf den juidischen Massen lastet, in immer star-
kerer Form auftritt. Wo der politische Druck durch Ausnahme-
rechte nicht mehr einsetzen kann, tritt eine Ausnahmebehandlung
seitens der Verwaltungsorgane ein. Hinzu kommen Boykottbewe-
gungen gegen die jiidische Bevolkerung, Vertreibung aus Berufen,
die sic seit Jahrhunderten innehaben, AusschluB von Staatssintern,
numerous clausus in gesetzlicher oder rein tatsachlicher Form, kurz
das ganze Arsenal der antisemitischen Bewegung des Ostens. So ist
es kein Wunder, daB die Wanderbewegung kein Ende nimmt, daB
immer wieder jiidische Massen gezwungen sind, ihre jetzigen Wobn-
linder zu verlassen.
Wir haben gesehen, in welch ausserordentlichem Masse Ame-
rika das Einwanderungsland fir Juden geworden ist. I,485,ooo


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Juden sind in 15 Jahren, in den Jahren 1899- 1914, allein nach
den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika eingewandert. Somit zlih-
len heute die Vereinigten Staaten von Amerika zu den Liindern mit
einer jiidischen Bevolkerung von 31/2 Millionen Juden. New York
ist diejenige Stadt der Welt, die die stArkste jiidische Bev6lkerung
aufzuweisen hat: fast 11/ Million Juden. Es liegt nicht im Rahmen
dieses Vortrags, irgend welche Werturteile abzugeben. Wir miissen
aber feststellen, daB nunmehr, nachdem Amerika ein Land mit ciner
jiidischen Massensiedlung geworden ist, die Vereinigten Staaten, Ca-
nada und auch schon Argentinien, sich mit aller Energie gegen die
weitere jiidische Zuwanderung wenden. Einwanderungsgesetze der
Vereinigten Staaten, die'in den letzten Jahren von Jahr zu Jahr ver-
schAirft worden sind, treffen mit Absicht Japaner, Italiener, Siidsla-
wen und Juden. Wahrend friiher 1oo,ooo Juden jihrlich nur nach
den Vereinigten Staaten eingewandert sind, kinnen heute im giin-
stigsten Falle aus dem Osten 5 6000 Juden jahrlich nach den Ver-
einigten Staaten einwandern, und es sind bereits weitere Einwande-
rungsbeschrankungen angekiindigt. Also auch Nord-Amerika ist
nicht das Land geworden, das bereit und flhig ist, die Juden auf-
zunehmen. Die jiidische Trag6die wiederholt sich. Mit der stei-
genden jiidischer Einwanderung steigt die antisemitische Bewegung,
die heute in den Vereinigten Staaten vielleicht bedrohlicher wird
als irgend wo anders und zum valligen gesellschaftlichen AusschluB
der Juden geffihrt hat. Die Massensiedlung der Juden hat die juidi-
sche Not von Polen, von RuBland nach Amerika verpflanzt. Die
relative giinstige Stellung der Juden in der Wirtschaft hat sie vor
der gesellschaftlichen Achtung nicht zu schiitzen vermocht. Ob-
wohl sie nicht als Handler, sondern, wie wir gesehen haben,
als Arbeiter eingewandert sind, macht man Gesetze, um die weitere
Einwanderung dieser durchaus produktiven Elemente zu verhindern.
Das gleiche gilt fiir Siid-Amerika und Canada. Auch diese Lander
kommen fiir Masseneinwanderung von Juden nicht mehr in Frage.
Aber inzwischen sind die Tore eines Landes, das bis dahin
fir die jiidische Einwanderung grofer Massen verschlossen war,


17 -










den Juden ge6ffnet worden: Palistina. Das Unwahrscheinlichste
ist Tatsache geworden: Dieses kleine Land, das noch vor wenigen
Jahren eine Jahreseinwanderung von 2-300 Juden hatte, hat in
der letzten Zeit eine Einwanderungsziffer von ca. 3ooo monatlich.
Und diese Einwanderungsziffer wfchst. Es wire verfehlt, an dieser
Stelle zu verschweigen, daI diese Einwanderung nach Palastina
nicht mit schweren Gefahren verbunden sein kann. Wir miissen uns
auch hier bemfihen, die Tatsachen klar zu sehen und zu beurteilen. Pa-
listina ist ein Land, das noch nicht reif ist, um wirklich graBere
Massen zu absorbieren. Die neue starke Einwanderung kann nur
dann zu einer dauernden Besiedlung fihren, wenn die landwirt-
schaftliche Eroberung des Landes durch Juden mit dieser neuen
Einwanderung Schritt halt. Der grundlegende Unterschied zwischen
der Einwanderung der Juden nach anderen Lindern und der Ein-
wanderung nach Palistina liegt darin, daB die Juden in Nord-Ameri-
ka z. B. eine starke Wirtschaft vorfanden, in die sie sich einschie-
ben konnten, wihrend sie in Palastina die moderne neue Wirt-
schaft selbst aus eigener Kraft, mit eigenen Handen auf-bauen
miissen, um dieses Land aus seinem Dornraschenschlaf zu erwecken
und fiir eine erheblich grOBere Bev6lkerung reif zu machen.

Einem Einwand, der hidufig vorgebracht wird, soll gleich an die-
ser Stello begegnet werden: Die allgemeinen Bedingungen des Landes
sind giinstig genug, um eine Einwanderung von ca. 35 000 Men-
schen in jedem Jahre zu ertragen. Die Aufgabe, die uns in Pallstina
gestellt ist, besteht aber darin, die neuen Siedler produktiven Be-
Berufen zuzufiihren, die landwirlschaftlichen Moglichkeiten zu er-
schlieBen, und zu verhindern, daB rein stadtische Siedlungen ent-
stehen, die ohne durch eine Landwirtschaft mit dem Lande fest
verbunden zu sein, keine ausreichende Garantie fur die zukanftige
selbstandige Entwicklung geben. Palistina ist also far Juden kein
,,reines Einwanderungsland", es ist ein ,.Kolonisationsland", in dem
die Einwanderer nur als eine natiirlich gerichtete menschliche
Einlieit ibr Ziel endguiltiger SeBhaftmachung erreichen uinnen.
18 -










Die Kolonisation Palastinas ist die Aufgabe, der unsere Sorge
gilt.
Wenn diese Kolonisation gliickt, wenn von Seiten des Juden-
tums die Mittel geschaffen werden, um diese groBartige Aufgabe
zu l6sen, dann wird Palistina endlich das Einwanderungsland ffir die
jiidischen auswandernden Massen, die endlich ein Einwanderungs-
land haben, in dem sie dauernd zur Ruhe, zur Sicherheit kommen
konnen.
Ein Wort noch fiber die Stellung des deutschen Judentums
gegeniiber der jiidischen Wanderung. Es gibt Juden und ich
selbst zIhle mich zu ihnen die die Einwanderung der Ostjuden
nach Deutschland fur alles andere denn gefahrlich .gehalten haben,
die froh sind, daBf dem allzu beruhigten und unbeweglichen deut-
schen Judentum ein neuer SchuB jfidischen Blutes zugefiihrt wurde.
Es gibt Juden, die in der Tatsache, daB Deutschland immer wieder
als erstes Land den wandernden jiidischen Massen ausgesetzt ist,
eine auBerordentlich schwere Bedrohung der Lage der deutschen
Juden seen. Nicht fiber diese Auffassungen wollen wir heute
sprechen, nur fiber die Tatsache wollen wir uns klar werden, dafB
Deutschland dasjenige Land ist, das dem Osten am nichsten liegt.
Wir deutsche Juden sind auch rein materiell interessiert daran,
daB die wandernden Juden endlich ein Asyl und eine Heimat
finden. Niemand von uns ist imstande, den jiidischen Bruder im
Stich zu lassen, und das deutsche Judentum hat bewiesen, daB es
in der Zeit der schwersten Not doch noch fiir den armeren Wan-
dernden Hilfe und Rat bereit hat. Aber mir scheint, daB die wirk-
liche und endgfiltige Hilfe nicht darin bestehen kann, daB man
Menschen irgendwohin bringt, wo sie sich doch nicht verwurzeln
konnen, sondern daB man ihnen die Moglichkeit gibt, in einem
Land, wo sie wirklich Wurzel schlagen k6nnen, mit dem sie seit
Jahrtausenden aufs innigste verbunden sind, durch eigene Kraft
sich eine eigene Heimst~tte zu schaffen."


- 19

















JUSTIZRAT CAHEN
President der Rheinlandloge.

Rede, gehallen auf der rheinischen Keren-Hajessod-Konferenz in
C6ln, am 2. April 1922.

Mein3 Damen und Herren!
Wir sind eingeladen worden, um Aufklarung fiber die Ziele
des Keren-Hajessod zu erhalten und die Weiterarbeit zu erartern. Ich
meine, dat es vielleicht jetzt an der Zeit ist, daB von einem Be-
wohner der westlichen Provinzen direkt die Frage angeschnitten
wird: was hat zu geschehen, um die Arbeit des Keren-Hajessod in
unseren westlichen Provinzen, vor allem im Rheinland zu fordern,
und welche Aufklarung ist ia am besten dienlich und notwendig?
Ich glaube Ihnen alien nichts Besonderes zu sagen, wenn ich
feststelle, daB wir uns dabei so ziemlich mit einer ganz einheitlich
gesinnten Masse von jiidischen Mitbiirgern befassen mfissen, mit
der groBen Menge der antizionistisch gesinnten deutschen jiidischen
Birger, die auf der einen Seite nicht durch religi6se Pflicht an
Palistina sich gebunden fiihlen und auf der anderen Seite als Gegner
der Zionisten diejenigen, die aus politischen Griinden glauben, sich
der Palastinaarbeit widersetzen zu miissen. Die praktische Frage
ist, wie kUnnen wir es erreichen, da diese bisher fernstehenden und
widerstrebenden Elemente mit uns gehen. Ich glaube nicht fehl zu
gehen, wenn ich annehme, daB von den so charakterisierten Ele-
menten auch in unserer Versammlung einige anwesend sind. Es
ist gerade der Zweck der Aussprache, diese Seite der Angelegenheit
zu beriihren, und nun, meine Damen und Herren, glaube ich mit
einem Satz beginnen zu miissen, der gar nicht laut genug und gar


I 20 -










;aicht oft genug den widerstrebenden Elementen gesagt werden
kann: Der Keren-Hajessod ist keine zionistische Institution. Wo ich
.bisher versucht habe, Interesse fir den Keren-Hajessod zu er-
wecken, da ist mir mit absoluter Sicherheit immer das entgegen
gehalten worden, mit der nicht mehr der Vernunft, sondern dem
Willen entsprechenden Erklarung: Wir wollen nicht mit den Zio-
nisten zusammenarbeiten. Der jetzt bestehenden neutralen Organi-
.sation des Keren-Hajessod gegeniiber' ist eine solche Behauptung
Tunwahr; sie kann nicht aufrecht erhalten werden. Wenn unter dem
Aufruf der Griindung des Keren-Hajessod, unter der Anmelde-
und Beitrittsempfehlung, Namen stehen ich will jetzt nur die
,charakteristischsten Typen herausnehmen wie Staatsrat Cohn
in Dessau und Rabbiner Goldmann in Leipzig, dann halte ich es ge-
rade ffir widersinnig, die Behauptung aufzustellen, daB es sich hier
aum etwas Zionistisches handle. Nicht, als ob ich daran Anstoif
name und mich scheuen miifte, mit Zionisten zusammenzuarbeiten,
.aber ich stelle mich ein auf die Belehrung der eben charakterisierten
groBen Menge der besten Glaubensgenossen. Der Hauptgrund, warum
ich die Bildung dieses neutralen Keren-Hajessod so herzlich und
inningg begrfiie, ist folgender: Unter diesem Werk des nichtzionisti-
.schen, neutralen Keren-Hajessod wird es endlich wieder einmal
mnglich sein, Interesse fUr die Palastinaarbeit, fir Palastina zu er-
-wecken und zu listen, ohne daB man horen muB, das sei zionisti-
.sche Politik. Erinnern Sie sich doch, wie es immer gewesen ist,
wenn irgendwie etwas von Palistina in den letzten zwei oder drei
Jahrzehnten bekannt wurde, going es nicht von der strengsten reli-
gi6sen orthodoxen Richtung aus, die ein kleiner Teil unseres Volkes
ist? Herr Dr. Apfel hat Sie schon daran erinnert, daB hier in Kln
David Wolfsohn den ersten Verein zur Forderung der Kolonisation
in Palastina schuf und aufrecht hielt, solange sich ein derartiges
kleines Unternehmen aufrecht erhalten liel. Aber je mehr der na-
tionalistischo Gedanke des Zionismus unter uns deutschgesinnten
Juden Widerstand fand, um so mehr genfigte das Wort Palastina,
adm damit die Ablehnung des Zionismus hervorzurufen. Das ist


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ein schwerer Schaden fur das Judentum gewesen, diese kiinstlich-
geschaffene, beinahe unbewufte Abwehr gegen den zionistischen
Gedanken. Die Mitarbeit an dem Keren-Hajessod ist die Pflicht
jedes, sowohl des rechtsstehenden wie des liberalsten deutschen
Juden. Ich habe mir die Nummer des ,,Jiidischen Boten vom
Rhein" mitgebracht, der diese Frage in wundersch6nen Worten
des Herrn Dr. Emil Cohn, der eben zu uns gesprochen hat, beriihrt.

Es heiflt darin:
,,Schon heute fehlt es uns nicht an Klugen, die schon vor-
her ihre Rechnung fertig haben. Das Liedchen vom Hemde, das-
uns naher sei als der Rock, wird schon recht munter gepfiffen,
und heute vor acht Tagen lieB sich sogar in der Kolnischen Zeitung
in Gestalt des Vorsitzenden des Verbandes Nationaldeutscher Juden
ein recht geschwatziger Fink vernehmen, der gar vomins Ausland ge-
schleppter- und noch zu schleppenden deutschem Gelde schrieb -
er meinte das Geld fir den Palastinaaufbau dabei aber nicht
bemerkte, daB er gleichzeitig einige Schmutzkleckser ins cigene-
Nest fallen lie. ..
,,Wir fir unseren Teil hegen ffir die Konferenz des kommen-
den Sonntags nur eine Hoffnung: daB dort nicht nur die Klugen,
sondern auch die Edlen sich einfinden werden. Und daB selbst die
Klugen, die dort nichtern und ruhig, wie es sich gehart, die
Rechnung pruifen werden, das Gefiihl haben, daB hier nicht nur ein
Geschift, sondern auch ein Schicksal werden will. Was man auch
immer gegen den angefiihrten Artikel des Dr. Naumann in der
K5lnischen Zeitung sagen mag, wie sehr man ihn auch als verrate-
risch oder denunziatorisch brandmarken mag, sein Entscheidendes
ist, daB in ihm ,,ein Mann ohne Schicksal" sprach, d. h. ein
rechnender, praktischer, seitwirts auslugender, vom Urteil der Welt
abhangiger Mann, wie das 19. Jahrhundert sie zu Millionen auf
den Markt des Materialismus warf, ein Kluger, aber kein Edler.
Denn das gerade ist das Zeichen des Edlen, daB er sich als Schick-
salstrager fiihit, daB er ein Ohr hat fur den Fliigelschlag des


22 -











Ewigen fiber sich, ein Auge fur den unsichtbaren Strom der
Jahrtausende, dessen letzte Uferwelle er ist, und einen Sinn ffir den
Atemzug der Schicksalsstunde, wenn sie kommt."

Meine Damen und Herren!
Wir Antizionisten, wir liberalen und konservativen deutschen
Juden, wir haben die Fihigkeit verloren, Mensch zu sein, vom
Schicksal, diesen Schicksalsflug zu empfangen, die Glocke klingen
zu h6ren, wovon Herr Dr. Cohn uns sprach. Wir haben sie ver-,
loren, vielleicht nicht durch unsere Schuld, vielleicht durch die
Schuld der Ereignisse. In einem hochstehenden katholischen Blatt,
dem ,,Hochland" habe ich in der Nummer d. Mts. folgende Satze
gefunden, die ich beinahe wartlich auf uns ibertragen kann:
,,Die Hauptursache fiir diesen Niedergang sehe ich in der
Absorbierung der besten geistigen Krafte durch die Pilitik infolge
des Kulturkampfes (- setzen Sie bitte Antisemitismus und setzen
Sie noch weiter hinzu den Kampf zwischen Zionismus und Anti-
zionismus). Durch diesen schweren Existenzkampf kamen wir in
jene Isolierung hinein, in jene Rolle des dauernd zurfickgesetzten,
dauernd verletzten, dauernd ungerecht behandelten Volksteiles, der
vor allem mit dem Mittel der Politik sich wehren und seinen
Platz al der Sonne zuriickerobern mu8fte. Im engsten Zusammen-
hang damit steht die starke Inanspruchnahme durch die Forde-
rungen der Sozialpolitik, die gewiB, auch den .religi6sen Forde-
rungen des Katholizismus entsprach, aber doch wiederum die po-
litische Einstellung verstarkte. Die letzte Ursache sehe ich aller-
dings darin, daB auch die fUhrende Schicht des katholischen
Volksteiles dem allgemeinen Zeitgeiste der Verflachung und rationa-
listischen Veridung seinen Tribut gezahlt hat. Die Gefahr, den
Schritt von der edlen Ratio, vom erhabenen Logos zu unedlemn,
kleinem Rationalismus unserer Tage zu tun, ist fiir uns vielleicht
doppelt groB, weil das beherrschende System des Katholizismusi,
die Scholastik, einen einzigen groBen Versuch darstellt, das Ge-
heimnis mit der ,,Vernunft" zu vereinen, und weil die Spatscho-


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lastik und die PopulArscholastik der Neuzeit den Schritt zum
platten Rationalismus nur allzuoft vollzogen hat. Ferner hat auch
hier die Notwendigkeit der Abwehr gegen die vulgire Freigeiste-
rei den Abwehrenden selbst auf die Stufe des Angreifers herabge-
zogen. Werke tiefernster religiaser Erneuerung hItten bei uns
wenig Verstandnis gefunden, da man doch in erster Linie Material
haben wollte, um jedem Gegner den Mund zu stopfen. DaB der
Kampf fir und gegen die Freigeisterei in den Massen ausgefochten
wurde, in der Fabrik, in lassenversammlungen, daB es vor allem
darauf ankam, dem Gegner eins drauf zu geben, das hat jene
furchtbare religi6se Armut in unsere popular apologetische Literatur
hineingebracht, die sie uns heute beinahe ungenie8bar macht."

Meine Damen und Herren!
Ich will mich nicht von meinem Thema entfernen. Wenn es
uns gelingt, diesem geschilderten Judentum wieder einen Gedanken
zu gehen, den Gedanken, den die Orthodoxie hat, und den der Zionis-
mus hat, einen inneren Gedanken, der uns belebt und aufrecht
halt, der uns zusammenschlieBt, der uns die M6glichkeit schafft,
fiber die dem Zentralverein iiberlassenen Abwehrschriften und MaB-
nahmen hinwegzugehen, zu einem das ganze Judentum beherrschen-
den Zweck, zu dem PalAstinazweck, dann ist damit im Sinne des
Keren-Hajessod etwas erreicht, was nicht fur Palastina notwendig
ist, (das wird ohne uns erreicht,) aber das fur unsere westdeutschen
Juden notwendig ist. Wenn wir uns machtvoll einsetzen, unser MAg-
lichstes tun, und uns von heute ab hier im Westen an unsere
Glaubensgenossen wenden und diese unsere Arbeit des Keren-Hajes-
sod in diesem Sinne propagieren, dann tun wir etwas, fur das
wir die vollste Verantwortung tragen konnen, selbstverstandlich vor
dem Judentum, aber auch vor dem Deutschtum. Und, meine Damen
und Herren, dann tun wir etwas, was zunachst notwendig ist,
um das praktische Ergebnis hier erzielen zu kannen. Ich kann an
jemand herangehen, der noch nichts weiB von der Notwendigkeit
der Lungentuberkulosenfarsorge, der Kinderfiirsorge oder irgend


- 24 -











einer anderen sozialen Fiirsorge oder einer Akademie der Wissen-
schaft des Judentums, und ich kann ihm auseinandersetzen, dafiir
mu8t du Geld geben. Ich kann an Jemand herangehen und Geld
fir den Keren-Hajessod verlangen, aber nur dann, wenn ich sein
Herz gewonnen habe fiir die Palistinifrage, werin ich den Schutt
beseitige, der in dem haIlichen unfruchtbaren Kampfe liegt. Meiner
Auffassung nach ist der praktische Weg, den wir beschreiten
miissen, die Hinaustragung der Geda nken, die wir heute gehirt
haben, in das gesatte deutsche Judentum und Aufbau auf der Um-
kehr der Gesinnung und auf der materiellen Leistung, die fur dieses
Werk erforderlich ist.


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PROFESSOR DR. ALBERT EINSTEIN.


Aus einem Artikel erschienen anlCiplich der Ertffnung der hebrai-
schen Universitat in Jerusalem.

Die Eroffnung unserer hebriischen Universitat auf dem Berge
Skopus Jerusalem ist ein Ereignis, das uns nicht nur mit berech-
tigtem Stolze erfiillen, sondern auch zum Nachdenken anregen sollte.
Die Universitat ist eine StAtte, an der sich die Universalitit des
menschlichen Geistes offenbart. Die Forschung und die Wissen-
schaft kennt als Ziel nur die Wahrheit. Daher ist es natfirlich, dai
die Institute, welche der Wissenschaft dienen, ein Element der Ver-
bindung der Valker und Menschen sind. Heute leider sind die Uni-
versitaten in Europa meist die Pflegestdtten nationalistischen Un-
geistes und einer verblendeten Intoleranz gegen alles dem eigenen
Volk older der eigenen Rasse Fremde oder Andersartige. Darunter
leiden besonders die Juden, nicht nur, weil man sie an der freien
Betatigung und an der freien Bildung behindert, sondern auch, well
die meisten Juden diesem Geiste der nationalistischen Enge sich
besonders fremd fiihlen. Ich m6chte an diesem Geburtstag unserer
Universitait den Wunsch aussprechen, daB unsere Universitat stets
frei bleiben mige von diesem Obel, daB Lehrer und Studenten stets
das BewuBtsein erhalten, daB sie ihrem Volk am besten dienen,
wenn sie es mit der Menscheit und mit den h6chsten menschlichen
Werten, die keine nationalen mehr sind, verbinden.
Der jiidische Nationalismus ist heute eine Notwendigkeit, well
wir nur durch eine Konsolidierung unseres nationalen Lebens die
Konflikle beseitigen kannen, unter denen der Jude heute leidet.
Mage bald die Zeit kommen, wo dieser Nationalismus so sehr zu
einer Selbstverstlndlichkeit geworden ist, daB wir nicht mehr natig
haben, ihn besonders zu betonen. Die Verbundenheit mit unserer


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Vergangenheit und mit der gegenwartigen Arbeit unseres Volkes
gibt uns die Sicherheit des Auftretens gegenfiber der ganzen Welt.
Aber gerade unsere Bildungsanstalten miissen als eine ihrer edelsten
Aufgaben betrachten, unser Volk frei zu halten von nationalem Ei-
gendiinkcl und agressiver Unduldsamkeit.
Unsere Universitat ist vorlaufig ein bescheidenes Unternehmen.
Es ist ein ganz richtiges Prinzip, daf man zunichst mit einigen For-
schungsinstituten beginnt und die Universitat sich organisch ent-
wickeln wird. Ich bin fiberzeugt, dafi diese Entwicklung schnelle
Fortschritlit machen wird und daB im Laufe der Zeit, sich erst an
dieser Stelle mit voller Klarheit erweisen wird, zu welchen Leistungen
der jiidische Geist fahig ist.
Eine besondere Aufgabe erwichst der Universitat in der geisti-
gen Leitung und Erziehung der werktatigen Schichten unseres Volkes
im Lande. Wir swollen in Palastina nicht wieder ein Stadtervolk
schaffen, das so lebt wie in den Stidten Europas und die biirgerliche
Vorstellungswelt Europas mitbringt; wir wollen ein arbeitendes Volk,
vor allem ein jiidisches Dorf, und wir wollen, daB die Gilter der
Kultur auch diesen arbeitenden Schichten zugiinglich sind, beson-
ders da wir wissen, daB Juden unter alien auBeren Umstlnden Bil-
dung fiber alles setzen. Hier obliegt der Universitat etwas ganz
Neuartiges zu schaffen, um den spezifischen Bediirfnissen des sich
entwickelnden Volkslebens in Palastina zu geniigen.
Wir wollen alle daran mitarbeiten, daf die Universitit ihre
Aufgab: erffiillen kann. Mage die Erkenntnis von der Bedeutung
dieser Sache sich in den breiten Schichten der Judenheit Bahn bre-
chen! Dann wird unsere Universitat sich bald zu einem groBen geis-
tigen Zentrum entwickeln, das die ganze kultivierte Menschheit mit
Respekt erfiillen wird.


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RABBINER Dr. FELIX GOLDMANN


Aus einemn Artikel erschienen anldajlich des ersten Aufrufs des
Keren Hajessod.

Fir so viele, die vielleicht im Herzen das Pallstina-Aufbauwerk
gut heiBen, ist der Stein des AnstoBes das Verhaltnis des
Keren Hajessod zur zionistischen Partei. Man beffirchtet
durch seine Mitarbeit jfidischnationale Ziele zu frrdern und
sich politisch den Nationalisten zu nahern. AuBerlich wie innerlich
ist solche Annahme unbegriindet. Der Keren-Hajessod-Aufruf wurde
von so unendlich vielen Nichtzionisten und Antizionisten unterschrie-
bel zu lezteren gehart der bekannte Staatsrat Dr. Cohn-Des-
sau, zu ersteren der GroBprisident der Bne Brisslogen, Geheim-
rat Dr. Timendorfer, die Vorsteher der Berliner und vieler anderen
angesehenen Gemeinden, sowie eine groBe Anzahl von entschie-
den liberalen Rabbinern, daB man gar nicht erst auf die Person
des Vorsitzenden Oscar Wassermann hinzuweisen braucht, um den
neutralen oder sagen wir lieber, um dieses unschane Wort zu
vermeiden, allgemein-jiidischen Charakter des Aufbauwerks zu er-
kennen. Innerlich aber hat weder die zionistische Organisation den
Versuch gemacht, die Gesinnungen der nichtzionistischen Person-
lichkeiten im Komit6 zu beeinflussen, noch warde es sich einer von
uns gefallen lassen, wenn man ihm zumutete, da8 er seiner Beteili-
gung am Aufbauwerke zuliebe seine jiidischen Grundanschauungen
verleugnen older fndern sollte. Wenn die gemeinsame Arbelt den
Erfolg haben sollte, daB im Meinungskampfe in Zukunft hiiben und
driiben Auswiichse vermieden werden, so wire das gewiB kein Feh-
ler. Weder bei den Zionisten noch in unserem Lager denkt man aber
daran, sich in den Grundfragen seiner jiidischen Weltanschauung
Zugestandnisse zu machen.


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Die Gruppe um Naumann, die seit Monaten in einer den Radau-
antisemiten gut abgelauschten Form die Mehrheit der deutschen
Juden verdachtigt, beschimpft und das ist natiirlich das eigent-
liche Ziel -- denunziert, hat die nichtjiidische Offentlichkeit da-
durch aufzuhetzen versucht, da1f sie auf die groBen Summen hin-
weist, die durch das Palastinawerk ins Ausland flieBen. Demgegen-
fiber sei zuerst betont, wenn auch dieser Punkt gewiB nicht ausschlag-
gebend ist, daB der Aufbau des heiligen Landes auch im deutschen
Interesse liegt. Abgesehen davon, daB die Gelder des Keren-Hajessod
satzungsgemia nur in Deutschland ausgegeben werden diirfen, so
daB sie also die deutsche Industrie f6rdern, wird auch der Aufbau
Palastinas die Einwanderung von Deutschland ablenken. Keiner, von
welcher Partei er auch sei, wird bestreiten, daB Deutschland mit
seiner schwer geschiidiglen Wirtschaft nicht als Einwanderungsland
in Betracht kommt. Je gr6Ber die M6glichkeit wird, sich in Palfistina
seBhaft zu machen, desto geringer wird der Andrang nach Deutsch-
land sein. Und auch jene, die der allerdings irrigen Meinung
sind, daB der ganze Antisemitismus auf die Rechnung des ostjii-
dischen Elements zu setzen sei, miiBten das Aufbauwerk freudig
begriilen, das die angeblichen Erreger des Judenhasses auf dem Bo-
den Palistinas unterbringt.

Freilich warde es der inneren jiidischen Ehre kaum angemessen
sein, wolltc man solche Griinde fur seine Entscheidung mafgcbend
sein lassen. Durchschlagend sind lediglich die jiidischen Gesichts-
punkle. Und jiidisches Gefiihl wie die inneren Interessen der jidi-
schen Gemeinschaft zwingen zur F6rderung des Aufbauwerkes,
das in den N6ten der Zeit unendlichen Segen stiften kann.

Im Osten warten sechs Millionen Juden auf Erl6sung aus der
HIlle! Hunderttausende sind ermordet worden, andere hundert-
tausende sind verhungert, und ebensoviele hunderttausende gehen
mit Sicherheit demselben Schicksal entgegen, wenn ihnen nicht bald
Hilfe wird. Darf man bei solchem Schicksal das Herz haben, sich
irgend einer Miglichkeit der Hilfe, und sei es selbst nur eine geringe,


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entgegenzustemmen? Amerika verschlieBt sich dem Strome der Ein-
wanderer, andere Lander kommen nicht in Betracht, und so fehlt uns
das moralischc Recht, uns vom Aufbau PalIstinas fernzuhalten.
Selbst wenn die Pessimisten Recht haben sollten, und nur hundert-
tausende im Laufe der Jahre dort Aufnahme finden, so sind doch
wenigstens sie gereltetl Die Befiirchtung, daB dort ein dem Wesen
religiisen Judentums fremder nationaler Staat erstehen konnte,
darf keinen zurfickhalten. Selbst wenn man nicht, wie ich, der Mei-
nung isl, daB der jiidische Nationalismus niemals aus dem heutigen
Zustande der Theorie heraustreten und praktische politische Bedeu-
tung gewinnen wird, -muB man sich vom Standpunkte der Mensch-
lichkeit und .des jiidischen Ierzens sagen, daB es besser ist, wenn
hunderltausende von Juden, in einem uns nicht genehmen politischen
Zustando gliicklich leben, als wenn sie allesamt in Polen oder der
Ukraine durch Pogrombanden ermordet werden! Man darf seiner
Theoria zuliebe, selbst wenn man von ihrer Richtigkeit und Gfte
noch so sehr iiberzeugt ist, niemals das Leben und das GlUck anderer
Menschen opfern.
Man soil doch auch nicht vergessen, daB schon vor dem Kriege
alle deutsche Juden, (lie jiidisches Empfinden besalen, fiur Palas-
tina arbeiteten, denn der ,,Hilfsverein der deutschen Juden", dem ja
grade auch die Zionistengegner in Massen angehbrten, befaBte sich
cifrig mit den geistigen Kulturgfitern, und vom hebraischen Kin-
dergarten bis zum Technikum f6rderte er jede Seite des Bildungs-
werkes. Was hal sich eigentlich geTndert, daB wir uns jetzt zuriick-
ziehen sollten? Wir haben hachstens noch mehr Grund zur Mitar-
beit als friiher. Denn damals stand das Land unter der Herrschaft
der schwachen Tiirkei, und irgend eine Sicherheit fiir den Bestand
des Werkes besaB man nicht. Heute aber steht das machlige Eng-
land mit seinem Worte hinter allem Tun, und so unsympathisch
uns gegenwirtig dieses England sein mag, so sicher ist, daB
seine Garantie wirkliche Sicherheit gewaihrt.
England hat nun nicht etwa der zionistischen Organisation son-
dern der Gesamtheit aller Juden die Heimnstltte in Palistina ange-


S- 3o -










boten und dadurch ist der gesamten Judenheit eine schwere Ver-
antwortung auferlegt worden. Die M5glichkeit ist nun gegeben, und
es mufi sich zeigen, ob die Judenheit imstande ist, ihr gerecht zu
werden. Sollte das Palastinawerk aus Mangel an Mitteln nicht durch-
gefiihrt werden k6nnen, so wiirde damit dem Ansehen des Judentums
ein schwerer Schlag versetzt werden. Der alte Vorwurf, daB wir zu
positive Arbeit unfahig seen, wiirde neue Nahrung erhalten, und da
der Judenhaft im letzten Grunde auf einen Mangel an Achtung zu-
riickgeht, wiirde ein Scheitern des Aufbaus den Antisemitismus in
gewaltigem MaBfe anwachsen lassen. Anderseits aber soll man auch
nicht vergessen, wie sehr es zur innerlichen Kraftigung der Judenheit
beitragen wiirde, wenn es eine Aufgabe gabe, die die Juden in aller
Well einmal wirklich eintl K6nnen wir auf dem Boden der Theorie
auch nicht zusammenkommen, so k6nnte es doch auf dem der
Praxis erm6glicht werden. Und wenn man sich auf dem einen Ge-
biete verstandigt hat, so kSnnte es wohl auf diesem oder jenem an-
deren auch geschehen. Von einer inneren Einheitsfront zwischen Zio-
nisten und deutschvaterlandisch gerichteten Juden, zwischen Ortho-
doxen unc Liberalen ist ganz gewiti keine Rede. Daf es aber gut
ware, wenn die Differenzen etwas vornehmer und geriuschloser aus-
getragen wiirden und wenn man eine M6glichkeit fande, um beispiels-
weise den JudenhaB gemeinsam abzuwehren, wird keiner bestreiten.
Gemeinsame Arbeit am Aufbauwerke wiirde aber ganz gewiB auch
auf diesem Wege zur KrIftigung des Judentums und zur Hebung
seines Ansehens beitragen.
Der wichtigste unter den Griinden aber, die mich zum freudigen
Unterschreiben des Keren-Hajessod-Aufrufs veranla8ten, ist der re-
ligi6se. Es handelt sich ja beim Palastinawerk nicht um etwas po-
litisches, sondern ,,Jischuw erez jif3roel", der Aufbau des Landes Is-
raels ist eine ewige religidse Pflicht, die keiner ohne weiteres aus
dem Schatze unserer heiligen Gebote streichen darf. Auf seiner letz-
ten Tagung hat der Rabbinerverband in Deutschland sich einstimmig
fir den Aufbau Palistinas ausgesprochen und hat damit eigentlich
etwas selbstverstandliches getan, da er von rein religiasen Empfin-

31 -










dungen sich leiten lieB. Sind nun diese Hoffnungen und Wiinsche
gewiB auch unpolitischer Natur, so suchen sie doch nach einem prak-
tischen Ausdruck, nach Verwirklichung. Jede religiise Sehnsucht
muB ja zur Phrase werden, wenn ihr nicht Taten folgen. Und da
jede Gew5ihr gegeben wurde, daB der Keren-Hajessod diesen unpoli-
tischen Charakter erhielt, ist er das gegebene Mittel, um alte religiose
Forderung zu neuem segensreichen Leben zu erwecken.
Sollte noch irgend eine Beffirchtung vorhanden sein, daB das
Aufbauwerk in nationaljfidisches Fahrwasser gelangen kinnte, so
gibt es kein besseres Mittel, um sie zu zerstreuen, als die Teilnahme
der gesamten Judenheit in aller Welt. Eine von alien Juden einstim-
mig anerkannte und ausgeiibte Pflicht kann nur jiidisch, ohne jeden
Zusatz, sich auswirken. GroBe Kreise der Judenheit widmen sich
heute bereits ohne Riicksicht auf die Parteistellung dem Aufbau des
heiligen Landes, und es ist zu wiinschen, daB die allgemeine, freudige
Mitarbeit das Werk gelingen lasse, das hunderttausenden milder, ge-
hetzter Glaubensgenossen Frieden und Gliick, dem jiidischen Namen
aber Ehre bringen wird.


- 3a -















DR. DAVID KROMBACH


Aus einer Rede, gehalten auf der Tagung des Verbandes der neu-
tralen Jugendbiinde in Bonn.
....,,Wenn wir uns demgegeniiber zur Aufgabe gesetzt haben,
die Fragen unserer Zeit nicht von der eingeengten Perspektive der
Parteiwarte ais zu betrachten, sondern die lebendige Liebe zur gan-
zen Gemeinschaft, das gute jiidische Herz schlechthin als die Ur-
krAfte unserer Bewegung zu pflegen, dann muB diese Einstellung
auch von vornherein in der Art, wie wir hier in unseren Verhand-
lungen die Antwort suchen, ihren Ausdruck finden, auf daf wir im
Kreise der deutschen Judenheit eine neue Art der Aussprache, die
von dem Herzen und der Liebe, nicht von Parteilogik und Partei-
taktik bestimmt wird, zu schaffen versuchen, fir welche Bahnbrecher
za sein gerade wir in unserem Verband berufen sind.
Die Palastinafrage erscheint mir fiir diese Art der Aussprache
besonders geeignet. Man hat mir umgekehrt das Palastinaproblem
als den ,,politischen Zankapfel" der Juden bezeichnet und mit dieser
Begriindung die Forderung aufstellen wollen, unser Verband moge
sich hier ganzlich der Stimme enthalten. Richtig ist hierbei, daB
in der Tat die enge und blinde Leidenschaft des Parteiwollens das
Under fertiggebracht hat, daB Palastina, das heilige Land unserer
gemeinsamen religi6sen Erinnerungen und Hoffnungen, das Sied-
lungsland, das in der Zukunft heimatlosen Juden eine neue Heimat
gewahren soil, zum Losungswort der Parteien geworden ist und
unter dem Gesichtswinkel der Parteiangelegenheit beffirwortet oder
verworfen wird. Eine seltsame Verirrung, die der durch die Jahr-
hunderte gepflegten Liebe unserer Vorfahren zum heiligen Land
Hohn spricht und von einer spliteren, ruhigeren Zeit nur als Doku-
ment einer seltsamen, ungesunden Entwicklung gewertet werden


- 33 -










wird. Aber gerade deshalb ist es das Pallistinaproblem, das nach
der Kraft unseres Neutralitatsprinzips, nach der Vorherrschaft des
Gemeinschaftsgedankens fiber parteimiifige Sonderung dringend ver-
langt, ein Arbeitsfeld, auf dem wir, wie wir mit Stolz festellen
diirfen, wichtige Arbeit bereits geleistet haben und weiterhin zu
listen haben.

Wir wissen, dai unsere Freunde, namentlich Alfred Apfel in
Ausfiihrung des Casseler Beschlusses, sich mit anderen MAnnern zu-
sammengesetzt haben, um die Grundlage fur ein solches gemein-
sames Werk zu schaffen. Es ist nicht leicht gewesen, die Bedingun-
gen von Cassel zur Erfillung zu bringen; aber schlieBlich kam das
Werk zustande; in einem besonderen deutschen Keren Hajessod ist
eine Organisation geschaffen worden, die im Sinne unserer Casseler
Beschlisse ,,es den deutschen Juden jeder Richtung ermaglichen
will, sich freudig an einem groBziigigen, einheitlichen Sammelwerk
zu beteiligen".
Es ist unser gutes Recht, ja unsere Pflicht, uns in eigener Prui-
fung ein Urteil dariiber zu bilden, ob in diesem Keren Hajessod nun
wirklich die Bedingungen von Cassel erfillt sind. Es versteht sich
von selbsl, daB wir nicht unbesehen uns dem neuen Aufbauwerk zur
Verffigung stellen, und es ist gewil kein ,,Mangel an Jugendlichkeit'
oder ,,Mangel an Mut vor der eigenen Courage", wenn man mit aller
Vorsicht die Dinge priift und etwa hier oder dort zu dem Ergebnis
kommt, die in Cassel verlangten Garantien seen noch nicht oder
nicht hinreichend erfiillt. Aber wir miissen hierbei die Fragen ge-
nauer trennen: auf der einen Seite steht die prinzipielle Frage Pa-
lastina, auf der anderen die praktisch organisatorische Frage,
oh nach der Grfindung des deutschen Keren Hajessod die Voraus-
setzungen erfillt sind, die es jedem Juden erm6glichen, ohne Opfer
seiner Gesinnung an dem Aufbauwerk in Palastina mitzuarbeiten.
Ich erklare von vornherein, daB ich es keinem veriibeln kann, wenn
er zu der letzteren Frage eine ablehnende Stellung einnehmen sollte;
es handelt sich dort nicht um eine Frage der Gesinnung. Dagegen in

34 -











der ersten Frage, wie wir uns rein geffihls- und willenmafrig zu dem
Palastina-Aufbau schlechthin zu stellen haben, gibt es fiir uns kein
Weichen und Wanken. Es wire ein Verrat an unserer Tradition
und an unserer Arbeit bis zum heutigen Tage, wollten wir in dieser
Grundfrage, die in Berlin und Cassel von alien ohne Ausnahme ge-
rade als eine der groBen Aufgaben unseres Gemeinschaftsstrebens
festgelegt wurde, irgend eine Anderung vornehmen. Wenn ein
Antrag gestellt werden konnte, der etwas anderes will, so ist dies nur
damit zu erklaren, daB der Antrag offenbar aus Kreisen kommt, die
iiber unsere bisherige Einstellung zu dem Problem nicht unterrich-
tet sind. Ich wiederhole also: in der Frage ,,Pro Paldstina" gibt
es kein Verleugnen des Geistes von Cassel und wer hier ritteln
will, der rittell an den Grundlagen des ganzen Verbandes!

Mit durchaus anderem IMastab ist aber bei der zweiten Frage
zu messen. WAren wir alle ausnahmslos der gleichen Oberzeugung,
daB der Keren Hajessod unbedingt als neutrales Instrument an-
zuerkennen ist, dann ware ein Zweifel nicht miglich, daB der Ver-
band sich schlechthin fur diese Organisation einzusetzen hat, es ware
dann dem Einzelnen zur Pflicht zu machen, fiir den Keren Hajessod
zu wirken. Leider sind die Ansichten hieriiber nicht einheitlich.
Ich pers6nlich darf von meinem Standpunkt bemerken, daB ich auf
Grund eingehender Priifung die Oberzeugung gewonnen habe, daB
man in der Tat hier ein neutrales Instrument geschaffen hat, dem
wir uns bedenkenfrei anschlieBen k6nnen. Es ist festzustellen, daB
die Satzungen des deutschen Keren Hajessod die Verwendung der
gesammelten Geldmittel in der Weise sicherstellen, daB einerseits
die Verwertung fiir parteimiiBige Zwecke ausgeschlossen ist und
daB auf der anderen Seite diberhaupt kein Geld, sondern im wesent-
lichen Material fiir das Aufbauwerk zur Verfiigung gestellt werden
soll. Die Oberzeugung von der unbedingten Neutralitat des deut-
schen Keren Hajessod habe ich vor allem auf Grund der Pers6n-
lichkeiten erworben, welche die Leitung innehaben und in der Tat
jegliches Bedeaken zu zerstreuen in der Lage sind.". .


- 35 -














Aus einer Rede von


GENERALKONSUL EUGEN LANDAU

,,Der Grund dafiir, daB ich hierher nach Breslau gekommen
bin, liegl darin, daB ich in meiner Heimatstadt Breslau, wo ich zu
FiiBen von Abraham Geiger und Rabbiner Joel gesessen habe, an
dem Orte, wo ich in meinem groBelterlichen Hause immer wieder
von dem Ideal Palistina geh6rt habe, am Aufbau Palfistinas mitwir-
ken will. In dieser Stadt, in der mein GroBvater gelebt, dessen
grO6ter Stolz der Besitz eines Sickchen Erde aus Jerusalem war, das
er oft zeigto und auf dem nach seinem Tode sein Haupt ruben sollte.
Deshalb bin ich, als der Ruf an mich erging, ihm freudig gefolgt
Wir Nichtzionisten haben uns dem Keren Hajessod zur Verff-
gung gestellt, well durch die Tat beweisen wollen, daB der Streit der
Parteien und der Meinungen im Judentum nicht dazu fiihren darf,
die wichtigsten Aufgaben des Judentums zu vernachlaBigen. Und
der Aufbau Palistinas ist heute eine Aufgabe, die dem Judentum der
ganzen Welt und damit auch unserem deutschen Judentum gestellt
ist. Wir deutschen Juden wuBten immer, daB es gemeinsame Auf-
gaben des Gesamt-Judentums gibt. Wir haben immer geholfen, wenn
anderswo Not herrschte, und wir haben jetzt auch mit Ruhe und
Wiirde uns helfen lassen, als in unseren eigenen Reihen die Not am
grOBlen war. Wir haben und batten ein Gefihil ffr die Aufgaben
des ganzen Judentums.
Und dieser groBen jiidischen Aufgabe gegeniiber sollten wir
uns verschliefen? Ich bin iiberzeugt, da6 Sie mit uns auf diese
Frage die einzig richtige Antwort geben: Sich mit uns zusammen-
finden fur den Aufbau, ffir den Keren Hajessod.
Ich bin hierhergekommen, well mir der Keren Hajessod Her-
zenssach' ist. Ich sebe in der Versammlung manchen Freund, mit


- 36 -










dem ich alt und grau geworden bin und den ich gern von der Giite
dieser Sache fiberzeugen m6chte. Ich bitte Sie instandigst: Setzen
Sie das Trennende zurfick, suchen Sie die Einheit, unterstiitzen Sie
uns in unserer Arbeit."
















LEHRER M. STEINHARDT


Der Kenner jiidischer Geschichte weiB, dal der Judenheit noch
in keinem Lande des Exils eine dauernde Ruhestitte beschieden
war. Mochten sie sich in einem Lande noch so heimisch ge-
fiihlt haben, mochten sie die Kultur dieses Landes noch so sehr in
sich aufgenommen, oder diese Kultur noch so sehr gef6rdert haben,
immer wieder wurden sie nach einigen Jahrhunderten ihres Aufent-
haltes vor die Wahl gestellt, entweder restlos sich aufzulosen oder
auszuwandern. Das typischste Beispiel hierfiir ist die Geschichte der
Juden auf der pyrenaischen Halbinsel. Aber auch die Geschichte der
deutschen Juden redet dieselbe Sprache und lehrt die gleiche Erfah-
rung. Es wissen leider von denjenigen Juden, die in einer restlosen
Assimilation das einzige Heil der Juden erblicken und ihr darum
immer wieder das Wort reden, allzuwenige nur, daB es in der friihern
Geschichte der deutschen Juden schon einmal eine solche Assimila-
tionsperiode gegeben hat. Es haben die deutschen Juden an der
Entwicklung der deutschen Kultur in der ersten Halfte des Mittel-
alters den regsten Anteil genommen; auch in dieser Periode vie!-
leicht schon mehr, als ihrer eigenen Erhaltung zutraglich war. Das
hat sie aber nicht davor geschiitzt, daB sie vom Beginn der Kreuzzaige
an durch die folgenden Jahrhunderte ununterbrochen den schwer-
sten Verfolgungen ausgesetzt waren und fast vollstandig aufgerieben
wurden. Zur Zeit der Reformation gab es nur noch wenige tausend
Juden in Deutschland, und es war die Absicht Karls V. auch dieses
kleine Hauflein noch aus dem Lande zu treiben. Daher kann die
Notwendigkeit einer ,,rechtlich gesicherten Heimstatte" fir die Ju-
den aller Lander von keinem Kenner der jiidischen Geschichte be-
stritten werden; nur Unwissenheit und holes Phrasentum wird
dagegen Stellung nehmen.

38 -










Aber. nicht nur politische, auf geschichtliche Erfahrung sich
stiitzende. Notwendigkeiten sprechen fir den Aufbau Pallstinas, son-
dern auch kulturelle Erwlgungen. Die Juden, wenn auch vielleicht
nicht das alteste, so doch eines der altesten Kulturvilker der Erde,
die der Menschheit an geistigen und sittlichen Giitern vieles gege-
ben haben, werden allerorts in ihren Kulturleistungen verkannt,
werden in der Tagesliteratur fast aller Lander, in denen sie leben,
als eine minderwertige Gemeinschaft hingestellt. Ich weiB, daf ich
niemanden etwas neues (nicht einmal einem ehrlichen Antisemiten)
damit sage, wenn ich feststelle, daB es allerorts fast selbstverstAnd-
lich geworden ist, fir jeden MiBerfolg im 6ffentlichen Leben die
Juden verantwortlich zu machen. Aber auch, wenn wir diese sys-
tematiscbe Verkennung, die ein dauerndes seelisches Martyrium fir
uns bedeutet, schweigend hinnehmen wollten, so ist doch die Tat-
sache nicht aus der Welt zu schaffen, dag eine uneingeschrankte
BetAtigung an dem allgemeinen Kulturleben in gar vielen Fallen
uns von vornherein unm6glich gemacht wird. Wie viele jiidische
Genies mu8ten nicht verkiimmern, weil gewisse Berufe den Juden
verschlossen waren oder es jetzt noch sind.

Wohl niemand zweifelt daran, daf8, wenn die Verhiltnisse in
Palastina sich erst einmal konsolidiert haben werden und man im
Lande der Vater das nur allzunatiirliche Stadium des Experimen-
tierens fiberwunden haben wird, dort ein wunderbares Kulturleben
erbliihen diirfte, das der Menschheit dereinst noch viel zu geben ver-
mag und das naturgemali nicht ohne wohltuendste Riickwirkung auf
das Leben der Juden in der Diaspora bleiben kann. *Diese wohltuende
Riickwirkung- magen es die jildischen Gegner der Besiedlung 'Pa-
lastinas auch nicht wahr haben wollen ist tatsIchlich schon ein-
getreten. Man braucht nur die Berichte in den groBen politischen
Tageszeitungen, die durchweg voll des Lobes fiber das in Palastina
schon Erreichte sind, zu verfolgen, und man wird die Tatsache nicht
in Abrede stellen k6nnen.


- 39 -










Palistina aufzubauen und dort ein Zentrum far jidische Kultur
zu schaffen, bedeutet far die weitere Kulturentwicklung der Mensch-
heit ein Ereignis von unermeBlicher Tragveite, und ich zweifle nicht
"daran, dag man es dereinst nicht verstehen wird, daB sich grade unter
den Juden so viele Gegner dieses Werkes finden konnten.


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II. TEIL


XUSSEIUNGEN
JfDISCHER
KORPERSCHAFTEN























Brief des Centralvereins deutscher Staats-
biirger jiidischen Glaubens an die Zionistische
Vereinigung ffir Deutschland
Beschlufl des Generalkomitees der Grofiloge
ffir Deutschland
Beschluf des deutschen Rabbinerverbandes

















Brief des ZENTRALVEREINS DEUTSCHER STAATSBORGER
JODISCHEN GLAUBENS AN DIE ZIONISTISCHE VEREINI-
GUNG FOR DEUTSCHLAND.

,,An den Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung!

Nach einer mir gewordenen Mitteilung hat in der heutigen Sit-
zung des Delegiertentages Herr Dr. Klee behauptet, der Zentralverein
beabsichtige, zur Friedenskonferenz einen Vertreter zu entsenden,
welcher den zionistischen Forderungen entgegentreten solle.
Diese Behauptung entspricht nicht den Tatsachen. In den
Palistina- und ostjiidischen Fragen sind wesentliche Unterschiede
zwischen der Auffassung des Zentralvereins und der Zionisten nicht
vorhanden. Mit meinen Kollegen im Vorstande des Zentralvereins
erstrebe auch ich die Schaffung einer 6ffentlich-rechtlich gesicherten
Heimstatte in Pallstina fur alle die, welche jiidisch-national empfin-
den und die Gewahrung einer nationalen Autonomie fur die Lander
der jiidischen Massensiedlung, wo im Wege der Volksabstimmung
diese begehrt wird.
Fiir Deutschland lehnt der Zentralverein national Autonomie
oder Schaffung einer jiidischen Volksgemeinde unbedingt ab. Falls
von der zionistischen Partei in der Friedenskonferenz diese Forde-
rungen erhoben werden solllen, so beabsichtigt der Vorstand des Zen-
tralvereins, die deutschen Vertreter auf der Friedenskonferenz, ins-
besondere diejenigen, welche dort im Stabe des Auswartigen Amtes
jiidische Angelegenheiten zu er6rtern und zu vertreten haben, davon
zu verstiindigen, dabf diese Forderungen lediglich Parteiforderungen
der Zionisten, nicht aber solche der sie unbedingt ablehnenden Mehr-
zahl der deutschen Juden sind.


- 43 -










Diese vorlaufig rein theoretische Stellungnahme ist alles, was
den Angaben des Herrn Dr. Klee etwa zugrunde liegen k5nntc.
SIch darf wohl bitten, dieses Schreiben dem Delegiertentag zur
Kenntnis zu bringen.
Hochachtungsvoll
Der Vorsitzende des Zentralvereins
deutscher Staatsbiirger jfidischen Glaubens
gez. Dr. Fuchs, Geh. Justizrat."


- 44 -
















Beschlufi des GENERALKOMITEES DER GROSSLOGE FOR
DEUTSCHLAND.

Das Generalkomitee der U. O. Bne-Brith, Grof/loge fir Deutschland,
hat in der Generalkomitee-Sitzung vom 22. Mai 1921 folgende
Resolution angenommen:

,,Die GroBloge mage sich wie mit anderen interessierten Organi-
sationen so auch mit dem Zionismus zur Ausgestaltung Pallstinas
als bevorzugten Immigrationslandes zusammentun, den Wiederaufbau
Palastinas in diesem Sinne als ein groBes allgemein jidisches Hilfs-
werk erklaren, an dem die deutschen Logen sich ohne Beeitrachti-
gung ihrer durch den Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes und
die Sorge um das notleidende deutsche Judentum und die in Deutsch-
land befindlichen jiidischen Flfichtlinge in Anspruch genommenen
Krafte beteiligen sollen, sofern eine parititische Leitung des Aufbau-
werkes und eine Verwendung der gesammelten Mittel allein fiir die
genannten Zwecke gesichert ist."


- 45 -















DER RABBINERVERBAND FOR DAS PALASTINAWERK.

Der deutsche Rabbinerverband, der am 17. und 18. d. MIts. in
Frankfurt a. M. tagte, hat einstimmig folgenden Beschlul gefaBt:
i. Durch den Krieg und seine Folgeerscheinungen sind bei der
Schicksalswendc des Vaterlandes die religi6sen, kulturellen und karita-
tiven Schapfungen des deutschen Judentums schwer in Mlitleidenschaft
gezogen, zum Teil in ihrem Bestande bedroht. Der Rabbinerverband
halt es fir eine heilige Pflicht des deutschen Judentums, trotz der
Ungunst der Zeit mit alien Kraften fur ihre Erhaltung zu wirken.
2. Durch die Neugestaltung der Verhaltnisse in PalIstina ist die
Hoffnung gegeben, daB fur zahlreiche unserer Glaubensbrfider dort
eine Heimstltte geschaffen wird. Der Rabbinerverband erkl5rt es
fiir eine heilige Pflicht des gesamten Judentums, an diesem Werk
Anteil zu nehmen und sich an der Aufbringung der Mittel tatkraiftig
zu beleiligen, in der Voraussetzung, daB der Aufbau im Geiste der
Lehre des Judentums erfolgt und die aufgebrachten Mittel dem
Dienst parteipolitischer Zwecke entzogen werden.

Jiidische Rundschau v. 24. Mai 1921


- 46 -











III. TEIL


ERKLARUNGEN DER
DEUTSCHEN REGIERUNG






























Erklarung des Staatssekretars von dem Bussche
Erklirung des Auswartigen Amtes















DEUTSCHE ERKLARUNG


(abgegeben vom Staatssekretar von dem Bussche an eine Abordnung
des ,,Zionistischen Aktionskomitees" und des ,,Komitees fir den
Osten" in Berlin am 5. January 1918).

Wir wiirdigen die auf Entwicklung ihrer Kultur und Eigenart
gerichteten Wiinsche der jiidischen Minderheit in den Landern, in
denen die Juden ein stark entwickeltes Eigenleben haben, bringen
ihnen volleys Verstaindnis entgegen und sind zu einer wohlwollenden
Unterstiitzung ihrer diesbeziiglichen Bestrebungen bereit.
Hinsichtlich der von der Judenheit, insbesondere von den Zio-
nisten, verfolgten Bestrebungen in Palistina begriiBen wir die Er-
klirungen, die der GroBwesir Talaat Pascha kiirzlich abgegeben hat,
insbesondere die Absicht der kaiserlich osmanischen Regierung, ge-
miBi ihrer den Juden stets bewiesenen freundlichen Haltung, die
aufbliihende jfidische Siedlung in Palistina durch Gewiihrung von
freier Einwanderung und Niederlassung in den Grenzen der Aufnah'-
mefahigkeit des Landes, und von freier Entwicklung ihrer kulturellen
Eigenart zu f6rdern.


/19 -















ERKLARUNG DES AUSWARTIGEN AMTES.


Die Mitteilung von der Grfindung des Vereins Keren-Hajessod,
der das deutsche Judentum zur Mitarbeit an dem Aufbau des jiidi-
schen Siedlungswerkes in Palastina zusammenfassen will, habe ich
mit Interesse erhalten. Die deutsche Regierung hat wiederholt wah-
rend des Krieges Gelegenheit gehabt, den jiidischen Palastinabestre-
bungen ihre Sympathie ausdriicken und hat auch ausgesprochen,
daB diese Arbeit nicht zu den deutschen Interessen im Gegensatz
steht. Das Reichsministerium des Xuiferen nimmt daher von der
Griindung des Vereins Keren-Hajessod, dessen gemeinnfitzige Arbeit
es wiirdigt, wohlwollend Kenntnis,
gez. Rathenau.
Berlin, deni 5. February 1922.


- 50 -










IN 14 ALT SVE RZ E I CHN IS


I. Teil:

REDEN UND AUFSATZE DEUTSCHER JUDEN
Oscar Wassermann, Berlin ......... .Seite 5
Dr. Alfred Apfel, Berlin ....... ... 7
Rabbiner Dr. Leo Baeck, Berlil ...... .. 13
Alfred Berger, Berlin ......... .. i
Justizrat Ludwig Calien, Kiill ..... 20
Professor Dr. Albert Einstein, Berlin 26
Rabbiner Dr. Felix Goldmann, Leipzig .. 28
Dr. David Krombach, Essen .......... 33
Generalkonsul Eugen Landau, Berlin . 36
Lehrer M. Steinhardt, Magdeburg ..... .... 38

II. Teil:

AUSSERUNGEN JUDISCHER KORPERSCHAFTEN
Brief des Centralvereins deutscher Staats-
biirger jiidischen Glaubens an die Zionis-
tische Vereinigung fiir Deutschland . Seite 43
BeschluB des Generalkomitees der GroBloge
fiir Deutschland ................ 45
BeschluB des deutschen Rabbinerverbandes 46

III. Teil:

ERKLARUNGEN DER DEUTSCHEN REGIERUNG
Erklarung des StaatssekretArs von dem Bussche Seite 49
Erklirung des Auswartigen Amtes ....... ., 5




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Last updated October 10, 2010 - - mvs