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Aus Vergilbten Akten
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 Material Information
Title: Aus Vergilbten Akten Zur Geschichte der Bonner Synagogengemeinde; Zukunftsaufgaben der Bonner Synagogengemeinde
Physical Description: 36 pages
Language: German
Creator: Max Cohn
Publication Date: 1931
 Subjects
Spatial Coverage: Europe -- Germany
 Notes
General Note: Cataloged - DS135.G35 J8 1931/1932
 Record Information
Source Institution: University of Florida
Rights Management: All rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier: GS18
System ID: AA00013438:00001

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U OF F LIBRARY




















The Isser and Rae Price
Library of Judaica

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at the
University of Florida Libraries
From the library of Rabbi Leonard C. Mijhkin






















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Gemeindeblatt der Synagogengemeinde Bonn.
4. lahrg. Nr. 47 Herausgeber Rabb. Dr. Levy Bonn, Marz 1931.


Aus vergilbten Akten.

Zur Geschichte der Bonner Synagogengemeinde.

Zukunftsaufgaben der

Bonner Synagogengemeinde.







Von Rechtsanwalt Dr. Max Cohn in Bonn.


BONN
1931


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JUDAICA


Die Synagogengemeinde Bonn
hat diese Aufsatze des Herrn
Rechtsanwalts Dr. Max Cohn in
Druck gegeben als Zeichen der
Dankbarkeit fiir seine fast 25 jah-
rige Tatigkeit im Vorstand und
in der Verwaltung der Gemeinde.


__


























































































Dr. Folk Cohn,


Rabbiner der Synagogengemeinde Bonn

von 1882 bis 1901.


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Rechtsanwalt Dr. Max Cohn,

erster Vorsteher der Synagogengemeinde,
Mitgl. des Vorstandes von 1908 bis 1931.


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Aus vergilbten Akten.


Zur Geschichte der Bonner Synagogengemeinde.

EsiTst wohl keine dankenswerte Aufgabe, fiber Zustinde
und Begebenheiten aus der Vergangenheit, insbesondere zum
Teil aus eigenein Erleben, zu berichten, wenn inzwischen nicht
ein solcher Zeitraum verflossen ist, dal die Schilderungen auf
noch lebende Personen sich mit beziehen. Und doch folge
ich einer Anregung des Herausgebers des Gemeindeblattes, der
es fur wiunschenswert halt, Einzelheiten aus der Vergangcnheit
unserer Gerneinde gewissermaBen als Bausteine fur eine spatere
Chronik zu sammeln. AuBerdem ist es fur jede V\erwaltung
einer Gemeinschaft notwendig, da_ sie diese von Grund auf
kennt, und diese Kenntnis kann sie sich, soweit nicht eigene
\"ahrnehmungen reichen, auf Grund der Geschichte dieser Ge-
meinschaft verschaffen. DaB bei der Kritik vergangener Zustande
jede Absicht einer \erletzung fehlt, braucht nicht besonders
hervorgehoben zu werden. lede Kritik der Zustinde und Be .;
gebenheiten einer vergangenen Zeit wird selbstverstindlich nie ..
ganz frei von subjektiven Eindrucken sein k6nnen. '
1.
Die mir =uginglichen Protokolle aus dem vorigen Jahr, ;
hundert lassen erkennen, daB die mit der Verwaltung der Syna. .
gogengemeinde Bonn befaBten Organe stets redlich bemiiht ges
wesen sind, Ordnung =u schaffen und aufrecht u -rhalten. Die
Protokolle sind verhaltnismaBig gut und ubersichtlich gefiihrt
und ergeben, daB man schon damals richtigerweise die Finanzen
der Gemeinde als das Riickgrat einer geordneten V'erwaltung
betrachtet hat. Die Reprasentanten-Sitzungen fanden im Hotel
Kley (jetzt Stadtgarten) statt. Die Etats wurden alljihrlich fest, :
gestellt, und die Finanzlage mu13 wie sonderbaruns das auch ..:
heute vorkommen mag -- auch haufig eine sehr giinstige ge .
wesen sein, denn wir lesen in den Protokollen auch von der -
Obernahme von Oberschilssen auf das folgende Etatsjahr.
Freilich weisen die damaligen Etats andere Ziffern auf wie
die heutigen. In einem Protokoll vom Oktober 1875 wird das
Gehalt des Kantors mit M. 645,-, das Gehalt des Gemeinde,


,,. I.f .. .... :.s1.




- 6 -


dieners mit M. 540,- und die Feuerversicherung fir die Ge-
baulichheiten mit M. 20,-- eingesetzt. Fur die Armenpflege
werden darin AM. 180,- aufgefiihrt. Der Ertrag der Synagogen:
plate wird mit Ml. 120.- eingesetzt.
Auch damals gab es schon Steuerreklamationen. So finden
wit im lahre 1875 einen VorstandsbeschluB, wonach eine Steuer,
reklamation des damaligen OberRabbiners Auerbach abgelehnt
wird, und ferner einen BeschluB, daB der Vorstand sich noch
dariber ,,informieren \volle, ob es m6glich sei, den Forensen E.
auf seinen Antrag gegen eine Jahrespauschalsumme von der
Kultussteuer zu befreien".
GroBe Aufwendungen hat die Gemeinde fir den
Friedhof an der R6merstrafe machen missen, der von
Israel Bock gekauft war. Die Hohe des Kaufpreises habe
ich nicht feststellen konnen, sondern nur den Vermerk
gefunden, \\onach fur 1876 eine Ratenzahlung von l. 960.-
und an Zinsen Al. 84,- be:ahlt worden sind. \\ie weit dieser
Friedhof damals von der eigentlichen Stadt entfernt lag, ergibt
sich daraus, daB sich mehrfach ein Posten von l1.6,- fir den
Feldhiter ftir die Bewachung des Friedhofes aufgefuhrt findet.
\'or alien Dingen hat die neuerbaute Synagoge auBeror.
dentliche Geldaufwendungen erfordert. Ober den Kauf des
Bauplatzes berichtet das Protokoll vom 19. December 1875:
)Es wurde beschlossen, vorbehaltlich der Genehmigung der
Reprasentanten und der k6nigl. Regierung fur die Synagogens
gemeinde Bonn behufs Neubau einer Synagoge die xon Prof.
Dr. N. Zunt: offerierten Grundstiicke zu erwerben, und :war:
Ein Bauplat: begren:t vom Rheinwerft und Judengasse
sowie die daran anschlielBenden in derJudengasse )gelegenen
drei HSuser Nr. 2, 4 und 6 bis =u dem Hause Nr. S Juden;
gasse zu dem Preis von M. 43 500,-- .
Hiervon waren sogar Al. 15000,- innerhalb des ersten
und weitere MA. 15000,- innerhalb des zweiten Jahres nach der
Obernahme abzutragen, M. 4-500,- innerhalb 4 lahren und der
Rest von l. 9000,- in von der Synagogengemeinde aus=u:
gebenden i' o. Obligationen.
Kenner der damaligen \'erhaltnisse haben diesen Preis fir
einen auBerordentlich hohen gehalten. Fir dasselbe Geld, ja
sogar zu noch billigerem Preis wren andere und viel geeig:
netere Grundstucke in der Stadt kauflich gewesen, insbesondere
ein solches in der Nahe der jet:igen evangelischen Kirche auf
dem Kaiserplatz. Es liegt vielleicht die Vermutung vor, daB
irgendwelchepers6nlichen Ricksichten damals mit dazu gefihrt
haben, die Synagoge auf einer raumlich so ungiinstigen Stelle





-7-


und auf einem so teuer erworbenen Grundstiick zu erbauen.
Die Nachkommenschaft des Veraiuerers ist fur die jildische
Gemeinde Bonn spiter vollig verloren gegangen.
Mit gro8em Pomp scheint die Einweihung am 31.Januar
1879 gefeiert worden zu sein. Sogar die Namen der Teilnehmer ')
sind im Protokoll vermerkt, und da diese fur alte Bonner
manche Erinnerung wecken werden, sei aus dem Protokoll fol:
gendes wiedergegeben:
"Die Synagogengemeinde K61n und Koblenz war dutch
Deputierte vertreten. Seine konigl. Hoheit Prinz \'ilhelm von
PreuBen hat eine Einladung zum Ein\\eihungsfest huldvollst an.
genommen, und sein Erscheinen zugesagt. wurde hieran jedoch
durcheinen ihm zugestoBenen Unfall verhindert. Von den ein
geladenen Ehrengasten und Gasten waren folgende anwesend:
Landrat von S a n d t, Oberbilrgermeister Do e t s c h, Beil
geordneter E I e r, Beigeordneter Krewel. Die Stadtverords
neten: Berg, Bleibtreu, Gerhards, Gregor; der Cura:
tor Beseler, Rektor Biicheler, Univ. Richter Brockhoff,
Altkatholischer Bischof Dr. Rein kens, Pfarrer Krabb,
Pfarrer Dr a n d e r, Exellenz Oberberghauptmann a. D. \on D e-
chen, Gymn.:Direktor Dr. \Xa I d e ye r, Realschuldirektor Dr.
K ortegarn, Berghauptmann Dr. Brassert, Poli:eiinspektor
N u s s, Stadtbaumeister v on Noe I, Hauptmann und Steuers
einnehmer \Wuest, Bauunternehmer Stre c k e, ustizrat
Hopman n, Architekt H a r f, Gebr. E lI e r (Hotel Kley), Pro-
fessor Sell, Rentner Schmithals, Herm. Neusser, Ver.
legerder Bonner Zeitung, Biirgermeister Be n n a u e raus Poppels-
dorf, Univ. Prediger Prof. C h r i s t Iie b, Prhsident des Krieger
vereins Le be r, \ertreter derdeutschen Reichszeitung 16 r k en s,
Professor Obernier, San. Rat Dr. Leo, 1Magnus, Direktor


II Ein Briet des verhindertn Pt. Reinkens verdient wiedergegeben:u werden.
Bonn, den 29. Jan. 1879
Einem Hochgeehrten 'orstande der SvnagogenGermeinde hierselbst
Oeehre ich mich meinen verbinalichlen Dank fur die gutige Einladung zur
SynagogenEinwelhung aus:usprechen. Ich lege Werth auf diese Aurmerk:
samkeit des Vorstandes einer Gemeinde, :u dcren Algliedern mcine Be:
:iehungen, so weitsie statigefunden, von jeher nur diefreundlichsten warren.
Um so mehrbedaure ich. vcrhindert zu scin, um der Festlichkeit bei:uvwohncn.
Ich ermangele indes-en nicht, hierdurch meine Frcude hber die Vollendung
des schonen wurdigen, die Uterseite unserer Stadt schmukucenden Baues
Ausdruck :u geben, der an die Stelle Ihres blshtrigen, gar :u bescheidenen
,,Hauses der \'ersammlung" peirtctn ist und sogleich [gemali der Inschrift
des letzteren ,M. T (Orignal hebr.i] bei diesem dargebotenen AnlaR alien
memnen Israelitischen Mitburgern Masol tow Orig. hebr.I allies vcute Glciik<
und Heil von Her:en :u wunschen.
Mil der grolSten Hochachtung Dr. \V. Reinkens.
Piarrer z. h. Remigius.







der Lese- und Erholungsgesellschaft, Regierungs, und Schulrat
Florschutz u. andere.
SIn einem spiteren Protokoll ist vermerkt, daf sich ein
Festessen mit Ball im Hotel Kley, an dem 180 Personen teil
nahmen, an die Einweihungsfeier anschloB und die Kosten des
Festes werden auf M. 889,72 angegeben. AulBerdem wurde
-vein Teil der Schumacher'schen Kapelle fur Musikauffiihrungen
bei Gelegenheit der Einweihungsfeiel fiur MA. 104.- engagiert.
,Die Kapelle hat 10 Mann zu stellen, die die notigen Proben
vorher mitzumachen und die betreffenden Lieder in Noten zu
schreiben haben, \elch let:tere Eigentum der Gemeinde bleiben ,
Der Umzug von der alten in die neue Synagoge war aui
2 Uhr nachm. festgeset:t. Das Ehrenamt der ThoraTrager
wurde durch den Vorstand vergeben und nach einem Protokoll
* vom 15. January 1S79 folgenden Personen verliehen:
S. Bock, Jul. David, Isidor David, Heinr. Loeb,
Phil. Loeb, Abraham Bingen, S. La:arus, Max Herschel,
I. OberlI under, Mb. Meyer, Schuster, Schwarz, A.
W'allich, Her:, Alb. Z u ntz, ul. Herschel, G. Adler,
Steinfeld, E. Lion, Silberbach, J ger, Stern. Marx,
Dr. Schreib er, Jos. Abraham die Kultusbeamten zulet=t.
Es wurde ferner beschlossen, dafB die Thora-Rollen, die
nicht mit Silber versehen sind ,-wenn dies nicht zu teuer kommt',
mit einer grunen Krone (Lorbeer) =u schmiicken seen. SchlieWl:
lich wird auch noch nach Beendigung der Feier gesagi, dally
sie =ur vollstandigen Zufriedenheit aller Beteiligten verlaufen sei.
Die Anschaffung von 36 Stuhlen fir den Chor hat -
gliickliche Zeiten Al. 54,- gekostet.
Die ewige Lampe, die bis :um Umbau im Jahre 192L'
in der Synagoge hing, war ein Geschenk des Vorstehers Robert
Goldschmidt, der Kidduschbecher ein Geschenk der Frau Ml.
Spanier. Den Thoraschrank hatte man vergessen (!). Es wurde
daher ein holzerner Schrank eingefiigt, der erst 1929 beseitigi
und ersetzt wurde.
Die Abnahme der Synagogenpltze scheint nicht beson
ders flott von statten gegangen zu sein, denn es wird als etwas
Besonderes berichtet, daB eine weitere Anmeldung auf ,>zwei
Frauenplatze und einen Alannerplatz= eingegangen seien. Deni
Rabbiner Dr. Philippson wurde der Platz Nr. 5 als Ehrenplatz
angewiesen, und der Frau des Kantors Abraham ,soll vorerst
gestattet sein, sich auf den nicht vermieteten Platz Nr. 72 zu
stellencc.
SVX.'hrend so die \'erwaltung der Gemeinde sich nach auBen
in geordnetem Rahmen abspielte, waren die Zustinde innerhalb
!''*'*..





... -rr:: -
.. ...... .,

der Gemeinde hochst betriiblich. Bis zum Jahre 1879 war kein
Rabbiner angestellt. Es amtierte noch in der alten Synagoge
der KonsistorialsOberrabbiner Auerbach. Die Einrichtung dieser
Stelle riihrte aus der franzisischen Zeit her, in welcher es fir
die Rheinprovinz drei solcher Oberrabbinate in Bonn, Krefeld
und Trier gab.


Das Verhiltnis zwischen diesem ObersRabbiner und der
Gemeinde war schon zur Zeit der alten Synagoge ein auBerr
ordentlich unfriedliches geworden. Es ist bedauerlich, an Hand
der Akten feststellen zu miissen, welche Fur unsere Begriffe un-
glaubliche Zwietracht damals herrschte.
Eine Veroffentlichung aus diesen unerquicklichen Dokus
menten gehbrt aber zur Charakteristik der damaligen Gemeins
deverhiltnisse und gibt auch ein Bild fiber deren Rechtslage
zur damaligen Zeit iiberhaupt. Vor mir liegt eine vom 12. Fe=
bruar 1843 datierende Eingabe einer Reihe von Gemeindemit-
gliedern an die k6nigliche Regierung in K61n.
Der Inhalt ist hSchst betrublich, aber um sich ein Bild
von der damaligen Sachlage machen zu k6nnen, muB sie in:
haltlich wenigstens auszugsweise wiedergegeben werden. Sie be-
ginnt mit folgenden Ausfiihrungen:
>In untertanigster Erwiderung auf das von einer konig:
lichen hochldblichen Regierung unter dem 4. January a. cr. an
uns erlassene geneigte Rescript erlauben wir uns hiermit un,
sere modifizierte Beschwerdeschrift gegen den hiesigen Oberrab:
biner A. Auerbach einzureichen. \'enn wir uns in unserer ersten
Eingabe vom 2. January darauf beschrinkten, im allgemeinen auf
das ungesetzliche Betragen genannten Rabbiners eine hochlobliche
Regierung aufmerksam zu machen, so war es bloB unser \Wunsch,
daB eine vorgesetzte Behorde hierin Veranlassung finden mbchte,
den ungesetzlichen und frevelnden Storungen unseres Gottess
dienstes Einhalt tun zu lassen. W'ir wiirden uns gerne gemiB
dem Bescheidt einer hochliblichen Regierung zunachst an das
hiesige israelitische Consistorium mit unserer Klage gewendet
haben, wenn dieses nicht teils durch sein Nichtbestehen in ge=
-setzlicher Anzahl der Mitglieder, tells durch die mittelst Poli:
zeigewalt unterstiitzten gewaltsamen Obergriffe des ObersRab:
biners zur Zeit in seiner \Wirksamkeit aufgehoben ware, woriiber
die desfallsigen Klagen des Herrn Heinrich Cahn, des Altesten
des Consistoriums einem hohen Oberprasidenten zu Koblenz
vorliegen. Unsere Klagepunkte gegen den ObersRabbiner sind:
1.) dessen gewaltsame Eingriffe in die Gemeinderechte, willkiirs
liches Umwerfen der anerkannten Gemeindestatuten.


.;:'



* ....
"^~: b







Indem wir in unserer \orstellung zunachst von diesen neu,
esten Vorfallen ausgehen und wegen der Umstindlichkeit der
Mitteilungen eine hochlobliche konigliche Regierung zu entc
schuldigen bitten, sind wir so frei, die unterdessen von uns
eingeholten Gutachten der Herren OberRabbiner Ulmnann =u
Krefeld und Cahn zu Trier beizulegen.
Nach den von unserem friiheren ObercRabbiner und den
GemeindetNotabeln unterzeichneten Gemeindestatuten besteht
in unserer Gemeinde ein Unterschied zwischen berechtigten und
nichtberechtigten Gemeindemitgliedern, welch letztere nicht zum
Gemeindehaushalt beitragen, ein Unterschied, der fast in alien
Gemeinden besteht und auch im Prinzip seine vollkommene
Rechtfertigung finden machte. Insbesondere aber wurde unsere
Gemeinde zur Bestatigung dieses Unterschiedes im Jahre 1821
dadurch genbtigt, daB sich damals in Bonn mehrere Fremde
niederlieBen, deren biirgerlicher und moralischer Charakter die
Verweigerung jeder religidsen Gemeinschaft rechtfertigte, und
welchen eine hochl6bliche Regierung auf unser Rescript vom
24. Jan. 1821 die von ihr verlangte Aufnahme in unsere Get
meinde versagt hat. Die Gemeinde, die sich ruhmen durfte,
aus makellosen und sich redlich nahrenden Biirgern zu bestehen,
glaubte ein Recht zu haben, sich dieser Eindringlinge zu er-
wehren. Andererseits aber konnte es nie ihre Absicht sein,
rechtlichen Fremden die Aufnahme zu verweigern oder =u ers
schweren. Besonders wurden noch in dieser Hinsicht in der
jiingsten Zeit von den Gemeinden Beschliisse gefaBt, um durch
Revidierung der Statuten etwaigen Obelstanden in letzterer Be=
ziehung abzuhelfen. \'ir miissen hier nochmals wiederholen.
daB durch diese AusschlieBung die nichtberechtigten Synago.
genmitglieder durchaus auf keine \eise von den gottesdiensts
lichen Pflichten, Abhaltung der vorgeschriebenen Gebete ver:
hindert werden. Der einzige Unterschied besteht darin, daB
jene gewisse Ehrenfunktionen (die nur zur Aufbringung der
zur Erhaltung unseres Gottesdienstes und zur Unterstiitzung
der Armen urspringlich geschaffen waren) nicht ubernehmen
diirfen. Dann k6nnen sie gewisse Gebete fur die Verstorbenen
nicht mehr als alle 4 W'ochen einmal laut verrichten, wenn be'
rechtigte Mitglieder solche zur selben Zeit vorzubeten haben.
Diese so im Jahre 1821 festgeset:ten Gemeindestatuten hatten
his heran von Seiten des Oberrabiners unangefochten bestanden.
Ohne Zweifel war es nun die Anzeige in den beiden beilie:
genden hiesigen Wochenblittern von Seiten unseres Oberbiur
germeisteramts, welche den Herrn Auerbach veranlaBte, am
Samstag, den 31. December vor. J. in Begleitung des Polizei-







kommissar Sch6nbach in der Synagoge zu erscheinen und, ohne
sich vorher dariiber mit dem Consistorium oder dem Gemeins :
derate besprochen zu haben, whibrend des Gottesdienstes die
bisherigen Bestimmungen derGemeindestatuten fir umgeworfen
zu erkliren. Dem anwesenden Altesten des Consistoriums,
Herrn Cahn, der sich gegen solche Ungebiihtlichkeit und St6-
rung des Gottesdienstes zu verwahren suchte, ward von dem
Ober=Rabbiner die Antwort, ,daB er zu schweigen habe, daB
er, der ObersRabbiner, fur alles verantwortlich sein were, und
daB die anwesende Polizeimacht da sei, um ihn natigenfalls zu
unterstiUtzen, was diese auf Befragen bejahte. Durch dieses
laut.e Schreien wurde der Vorbeter in seinem \'ortrag unter,
lyochen. Alsobald spring der Ober.Rabbiner auf ihn los,
faBt ihn bei der Brust und schreit ihm =u: ,lch frage euch,
ob ihr fortbeten wolit, ich bin hier K6nig, ich habe das Schwert
in meiner Hand((. Und zur Gemeinde sich wendend, ruft er
mit later Stimme: >lch werde euch mit eisernen Ruten peit-
schen.c< Die fiber solches \'orkommen betaubten Gemeinde-
imitglieder fanden es geraten mit Herrn Cahn die Synagoge :u
'verlassen, um diesem frevelhaften Treiben nicht beiwohnen zu
missen. Dies war der Anfang, der sich nun fast t6glich wie.
derholenden Gewalttaten des ObersRabbiners, wobei er auf die
ihm gemachten Vorstellungen erkl5rte, daB er nicht n6tig habe,
sich mit einem LandesConsistorium oder einem Gemeinderat
zu benehmen, sondern daB er aus eigener Machtvollkommens
heit uni der des hiesigen Birgermeisteramtes, welchess ihn
redlich du'tch Polizeimannschaft in seinem \'erfahren unters
stiitzte) also handle. Am folgenden Sabbath, den 7. January war
die Gemeinde wieder zum Gottesdienst versammelt. Die Ehren;
funktionen wurden nach herk6mmlicher \\eise verkauft, und es
going alles in gewohnter Ordnung. Endlich wurde die 7. Ehren;
function der Thora verkauft, und das Gemeindemitglied Herr
L. Ungar erkaufte sich dieselbe fur 2 Taler, nachdem der Ober:
Rabbiner selbst 1 Taler geboten hatte.
Als er jedoch die Funktion antreten wollte, oder wie es
gebriuchlich ist, einem anderen berechtigten Mitglied ubertragen
wollte, schrie der Oher-Rabbiner pl6t:lich: )Gem5B meiner
Autoritat befehle ich, daB Benedikt Emanuel (derselbe, den wir
vorher geschildert) das Ehrenamt verrichte.< Der anwesende
PolizeiSKommissar erklarte sich bereit, den OberRabbiner durch
Polizeigewalt :u unterstiizen, worauf Herr Ungar die Synagoge "
verlieB. Derselbe \orfall wiederholte sich bei der letzten Funks
tion, nur mit dem Unterschiede, daB Herr Ungar, der dieselbe
erkauft hatte, sie zugleich antrat und verrichtete, woriiber der .


..:. ;- ,: :
..::,- i- r.







U)Detf iIaDDoinE sLii su CLLULIIIC, Udiu 'l UcI LL nLi LI IAUU I. II.
zurief: Welche Impertinenz von diesem feilen S6ldling<. Dies
schien jedoch selbst dem anwesenden Herrn Sch6nbach zu stark,
sodal er sich gen6tigt fiihlte, dem OberSRabbiner wegen seines
ungeziemenden Schimpfens Vorhaltungen zu machen. Beim
Nachmittags.Gottesdienste lieB er jenen Gemeindediener durch
einen Polizeiagenten aus der Synagoge fiihren und setzte statt
seiner einen anderen ein. Am 11. January beim Abendgottes,
dienst lie3 er den tadellosen Vorbeter Juda Abraham, gerade
als derselbe das heiligste Gebet verrichtete, durch den Polizeis
agenten von der Betstelle wegfiihren und beauftragte den Karl
Heimann, einen einreisenden Trodler (weil derselbe Jahrges
dichtnis fir einen Verstorbenen hatte, aber als nichtberechtigtes
Mlitglied kein Recht dazu hatte) die Funktion des Vorbeters
zu verrichten. .c
Nach weiteren Beschwerdepunkten gehen die Beschwerde-
fiihrer dann zu den xPflichtverletzungen des OberRabbiners
iiber, durch welche er sich schon friiher das gerechte Mliffallen
der Gemeinde wie nicht weniger des ganzen Sprengels zuge,
zogen hattec.
Darin heiBt es: ,GemB1 21 des Reglements vom 10.
Dez. 1806 wie auch gemaB unserer religidsen Vorschriften ist
es Pflicht der Rabbiner, den Religionsunterricht zu erteilen.
Herr Auerbach hat aber '\ihrend seiner Amtsdauer weder selbst
diesen Unterricht erteilt, noch sich Mlihe gegeben, sich nach dem
Religionsunterrichte in unserer Elementarschule zu erkundigen,
oder fUr Einfiihrung zweckmiBiger Religionsbiicher zu sorgen.
Nach Nr. 5 desselben Paragraphen ist es Pflicht des Rab-
biners, in der Synagoge :u predigen. Er vernachlassigt die
Predigt fast ganz, indem er h6chstens 2-3 mal wihrend des
ganzen Jahres die Kanzel betritt. ,
Nach Nr. 6 gehort es zu den Funktionen des Rabbiners,
die Ehe zu schlieBen. \'ir geben zu, daB der Rabbiner uns
m6glich alle Ehen in seinem gro3en Sprengel selbst schliefen
kann; es ist ihm daher auch nach dem Gesetz und unseren
religibsen Vorschriften erlaubt, qualifizierte Personen zu dieser
Funktion zu kommitieren. Was aber soil man von dem reli,
gi6sen Ernste, von der moralischen \Vahrheit eines Rabbiners
Shalten, der sich nicht einmal scheute, um die ihm nicht einmal
gebhibrenden besonderen Sporteln nicht zu verlieren, bei der
Heirat des Samuel Daniel in KBnigswinter, die in Beuel gee
halten wurde, seinen noch das Gymnasium besuchenden 16:jThs
rigen Bruder und bei der Heirat des Jakob Kappel in Hersel,
die in Nonnenwerth staftfand, seinen neunzehnjahrigen Bruder

:**' ..





S -13

zu senden? Es scheint uns stillschweigend zu sein, daB er ":.
wenigstens an seinem \Vohnorte selbst die Trauungsakte unent-
geltlich zu verrichten hat, denn wozu erhilt er anders das sehr
hohe Gehalt? Wir k6nnen aber als gewiB behaupten, daB er
sich jeden dergleichen Akt bei Reichen wie bei Armen bezah,
len 1;it, und dab er sich bei der zwischen einer hiesigen \Xitwe
und dem Metzger Samuel Schmitz geschlossenen Ehe soweit
vergag, letzterem mit Execution zu drohen, falls ihm die Sportel
von 4 Thaler nicht bezahlt wiirde.<
SchlieBlich beschweren sich die Beschwerdefiihrer auch
noch dariber, daB der Ober-Rabbiner fast nie Leichen zum
Friedhof begleite, und daB er die Einziehung und Ver.
waltung der Kultusgelder nicht ordnungsgemiB bewirke.
Sein Gehalt, so heift es, betrage 3000 Frs., aber auBer.
dem habe er sich im Budget fiir einen Sekretir 80 Frs. fiur das
Amtslokal 50 Frs. sowie fiur Heizung und Licht und unvorher,
gesehene Ausgaben 60 Frs. berechnet. Das Budget fir 1843
sei iiberhaupt nicht gesetzm;iig, denn das flir 1842 sei von
den drei Mitgliedern des LandessConsistoriums, dem Ober,
Rabbiner, Herrn H. Cahn und Herrn H. Seligmann unter,
zeichnet. Das friihere Mitglied des Consistoriums, Sal. Oppens
heim habe die Unter=eichnung der friiheren Budgets iiberhaupt
abgelehnt.
Was auf diese Beschwerde veranlaBt worden ist, habe ich
nicht feststellen k6nnen. Ich habe den Eindruck, als ob sie
keinen AnlaB zu besonderen bMatnahmen gegeben hatte. \Xir
konnen nicht untersuchen, ob die Beschwerde irgend welche
Berechtigung gehabt hat. oder ob es sich vielleicht dabei urn
Krakeelereien handelte; wir haben sie nur hier wiedergegeben, um
dar:ulegen, wie die gottesdienstlichen 'erhiltnisse damals aus'
gesehen haben mussen, und weil wir der Auffassung sind, daB
man die fruheren GemeindeverhAltnisse erwihnen muB, wenn
man die spitere Entwicklung und ihre Schwierigkeiten verstehen
soil. Solche Zustande wirken natUirlich in einem Gemeinde'
leben lange nach.
Noch im Jahre 1879, also nach dem im Jahre 1875 neu
eingefiihrten Statuten, bestanden Schwierigkeiten zwischen der -
Gemeinde und dem Ober.Rabbiner.
\or der Einweihung der neuen Synagoge am 15. January
1879 wird ein VorstandsbeschluB protokolliert, wonach der
Obe'rRabbiner Auerbach aufzufordern ist, die laut Inventur vomr -
lahre 1861 leihweise von der Gemeinde erhaltene Thora zu
rick zu geben, da diese auch im Zuge getragen werden sollk.

r ..7






Im Protokoll vom 15. February 1879 wird beurkundet, daB
mittels Schreiben vom 26. January die Herausgabe der Thora
trot: schriftlicher Aufforderung verweigert worden sei, und daB
deshalb nach einstimmigem Beschlu3 die Reprisentanten ersucht
werden sollen, den Vorstand zur Einleitung der Klage =u er,
machtigen. Ob es =u einem solchen Rechtsstreit gekommen ist,
ist nicht ersichtlich. Jedenfalls weiB ich aus eigener Erfahrung,
dalB noch bis :um Tode des Rabbiners Auerbach in dessen,
an der Ecke BurgstraBe und Judengasse (jetzt DoetschstraBe
und TempelstraBe) gelegenem Hause regelmaBig Sonder:Gottess
dienst abgehalten \vurde, Avas dem Frieden in der Gemeinde
keineswegs diente und ihre Entwicklung in sehr bedauerlicher
\\'eise hemmte.
Aber nicht nur Differenzen =wischen den Gemeindemits
gliedern und d&m Ober=Rabbiner beeintrichtigten das Gemeindes
leben Auch die damals eine besondere Rolle spielende Chew-
roh hatte Streitigkeiten mit der Gemeinde. \Xenn heute bei
der jahrlichen Erinnerungsfeier dieser \'ereinigung der w irdige
Becher kreist, wird wohl keiner davon wissen, daB er einst
Gegenstand eines Rechtsstreites gewesen ist. Im Jahre 1878
haben die Mlitglieder des in Bonn bestehenden israelitischen
Manner-\V'ohltatigkeitsvereins gegen die Synagogengemeinde
Bonn eine Klage erhoben. Als Klager traten auf:
Josef A n sc h e 1, Sprachlehrer, Josef A b ra ha m, Klemp:
ner, Gustav A d I e r, Kaufmann, Abraham Binge n, ohne Gee
schaft, Samuel Bau m, Fabrikant, Mlorit: Bau m, Redakteur,
Carl Bingen, Hiatehandler, David Da v i d, \'einhindler,
J. Lazarus, Kaufmann, Moses Al e e r, Kaufmann, H. Saa
muel, ohne Geschaft, Michael Sc h u ste r, Kaufmann, Levy
Schwarz, Kleiderh3ndler, R. Schmit:, Mletzger, Aron
\a llich, Aletzger, Samuel \allich, Metzger.
Die KIiger waren vertreten durch den Advokat-Anwalt
\Wrede, wihrend dieGemeinde sichdurch denjustizrat Hopmann
vertreten lieS. Das ergangene Urteil lautet auszugsweise: >\X'ir
\'llhelm von Gottes Gnaden Konig von PreuBen tun kund
und fiigen hiermit zu wissen, daB die erste Civilkammer unseres
Landgerichtes :u Bonn in der Oifentlichen Sitzung vom 28.
January 1879, wobei anwesend waren die Herren: Geheimer
Oberjusti:rat Dr. Allerrem, Landgerichtsprasident Haass,
Landgerichtsrat, Endemann, Schmitz, Gerichtsassessoren,
von Groote, Staatsprokurator, Donner, LandgerichtssekretHr
folgendes Urteil erlassen und begrindet haben: Die Klage wird
als unbegriindet abgewiesen. Den Kligern werden die Kosten
zur Last gelegt. Klage war auf Herausgabe folgender Gegen'







stande erhoben: 1 Gesetzesrolle mit silberner, reichverzierter
Rolleinfassung in zwei Tellen, silberne mit verschiebbaren Platten,
fur alle Festtage des Jahres vorgesehene Vorgehange, silberne
Zeigehand, altverzierte Thorabekleidung, bestehend aus A in-
telchen und \'indel, altverzierte Tischdecke nebst zwei Neben,
decken, reichverzierter, mit eingewirkten silbernen erhabenen
Buchstaben versehenen Vorhang, I groler, silberner, mit Namen
von \ereinsgenossen versehener Kelch mit Deckel, 1 silberner
Nagelreiniger, 1 s:lbernes Reinigungsgerat, 1 Reinigungsbrett,
verschiedene Bucher, u. a. ein Seelengedachtnisbuch, Leuchter,
Stihle, Tische.
Fir den Fall der Nichtherausgabe war beantragt, die Ge,
meinde zur Zahlung von M. 600.- zu \erurteilen. Na>hdem
das Gericht mit einer eingehenden Begriindung die von der
Gemeinde erhobene Einrede der Unzulassigkeit des Rechtsweges
auf Grund der damals geltenden gesetzlichen Bestimmungen Z:u
riickgewiesen hatte, stellte es sich auf den Standpunkt, dall die
Gemeinde nach Art. 2279 des code civil als Eigentumer ;u be-
trachten sei, und die Klager einen Nachweis ihres Eigentums
in keiner \'eise erbracht hatten. Gegen dieses Urteil haben
die abgewiesenen Klager beim Oberlandesgericht Appellation
eingelegt, dann aber mitgeteilt, daI in einer am 8. November
1880 stattgefundenen Generalversammlung die Mitglieder be,
schlossen hatten, die Klage zurtick:uziehen. Die Gemeinde hat
die ProzeLkosten in H6he von M. 225 4S von den Klagern
einziehen lassen. Spater haben sich allmahlich die Bezieh ngen
zwischen der Chewroh und der Gemeinde gebessert. In einer
Sitzung vom 18. la\rz 1885 legte der Vorsit:ende ein Gesuch
betreffend Gestattung religi6ser Vortrige in einem Zimmer des
Gemeindehauses vor. Es wurde beschlossen: vden Vorstand
der Chewroh zu bescheiden, daB1 ibm jenes Zimmer fur die
an Samstagen und Feiertagen stattfindenden Vorttrge gegen
eine monatliche liete von Ml. 0,50 sage: fiinfzig Pfennig -
gegen jederzeitigen \Widerruf vorlaufig uberlassen werden soil. .
Offnen und SchlieBen des Zimmers soil ausschlieBlich durch
den Gemeindediener, in dessen Behinderung durch den Kan :':
tor erfolgen. :
\ie zerrissen innerlich die Gemeinde war, geht auch dars
aus hervor, daB sich in der Bonner Zeitung vom 11. 10. 78
folgende Annonce befindet:
Israelitischer Privatgottesdienst
JosefstraBe 28, (Separateingang: Heisterbacherhofstrafe)
Freitag, den 11. 10. nachm. 48.4 lIhr
Samstag, den 12. 10. morg. 734 Uhr








Die provisorische Verwaltung:
I. A. Moritz Baum.
Auch mit dem Frauenverein gab es zeitweise ein gespanntes
VerhAltnis. In einem Protokoll vom 5. Mairz 1884 wird davon
Kenntnis gegeben, daB der israelitische Frauenverein iiber Mk.
3000,- in bar und Effekten besitze und daB der Vorstand der
Meinung sei, daB die Verwaltung dieses Fonds dem Vorstand
der Gemeinde unterliege. Man beschloB, die Angelegenheit,
mit einem Juristen zu besprechen. Ober den weiteren Verlauf
ist urkundlich nichts aufzufinden.
Unterdessen versuchte der Vorstand, den Gottesdienst in
der Gemeinde =u reformieren. Die Geburtsstunde des neu=eit-
lichen Gottesdienstes ist der 8. December 1879. Demnach, so
heiBt es in dem Protokoll, sollen in der neuen Synagoge ein-
gefiihrt werden. ,Geregelter Gottesdienst mit Chorgesang und Or-
gelbegleitung, der Gottesdienst jedoch im gan=en hebraisch
unter Zugrundelegung des Geigerschen Gebetbuches mit den
von den Repr;isentanten beschlossenen Anderungen.co
Im Jahre 1879 wurde zum erstenmal die Rabbinerstelle aus-
geschrieben. Die \Wahl fiel auf Dr. Schreiber aus Elbing. Diese
W\ahl stand von Anfang an unter einem Unstern. Bevor der
Vertragmit ihm getatigt wurde, schrieb er einen Brief vom 1.
September 1878 an die Gemeinde, in welchem er ausfihrt, daB
in Nr. 34 der Jiidischen Presse ein Passus aus der in Bonn
erscheinenden ultramontanen Reichszeitung abgedruckt sei, wonach
Vviele angesehene Mitglieder der BonnerGemeinde in einem
Protest gegen seine \\ahl begriindete Beschwerde vorgetragen
hitten., Er verlangt, daB die Gemeinde in der Bonner Zeitung
erkliren soil, daB diese Behauptung unrichtig sei und beschwert
sich iiber die Intriguen, die gegen ihn im Gange seien. Aus den
Protokollen ergibt sich die Erledigung dieser Angelegenheit nicht.
Jedenfalls wurde Dr. Schreiber im Jahre 1879 als Rabbiner an,
gestellt. Seine T1tigkeit war von kurzer Dauer. Bereits im
Jahre 1881 schied er aus, und das Protokoll vom 22. Oktober
1881 besagt, daB ihm das Gehalt fur den ganzen Monat
Oktoberausgezahit worden sei, obwohl er nur bis zum 15. Oktober
Gehaltsanspriiche habe., Seine Tatigkeit scheint fur die Gemeinde
keine besonders erfolgreiche gewesen zu sein, was auch nicht
besonders zu verwundern ist, wenn wir die Kiirze der Zeit und
S die geschilderten Verhiltnisse beriicksichtigen.
V'on einem geordneten Religionsunterricht war keine Rede.
S Der neuzeitliche Gottesdienst fand \iderspruch. Ein Sonder.

, ..-..










run Hemmnis fiir:jeden Forisc-hritt. 'Es war" dam'als -lsa
ein wirkliches Verdienst der- Verwaltung' daf sie die bis dahm i -l:
mit der Gemeinde Bonn einheitlich verbundenen Landgemein :i'-
den, insbesondere Bonn-Endenich usw. mit Zustimmung der
Regierung ausscheiden lieB und sich selbstandig organisierte.
Manche betatigten sich aufhetzend. Es wurde sogar ein '
kleines Skandalblittchen herausgegeben, in dem man einzelne. -
Personen angriff, so z. B. den auch yon der heutigen Generation ;:.:
noch verehrten. Kantor Josef. Abraham damit verh6hnte, daB er :
gleichzeitig Klenpner-Arbeiten verrichtete. Solche hfilichen .:i
Anrempelungen trugen zum Frieden in der Gemeinde keiness
wegs bei.
So waren die Verhiltnisse in der Bonner Gemeinde, als. -
im Jahre 1882 mein Vater das Amt als Rabbiner antrat. Mit
dieser Zeit beginnen auch meine personlichen Erinnerungen.
Mit dem friiheren Oberrabbiner hatten hi3liche Streitig '--
keiten bestanden. Der erste Rabbiner nach dessen Abbau war-
nach kurzem \Xirken ohne Autoritit und Erfolg aus der Ge; '
meinde geschieden, nachdem er schon mit Streitereien seine- .
Stellung angetreten hatte.
Vielleicht 20-25 Kinder erhielten falls sie iiberhaupt
erschienen ihren >Unterricht durch den alten DLehrer CoBs '.
mannc und spiter einem eLehrer Jakobicc, besides brave Men-..
schen, die.aber von Unterrichtsmethoden keinen Schimmer hatten
und sich darauf beschrinkten,.hebraisches Lesen und ein nicht.
einmal richtiges Obersetzen weniger Gebetsstiicke zusammeni% .;
hanglos beizubringen. Dieter Unterricht fand fur unsere .
heutigen Begriffe unglaublich im Foyer des Stadtthea :
ters statt. In der. Synagoge bestand zwar eine Gottesk. ..
dienstordnunga, aber keine tOrdnung im" Gottesdienstc.
Die jiingere Generation, die wenigstens zum Teil allgemeine
Bildung genossen. hatte, war dem Gottesdienst entfremdet, weil
sie ihn einfach nicht verstand. Die ilteren Leute begegneten.;:
dem Gottesdienst mit einer spontanen Animositit, wollten von-
irgend. einem deutschen Gebet, obwohl sie von dem hebraii-'1.
schen kein Wort verstanden, nichts wissen, und waren auch
bei ihrem Tiefstand an allgemeiner Bildung einer Aufklarurig
nicht einmal fahig. Der Privatgottesdienst im Auerbach'schen:
Hause tat. der.Synagpge Abbruch, und eine Entwicklung, '.i,
sie- selbst in echten orthodoxen Gemeinden schon vorhandenif-
war, stieB infolge: einer seltenei Unbildung der .Allgemr in
:- ::S I V- vi-';




- 18 -


auf Widerspruch. Die Vorsteher konnten keine Ordnung
schaffen, weil sich die alteren Leute, an Schlendrian gew6hnt,
nichts sagen lieBen, und weil es auch Organe waren, die durch
ihre Pers6nlichkeit keinen Eindruck machten. Die aulTere Ord:
nung litt dadurch. daB der Synagogendiener Jakob Abraham,
ein herzengutes Original von seltener Pflichttreue, nicht nur keine
Autoritat besaB, sondern bedauerlicherweise von vielen lacher-
lich gemacht und schlecht behandelt wurde.
In der Gemeinde selbst bestand eine ausgepragte Schei,
dung :wischen den sog. ,Notabelnc, d. h. meist den Begiiterten
und dem Mittelstand, der schon \vegen des DreiklassensXahl'"
rechtes einfluBlos war. Die geistig interessierten Kreise der
Gemeinde, die an sich schon sehr in der Alinderzahl waren,
hatten sich offenbar infolge der haflichen Gemeindeent,
wicklung und angels ieder Schulung dutch einen vernuinftigen
Religionsunterricht vom Gemeindeleben zuruckgezogen. Die
\'erwaltung wurde zum erheblichen Teile \on Personen gefihrt,
die eigentlich hierzu durch ihren Mlangel nicht nur an jiidischer,
sondern auch an allgemeiner wirklicher Bildung nicht in der
Lage waren. Die Gemeinde selbst bestand im wesentlichen aus
Kaufleuten, die von kleinsten Anfangen aus in vethaltnismaBig
kurzer Zeit dutch Fleil, abet auch viel Gluck, zu \ohlstand
gelangt warren, die aber auch in ihrer iidischen und Allgemein-
bildung weeit unter dem Durchschnitt in anderen jiidischen Ge-
meinden standen, die an Gr6B3e noch hinter der Bonnet Ge.
meinde zuriickblieben. Infolgedessen verstanden sie von allge:
meinen jiidischen Interessen fast nichts, und wenn es sich um
geldliche Aufwendungen fir Kultuszwecke, Kultusbeamte und
\\"ohltatigkeitsdinge handelte, zeigte sich meist ein selten tief
eingewurzelter Mangel an jeglicher Gebefreudigkeit. Ihr Ge.
sichtskreis reichte fiber den Umfang ihres Geschafts nicht hinaus.
Was ein Rabbiner oder ein Kultusbeamter an Autoritat und
Achtung, geschweige denn gar an Entlohnung :u beanspruchen
hatte, war ihnen vollig fremd. Es warren vielfach kleine Geister,
die sich zwar wichtig vorkamen, wenn sie Kritik uibten oder
Ausgaben ablehnten, aber jeder hohere, ideal Schwung, der
Suber ihre eigene Person hinwegfuihrte, fehlte. In seinem Be-
werbungsschreiben vom S. November 18S1 hatte mein Vater mit
einer geradezu klassischen Pragnan: dem Gedanken Ausdruck ge.
geben, nach welchem er das ihm zu iibertragende Amt zu leiten
gedachte. Es heiBt darin:
A'or allem meine ich, daB der israelitische Prediger, gleich-
viel welchen Anschauungen auf dem Gebiete der Religion seine
Genreinde auch huldigen moge, den Satzungen des Glaubens



3-
-Aa: .





- 19 -


ohne Ostentation treu sein, und seinem priesterlichen Berufe
entsprechend, durch seine ganze Fiihrung den rabbinischen
Lehrsat: betatigen misse )Sei von den Schilern Aarons, liebe
den Frieden und jage ihm nach!< Diese Liebe zu wahrhaftem
Frieden, dem immer \\ahrheit und Recht voraufgehen, legt dem
geistigen Fiuhrer die Verpflichtung auf, alles das, was durch
seine \\orte oder durch seinen \'andel Argernis oder gar Zer.
wiirfnis in der Gemeinde hervorrufen kinnte, sorgfiltig zu ver-
meiden. Auf dem Boden des Friedens erw3chst Freude und
die herrliche Frucht des gemeinsamen, einmutigen freudigen
Schaffens, die innere Befriedigung, die fiir das Gemeindeleben
in allen seinen Teilen unbedingt erforderlich und sichtlich wohl:
tuend ist. In der Gegenwart zumal, in welcher mehr und mehr
erkannt wird, daB das gute Alte mit dem sch6nen Neuen sich
verbinden miisse, um eine Versahnung der Theologie mit der
Philologie, der Lehre mit dem Leben anzustreben, beherzige der
Lehrer der Gemeinde das sch6ne jesajanische \ort, das auch
dem in Gesinnung Fernen den Frieden entgegenbringt<.
Mit einem solchen Programm, das heute, nach 50 Jahren,
fir jeden judischen Fihrer noch die gleiche, vorbildliche Beo
deutung hat, trat mein Vater sein Amt an. Die Arbeit war fiir
ihn, der sich in fruheren Gemeinden inmitten eines geordneten
Gemeindelebens hohen Ansehens erfreut hatte, besonders schwer,
aber sie setzte auch schon bald kraftig ein. Leider ruhte die
gan=e Arbeitslast auf ihm, denn auch in der Verwaltung der
Gemeinde waren keine Manner, von geringen Ausnahmen
abgesehen die positive litarbeit von sich aus leisteten oder
auch dazu fahig gewesen waren. Es wurde eine Religionsschule
gegriindet. Durch lange, nur von ihm und nicht durch die \erS
waltung gefihrte ,Verhandlungen mit der Stadt wurde die da:
malige Evangelische \'olksschule auf dem \ierecksplatz (jetzt
stadt Gymnasium auf der BrickenstraBe) fir den Unterricht zur
Verfiigung gestellt. Der Religionsunterricht wurde nach padas
gogischen Gesichtspunkten erteilt, auf welche mein Vater schon
wegen seiner besonderen Betatigung auf diesem Gebiete seine
Schriften ,Disziplin in der ji.dischen Religionsschule~ und ,die jUi
dische Religionsschule neben h6heren Lehranstaltenc, waren vor
kurzer Zeit erschienen und hatten allgemeine Anerkennung ge.
funden groLen \'ert legte, war er doch in seiner friiheren
Gemeinde als Lehrer der franzosischen und englischen Sprache
in den Oberklasseu der stidtischen hoheren Tochterschule an-
gestellt und allgemein geschatzt. LUm die Disziplin zu heben,
kniipfte er personliche Beziehungen mit dem damaligen Schul.
inspector Reinkens, einem Verwandten des unvergeBlichen Pfarrer


.:: .







Reinkens an, der den Religionsunterricht in technischer Bezie.
hung mit kontrollierte, die Religionsstunden mit besuchte und
damit die bei den Schulern und Eltern villig verloren gegangene
Achtung vordem Religionsunterrichte F6rdern half. Es warderStolz
meines Vaters, in seinem Schulbuche zu verfolgen, wie die Zahl
der Schiller jahrlich wuchs. Die Belastung durch den Religions:
unterricht war auBergeo6hnlich groB. Die Unterstiitzung, die
erallmihlich durch HilfskrMate erfuhr, stiefi auf groBe Schwies
rigkeiten wegen der Besoldung durch die Gemeinde, welche an:
gemessene Mittel zuerst nicht :ur Verfiigung stellen wollte -
ein betriibliches Zeichen, wie man aus Angst vor geringen gelds
lichen Opfern trotz eigener \X'ohlhabenheit Entwicklungen
hemmte. Manchmal wurden Studenten zur Erteilung des Relis
gionsunterrichtes mit herangezogen, der erste war der leider
zu fruh verstorbene spatere Ar=t Dr. \'eidenbaum in Neuen:
ahr bis endlich ein geschulter Lehrer, der auch schon vert
storbene Lehrer Katten aus Poppelsdorf mit karglichem Gehalt
mit angestellt wurde. Das Kantorat war selbstandig besetzt.
Eine \'erbindung mit dem Lehreramte konnte erst nach dem
Tode des Kantors lose Abraham geschaffen werden. Kurz vor
seinem Todeerst wurde mein \ater dadurch entlastet, daB Kantor
Baum das Lehramt mit ibernahm. Bis dahin war niemals auch
nur fur einen Tag ein geeigneter Vertreter vorhanden. Der
ganze Unterrichi nicht nur in der Religionsschule, sondern auch
an den hoheren Lehranstalten, von welchem gleich zu sprechen
ist, lastete allein auf den Schultern meines Vaters. Nur der
Eingeweihte kann sich einen Begriffdavon machen, was es heiBt,
abgesehen \on den sonstigen Arbeiten einen solchen Unterricht
allein zu erteilen und Stundenplane dafiir anzufertigen! Nach
heutigen Begriffen gerechnet war das eine erstaunliche Leistung,
denn diese \'ochenstunden fur den Unterricht stiegen zeitweilig
bis auf dreil.ig. Besonders lag meinem after r die Einfiihrung des.
jiidischen Religionsunterrichtes an den hiheren Lehranstalten am
Herzen, um welche sich die Gemeinde, im Gegensatz zu anderen
Gemeinden, gar nicht gekiimmert hatte. Wie viele Reisen zur
Regieiung nach Ki6n und zum Provinzialschulkollegium nach'
Koblenz hat mein \ater auf eigene Kosten machen missen, um
sein Ziel zu erreichen! Die Gemeinde lehnte nicht nur eine
Vergiitung der Unkosten ab, sondern die Verwaltung machte
auch noch infolge vblliger Unkenntnis dieses Arbeitsgebietes
Schwierigkeiten. Ich erinnere mich noch deutlich, wie mein
Vater seinem leider zu frih verstorbenen Freunde Kantor Baum
dies auseinandersetzte und betonte, man miisse eigentlich schon
aus historischen Griinden diese Schwierigkeiten schriftlich nie.







derlegen. Leider ist er infolge seines alsbaldigen Todes nicht
mehr dazu gekommen. Nach langen Verhandlungen zahlte die
Gemeinde fiir den Unterricht an den h6heren Lehranstalten -
M. 100.- j~hrlich. Als nach Iingerer Zeit auf Veranlassung
seines Freundes, des Rektors H6lscher von der Oberrealschule,
die Stadt ihren Beitrag erh6hte, war die Erlangung eines hoS
heren Beitrages auch der Gemeinde schwierig. Dabei muB man
beriicksichtigen, daB die Anstellungsverhltnisse nicht nur un.
giinstig, sondern geradezu unwiirdig warren. Das Anstellungs:
gehalt betrug MA. 3000,-, ein Betrag, der auch zur damaligen
Zeit in keinem angemessenen Verhiltnis zu dem damals herr,
schenden \ohlstand der Gemeindemitglieder stand. Die AnS
stellung erfolgte von Jahr :u Jahr ohne Pensionsberechtigung
oder anderweitige Versorgung. Die Kasualien wurden gar
nicht oder hochstens in v6llig unzulssiger, man kann sagen un.
wiurdiger \Weise entlohnt. Dabei waren auch die auBerenVer;
haltnisse ungiinstig. Die Synagoge war zugig und kalt, und manche
Erkrankung war darauf zuriickzutihren. Die Beerdigungen fan.
den vom Trauerhause auf dem fuir damalige Verhaltnisse weit
gelegenen Friedhof statt, und die Grabreden wurden angels
jeglicher Leichenhalle bei Regen und Schnee im Freien gehalten.
Zutreffend erkannte mein Vater, daB die Entwicklung der
Gemeinde von der Hebung des Mittelstandes abhing, und er
wandte sein Interesse vor allem diesem und seiner Jugend zu.
Besonders aber gait seine \'irksamkeit den Minderbemittelten,
die er nicht sowohl durch Almosen unterstitzen liel, als viel,
mehr, und zwar vielfach mit Erfolg, wirtschaftlich durch Aus.
bildungsm6glichkeiten zu heben suchte. Viele \on denen, auf
welche die damaligen sog. Notabeln mit einer gewissen Mi13
achtung herabblickten, und mit denen sie wegen der sozialen
Verschiedenheit keine Gemeinschaft suchten, wurden die besten
Freunde meines Vaters, und gerade aus ihren Reihen sind durch
ihn Pers6nlichkeiten hervorgegangen, die heute im \Wirtschafts.
leben und im iffentlichen Leben Rang und Stellung einnehmen.
Es gabJahre, in denen wohl kein die hihere Schule besuchender
jiidischer Junge seinen selbstverstindlich unentgeltlichen -
Unterricht in den librigen Schulfachern bei meinem waterr ge,
nossen hitte, und auBerdem wurden zahlreiche Schuler, gerade
aus den minderbegiiterten Schichten fiir eine bessere Schulbil:
dung vorbereitet. Viele verdanken ihm ihre Zufibhrung zu h6o
heren, besonders akademischen Berufen, die ihrer Veranlagung
zwar entsprach, aber von kurzsichtigen Angeh6rigen nicht eins
mal gewiinscht war. Viele auch aus unserer Gemeinde werden
bei einem Riickblick auf die vergangenen Tage sich gewiss


.,


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: -''.,'L~V




- 22 -


dankbar der Tatsache erinnern, daB sie ihre heutige Lebens.
stellung ohne diese Unterstiitzung nicht erreicht htten. Sein
padagogisches Geschick ermoglichte es ihm auch, die besonders
begabten Schiiler und Schiilerinnen herauszufinden und ihnen
sogar aus den eigenen spirlichen Mittein eine aussichtsreiche
Zukunft zu eroffnen, da auch hier eine weitherzige Gebefreu-
digkeit der Gemeinde meist versagte.
Neben dem Unterricht an der Religionsschule, an den hSb
heren Lehranstalten, der Polackschen hoheren TSchterschule
veranlaBte mein Vater auch den AnschluB an den israelitischen
Gemeindebund, eine Att Vorganger des jetzigen PreuBischen
Landesverbandes. In einer groBen Zahl \on Gemeinden, z. B.
in Meckenheim, Godesberg, Rheinbach, Honnef, Sin:ig, Remagen,
Linz, Andernach usw.iberwachteerden Religionsunterricht.In man.
chen Gemeinden richteteer ihn auchtrotzaller \"iderstandeder verse
alteten \'erwaltung ein undstellteein freundschaftliches Verhaltnis
zur gesamten Lehrerschaft her. Es erscheint heute fast unvers
standlich, wie neben dieser enormen Schultatigkeit noch Zeit
fir seine sehr umfangreiche seelsorgerische Betatigung verblieb. Er
kniipfte freundschaftliche Beziehungen :u den Geistlichen der anm
deren Konfessionen an, und diesen rein personlichen Beziehungen
hat die Gemeinde vieles zu verdanken. Im Gefangnis fiihrte
er eine Seelsorge ein. Die Krankenhiuser sie batten hier
damals noch eine viel groBere Bedeutung, %weil Koln keine Unis
versitat, Diusseldorf keine medizinische Akademie und die vielen
Kleinorte keine eigenen Anstalten hatten \urden regelmaiig
besucht, die Kranken mit rituellem Essen versorgt u. s.w. Daneben
war die Zahl der ihn tagliLh fur sich und ihre Kinder pers6nlich
um Rat Fragenden keine geringe. In der ProvinzialsIrrenanstalt
wurde ein regelmABiger Gottesdienst abgehalten, bei dem zeit-
weise anfangs auch der Kantor Josef Abraham mitwirkte. Ich
erinnere mich noch pers6nlich, wie der verstorbene Anstalts-
leiter Geheimrat Pelmann mehrfach *einer \erwunderung dariiber
Ausdruck gab, daB furdiesevon ihm aus r:tlichen Griindensohoch
geschitzte T~tigkeit kein besonderes Entgelt von der Gemeinde
geleistet wurde, und ich erinnere mich noch besonders deutlich,
wie, seltsamer \eise gerade am Tage nach dem Tode meines
\aters, Geheimrat Pelmann mir personlich einen Geldbetrag
iiberreichte und dabei sein Bedauern dariiber audriickte, daB
meinVater wenigstens nicht diesen Tag noch erlebt hatte, an dem er
ihm zum erstenmal nach fast 20 Jahren eine auBere Anerkennung
hatte iiberreichen kinnen, die ihm die Provinz in Anerkennung
der Verdienste fir diesen Zweck zur \erfiigung gestellt
hatte





23 -

Durch eine solche von reinstem Idealismus getragene Ti
tigkeit gelang es allmahlich, die Gemeinde so =u gestalten, daB
sie in der jiidischen Allgemeinheit zu Ansehen gelangte und im
Inneren befriedet wurde. Manchmal hatte er auch mehr oder
weniger versteckte gehNssige Angriffe zu bestehen, und manche
Enttauschung hat es ihm sicherlich bereitet, wenn die Gemeinde,
mitglieder und ihre \erwaltung seine finanzielle Lage nicht ange,
messen erleichterten und trot: eigenen Wohlstandes so wenig
Verst3ndnis fur iu[3ere Anerkennung und Freigebigkeit zeigten,
aber seine durch die Tat so oft bewiesene Friedensliebe konnte
auch diese Hindernisse beseitigen, und sein Idealismus half ihm
iuber solche Enttauschungen und die mannigfache Ausnutzung
seiner auBerordentlichen Bescheidenheit hinweg.
DaB auf diese \'eise das Ansehen des Rabbineramtes als
solches nach innen und auBen, bei alien Beh6rden u. s. w,
wuchs, war eine selbstverstandliche Folge, Bei vielen 6ffent:
lichen Gelegenheiten und in private Verkehr hat dieses seinen
Ausdruck gefunden. V\ie groB war auch der Unterschied zwis
schen dem Ansehen des Rabbineramtes bei seinem Antritt und
bei seinem frihen Tode! \ie wenig Verstandnis man vorher
fir das Ansehen des Rabbineramtes hatte, erhellt um eine
%on vielen Erinnerungen herauszugrelfen die Tatsache, daB
mein Vater bis in die spate Zeit hinein oft seiner Enttauschung
daruiber Ausdruck gab, daB nach seiner Berufung hierher noch
nicht einmal das Gefuhl dafiir vorhanden war, daB es einer
Einfiihrung in sein Amt durch eine irgendwie feierliche Form
bedurft hatte.
Als im lahre 1901 mein \'ater starb, fanden die Nach-
folger eine befriedete Gemeinde, einen geregelten Gottesdienst
und ein geordnetes Schulwesen vor, wie es durch ihren Vor-
ginger, seine persSnlich gekniipften und gepflegten Beziehungen
zu den Beh6rden und durch seine besondere \ertschatzung bei
der gesamten Burgerschaft zu Ansehen gekommen war. Mit
Eifer haben sie diesen Zustand zu erhalten und weiter auszu-
bauen sich bemiiht. \Wahrscheinlich hatten sie nur zuweilen
die Folgen des seltenen Idealismus ihres Vorgangers =u ihrem
Nachteil zu verspiuren, der die Gemeinde unter Hintenansetzung
seiner eigensten Interessen ohne jede Riicksichtnahme auf die
notw\endigsten eigenen materiellen Bedlirfnisse von der Erfill
lung finanzieller Leistungen entwShnt hatte.
Ihre schwierigste Aufgabe bestand in dem Versuch einer
Aktivierung der Gemeinde. Was in Jahrzehnten durch Zer-
rissenheit des Gemeindelebens einerseits sowie durch das Fehlen
jeder ernsthaften geistigen Fiuhrung und durch den Mangel an







jeder verniinftigen Gestaltung des Gottesdienstes und des Res
ligionssUnterrichtes nach wissenschaftlichen und padagogischen
Grundsatzen andererseits, besonders an den geistigen oder geistig
strebenden Kreisen gesiindigt war, lieB sich durch eine noch
so aufopferungsvolle Titigkeit wahrend =wei Jahrzehnten -
was bedeuten zwei Jahrzehnte flir eine Gemeinde! nicht
vIllig beseitigen. Denn das war das beda.uerliche und bedenks
liche Merkmal in der Struktur der Gemeindeetwa seit 1830-1879,
daB weder flihrende geistige Krafte im Gemeindeleben vorhan'
den warren, noch nennenswerte Personenkreise, die von sich aus
mit geistigen Kraften sich bemiihen konnten, diesen lethargi,
schen Zustanden enigegen :u arbeiten. Es bleibt eine schwere
Aufgabe, wertvolle Ktafte fiur das Gemeindeleben zu gewinnen,
wenn sie auf Grund historischer Entwicklung einmal verloren
gegangen sind, und es ist eine cbenso schwere Aufgabe, eine
Gemeinde fir geistige Dinge :u gewinnen, wenn sie sich -
selhstverstandlich von geringen Ausnahmen abgesehen aus
einem kleinbigrgerlichen Personenkreis zusammensetzt, dem es
nach seiner ganzen Einstellung :um Leben an Interesse flir all:
gemeine Angelegenheiten mangelt. Die Schwierigkeiten der
Aufgabe, nach dieser Richtung hin bessernd =u wirken, wurde
nur dadurch erleichtert, daB infolge der politischen und wirt-
schaftlichen Entwicklung die Jugend allgemein sich mehr flir
offentliche, insbesondere auch jiidische Dinge interessierte, und
daB die immer bedrohlicher werdenden Gefahren von auSen her
dazu =wangen, daB der Einzelne sich mehr als bisher aufseine
unl6sliche \'erbundenheit mit dem Schicksal der Gemeinschaft
besinnen und daher wenigstens nach Moglichkeit fir diese mit-
arbeiten muBte. Es war ferner auch von 'orteil, daf das
Dreiklassenwahlsystem Hel, wodurch mit dem frliher herrschen-
den sogenannten Notabeln System formell gebrochen und die
116glichkeit geschaffen wurde, wertvollere Krifte in die \'er:
waltung zu berufen, soweit sie vorhanden sein sollten.
Doch mit der Schilderung dieser \'erhiltnisse greifen wir
schon in die Gegenwart ein, welche die Lebenden kennen. Um
Saber die gan=e Struktur der Gemeinde, ihre Starken und Schwa~
chen kennen zu lernen, erschien es angezeigt, auch einmal einen
Riickblick auf die V'egangenheit zu werfen.



;- .: '




25. .

Zukunftsaufgaben
der Bonner Synagogengemeinde.
\'er, wie ich, der Vewaltung der Bonner Gemeinde seit
dem Jahre 1908 formell angehirt hat, aber auch schon Jahre
vorher in ihr selbstandig mitarbeiten durfte, ist nicht nur be:
rechtigt, sondern auch verpflichtet, bei seinem Abgang wenig:
nigstens einmal in groBen Umrissen die Aufgaben zu zeigen
mit deren L6sung sich die Gemeinde in absehbarer Zeit wird
beschaftigen miissen.
I.
Diewesentlichste Aufgabe der Verwaltung besteht darin,
zu versuchen unter der tatkriftigen Unterstiitzung ihres geistigen
Fuhrers eine ,Aktivierungc, der Gemeindemitglieder herbeizufiih.
ren. Darunterist nichtzu verstehen, daB jeder mehr oder weniger
dazu Berufene an einzelnen VerwaltungsmaBnahmen eine nega:
tive Kritik iibt oder ohne Sachlegitimation sich in die Verwal:
tung, gottesdienstlichen oder Schulverhiltnisse u.s.w. einmischt.
Darunter ist auch nicht =u verstehen, daB einmal nur bei be:
sonderen Gelegenheiten der Einzelne sich beteiligt, da6 die
berufenen Vertreter der Gemeinde bei besonders wichtigen Ta:
gesordnungen vollzahlig erscheinen oder daB bei Besprechungen
von Dingen, die einmal uber den Alltag hinaus gehen, bei
WXahlen oder dergl. Reden gehalten werden, die man im par:
lamentarischen Leben als ,Reden zum Fenster hinausr zu be,
zeichnen pflegt. Unter ,Akti\erungc< ist vielmehr die Schaffung
eines Zustandes zu verstehen, dessen charakteristisches lerkmal
darin besteht, daB der Einzelne seine unlisliche Verbundenheit
mit der Gemeinde nicht bloB in \\orten, sondern durch Taten
fortgesetzt bekennt und selbst, unter Hingabe von Zeit, an ern:
sten und wichtigen Dingen mit inniger Hingabe mitarbeitet.
\Wenn die Gemeinde aus besonderen Ani3ssen die Gemeinschaft
-usammenruft, so darf der Einzelne nicht schon darin seine
Befriedigung finden, daB die Verwaltung der Gemeinde in
dieser \Weise tatig ist, sondern das lindeste, was von ihm ver,
langt werden muB, ist seine Anwesenheit. So lange nicht die
Gemeindemitglieder in ihrer Gesamtheit erkennen, daB gesell:
schaftliche oder berufliche Verhinderungen besonders in den
schweren Zeiten der Gegenwart kein Entschuldigungsgrund da'
fiir sind, an wichtigen Gemeinschaftsverhandlungen nicht aktiv
teilzunehmen, so lange fehit es an der unbedingt erforderlichen
Aktivierung. Es geniigt auch nicht die bloie Anwesenheit in
den Verwaltungsk6rpern, die Entgegennahme der blitteilungen
lber die Arbeit der Anderen und eine Kritisierung. Es w~re




26 -

ein unertriglicher Zustand, wenn einer Gemeindeverwaltung
Personen angeh6ren sollten, die nicht selber von sich aus auf
groBe Gesichtspunkte hinweisen, geistige Anregung geben und
an der Verwirklichung groBer Gedanken selbstSndig mitars
beiten, sondern nur danach Umschau halten sollten, ob bei
einer Abstimmung der Nachbar =ur Rechten oder =ur Linken
seine Hand erhebt. Es ist schon ein groFes MaB von Beschei.
denheit, wenn geistliche und weltliche Fiihrung der Gemeinde
zunachst einmal die Anwesenheit der Gemeindemitglieder bei
Veranstaltungen irgend welcher Art als ein Plus buchen. Es
schadet unsagbar dem Anschen nach innen und auRen, wenn
ein grol3er Tell derienigen fehit, flri welche die Arbeit verrichtet
wird. Nur auf die wirklich Anwesenden kann durch Belehrung
und Aufklarung gewirkt werden. MAan sollte meinen, daB die
gegenwartige Zeit fur eine solche Aktivierung besonders ges
eignet sein multe. Die Jugend wendet sich von der poli:
tischen Entwicklung beeinfluft wieder mehr auch jiidischen
Angelegenheiten zu, und die wachsende wirtschaftliche und po=
litische Not aller sollte doch diesen ZusammenschluB von selbst
f6rdern. Wie tief muAte die Inaktivitat in der historischen
entwickelten Struktur der Gemeinde verankert sein, wenn man
selbst in solchen Zeiten wie die Gegenwart Erfullung gesell:
schaftlicher und beruflicher Pflichten uber die Schicksalsfragen
der Gesamtheit stellt! Erst wenn einmal der Zustand erreicht
wird. dafa alle Gemeindemitglieder das Schicksal der Gemeinde
als ihr eigenes Schicksal erkennen und erleben, wenn die \ielen
Ungeistigen etwas geistig werden, sich wenigstens bemuhen,
wird die Aktivierung durchgeflihrt sein. Aber nicht nut die
h6chst bescheidene Forderung der Anwesenheit :ur Bekundung
des Gemeinschaftsgefiahles und :ur Entgegennahme der hier so
erforderlichen geistigen Beeinflussung ist die ein=ige \'oraus.
set:ung einer Aktivierung. Der Einzelne muB, selbst wenn bei
seiner Veranlagung es ihm schwer fallen mag, umlernen und
neben der Tatigkeit flir seinen Beruf und die berechtigten ma:
teriellen Interessen wenigstens die Bedeutung geistiger Dinge
:u erkennen sich bemihen. Die Gegenwart kann sich nicht
mit Minnern und Frauen begniigen, die manchmal sogar ohne
tiefere Empfindung, lediglich aus angewohnter Anhanglichkeit
an eine Tradition, hebraische Gebete hersagen, die sie nicht
\erstehen, oder Gebrauche iben, deren Sinn und Zweck ihnen
nicht einmal bekannt ist. Die Gegenwart braucht Menschen,
die wenigstens das Bestreben allmahlich lernen, sich flir geistige
Dinge zu interessieren und geistige Tatigkeit richtig einzu,
sch;tzen. \as nitzt der beste und kluigste Generalstab, -\enn





-- 27 -


er keine Kampftruppen hinter sich hat! Die Ordnung der Ge.
meindeangelegenheiten, ihr Gottesdienst, ihre Schulen und ihre
Einrichtungen missen dem Interesse auch derjenigen nahe geS
bracht werden, die sich bisher in bedauerlicher \Weise und ins
folge Mangels jeden geistigen Strebens davon fern hielten. Ob
sie wollen oder nicht, sie geh6ren einer Gemeinschaft an, deren
Schicksal ihr eigenes Leben unmittelbar in sich schlieBt. Daran
indert kein Austritt aus der Gemeinde etwas, ja nach der jetzi,
gen Entwicklung nicht einmal der Austritt aus dem Judentum
oder die Taufe. Erst wenn die Allgemeinheit einmal ihre Be;
reitwilligkeit =ur geistigen Entwicklung durch die Tat, nicht
durch schbne Redensarten, bewiesen hat, wird es auch eine
o16glichkeit geben, aus ihr diejenigen auszuwahlen, welche Ges
meindearbeit im praktischen Sinne erfolgreich listen konnen.
Die Auserwahlten werden dann auch gerne diese Arbeit uiber-
nehmen, denn nichts ist tur denjenigen, der fihren soil, be,
driickender als der Gedanke, nicht auch Verstandnis und Be-
reitwilligkeit zur Mitarbeit sondern nur trige Ungeistigkeit bei
denjenigen =u finden, die er fiihren soil. Freilich verlangt eine
solche Aktivierung trot: aller bestehenden wirtschaftlichen Not
auch 1liihe und Aufwendung von Zeit und geldliche Opfer.
Das ist kurz das, was unter >Aktivierung<< der Gemeinde
:u verstehen ist.
Alan kinnte vielleicht ohne geniigende Sachkenntnis den
Einwand erheben, als habe in den vergangenen Zeiten die
\erwaltung die Angelegenheiten der Gemeinde selbststandig er-
ledigt und dadurch die Gemeindemitglieder von der Mitarbeit
entwahnt. Dieser Einwand trifft nicht zu und ware nur ein unrich:
tiger Entschuldigungsversuch fir das \'ersagen eigener Mlitarbeiter.
Denn bevor eine oben geschilderte Aktivierung durchgefihrt
ist, fehit es von gan: geringen Ausnahmen abgesehen an
geeigneten Kraften, die in der Lage sind, die Aufgaben einer
Gemeinde in der Gegenwart auch nur einigermaBen so zu
flihren, und die Arbeit so :u listen, \ie das Ansehen nach
innen und auBen es erfordert. Soweit die Verwaltung selbb
standig arbeitet, ist das lediglich die Folge des Mangels an ge:
eigneten Kraften, und Ursache und \Wirkung diirfen nicht mit-
eiander verwechselt werden.
Gesellschaftliche \erschiedenheiten m6gen bestehen, und
sie haben auch was oft von unseren Glaubensgenossen iiber-
sehen wird in der Verschiedenartigkeit der Lebensgestaltung
und in der verschiedenen Gestaltung der Lebens- und Berufs-
interessen und des Bildungsganges ihre Begriindung. W'enn es
sich aber um Dinge handelt, welche die ganze Gemeinschaft







unterschiedslos angehen, dann mehr Korpsgeist \enigerReden
ind Kritik, aber statt ihrer BetHtigun'g in der oft gar nicht in
die Erscheinung tretenden Kleinarbeit. \Veniger, was pathetisch
und sch6n klingt, aber doch nur platonisch und billig ist, sich
auf ,das jidische Herz, berufen, als auch unter Opfern einmal
- ,jiidische Tat', beweisen!
II.
Das Rickgrat jeder Gemeindeverwaltung besteht in der
ordnungsm3Bigen Durchfiuhrung des Etats. Jede Gemeinde kann
den Etat nuraus Beitrigen bestreiten, :u denen die einzelnen lits
glieder nach den gesetzlichen Bestimmungen heranzuziehen sind.
Bisjetztsinddie Kultussteuern alsZuschlagzurEinkommensteuerers
hoben worden. Dieser Zustand wird in der Zukunft wohl nicht
beibehalten werden k6nnen. Die geset:liche Regelung der staat,
lichen Einkommensteuer enthalt schon erhebliche Ungerechtigs
keiten. Der Kaufmann, der seine Steuererklarung nach der Bilanz
abgibt, ist rechtlig vllig einwandfrei ohne den leisesten \Ver>
dacht einer Schiebung berechtigt, in diese Bilanz eine Reihe von
Posten, Reserven, Abschreibungen u. s. w. einzusetzen, Gesells
schaften und Schachtelgesellschaften :u bilden, die in gesetzlich
zulassiger \Weise seine Steuerpflicht zu seinen Gunsten beein-
flussen. Die grofe Zahl der freien Berufe, der Arzt, Anwalt,
Ingenieur, der Leiter eines Konzerns, der Geschaftsfiihrer, der
Lehrer, der ULniversitatsprofessor u.s.w. sind hierzu nicht in
der Lage. Der Kaufmann, der nach der Bilan: kein Einkommen
hat und ,von der Substanza lebt, zahit keinen Pfennig staats
liche Einkommensteuer, also auch keine Kultussteuer, selbst
wenn er nachweisbar zur Befriedigung seines Hausstandes und
seiner pers6nlichen Bedurfnisse z. B. Ml. 20000,- verbraucht!
\'enn aber z. B. ein Angeh6riger der \orerwahnten Berufe ein
Einkommen von M. 5000,- hat, und, sei es wegen wirtschafts
licher Teuerung oder Krankheit in der Familie oder sonstiger
Unglicksfalle, aulter diesem Einkommen noch den Betrag von
l. 7000,- von seinem mihsam ersparten 'erm6gen wahrend
des Jahres aufwenden mu3, so hat er gleich\vohl ein Einkom;
men von M1. 5000,- restlos :u versteuern und dafur auch
Kultussteuern zu bezahlen, obwohl auch er ,von der Substanzc
gelebt hat. Diese Unbilligkeit kann sich der Staat erlauben,
weil niemand sich der Steuerpflicht ent=iehen kann. Anders in
den Synagogengemeinden! \'er den oben geschilderten Zustand
als unbillig und wirtschaftlich auf die Dauer unhaltbar nicht
ertragen kann, wird sehr leicht in die Gelegenheit kommen k6ns
nen, durch einen Federstrich aus der Gemeinde auszutreten,
um damit wenigstens die Kultussteuern zu ersparen. Schon zur


- T-i,-




. 29 ;,%-:. -,?;:..,!.*,

Beseitigung dieser Ungerechtigkeit und der mit ihr verbundenen "
Gefahren scheint daher fiir die Zukunft eine Neuordnung geboten.
Gesetzlich stehen ihr Bedenken nicht entgegen. Ein abweichendes
Steuersystem kann satzungsgemaB eingefiihrt werden und ist auch
in einer Reihe von Gemeinden schon eingefiihrt worden. Ob
dazu nach dem Preussischen Geset: von 1847 die Genehmigung
der Regierung ertorderlich ist, kann mit Ricksicht aufdie Reichs-
verfassung theoretisch zweifelhaft sein; der Staat steht jeden-
falls auf dem Standpunkt, daB dieses Geset: in dieser Beziehung
noch fortbesteht.
Es besteht die M6glichkeit so ist es :. B. teilweise in
Anhalt daB durch eine =u bildende Kommission eine Ein-
scht:-ung der Gemeindemitglieder erfolgt. Selbst'erstandlich
steht dann der Rechtsweg offen, aber in diesem Rechtsweg mut
dann der Steuerpflichtige mit seinen Belegen hervorkommen,
und es werden dann seine gesamten Verhaltnisse auch unter
Bericksichtigung seines tatsachlichen \'erbrauches ermittelt. DaB
man dies vielfach schon mit Riicksicht auf die staatlichen Steu-
erpflichten nicht wiinscht, braucht nicht besonders hervorge,
hoben zu werden.
In Mliuhlheim Ruhr ist, Zeitungsnachrichten =ufolge, kurz-
lich xorgeschlagen worden, die Besteuerrung nach der H6he
des Mietwertes der \Vohnung vorzunehmen, ein Verfahren, das
mir pers6nlich unbillig und durchaus ungeeignet erscheint. In
anderen Gemeinden, :. B. in K6nigsberg, hat man neben der
Einkommensteuer auch die \ermigenssteuer als Steuermasstab
herangezogen. Danach haben steuerpflichtige Gemeindemitglieder,
die zur Einkommensteuer oder zur Vermogensteuer veranlagt
sind, als Synagogensteuer einen bestimmten Prozentsatz dieser
Steuer ab:ufuhren, jedoch mit der MlaBgabe, daB die nach der
Einkommensteuer berechnete Kultussteuer auf die nach der \er-
mogenssteuer zu errechnende Kultussteuer angerechnet wird und
umgekehrt, sodaB jeweils nur der Synagogensteuerbetrag zur
Erhebung gelangt, der nach Errechnung der hohere ist. Sofern
ein steuerpflichtiger Gesellschafter einer offenen Handelsgesell,
schaft oder Komanditgesellschaft zahlungspflichtig ist, wird der
seinem Anteil am Gesellschaftsvermogen entsprechende Bruchs
teil der von derGesellschaft entrichteten Reichsverm6genssteuer
bei der Veranlagung zur Kultussteuer mit herangezogen. Dieses
System soil sich, wie mir der Vorsitzende der KonigsbergerGe
meinde personlich &rklWrte, sehr bewhrt haben. Der Prozent
satz, der von der Verm6genssteuer herangezogen wird, kann
anders, und :war h6her festgesetzt werden wie der Prozentsatz
der Einkommensteuer.




30 -

Auch dann, wenn man die Einkommensteuer als Grund.
lage beibehalt, wird es erforderlich sein, eine gerechtere Staffelung
und insbesondere eine Begrenzung nach oben vorzunehmen.
\"enn bei den hohen Einkommen vom Staat soviel fortgesteuert
wird, daB dem Zensiten die Hilfte seines Einkommens verbleibt,
erscheint es unbillig, von dieser Halfte noch einmal etwa bis zu
'' fur Kultuszwecke fort:usteuern. Die Gefahren des Austritts
sind sonst sehr groB. Die Gemeinde Hannover erhebt neben
Zuschligen zu der Reichs-Einkommensteuer noch einen 'gestaf.
felten \'erwaltungsbeitragc. Als MaBstab fur die Staffelung dient
der von dem Zahlungspflichtigen in dem dem \'eranlagungsjahr
vorauf gegangenen Rechnungsjahr geleistete Steuersatz, oder die
fur diesen mangebliche Einkommensteuer. Fur stimmberech.
tigte Personen, die keine Reichseinkommen, oder Lohnsteuer
zu entrichten haben, wird ein Mindestverwaltungsbeitrag jahr:
lich festgeset:t.
Es wird also Aufgabe der Gemeinde sein, unter finanz:
technischer Beratung ihr Steuersystem neu zu regeln.
III.
Ein schweres Problem bildet die etwaige Vereinigung mit
den Gemeinden Poppelsdorf und Beuel. Es war gewi3 ein
groves \'erdienst der Verwaltung, als um 1875 die bis dahin
mit der Bonner Gemeinde vereinigten Landgemeinden ausger
schieden wurden. Sie waren fuirjede, auch noch so geringe,
fortschrittliche Entwicklung absolut unzuganglich und daher
ein Hemmschuh fur jede erspriei3liche Verwaltungstatigkeit. Die
landliche Bevolkerung set:te sich damals noch zum groBen Teil
aus einem Personenkreis zusammen, der schon im allgemeinen
Bildungsgrade sehr tief unter dem Niveau der stadtischen Bes
vilkerung stand und mit dem iiberhaupt ordrungsmaTig nicht
zu verhandeln war. \littlerweile sind aber 50 Jahre ins Land
gegangen, und alle Lebensverhaltnisse haben sich von Grund
auf geanderi. So muf man wenigstens dem Gedanken eines
mbglichen Zusammenschlusses niher treten, und ich habe viel,
leicht als letzte meiner Amtshandlungen solche \erhandlungen
anzubahnen mich bemiiht. Damit soil keineswegs gesagt sein,
daB dieser ZusammenschluB unter alien Umstanden kommen
muB, denn neben den materiellen Gesichtspunkten spielen hier
S auch ideelle Gesichtspunkte der Bonner Gemeinde eine erheb,
S liche Rolle. X'enn die \'erwaltung nichtso gestaltet werden
S knnte, wie es dem Geiste einer modern entwickelten liberalen
Gemeinde entspricht, miiBte er abgelehnt werden.
:- Augenblicklich handelt es sich geradezu um einen Leer:
lauf der Verwaltung. 1st es denn erforderlich, daB zum Unter,


..... .7.







die Schulen Bonns besuchen, oder zur Aufrechterhaltung des
Sabbathgottesdienstes, an dem ein M'linjan oder etwas Imehr. tell
nimmt, eine Verwaltung gefiihrt wird, zu der der Landesverband
preu3ischer Synagogengemeinden mehrere tausend Mark zahit und
die dariiber hinaus in der Hauptsache von 3-4 Mitgliedern fin:
nanziert wird, und zwar gerade von denjenigcn, denen die Bonner
Kultus:Einrichtungen vollauf genugen und die fiir die Dauer
ernstlich nicht gewillt sind, einen Kultusapparat fur andere zu
be=ahlen, die nichts, oder so gut wie nichts dazu beitragen.
Selbstverstandlich soil damit gegen den Kultusbeamten nichts
gesagt sein, und ich halte es fur eine selbstverstandliche Pflicht,
daB er bei einer Anderung der Verhiltnisse vor Sorge und Not
geschiitzt wird Der Landesverband weiB kaum die notwendigen
Mittel aufzubringen, um die RabbinerSeminare, die Lehrers
Seminare, die Schulen aufrechtzuerhalten, die sonst verhungern-
den \Vitwen und Vaisen von Lehrern auf das Notdiirftigste zu
unterstiitzen oder weitab von der GroBstadt liegende kleine Ges
meinden notdiirftig mit einem Lehrer zu versehen u. s. w. u. s. w.
Die Gemeinden klagen iuber die Beitrige, die sie an den Lan=
desverband aufbringen miissen, und dann sollte es nicht m6glich
sein, daB die wenigen Kinder ihren Religionsunterricht in den
Bonner Schulen erhalten ? Sollte es nicht m6glich sein, daB die
am Gottesdienst interessierten Kreise das Bonner Gotteshaus
besuchen, und daB dann die Mittel des Landesverbandes fiir
andere Zwecke frei werden ? Es ist kaum anzunehmen, daB aus
ernsthaften und stichhaltigen religi6sen Grinden Mitglieder der
Beueler Gemeinde die Bonner Synagoge nicht besuchen wiurden.
Aber selbst wenn es nun solche Personen gabe, gegen deren
gefiihlsmaBige Einstellung hierdurch nichts gesagt werden soil,
so muL doch auch hier der Grundsat= gelten, daB das Allget
meinwohl vor den Interessen der Einzelnen steht, und wenn
man vielleicht diejenigen, die gefulhlsma8ig eine besondere Ver,
waltung beibehalten wollen, vor die Wahl stellen wilrde, ent,
weder die Synagoge in Bonn =u besuchen oder ihren Kultus
aufrecht zu erhalten, ihn aber aus eigener Tasche zu finanzieren
- so weiB ich nicht, welche von beiden Mbglichkeiten ihnen
als das geringere Obel erscheinen wiirde.
Ahnlich liegt es mit Poppelsdorf, zu dem auch Kessenich,
Endenich, Lengsdorf und Duisdorf geh6ren. Diese Orte sind
allm~hlich riumlich mit Bonn so zusammengewachsen, und in
der allgemeinen Verwaltung zum groBen Teil so vereint, daB
die Trennung der jildischen Gemeinden bald wie ein historisches
'Oberbleibsel erscheint Kaum vergeht eine Tagung des Rates


,: ::;!



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U(O LaidL IUC3VCLUdIIUCa, aui1 l Jti n 1..n>, ii Iu -.Lfaas i.IL ,,,a1.- .-_
gefragt were, ob sich dieser Zustand nicht endlich beseitigen-:
lasse. Bei Poppelsdorf liegen die Verh;ltnisse noch besonders
so, daB gerade die bessere \Wohngegend Bonnn sich in seiner
Bannmeile befindet. DaB viele aus der Gemeinde Poppelsdorf
ausgetreten sind. ist uns bekannt. MlIglich und wahrscheinlich,
daB sie bei einer Vereinigung wieder Steuer zahlen wiirden.
Ihre Einwinde, der Austritt beruhe auf Abneigung gegeniiber
dem veralteten Kultus in \\"irklichkeit ist es Steuerflucht -
sind dann ausgeraumt. Hier ist die Aufrechterhaltung eines
besonderen Kultus gleichfalls uberflissig. Auch hier besuchen
die Kinder die Bonner Schulen, und die blitglieder kinnen
ihre religidsen Bediirfnisse in Bonn befriedigen. Orthodoxe im
eigentlichrn Sinn gibt es hier nich der Beobachtung der Eins
stellung =u den religiosen Gesetzen kaum. Aber selbst wenn
es eine kleine Zahl solcher g;be, hitte auch hier dasselbe wie
fir Beuel :u gelten,
Die Zusammenlegungsfrage mu3 grindlich beraten werden,
namentlich auch in ihrer Auswirkung auf den Etat der Bonner
Gemeinde. Dabei wird zu berucksichtigen sein, daB diegeord-
nete Steuerverwaltung der Bonner Gemeinde die Zensiten ge,
rechter und straffer zu erfassen in der Lage sein wird.
Lange noch %\ird die Losung dieses Problems dauern. Ins
zwischen bestehen Richtlinien, wonach die nicht zur Bonner
Gemeinde gehbrigen und aus den Nachbargemeinden ausgetres
tenen Gemeindemitglieder :war den Gottesdienst besuchen und
ihre Kinder hier unterrichten lassen k6nnen, aber gewissen Be-
schrainkungen unterliegen, soweit es sich um die Benut:ung des
Friedhofes und die litwirkung unserer Kultusbeamten handelt.
Diese Richtlinien miissen in der Zwischenzeit zu Beschliissen
ausgebaut werden. Es ist ein unm6glicher Zustand, daB ein
formell :u Poppelsdorf geh6rendes, aber dort ausgetretenes
blitglied einen sogenannten 'freiwilligenc< Beitrag zahlt, und
womoglich noch das Empfinden hat, der Gemeinde eine be,
sondere xZuwendungc gemacht zu haben, obwohl er von den
religi6sen Einrichtungen hier Gebrauch machen darf und auch
im iibrigen sich wie ein Mltglied der Gemeinde behandeln laBt.
Es ist z. B. eine Ungerechtigkeit gegeniiber den Steuerzahlen,
den, den Begrabnisplat: fur ein solches Mitglied gegen Zahlung
desselben Betrages zur Verfiigung :u stellen wie den Gemein,
demitgliedern. Es ist ebenso eine Ungerechtigkeit, wenn ein
solches MAitglied seinen Kindern den Religionsunterricht durch
die Kultusbeamten erteilen lat, deren Gehalt nur durch die
Steuern der wirklichen Gemeindemitglieder aufgebracht wird.


.. ..... ...... '


$1


ii
~_
r: -;;:
'
~",.rrel:







Aus steuerlichen IVlltteln mul der rrreclhot unterhalten, muU
Vorsorge fiir einen neuen Friedhof getroffen werden. An sole
chen Einrichtungen teilnehmen zu k6nnen, weil man einen
freiwilligenc Beitrag selbstverstlindlich um ein Vielfaches
geringer als der eigentliche Steuerbetrag zahlt, ist eine Un.
gerechtigkeit, die unter -allen Umstinden beseitigt werden muB.
Freiwillige Beitrage fur \\"ohltatigkeitszwecke wird die Ge-
meinde jederzeit von Herzen gern und dankbar annehmen.
Aber freiwillige Spenden als Bruchteil eines an sich geschuls
deten Steuerbetrages als vollen zu werten, musste fiir die Folge
unzulassig sein.
I\ .
Eine wesentliche Aufgabe besteht auch darin, die Stellung
der Kultusbeamten, des Rabbiners und Lehrers weiterhin zu
festigen. Diese Beamten sind gleichsam die Pole, um welche
sich das Gemeindeleben dreht. Sie sind diejenigen, die schon
durch ihr W'irken in der Schule am allermeisten den verbins
denden Zusammenhang mit den anderen Konfessionen herstellen.
Der Rabbiner gilt auch nach auBen als geistiger Fuihrer. als
eigentlicher Reprasentant der Gemeinde. Seine standigen man-
nigfachen Beziehungen zu dem allgemeinen, 6ffentlichen Leben
in unserer Stadt sind in ihrer Auswirkung fiir das Verhaltnis
der gesamten Birgerschaft zur Gemeinde bedeutungsvoll. Alan
vergesse niemals, daB nur derienige mit Arbeitstreudigkeit und
Erfolg arbeiten kann, der nicht auf der Parteien Gunst oder
Ungunst Riicksicht zu nehmen braucht, sondern dem eine un-
abhTngige Stellung gestattet, nur von 'erantwortungsgefiihl
und gewissenhaftem PflichtbewuBtsein geleitet, die nach bestem
\'issen als richtig erkannten \Wege zu beschreiten.
Kritik, die leider heute mehr als je an allen im 6ffent-
lichen Leben stehenden Personen, besonders den Beamten, ge-
iibt wird, und deren AusmaB oft im umgekehrten Verhaltnis
zu ihrer Berechtigung und zur Lauterkeit ihrer Motive steht,
darf niemals zu einer SchmElerung des Ansehens eines solchen
Amtes und seines Traigers fiihren, wenn nicht die Gemeinschaft
selbst den grbBten Schaden leiden soil. Die materiellen Ver.
haltnisse der Beamten, die noch zu Zeiten meines sel. Vaters
geradezu beschamend fiir die Gemeinde geregelt waren, miissen
so gestaltet bleiben, daB sie nicht nur vor dringender auBerer
Not geschiitzt, sondern auch in der Lage sind, ihre in unseren
Tagen besonders schwierige Aufgabe mit Arbeitsfreudigkeit,
welche die Quelle allen Erfolges ist, zu erfillen. Die Opfer,
die der Einzelne dafir etwa aufzubringen hat, werden um so
M..r




- 34 --


leichter getragen warden, wenn er erkennt, daf doch die Be-
amten Tag fur Tag und bei alien Gelegenheiten fur die Ges
meinde, also auch fir ihn tatig sind, wahrend er selbst -
manchmal sogar ganz unt3tig die Friichte dieser Titigkeit
genient.
Auch der Honorierung der sogenannten Kasualien wird
besondere Aufmerksamkeit zu:uwenden sein, bis einmal
die in MAittelgemeinden schwierige Ablosung der,
selben durchgefihrt ist. Es darf nicht wieder vorkommen,
daB ein reiches Vorstandsmitglied das ist ein kleines Beil
spiel aus personlicher Erinnerung dem Rabbiner fir das Ge:
dachtnisgebet am Jahrzeitstage fiinf (!) Mark ibersendet!

V'.
Zu dem auleren Aufgabenkreis der Gemeinde wird es
geh6ren, fur die Beschaffung eines neuen Friedhofes bei-
zeiten \orsorge :u treffen, sei es im AnschluB3 an einen der
allgemeinen neuen Friedhofe, sei es durch irgendwelche KomS
binationen bei der etwaigen Eingemeindung von Beuel und
Poppelsdorf. Jedenfalls Il3t diese Frage keinen Aufschub mehr
zu, und auch die Opfer, die etwa erforderlich werden sollten,
missen \on der Gemeinde unter alien Umstanden getragen
werden.
VI.
\'or allem aber wird der Gedanke der Einheitsgemeinde
und der Religionsgemeinde und die Aufrechterhaltung des
Friedens bei alien Gelegenheiten oberster Grundsat: bleiben,
und die Gemeinde wird sich da\or hiiten mn.ssen, durch po=
litische Einflisse aus ihrer Mlitte oder \on Personen, die nicht
einmal zu ihr gehoren, ihre politische Richtung aber in sie hin-
eintragen swollen, sich der Gefahr der Uneinigkeit auszusetzen,
die bis zum Zeriall fiihren kann. Allen religi6sen Richtungen,
die ernsthaft sind und mit der sonstigen Lebenshaltung der in Be:
tracht kommenden Personen ubereinstimmen, ist nach Il6g
lichkeit Rechnung zu tragen, aber auch hier gilt der Satz, )>Salus
public supreme lex!c t'ine Gemeinde mit einer Seelenzahl
von 1000 Alitgliedern wird nicht ohne weiteres in ihren Ein-
richtungen sich nach einer ganz kleinen Gruppe von 10-20
oder etwas mehr bestimmend richten durfen. \'er zuzieht,
weil3 von vornhererein, daB die Gemeinde im ,liberalenc< Sinne
geleitet wird. Nach unseren Gemeindesatzungen sind alle
Mitglieder, auch die Frauen, in ihren Rechten und Berechti-
gungen an allen Einrichtungen, auch am \'ahlrecht, und An.
wartschaft auf Unterstutzung gleichgestellt. Private Vereinis







gungen mit irgendwelchen innerlich berechtigten Zielen kbnnen
sich selbstverstandlich bilden, aber sie diirfen niemals auch nur
den Keim fur eine Absonderung aus der Gemeinde in sich
tragen. \'enn hier einmal, was gliicklicherweise nicht zu ers
warten ist, Gefahren entstehen sollten, wird diesen nicht nur
aus ideellen sondern auch aus finanziellen Griinden zu begegnen
sein. \"ie aus der Geschichte unserer Gemeinde sich ergibt,
haben gerade oft Personen, die am wenigsten Opfer brachten
und zu den finanziellen Lasten beitrugen, Sonderbestrebungen
einzuleiten versucht. Die Gesamtheit wird sich mit Recht gegen
irgendwelche durch ein solches \'erfahren entstehende Mehrbes
lastung wenden miissen. Auch hier wird der Grundsatz Gels
tung haben, daB das Interesse der Gesamtheit Liber den Inter.
essen einzelner Personenkreise zu stehen hat.

Aktivitit, Frieden und Aufrechterhaltung der Einheitsge-
meinde, das miissen auch in Zukunft die Hauptleitsterne sein.








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areitag 3. 9 7 9 71'/ 8 /2 68/4
Stenstag 7. 1 7 7 06/4
a'ittrooc 8. 9 p3rebtgt 7 9 7 8'/2
)onneret. 9. 9 8 9 8'/
Sabbatkto(ottesbienit.
Srettag hlbenb 7 7J/e 6/4
eaniftag Bormittag 9 9 81/'
91admittag 4 1


~Religionsunterrictt.
Mie 'lufnabme ber neuen u chiller (com 1. 6cduljabr
ab) finbet QSittwod), ben 15. 2pril 4 UhIr in ber Oberreal-
fd)u[e, 'Brlcienftr. 15 (gegenliber ber Seetoovenballe) ftatt.
9Sabb. Mr. Qev).

Mr. 5alk Wolnj,3erein.
Ter Serein, ber fif) bie rituele 'erplegung armer jtlbiffder
Sranker in ben Rliniken unb 5ofpitaiern jur 2lufgabe gemacdt
hat unb audc fonft in FllUen bringenber 9lot burcf fofortige Un-
terftiltung tilft, bittet ale, bie ilm nod) fernfteben, g1itgIies
ber u toerben. Ter ceitrag ift 5 q3fg. pro 'Wodje, im
3aore Wlt 2,60. 9tnmelbungen an Srau emma etern, 13op-
pelsborfer 9Ilee 44.

Ius ber epriilententa nte tung uom 25.ebruar.
3m Zorftanb rourben aum .I9orfibenbenMr.: amuel, bum 2. 2.
Rollmann, u 9rotok.cillrern (E. (o[bfcdmibt u. Sr. diroar in ber O es
priaieutang bum 1. Sorf. 3akob iat)er, bum 2. 2. tilberbad), bu 'rrotok.
tiiqlrern 8eelig unb Cofmann geroil)t. 3unL 2et)rer unb Rantor
rourbe 2Serer QI3interberg aus uben, geb. 22.1.1900 in Q IBen[taufen,
gerowiat; er oirb fein 9imt im 3uni antreten. Ter neue (tat ba-
lanaiert mit 36.450 21. (42.966 21. im 'oriai)r), ber 8teuerfab bleibt
berfelbe. S9ed)tsanmalt Mr. Qol4n rurbe Sumn 3atsmitglieb Im pr.
SanbesDerbanb geromtilt.
Gemeinbebibliotltek: (Entltelene 1ildcer finb berrn frankfurter
Surlidchugeben.
















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