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Judisches Gemeindeblatt fur die israelitischen Gemeinden in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen a. Rh.
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 Material Information
Title: Judisches Gemeindeblatt fur die israelitischen Gemeinden in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen a. Rh.
Physical Description: 34 pages
Language: German
Publication Date: 1936
 Subjects
Genre: newspaper   ( sobekcm )
Spatial Coverage: Europe -- Poland
 Record Information
Source Institution: University of Florida
Rights Management: All rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier: GS15
System ID: AA00013435:00001

Table of Contents
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    Title Page
        Seite 1
        Seite 1a
    Die Gemeinde
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        Seite 3
        Seite 4
        Seite 5
        Seite 6
        Seite 7
    Aufgaben und Einrichtungen der Gemeinde
        Seite 8
        Seite 9
        Seite 10
        Seite 11
        Seite 12
        Seite 13
        Seite 14
        Seite 15
        Seite 16
        Seite 17
        Seite 18
        Seite 19
        Seite 20
        Seite 21
        Seite 22
        Seite 23
        Seite 24
        Seite 25
        Seite 26
    Zusammenarbeit der Gemeinde mit selbständigen Organisationen
        Seite 27
        Seite 28
        Seite 29
        Seite 30
        Seite 31
        Seite 32
        Seite 33
        Seite 34
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Verlagsort Mannheim 2


Ausgabe A


ISRAE LITISCH ES


GEMEI N DE BLATT
Offizielles Organ der Israel. Gemeinden Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen a.Rh. und des Verbandes der Israel. Kultusgemeinden der Pfalz.
Abonnementspreis vierteliahrlich 60 Rpf. bei 2 mal monat- aD iseitich Glat Alle fOr dis Scriffleitung bestimiten Zuchr.ffen sind an
lichem Erscheinen zuzOglich Bestellgeld. Das israelitlsche Gemeindeblatt Herrn Dr. iur. Franz-Ludwig Auerbach
Anzeigen nach Tarif. Platzvorschrift ohne Gewahr. erscheint monatlich 2 mal MANNHEM, B 7,7, zrichten Persnnreher 25388
-esh~tstele *, ,.Anzeigenanoahme: H. Perls-ein, Mannheim,
Geschaftsstelle: Ludwigshafen a. Rh., Schulstr. 14 Rosengartenstr. 30 / Telefon Ludwigshafen a. Rh. 62318
Ausgabe A ist das alleinige amtliche Organ der israelitischen Gemeinden Mannheim, Ludwigshafen a. Rh. und Heidelberg, mit dem die jadischen
Einwohner dieser Gemeinden und der Pfalz beliefert werden; die Ausgabe B ist das alleinige amtliche Organ aller anderen jodischen Gemeinden
in Baden. Nachdruck der in diesem Blatt abgedruckten Artikel ist nur mit Genehmigung der Schriftleitung gestattet.
14. Jahrgang Mannheim, den 9. September 1936 (22. Elul 5696) Nr. 17


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Photo Julius Guggenheimer, Memmingen.


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Verlagsort Mannheim 2 Ausgabe A


IS R-AE LIISC ES


SGEMEIN DE BLATT
Offizielles Organ der Israel. Gemeinden Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen a. Rh. und des Verbandes der Israel. Kultusgemeinden der Pfalz.
Abonnementspreis vierteliahrlich 60 Rpf. bei 2 mal monat- Alle fr die Schriftleitu n bestimmten Zuschrnien sind an
lichem Erscheinen zuzOglich Bestellgeld. Das Israelitlsche Gemelndeblatt Herrn Dr. iur. Franz-Ludwig Auerbach
Anzeigen nach Tarif. Platzvorschrift ohne Gewahr. erscheint monatlich 2 mal MAN zeigManBah7,m zHu ertein, hemr
Geschaflsstelle- Ludwigshafen a. Rh., Schulstr. 14 Rosengartenstr.30 / Telefon Ludwigshafen a. Rh. 62318
r Ausgabe A ist das alleinige amtliche Organ der israelitischen Gemeinden Mannheim, Ludwigshafen a. Rh. und Heidelberg, mit dem die judischen
Einwohner dieser Gemeinden und der Pfalz beliefert werden; die Ausgabe B ist das alleinige amtliche Organ aller anderen judischen Gemeinden
in Baden. Nachdruck der in diesem Blatt abgedruckten Artikel Ist nur mit Genehmigung der Schriftleitung gestattet.
14. Jahrgang Mannheim, den 9. September 1936 (22. Elul 5696) Nr. 17

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Photo Julius Guggenheimer, Memmingen.

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Seite 2 Isra*elitischesGemeindeblatt 14. Jahrgang / Nummer 17


Die Gemeinde


Unsere Gemeinde
Der ursprfingliche AnlaB zu diesem Gemeindeblatt war,
daran zu erinnern, daB unser Wohlfahrtsamt zehn Jahre be-
steht, and damit auch Dank zu sagen der Frau, die nun ein
Dezennium so ausdauernd und so menschlich zusammen mit
ihren Mitarbeitern nicht ein Amt geleitet hat -, sondern
allen und in allem der erste Heifer war.
Aus dem ursprfinglichen AnlaB ist mehr geworden: ein
Gesamtbericht und eine Bilanz. Sie geht nicht nur fiber die
letzten zehn Jahre. Es ist fraglich, ob diese Bilanz geglfickt ist.
Ist sie es nicht, dann gehArt auch das zur Bilanz. Denn so
nahe es uns heute liegt, SchluBstriche zu ziehen, so schwer
wird uns doch die Zusammenfassung. Dazu gehirt Ruhe, Ab-
stand, gesammelte Kraft. Die Freunde, zu denen dieses Blatt
wandern wird, werden unschwer erkennen, daB nicht nur
unsere Gemeinde gemeint ist, sie werden hinter dem Bericht
fiber unsere Gemeinde die Gemeinden erblicken und die Idee
der Gemeinde. Die Idee nicht als ein Abstraktum, sondern als
der Ort, in dem Juden einander begegnen, miteinander beten,
lernen und einander helfen. Was wir haben, haben andere Ge-
meinden auch, die einen mehr, die anderen weniger. Aber das,
was im Laufe der letzten Zeit bei uns entstand, hing mit dieser
Idee zusammen und wurde aus ihr geboren. Es gab einige un-
ter uns, die sich mit ihr identifizierten, die ganz in ihr dachten
und in ihr aufgingen. Es waren ihrer nur wenige, aber in
Wirklichkeit stellten sie die Gemeinde in sich dar. Sie dachten
etwa so: Die Gemeinde ist das verbindende Prinzip unserer
Zerstreuung, sie ist in der Zerstreuung ein Stfck Heimat; sie
ist kein zusammengelaufener Haufen. Sie hat Gestalt, Willen
und Tradition. Was in ihr entsteht, muB von ihrem fiberper-
s6nlichen Wert Zeugnis ablegen. ,,Veranstaltungen", die in ihr
geschehen, werden Verunstaltungen dieses Gemeindegedan-
kens, wenn sie rnit ihm nicht zusammenhbingen, die Menschen
nicht formen und sie nicht zu ifidischen Persinlichkeiten er-
ziehen. Das Leitmotiv ihrer Arbeit war demgemaB: was in der
Gemeinde geschieht, muB durch sie geschehen. Der Strom des
Lebens und einer, zumal nach dem Kriege, themenreichen Zeit
sollte durch sie hindurch geleitet werden und das chaotisch
Vielfdiltige einen jfidischen Charakter erhalten. Diese Auffas-
sung enthielt einen Protest gegen die Art, wie die Gemeinde
sich entwickelt hatte, gegen ihre VerauBerlichung, gegen ihre
Verbdung, gegen ihren Mangel an verpflichtender Kraft. Es
sollte sich ein neues Verstandnis vorbereiten, das zugleich die
Tidtigkeit des Rabbiners wie das Leben des Gemeindemitglie-
des in einem neuartigen Zusammenhang und auch in einer
neuen von der Gemeinde zurfickstrahlenden Wfirde sah. Man-
cher wird sich vielleicht der kollektiven Leistungen der Ge-
meinde auf allen Gebieten erinnern, der gelungenen und der
miBlungenen Versuche, die gleichwohl nicht vergeblich waren,
der abgeschlossenen Leistungen und solcher, die noch fort-
dauern. Er wird sich daran erinnern, daB eine Gemeinde freu-
dig Anteil nahm und daB die Zahl der Teilnahmslosen kleiner
wurde. Daran, an dieser Gefolgschaft hat sich bis heute nichts
gedindert. Die von uns hier gemeinte Zeit war nicht nur eine
Zeit der stfirmischen Auseinandersetzung fiber alle Grund-
fragen des Lebens, sondern eine Periode der Wiederaneignung
jiidischer Inhalte. War dieser ProzeB ein langsamer und sein
Ergebnis nur ein Bruchstiick, so kfindigte sich doch in ihm
eine neue Epoche eines selbstandigen jfidischen Denkens an.
Was war diese Arbeit, die uns so lange in Atem hielt,
wert? Die religiose Ohnmacht wurde durch sie nicht in eine
religi6se Kraft verwandelt, die sozialen und gesellschaftlichen
Unterschiede wurden durch sie nicht aufgehoben, die Gemeinde
hielt den Juden nicht als ganzen Menschen fest; mit einem
iresentlichen Teil seines Leben, mit seinem Beruf, blieb er


auBerhalb ihrer. Und die letzte und empfindlichste Wider-
legung der ,,Lehre von der Gemeinde" bringt uns die Gegen-
wart. Einer nach dem anderen 16st sich von der Gemeinde,
sie bleibt nicht zusammen und sie geht nicht zusammen. Was
den Ausgewanderten noch an sie bindet, ist ein vages Inter-
esse,, ein Interesse an einzelnen Personen, und die Verpflich-
tung gegenfiber dem zurfickgebliebenen groBeren Teil der
Gemeinde wird gemeinhin nicht gerade schwer genommen.
Die wenigen Ausnahmen wiegen darum um so schwerer.
Waren also all die Jahre ein einziger Irrtum, so wie wir
in der vorausgegangenen Epoche Irrtum fiber Irrtum sahen?
Haben wir der Gemeinde nicht zuviel zugetraut, indem wir
ihr soviel Mut zu sich selber machteM, ihr mehr Inhalte, Lei-
stungen und Forderungen zuschrieben, als sie in Wirklich-
keit tragen konnte? Haben wir vielleicht in sie etwas hinein-
gedichtet, was in Wahrheit nur eine Kraft und Hoffnung weni-
ger war? Und haben wir nicht die Gemeinde fibersteigert und
den groBeren Zusammenhang, in den wir eingereiht sind,
vernachlissigt, das Volk ndmlich, das mehr ist als die Ge-
meinde? Diese Einwinde, die uns um die Frucht einer gut
gemeinten Arbeit bringen, bestehen zu Recht.
Und dennoch: sie treffen nicht den Gedanken der Ge-
meinde, der in der Geschichte und seinem Wesen nach be-
griindet ist. Nicht um eine Ueberspannung des Gemeinde-
begriffs handelte es sich, sondern um die Unmrglichkeit, diese in
eine andersartige Umwelt eingesprengte Gemeinde faktisch zu
einer Lebensgemeinschaft werden zu lassen. Auf der anderen
Seite und hier miissen wir wohl das MaB des Historischen
anlegen war dieses unvollkommene Bemiihen etwas Not-
wendiges. Denn in ihm suchte sich der Wunsch, zu einer star-
keren und reineren Zusammenfassung jiidischen Lebens zu
gelangen, seinen Ausdruck und seinen Ausweg. Das deutsche
Judentum ist westliches Judentum. Seine Begabung ffir Or-
ganisation war immer grbBer als sein Talent zur Gemein-
schaft. Und es war kein Irrtum, da.B wir die Gemeinschaft
auch in der Gemeinde wiederfinden wollten.
Das Gericht, das wir fiber uns selber halten, entlaiBt uns
nicht aus der Verpflichtung zu tun, was zu tun ist, und auf
allen Gebieten in der nun hunter ganz anderen Umstflnden be-
wirkten Volksgemeinde die an uns gestellten Forderungen zu
erfiillen. Es ist zu beffirchten, daB das geschriebene Wort al-
lein nicht ausreichen wird, um einen wirklichen Einblick zu
geben. Auch Bild und Zahl, die wir als Mittel zur Illustration
hinzugenommen haben, sind ein schwacher Behelf. Aber auch
so wird dieser Bericht genfigen, um den entfernten Freunden
die Gemeinde wieder nahezubringen, mit der sie so lange ver-
bunden waren, und sie werden nicht den Eindruck haben, daB
wir mutlos geworden sind und nicht zu antworten wiiBten auf
die sachlichen Fragen und N6te. DaB wir dem Einzelschicksal
nicht immer gerecht werden kinnen, daffir bedarf es keiner
Entschuldigung.
Wir wollten mit dem Bericht fiber unsere Gemeinde nicht
nur an uns erinnern, obwohl es dessen bedarf. Wir wollen
vielmehr auch d!e Hoffnung zum Ausdruck bringen, daB etwas
von den Krdiften, die hier am Werke waren, unsere Menschen
in die neuen Stiitten und Schauplatze ihres Lebens und jiidi-
scher Begebenheiten begleiten. DrauBen wachsen oder ent-
stehen neue Gemeinden, und manchmal, wenn auch seltener,
Gemeinschaft. Und das Ueberkommene wirkt, bewuBt oder
unbewuBt, fort.
In seiner Erziihlung ,,Im Herzen der Meere" beschreibt der
Dichter Agnon, wie Zionsfahrer Abschied nehmen von der al-
ten Heimat. Sie gehen noch einmal in ihre Schul und in ihr
Beth hamidrasch, zu den Grlibern der Familien und der From-
men, sie gehen zu ihren Nachbarn und bitten ihnen das Un-


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindeblatt


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14 aign _I Nrne 7Ireiice e enelt et


recht ab, das sie ihnen vielleicht angetan haben, und schlielB-
lich gehen sie auch zu dem FluB, der durch ihren Ort flieBt und
bitten, er m6ge ihnen gut gesinnt sein, denn seine Wasser wer-
den in. das Meer miinden, in dasselbe Meer, dessen Wellen sie
einer neuen Heimat zutragen. Das Kleine ist mit dem GroBen
irgendwie verbunden, das Alte mit dem Neuen, das Begrenzte
mit dem Unbegrenzten. Und die Eiemente, die an ihrer Stelle
wirkten, werden irgendwann wieder lebendig und vermihlen
sich dem neuen Leben.
Dr. Max Griinewald.



Vergangene Tage
(Aus der Geschichte der jiidischen Gemeinde Mannheim)
Unsere Germeinde kann ihren Ursprung weder in die sa-
genumwobene Vergangenheit der Muttergemeinden Worms,
Speyer und Mainz zuriickverlegen, noch darf sie sich des
Alters mehrerer Nachbargemeinden an der BergstraBe riihmen,
die,. wie Weinheim, Ladenburg, Schriesheim, Heidelberg und
Wiesloch, schon im 13. und 14. Jahrhundert entstanden. In
keinem kurpfalzischen Judenschaftsverzeichnisse aus der Zeit
vor dem 30jahrigen Kriege sind Mannheimer Juden genannt.
Und doch haben sich solche zeitweilig in dem Fischerdorfe.,
aus dem unsere Heimatstadt hervorging, aufgehalten. Obwohl
Kurffirst Ruprecht II. 1395 angeordnet hatte, daB fair ewige
Zeiten in der Pfalz keine Juden mehr geduldet werden soilen
und dieses Hausgesetz von den folgenden Regenten mehrfachl
in Erinnerung gebracht wurde, verlangten die Bewohne.r man-
cher Orte die Belassung ihrer Juden, wie dies Kurfiirst Ludwig
mit dem Bart (1508-1544) von den Burgleuten in Mannheim
versicherte. Mehr als diese Andeutung, die von einem hohen
kurpfalzischen Beamten gegen Ende des 18. Jahrhuniderts in
einer Denkschrift niedergelegt wurde, ist fiber diese aller-
ersten Juden in Mannheim nicht bekannt.
Ob, als 1607 aus dem Fischerdorfe eine Festung und Stadt
wurde, unter den aus allen Gegenden herbeigekommenen
Ansiedlern auch Juden waren, ist aus den wenigen Nieder-
schriften, die aus den Entstehungsjahren erhalten blieben,
nicht ersichtlich. Das Wormser Memorbuch verzeichnet, daB
am Donnerstag, den 5. August 1622, in Mannheim ein Rabbi
David bar Chajim gestorben sei, der am folgenden Sonntage
in Worms bestattet wurde. Es handelte sich aber, wie das
Wormser sog. ,,Graine Buch" berichtet, uum keinen in Mann-
heim ansissigen Glaubensgenossen, sondern es war gerade
in der Zeit, als Tillys Truppen in die Pfalz eindrangen um
einen von Soldaten dahin verschleppten.
Zuverlassige Nachrichten fiber das Vorhandensein einer
Judengemeinde in Mannheim liegen erst seit der zweiten
HIilfte des 17. Jahrhunderts vor.
Als Kurfiirst Karl Ludwig nach dem Westfilischen Frieden die
Regierung seines Landes antrat, fand er die Pfalz verwiistet und ents
vblkert. Zum Wiederaufbau bedurfte er Menschen, die er aus allen
Gegenden durch Zusage weitgehender Rechte und Freiheiten herbei,
rief. In den Niederlanden, wo er whhrend der Kriegsjahre als FlUichte
ling gelebt hatte, konnte er den Anteil der Juden an der Hebung des
hollandischen Wirtschaftslebens kennenlernen und mit eigenen Augen
sehen, wie durch die aus der Pyrenaenhalbinsel herbeigekommenen
Marranen eine Handelsbliute fuir Holland geschaffen und namentlich
Amsterdam Hauptsitz des Ueberseehandels wurde. Darum sah es Karl
Ludwig nicht ungern, daB sich auch Juden in der Kurpfalz ansiedelten,
denen "in Ansehung des verderbten Zustandes des Landes, auch be-,
kannten Mangels an Vieh, Pferd und Hausrat" gestattet wurde, ,gute
Pferde, tiichtiges Rindvieh und allerhand Hausrat in die Pfalz zu bringen".
Besonderen Nutzen versprach sich Karl Ludwig von der Handelsi
tatigkeit der Juden in Mannheim. Hier, an der Vereinigung von Rhein
und Neckar, sollte ein neues Amsterdam erstehen und dazu, glaubte
er, konnten ihm portugiesische Juden verhelfen. Als er ,alle ehrlichen
Leute von allen Nationen" zur Niederlassung in Mannheim aufforderte,
befanden sich unter den Herbeigekommenen einige Judenfamilien. Sie
waren um 1655 zunichst aus benachbarten, meist linksrheinischen Orten
zugezogen. In den folgenden Jahren gesellten sich zu ihnen Ansiedler
aus der weiteren Umgebung, sowie die sephardischen Familien Astruk,
Carcassone, Montel und Nacquet, die zuvor in Avignon gelebt
batten und die ganz besonders den Warenaustausch mit der zahlreichen,


franzosisch sprechenden Bevolkerung besorgen sollten. Auch aus Polen
batten sich einige Familien vor Chmjelnizkis Verfolgungen in die
neue Zufluchtsstatte begeben. Ihre Zahl war bald den deutschen Juden
zu groB, so daB sie sich 1664 gegen die Vermehrung der Polen verse
wahrten. Nach der Ausweisung der Juden aus Oesterreich (1670) und
der Abtei Fulda kam wieder ein neuer Zustrom, so dab die junge Ge,
meinde nach etwa zwanzigjghrigem Bestehen schon gegen 80 Familien
stark war. Bemerkenswert ist, daB heute noch zahlreiche Nachkommen
der ersten jiidischen Ansiedler in Mannheim leben; es seien nur die
Namen Bensheim, Bensdorf, Dinkelsoiel, Fuld, Hachenburg, Kalter und
Lorsch genannt.
Die Grundlage fiar die Lebensbedingungen der jungen Ge-
meinde bildeten die Konzessionen von 1660, die den Juden
,,deutscher und portugiesischer Nation" gesondert verliehen
wurden. Sie enthielten weitgehende Rechte, wie sie sonst
nirgends in Deutschland far Juden galten. Als Vorlage hatten
die Privilegien gedient, die die niederlindischen Generalstaaten
den Amsterdamer Juden verliehen hatten. Die Konzession der
Portugiesen, die nur kurze Zeit eine gesonderte Gemeinde
bildeten, war weitgehender als die der Aschkenasim. Abge-
sehen von der Beteiligung an der stadtischen Verwaltung
waren die Juden mit der fibrigen Bev6lkerung gleichberech-
tigt und hatten wie diese Anspruch auf Gewerbefreiheit. Auch
am stidtischen Bfirgernutzen hatten sie Anteil. Geringer Vor-
teile wegen verzichteten sie aber schon 1664 darauf, ohne zu
ahnen, welch schwerwiegendes Recht sie hiermit preisgaben.
Jeder deutsche Jude, der sich in Mannheim niederlassen wollte,
war verpflichtet, binnen lahresfrist ein Haus zu bauen, dessen Aus,
maBe und Beschaffenheit in der Konzession genau angegeben waren.
Vordem waren die Mannheimer Juden genotigt, den Friedhof in
Worms zu benutzen und den dortigen Rabbiner in religibsen und
rechtlichen Angelegenheiten zu befragen. Durch die Konzession von
1660 wurde ihnen zugestanden, daB sie keiner anderen Judenschaft
innerhalb und auBerhalb der Pfalz unterworfen sein sollten. So bildete
die Mannheimer Judenschaft bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts
eine gesonderte Korperschaft, die mit der iibrigen kurpfilzischen Judeno
schaft keinerlei Beriihrungspunkte hatte. Die Konzession raiumte der
Gemeinde ferner das Recht ein, ihren eigenen Rabbi, Vorsanger und
Schulmeister halten, eine Synagoge bauen und einen Begribnisplatz
anlegen zu diirfen. Der Friedhof, fiber dessen Erwerbung schon lange
Verhandlungen schwebten, wurde bereits 1661 seinem Zwecke uber,
geben. Er lag in einem Bollwerk (heute F 7) und bildete bis 1839
die Begrabnisstatte der Mannheimer Juden. Heute ist er das ilteste
geschichtliche Wahrzeichen der Stadt. Wo die erste Synagoge stand,
liBt sich mit Sicherheit nicht bestimmen; hingegen ist einwandfrei er,
wiesen, daB um 1670 eine neue Synagoge an der Stelle erbaut wurde,
wo die jet-ige steht.
Der erste namentlich bekannte Rabbiner war I s a a c
B r i i n (1671-1677). Wihrend seiner Amtstatigkeit (1674)
wurde d:e Beerdigungsbruderschaft (Chewra Kaddischa) ge-
grfindet, die heute noch besteht. Andere bedeutende Pers6n-
lichkeiten jener Zeit warren der Judendoktor H a y u m J a -
c o b, der als Arzt und Bauunternehmer groBes Ansehen ge-
noB, sowie der nachmalige kaiserliche Oberhoffaktor Sa -
muel Oppenheimer, der vor seiner Uebersiedelung
nach Wien abwechselnd in Heidelberg und Mannheim wohnte
und dessen zweite Gemahlin, Gentille, geb. Carcassone, Mann-
heimerin war.
Infolge der Belagerung und Zerst6rung der Stadt durch
die Franzosen (1688/89) mu8ten auch die Mannheimer Juden
ihre Heimat verlassen und sich vortibergehend ins Exil be-
geben.
Erst nach 1697, als die Stadt zum dritten Male aufgebaut
wurde, konnten auch die jiidischen FlPichtlinge wieder zurfick-
kommen. Kurffirst Johann Wilhelm hatte 1698 ihre Konzession
dahingehend erweitert, daB ihre Zahl.von 84 auf 150 Familien
erh6ht wurde. Obwohl der Kurffirst angeordnet hatte, ,,daB
man mit Aufnahme der Juden nicht allzu faul sein soill", wurde
diese H6chstzahl nur selten erreicht. Der Wiederaufbau der
Stadt wurde mit Eifer betrieben, und die Regierung wachte
scharf dariiber, daB jeder neu hinzukommende Jude seiner
Baupflicht genfige. Nur in seltenen Fillen, zumeist gegen Er-
legung einer Abfindungssumme, konnte Befreiung erwirkt
werden. Auch die Synagoge erstand wieder auf ihrer friihe-
ren Stelle. Als Rabbiner wirkte damals David UIf (1706
bis 1719), der einer angesehenen Frankfurter Familie ent-
stammte.


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindeblatt


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Seite 4 Israelitisches Gemeiudeblatt 14. Jalirgang I Nummer 17


Die Zeitverhaltnisse waren dem neuerstandenen Gemeinwesen
wenig giinstig. Wahrend des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714)
drohte der jungen Stadt mehrmels Zerstorung. Das kriegerische Treiben
in unmittelbarer Nahe gab aber mehreren Mannheimer unternehmungs-
lustigen Juden Gelegenheit, sich durch Heereslieferungen, die sie teils
auf eigene Rechnung, teils als Beauftragte der Wiener Hiuser Oppens
heimer, Wertheimer und Sinzheim besorgten, Geld und Ansehen zu
erwerben. Bei vielen schmolz aber besides schnell zusammen.
Die bedeutendsten Geschiftsleute jener Zeit waren Hayum
Sinzheim und Lemle Moses Rheinganum. Letzterer hatte 1687
das Niederlassungsrecht erworben und erlangte unter Kurfiirst Johann
Wilhelm als Oberhof* und Milizfaktor eine bedeutungsvolle Stellung


Die Konzession seines Vorgangers bestatigte Karl Philipp 1717
und erweiterte sie dahingehend, daB 200 Judenfamilien in der Stadt
schutzberechtigt werden konnten. Auch das Recht, ein Spital vors
nehmlich zur Beherbergung von Bettlern zu errichten, wurde der
Judenschaft eingeraumt. Dieses war bereits 1711 in dem Gebiude, das
bis vor kurzer Zeit diesem Zwecke diente (E 5), er6ffnet. Schon die
Konzession von 1691 enthielt die Zulassung von Juden zur Ausiibung
des irztlichen Berufes, ,wann einer dazu qualifiziert und von unserer
medicinischen Facultit zu Heidelberg beharend examinirt" worden war.
Die in der ersten Hilfte des 18. Jahrhunderts auf ihrem Hohe-
punkte stehende Wirtschaftslehre des Merkantilismus begiinstigte die
Lage der Mannheimer Juden. Wie in anderen Landern, sah man auch


Gemeindevorsitzende seit 1909


Dr. Abraham Staadecker
Vorsitzender des Syn..Rats
vom 15.Jan. 1909 bis 12.Mai 1910
gestorben 12. Mai 1910


August Oppenheim
Vorsitzender des Syn.-Rats
v. 29. Juni 1910 b. 14. Mai 1911
gestorben 14. Mai. 1911


Sally Reiss
Vorsitzender des Syn.sRats
v. 14 Juni 1911 b. 9. Febr. 1914
gestorben 9. Febr. 1914


Max Goldschmidt
Vorsitzender des Syn.-Rats
v. 26. Febr. 1914 b. 6. Sept. 1923
Ehrenvorsitzender b. z. s. Tode
gestorben 31. Mai 1926


Professor Dr. Julius Moses
Vorsitzender des Syn.vRats
v. 4. Okt. 1923 b. 31. Miirz 1934



und ein fur die damaligen Verhiltnisse staunenswert hohes Vermogen.
Als Vertrauensmann des Kurfiirsten erledigte er fur diesen wichtige
Geldgeschifte und vertrauliche Missionen Aus Erkenntlichkeit gab
ihm der Kurfiirst die Miihlau in Erbpacht, die Lemle Moyses in ein
landwirtschaftliches Mustergut umwandelte, das durch einen jiidischen
Verwalter und jiidische Arbeiter bebaut wurde. Ein dauerndes An.
denken schaffte sich Lemle Moyses, der 1724 kinderlos starb, durch
seine schon 1706 bestitigte, aber erst zwei Jahre spiter verwirklichte
Klausstiftung, fir die er neben den erforderlichen Gebiuden noch ein
Kapital von 100000 fl. zur VerfUigung stellte. Diese Stiftung war vor
allem als Stitte jiidischer Forschung und Belehrung gedacht.
Als Kurfiirst Karl Philipp (1716-1742) seine Residenz 1720
von Heidelberg nach Mannheim verlegte, diente ihm bis zur
Vollendung des Schlosses das heutige Casino (R 1, 1) als In-
terimsresidenz. Dieses Haus war von E m a n u e 10 p p e n -
h e i m e r, dem Sohne des Wiener Oberhoffaktors, zu dem
ausdrticklichen Zwecke orbaut worden, daB der Kurfiirst ,,bei
dero zeitlicher Hierherkunft, solange his ein eigenes kurfiirst-
liches Haus dahier erbaut sein wuirde, logieren k6nnte."


Dr. Max Griinewald
Vorsitzender des Syn Rats
seit 18. December 1934



in der Pfalz im Handel der Juden, namentlich im Vertrieb der in
heimischen Manufakturen hergestellten Erzeugnisse im Auslande und
in der Einfuhr der erforderlichen, im Inlande aber knapp vorhandenen
Rohstoffe, ein wirtschaftf6rderndes, den Wohlstand des Landes hebens
des Unternehmen. Es fiel der Regierung nicht immer leicht, diese
Tatigkeit gegeniiber den Ziinften zu unterstiitzen, die auf ihre Gerecht:
same pochten. Viele Anordnungen zeugen davon, wie das Beemtentum,
in dem Bestreben, jede grundsatzliche Entscheidung zu vermeiden, bald
der einen, bald der andern Seite kleine Zugestindnisse machte, um fiir
kurze Zeit unbehelligt zu sein. Schon damals bestanden ji.dische Ge-
schafte, die besonders im Eisen- und Textilwarenhandel fiihrend waren.
Nicht allein der kiirfiirstliche Hof und die verschiedenen Regierungs-
stellen bezogen von ihnen einen Teil ihres Bedarfs, sondern auch die
Stadtverwaltung lieB sich zu jeder Zeit von jiidischen Kaufleuten be-
liefern. Wenn auch der iiberwiegende Teil der Judenschaft dem Handel
oblag, so war doch das Handwerk stets unter ihr vertreten, soweit
dies durch das Zunftwesen m6glich war. Auch gab es immer einige
Lehrer in der Gemeinde, die die jiidische Jugend in deutscher Sprache
und Schrift, in der Rechenkunst und anderen gemeinniitzigen Kennt%
nissen unterrichteten. DaB fur die religiose Unterweisung in reichlichem
MaBe gesorgt war, ist selbstverstandlich.


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Israelitisches Gemeindeblatt


14. Jahrgang I Nummer 17







14. Jalirgang I Nummer 17 Israelitisches Gemeindeblatt Seite 5


Der von einem straff gegliederten Beamtentum getragene abso%
lutistische Staat wirkte sich indessen auf die Gemeinde als solche in
manchem nachteilig aus. Ihre Befugnisse wurden im Laufe der Jahre
durch VerwaltungsmaBnahmen eingeengt und ihr urspriingliches Selbst,-
bestimmungsrecht erlitt EinbuBen. So nahm die Regierung nach und
nach fir sich in Anspruch, die Wahl der Rabbiner und anderer Ge,
meindebeamten, sowie die der Vorsteher zu bestatigen und die Vero
wendung der Gemeinde, und Stiftungsgelder zu uiberwachen.
Im groBen und ganzen behandelten aber die Beamten, besonders
die, die fur Judenangelegenheiten zustandig waren, die ihnen zuge,
wiesenen Fragen mit Wohlwollea und Verstandnis. Manche waren in
der Tat Gonner der Judenschaft. Auch das Verhaltnis zur christlichen
Stadtbevolkerung kann zumindest ein ertrigliches genannt werden,
wenn es auch an vereinzelten judenfeindlichen Stimmen, Schmiah
schriften und Spottgedichten nicht fehlte. Nichtjiidischen Fremden fiel
das ungezwungene Wesen der Mannheimer Juden auf, mit dem sie sich
in der Stadt bewegten, sowie der Umstand, daB kein besonderes Juden,
viertel bestand. Zu Karl Philipps Zeiten wurde zwar (1722) seitens der
Regierung erstmals der Plan erwogen, die Juden zunichst diejenigen,


kammer entstandenen Zustindigkeitsstreitigkeiten, keinie f6rm-
liche Rechtskraft und wurde 1765 durch eine ,,Konzessions-
Erliuterung" ersetzt.
Diese beseitigte nicht nur alle Vorteile der vorigen, sondern
ordnete auch ausdriicklich an, daB die Juden ihre Hauscr an den
Haupto und den ihnen benachbarten NebenstraBen innerhalb dreier
Jahre verkaufen und alle in einen ihnen anzuweisenden Stadtbezirk
iibersiedeln miissen. Der Kurfiirst bestimmte als Judenviertel die
heutigen Quadrate F 3-6, G 3-6, H 3-6, J 3-5 und K 3. Die Synagoge
und die Lemle Moses'sche Klaus durften an ihrer Stelle bleiben. Der
Vollzug dieser Anordnung erfolgte aber sehr allmihlich; sie wurde
auch nach einigen Jahren wieder aufgehoben, da sie viele Unzutraig
lichkeiten hervorrief.
Wenn auch die Masse in ein besonderes Wohnviertel verwiesen
worden war, so drang doch der Geist der Zeit und das, was die Um,
welt bewegte, zu ihr. Gegen Ende des Jahrhunderts machte sich der
EinfluB Mendelssohns und seines Kreises ebenfalls in Mannheim fuihli


Stadtrabbiner seit 1880


Dr. Moritz Steckelmacher
Rabbiner in Mannheim
v. 1. Mai 1880 bis 23. Mai 1920
gestorben 23. Mai 1920


Dr. Isaak Unna Dr. Chaim Lauer
Rabbiner in Mannheim Rabbiner in Mannheim
vom 1. Jan 1898 bis 1. Sept. 1935 seit 1. Mai 1925


Dr. Gustav Oppenheim
Rabbiner in Mannheim
v. 1. April 1894 bis 30. Juni 1933


die ihrer Baupflicht gar nicht [oder nicht geniigend nachgekommen
waren in besondere Stadtquadrate zu verweisen. Der Stadtrat glaubte
aber, daB von der Schaffung einer besonderen Judengasse, die zwar
schon oftmals deliberiert, aber "in hiesiger Stadt aus verschiedenen,
erheblichen Ursachen niemals ffr ratsam befunden" wurde, abgesehen
werden konne.
Als namhafte jidische Pers6nlichkeiten jener Zeit sind er-
wiihnenswert: der Hof- und Milizfaktor Mi c h a e 1 M a y, der
um 1720 auf des Kurfiirsten Veranlassung von Innsbruck nach
Mannheim gekommen war. Die von ihm gegriindete Klaus
war schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts eingegangen. Eine
von ihm errichtete Brautausstattungs- sowie eine Studienbei-
hilfestiftung bestehen noch heute. Zwischen 1720 und 1730 hielt
sich auch Joseph S iB Oppenheimer, der nachmalige
wilrttembergische ,,Finanzdirektor", als Admodiator des ge-
stempelten Papiers in Mannheim auf. Nach dem pfalzischen
Hofkalender lebten damals acht jildische Hoffaktoren in der
Stadt. Das Rabbineramt bekleidete, nachdem dieses vom Klaus-
oberrabbiner H ill e I M i n z mehre.re Jahre interimistisch
versehen worden war, von 1726-1751 S am u e 1 He I m a n n.
Er trat mit aller Entschiedenheit gegen Auswiichse der Kab-
bala auf und gegen den Sabbatianismus, der auch in Mannheim
Anhanger gefunden hatte.
Die von Kurfiirst Karl Theodor (1742-1799) der Mann-
heimer Jiudenschaft erteilte Konzession, fiir deren Bewilligung
die Gemeinde eine Rekognition von 15 425 fl. zu listen hatte,
enthielt neben einigen Verbesserungen der vorigen Judenord-
nung namentlich in geschdiftlicher Hinsicht aber auch die
Anordnung, daB kiinftig Juden kein Haus in der HauptstraBe
kaufen diirften, sondern daB sie sich nach und nach in die Ge-
gend ihrer Synagoge, ihres Spitals und Begribnisses hiuslich
begeben sollten. Die Konzession von 1744 erhielt aber, vor-
nehmlich wegen der durch sie zwischen Regierung und Hof-


bar. Auch die christliche Oberschicht, namentlich das Beamtentum,
befaBte sich, dem Zeitalter der Aufklirung entsprechend, mit der Juden,
frage und die Schriften von Dohm und anderer Verteidiger der Juden
wurden damals in unserer Stadt eifrig gelesen und besprochen. Als im
letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts fiber den Rhein her der Ruf
Freiheit und Gleichheit erschallte, erhofften die Juden, genau so wie
die iiberwiegende Mehrheit der Stadtbevdlkerung, auch fir sich den
Anbruch einer besseren Zukunft.
Es wire irrig, anzunehmen, daB sich alle Mannheimer Juden in
guter Vermogenslage befanden. Die Reichen und Wohlhabenden bil-
deten stets eine diinne Oberschfcht. Die iiberwiegende Mehrzahl lebte
in recht bescheidenen Verhiltnissen. Ein nicht geringer Teil war arm
und auf Almosen angewiesen. Ueber die Lebenslage vieler Familien,
namentlich fiber die Wohnungszustande, entwirft der Mannheimer Arzt
Dr. Elkan Isak Wolf in seinem 1777 erschienenen Schriftchen ,Von
den Krankheiten der Juden" ein recht diisteres Bild. Zur Unterstiitzung
der Bediirftigen gab es verschiedene Familienstiftungen, die Brennholz,
Lebensmittel fiir Sabbate und Feiertage verteilten oder Kleidungsstiicke
beschafften. Der 1727 gegriindete ,Gevatternverein" sorgte fuir die
Wochenpflege und die 1732 entstandene ,GroBe Bruderschaft der
Krankenverpflegung", die 1774 umgestaltet wurde, gewahrte ihren Mite
gliedern freie irztliche Behandlung, Heilmittel sowie Krankengeld und
stattete alljihrlich eine Braut aus.
Die einfluBreichsten Pers6nlichkeiten der Gemeinde waren
zur Zeit Karl Theodors die Hoffaktoren E 1 ia s H a y u m
(Bin g) und dessen Sohn M a y e r Elia s, die als Heeres-
L:eferanten wahrend des Siebenjahrigen Kriegcs zu groemrn
Reichtum gelangten. Die von Elias Hayum in seinem Haiuse
G 2, 19/20 errichtete Privatsynagoge, die ,,Stuttgarter Schul",
sogenannt, weil ihr Griinder nach Jud StiBens Hinrichtung von
Stuttgart nach Mannheim iibergesiedelt war, bestand his gegen
Ende des vorigen Jahrhunderts. Als Gemeindevorsteher mach-
ten sich um die Jahrhundertwende Abraham Nau en,
Wolf May, David Ullmann und Hayum S. Ot-
terburg sehr verdient. Bei aller Riicksichtnahme auf das
Althergebrachte waren sie doch Neuerungen zugdinglich, wie


14. Jahrgang / Nummer 17


v w ,


Israelitisches Gemeindeblatt


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Seite 6 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jahrgang I Nummer 17


sie auch stets daffir eintraten, der Gemeinde und ihren Glie-
dern einen freieren und weiteren Lebensraum zu schaffen.
Als Rabbiner wirkten in Karl Theodors Tagen D e w e I e
(David) H e B (1761-1767), der in eine Ehescheidungsange-
legenheit, den sog. Clever-Get, verwickelt war, die die da-
malige jiidische Gelehrtenwelt lange Zeit beschaiftigte. Der
nichste Rabbiner, Hirschel Le wi n, war von London
fiber Halberstadt nach Mannheim gekommen, folgte aber schen
nach wenigen Jahren einem Rufe nach Berlin. In humorvoller
Weise soil er die Gemeinden seiner Wirksamkeit folgender-
maBen gekennzeichnet haben: ,,In London hatte ich Geld und
keine Juden, in Mannheim Juden und kein Geld, in Berlin kein
Geld und keine Juden." Sein Nachfolger in Mannheim war
M i c h a e I S c h e u e r (1778-1809). Er starb in Karlsruhe
anlIiBlich einer Notablenversammlung, die die badische Regie-
rung dorthin einberufen hatte.
Unter der Regierung des letzten pfalzischen Kurfiirsten,
Max Joseph (1799-1803), der, wie sein Vorgdnger seit 1778,
die Pfalz von Mainchen aus regierte, war unter der Mann-
heimer Judenschaft das Streben nach Gleichberechtigung und
der Drang nach religibsen Reformen noch stirker als bisher
zum Durchbruch gekommen. Auch die Regierung beschiftigte
sich damals eingehend mit der Frage ,,der Veredelung der
Juden." Aaron Elias Seeligmann aus Leimen, der
nachmalige Baron von Eichthal und W o If J a k o b W ii r z -
w e i I e r waren die ersten Mannheimer Juden, denen das
stadtische Biirgerrecht verliehen wurde.
Der erste badische GroBherzog, Karl Friedrich, dem 1803
der grSBte Teil der rechtsrheinischen Pfalz zugefallen war,
hatte in seinen Konstitutionsedikten die Juden seines Landes
zu erbfreien Staatsbfirgern erklirt, die unter bestimmten Vor-
aussetzungen auch Gemeindebfirger werden konnten. 1812
hatten schon 25 Mannheimer Juden (GroBkaufleute und Hand-
werker) .das staidtische Biirgerrecht erworben. Mit dem Edikt
vom 13. January 1809 fiber ,,die bfirger- und kirchenrechtlichen
Verhdiltnisse der badischen Israeliten" hbrte das bisherige
Selbstbestimmungs- und Selbstverwaltungsrecht der Mann-
heimer Gemeinde auf. Sie wurde ein Glied der biadischen
Judenschaft (Landessynagoge), an deren Spitze der GroB-
herzogliche Oberrat der Israeliten gesetzt wurde.
Die erste Halfte des 19-Jahrhunderts war von dem Bestreben
erfiillt, die Gemeinde in diese Rechtslage iiberzufiihren. Mit besonderem
Eifer suchte sich die Mannheimer Judenschaft der Kultur der Umr,
gebung anzupassen. Schon 1816 griindete Dr. Simon Wolff eine Er%
ziehungs, und Lehranstalt, aus der 1821 die jiidische Volksschule wurde.
Diese bestand bis zur Auflbsung der konfessionellen Schulen im Jahre
1870. Auch fiir die Heranbildung von Handwerkern und eine Berufs-
umschichtung der jiidischen Bevolkerung zeigte man damals groBes
Verstandnis. An den Kampfen der badischen Israeliten zur Erlangung
der Gleichberechtigung, die 1862 erreicht wurde, nahmen die Manns
heimer Juden sehr regen Anteil. Namentlich war es neben Dr. jur.
Leopold Ladenburg, der in zwei wirkungsvollen Schriften fiir die
Gleichberechtigung eingetreten war, die 1829 begriindete Ressource,
Gesellschaft, die sich fiir die Emanzipation und eine Reform des Gottes,
dienstes nach dem Vorbilde des Hamburger Tempels einsetzte. Solange
jedoch der konservativ gesinnte Hirsch Traub (1824-1849) das
Rabbineramt innehatte, konnte die Reformbewegung keine groBen
Fortschritte machen.
Nach dem Beitritte Badens zum Zollverein, (1835) sowie nach
dem Bau der ersten Eisenbahn und der Durchfiihrung der Hafen,
anlagen entwickelte sich eine rege Handelstatigkeit in der Stadt, die
durch vicle jiidische Kaufleute stark gefordert wurde. Namentlich im
Getreide,, Tabakv, Hopfen,, Leder,, Metall, und Holzhandel nahmen
jiidische Firmen fiihrende Stellungen ein. Gefardert wurde die Ent,
wicklung und spiter das Aufbliihen der Industrie durch die Banks
hauser W. H. Ladenburg und Hohenemser. Die GrUnder dieser
Hauser nahmen auch am jiidischen Gemeindeleben regen Anteil.
W. H. Ladenburg gehbrte lange dem Gemeindevorstande an und war
Mitglied des Oberrats. Auch am gesellschaftlichen und politischen
Leben der Stadt und an der Pflege der Kiinste und Wissenschaften
waren viele jiidische Familien beteiligt.
Als 1852 die zu klein gewordene Synagoge durch einen Neubau
ersetzt wurde, entfachte die Frage, ob in diesem Gotteshause eine
Orgel aufgestellt werden solle, einen erbitterten Kampf, der die Ge,
meinde in ihren Grundfesten erschiitterte. Die Mehrheit sprach sich
dafiir aus und der Oberrat gestattete 1855 die Einfiihrung. In jenem


Jahre wurde die Synagoge, die dritte auf diesem Platze, durch Rabs
biner Moses Prager (1855-1861) feierlich eingeweiht. Prager ist auch
der Verfasser des Mannheimer Gebetbuchs, das heute noch dem
Gottesdienste der Hauptsynagoge zugrunde liegt und dessen Einfiih-
rung ebenfalls von erbitterten Kimpfen begleitet war. Den konservativ
gerichteten Gemeindemitgliedern steht die Klaussynagoge zur Vers
fugung, die 1888 neu erstellt und 1930 vergriiert wurde. Auf Rabs
biner Prigers Veranlassung wurde 1859 der Waisenverein gegriindet,
der in R 7, 24 sein eigenes Heim besitzt. Seit der Einweihung der
Synagoge besteht auch der Synagogenchor, aus dem 1856dem 1856 der Mnner
gesangverein ,Liederkranz" hervorging. Er hat sich viele Verdienste
um das Mannheimer Musikleben erworben.
Nach dem Kriege von 1870/71, an dem auch mehrere Mann?
heimer Juden teilnahmen, und nach dem Wiedererstehen des Deutschen
Reiches nahm das Wirtschaftsleben einen ungeahnten Aufschwung, der
bis 1914 anhielt.
In religiiser Hinsicht waren jene Jahre weniger erfreulich. Nach
den schweren Kampfen, die die Orgels und Gebetbuchfrage entfacht
hatten, trat eine Erschlaffung ein. Wie iiberall in Westeuropa verflachte
das jiidische Leben. Ein unrichtig aufgefaBtes Anpassungsstreben an
die Umgebung vernichtete jiidische Werte, die unsere Vorfahren in
vieljihrigem Schaffen errungen batten. Durch mehrfache Uebertritte
vormals fiihrender Familien zum Christentum erlitt die Gesamtheit in,
sofern Schaden, als mancher, der mit den Bindungen der Vergangens
heit fast vallig gebrochen hatte, durch die gegebenen Beispiele noch
wankelmiitiger wurde.
Obwohl die Gemeinde musterhaft verwaltet wurde, reiften in
dieser Zeit keine Fiihrer heran, die imstande waren, religibses Leben
zu entfachen und die Lauen wieder um die alte Fahne zu sammeln.
Auch die Predigten des gelehrten Stadtrabbiners Dr. Moritz Steckel:
macher, so tief durchdacht und hinreiBend sie waren, iibten nach
dieser Richtung hin keine nachhaltige Wirkung aus. Nur auf dem Ge:
biete der Woblfahrtspflege und sozialen MaBnahmen, die in der Haupt%
sache von Vereinen und der 1896 entstandenen August Lameys Loge
getragen wurden, sind erfreuliche Leistungen zu verzeichnen. Diese
zeigten sich besonders in der Zeit, als viele aus dem Osten vertriebene
Familien hier eine Zufluchtsstatte fanden. Es darf zum Ruhme der
Mannheimer Judenschaft gesagt werden, daB sie jederzeit gern und
reichlich jiidische Wohltatigkeit iibte, einerlei, ob es sich um Lin,
derung der Not in eigenen Reihen oder um auswartige Glaubens,
briider handelte. Auch wenn fiir allgemeine Belange Mittel erforder,
lich waren, standen jiidische Kreise nie zuriick.
Zu Beginn dieses Jahrhunderts, als die nationaljiidische Bes
wegung auch in Deutschland allmahlich Boden zu fassen began,
fand sich auch hier ein kleiner Kreis, der erkannte, daB zur Erhaltung
des Judentums mehr nbtig sei, als die Abwehr des Antisemitismus.
Aber diese Erneuerung konnte sich, obwohl sich ihr vor allem Akas
demiker und viele Jugendliche anschlossen, nicht leicht durchsetzen.
Erst nach Beendigung des furchtbaren Krieges 1914/18, in
dem auch 135 Sbhne unserer Gemeinde ihr Leben opferten,
trat eine Wendung ein. Sein ungificklicher Ausgang und seine
schlimmen Wirkungen sind noch allen, die diese Zeiten mit-
erlebten, in Erinnerung. Damals besannen sich die Fiihrer
unserer Gemeinde darauf, daB auch die Religionsgemeinde
ihren Aufgabenkreis weiterstrecken muB und kann als bisher
und daB sie dem wiedererwachten religi6sen Leben gerecht
werden mfisse. Es ist das Verdienst der Vorsteher Max
Goldschmidt und Dr. Julius Moses, daB sie die Er-
fordernisse der Zeit erkanncen, ihnen Rechnung trugen und
namentlich den Bestrebungen der Jugend hinsichtlich einer jii-
dischen Renaissance Verstandnis und Fbrderung angedeihen
lielen. Das 1931 er6ffnete Altersheim zeigt anderseits, daB da-
bei die Sorge far die Alten nicht auBer acht blieb.
Die fast 300jahrige Geschichte unserer Geme:nde ent-
spricht den H6hen und Tiefen des allgemeinen Judenschicksals.
Sie zeigt deutlich, daB alle geistigen und sozialen Einrichtun-
gen, die die jfidische Gemeinschaft im Laufe der Jahrhunderte
schuf, auch in unserer Gemeinde im einzelnen vielleicht von
der heutigen Form verschieden vorhanden waren. Wir diir-
fen deshalb von einer guten Mannheimer Tradition sprechen,
deren Erhaltung wfiinschenswert ist. Sie wird die stirken, die
hier bleiben und denjenigen, die die alte Heimat verlassen.
den Weg in den neuen Wohuluindern ebnen helfen. Durch d:ese
Tradition werden Vorbedingungen zum Wurzelschlagen ge-
schaffen, die die Vergangenheit mit der Zukunft verkniipfen
Berthold Rosenthal.


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Israelitisches Gemeindeblatt


14. Jahrgang / Nummer 17







14. Jalirgang I Nummer 17 Israelitisches Gemeindeblatt Seite 7


Bev6olkerungsbewegung und
Altersaufbau der Gemeinde
Eine genaue Kenntnis von der Zahl der Mannheimer Ju-
den erhalten wir erst seit Einfilhrung der allgemeinen Ge-
meinde- und Volkszahlungen im Anfang des 19. Jahrhunderts.
AufschluB iiber frifihere Zahlen geben uns die stadtischen Ar-
chive. Die in ihnen enthaltenen Angaben, fiber die Juden Mann-
heims dienten allerdings nicht bevblkerungsstatistischen Ge-
sichtspunkten, sondern sind zum Zwecke der Festsetzung von
Steuern und Abgaben gemacht worden. Aus diesem Grunde
sind keine Einzelpersonen, sondern nur Haushaltungen regi-
striert. Wir k6nnen aber die Zahl der Mannheimer Juden im
17. und 18. Jahrhundert ungefaihr errechnen, wenn wir an-
nehmen, daB eine Familie damals aus durchschnittlich 5 K6p-
fen bestanden hat.
Die ersten Angaben stammen aus dem Jahre 1680. Damals
waren 78 jiidische Familien, also ca. 400 Juden in Mannheim
ansissig. Im Jahre 1722 waren es 128 schutzberechtigte Fa-
milien; dazu kamen noch 45 Familien ohne Schutz, zusammen
also 173 Haushaltungen mit insgesamt etwa 850 Seelen. Eine
Angabe aus dem Jahre 1743 verzeichnet keine wesentliche
Veranderung der jiidischen Bevblkerungsziffer, nimlich 178 Fa-
milien. Dagegen ist im Jahre 1765 die jiidische BevSlkerung
auf 249 Familien *angewachsen, und ffir das Jahr 1800 geben
die Archive an, daB in Mannheim 181 Minner, 220 Frauen und
Witwen und 539 Kinder, dazu Bedienstete und Angestellte,
insgesamt also iiber 1 000 jiidische Personen ansissig waren.
(Rosenthal.)
Exakte Zahlen sind seit dem Jihre 1825 vorhanden. Da-
mals waren in Mannheim 1456 Juden wohnhaft. Seit dieser
Zeit bestehen auch genaue Angaben fiber das Verhiltnis der
jiidischen Einwohner zur Gesamtbev6lkerung Mannheims. Es
betrug der Anteil der Juden
im Jahre 1825 5,7 o/o (1456)
1875 8,3 O/o (3853)
1890 5,8 O/o (4553)
1900 3,9 O/o (5478)
1910 3,3 O/o f642)
1925 2,8 o/o (6972)
1933 2,3 O/o (6402)
1936 1.8 o/o (5000)
In dem Jahrhundert von 1825 bis 1925 war neben der anfang-
lichen natfirlichen Bev6lkeru'ngsvermehrung ein dauernder Zu-
wachs durch Zuwanderung hauptsdichlich aus Nordb'aden
und der Pfalz vorhanden. Diese Zunahme war aber weit
kleiner als die allgemeine Bevblkerungsentwicklung Mann-
heims. Seit 1925 kommt zu dieser Abnahme des prozentualen
Anteils auch eine tatsdichliche Abnahme der Zahl der Mann-
heimer Juden und zwar von 1925 bis 1933 um 8% und von
1933 bis 1936 um weitere 20%.
Die Zahl der in Mannheim, d. Ih. der grUBten Stadt Badens
wohnenden Juden betrigt ungefahr ein Drittel der in Baden
Jahre
_- fiber 70

70-
minnlich welblich
60-

-- -
L rrm =0

.- w- -, 40o


Geburten
- Todesfille


100


80


-


1920 1923


- -=


1926 1929 1932 1935


Geburten und Sterbefille 1920-1935
ansassigen Juden. Baden gibt also im Kleinen die Bev6lke-
rungsverhaltnisse der Juden im Reich wieder, von denen ein
Drittel in Berlin wohnhaft sind. Das war nicht immer so. Im
Jahre 1825 lebten nur 8% der damals insgesamt 17 600 badi-
schen Juden in Mannheim, im Jahre 1875 waren es bereits
15%. Als Ergebnis der seit dieser Zeit fortschreitenden Land-
flucht waren im Jahre 1925 von den 24 000 badischen Juden
29% hier ansassig, und bei der letzten Volkszahlung vom
16. Juni 1933 wurden 31% aller badischen Juden in Mannheim
festgestellt.
Schuld an der fortschreitenden Abnahme der Zahl der
Mannheimer Juden sind zwei Faktoren, nimlich A bw a n -
derung und Ueberalterung.
Die seit 1933 einsetzende Abwanderung betrug bis 1. Juli
1936 ungefahr 1250 Personen. Ueber die Ziele der Auswande-
rung wird an anderer Stelle berichtet. Hier sei festgestellt, daB
die Abwanderung am starksten die bevilkerungspolitisch wich-
tigsten Altersklassen von 20 bis 40 Jahren und am zweitstiirk-
sten die Jugendlichen hunter 20 Jahren betrifft, daB sie also
dazu verhilft, die ohnehin bedeutende Ueberalterung der Mann-
heimer jiidischen Bev6lkerung noch zu verstairken.
Die Mannheimer jiidische Bev61kerung weist seit Jahren
schon einen Verlust von zur Zeit 12'%; pro Jahr auf und zwar
durch das Ueberwiegen der Sterblichkeits- iiber die Geburten-
ziffern. Die Geburtenziffern waren in den letzten 5 Jahren:
1931 1932 1933 1934 1935
33 26 12 10 22
Die Sterbefaille im gleichen Zeitabschnitt betrugen:
1931 1932 1933 1934 1935
74 92 81 83 88
Durch diesen Vergleich ist ersichtlich, daB die Mannheimer
jiidische Bevolkerung um 60-70 Personen jahrlich durch
Uebersterblichkeit abnimmt.
Der Altersaufbau der Mannheimer Juden weight wie der
der gesamten itidischen Bev6lkerung in Deutschland wesent-
lich von der Norm ab. Das Bild der bekannt.en Alterspyramide
ist nicht mehr anwendbar. Es fehit den reiferen Jahrgangen
die breite tragfahige Basis der Jugendlichen, es fiberwiegen
die hoheren Altersklassen. Folgende Abbildung mag dies ver-


o10o/ 58/o 6,o 40/o 2%/o 2 ,o 4i1 O O/o 80/0 100/0
Altersaufbau der Mannhelmer jiidischen Bev6lkerung.
Zum Vergleich normaler BevS1kerungsaufbau (schraffiert).


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anschaulichen, wobei zum Vergleich die Alterspyramide einer
stationiiren Bev6lkerung mit aufgeffihrt ist, um die starke Ab-
weichung von der Norm herauszuheben.
Der Altersaufbau ergibt sich aus nachstehender Tabelle,
die die Mannheimer jiidische Bev6lkerung hinsichtlich Ge-
schlecht, Alter und Familienstand zahlenmaBig wiedergibt:
Alter ledig verheiratet verwitwet geschieden zusammen
(Jahre) mannl. weibl. manni. weibl. minnl. weibl. mannl, weibl. mannl, welbl.
0- 5 101 80 -
5-10 182 173 -501 448
10-15 218 195 -
15-20 130 135 140 135
20-25 260 201 9 260 210
25-30 296 181 24 81 5 320 267
30-35 208 111 84 161 6 1 6 293 284
35-40 125 65 126 211 8 2 11 253 295
40-45 49 54 149 188 1 6 6 10 205 258
45-50 47 38 200 197 5 25 4 6 256 2C6
50-55 43 40 232 163 6 54 4 7 285 264
55-60 32 35 224 169 15 80 2 5 273 289
60-65 19 20 142 95 15 70 2 3 178 188
65-70 18 12 103 51 15 73 1 2 137 138
lber 70 10 15 102 21 47 169 2 159 207


zusam 11748 1355 11386 1346


104 491


22 57


Folgende Ergebnisse k6nnen dieser Tabelle entnommen
werden:
1. Es gibit mehr ledige als verheiratete Juden in Mannheim,
und zwar sind fiber die Hailfte der minnlichen und fiber
zwei Ffinftel der weiblichen jildisohen Einwohner Mann-
heims lediig.
2. In der Altersstufe von 25--30 Jahren sind bei den Minnern
nur 7,5%, bei der Altersstufe von 30-35 Jahren nur 29%
verheiratet. Die 35-40j]ihrigen Minner sind noch zur
Hilfte unverheiratet.
3. Es gibt im Alter von 40-60 Jahren fast so viele Per-
sonen als zwischen 20-40 Jahren. Es sind mehr Personen
fiber 60 Jahren vorhanden als Jugendliche bis 15 Jahre.
Die Zahl der fiber 70jihrigen ist mehr als doppelt so groB
als die der Kleinkinder bis zu 5 Jahren.
Dr. Siegfried Bruchsaler.


3260 3249


Aufgaben und Einrichtungen der Gemeinde


Die Verwaltung der Gemeinde

Unsere Gemeinde wird verwaltet durch den
Synagogenrat,
der in direkter, geheimer Wahl durch alle stimmberechtigten
Mitglieder der Gemeinde auf die Dauer von sechs Jahren ge-
wihlt wird. Er besteht aus 11 Mitgliedern. Diese wihlen aus
ihrer Mitte den Vorsteher und zwei stellvertretende Vorsteher.
Der Synagogenrat faBt seine Beschltisse mit einfacher Mehr-
heit der Erschienenen, wobei aber zur BeschluBfahigkeit zwei
Drittel seiner Mitglieder anwesend sein mitssen. Bei Stim-
mengleichheit entscheidet die Stimme des Vorstehers. Im
Rechnungsjahr 1935 fanden 25 Sitzungen des Synagogenrats
statt.
Neben dem Synagogenrat steht als Organ der Gemeinde die
Gemeindevertretung.
Sie besteht aus den Mitgliedern des Synagogenrats und den
Gemeindevertretern, deren Zahl viermal so groB ist wie die
Zahl der Mitglieder des Synagogenrats. Auch die Gemeinde-
vertreter werden in direkter, geheimer Wahl durch alle stimm-
berechtigten Mitglieder der Gemeinde auf sechs Jahre ge-
wiihlt. Der Gemeindevertretung sind die Beschliisse des
Synagogenrats fiir die im Gesetz vorgesehenen FLille zur Ge-
nehmigung vorzulegen.
Zur Unterstfitzung des Synagogenrats besteht eine Anzahl
von A u s s c h ii s s e n, deren Mitglieder je hilftig vom Syn-
agogenrat und der Gemeindevertretung gewihlt werden.
Es bestehen .Ausschfisse ffir:
das Altersheim
Erziehungsfragen
Finanzwesen
Friedhofangelegenheiten
Gehaltsfragen


Gemeindebibliothek
Gemeindeblatt
Gemeindegebdiude
Krankenhaus
Kultusangelegenheiten
Lehrhaus
rituelle Angelegenheiten
Wahlvorbereitungen
Wohlfahrtsamt *
Lemle-Moses-Claus-Stiftung
die Darlehenskasse
Schulgeldangelegenheiten.
Ffir die A u s g a b e n der Gemeinde und deren Deckungs-
mittel stellt der Synagogenrat jdihrlich einen V o r a n s c h 1 a g
auf, der der Genehmigung der Gemeindevertretung, des Ober-
rats und der Staatsbehorde bedarf. In dem Voranschlag ffir
das Steuerjahr 1935 (1. April 1935 bis 31. Miirz 1936) sind ein-
schlieBlich der Bediirfnisse fiir die Synagoge und die Re-
ligionsschule der Lemle-Moses-Claus-Stiftung, neben anderen
Ausgaben die Kosten enthalten ffir:
3 Rabbiner
5 Lehrer bzw. Kantoren
1 Dirigenten und Organisten
1 Synagogenwart und Begraibnisordner
2 planmiBige Verwaltungsbeamte
4 Bfiroangestellte und 1 Verwaltungslehrling
1 Diener
2 Synagogen- und Nebengottesdienste
1 rituelles Tauchbad
Ruhegehalte und Witwengelder
Beitrag fir Jugendorganisationen
Beitrag zu wissenschaftlichen und sonstigen
Vereinigungen
Gemeindeblatt
Gemeindebibliothek


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Is r a eli i i s c h e s G e m e i 11 d e bl a -t i












VERWALTUNG


V EREI NE -

-Q Liederkranz n V
(Hultur6und)

S Reichsbund Jld. ~
Frontsoldaien
Bar k'ocA6a


RingJudJugend

Ha6onm rn

Haschomer Hazait
SWerk/eute

q, .ahkabl Hazalr

Hechaluz







BCentral- Verein \


I-l
RegI\s-Lberae ._ -F R
-, Scweste_ ,d i E; rn S






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Seite 10 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jalirgang / Nummer 17


Lehrhaus
Anlernwerkstatte
Verzinsung und Tilgung der Anleihen.
Zuschiisse an:
das Krankenhaus
das Schwesternheim
die Friedhofkasse
das Wohlfahrtsamt.
Die Gesamtausgaben betragen nach Abzug der Einnahmen
323910 RM, die durch die Ortskirchensteuer gedeckt werden.
Filr das Rechnungsjahr 1936 kommen noch die Ausgaben
ffir den Erganzungsunterricht in den jiidischen Volksschul-
klassen und fUr den Unterricht in der 9. Aufbauklasse hinzu.
Die mit Hilfe der Zentralstelle flir jiidische Darlehenskas-
sen im Jahre 1933 bei der Gemeinde errichtete D a r I e h en s -
k asse, die gegen entsprechende Sicherheiten Darlehen ffir
productive Zwecke an Gemeindemitglieder gewahrt, hatte am
1. April 1935 einen Darlehensbestand von 11 507 RM und gab
im Laufe des Rechnungsjahres 1935 weitere Darlehen mit zu-
sammen 13 396 RM. Der
Oberrat der Israeliten
iibt die A u f s i c h t fiber die Gemeinde aus, soweit nicht fuir
wenige Falle durch staatliches Gesetz die Staatsaufsicht vor-
geschriebeni ist. Er ist auch die Beschwerdeinstanz ffir die Be-
teiligten gegen alle Beschlfisse der Gemeindeorgane. Seine Zu-
stimmung ist erforderlich zu den Beschlfisseni der Gemeinde
fiir die wichtigen Falle, die in den Satzungen der Landes-
synagoge festgelegt sind. Der Oberrat ist fur die Gemeinde
auch die Verbindunzsbehorde fur den Verkehr mit den zen-
tralen Staats- 'und Reichsbehbrden, und teilweise mit der
Reichsvertretung der Juden. Unsere Abteilungen ffir Wohl-
fahrtspflege, fur Hilfe und Aufbau, fair Berufsumschichtung und
ffir Wirtschaftshilfe stehen in unmittelbarer Beziehung zur
Reichsvertretung.
Aus einem solchen knappen Ueberblick kann der Ein-
druck eines schematischen Verwaltungsapparates entstehen.
der sich selbst genug ist. In. Wirklichkeit dient er einer viel-
gestaltigen Arbeit, die sich nicht in Zahlen und Ordnungs-
ziffern ausdrifcken liiBt und gehorcht lebendigen Antrieben, die
der komplizierten und immer schwieriger sich gestaltenden
Wirklichkeit gerecht zu werden versuchen.
Otto Simon.


Die Stellung des Rabbiners in der

Gemeinde1)
Haben die letzten Jahre das Gesicht unserer Gemeinde
ganz wesentlich verfindert, starker noch macht sich der
Wandel der Zeit beim Rabbiner, seinen Aufgaben und seiner
Stellung in der Gemeinde bemerkbar. Wie weit ist doch der
Weg vom alten Raw, der als Richter und Lehrer sein Amt
versah, fiber den ,,Kauscherwachter" der jiidischen Aufkldi-
rungszeit und den am christlichen Theologen orientierten jii-
dischen Geistlichen bis zum Rabbiner unserer Tage, wieviel
Hoffnung auf Anpassung und Angleichung, Glaube an das
Ende alten Judenschicksals wirkte da bestimmend mit und er-
wies sich als ,,trfiigerische Hoffnung"?
Der Rabbiner steht heute mitten im Gemeindeleben. Ein-
mal wohl weil man alles Leid, das einem widerfahren ist, als
jfildisches Leid empfindet, d'e vielen Fragen, die sich einem
aufdraingen, und ffir die man, keine Lbsung weiB, als jildische

1) Die halachischen Aufgaben des Rabbiners sind hier nicht be,-
riicksichtigt.


Frage einem be.wuBt wird, und man in dem Rabbiner d e n
jildischen Menschen sucht oft eine schwere Belastungs-
probe ffir den Trager dieses Amtes zum andern, well keiner
heute Zeit fur seine Mitmenschen hat, jeder mit seinen N6ten
vollauf beschaftigt ist, und man einen Menschen sucht, der sich
nicht versagt, der bereit ist zum H6ren, und das ist so selten
geworden, daB es haufig von Menschen schon verwechselt
wird mit Helfen. So gibt es kein Gebiet des Lebens mehr, auf
dem nicht der Rabbiner beratend oder entscheidend zum Ein-
greifen veranlaBt wird. Handle es sich um Berufs-
wahl, um Wirtschaftsberatung oder Schiedsgerichte, um
rein menschliche Dinge oder um Fragen, die an das Gebiet
des Nervenarztes grenzen. Es versteht sich von selbst, dem
Rabbiner fehlen sehr haufig die notwendigen wissensmaBigen
Voraussetzungen, er muB also in standiger Fiihlung mit den
Leitern der Wohlfahrtsarbeit, Wirtschaftsberatern, Juristen und
Aerzten sein. Bei einer so weitreichenden Ausdehnung der
Arbeitsgebiete wird natfirlich der Rabbiner als Prediger und
Kasualredner mehr in den Hintergrund treten. Aber das bleibt
gar nicht allein eine Frage des Zeitmangels, sondern der ge-
wichtigeren Frage nach dern Sinn der predigthaften Rede. Die
Zeiten, da der Rabbiner als Prediger den letzten meist h6chst
notdfirftigen Zusammenhalt zwischen jiidischen Menschen und
jiidischer Gemeinschaft herstellte, sind vorbei. Das alte Ju-
denschicksal, das wieder fiber uns gekommen ist, hat da mehr
vermocht als die besten Kanzelredner. Und das Reden des
Rabbiners ist heute nur noch insoweit sinnvoll als es zum
Lernen bereit macht oder schon wieder Lernen ist. Freilich
verspfiren wir gerade hier die Schwere der Riickkehr und wie
problematisch das Lernen von entwurzelten und versorgten
Menschen ist. Trotzdem verliert die Forderung nach Lern-
vortragen und Schrifterklarungen an Stelle von Predigten
nicht an Bedeutung, und sie wird wohl am ehesten verstanden
werden und milBfte eigentlich gestiitzt werden durch junge
Menschen. Damit beriihren wir aber das problematischste Ar-
beitsgebiet des Rabbiners: die Jugendarbeit. Man hat das
Schlagwort des Jugendrabbiners zu einer Zeit gepragt, da das
Fiasko in der Jugendarbeit schon deutlich ffir den, der sehen
wollte, zu erkennen war. Schuld daran tragt nicht nur die
areligiSse Haltung der Mehrheit unserer Jugend, bestimmt
wird die h6chst diirftige Beziehung von Rabbiner und Jugend
durch die Tatsache, daB alles menschliche Miihen und Wirken
nicht mehr von Mensch zu Mensch geht, sondern eine An-
gelegenheit von Kollektiven geworden ist, und die Biinde eine
kollektivisitische Gemeinsichaft darstellen, die mit der Ge-
meinde, deren Vertreter der Rabbiner bis heute geblieben ist,
sehr wenig gemein hat. Eine Annaherung ist nicht m6glich
durch jugendliches Sichgebarden des Rabbiners, sondern allein
auf der Ebene gemeinsamen Lernens, wozu .die jiidische Schule
neue Mbglichkeiten bieten k6nnte. Freilich diirfte der Rabbiner
dann fiber den vielen Aufgaben, die ihm gestellt werden, die
wichtigste Forderung, die auch heute n'och fiir ihn gilt, nicht
vergessen: Das Lernen. Nur aus dem Lernen kann ihm jene
Sicherheit und Autoritdit werden, die, er ffir die standige
menschliche Inanspruchnahme bedarf, nur durch intensive
Sichversenken ;n vergangene Zeiten unserer Geschichte, die
Geduld zum glaubigen Warten in der Wirrn's unseres Juden-
lebens; und nur so kann er auf die Dauer seiner wichtigsten
und schwierigsten Aufgabe gerecht werden: Lehrer zu sein.
Die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde ist wieder
so umfassend geworden, daB man versucht ware, von dem
Wiedererwachen einer neuen jiidischen Einheit, die keinen Le-
bensbezirk auBer acht liBt, alles und alle umfaBt, zu sprechen.
Wir dfiirfen uns nicht tiuschen. Auch hier wie bei so vielem
- haben wir es nicht mit einer wirklichen Umkehr, sondern
mit einer menschlichen Not und Auswegslosigkeit zu tun. Es
l'egt nicht nur an dem Rabbiner, aber doch gerade bei den
Gemeinden in Deutschland recht entscheidend bei ihm, ob aus
Not wirkliche Gemeinschaft werde, aus einer Flucht in die
jiidische Geme.inde e'n Neuaufbau alter jildischer Werte.
Dr. Robert R. Geis.


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Israelitisches Gemeindeblatt







147Israelitisches Gemeindbt1
.JViIX 11


Die Hauptsynagoge
Im Zentrum der Stadt, im Quadrat F 2, steht die Haupt-
synagoge. Sie fiihrt diesen Namen, weil sie ffir den Hauptteil
der Gemeindemitglieder als Betst5tte bestimmt ist, und umrn
sie von der Klaussynagoge in F 1 zu unterscheiden. Allerdings
bedeuten die zwei Synagogen nicht etwa zwei getrennte Ge-
meinden in Mannheim, sondern kennzeichnen nur die beiden
Richtungen, die liberal-religitse und die gesetzestreue, die
sich, wie in vielen anderen Gemeinden, auch in Mannheim her-
ausgebildet haben. Dank der Einsicht und MdBigung der ftih-
renden Persbnlichkeiten auf beiden Seiten ist es hier niemals,
wie z. B. in Karlsruhe, Mainz, Frankfurt a. M., zu einer vbl-
ligen Spaltung in zwei auch verwaltungsmiiBig gesonderte Ge-
meinden gekommen.
Die Hauptsynagoge, die vor achtzig Jahren erstellt wor-
den, zeigt den Baustil, wie er sich far den Synagogenbau im
westlichen Europa damals entwickelt hatte. AeuBerlich und
innerlich ein prdichtiger Bau, verrit er den Wohlstand, dessen
sich damals die Gemeinde erfreute. Die Schbnheit der Fassade
wird leider dadurch beeintrachtigt, daB das Gebdude nicht frei
liegt, sondern auf beiden Seiten von Wohnhiusern eingeschlos-
sen wird. Es fehit der Almemor, dessen Aufstellung in der
Mitte des Gotteshauses fir conservative Gemeinden als reli-
gi6ses Gebot gilt. Der Tisch ffir die Vorlesungen aus der Hei-
ligen Schrift ist wie das Vorbeterpult auf einer Estrade hinter
der Heiligen Lade, dem Schrank fir die Thorarollen, ange-
bracht. Die Platze ffir Manner und Frauen sind wie herkimm-
lich getrennt.
Ffir die Gestaltung des sabbatlichen und festtdglichen Got-
tesdienstes besteht eine alte gesangliche Tradition, der Vor-
beter und Chor in gleicher Weise dienten; es wurde ein aus
Minnern und Frauen zusammengesetzter Chor eingeffihrt, and
als Begleitung zum Gesang das Orgelspiel zugelassen. Orgel


Blick vom Seitenschiff der Hauptsynagoge Photo Arbeitsgemeinschaft
und gemischter Chor waren vor Jahrzehnten die heftig um-
strittenen synagogalen Neuerungeni, die vielfach zu einer Tren-
nung in den Gemeinden gefitihrt haben.
Viel weniger hat das neu eingefihrte ,,Mannheimer Gebet-
buch" das lag auch in der Absicht seiner Verfasser Ge-
genstand der Anfechtung werden kbnnen. Unterscheidet es
sich doch nicht wesentlich vom gewohnten R6delheimer Sid-
dur. Vor allem sind nicht wie in vielen anderen neueren Ge-
betbichern die Bitten um Ritlckkehr nach Zion und die Er-
innerungsgebete des Opferdienstes eliminiert worden. Die
ganze Reform des Mannheimer Gebetbuchs blieb auf wenige
Aenderungen und Kfirzungen von -nicht prinzipieller Art be-
schrinkt. Anderseits sind in Riicksicht auf die des Hebrdischen
Unkundigen eine Anzahl deutscher Gebete neu aufgenommen
worden, so Gebete zu Beginn und Ende des Gottesdienstes an
Sabbat und Feiertagen, vor und nach der Thoravorlesung, far
Familienereignisse, Gebete, die jetzt mehr und mehr wieder
zurticktreten vor dem hebriischen Text.
Das neue Gebetbuch soil auch fiir den Gottesdienst der
Wallfahrtsfeste dienen and das Machsor entbehrlich machen.
Da entschlo8 man sich, die Piutimrn, die bekanntlich sprachlich
und sachlich nicht leicht verstdindlich sind, bis auf kleine Reste
wegzulassen. Die-Hoschanothgebete far Sukkoth und eine
kleine Anzahl Kinoth ffir den neunten Av haben in unserer
Tefilla ihren Platz behauptet. Fiir Neuiahr und Versihnungstag
ist dagegen das Machsor beibehalten worden.
-.An der ilberlieferten Art der Vorlesung aus der Thora ist
i nichts geindert worden. Man hat sowohl den einjiihrigen
1 Zyklus als auch den ,,Trop" fir die Thoravorlesung beibehal-
ten, wdhrend andere liberalen G6meinden die Verteilung der
Wochenabschnitte auf einen dreijihrigen Zeitraum einfilhrten
und die iberkommene Kantilene fir die Rezitation aus der
........ Thora abschafften. Fiir die Haftara ist auch in unseW Synagoge
Inneres der Hauptsynagoge Photo Arbeitsgemeinschaft die Uebersetzung in die deutsche Sprache vorgesehen.


14. Jahrgang / Nummer 17


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Seite 12 lsraelitisches Gemeindeblatt 14. Jalirgang I Nunimer 17


Die Barmizwahfeier in der Synagoge wurde viele Jahre
lang wenig eindrucksvoll vorgenommen. Die Knaben wurden
wohl vom Kantor vorbereitet, hatten aber im Gottesdienst
lediglich die fir den Aufgerufenen vorgeschriebenen Segens-
sprfiche zu rezitieren. Begreiflich, daB eine eindrucksvollere
Ausgestaltung der Feier gewfinscht wurde. Zur Vorbereitung
durch den Chason kam noch eine solche durch den Rabbiner;
die Knaben erlernen und sagen wieder eine Parascha, und die
Barmizwahfeier wird von Chorgesang, von Gebet und An-
sprache durch den Rabbiner umrahmt. Eine Bibel wird den
Knaben als Geschenk der Gemeinde fiberreicht.
Wenig Anklang und Eingang hat in unserer Synagoge die
Einffihrung der Madcheneinsegnung gefunden, wie sie firs Wo-
chenfest vorgesehen war. Sie hat sich nicht durch-
gesetzt. Eine Wandlung hat sich auch in der Ausgestal-
tung des Jugendgottesdienstes vollzogen. Solange unsere Kin-
der am Sabbatmorgen die offentlichen Schulen besuchten,
muBte das Sabbatminchagebet zum Jugendgottesdienst ausge-
staltet werden. Anfinglich wurde von der Jugend nur der Ge-
meindegesang fibernommen, im letzten Jahrzehnt aber auch
der Vorbeterdienst von befihigten und dazu vorbereiteten
Knaben ausgeiibt. Die Veranderungen der letzten Jahre haben
auch die Verlegung des Jugendgottesdienstes auf den Sabbat-
morgen erm6glicht. Auch an Neujahr und Versohnungstag fin-
det seit Jahren auBerhalb der Synagoge ein besonderer Ju-
gendgottesdienst statt, an dem gleichfalls ein Teil der Funk-
tionen von ilteren Knaben versehen wird. Von jeher war auch
ffir den Jugendgottesdienst eine Ansprache durch den Rab-
biner vorgesehen.
Der Besuch der Hauptsynagoge seitens der Gemeindemit-
glieder war durchschnittlich befriedigend. Auch der Werktags-
gottesdienst wird regelmaBig abgehalten.
Oft relcht der groBe Raum des Gotteshauses ffir
die gedringte Zahl der Besucher nicht aus. Auch die
Nebengottesdienste an Rosch-Haschono und Jom Kippur
weisen Jahr fiir Jahr einen starken Besuch auf. Die deutsche
Judenheit durchlebt heute eine Krise in einem AusmaBe, wie
es wohl niemand erwartet hat. Es ist heute leicht, den Stab zu
brechen fiber manche Einrichtung und Anschauung, die eine
nun vllig fiberwundene Epoche uns gebracht hat, aber die
Gerechtigkeit gebietet, die best Absicht und den guten Wil-
len der fiihrenden Minner jener Tage anzuerkennen. Es ist
nicht unsere Absicht, das was friihere Geschlechter bewegte


und die religiosen Ausdrucksformefi, die sie schufen, abzuwer-
ten. Das Wiedererwachen der hebraischen Sprache aber und
die starkere Besinnung auf das spezifisch jiidische Eigentum,
haben von neuem eine Entwicklung eingeleitet, die noch im
Zuge ist. Dr. Gustav Oppenheim.


Die Klaus und ihre Rabbiner
Gerne komme ich dem Wunsche der Redaktion unseres
Gemeindeblattes nach, einen kurzen Riickblick auf die Ge-
schichte unserer Klaus und ihrer Rabbiner zu geben, wobei
mir u. a. folgende Geschichtswerke wertvolle Dienste leiste-
ten: L. L6wenste.in, Geschichte der Juden in der Kurpfalz,
Frankfurt a. M. 1895; A. Lewin, Geschichte der badischen
Juden, Karlsruhe 1909; J. Unna, Die Lemle-Moses-Klaus-Stif-
tung in Mannheim, Frankfurt a. M. 1908/9; B. Rosenthal, Hei-
matgeschichte der badischen Juden, Biihl (Baden), 1927 und
L. Gller, Lemle Moses, Kurpfalzer Jahrbuch, Heidelberg,
1927, S. 103 ff.
R. Lemle Moses, der Stifter unserer Klaus, wurde etwa
im Jahre 1666 in dem Dorfe Rheing6nheim (Pfalz) geboren.
Seine Eltern lebten in sehr armen Verhaltnissen und batten
neun Kinder zu ernahren. Etwa 1680 kam Lemle Moses nach
Mannheim, wo er spater die Tochter des Mayer Hess, From-
met, heiratete. Um 1687 erwarb er hier das Schutzjudenrecht.
Sein Schwiegervater scheint sehr begiitert gewesen zu sein.
Lemle Moses gewann bald durch seine Redlichkeit und seine
Klugheit das Vertrauen des Kurfiirsten Johann Wilhelm, von
dem er mit dem Titel eines Hof- und Obermilizfaktors aus-
gezeichnet wurde. In dieser Eigenschaft trat er mit dem be-
kannten kaiserlichen Obermilizfaktor Oppenheim in Wien in
Geschiftsverbindung. Lemle Moses war der ,,Schtadtlan"
(Fiirsprecher) in wahrem Sinne des Wortes, der mit seiner
ganzen Pers6nlichkeit fiir seine bedringten Glaubensbriider
eintrat. Sein groBes Verm6gen stellte er in den Dienst der
Wohltatigkeit und der F6rderung von religi6sen Einrichtun-
gen. Seine Ehe war kinderlos. Die Kunde von ihm und seinem
Reichtum ware sicherlich schon langst verklungen, hatte er
sich nicht durch seine Stiftung ein ewiges, unvergingliches
Denkmal gesetzt. Wie keiner vor ihm hat er es verstanden,
durch seine edle Tat seinen Namen fiir alle Zeiten in unserer
Gemeinde lebendig zu erhalten.
























Inneres der Klaussynagoge
Photo Arbeitsgemeinschaft


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Israelitisches Gemeindeblatt


14. Jahtgang / Nummer 17







14. ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ CA+ JarIn I umr1 saltshsGmidbatQpf~


Iin Jahre 1706 erhielt Lemle Moses vom Kurfiirsten die
Konzession zur Errichtung einer Klaus, d. h. eines Lehrhauses
zur Pflege des Thorastudiums. Zwei Jahre spater (1708) war-
den die Klaus und die daran gebaute Synagoge von dem da-
maligen Gemeinderabbiner R. David Ulf, von Rabbiner
Mathisiahu Ahrweiler und Rabbiner Leser aus Kanitz
u. a. eingeweiht. Im Jahre 1717 wurden der Klaus durch eine
erneute Konzession von dem Kurfiirsten Carl Philipp beson-
dere Rechte verliehen. Die Anstellungsbedingungen fair die
Dozenten und die Studienordnung in der Klaus wurden vomn
Stifter selbst aufs genaueste testamentarisch festgelegt. Zehn
Rabbiner, von denen einer das Amt eines Oberrabbiners
zu versehen hatte -, die ununterbrochen sich dem Thora-
studium widmen sollten, wurden angestellt. Lernen und Leh-
ren, das waren ihre Aufgaben. Spiter erweiterte Lemle Moses
seinen Plan, indem er den Wirkungskreis seiner Klaus auch
auf den schulmdBigen Unterricht der Jugend erstreckte. Drei
Lehrer (Prfizeptoren) wurden angestellt, die die Kinder in
die Elementargegenstilnde, wie Hebraisch-Lesen und Penta-
teuch, einffihren sollten.
Der Stifter verstand es vorziiglich Persanlichkeiten, Gelehrte von
Ruf fiir sein BethohasMidrasch zu gewinnen, wie den bereits erwbhnten
Rabb. Leser aus Kan it z, R. Menachem Menle On i, Verfasser des
agadischen Werkes ,,Zinzeneth hasMan", R. Mathisjahu A h r w e i 1 e r,
der spiter als Landrabbiner nach Heidelberg berufen wurde, u. a. m.
Im Jahre 1710 wurde R. Hillel Miinz-Katzenellenbogen zum Klaus,-
rabbiner berufen, der friiher Rabbiner in Leipnik war. Sein Name war
eine groBe Anziehungskraft fiir viele gereiftere Talmudstudierende, so
daB die Mannheimer Lemle Moses Klaus bald zu den bedeutendsten
ihrer Art zihlte. Neben R. Hillel Miinz wirkte R. Samuel Wolf
aus Krakau, der dank der materiellen Unterstiitzung von Lemle Moses
den riihmlichst bekannten Mischnahkommentar ,,Kol hasRemas" von
Moses Sakutha (Amsterdam 1719) ediert hat. Ferner amtierten damals
als Klausrabbiner folgende Minner von Ruf: R. Nathan Neta Wa
chenburg, friiher Rabbiner in Hagenau, Verfasser des Kommentars
,,Jair Nethib" zu dem kabbalistischen Werke ,.M6'ore Or", das er im
Jahre 1709 in Frankfurt am Main unter dem Titel ,,Meoroth Nathan"
veroffentlichte. Ferner: R. Chajim, Herausgeber des Kommentars ,,Zon-
Kodaschim" zu einigen Talmudtraktaten der Ordnung Kodaschim,
Wandsbek 170, und R. Akiba L e hr en, Schwiegersohn einer Schwester
des Lemle Moses, Verfasser des Kommentars ,,Ohel Olam" zum Tal-,
mudtraktat Ketuboth, Frankfurt am Main, 1714.
Lemle Moses starb am Sabbat, am Neumondstage des
Monat Nissan des Jahres 5484 (25. Mirz 1724). Sein Jahrzeits-
tag wird heute noch in unserer Klaus durch Thorastudium und
Gebet treulich abgehalten, und an jedem Sabbat wird tbeim
Gottesdienste in der Klaussynagoge mit einem Gebet seiner
gedacht.
Nach seinem Tode wurde sein Vermogen von den spi-
teren Klausdirektoren schlecht verwalte.t; es entstanden Zank
und Streit, Prozesse fiber Prozesse, die Rabbiner Dr. Unna in
seiner trefflichen Schrift fiber die Geschichte der Klaus aus-
ffihrlich schildert. Wie in allen menschlichen Dingen, hat auch
die Klaus Zeiten des Aufschwunges and des Niederganges er-
lebt. Sie hat viele Sonnentage gesehen, und ihre Geschichte
ist zum groBen Teil die Geschichte unserer. Gemeinde. Im
Laufe der zwei Jahrhunderte seit dem Bestehen der Klaus
haben gar manche Vorsteher der Gemeinde ihre Liebe und ihre
groBe Opferwilligkeit fur die Klaus bekundet. Vor allem
brachte diese edle Gesinnung zum Ausdruck der Gemeinde-
vorsteher El i a s H a yum im Jahre 1757/58, der zu den
grB8ten G6nnern der Klaus gehdrte. Die Klaus war der Stolz
der Gemeinde. Ihr ist es auch in erster Reihe zu verdanken,
daB Mannheim bis auf den heutigen Tag eine Einheitsgemeinde
geblieben ist.
Erwathnen wollen wir noch die zu gleicher Zeit mit Lemle
*Moses von dem Oberhof- und Milizfaktor M ay gegrfindete
Klaus, die nur wenige Jahrzehnte bestand. Michael May hat
sich in unserer Gemeinde durch eine wohltatige Stiftung zur
Ausstattung armer Braute ein ehrendes Denkmal gesetzt.
DaB im Laufe der Jahre die Klaus entsprechend den For-
derungen der Zeit verschiedentlich umgeformt wurde, hat ihr
die Daseinsberechtigung bis heute erhalten. Alles unterliegt
dem Wandel der Zeit. Gar viele Plane wurden zu verschie-
denen Zeiten ffir die Klaus geschmiedet. So dachte man einst,
sie in ein Lehrerseminar umzuwandeln. Im Jahre 1824 wollte


der Oberrat die Mannheimer Klaus zu einer Bildungsanstalt
fiir jifdische Theologen ausbauen, wobei die Klausrabbiner als
Lehrer an derselben fungieren sollten. Ware dieses Projekt
verwirklicht worden, so ware unsere Klaus das alteste Rab-
binerseminar Deutschlands. Zeitweise war die Klaus in der
Tat die Lehranstalt fiir Rabbiner, und das war m. E. die
Glanzzeit unserer Klaus, namlich als sie unter der Leitung des
rfihmlichst bekannten Rabbiner Jakob E t t i n g e r (1825 bis
1836) stand. Bis zu seinem Wegzuge nach Altona war die
Klaus eine moderne Jeschiwa, die der Mannheimer Lehranstalt
das eigentliche Geprage verlieh.
Mit der Jeschiwa wurde seit 1818 auch die jildische
Volksschule in den Lokalititen der Klausstiftung unterge-
bracht. 1870 wurde laut Gesetz die jiidische Volksschule auf-
gehoben, und, wie Stadtrabbiner Friedmann s. Zt. dies wohl
begriindete: ,,da die Kinder in den Mittelschulen nur Re-
ligionsunterricht, aber keinen hebraischen Unterricht erhal-
ten", wurde 1872 mit Genehmigung des Oberrates die
hebraiische Klaus-Schule gegrtindet. Seit dem
Sommer-Semester 1933 beherbergt das Klausgebaude unser
Lehrhaus, seit 1935 die Jeschiwa, und seit April dieses Jahres
stellt sie ihre Lokalitaten wiederum der neugegrfindeten jiidi-
schen Volksschule zur Verffigung, wodurch von neuem die
Klaus mit der Gemeinde verbunden ist.
Mit Riicksicht auf den begrenzten Raum, der mir hier zur
Verfilgung steht, ist es mir nicht miglich, alle Rabbiner, die
an der Klaus im Laufe der Jahrhunderte wirkten, aufzuzahlen
und ihrer wiirdig zu gedenken. Dennoch kann ich es nicht
unterlassen, eifen von ihnen zu erwahnen. Die hervorragend-
ste Pers6nlichkeit aller Rabbiner war der bereits erwdihnte
Rabbi Jakob Ettl singer, einer der ersten Rabbiner mit
akademischer Bildung, Freund des Chacham Bernays und
Verfasser beriihmter Talmudkommentare. Zu seinen FiiBen
saB hier Samson Rafael Hirsch. Ettlinger hat als Al-
tonaer Oberrabbiner die hebriische halachische Zeitschrift
,,Schomer Zion ha ne'eman" herausgegeben, die heute zu den
Zierden einer rabbinischen Bibliothek gehort. Rabbiner Ett-
linger s. A. war leuchtendes Beispiel fiir meinen verehrten
Vorgafnger Herrn Rabb. Dr. Unna, der hier 37 Jahre lang
segensreich wirkte, und Rabbiner Ettlinger soll auch leuchten-
des Beispiel ffir den Schreiber dieser Zeilen sein.
Klaus-Bibliothek
In diesem Blatte (1929 Nr. 12) hat mein Schiller und
Freund, Rabbiner Viktor U n n a, jetzt in Palistina, einen sehr
lesenswerten Artikel fiber die Klaus-Bibliothek geschrieben,
den ich hier in extenso mit einigen Erganzungen wiedergebe,
wobei ich mich nur auf das beschrdinken m6chte, was in er-
ster Reihe den Bibliographen interessieren dfirfte.
Ursprfinglich besaB die Klausstiftung nur die zu ihrem
Beth-ha-Midrasch geh6rige Bibliothek mit zahlreichen Exem-
plaren von Bibel, Mischna und Talmud; auch viele andere
hebraiische Werke, die man regelmaBig studierte, waren in
der notwendigen Anzahl vertreten. Daneben war auch eine
gr6l3ere Anzahl von Werken aus der kabbalistischen Literatur
vorhanden, denn auch dieser Zweig des Wissens wurde in
manchen Zeitperioden eifrig gepflegt. Bei dem Brand der
Klaus in der Nacht zum Vers6hnungstage des Jahres 1794
wurde auch die Bibliothek schwer beschidigt. Gar manche aus
jener Zeit heute noch vorhandenen Biicher zeigen Spuren
jenes Brandes. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhun-
derts wurde auf Veranlassung des verdienstvollen Klausvor-
stehers Julius E ttlinger s. A. die Bibliothek reorganisiert.
Unter seiner Aegide wurde die wertvolle wissenschaftliche
Bibliothek des Klausrabbiners Ha yum Wag ner ffir die
Klausstiftung erworben. Spaiter kamen noch andere gr6l3ere
Erwerbungen hinzu.
Im Laufe der Zeit hat sich manches wertvolle Buch ein-
gefunden, und wir wollen hier einige davon beschreiben. Mit
Freude sieht der Bibliophile die zahlreichen Erstdrucke, von
denen nicht wenige aus der ersten und zweiten H5lfte des
16. Jahrhunderts stammen. Eines der altesten Druckwerke ist
ein ,,Rokeach" aus dem Jahre 1505. In den letzten Monaten ist


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindeblatt


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Seite 14 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jahrgang) Nummer 17


es dem Schreiber dieser Zeilen gegliickt, in unserer Bibliothek
einen sehr wertvollen Wiegendruck (Inkunabel) zu entdecken,
nimlich den ,,Perusch-ha-Thora", Kommentar zum Pentateuch
von Levi b. Person (Ralbag, Erfinder der camera obscura),
Mantua etwa 1475. 20., Editio prince. Das Buch ist einer der
ersten hebraischen Drucke und in solcher Vollstindigkeit von
grbBter Seltenheit. Nur drei groBe Bibliotheken Deutschlands
sind im gliicklichen Besitz dieses Werkes, die preuBische
Staatsbibliothek und die Stadtbibliothekein von Frankfurt und
Hamburg. Neben seinem groBen idealen Wert repr5isentiert
unser hervorragend sch6nes Exemplar einen hohen materiellen
Wert.
Erwihnenswert ist ein anderer Erstdruck, nimlich der ,,Tur",
Venedig 1522, ferner die MaimonidessBriefe, Venedig 1545. Die Biblio%
thek verfiigt iiber eine ansehnliche Zahl von Handschriften. Die
meisten der Manuskripte sind auf Papier geschriebene Abschriften von
Biichern, die inzwischen durch den Druck verbffentlicht wurden. Sie
besitzt aber auch zwei Handschriften, die zweifellos noch vor Erfin,
dung der Buchdruckerkunst feitig gestellt wurden. Beides sind auf
Pergament geschriebene Exemplare des Raschikommentars zum Penta-
teuch, von denen nur am Anfang einige Blatter fehlen. Dieses Raschis
Manuskript hat der riihmlichst bekannte Raschiforscher, Prof. Berliner
s. A., leider nicht gesehen. Es enthilt soviele iiberaus interessante Va-
rianten, die uiber gar viele dunkle Stellen wertvollen AufschluB geben
konnten. Eine wissenschaftliche Bearbeitung dieses Manuskriptes ware
eine dankbare und lohnende Aufgabe.
Unter den Druckwerken ist besonders interessant ein zweiblino
diges Machsor, Sulzbach 1709. Es ist in Folioformat vollstandig auf
Pergament gedruckt und ausgezeichnet erhalten. Sehr wertvoll ist die
Bibel mit den Hohlbuchstaben, Hamburg 1587. Hier sind bei jedem
einzelnen Wort nur die Stammbuchstaben in gew6hnlichen Typen ges
druckt, die Prai und Suffixe dagegen in Hohlbuchstaben, wahrend
fehlende Wurzelbuchstaben in kleineren Typen dariiber gesetzt sind.
Angeffigt ist ein Vokabularium besonderer Art (cubus alphabeticus)
und eine Grammatik in Tabellenform. Diese seltene Bibel ist auch im
Besitze einer hiesigen Privatbibliothek. Noch manches interessante und
wertvolle Buch findet sich in der Klausbibliothek, das das Herz eines
Bibliophilen erfreut. Aus Mangel an Raum aber, kann ich hier nicht
alle Schitze unserer Klausbibliothek anfiihren.

Jeschlwa
Vor etwa zwei Jahren konnten wir dank der Initiative
und GroBziigigkeit eines hiesigen Privatmarmes eine Jeschiwa
eroffnen und sie unserer Klaus angliedern. Das Ziel der Je-
schiwa ist zweierlei: sie soil eine Schule ffir junge Menschen
sein, die mindestens ein Jahr ausschlieBlich dem Studium der
Thora widen wollen. Ferner will sie durch Kurse (Schiurim)
allen, die Interesse ffir unsere religi6se Literatur haben, das
Lernen erm6glichen. Durch die Schaffung der Jeschiwa wird
es mit Gottes Hilfe gelingen, den alten Glanz der Thora in un-
serer Klaus von neuem erstrahlen zu lassen und ganz im Sinne
des Klausstifters Thorastudium zu pflegen und jiidisches Wis-
sen unter der Jugend zu verbreiten. Schon in der kurzen Zeit
ijires Bestehens hat die Jeschiwa schone Erfolge zu verzeich-
nen. Die Schfiler widmen sich fleiB3ig dem Thorastudium, und
durch die von auswirts hier Studierenden wird auch unsere
hier heranwachsende Jugend zum Lernen, edlem Wirken und
Tun angeeifert.
In der Jeschiwa wird programmgemiB Bibel, Mischna
und Talmud gelehrt. AuBerdem wird zusqtzlich Unterricht in
Hebraisch, Englisch und Geschichte erteilt. Im Rahmen der
Jeschiwa werden fiir berufstatige Herren ein Talmudkurs und
ffr die gereiftere Jugend ein Mischnajoth- und T'nachkurs
gegeben.
Chewra Kadischa
Die Beerdigungsbruderschaft, Chewra Kadischa, in Mann-
heim ist der alteste jiidische Verein in Baden. Sie wurde im
Jahre 1674 gegriindet. Die in hebraischer Sprache auf Per-
gament geschriebene Griindungsurkunde ist vor mehr als
40 Jahren abhanden gekommen und vor etwa einem Jahre
wieder aufgefunden worden. Sie enthilt die fiblichen Statuten
einer Chewra Kadischa und nennt die Namen ihrer ersten Mit-
glieder und den Namen ihres Rabbiners, R. Moses Grothwohl.
(Sein Vorgdinger, der die Reihe der Mannheimer Rabbiner er-
Offnete, hieB R. Naftali Herz, 1657-1671). Unsere Urkunde ist


ein unschitzbares Dokument zur Eruierung der Namen der
ersten Mitglieder unserer Gemeinde. Es eriibrigt sich, hier
fiber die Aufgaben der Chewra Kadischa zu sprechen. Die
Bruderschaft besteht aus 18 standigen ordentlichen Mit-
gliedern.
Der Chewra Kadischa untersteht die von ihr im Jahre
1780 gegrfindete Israelitische Krankenunterstiitzungskasse
B i k k u r C ho i m. Sie verwaltet ferner die im Jahre 1731
von dem damaligen Gemeindevorsteher .M i c h a e I M a y ins
Leben gerufene S t if t u ng zur Ausstattung armer Briute.
Neben der Mannerchewra besteht hier auch eine Frauen-
Chewra-Kadischa, die in aller Stille ihr schweres, edles und
wohltatiges Werk in uneigenniitziger Weise ausiibt.
Dr. Chaim Lauer.



Die Kultgerate
Die Alten werden das Alte behfiten So scheint es
uns, wenn wir durch das Gotteshaus, am Thoraschrein vorbei,
an Leuchtern und an brokatenen Behingen, an silbernem und
goldenem Gerat vorfiberwandern. Aus alter Zeit von den
Spenden jiingster Jahrzehnte abgesehen stammt der k6st-
!.che Schmuck, der von Schabbat zu Schabbat, von Festtag zu


Photo Arbeitsgemeinschaft
Festtag beniitzt wird, teilweise aber wohlverwahrt wird in
Truhen und Schranken. Zu sehr verwahrt, zu verborgen ffir
die Gemeinde, die gewil nicht we.iB, was sie an Sch6nem hier
besitzt. Zu verborgen ffir die Jugend, die weggeht, ohne noch
einmal einen Blick in die Kostbarkeiten ihrer Ahnen geworfen
zu haben. Wir wollen den besonderen AnlaB benfitzen, den
Alten und den Jungen zu sagen und zu zeigen, was sie besitzen.
Das sind die Thoravorhinge. Brokat und Seide, Samt
und Stickerei, in allen Farben hingen sie da, Kronen
und LUwen, Gerite des Heiligtums, Wappengebilde, Tier-
ornamente und Pflanzen- und Blfitengerank, das sich um Siu-
len schlingt was die Sitte und Kunst der Zeit wies, wurde


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Israelitisches Gemeindeblatt


14. Jahrgang I Nummer 17






1.Jhag N m.17sraelitisches Gem e I n d e b I a tt C ;+


auch hier zum Ausdruck gebracht. Vergessen wir die Namen
nicht. Alte Geschlechter tauchen auf. Ein Neta Lorsch und
seine Frau aus der Familie Wachenheim, der angesehene
Chajim Bing und seine Frau, die Tochter des ,,Nadiw
w'haschtadlon" Mordechai SchloB, da ist ein Poroches des
Jakob b. Simon Ulmo (5516), die Bing, die Maas, die Mai und
wie sie alle hieBen im 18. Jahrhundert, erinnern sich ihres
Gotteshauses. Der eine stiftet ein Poroches zum ,,Rosch-
chodesch-Benschen", das (mit seiner grell-gelben Farbe) noch
heute (in der Klaus) den Besuchern sagt: heute wird Rosch
Chodesch gebenscht...
Der andere will sein Poroches in den ,,drei Wochen", ein
anderer das von ihm gestiftete nur am Schabbos aufgehiingt
haben. Die Gemeinde Andert nicht gerne die Bestimmung des
Stifters und wahrt die alte Tradition. Besondere Merkmale
lassen sofort Nam' und Art des Stifters erkennen. Jeder weiB,
daB das ,,Lamm' auf einem kistlichen Vorhang inmitten vielen
Bliltengerankes, lagernd zwischen zwei Siulen, das Zeichen
des Lemle Moses Rheinganum, des Klausgriinders ist. Ganz
schwere Thoramdintelchen aus dem Jahre 1708 (5468) tragen
seinen Namen, und ebenso ein weiBes Poroches, das in der
Klaus zwischen Rosch Haschono und Jom Kippur aufgehingt
wird.
Der Raum reicht nicht, von den Mintelchen zu sprechen,
d!e wir besitzen. Aber an ihnen und auf den Thorarollen hin-
gen die kostbarelt Gerite, K'le kodesch, wie wir sie nennen,
hohe Kronen, mit ihren Gl6cklein, breite, handgetriebene Gold-
schilder, dazu die zierlichen oder wuchtigeren ,,Deuter", deren
Handform linen die Bezeichnung ,,Jad" gegeben hat. Auch
hier zeigt s!ch die Auffassung der zeitgen6ssischen Kunst. Bald
ist es schweres Barock, bald fein ziseliertes Geranke von Sil-
ber oder Gold, Spitzengewebe aus Metall mochte man dies
oder jenes kleine ,,Tass" nennen. Filigranarbeit, man mochte
es imme.r wieder zur Hand nehmen und betrachten. Tut man
dies aber, dann sind auch schon wieder die Namen, die Jahres-
zahlen vor einem, una Vergangenheit erwacht. Es muB in der
Friihzeit der Gemeinde gewesen sein, als hunter den vielen,
die sich mit Miih und Not ihr biBchen Leben gestalteten, auch
die Begilterteren waren, die sahen, daB in ihrem Gotteshaus
noch dies und das fehlte. Sie wuBten um den Sinn des Wortes:
,,Dies ist mein Gott, ich will ihn sc h 8 n verherrlichen!" Und
so stiftete ein Gabriel b. Michel Mai, ein Schimschon Otter-
berg, ein Seckel Lewi, ein Jakob b. Feiwel Astruck und andere
silberne und golden Gerite. Seltsame Gebilde verkniipfen
oft den Namen des Spenders mit irgendeinem beziehungs-
reichen Wort der Schrift. Wenn der Naftali Hirz und seine
Frau Schenle vor 200 Jahren ein kleines zierliches Tass stiften
und dazu eine Art Hindin als Medaillon einprdgen lassen, dann
wollen sie ihren Namen gewiB in Verbindung bringen mit der
,,aiala schelucha", von der im 1. B. M. 49, 21 beim Segen fur
Naftali die Rede ist. .
Oft fehlt der Name des Spenders, so auf der Lewiimkanne,
die daffir aber den Wappen eines Geschlechtes und die Jahres-
zahl 1690 trigt. Und wer mag den Kidduschbecher in die Klaus
gegeben haben, der einen ganz fremdartigen Namen sicher
nicht den des Stifters und das Jahr 1627 trigt?
Eine ganze Geschichtsperiode unserer Gemeinde wird
lebendig, wenn wir vor eine.m Kidduschbecher stehen und die
Namen der Ettlinger und Hachenburg, der Maas und Fuld,
Mainzer und Dinkelsspiel, Darmstaidter und Bensinger lesen.
Oft erinnern nur diese Spenden der Ahnen noch daran, daB die
Triger einst Kinder des jidischen Volkes waren. .
Ein Gerit unserer Gotteshauser ist es nicht, was da in
gut verschlossenem Kasten zwischen silbernem Schmuck liegt:
eine Gedenkmiinze, die unsere Gemeinde vor bald 70 Jahren
prilgen lieB zu Ehren eines GroBen in Israel: das Bild Moses
Montefiores und seiner Frau tritt uns entgegen. .
Es wire noch viiles zu sagen reichte der Raum von
den einzelnen Geriten, ihren Besonderheiten, von der und
jener Inschrift, von den alten Wimpeln, den Umschriften an
den Thorarollen, den Memorbiichern, dem schonen Schmuck,


Photo Arbeitsgemeinschaft
mit dem dankbare und mit ihrem Gotteshaus verbundene
Menschen bis in die jiingste Zeit hinein zu seiner Versch6ne-
rung beigetragen haben.
Aber wenn wir auch versuchen, ein wenig in Abbildun-
gen zu zeigen, wovon wir sprechen, hier ersetzt das gespro-
chene und geschriebene Wort und wire es noch so an-
schaulich nicht die wirkliche Schau. Und so scheint uns der
Sinn des hier Aufgezeigten erst dann erfiillt zu sein, wenn
eines Tages eines baldigen Tages! all das Gerat vor den
Beschauern ausgebreitet, sch6n geordnet, deutlich gekenn-
zeichnet, sichtbar wird. Wir werden kein ,,Museum" mehr er-
richten. Aber wir werden den Versuch machen mUissen, irgend-
wo -- und wenn es nur fir kurze Zeit ist einen Raum ein-
zurichten, in dem unsere Alten und unsere Jungen, wir alle,
noch einmal voriibergehen an all dem, was uns geschenkt
wurde in guten Zeiten.
Schabbat fur Schabbat, Festtag um Festtag trigt man die
Thora beim Ausheben und beim Einheben an uns vorilber. Da
seen wir immer wieder von neuem, wie sie geschmiickt ist,
wie sie auch iul3erlich geehrt wird. Nicht alle sehen so ihren
Schmuck. Sie sind im wahrsten Sinne und in anderem
Sinne sehr weit entfernt von ihr. Wir miissen, da sie ja
wieder nuiherkommen, ihnen eine Gelegenheit geben, zu seen,
was noch unser ist. In den kleinen Gemeinden beginnen sie
wohl schon, zu iiberlegen, was geschehen soll mit den K'le
kodesch des Gotteshauses. Wir wollen uns ein wenig freuen,
daB wir noch die Chance haben, eine grolBe Gemeinde hinzu-
fiihren zu den ,,Heiligen Geriten", von denen wir nur Fltich-
tiges sagen konnten. Wir glauben, die Gemeinde ist zum Sehen
bereit. Karl Darmstuidter.


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Israelitisches


S it 1e


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Israelitisches Gemeindeblatt


Der Gesang in unseren Synagogen
Bei der Entwicklung des Synagogengesanges muB man
zwei verschiedene Richtungen unterscheiden. Die eine geht
von Paris aus, sammelt die alten Melodien ihres Kreises,
schreibt sie auf und sie werden mit beliebigen Varianten ver-
breitet. Die andere Richtung, von Berlin ausgehend, IlBt die
alten Weisen vor dem Aufschreiben bearbeiten und fiigt die
so gewonnenen festen Linien in die Synagogen ein, wie man
Steine in einen Bau setzt. Beide Richtungen haben ihre Vor-
und Nachteile. Der Vorteil der zweiten Richtung ist fur uns
heute hervorstechender, weil wir wissen, wie mit einer fest-
gelegten Linie ein Gemeinschaftsgesang gestiitzt und gef6r-
dert werden kann. Frfiher war dieser Gesichtspunkt weniger
allgemein. In unseren Synagogen waren die Bestrebungen der
Berliner Richtung lange Zeit gar nicht bekannt. Die Gesangs-
tradition stfitzte sich, soweit man sie zurfickverfolgen kann,
auf die Werke des franzbsischen Kantors Naumbourg und
manchmal auf den Wiener Meister Sulzer.
Besonders die Gesinge Naumbourgs waren in be!den Syn-
agogen eingefiihrt. Ein ,,Hodu", ein Hoschanoh-Gesang und ein
Maariv-Motiv mit abfallender Quinte findet sich in fast alien
alten Biichern. Das Letztere besonders, das ein StUck ,,siid-
deutschen Chasonus" darstellen soll, das ist die Eigenart des
Gebetsvortrags. Wdihrend die Hauptsynagoge die chasonische
Tradition nach und nach vernachldissigt, verlegt man auf der
anderen Seite die chasonische Linie auch in den Chorgesang.
Kurz nach dem Kriege fingt Theodor Bodenheim, der
jetzige Leiter des Klauschores an, nach Vorschliigen von Rab-
biner Dr. Unna, die Chorgesdinge zu Uberpriufen und teilweise
neue Gestinge zu schaffen, bei denen der musikalische Aus-
druck mit den Besonderheiten der gottesdiensflichen Texte
auf der Linie der siiddeutschen' Tradition verbunden wird.
In der Hauptsynagoge wurde mit der Orgel (die eine Stif-
tung eines fur alle Zeiten ungenannt sein wollenden Gemeinde-
mitgliedes ist) der geordnete Chorgesang eingefiihrt. Das war
im Jahre 1856. Ein gemischter Chor wurde aus freiwilligen
Sdingern und Singerinnen gegriindet, die sich verpflichten
muBten, bei den Gottesdiensten zu singen.Von der Gemeinde-
behorde wurden die Satzungen des Chorvereins aufgestellt,
der miglichst keinen Vereinscharakter haben sollte. Aus einer
strengen Handhabung dieser Grundlage entsprang kurze Zeit
darnach der Wunsch, einen Cesangverein zu grfinden. Die aus
dem religiosen Rahmen Strebenden nannten sich bescheiden
,,Synagogenchor-Miinnerquartett". Etwa zwei Jahre spditer,
nachdem das ,,Quartett" in Heidelberg ein Programm deut-
scher Lieder gesungen hatte, nahm es den Namen ,,Lieder-
kranz" an.
Das Motiv zu dieser Abzweigung: die Pflege des deut-
schen Liedes, wurde auch welter im Synagogenchor propa-
giert, bis der Rabbiner Prdiger dieses Verlangen in Bahnen
leitete, die ffir den liberalen Gottesdienst in der hier gemiBig-
ten Fassung tragbar waren. Neben der textlichen Grundlage
war Rabbiner Priiger auch besorgt, die richtige musikalische
Grundlage zu fordern. Er versuchte, den damals bedeutend-
sten Meister der Synagogenmusik Salomon S u lz e r in Wien
fiUr die Bearbeitung der Gesinge zu gewinnen, was ihm aber
leider nicht gelang. So wurde denn die musikalische Formu-
lierung von den jeweiligen Organisten, nach dem Muster der
im evangelischen Gottesdienst benutzten Literatur, ausgefiihrt.
Die Gesdinge selbst wurden derart auf den hochliegenden
Klangcharakter des gemischten Chores zugeschrieben, damit
eine Anteilnahme der Gemeinde am Gesang nicht miglich sein
sollte. (Es ist darum heute ein vergebliches Bemfihen, diese
Ge-singe zu einem ,,Gemeindegesang" umdichten zu wollen!)
Neben dem Organisten leitete der Chorvorstand die organisa-
torische Gliederung und fiberwachte auch die AusfUhirung der
Gesainge.
Der Gedanke des Gemeindegesanges und eine weitere Be-
vorzugung einstimmiger und vermehrter hebriiischer Gesainge
kam kurz nach dem Krieg auf. Nach einem Vorstandswechsel
konnte eine neue Richtung eingeschlagen werden. War man


vorher besorgt, die deutschen Gesdinge zu vermehren, going
man ninmehr langsam dazu fiber, hebraische Chore auszu-
wechseln und zu erneuern. Langsam und stetig nahm die Er-
neuerung zu. Sie brachte vor allem die Werke von Emanuel
K i r c h n e r, der die vernachlassigte ,,siiddeutsche Gesangs-
tradition" der liberalen Synagoge lebendig zu machen ver-
stand. Heute sind dieselben lang umkimpften ,,neuen" Ge-
sdinge altgewohnte Melodien geworden.
Die letzten Jahre haben auch den Rest der deutschen
sogenannten ,,Predigtlieder" entfernt und sie durch Hebraische
ersetzt, so daB man bei uns von einer giinzlichen Wende im
gottesdienstlichen Gesang sprechen kann.
Diese Ausffihrungen wiren unvollstdindig, wfirde man
nicht den Gesang des M~nnerchores erwihnen, der zu den
Feiertagen im Nebengottesdienst singt. Im Jahre 1923 hat sich
dieser Chor zusammengeschlossen und erstmals den Versuch
unternommen, eine eigene, eng an die Machsor-Gebete sich
anschlielende Gesangstradition zu pflegen. Der Versuch ist
auch gegliickt und hat gezeigt, daB die Grundlage unserer
Gebete immer wieder als die. wertvollste Quelle zur Er-
neuerung der Tradition angesprochen werden kann.
Hugo Adler.


Der alte und der neue Friedhof
Nicht viele von uns kennen diese Statte der Weltabge-
schiedenheit, diese unwirkliche Insel inmitten des Getriebes
der groBen Stadt: den alten Judenfriedhof in F 7. Wer ihn
betritt, steht wie verzaubert in einem Reiche, das ihn dieser
Welt entruickt.
Die schmalen, schlichten Steinplatten warten, oftmals zu
Familien aneinandergeschmiegt, wie eine lautlose Gemeinde,
fiber die der Wind der Zeiten leise streicht. Die Schwere der
Tage zerschellt an dieser steinernen Versammlung. Arm und
reich sind nicht unterschieden. Ein tiefes Wort schwebt fiber
Stein und Gras und Baum: ewig!
Die Miannheimer Judengemeinde muBte lange warten und
viele Jahre hindurch Verhandlungen ffihren, bis der sehnliche
Wunsch im Jahre 1661 in Erfillung going und es gelang, in
einer Bastion der Festung, dem sog. Brfiderbollwerk ein
Grundstfick zur Einrichtung eines Friedhofes zu erwerben.
Bis 1839, also 178 Jahre, diente der Ort seiner heiligen Be-
stimmung.
So besitzen wir heute mit dieser Grdiberstiitte nicht nur
eines der altesten Denkmale der Stadt Mannheim, sondern auch
mit Stolz ein schines und wfirdiges. Beispiel alter jiidischer
Friedhofsgestaltung. EhrwUrdige Zeugen jiidischer Grabmal-
kunst sind uns hier fiberkommen, als Dokumente der einzigen
bildkiinstlerischen Betditigung, in der die Juden zu einiger
Entfaltung gekommen s!nd. Die sehr weitgehende Auslegung
des zweiten Gebotes: ,,Du sollst Dir kein Bildnis machen..."
wirkte sich wie auf dem Gebiete der bildenden Kunst fiber-
haupt so auch hier hemmend auf die reichere plastische,
vor allem die figurale Entwicklung der Grabmdiler aus. An-
dererseits ergab sich aber durch die strenge Bindung der groBe
Gewinn einer einheitlichen Harmonie, durch die, wie auf alien
alten Judenfriedhofen, so auch bei uns, jene kunstreiche
Geschlossenheit und stimmungsvolle Monumentalitit erreicht
Wurde, die wir auf neuzeitlichen Friedhdfen so schmerzlich
vermissen.
Wir sehen auf unserem Bild aus dem alten Mannheimer
Friedhof die charakteristisohe Stelenform der aufrechtstehen-
den, oben abgebogenen und profilierten Steinplatten, die ihren
Schmuck fast nur durch die kraftvoll eingeschnittenen und
malerisch angeordneten Zeilen der hebriischen Buchstaben
erhalten.
Manchmal werden im oberen Teil der Platte knappe Em-
bleme angebracht, die oft auf den Beruf des Bestatteten hin-
weisen oder aber auf einem Cohen-Grab die beiden segnenden
Hdinde zeigen. Auf dem Stein eines Leviten wird hiufig eine
Kanne dargestellt, als Hinweis auf den einstigen Dienst


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14. Jahrgang / Nummer 17








im Tempel. Auch die wappenartige, bildliche Formulie-
rung des Namens findet sich; so auf dem Grabmal des Lemle
Moses Reinganum in der Darstellung eines Ldmmchens. Sein
Grabstein ist tibrigens einer der wenigen reich ausgestatteten
und bildhauerisch besonders reizvoll gestalteten Kunstwerke,
der von den anderen Steinen des Friedhofs sich abhebt.
Am hidufigsten findet sich das seit vielen Jahrhunderten
in Gebrauch gekommene Achrostichon n'2,1f2'1. ,,Es sei
seine Seele gebunden in den Bund des Lebens" (I. Sam. 25, 29)
oder aber die beiden Buchstaben 3"0 als Anfangsbuchstaben
der Worte: ,,Hier ruht ." Die Entzifferung und Datierung
der alten Inschriften ist oft durch d&e Verwitterung mit
Schwierigkeiten verbunden. Das in neuerer Zeit aufgestellte
Verzeichnis ist deshalb auch nicht frei von Irrtlimern. '
In ihm werden Sterbedaten gefiihrt, die noch vor dem
Jahr der Ertffnung des Friedhofs liegen. Die iltesten identifi-
zierbaren Grfiber sind wohl die des Stadt- und Oberlandesrab- ,.
biners Isak Brilin aus Worms (gest. 1678) und seiner Frau,
geb. Oppenheimer (gest. 1673).
.._...... Mittelgang im neuen Friedhof. Photo Arbeitsgemeinschaft


Aber bald ist die schine Einheitlichkeit verloren. Jedes
Grabmal will in Form und Steinart von seinem Nachbarn sich
unterscheiden. Die sozialen Unterschiede der Lebendigen spie-
geln sich im Aufbau der Grabstitten wieder, wahrlich nicht
zum Vorteil des Gesamteindruckes. Nur vereinzelt finden sich
Denkmale, die sich bemuihen, die alte Tradition aufzunehmen
und sie in kiinstlerisch fruchtbarer Weise weiterzuentwickeln.


Neuer Friedhof, neuere Grabmaler. Photo Atheitsgemeinchlaft


Alter Friedhof Photo Arbeitsgemeinschaft


Viele Namen alter und heute noch in Mannheim ansassiger
Families sind auf den Steinen zu finden, so daB hier die Ge-
schlechter bis in das 18., manchmal auch in das 17. Jahrhun-
dert hinein verfolgt werden konnen.
Hiufig begegnet uns der Familienname Reinganum, deren
verdienstvoller Vertreter jener Lemle Moses Reinganum, ge-
storben 1724, der Stifter der Klaus war. Viele Trager des
Namens Astruck liegen hier, eine lange Ahnenreihe, die heute
in Mannheim keinen Nachkommen mehr aufzuweisen hat.
Anders ist es mit den Namen, die wir oft lesen konnen:
Dinkelspiel, Fuld, Fulda, Wachenheim, Hachenburg, Maas,
Bensheim, Nauen, May, Oppenheimer, Sinzheimer, Levy,
Lorsch. Auch Vorfahren der Familien Zimmern, Ullmann,
Lippmann, Mannheimer, NeugaB, Hajum, Rosenfeld, Ascher,
Bodenheim, DreifuB, Rothschild, Gernsheim und vieler anderer
liegen hier.
Wenn wir die Stille und die zauberhafte Abgeschlossen-
heit des alten Friedhofs verlassen und den neuen Friedhof be-
treten, so sehen wir, daB in seinem ersten Teil die alte Tra-
dition fortgesetzt wird.


In den letzten Jahren beginnt sich gliicklicherweise
wieder ein Wandel zu vollziehen, so daB wir uns in jfingsten
Teil unseres Friedhofs manchmal an die Schanheit des alten
Friedhofs erinnert fiihlen diirfen, ohne dabei den Eindruck
einer glticklichen Weiterentwicklung vermissen zu miissen.
Wit wollen hoffen, daB die Grabmalgestaltung in
dieser Art und in diesem Geiste fortgefiihrt wird, damit un-
serem Friedhof der stimmungsvolle Zauber gewahrt bleibt und
er mit Recht und Wiirde so heiBen darf, wie wir Juden die
Staitte unserer Toten zu benennen pflegen: ,,Guter Ort" und
,,Statte des Lebens" und ,,Haus der Ewigkeit".
Dr. Herbert Tannenbaum.



Sozialarbeit und Gemeinde
Es gehirt wohl zu den schwierigsten Fragen gegenwdir-
tiger Gemeindearbeit, Aufgaben, die der jiidischen Gemeinde
heute gestellt sind, in ein richtiges Verhaltnis zueinander zu
bringen, eine Ranganordnung der Aufgaben aufzustellen, die
dem Bedfirfnis der Gemeindemitglieder am unmittelbarsten
gerecht wird. Gerade der Versuch, den die Leitung der Ge-
meinde Mannheim mit dem in diesem Blatt gegebenen Gesamt-
fiberblick fiber Leistung und Aufgabe unternimmt, rollt die
Frage auf, ob der Aufbau der Gemeinde jene Proportionen hat,
die von ihr nach einer Unigestaltung aller Wertbegriffe zu

." I I- I I C;.... C


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Israelitisches Gemeindeblatt


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fordern sind. Am sinnfUlligsten wird diese Notwendigkeit,
wenn wir von den Aufgaben der Lebensbew5ltigung sprechen,
bei denen die Sozialarbeit der Gemeinde an er-
ster Stelle steht.
Die zu fordernde Rangordnung ist um so schwerer zu
finden, je mehr einerseits SparmaBnahmen das Regulativ bil-
den miissen und je stirker andererseits die Verflechtung aller
Gemeindeaufgaben untereinander in Erscheinung tritt. So ist
- um dies nur an einigen Beispielen begreiflich zu machen -
Jugend und Gefahrdetenffirsorge, ebenso wie die Berufsum-
schichtung, nicht mehr ohne die Arbeit der Biinde denkbar.
Soll eine Auswanderung nicht planlos vor sich gehen, so muB
der sprachliche Vorbereitungsstoff durch Kurse des Lehr-
hauses vermittelt werden. Fir einen Teil der schulentlassenen
und noch nicht berufsreifen Jugend bildet das 9. Schuljahr
Uebergang und Grundlage flir die spitere Vermittlung in einen
Beruf. Diese Beispiele lieBen sich beliebig erweitern.
Daran schon wird deutlich, wie sehr die Sozialarbeit mit
anderen Gebieten gemeindlicher Tdtigkeit verflochen ist, und
wie weit sie heute fiber den umgrenzten Begriff der Wohl-
fahrtspflege hinaus als sozialpolitische Aufgabe zu sehen ist.
Da der Jude der Gegenwart d i e Gemeinschaft sinnfdillig
empfindet, aus der ihm eine tragende Kraft entgegenkommt,
wird die Bedeutung der Einzelaufgabe an diesem Gesichts-
punkt gemessen werden miissen. Er ist es auch, der der So-
zialarbeit ihren Standort zuweist.
Betrachten wir die i n h a 1 t i c h e Seite der Fiirsorge.
so hat auch sie selbst eine ganz wesentliche Umwertung er-
fahren. In der jfidischen Arbeit trat seit dem Umbruch neben
die Wohlfahrtspflege gleichbedeutend die Wirtschaftshilfe.
Vielleicht ist es vielen unter uns im Drange der Geschehnissc
heute noch nicht voll bewuBt geworden, was dieses Schwe-
stergebiet der Wohlfahrtspflege der jildischen Allgemeinheit
an neuen, finanziell schwer tragbaren Aufgaben zugewiesen
hat: Unsere jtidische Gemeinschaft hat aus ihrer religiosen
und traditionellen Verpflichtung alliene Aufgaben zu erfaillen,
die ihr aus den na t ti r Ii c h e n Auswirkungen persbnlicher
und sozialer Unzuldinglichkeiten zugewachsen sind. Diese far-
sorgerischen Notwendigkeiten haben durch die gesteigerte
Not eine wesentliche Ausweitung erfahren. Zu den bisherigen
Aufgaben sind alle jene sozialen Forderungen hinzugekommen,
die durch die neue Aktualitait des jiidischen Schicksals in Er-
scheinung getreten sind und die wir mit dem Sammelbegriff
,,Wirtschaftshilfe" umreiBen.
Es sind also gegentiberzustellen: Wohlfahrtspflege als der
normal Ausgleichsversuch den natfirlichen, jetzt gesteigerten
sozialen Erscheinungen gegeniiber, Wirtschaftshilfe als Ant-
wort auf die symptomischen Folgeerscheinungen zeitbedingter
jiidischer Schicksalsentwicklung.
Die Wohlfahrtspflege:
Trotz dieser notwendigen Unterscheidung darf die Wohl-
fahrtspflege keinesfalls eingefahrene Wege weiter beschreiten.
Sie hat, gerade well sie aus gewordenen Formen in ak-
tuelle Notwendigkeiten fibergeleitet werden muBte, ganz be-
sonders von der Gesamtlage unserer jiidischen Gemeinschaft
ihre MaBstilbe zu gewinnen. Gerade in der Wohlfahrtspflege
miissen wir immer intensive zu neuen Formen der Produk-
tivierung kommen, wenn diese Produktivierungsversuche sich
auch in abwarts gerichteter Linie bewegen, wenn sie auch
nur von der Vorausschau auf einen kommenden Auflosungs-
prozeB ihre Begriindung erhalten.
Im Zusammenhang mit solcher Fixierung ist es nicht un-
wesentlich, darzulegen, wie sich die notwendigen Folgerungen
in der praktischen Arbeit des Wohlfahrtsamtes auswirken:
Die ,,Fiirsorge des Tages" wird geleistet und parallel zu
ihr laufen die stdindigen Bemtihungen einer ,,Vorsorge des
Tages". Das heiBt: Die Sicherstellung des Lebensbedarfs, die
meist auch neben den Leistungen der Mffentlichen Ffirsorge ge-
schehen muB, ist und bleibt heute noch die bis in all ihre Ver-
zweigungen zu erffillende Aufgabe. Parallel aber miissen all
jene MaBnahmen stindig beachtet werden, die Fiirsorge zur


Vorsorge stempeln. Da wir uns darfiber klar sein miissen, daB
die schwindende Steuerkraft sehr bald die finanzielle Bewe-
gungsfreiheit in der Fiirsorge wesentlich einengen wird, daB
wir sehr bald vor Notstinden stehen werden, die wir nur
schwer beseitigen kinnen, so sehr wir das auch machten, sind
wir trotz der heutigen allgemeinen Tendenz, zunaichst nur das
Gegenwirtige zu bewiltigen, zu einer Fiirsorge auf lange Sicht
gezwungen. Wir miissen jeden Weg beschreiten, der die Fiir-
sorge zu dem Ziel fiihrt, sich selbst tiberflfissig zu machen. Sei
dies durch eine noch intensivere Aktivierung der Verwandten-
hilfe, sei dies die genaueste Beachtung auch der zunichst
geringfiigig erscheinenden Familienbeziehung, die vielleicht
zur Grundlage einer Auswanderung werden kinnte, sei dies die
Priifung aller beruflichen Umschichtungsmoglichkeiten als
gfinstige Voraussetzung einer Verpflanzung, oder sei dies
schlieBlich indirekt die Schaffung von guten gesundheitlichen
Vorbedingungen, um eine Familie, wo es auch sein mag,
existenzfdihig zu erhalten.


Gemeindehaus AuBenansicht.


Photo Arbeitsgemeinschaft


Dadurch gewinnen alle Fiirsorgegebiete an neuer Bedeu-
tung, die der Erhaltung von Arbeitskraft und kUrperlicher
Existenzfihigkeit dienen. Jetzt, da es nicht mehr einerlei ist,
in welcher kdrperlichen und nervlichen Verfassung unsere
Menschen einer ungewissen Zukunft entgegengehen, muB z. B.
die Gesundheitsffirsorge fiir die berufsreife Jugend mehr in
den Brennpunkt des Interesses geriickt werden, als dies bisher
geschah. Wir haben eine gut ausgebaute Klein- und Schul-
Kindererholungsfiirsorge, die sich in Familien und gut ge-
fithrten Kindererholun'gsheimen durchfihren liiBt, wir haben
eine Erholungsffirsorge ffir gesundheitlich bediirftige Erwach-
sene. Aber das Jugendlichen-Alter, das heute den hirtesten
Einsatz wagen muB und sowohl durch Unterernfihrung als
auch durch die Ueberleitung in ungewohnte handwerkliche
Berufe eine starke k6rperliche Beanspruchung erlebt, kommt
bei diesen MaBnahmen etwas zu kurz. DaB dies ganz all-
gemein so ist, mag schon die Tatsache beweisen, daB es
keine Erholungsheime gibt, die sich speziell auf diese Aufgabe
bisher eingestellt haben.
Es gehibrt zu den speziellen Merkmalen der Auseinander-
setzung mit den Aufgaben des Judeseins, daB jeder aufbauende
Plan uns vor die Notwendigkeit stellt, auch seinen negative
Wirkungen zu begegnen. Machen wir die Jungen auswande-
rungsreif, so taucht gleich daneben die Frage der Versorgung
der nicht Auswanderungsreifen, also der alten und alternden
Menschen in doppelter Schwere auf, sowohl finanziell, als
auch verpflegungsmiiBig. Notwendig ist die Schaffung bil -
I i g e r Unterkunftsmdglichkeiten flr alte Menschen, nicht
aber der Neubau oder Ausbau kostspieliger Heime, da die fort-
gesetzte Schrumpfung der jifidischen Bevilkerung und der
Finanzkraft allmihlich die Nachfrage nach solchen Plitzen


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Israelitisches








14. Jahrgang I Nummer 17 Israelitisches Gemeindeblatt Selte 19


verririgern wird. Einen gewissen Ausgleich bieten auch die in
Mannheim wie in vielen andern Stadten aus der Privat-
initiative entstehenden Wohngemeinschaften, unter welchen
aber die ganz billigen Versorgungsm6glichkeiten noch nicht
geschaffen sind und im Bedarfsfall eventuell durch Miet-
garantien der jiidischen Gemeinden oder Bezirksstellen erst in
gr63erer Zahl erm6glicht werden miiBten. Dabei wire als
Preisniveau etwa die H6he der Kleinrente oder Kleinrentner-
hilfe anzunehmen. Solche Wohngemeinschaften haben gegen-
fiber den Heimen sogar den Vorteil, daB die Menschen sich
dort freier fiihlen, als in der notwendigen strengeren Ordnung
eines Heimbetriebes. Selbstverstlindlich spielt auch die Einzel-
unterbringung in geeigneten Familien eine sogar beiden Seiten
dienende Rolle. Die Pflegefamilien miiBten aber mit gr61ter
Beachtung aller Momente ausgewiahit warden, da ge-
rade alte und krinkliche Leute ihre Interessen oft nicht selbst
wahrnehmen kinnen.
Es ist im Rahmen dieser Ausfiihrungen n u r m6glich, die fur:s
sorgerischen Fragen zu umschreiben, die gerade jetzt in den Mittelpunkt
geriickt sind. Es miissen dabei all die Gebiete unerirtert bleiben, die
den traditionellen und eisernen Bestand der Wohlfahrtspflege bilden,
da sie im Zusammenhang mit der angeschnittenen Frage der Gesamts
1bsung eine untergeordnete Rolle spielen.
Statistisches zu.r Wohlfahrtspflege
Zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Ausfiihrungen werden durch
die Wohlfahrtspflege 396 Familien betreut mit 853 Personen.
Staatsangeh6rigkeit der Betreuten
Inlander. .555
Auslainder . 204
Staatenlose". 94
zusammen 853
Alter der Beitr-euten
Bis. 6 Tahre 40
7-14 ,, 101
15-60 ,, 548
iber 60 ,, 164
z usammen. 853
Familienstand der Betreuten
ledig .... 397
verheiratet . 350
verwitwet . 73
geschieden . 27
getrennt lebend 6
zusammen 853
Berufsgliederung der Betreuten
Es waren: selbstindig als Arbeitnehmer ohne Beruf
titig erwerbslos
in Landwirtschaft 2 -
Industrie 1 -1
Handel .. 77 192 130 -
Bilro ... 13 -
ohne Beruf 438


zusammen 77


208 130


Von den Betreuten erhielten bffentliche Unterstiitzung 154 Pars
teien, also nicht ganz die Hilfte aller unterstiitzten Parteien.
Die Frage, ob durch Auswanderung eine Entlastung der Wohls
fahrtspflege eintritt, mu3 verneint werden, da der Abwanderung unters
stiitzungsbediirftiger Familien ein viel groBerer Zugang an unterstiitzungss
bediirftigen Mittelstandsexistenzen gegeniibersteht. Folgende Zahlen
belegen diese Tatsache:
Von den regelmfliig Unterstiitzten des Wohlfahrtsamtes wanderten seit
1933 aus: 56 Familien mit 223 Personen
Die Neuzugange in der Wohlfahrts.
pflege umfaften in der gleichen Zeit: 142 Familien mit 507 Personen
Da gerade dem minderbemittelten Teil der jiidischen Bevblkerung
die verwandschaftliche Beziehung zum Ausland fehlit, die dort Biirgschaft
listen und Stiitzpunkt sein k6nnte, entsteht die fiir eine Gemeinde sehr
schwierige und belastende Perspektive, daB die Existenzsanierung der
jetzt Betreuten durch Auswanderung nur in einem verhAltnismNBig
geringen Teil der Falle miglich sein wird.
Die Wirtschaftshilie:
Zusammenfassend ist vorauszuschicken, daB sich die Wirt-
schaftshilfe mit jenrer Gruppe von Menschen befaBt, bei denen
Aussicht besteht, daB sie durch productive MaBnahmen Kre-
dithilfe, Berufsumschichtung, Auswanderung zur Selbsthilfe
kommen k5nnen.


Die K redithil fe stellt sich die Aufgabe, Menschen,
wenn auch in verengertem Lebensraum, eine tragbare Basis
ffir ihre Weiterexistenz zu schaffen. Sie will einem Absinken
des jiidischen Mittelstandes entgegenwirken und selbstandige
Existenzen miglichst erhalten. Diesem Zweck dient vor allem
die Darlehenskasse der Gemeinde, die nach kaufmannischen
Gesichtspunkten gefiihrt, Kredite nur gegen ilbliche Sicher-
heiten in der durch die Richtlinien der Reichsvertretung
festgelegten Form und H6Ihe gewihrt. Sie arbeitet als selb,
stdindige Einrichtung der Gemeinde, aber unter Mitarbeit der
Wirtschaftshilfe. Neben dieser KreditmOglichkeit, auf rein
kaufmannischer Basis hat die Wirtschaftshilfe in engem Rah-
men eine freiere Form geschaffen, die hauptsachlich Personal-
kredite ohne die fiblichen Sicherheiten solchen Menschen ge-
wiahrt, die der Wohlfahrtspflege durch Stfitzung und Sanierung
ihrer kleinen Existenz vorerst festgehalten werden k6nnen.
So wird die Kredithilfe zunichst zu einer Ueberbriickungs-
maBnahme einschneidender Art ffir alle die Menschen, die hier
noch ihr bescheidenes Auskommen finden k6nnen.


Gemeindehaus Sitzungssaal Photoarchiv Isr. Familienblatt
Statistisches zur Wirtschaftshilfe
Wir greifen bei dieser Darstellung das letzte Budgetjahr, laufend
vom 1. April 1935 bis 31. Mirz 1936 heraus. Wir unterscheiden dabei:
1. Darlehen, die aus Mitteln der Darlehenskasse gegeben werden
und welchen gewisse Sicherheiten gegeniiberstehen.
2, Wirtschaftshilfskredite, das sind Darlehen, die aus Mitteln der
Wirtschaftshilfe gegeben sind und meistens Personalkredite,
das heiBt ungesicherte Kredite, darstellen.
Zahlen zu Ziffer 1:
Im Etatjahr wurden von der Darlehenskasse gewihrt:
38 Darlehen in HShe von RM 17685.-
Von den Darlehensnehmern waren ihrem Beruf nach;
GroBhihndler . . . 5
Einzelhindler mit oder ohne offense Verkautsstelle 9
Kleinhindler (Hausierer, Marktfahrer) . 4
Landhindler (Viehs, Getreides, Eierhandel) 5
Handwerker . . . 3
Freie Berufe . . . 3
Vertreter . . 8
Sonstige . . 1
zusammen 38
Zahlen zu Ziffer II:
An ungesicherten Wirtschaftshilfskrediten wurden gegeben insgesamt
RM 4564.- an 44 Darlehensnehmer.
Hiervon gehorten an: dem GroBhandel 1
dem Einzelbandel 1
Angestellte waren 3
Handwerker . 3
Vertreter . 36
zusammen 44
Die Tatsache, daB die Summe von RM 4564.- an Wirtschaftss
hilfskrediten sich auf 44 Darlehensnehmer verteilt, beweist, daB es sich
hier um kleine Kredite handelt. Zu beachten ist, daB 80/o der Dar,
lehensEmpfinger den Vertreterberuf ausiiben.
Daneben aber und gleichbedeutend konunen alle die MaB-
nahmen zur Durchfuhrung, die aiuf eine wirtschaftliclie Neu-
ordnung des deutschen Judentums abzielen. Es ist vor allem


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindeblatt


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Seite 20 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jahrgang I Nummer 17


die Berufsumschichtung jener groBen Gruppe von Menschen,
die in ihren wirtschaftlichen Funktionen nicht mehr verbleiben
konnen und handarbeitenden Bertufen zugeffihrt werden miis-
sen, umn berufliche Ansatzpunkte im Einwanderungsland zu
finden.
Die Beruisumschichtung:
Es hat wohl im deutschen Judentum kaum eine not-
geborene Parole gegeben, die mit solch ehrlicher Griindlichkeit
sich Geltung verschafft hat, als die des Hiniiberwechselns in
praktische und manuelle Berufe. Diese Entwicklung hat sich
schon vor dem Umbruch, gefordert durch den EinfluB der blin-
dischen Berufsauffassung, angebahnt und ist nur durch die
Wucht der auBeren Umstdnde so elementary gestaltet worden.
Betrachten wir alle die Menschen, die heute am Beginn eines
neuen Berufsweges stehen, so muB gesagt werden, daB da
eine Generation im Wachsen ist, die loskommen will vom
n u r Geistigen und den gesunden Instinkt hat, in bescheidenere
Berufe hiniiberzuwechseln. Diese Jugend begniigt sich be-
wuBt mit einer beruflichen Auswirkung, die ihr ein neues
Lebensgefiihl in Aussicht stellt und keinen Scheinwert be-
deutet. Die geruhsame Zukunftssicherheit der blirgerlichen
Existenz erscheint dem gesund denkenden Teil unserer jii-
dischen Jugend gar nicht mehr erstrebenswert, weil sie d!e
Entwertung ihrer Inhalte sehr gegenwartig selbst miterlebt.
Fiur die Jugend, die in die neue Berufswahl eine geistig
fundierte neue Wertordnung bereits mitbringt, ist die zu for-
dernde innere Umschichtung selbstverstandlich.
Viel problematischer gestaltet sich diese Umstellung, auch
wenn sie auBerlich bereits vollzogen ist, bei all den Men-
schen, deren Berufsweg bereits in einer blirgerlichen Rich-
tung verlaufen war. Fiir sie bedentet das Hiniiberwechseln in
einen entgegengesetzten Beruf sehr hiiufig Verzicht auf we-
sentlich Erscheinendes. Auch sie beginnen, ebenso wie die
Jugend, das Neue und so wenig Gelaufige mit erstaunlichem
Mut. Aber sie schaffen es nicht allein, weil sie sich infolge der
Lbsung frfiberer beruflicher Bindungen in einer vermeint-
lichen Isoliertheit befinden.
Hier hat der Hechaluz eine Briicke geschlagen, indem er
dem Einzelnen den Riickhalt einer Gemeinschaft gab, die einen
eigenen ij i d i s c h fundierten Berufsbegriff geprigt hat. Seine
einheitlich gerichtete Ideologie, die ihren Inhalt und ihr Ziel im
Aufbau Paldistinas sieht, hat dem wirtschaftlichen Sinn einer
beruflichen Einordnung einen jiidischen hinzugefiigt und hat
damit den chaluzischen Menschen zu formen versucht.
Zahlenmi~Big gesehen erleben wir heute in unserer Gemeinde
das folgende Bild': Der Zustrom zur Berufsumschichtung hat im Jahre
1934 seinen Hohepunkt erreicht; d. h. die Menschen, die .aus einem
,vermittelnden" Beruf in einen manuellen Auswanderungsberuf hins
iiberwechseln muBten, haben in den Jahren 1933, 1934, 1955 im We-
sentlichen ihren neuen Berufsweg begonnen, der grofienteils in eine
Auswanderung nach Palastina einmiindete. Seit 1935 hat sich die Si;
tuation verschoben. Die chaluzische Einwanderung mit ibrer voraus%
gegangenen Berufsumschichtung tritt durch die ungiinstige Zertifikatss
lage hinter der Ueberseewanderung zuriick, die nur in den seltensten
Fillen beruflich so vorbereitet wird, wie die palistinensische.
So kommt es, daB der Zustrom in den manuellen Beruf wohl
in seiner Intensitit gleichgeblieben, in seiner altersmiBigen Zusammens
setzung sich aber verschoben hat.
Statistisches zur Berufsumschichtung
Der Zustrom der ausgeschalteten Berufstitigen in die Berufs,
umschichtung setzte in Mannheim Mitte des Jahres 1933 ein. Im Seps
tember 1933 zihlte man erstmals eine Zahl von 44 Umschichtenden,
die im Jahre 1934 ihren Hohepunkt mit 315 erreichte. Die zahlens
maiBige Entwicklung war folgende:
1933 1934 1935
January 160 250
February 190 258
Mirz 217 219
April 263 193
Mai 280 189
Juni 304 155
Juli 315 161
August 315 166
September 44 305 164
Oktober 64 302 165
November 113 309 168
December 131 299 269


Neben der Schaffung handwerklicher Ausbildungsmbglichkeiten
ist es Aufgabe der Wirtschaftshilfe, die Umschichtung zu finanzieren
fiir Menschen, die infolge ihrer wirtschaftlichen Lage die Mittel nicht
selbst bereitstellen konnen.
Die Finanzierung, die im Durchschnitt einen monatlichen Aufb
wand von RM 35.- verursicht und von der brtlichen Wirtschaftshilfe
gemeinsam mit der Reichsvertretung getragen wird, erfolgte
im Jahre 1933 in 14 Fallen
S 1934 ,, 82
S,; 1935 ,, 57 ,
Die Dauer der Bezuschussung betraigt im Einzelfall durchschnitt,
lich I '/2 Jahre.
Den Zahlen der Umschichtung sind die der Erstausbildung gegens
iiberzustellen, die sich jetit im umgekehrten Verhiltnis zur Berufsum,
schichtung bewegen. Wihrend die Umschichtung eine riicklufige Be,
wegung zeigt, ist die handwerkliche Erstausbildung im Wachsen be,
griffen und stellt sich zahlfenmiafig folgendermaBen dar:
1933 26 hiervon bezuschuBt -
1934 37 ,, 7
1935 81 12
1936 94 18
Die Kosten der Erstausbildung im Einzelfall bewegen sich un,
gefahr auf gleicher Hohe wie die der Berufsumschichtung.
Die Lehrlingsfiirsorge
gerade der letzten Jahre zeigt ein v6llig einseitiges Bild: Die
Wahl des kaufminnischen Berufs steht weitaus hinter de.r des
handwerklichen zuriick. Verschirft wird dies einerseits durch
den groBen Mangel an handwerklichen Lehrstellen, anderer-
seits dadurch, daB die Schulentlassung heute von Eltern und
Schiilern in einem ffir d!e jiidische Jugend kaum berufsreifen
Alter erfolgt, so daB ein Problem entsteht, das von drei Seiten
her zu bewaltigen versucht werden muB. Durch eine ergain-
zende und in den Beruf iiberleitende Schulbildung, durch die
kiinstliche Schaffung handwerklicher Ausbildungsm6glich-
keiten und schlieB!'ch durch die Verlegung de.r Ausbildung
selbst in das kiinftige Aufenthaltsland des Jugendlichen. Darum
sah sich die Gemeinde Mannheim vor die Notwendigkeit ge-
stellt, neben der Schaffung einer Aufbauklasse, woriiber im
Rahmen der Erbrterung der Schulfragen in diesem Blatt ge-
schrieben wird, eine
Anlernwerkstfitte
fir Schreinerei und Schlosserei zu errichten. Sie hat ihre Ar-
beit mit 35 Schillern begonnen, von denen 15 in der Schreinerei
und 20 in der Schlosserei ihre 21/2jihrige Ausbildung genieBen.


Anlernwerkstatte: Schlosserei


Photo Arbeitsgemeinschaft


Die Problematik dieses Versuchs ist ebensu alt, wie der Ge-
danke der Lehrwerkstaitte selbst, der schon lange vor dem
Umbruch als L6sung der handwerklichen Nachwuchsfrage
aufgetaucht ist. Klar ist, daB die gute Einzellehre mit ihren
vielseitigen beruflichen Betiitigungsm6glichkeiten einer Aus-
bildung in einer Lehrwerkstatte vorzuziehen ist. Aber das An-
gebot an guten Einzellehrstellen steht, da praktisch nur jii-
dische Handwerksbetriebe in Frage kommen, bei weitem nicht
im Verhaltnis zur Nachfrage. So bleibt nur die Lehrwerkstatte
als Losung in dieser Zeit des Zustroms der Jugend in manuelle
Berufe. Es ist unsere Aufgabe, die Vorbedingungen in der
Anlernwerkstitte so zu gestalten, daB eine miglichste Anglei-


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Israelitisches Gemeindeblatt







1NIsraelitisches Gemeln-ebl-tt 44__ J11
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Ve


chung des Ausbildungsganges an die Einzellehre erreicht wird.
Gelingt dies, so kann die Ausbildung durch die Anlernwerk-
stitte in ihrer zweifellos gr6Beren Systematik und Konzen-
triertheit ein Bildungsziel erreichen, das wohl dem einer guten
Einzellehre an die Seite gestellt werden kann. Auch die Tat-
sache der beruflichen Gemeinschaftserziehung kann Erzie-
hungswerte in den Ausbildungsgang. hineintragen, die in der
Einzellehre nicht gepflegt werden k6nnen. Gerade unseren
Neulingen im manuellen Beruf kann der Riickhalt einer Ge-
meinschaft mit gleichgerichtetem Berufsziel die oft gleich-
artigen Anfangsschwierigkeiten der Umstellung wesentlich
erleichtern.


Anlernwerkstatte: Schreinerei Photo Arbeitsgemeinschaft
Nicht uninteressant ist die Zusammensetzun.g des Schiller-
materials unserer beiden Werkstitten, die durch die nach-
folgenden Zahlen gekennzeichnet ist:
Es wurden untergebracht: in der Schlosserei 20
in der Tischlerei 15
Berufe der Viter:
Kaufmann 34 (selbstandig und im Angestelltenverhiltnis)
Arbeiter 1
Vorbildung der Jugendlichen:
Volksschule . 12
Volksschule (Sprachklasse) 2
Mittelschule . 21
Wohnsitz der Jugendlichen: Mannheim . 14
sonstige badische Orte 13
Pfalz ... . 3
Saar . 2
Hessen. . 3
Bis jetzt sind Paliistina und Holland die einzigen Linder,
die die berufliche Ausbildungsfrage schulentlassener Jugend-
licher im Auswanderungsland selbst konstruktiv und in gr6-
Berem Stil zu 16sen versuchen. Beide Ausbildungsm6glich-
keiten haben allerdings ganz verschiedene Tendenzen.
Wihrend das Werkdorf Niuweslius in Holland, wo sich eine
handwerkliche und landwirtschaftliche Ausbildung groBen Stils
vollzielit, die Jugendlichen auch wieder nur fiir die U e b e r -
s i e d I u n g in andere Liinder auswanderungsreif machen
will (aus Mannheim wurden dort- bis jetzt 4 Jugendliche unter-
gebracht), verfolgt die
Jugendalijah
das Ziel, bei den Jugendlichen durch die m6glichst friihzeitige
berufliche und pers6nliche Einordnung in das jildische palli-
stinensische Leben einen h6chsten Grad von Anpassung an
das Land und seine Notwendigkeiten, ganz besonders aber an
das Lebepi in der kibuzzischen Gemeinschaft zu erreichen.
Auch dort ist eine mehrjahrige berufliche, hauptsachlich land-
wirtschaftliche Ausbildung vorgesehen, neben der gleichbe-
deutend die jildisch sprachliche und jiidisch bildungsmiBige
Arbeit beachtet wird. Eine groBe Anzahl von Kibuzzim in
Pallistina hat Jugendalijahgruppen angegliedert. Man kann die
Erfolge dieser zweifellos fiir das Land sehr geeigneten Form


der Jugendbildung noch nicht fibersehen, da es noch nicht
viele Gruppen gibt, die dort die berufliche Ausbildung berets
abgeschlossen haben.
Die Jugendalijah nach Palistiina setzte erst im Jahre 1934 ein.
Die zahlenmaBige Enlwicklung war folgende:
1934 kamen aus Mannheim. .. .... 3 Jugendliche
1935 .. . 11 ,,
1936 ,, ,, bis Juli 11
nach Palistina.
Im Ganzen kann von der Berufsausbildung gesagt werden,
daB sie heute den produktivsten Teil der Wirtschaftshilfe
bildet, und daB die Verantwortlichkeit, die die jidische Ge-
sellschaft fur ihren Nachwuchs trgigt, einen deutlichen Aus-
druck in dem lebendigen Interesse findet, das den Fragen der
Erstausbildung entgegengebracht wird.
Die Frage der
Finanzierung aller geschilderten Aufgaben
ist selbstverstindlich das Kernproblem, von dem die Weite
und die Stdirke ihrer Wirkungsmbglichkeiten weitgehend ab-
hidngen. Gerade seit dem Umbruch haben sich die finanziellen
Triger der jiidischen Sozialarbeit vollkommen vertindert. In
dem MaBe, wie alle ffirsorgerischen Fragen an Popularitiit ge-
wonnen haben, bedingt durch die Unmittelbarkeit der Not,
ist auch der Einzelne als finanzieller Traiger der Wohlfahrts-
pflege deutlicher in Erscheinung getreten. Es gibt wohl kaum
einen stiirkeren Beweis der Solidaritit, wie den, den das
deutsche Judentum durch seine 5uBerste finanzielle Bereit-
schaft zur L6sung aktueller ffirsorgerischer Fragen erbracht
hat.
Wiihrend in den Jahren vor dem Umbruch die Tendenz
dahin going, die Gemeinde selbst mit ihren Steuermitteln neben
den bestehenden Vereinen zum finanziellen Haupttriiger der
Fiirsorge zu machen, ist aus der gegenwartigen Lage eine an-
dere Lastenverteilung erwachsen. AuBer den Budgetmitteln
der Gemeinde, auBer den Wohlfahrtsmitteln der Vereine muB-
ten neue Triger eingefiigt werden, umrn das grlBer gewordene
Gebdiude zu stiitzen. Es traten ganz wesentliche, neue Hilfs-
faktoren dazu: Die neuartige und intensive Erfassung des Ein-
zelnen als Geber durch die Aktion ,,Hilfe und Aufbau" und
durch die ,,jidische Winterhilfe". Daneben als Ausdruck einer
einheitlichen finanziellen Planung der Einsatz von Mitteln aus
zentralen Quellen der Reichsvertretung, des Hilfsvereins und
des Palistina-Amtes.
Gerade diese Entwicklung finanzieller Lastenverteilung
kennzeichnet die Linie der Gesamtverantwortung und zugleich
der Einzelverantwortung auf eine fiberaus priignante Weise.
Vielleicht wird sie einmal zu einem Nachweis daffir werden,
daB unsere Generation durch ihre Antwort auf die Not vor
der jiidischen Geschichte bestehen kann. Dies aber nur, wenn
wir darum ringen, die Arbeit mit dem j ii d i s c h e n Gehalt
zu erffillen, der ihrer Aufgabe gemBl3 ist.
Mia Neter.


Die Auswanderung
Die Auswanderungshilfe in ihren zwei Formen, der Aus-
wandererberatung und der Auswanderungsfinanzierung, ge-
h6rt zu denjenigen Gebieten, die mit dem Umbruch des Jahres
1933 als neue Aufgaben in den Bezirk jildischer Sozialarbeit
traten. Wenn bisher schon organisatorisch gesorgt war fir
Auswanderer und Durchwanderer, so handelte es sich hier-
bei im weit fiberwiegenden MaBe um Hilfeleistung fur nicht in
Deutschland ansfissige Juden, insbesondere aus den osteuro-
pdiischen Staaten.
Als mit dem Jahre 1933 eine Auswanderung von Juden
aus Deutschland einsetzte, die sich in ihrem Umfang und
ihrer Bedetuiig mit den grollen Wanderungen der spanischen
und der russischen Juden messen kann. muBte von jiidischer
zentraler sowie 6rtlicher Stelle schnellstens Hilfe geleistet
werden.


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindehlntt


CSn i11







Seite 22 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jahrgang I Nummer 17


Das grIBte und verantwortungsvollste Aufgabengebiet
der Auswanderungshilfe, die Auswandererberatung, ist infolge
ihrer reichsgesetzlichen Regelung nur auszuiiben durch staat-
lich anerkannte Beratungsstellen. Als solche bestanden fir die
palistinensische Wanderung das ,,Palistina-Amt der Jewish
Agency" in Berlin und fir die Wanderung in die gesamte
fibrige Welt der ,,Hilfsvere.in der deutschen Juden" Berlin
(jetzt ,,Hilfsverein der Juden in Deutschland"). Die Gemeinden
konnten durch ihre Wirtschaftshilfsstellen den an sie heran-
tretenden Ansturm von Ratsuchenden, nur als Mittler zu diesen
Stellen zu bewAiltigen versuchen, da ihnen ein eigenes Bera-
tungsrecht nicht zustand. Das Paldistina-Amt schritt schon bald
zur Griindung von Zweigstellen im ganzen Reich und so auch
in Mannheim, entsprechend der GroBe der paldistinensischen
Auswanderung in den Jahren 1933 und 1934. Dadurch wurde
den Wirtschaftshilfsstellen der Gemeinden die Aufgabe der
Beratung von Palist'na-Wanderer abgenommen, abgesehen
von der Durchftihrung von Auswanderungen berufsumschich-
tender Menschen, die auf Arbeiterzertifikat nach Palaistina ein-
wanderten.
Als mit dem Jahre 1935 die nichtpalistinensische Wande-
rung, insbesondere die Uebersee-Wanderung, an Bedeutung
immer mehr gewann, schritt auch der ,,Hilfsverein der Juden
in Deutschland" zur Grfindung von Zweigstellen im ganzen
Reich. Der Sitz einer Zweigstelle wurde nach Mannheim ver-
legt. Der Hilfsverein legte dabei Wert auf eine moglichst enge
Zusammenarbeit zwischen Gemeindeinstanzen und Zweig-
stellen, was bei der Mehrzahl der sfiddeutschen Zweigstellen
durch Betrauung bisher in Gemeindediensten stehender Men-
schen mit der Leitung der Zweigstellen seinen Ausdruck fand.
Damit ist die Auswandererhilfe, soweit es sich umrn A u s -
wanderer beratung handelt, sowohl fair die Paldistina-
Wanderer als auch fur die Wanderer nach nichtpalistinen-
sischen Lindern ganz aus dem Aufgabengebiet der Gemeinde
ausgeschieden. Als interessant ist zu vermerken, daB die zwei
Berliner Zentralstellen, das Palistinaamt und der Hilfsverein,
die einzigen jiidischen sozialen GroBinstitutionen sind, die uiber
einen ihnen unmittelbar unterstellten Verwaltungsapparat im
ganzen Reich verfiigen.
Die zweite Aufgabe, die F i n a n z i e r u n g der Auswan-
derung in bediirftigen Fallen, erfolgt dagegen in engster Zu-
sammenarbeit der beiden Organisationen mit der Wirfschafts-
hilfsstelle der Gemeinde. Nach den fiir die Arbeit geltenden
Richtlinien werden Zuschiisse gemeinsam von Heimatgemeinde
und Auswanderungsorganisation getragen. Beide Stellen. tra-
gen mit einer Bewilligung oder Ablehnung eine groBe Ver-
antwortung, da es sich ja darum handelt, mit den verfiigbaren
Mittein sparsamst umzugehen, ohne aber eine sinnvolle Aus-
wanderung durch Nichtgewihrung eines Zuschusses zu ver-
eiteln. Diese Arbeit liiBt sich nur o1sen durch vertrauensvoll-
stes Zusammenwirken der zusammenarbeitenden Stellen.
Was nun die Auswanderung aus Mannheim im Speziellen
angebt, so ist zuniichst festzustellen, daB sie sehr schnell und
in sehr starkem Umfang einsetzte, Die in dem zweiten und
dritten Quartal des Jahres 1933 einsetzende fiberstiirzte Aus-
wanderung in europdische Grenzllinder, die damals im Vor-
dergrund der Auswanderung stand, hat heute mehr und mehr
Platz gemacht einer wohlvorbereiteten Auswanderung, die
von vornherein unter dem Gesichtspunkt einer endgailtigen
Lbsung erfolgt.
Uebersicht iiber die Auswanderung aus Mannbeim
in der Zeit vom 1. 4. 33 bis 30. 6. 36
l 1.4. 33-31.8.35 1.9.35 30.6.36 Ins.
Wanderungziel (29 Monate) (10 Monate) gesamt

Europa . 319 144 463
Palistina. . 257 115 372
Uebersee 77 176 253
Unbekannt . 7 17 24
Gesamtauswanderung 660 452 1112


Aufteilung der UeberseesAuswanderung
1. 4. 33-31. 8. 35 1. 9. 35-30. 6. 36. Insges.
USA.. . 50 112 162
Siidamerika 23 54 77
Siidafrika . 4 10 14
Insgesamt . 77 | 176 1 253

Als Spezialform der jifdischen Auswariderung seen
neben der schon erwiahnten Auswanderung jugendlicher Men-
schen als Handwerker und Landwirte nach Palistina, und der
Jugendalijah, die in dem vorstehenden Artikel ausfiihrlich dar-
gestellt wurde, die sehr bedeutungsvolle Kinderverschickung
nach den Vereinigten Staaten genannt, sowie die Ansiedlung
von siedlungsf~higen und giedlungswilligen Familien durch die
JCA (Jewish Colonisation Association) in Argentinien. In dem
ersten Falle handelt es sich darum, daB schulpflichtige Kinder
von amerikanischen jiidischen Familien aufgenommen wurden
und mit ihren eigenen Kindern erzogen und spater einer Be-
rufsausbildung zugefiihrt werden. Dabei spielt insbesondere
auch eine Rolle die spditere Aussicht, daB diese Kinder einmal
ihren Eltern und Geschwistern ein Nachkommen ermoglichen
kinnen.
Die besonderen Merkmale, hunter denen die Auswanderung
aus Mannheim steht, sind einmal die in den Jahren, 1933-1935
weit fiber Reichsdurchschnitt stehende Auswanderung nach
Palistina. Daraus erklhirt sich, abgesehen von den allgemeinen
Umstiinden, das starke Zuriickgehen der Paldistina-Wanderung
Ende 1935 und in dem erster Halbjahr 1936. Besonders be-
merkenswert ist weiterhin die auBerordentlich starke Auswan-
derung nach den Vereinigten Staaten, dadurch ermiglicht, daB
im vorigen Jahrhundert schon eine starke Auswanderung nach
Amerika stattgefunden hat, wodurch sich heute die familiaren
Verbindungen ergeben, die die Voraussetzung fiir eine Ein-
wanderung in dieses Land bilden. Weiterhin ist fiir Mannheim
typisch die relative groBe Zahl von Auswanderungen nach Ar-
gentinien, wiederum zu erklaren durch die starken 'Bindungen
Mannheims als Getreideplatzes an Buenos Aires.
Die richtige Lenkung der Auswanderung ist heute eine
entscheidende Aufgabe fiir die jiidische Gemeinschaft geworden.
Hingt doch hiervon nicht nur die Zukurnt des einzelnen Aus-
wanderers ab, sondern auch welter gesehen die Zu-
kunft der nicht mehr auswanderungsfahigen und in Deutsch-
land zurfickbleibenden Familien. Nicht zuletzt soil hier aber
auch darauf hingewiesen werden, daB jedte in ihrer Vorberei-
tung und in ihrem Reiseziel sinnlose Auswanderung nicht nur
dem einzelnen Auswanderer zugerechnet wird, sondern Fol-
gen fur die gesamte jiidische Wanderungsfrage haben kanm.
Aus diesem Grunde ist die weitere enge Zusammenarbeit der
groBen jiidischen Wanderungsorganisationen und ihrer Zweig-
stellen mit den Gemeindeinstanzen eine Notwendigkeit im In-
teresse der Lbsung einer gemeinsamen Aufgabe.
Dr. Franz-Ludwig Auerbach.



Dasjiid. Krankenhaus u. Altersheim
Vor wenigen Wochen erfolgte, in aller Stille die Verlegung
unseres Gemeinde-Krankenhauses von der Stiitte seines bis-
herigen Wirkens in E 5 nach neuen Riumen in der Collini-
straBe, im Osten der Stadt. Mit dieser Uebersiedlung ist ein
225 Jahre dauerndes Stuck Geschichte unserer ehrwfirdigen
Gemeinde endgiiltig abgeschlossen und ein neuer Abschnitt hat
angehoben. Die Stunde des Abschiedes von einem Hause, das
fiber zwei Jahrhunderte so viel Leiden, Hoffen und Glfick kran-
ker Korper und Seelen von jiidischen und nichtjfidis'chen Men-
schen, aber auch unsagbares Liebeswerk an Kranken und
Alten im Geiste jfidischer Zedakah in sich sah, konnte zu
einem Rfickblick AnlaB geben. Spiegelt sich doch in der Ge-
schichte des jifidischen Krankenhauses ein wesentliches Stuck
Geschichte der jiidischen Gemeinde Mannheim selbst.


14. Jahrgang / Nummer 17


Seite 22


Israelitisches Gemeindeblatt







e tLe 223
1.alrngINme17Israelitisches Gemeindeblatt C v~


In dem Augenblick, da wir aus stadtebaulichen Grfinden
das alte Spital der Stadtgemeinde fiberlassen muBten, bestand
Einmiitigkeit innerhalb der Gemeindegremien, daB wir unter
allen Umstanden unseren jfidischen Kranken einen vollwer-
tigen Ersatz zu bieten hatten. Ueber das Wie und Wo war
freilich ein sorgsames Beraten notwendig. Es diirfte ja hin-


Gebaude seiner nunmehrigen Doppelaufgabe an Kranken
und Alten zuzufiihren. Der westliche Fliigel wird weiterhin
25 alteren Insassen als Heimstatte verbleiben; der Ostteil
aber soil ausschlieBlich den Bestimmungen eines Kranken-
hauses neuzeitlicher Art dienen. Die beiden ,,Heime" sind dar-
um durch eine im ErdgeschoB beginnende und bis oben hin
durchgefiihrte glaserne Scheidewand villig voneinander ge-
trennt. Gemeinsam blieb beiden die herrliche Lage des Hau-
ses, abseits vom Larm der Stadt, sowie der Blick ins wohlige
Grin des Luisenparkes, auf den geraumigen Garten des Hau-
ses mit Liegewiese und dahinter die ruhig flieBenden Wasser
des Neckar. Beiden Anstalten dienen auch in Zukunft die im
GartengeschoB liegenden wegen ihrer zeitgemaBen Einrich-
tung friiher schon viel gelobten Wirtschafts-, Wasche- und
Kiichenraume. Um aber auch hier jegliche unliebsame Reibung
zu verhiiten, wurde von der gemeinschaftlichen Kibche nach
dem Altersheim-Fluigel ein Gang gebaut, der mittels eines
Speisewagens die rasche Versorgung der dortigen Insassen
gewahrleistet. Um die bisher gleichgroBen Zimmer des Al-
tersheimes fiir die Bediirfnisse des Krankenhauses herzurich-
ten, muBten mehrfach die Wande versetzt werden. So en't-
standen:


7 Zimmer 1.
7 Zimmer 2.
2 geraumige
2 geraumige


.- .m m...m .. _
Altes Krankenhaus Photo Arbeitsgemeinschaft
reichend bekannt sein, wie schmerzlich groB in den letzten
Jahren der SchrumpfungsprozeB an Menschen und Vermagens-
werten innerhalb unserer Gemeinde war. Immerhin ffir 5 000
jiddische Seelen Mannheims, wozu noch eine nahere und wei-
tere Umgebung kommt, die eines jiidischen Krankenhauses
entbehrt, blesteht eine dringende Notwendigkeit, im Krank-
heitsfalle Unterkunft zu bieten. Als verhaltnismaBig beste
LOsung ergab sich schlieBlich die Mitverwendung des vor
sechs Jahren errichteten jildischen A It e r she i ni e s in der
CollinistraBe fiir die Zwecke des K ran k enhause s.
Mit Hilfe des Erbauers des Altersheimes, des Bau-
meister Nathan aus Frankfurt am Main, gelang es in
vorziiglicher Weise durch Um- und Anbauten das seitherige
















Altersheim und neues Krankenhaus
Photoarchiv Die lebendige Stadt


Klasse
Klasse
Sale 3.
Sale 3.


mit je 1 Bett.
mit je 2 Betten.
Klasse mit je 3 und
Klasse mit je 4 Betten.


Ferner wurden zwei Isolierraume, Teekilchen, Tagesraume flir
Rekonvaleszenten, Verwaltungsraum sowie die erforderlichen
Schlafraume fuir Schwestern und Hauspersonal gewonnen, die
teils an die eigentlichen Krankenzimmer harmonisch angereiht
sind, zum anderen Teil sich im Oberstock befinden. Der Ku-
bikraum ist iiberall so reichlich bemessen, daB neben den vor-
gesehenen 37 Betten im Bedarfsfalle, mindesten in den vier
Salen 3. Klasse noch je ein Bett plaziert werden kann. Die
Einrichtung samtlicher Raume ist gemaB der finanziellen Lage
der Gemeinde schlicht, doch durchaus hinreichend auch fuir
anspruchsvolleren Geschmack; insbesondere fallt die nach
neuzeitlichen Erfahrungen getroffene Anordnung der Licht-
und Signalanlageni angenehm auf. Durch N e u b a u zu schaf-
fen war vor allem der Operationsraum, der, architektonisch
sehr gut gelungen, hygienisch einwandfrei in der Mitte der
Gartenfront erstellt wurde. Er besteht aus einem gr6Beren
Saal fiir aseptische und einem kleineren fiir septische Opera-
tionen; zwischen beiden befindet sich ein Sterilisationsraum
fiir Wasche und Instrumente, ferner Vorbereitungs- und
Waschraume ftir Aerzte und Schwestern., Im Operations-Saale
fallt neben der lIickenlosen Innen-Einrichtung, wie sie den Er-
rungenschaften von medizinischer und technischer Forschung
entspricht, namentlich die eigenartige Liiftungs-Anlage ins
Auge; sie wird den Besonderheiten der wechselnden Jahres-
zeiten bestens genfigen. Neu zu beschaffen war auch die ge-


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Cremeindahla~t


S/^./ '







Seite 24 IsraelitischesGemeindeblatt 14. Jahrgang / Nimimer 17


samte Ri6ntgeneinrichtung, die nunmehr allen Anspriichen der
Diagnostik geniigt. Raumlich gut untergebracht sind die Ap-
parate filr HIhensonne, Diathermic, sowie die medizinischen
Bader. Sowohl im Altersheim, wie im Krankenhaus befindet
sich ein Personenaufzug.
Mit dem Hause verbunden und in ihm riumlich unter-
gebracht ist das ,,Israelitische Krankenschwesternheim", das
vor einiger Zeit der Gemeindeverwaltung an.gegliedert wurde.
Hier stehen einige erfahrene Schwestern fur ambulante und
ganze Pflegen in jiidischen Privathausern jederzeit zur Ver-
fiagung.
Derart neuzeitlich ausgestattet mogen Krankenhaus und
Altersheim weiterhin ihre segensreiche Wirksamkeit austiben.
Julius L6ffler.


Jiidische Klassen der Grunds und
Hauptschule Mannheim
Als das Schulgesetz vom Jahre 1868 die Errichtung von
Simultanschulen gestattete, wenn die Schulgemeinden der
bestehenden konfessionellen Schulen der Verschmelzung zu
einer Gemeinschaftsschule zustimmten, wollte auch die jii-
dische Gemeinde Mannheim dem Zeitgeiste nicht entgegen
sein, der auf eine solche Verschmelzung hindrangte, und so
konnte auf Ostern 1870 die erste Simultanschule Badens in
Mannheim er6ffnet werden. Die drei Lehrer an der jiidischen
Schule wurden von der Gemeinschaftsschule fibernommen.


Hof der Volksschule


Photo Arbeitsgemeinschaft


Sechs Jahre spiter wurde die Simultanschule durch Gesetz
fiur das ganze Land verpflichtend. Die jiidische Gemeinde
Mannheims hatte also freiwillig etwas aufgegeben, das doch
nicht mehr zu halten gewesen war; auBerdem kam die Simul-
tanschule dem Streben entgegen, mit der Umwelt in mdglichst
enge Fiihlung zu treten und sich ihr anzupassen.
Aehnlich, wenn auch aus den entgegengesetzten Grfinden,
verhielt sich die hiesige Gemeinde nach dem Umschwung 1933.
In Erkenntnis der Tatsache, daB ein Verbleiben der jiidischen
Schiiler in den allgemeinen Schulen nicht lange mehr ange-
bracht sein werde, wurde an Ostern 1934 eine ifidische An-
ffingerklasse mit einem jiidischen Lehrer im Rahmen der all-
gemeinen Volksschule erdffnet, zu der, obwohl kein Zwang
ausgefibt wurde, beinahe 90% der Schulanfanger gemeldet
wurden. Ostern 1935 kam eine zweite und im Herbst desselben
Jahres eine dritte jiidische Klasse hinzu; auch diese beiden
Klassen umfaBten nahezu alle jfidischen Schfiler der betref-
fenden Jahrgfnge.
An Ostern dieses Jahres wurde nun nach vorausgegan-
genen Verhandlungen d.es Oberrats mit dem badischen Unter-
richtsministerium die jiidische Schule in eine achtklassige aus-
gebaut und eine neunte Aufbauklasse hinzugefiigt. Die Schii-
ler werden in allen Ffchern von jildischen Lehrern unterrichtet
und sind mit Ausnahme der ersten, zweiten und neunten Klasse
in einem besonderen Schulhaus untergebracht. Die acht Volks-
schulklassen bilden einen Teil der allgemeinen Grund- und


Hauptschule und sind wie diese dem Stadtschulamt unterstellt.
Naheres darfiber wurde in Numnmer 10 dieses Blattes aus-
geffihrt. Da die Raume in K 2 fiir die dort zu unterrichtenden
365 Schiller 194 Knaben und 171 Madchen nicht aus-
reichen, muB ein Teil der Unterrichtsstunden in den Raumen
der Clausschule abgehalten werden. Die Schule ist also zum
Teil wieder in die Raume zurfickgekehrt, in denen vor mehr
als 100 Jahren die erste ifidische Volksschule in Mannheim
erbffnet wurde. DaB Eltern und Schiiler die Zeichen der Zeit
verstanden haben, beweist der Umstand, daB in die Haupt-
schulklassen, ffinftes bis achtes Schuljahr, etwa 100 Schfiler
freiwillig aus den hoheren Schulen eingetreten sind. Aus miind-
lichen und schriftlichen AeuBerungen der Jungen und Miidchen
gewinnt man den Eindruck, daB dieser Uebertritt von der hid-
heren zu der Volksschule, deren Lehrplan allerdings gegen-
fiber der allgemeinen Schule um das Englische als Lehrfach
der Oberklassen erweitert ist, von ihinen nicht als ein Herab-
steigen betrachtet wird, wie das wohl nach friiheren Anschau-
ungen der Fall gewesen wfire. Im Gegenteil. Sie fiihlen sich
hier frei von fiuBeren und inneren Hemmungen und wissen,
daB ein ganz anderes Vertrauensverhiltnis zwischen Lehrern
und Schfilern und zwischen den Schfilern unter sich mdglich
ist als in der bisherigen Umgebung, selbst wenn sie dort, wie
wahrheitsgemaiB festgestellt werden muB, in den meisten Fil-
len keinerlei iuBeren Belfstigungen und Krinkungen ausge-
setzt waren. Mit einer Selbstverstandlichkeit, die uns Er-
wachsene oft in Staunen setzt, haben sie erkannt, daB sie
andere Wege in der Berufswahl einschlagen mfissen, als ihre
Eltern und GroBeltern, daB die Zeit den jiidischen Kaufleuten
und Akademikern nicht giinstig ist, und so werden sie gr6B-
tenteils handwerkliche, technische und landwirtschaftliche
Berufe ergreifen, um sich in Palistina oder sonstwo im Aus-
lande eine Existenz zu griinden, und viele denken jetzt schon
daran, ihre Eltern nachkommen zu lassen und fur sie zu sorgen.
Wenn wir so in unsern jiidischen Klassen eine Jugend vor
uns seen, die sich keinen Illusionen hingibt, sondern ohne Be-
dauern und ohne Sentimentalitit den Tatsachen ins Auge sieht,
so erwichst der Schule daraus die verantwortungsvolle Auf-
gabe, die Jugend fiar das schwere Leben, das ihr bevorsteht,
vorzubereiten durch eine starke Verwurzelung im Jiidischen,
damit sie iuBeren Anfechtungen mit innerem Stolz und Selbst-
bewuBtsein begegnen kann, durch Gewohnung an Selbstzucht
und Zurfickhaltung, durch Vermittelung eines festen Wissens,
Ausbildung der manuellen Ffhigkeiten und Stfrkung der kor-
perlichen Krifte durch Turnen und Sport. Mdge das schwere
Werk durch Zusammenwirken aller beteiligten Faktoren, Leh-
rer und Schiller, Eltern und Gemeinde gelingen!
Berthold Stahl.


Die Aufbauschule
Eine der jiingsten Einrichtungen der Jiidischen Gemeinde
Mannheim ist die Schaffung von Aufbauklassen (eine 9. Klasse
besteht schon seit Anfang Mai dieses Jahres, eine 10. Klasse
soll noch ins Leben gerufen werden), die der Ausbildung be-
sonders solcher Jugendlicher dienen sollen, die unmittelbar
oder mittelbar vor der Vorbereitung far die Auswanderung
stehen bzw. vor dem Eintritt in eine Berufslehre. Neben einer
allgemeinen Wissensgrundlage werden spezifisch jiidische
Kenntnisse fibermittelt und zwar wesentlich mehr, als der
Religionsunterricht der hdheren Schulen in zwei Wochen-
stunden auch nur anstreben konnte. Wobei es sich von selbst
versteht, daB der Unterricht in den jildischen Ffchern (Iwrith,
Jiudische Geschichte, Tenach) ein anderes Gesicht aufweist,
als jener Religionsunterricht haben konnte. Als Fremdsprache
ist Englisch obligatorisch, doch wird den Schillern auch die
Mdglichkeit gegeben, an wahlfreiem Franz6sisch teilzunehnimen.
Der Unterricht in Deutsch, Allgemeiner Geschichte und Po-
litischer Geographie bemiiht sich, eine allgemeinste ,,Daseins-
orientierung" (wenn dieser Ausdruck Jaspersscher Existenz-
philosophie hier statthaben darf) zu geben, wdhrend Mathe-


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Israelitisches Gemeindeblatt


14. Jahrgang / Nummer 17






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matik, Chemie, Physik, Buchfiihrung, Wirtschaftskunde,
K6rperkunde (Gesundheitslehre), Werkunterricht (ffir Knaben),
Hauswirtschaftskunde und Handarbeitsunterricht (fir Mid-
chen) spezielleres Wissen vermitteln. Auch Singen, Turnen
und Sport werden im Rahmen der gegebenen Mdglichkeiten
gepflegt.
Mit der Schafftmg dieser Aufbauklassen (die bereits be-
stehende 9. Klasse wird gegenwartig von nahezu 40 Schillern
Knaben und Madchen besucht) hat sich die Gemeinde,
als Haupttrigerin dieser Einrichtung auf Neuland begeben;
denn, obwohl die Reichsvertretung der Juden in Deutschland
schon seit Ifingerer Zeit die Schaffung solcher Klassen anregt,
sind auf diesem Gebiet noch nicht viele Erfahrungen gesammelt
worden. Dies macht die erzieherische Arbeit in diesen Klas-
sen zwar zu einer besonders schweren,.dafiir aber auch um so
reizvolleren Titigkeit, indem sie schulreformerischen Be-
mtihungen ein weites Spielfeld einriumt.
Dr. Kurt Berg.


Das Lehrhaus
Das Freie Jiidische Lehrhaus, das Franz Rosenzweig im
Juli 1920 in Frankfurt a. M. gifindete, wurde mit seinem Ziel,
Mittel- und Keimpunkt fur das jifidische Leben des jiidischen
Menschen zu werden, die Mutter der in Deutschland entstehen-
den Lehrhiuser. Bereits im Herbst 1920 gab der damalige Vor-
sitzende unserer Gemeinde, Herr Oberrat M. Goldschmidt, die
Anregung zu einer Vortragsreihe fiber wichtigste Fragen der
jildischen Gegenwart fUr sinmtliche Mitglieder der Gemeinde.
In unserer Gemeinde wurden neben den Vortrigen der
Organisationen in den Reihen der Jugend Arbeitsgemeinschaf-
ten ins Leben gerufen. In der Oktober-Nummer 1927 unseres
Gemeindeblattes hat der Unterzeichnete in seinem Aufsatz
fiber ,,Das Judentum und die religi6se Lage der Gegenwart"
der Notwendigkeit Ausdruck verliehen, ein neutrales jifidisches
Lehrhaus ins Leben zu rufen, in dem Jugend und Erwachsene
a 11 e r Richtungen ihre ,,Riistung" erfahren sollen. Im Novem-
ber 1928 ver6ffentlichte Rabbiner Dr. Grfinewald den Entwurf
zu einem Lehrhausprogramm, das ,,der Tradition des Lehr-
hauses und den Bedingungen unserer Zeit Rechnung tragen
solle." Als Lehrgegenstinde wurden vorgesehen Hebrhiisch
(mit besonderen Abteilungen ffir die Jugend), Bibel, Geschichte
und Kultus. Arbeitsmethode: seminaristisch. Oeffentliche Vor-
trage sollen sich aus den in den Kursen er6rterten Fragen
ergeben.
Mit der Feler des 200. Geburtstages von Moses Mendels-
sohn am 22. September 1929 erdffnete Rabbiner Dr. Griinewald
im groBen Saale des Casino das Lehrhaus der jiidischen Ge-
meinde. Die Worte Moses Mendelssohns in einem Briefe ,,lch
marschiere langsam, aber unaufhorlich" wurden zum Leit-
spruch fiir die Entwickhlung des Lehrhauses erhoben. Bereits
im ersten Winterhalbjahr brachten Vortrige fiber ,,die Struk-
tur des jiidischen Gebets, fiber Grundbegriffe des jiidischen
Rechts, Rechtsgeschichte der Juden in Deutschland, bev61lke-
rungsgeschichtliche Aufgaben der jfidischen Familie in
Deutschland und Arbeitsgemeinschaften im oben bezeichneten
Sinne unsere jiidischen Menschen einander naher. Von vorn-
herein wurden fortlaufende Kurse als bedeutsamste Lehrhaus-
aufgabe erkannt; aber der urspriinglich festgelegte Rahmen
wurde auch bald gesprengt: Die Beziehung der Arbeitsgemein-
schaften zu den fffentlichen Vortragen wurde lockerer, das
Arbeitsgebiet der Arbeitsgemeinschaften erweitert (z. B. durch
Religionsphilosophie u. a.).
Der Zusammenhang der jfiidischen Geschichte mit der
Gegeniwart wurde bereits im 2. Semester durch Vortrage an-
gestrebt, die vom Bildungsbegriff der Antike, des Christentums
und des Judentums ausgingen und jfidische Personlichkeiten
behandelten, die das Mitbestimmungsrecht des Judentums an
der Zeit bewiesen. Die Krise der Weltpolitik in ihrer Beziehung
zur Frage nach der religi6sen Wirklichkeit, die Juden in dent
verschiedenen Lindern waren Themen, die neben Erziehungs-


fragen und Behandlung biblischer Stoffe in Vortraigen und Ar-
beitsgemeinschaften bis zum Friihiahr 1933 im Vordergrund
standen.
Die Umwilzung des Jahres 1933 erwies erneut die Not-
wendigkeit des Lehrhauses. Die Gesamtzahl der stetig
lernenden Teilnehmer an den Lehrkursen betrug his
dahin h6chstens 100. Im Frfihjahr 1933 erfuhr das Lehrhaus
einen Zugang an stetigen Hirern, deren Zahl bereits im Som-
merhalbjahr die Zahl 600 erreichte. D.ese gesamte Erscheinung
n6tigte zu einer Ueberprfifung der Grundsatze unserer Lehr-
hausarbeit nach ihrer Tiefe und Breite. Der Mittelpunkt des
Lehrhauses, die jiidische Lehre und Welt, hatte sich als neue
Kraftquelle ffr die bedringten jfidischen Mitmenschen zu be-
wahren. Es galt, Fertigkeiten und Kenntnisse der neuen Lehr-
hausbesucher mit den Forderungen ihrer neuen Leblensziele
und denen eines jiidischen Lehrhauses in Einklang zu bringen.
Diese Aufgabe konnte nur durch wache Wahrnehmung der
jiidischen Bildungsforderungen und durch die erhi6hte Auf-
merksamkeit in der Einzelberatung und damit durch die
Sprechstunde in ihrer neuen Bedeutung durchgefiihrt werden.
Zu den friiheren Kursen traten solche fiber Literatur, Ge-
schichte, jiidische Lebensform, Palastinakunde, die Sprachen
der Auswanderungslander, Wirtschaftslehre, Kurzschrift, Ma-
schinenschreiben, Handfertigkeit, Naihen, Kochen u. a. Im Win-
terhalbjahr 1933/34 bestanden bereits 38 Kurse, die von 600
H6rern besucht und von 23 Lehrkriiften geleitet wurden. Bei
dieser Vielheit der Kurse und Lehrkrafte zeigte sich als dring-
lichste Aufgabe, die Einheit der Kurse und Lehrkrafte durch
die Arbeitsgemeinschaft der Lehrenden (Sitzungen und per-
s6nliche Aussprache) zu erstreben. Der schnelle Wandel der
Lage brachte mit jedem Semester Neuerungen. Im Sommer-
halbjahr 1934 wurde flir die blindische und nichtbfindische Ju-
gend die Schule der Jugend eingerichtet. Tenach, Iwrith, Ge-
schichte, Palastinakunde, Einfdihrung in das Judentum wurden
als dringlichste F1icher festgesetzt. ErmuiBigte Geblihren soll-
ten den Jugendliclien den Zugang zu diesen neuen Kursen er-
leichtern. In Zusammenhang hiermit standen Vortrage fiber den
,,Sinn jUdischer Bildung" und fiber ,,Das Siedlungsproblem".
Im Winter-Semester 1934/35 wurde die Schule der Jugend
durch zwei Kurse ,,Allgemeine Einleitung in das Wissen voin
Judentum" ,und ,,Altjfidisches Schrifttum auBerhalb der Bibei"
sowie durch jiidische Gegenwartskunde erweltert, die im Zu-
sammenhang mit den diesbezfglichen umfassenden Entwfirfen
Ludwig Feuchtwangers behandelt wird. 110 Jugendliche ge-
h6rten bereits im ersten Semester der Schule der Jugend an.
In Verbindung mit der Berufsausbildungsstelle des jiidi-
schen Jugendamtes wurden im Sommer 1935 allgemeine und
berufliche Fortbildungskurse ffir die Schulentlassenen ein-
gerichtet. Ffir Midchen wurden Kurse fiir Erziehungsfragen
und Einfiihrung in die Psychologie, ffir Nihen and Zuschneiden
vorgesehen.
Ein villiges Neuland der Lehrhausarbeit eriffnete sich mit
dem Ausstellungsgedanken, der als Zeugnis des unverwiist-
lichen jiidischen Lebenswillens in dreifacher Weise seine Ver-
wirklichung fand: 1. in der Ausstellung der Handfertigkeits-
arbeiten von Kursteilnehmern (Sommer 1934), 2. ,,Jiidische
Lichtbildkunst" und 3. ,,Das jiidische Buch" (Sommerhalbjahr
1935). Alle drei Ausstellungen libten eine dauerhafte Wirkung
in kleineren Kreisen aus. Bezeichnend war das Zustandekom-
men eines Kurses fur die Einffihrung in die Lichtbildkunst. Die
Ausstellung jiidischer Lichtbildkunst durfte als erste Veran-
staltung dieser Art in Deutschland bezeichnet werden.
Seit dem Umbruch wurden angesichts der Tatsache, daB
sich durchschnittlich jeweils 500 Lehrhausteilnehmer zu be-
standiger Jahresarbeit zusammenfinden, am Ende der Winter-
semester SchlulBfeiern veranstaltet, um simtlichen Teilnehmern
Gelegenheit zu bieten, gemelnsam an einem Riickblick auf die
Arbeit des verflossenen Jahres und am Ausblick auf die be-
vorstehenden Aufgaben des Lehrhauses teilzunehmen,
Das gegenwirtige Sommerhalbiahr steht unter neuen
Zeichen'. Die jiidischen Schulklassen und ihr Ergdinzungsunter-
richt waren nicht ohne EinfluB auf die Gestaltung des Lehr-


*sraelitistnhes ia;eL *Ai 1 c,1 4 Seite


Tntn~t~li)i~rhPf


_ _







Seite 26 Israelitisches Geineincleblatt 14. Jahrgang I Nummer 17


houses. Schiilerkurse ffir Iwrith und Englisch gingen.teilweise
ein, neue franzisische Schfilerkurse sowie andere zusitzliche
Ficher von Fortbildungskursen wurden in das Lehrhaus auf-
genommen. Die Einheitlichkcit unseres Lehrplanes mit dem
der Fortbildungsklassen in den jiidischen und sprachlich-hi-
storischen Fachern verheiBt eine ersprieBliche Zusammen-
arbeit der beiden Institutionen.
Die Zusammenhainge des Lehrhauses mit auBergemeind-
lichen Instanzen erstrecken sich auf den Verkehr mit anderen
Lehrhausern, auf das Bildungsamt des Oberrats und nicht
zuletzt auf die Mittelstelle ffir Erwachsenenbildung der
Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Lerngemeirn-
schaften, die der Oberrat in Striimpfelbrunn und Diirrheim in
Verbindung mit der Mittelstelle veranstaltete, fiihrten zum
pers6nlichen Konnex zu den beiden bezeichneten Stellen. Die-
ser gelangte zu besonders sichtbarem Ausdruck mit der Lern-
gemeinschaft, die anfangs dieses Sommerhalbjahres unser
Lehrhaus ffir Lehrer und Leiter von Bfinden Mannheims und
Umgebung durchffihrte, der sich kurz darnach in Gemeinsam-
keit mit der Zionistischen Ortsgruppe der Jom Iwri anschloB
und den Kreis der Beteiligten noch weiter ausdehnte.' Diese
beiden padagogischen Darbietungsformen von zentraler jiidi-
scher Bedeutung fordern bei aller Innehaltung regelmiBiger
Zeitabstande ihre stete Fortfiihrung, die sich das Lehrhaus
angelegen sein liBt.
Damit schreitet diese Anstalt fiiber die bloBe Registrierung
von Zeitbewegungen hinaus. Und die Frage nach unserem
Bildungsziel findet in dem Augenblick eine Antwort, in dem
wir uns zwischen den Mitchten der Zeit zum sofortigen Ge-
stalten vor und fiir Menschen aufgerufen fuihlen: Die Krfifte
zum Gestalten strbmen uns aber zu aus unserer Lehre und
unserem Volke, und in gliubiger Verantwortung vor der Sen-
dung unsere Volkes erheben wir unsere Bildungsaufgabe zur
Forderung des Tages. In diesem Geiste vermag das Lehrhaus
wieder jene zentrale Bedeutung zu gewinnen, die unsere Vater
mit dem Beth hamidrasch verknfipften und es als Stfitte des
Segens zu preisen gewohnt warren. Unter diesen Zeichen
wollen wir in die Zukunft bauen.
Dr. Samuel Billigheimer.



Das Gemeindeblatt
,,Als ein Werbemittel wurde dieses Gemeindeblatt ge-
schaffen. Es soil die Verbindung zwischen den Mitgliedern und
der von ihnen selbstgewihlten Leitung inniger gestalten; es
soil das Sprachrohr sein, durch welches wir zu den Gemeinde-
angeholrigenr und diese zu uns reden kinnen." Diese Worte
gab der Synagogenrat in der Grfindungsnummer des Ge-
meindeblattes vom 17. September 1922 diesem mit auf den
Weg. Bis heute sind diese Worte fiir die Arbeit des Gemeinde-
blattes richtunggebend geblieben. Das Gemeindeblatt soll eine
Form der Verbindung der Gemeindemitglieder untereinander
und insbesondere der Gemeindeverwaltung mit den Gemeinde-
mitgliedern darstellen. Wie sehr dies der Fall ist, erleben wir,
wenn wir die alten Jahrgiinge des Gemeindeblattes durchbat-
tern. Es spiegelt sich wider in ihnen die Chronik des Ge-
meindelebens mit ihrem Kommen und Gehen von Persdnlich-
keiten und Eirichtungen. Die Fiihrung des Gemeindeblattes
kann sich aber nicht nur darauf beschranken, die Vorgange
in der Gemeinde zu registrieren, sondern muB sich selbst
immer mit den neuen Fragen und Aufgaben, die in den Kreis
der jiidischen Gemeinrschaft eintreten, befassen und sich mit
ihnen auseinandersetzen. So hat das Gemeindeblatt in der
Zeit, in der es darauf ankam, in der Gemeinde einen frucht-
baren Boden ffir die immer wichtiger werdende Jugendarbeit
zu schaffen, eine Jugendspalte eingefhfirt, die der Jugend und
ihrer Ffihrunig Platz zur Aussprache und Gelegenheit zu einer
Fiihlung mit der damals noch fernstehenden Elternschaft gab.
Was die Ausgestaltung des allgemein redaktionellen Teiles
anlangt, so k6nnen wir feststellen, daB bis zum Jahre 1933


Themata religids-geschichtlichen und familiengeschichtlichen
Inhalts sich besonderer Pflege erfre.uten. Hierin muBte eine
Aenderung eintreten, als mit dem Umbruch des Jahres 1933
ganz neue und erweiterte Anforderungen an das Gemeinde-
blatt herantraten. In dem MaBe, als heute das Aufgabengebiet
der jiidischen Gemeinschaft sich weit fiber das einer bloBen
Religionsgemeinschaft erweitert hat, muB dies im Inhalt des
Gemeindeblattes zum Ausdruck kommen. So treten neben die
Er6rterung reJigidser und geschichtlicher Themata Fragen der
jiidischen Auswanderung, der Berufsausbildung und -Um-
schichtung, der Wirtschaftshilfe und Wohlfahrtspflege; Raum
muB gegeben werden der Behandlung kultureller und pada-
gogischer Fragen.
Aber die Auswirkungen des Geschehens der letzten Jahre
ersch6pfen sich nicht in der iuBerlich sichtbaren Erweiterung
und Verlagerung der gemeindlichen Aufgaben. Vielmehr ist
bei den Gemeindemitgliedern selbst ein stirkeres Gefiihl der
Zusammengehdrigkeit untereinander und ein Aufgeschlossen-
sein ffir das Schicksal der anderen Juden innerhalb und auBer-
halb Deutschlands entstanden. Das Interesse des Gemeinde-
blattlesers beschrdinkt sich nicht mehr auf bl.oBe Lokalnach-
richten; er will unterrichtet sein fiber das, was auBerhalb
vorgeht, fiber das jifidische Aufbauwerk in Paldistina sowie fiber
das Leben der Juden in anderen Liindern, fiber jiidische Per-
sdnlichkeiten und wichtige Geschehnisse in der ganzen Welt.
Wie einerseits das Gemeindeblatt bestrebt ist, im Rahmen
des M6glichen seine Leser dariiber zu unterrichten, was bei
den Juden drauBen in der Welt vorgeht, so hat es andiererseits
den Wunsch, den Menschen, die aus dieser Gemeinde in den
letzten Jahren in die Welt hinausgezogen sind, die M!glichkeit
zu geben, eine stete Ffihlung mit ihrer alten Heimat aufrecht-
zuerhalten. In den Dienst dieser Aufgabe hat sich ja grade
auch diese Nummer des Gemeindeblattes gestellt. Wir glau-
ben, daB dieses Ziel im allgemeinen erreicht wird, wenn das
Gemeindeblatt an Verwandte und Freunde hinausgeschickt und
von diesel gelesen wird. Eine besonders schine Bestatigung
dieser Bindung ist es aber, wenn frfihere Gemeindemitglieder
in ihrem sicherlich nie leichten Lebenskampf Zeit ffir uns finden
und uns fiber ihr jetziges Leben und ihre neue Heimat be-
richten. Entgegen dem Prinzip dieser Nummer, keine Einzel-
persdnlichkeiten zu nennen, sei es der Schriftleitung gestattet,
an dieser Stelle Professor Dr. M o s e s daffir Dank zu sagen,
daB er in seinen regelmdBigen und packenden Berichten aus
Erez Israel, die verdienten, gesondert gesammelt zu werden,
das Land in seinen schweren und schinen Seiten uns nahe
bringt.
Im Hinblick auf die Erweiterung des Aufgabengebietes,
sowie zur Ermogliichung einer kurzfristigeren Ankfin-
digung und Berichterstattung der Veranstaltungen innerhalb
der Gemeinde, hat sich der Synagogenrat als Verlag des Ge-
meindeblattes seit Februar 1934 dazu entschlossen, dasselbe
zweimal momatlich erscheinen zu lassen.
Noch eine neue Aufgabe erwuchs dem Gemeindeblatt. Seit
1933 sind eine Anzahl schriftstellerisch titiger Menschen aus
ihren bisherigen Wirkungsgebieten ausgeschieden; ihnen muB
jetzt die M6glichkeit einer Mitwirkung in jiidischen Zeitschrif-
ten geboten werden.
All dies hat zur Folge, daB das Gemeindeblatt eine Zwi-
schenstellung einnimmt zwischen einem Nachrichtenblatt und
einer Zeitung. Hat es diese doppelte Funktion schon seit seiner
Griindung zu erffillen versucht, so muB dies heute noch in
weit stirkerem MaBe der Fall sein.Diese Form aufrechtzuer-
halten, rechtfertigt sich nicht zuletzt aus der Ueberlegung, daB
viele Gemeindemitglieder nicht in der Lage sind, eine der
groBen jiidischen Zeitungen zu abonnieren und in dem Ge-
meindeblatt die einzige Beziehung zu dem Geschehen inner-
halb der jiidischen Gemeinschaft haben. Diese Erkenntnis ver-
pflichtet und wir hoffen, daB das Gemeindeblatt noch lange
seinen Bestand in der jetzigen Gestalt bewahren kann.
Dr. Franz-Ludwig Auerbach.


Seite 26


Israelitisches Gemei:ndeblatt


14. Jahrgang / Nummer 17







14;JargngI umer17Isaeitichs eminebat Sit 2


Zusammenarbeit der Gemeinde mit

selbstaindigen Organisationen


Die charitativen Vereine
Der Ausgangspunkt der jiidischen Sozialarbeit in Deutsch-
land war die religios und religionsgesetzlich begriindete free
pers6nliche Hilfe. Ihre Zusammenfassung und ihre Vereinheit-
lichung erfuhr sie durch- die Gruppierung von Menschen um ein
bestimmtes, als soziale Notwendigkeit anerkanntes Ziel, dem
die gleichzeitige Absicht zugrunde lag, die Hilfe kollektiv und
daher wirksamer und unpers6nlicher zu gestalten. Die Bildung
von charitativen Vereinen im Laufe des letzten Jahrhunderts
fiAllt zusammen mit der kapitalistisch sich entwickelnden Wirt-
schaft und den dadurch bedingten neuartigen Erscheinungs-
formen von Notstainden, die auch die kommunalen Verwaltun-
gen zu SozialmaBnahmen von grbBerem AusmaB erstmals ver-
anlaBte. So wird der Verein mit charitativem Zweck zum Un-
terbau fiir die Zentralisierung der Wohlfahrtspflege, wie wir
sie im Laufe der letzten beiden Jalhrzehnte sich entwickeln
sehen. Die Vereine waren es, die die ersten organisch durch-
dachten Fu:'ktionen der freien jiidischen Wohlfahrtspflege
uibernommen und durchgefiihrt haben. Je alter und festgeffig-
ter die Tradition einer Gemeinde, desto deutlicher zeichnen
sich ihre Gemeinschaftstendenzen in der in ihr geleisteten
Vereinsarbeit ab, die sich in der Pflege des Wohls der Ge-
meindemitglieder vollzogen.
Fiir die jfidische Sozialstruktur ist es entwicklungsge-
schichtlich ungemein inferessant, die Vereinsarbeit inhaltlich
zu betrachten. Sie geht fast ausschlieBlich von der Erkenntnis
und dem Beseitigungsversuch von Notstainden aus, die nach
auBen deutlich werden, was fur die hochkapitalistische Epoche
bezeichnend ist. Krankheit und wirtschaftliche Not sind die
sozialen Erscheinungsformen, um deren Bekiimpfung sich die
Vereinsarbeit in erster Linie bemiiht, wahrend die Erkenntn's
der tiefer liegenden sozialen Schidigungen in der Zielsetzung
der Vereine kaum zum Ausdruck kommen. Erst in den spateren
Vereinsgriindungen beobachten wir Tendenzen wie Vorbeu-
gung und Produktivierung.
Von der Arbeit der charitativen Vereine in unserer jiidi-
schen Gemeinde kann gesagt werden, daB sie in erstaunlicher
Vielgestaltigkeit die auftauchenden Notstande beantwortet und
sich mit starkem Einfiihlungsverm6gen den sozialen Bedfirf-
nissen angepaBt hat.
Bringen wir die Ziele der Mannheimer Vereinsarbeit mit
den Notstdipden in eine Parallele, so ergibt sich folgende kurze
und umri8hafte Darstellung dieses weitverzweigte.n Gebietes:

















Die Kinderstube
Photo Arbeitsgemeinschaft


Der Bekiimpfung wirtschaftlicher Notstiinde
widmen sich:
Die jiidische Mittelstandshilfe, die dem in Not ge,
ratenen Mittelstand durch laufende monatliche Zuwendungen Existenz-
mittel garantieren will.
Der Verein zur Speisung israelitischer Bediirftiger,
der sich die Abgabe von Mahlzeiten an Notleidende zur Aufgabe macht.
Der Verein zur Unterstiitzung ortsfremder Armen,
der die gleichzeitige Geschiftsfiihrung der Zentralstelle der judischen
Wanderfiirsorge fiir Baden und Pfalz mit iibernommen hat und die Vers
sorgung der durchwandernden Bediirftigen in vollem Umfange durch,
fuiihrt.
Der Verein zur Beschaffung von Brennmaterialien,
der die Aufgabe hat, bediirftige Familien mit dem notwendigen Winters
vorrat an Kohlen und Holz zu versorgen.
Der Verein zur Beschaffung von Mazzen, dessen AufG
gabe durch das Ritual des PessachsFestes festgelegt ist und in der Zu,
wendung von Lebensmitteln und Mazzen an Bediirftige besteht.
Der Verein fur Midchenausstattung, der den Zweck ver,
folgt, jiidischen Midchen die Anschaffungen ihrer Ausstattung zu ers
leichtern.
Der FriedmannvVerein, der im Todesfall Schiwah-Beis
hilfen und Zuschiisse zur Beschaffung von Grabsteinen gewahrt.
Eine ganz besondere und umfangreiche Forderung erfahrt
das Gebiet der Gesundheitsfiirsorge
durch eine gut ausgebaute Vereinstatigkeit. In Mannheim wird
die Gesundheitsffirsorge der Gemeinde fast lftckenlos durch
die daffir vorhandenen Vereine finanziert.
Der Krankenunterstiitzungsverein iibernimmt im Be%
diirftigkeitsfall die monatlichen Krankenkassenbeitrige in solchen Fillen,
wo iirztliche Behandlung und Medikamentengewahrung auf andere
Weise nicht garantiert sind. Er bezuschuBt pauschal die Kinder-
erholungsfiirsorge und finanziert voll die notwendigen Heilkuren fiir
Erwachsene. Er tritt ein, wenn durch Krankheit hohe Aufwendungen
entstehen, die von den Bediirftigen nicht bestritten werden kinnen,
vor allem fiir die Beschaffung von Zahnersatz und sonstigen kosto
spieligen Heilmitteln.
Der Verein ,,Bikur Cholim" teilt sich mit dem Krankens
unterstiitzungsverein in das Aufgabengebiet der Gesundheitsfiirsorge
insofern, als er Sonderbeihilfen zum Lebensunt:rhalt und zur Ers
nihrungserginzung im Krankheitsfalle laufend und einmalig gewahrt.
Der israelitische Frauenverein, dessen Titigkeit noch
in anderem Zusammenhang erwahnt werden muB, hilft im Krankheits-
fall durch pers5nliche Betreuung.
Die jiidische Frauenvereinigung macht es sich neben
ihren sonstigen Arbeitsgebieten zur Aufgabe, im Falle der Geburt
Entbindungsbeihilfen an Wbchnerinnen zu gewihren.
Die Darstellung des Arbeitsgebletes der jiidischen Frauen-
vereinigung fiihrt gleichzeitig hinfiber zu den


14." Jahrgarig / Nummer 17*


Israeli tisches Gemeindeblatt


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Seite 28 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jalirgang I Nuxnmer 17


Padagogischen Fiirsorgegebieten,
die durch die jiidische Vereinsarbeit in unserer Gemeinde
wahrgenommen worden sind. Die jiidische Frauenvereinigung
ist neben dem oben Geschilderten Triigerin der
uiidischen Kinderstube und des Kinderhortes. Sie
sieht als Ziel die erzieherische und korperliche Betreuung der bedUrf.
tigen Jugend vom Kindergartenalter bis zum AbschluB der Schule
pflicht. Sie will der heranwachsenden Jugend durch Spiel, Sport,
Bildungswerte jiidischer und allgemeiner Art, Erniihrung und Kbrper,
pflege seelische Inhalte und korperliche Forderung vermitteln, die das
Elternhaus, sehr oft begriindet durch die wirtschaftliche Lage, nicht
bieten kann. Die Frauenvereinigung erginzt die Arbeit der Kinder-
stube insofern, als sie durch den von ihr geschaffenen Nihzirkel fiir
die Bekleidung der ihr anvertrauten Kinder sorgt.
Der israe 1. Wa isenverein ist Triger des Waisenhauses, das
Kinder beiderlei Geschlechts im schulpflichtigen Alter in voile Vert
sorgung aufnimmt. Sein Ziel ist es, Jugendlichen, die aus irgendo
welchen Griinden auBerhalb des Elternhauses versorgt werden miissen,
das Heim in vollem Ausmag zu ersetzen. DaB beide padagogischen
Institution en, Kinderstube.-Kinderhort und Waisenhaus, mit ihren verse
antwortungsvollen Aufgaben trotz der Schwere der Zeit heute noch
fast ausschlieBlich aus Vereins- und private Spendemittein finanziert
werden, ist eine Leistung von fundamentaler Bedeutung, die nicht nur
der inhaltlichen Werbekraft der Arbeit, sondern auch der Initiative
ihrer verantwortlichen Leitung zu danken ist.
Die Arbeit des Vereins zur Forderung des Handwerks
beschlieBt die Reihe der Vereins-Institutionen, die sich paidagogischen
Aufgaben widmen. Sein Tatigkeitsgebiet gehbrt zu den aktuellsten
Aufgaben, die uns heute gestellt sind: Handwerkliche Ausbildung
und die Beschaffung der dazu notwendigen Mittel. Er stellt so eine
wertvolle Erginzung der umfangreichen MaBnahmen dar, die durch
die Wirtschaftshil e der Gemeinde auf dem Gebiet der Berufs,
umschichtung und Berufsausbildung durchgefiihrt werden miissen.
Das Bild der charitativen Vereinsarbeit in unserer Gemeinde
muB noch ergainzt werden durch die Fixierung der Titigkeit des
bad. Landesverbands des jiid. Frauenbunds, der erst seit
kurzem besteht und seinen Sitz in Mannheim hat und durch die Aro
beit des isr. Frauenvereins. Die Aufgabengebiete beider Vereine
lassen sich nicht voll in die Sozialarbeit einbeziehen, well ihre Ziele
nicht nur fiirsorgerisch bestimmt sind.
Der israelitische Frauenverein iibt die religibsen
Pflichten beim Hinscheiden weiblicher Gemeindemitglieder aus und
betrachtet dies als sein Hauptaufgabengebiet.
Der jiidische Frauenbund, seit dem Jahre 1904 durch
den ZusammenschluB jiidischer Frauenvereine gegriindet, ist eine
Dachorganisation. Als seine Arbeitsgebiete bezeichnet er ,,die WVege
und Ziele sozialer Hilfstitigkeit, der Volkserziehung, der F6rderung
des Erwerbslebens jiidischer Frauen und Midchen, der Erweckung des
Interesses an allgemeinen jiidischen Bestrebungen der Gegenwart und
Stirkung des jiidischen Gemeinschaftsbewuf3tseins." In Mannheim hat
sich der Frauenbund einer sehr aktuellen Aufgabe gewidmet, der ,,jiiu
dischen Hauspflege," die schon in der kurzen Zeit ihres Bestehens
segensreich wirkt.
Zentralisierung der Vereinsarbeit.
Gerade die Darstellung dieser weitverzweigten Vereins-
arbeit zeigt die Notwendigkeit der Zusammenfassung aller
Krdifte und Mittel durch eine gemeindliche zentrale Stelle: das
Wohlfahrtsamt. Es muB an dieser Stelle gesagt werden, daB
die Mannheimer Vereine ein besonderes Organ und ein be-
sonderes Verstindnis fUr solche Vereinheitlichung und Zu-
sammenfassung seit Bestehen des Amtes bewiesen haben. Es
gibt in unserer Gemeinde keinen charitativen Verein, der seine
Arbeit nicht restlos in das groBe zentrale Geffige eingeordnet
hitte aus eigener Einsicht, aus letter Verantwortlichkeit. Alle
Vereine haben ihre Arbeit so gestaltet, daB ein Nebeneinander
und Gegeneinander v6llig vermieden ist, daB sie sich gegen-
seitig erglinzen und daB die zentrale Stelle fiir die inhaltliche
Seite der Ffirsorge bestimmend ist. Ein Teil der Vereine hat
die Durchffihrung- seiner Aufgaben in die Hainde des Wohl-
fahrtsamtes gelegt und ist nur finanzieller Trtiger seines Auf-
gabengebietes geblieben. So kinnen wir in unserer Gemeinde
von einer beruflich gefiihrten, aber ehrenamtlich und ver-
einsmBiig erganzten Wohlfahrtspflege sprechen. Es verbinden
sich Verwaltung und Systematik mit der pers6nlichen Hilfe
des Einzelnen und der kollektiven Mitarbeit der Vereine zu
einem durchorganisierten Bau, dessen Tragfahigkeit sich jetzt
zu bewaihren hat.
Mia Neter.


Gemeinde und August-Lameys-Loge
Die Entwicklung hatte die jildischen GroBgemeinden gegen
Ende des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr zu einem
Organ der Verwaltung herabsinken lassen. Die Pflege der
kulturellen und sittlichen Gilter, die Wohlfahrtspflege, selbst
die Erziehung zum jiidischen BewuBtsein war dem Aufgaben-
kreis private Organisationen anheimgestellt. Es versagte die
von der Zentrale ausgehende Kraft, den jiidischen Menschen
ideenmiilig zu erfassen, seinen Willen zur Gemeinschaft zu
erhalten und zu festigen, ihn seines Judentums froh werden
zu lassen. Die Folgen blieben nicht aus: Der Jiidische GroB-
stadtmensch konnte vielfach den Verlockungen nicht wider-
stehen, die ihm eine glanzende Kulturentfaltung der Umwelt
bot, er tauschte die Chance wahrer innerer Grbole und Frei-
heit gegen die gesellschaftlichen und materiellen Aufstiegs --
und wandte dem Judentum den Rficken.'
In solcher Atmosphire erwuchs der Orden der ,,B e n e
b e r i t h" und schuf in Mannheim vor nunmehr 40 Jahren die
August-Lamey-Loge. Neben der Pflege der Bruder-
liebe und Eintracht verpflichteten sich ihre Mitglieder zu un-
bedingter Treue zum Judentum. Sie fibernahmen ferner die
Pflicht, auch ihre Kinder der Gemeinschaft zu erhalten. Ein
VerstoB gegen diesen Auftrag hitte den AusschluB aus der
Logo zur Folge gehabt. Da die Logengedanken sehr bald von
einem groBen Kreis jildischer Manner in Mannheim erfaBt
wurde, die Loge erstarkte und schon nach kurzer Zeit ihres
Bestehens die besten Krifte geistigen, gesellschaftlichen und
kommerziellen Lebens an sich zog und zeitlebens festhielt,
so konnte sie sich zu einer Pflegestitte jiidischen Gedanken-
guts entfalten und besaB zugleich die iuBlere Mfglichkeit, im
Sinne jidischer Tradition die Einrichtungen zu schaffen, die
die Stunde erforderte und von hier aus einen Teil der Liicken
in der Gemeinde zu schlieBen, die durch die allzu hastige Ent-
wicklung zur Gro8gemeinde entstehen mulBten.
Die Loge hat niemals in die Diskussion fiber Dinge ein-
gegriffen, mit denen sich die Fihrung der Gemeinde beschaf-
tigte. Sie stand auch abseits der Auseinandersetzungen, die
zeitweise oft zum Schaden des Gemeinschaftsgeffihls --
von den jiidisch-politischen Parteien und religibsen Richtun-
gen gegeneinander geffihrt wurden. Aber die Loge hatte
jederzeit ein feines Organ fiir die Bedfirfnisse der Zeit und
ihre geistigen Str6mungen, und sie forderte ihre Mitglieder
geradezu auf, Stellung zu nehmen zu allen aktuellen Fragen
und Vorgangen innerhalb der jiidischen Gemeinschaft. Sie lieB
die Dinge beleuchten durch flihrende Personlichkeiten der
verschiedensten Lager, um so den Briidern ein m6glichst ob-
jektives Gesamtbild der Situationen zu vermitteln und sie zu
eigenem Urteil und zu praktischer Aktivitit zu filihren. In der
Loge saBen vielfach die Miinner beieinander, die drauBen sich
entgegenstanden, hier vereint durch die groBere Idee, daB
letzten Endes alles ehrliche Streben emporfhiirt und das Nicht-
verstehen oft in menschlicher Schwdiche wurzelt. Hier muBten
sie in Ruhe, losgelist von jeder Leidenschaft, die Auffassung
des Andersdenkenden entgegennehmen, sie muBten seiner
Ueberzeugung denselben Respekt entgegenbringen, den sie
von ihm flir die eigene Ueberzeugung forderten. Der Kampf um
die Idee muBte Halt machen vor der Pers6nlichkeit. So hat
zweifellos die Loge starken Anteil daran, daB in Mannheim
die Auseinandersetzungen zwischen Parteien und Richtungen,
aber auch die Diskussionen innerhalb der Gremien der Ge-
meindeverwaltung und -Fiihrung stets auf dem Niveau des
Sachlichen geffihrt werden konnten und nicht in die streit-
baren Formen verfielen, wie sie andrerorts vielfach zu beob-
achten waren.
Ihre Hauptentfaltung zeigte die Loge indes in der Schaf-
fung von Einrichtungen, die einem fiihlbaren Bedfirfnis der Zeit
entsprachen und flr die ihinliche Einrichtungen bisher nicht
vorhanden waren. Getreu ihrer Devise: ,,Nichts fir uns, alles
flir andere", verwendete die Loge den Hauptteil ihrer materiel-
len Kraft flir den Dienst am Ndichsten. Sie schuf um die Jahr-
hundertwende den K naben- und Mi dchenhor t, wel-


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindeblatt


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14. Jahrgang I Nummer 17 Israelitisches Gemeindeblatt Seite 29


cher Kinder im schulpflichtigen Alter wdhrend der schulfreien
Zeit aufnahm, sie speiste, sie unter Aufsicht vor Lehrern und
Hortleiterinnen zur ordnungrmiBigen Fertigung der Schulauf-
gaben erzog, sie bietreute in allen Bediirfnissen des tiglichen
Lebens; da die Erfassung der Pers6nlichkeit des Kindes die
Kenntnis des hiuslichen Milieus voraussetzt, wurden zugleich
die Familien der Kinder von den Mitgliedern des Schwestern-
bundes ,,Caritas" im einzelnen besucht, ffir Kleidung gesorgt
und den pers6nlichen Bedlirfiissen der Kinder und der Fa-
milien Rechnung getragen. Diese Fiirsorge ffihrte schlieBlich
zur Vermittlung einer geeigneten Lehrstelle nach Schulentlas-
sung; wdihrend der Lehrzeit stand die Loge beratend und
helfend zur Seite.
Der Verband der jiidischen Krankenschwe-
s t e r n ist eine Sch6pfung der Loge, ffir den diese noch bis
heute einen namhaften Beitrag leistet.
Die Jfidische Stellenvermittlung wurde von
der Loge bereits vor 38 Jahren geschaffen und in Gemein-
schaft mit der judischen Frauenvereinigung bis heute von ihr
geffihrt.
Fiir die Erfassung der notleidenden Familien und den Ver-
such, ihnen durch Arbeitsvermittlung Brot und Hilfe zu schaf-
fen, hat sich der S o z i a e AusschuB eingesetzt. Durch
regelmiBige Hausbesuche wurde versucht, die Fiihlung mit
den Familien zu erhalten, ihre N6'te festzustellen und Wege
der Hilfe zu finden. Besonders die jildischen Feiertage wurden
zum AnlaB genommen, Spenden zu verteilen, fehlende Stiicke
an Wdische und Kleidung zu erginzen. Gemeinsam begangene
Feiern des Chanukkafestes zeichneten sich besonders freud-
voll aus. Dartiber hinaus lenkte dieser AusschuB den Blick der
Loge auf die Hilfsbedfiirftigkeit zahlreicher jildischer Institute,
Heil- und Pflegeanstalten, Ausbildungsstitten der jildischen
Jugend, er fibernahm die Fiirsorge ffir Kriegswaisen his zu
ihrem 16. Lebensjahre, er schuf Ferienkolonien, er ermoglichte
begabten Menschen das Studium.
Die zeitlich jfingste Sch5pfung der Loge ist die J i d i -
sche Mittelstandshilfe, die sich um die Sorge der-
jenigen Schicht unserer Bevolkerung kfimmert, die einstmals
zu den Gebenden gehorte, durch Krieg und Inflation allies ver-
loren hat und doch nicht imstande ist, den Weg zur bffent-
lichen Ffiirsorge zu gehen.
Manche dieser Institutionen der Loge ist heute fiberholt,
da die Gemeinde selbst mit klarer Zielsetzung entsprechende
Einrichtungen schuf, inzwischen ein eigenes Wohlfahrtsamt
grfindete, das mit geschulten Krdiften und zeitgemdiBen Me-
thoden die Wohlfahrtspflege betreibt. Neidlos und freudig hat
die Loge manches ihrer Arbeitszebiete an die Gemeinde ab-
gegeben und ihr Brilder und Schwestern mit Erfahrung und
Sachkenntnis zur Verffigung gestellt. Geblieben indes ist der
Loge noch ein groBes MaB an Aufgaben, das tdiglich wichst in
solch schicksalshafter Zeit.
Karl Stiefel.


Ueber die Organisationen
Eine Schilderung des Lebens der jfidischen Vereine in
Mannheim mit jiidisch politischem, wirtschaftlichem oder
religiosem Einschlag stoBlt deshalb auf Schwierigkeit, weil ein
groBer Teil ihrer Tditigkeit sich nicht durch markante Taten
abhebt, sondern viel Kleinarbeit oft aufopferungsvolle Klein-
arbeit ist. Es fiberwiegt nicht selten die praktische Einzel-
handlung, ohne daB man immer die Verbindung mit der der
Vereinigung zugrundeliegenden Idee finden kann. Diese Ideen
herauszuarbeiten, ist auch nicht der Zweck dieser kurzen Zu-
sammenstellung, die in erster Linie nur die 6rtlichen speziellen
Verhdiltnisse schildern und historisch orientiert sein soil.
Wir beginnen bei unserer Aufzdihlung mit einer Vereini-
gung, die deshalb besonders bemerkenswert ist, weil sie eine
rein lokale Einrichtung ist; sie hat den Versuch unternommen,


fiber die religios-politischen Richtungen und Stromungen hin-
aus alle Gemeindebfirger des jiidischen Mannheims zu erfas-
sen, um sie an der Gemeindearbeit zu interessieren. Die im
Jahre 1929 gegriindete Gemeindevereinigung will
das Spiegelbild der Gemeinde selbst sein, unbeschwert von
der Bindung an eine Oberorganisation, an eine Partei oder
Weltanschauung; das Gesamtinteresse der Gemeinde Mann-
heim zu wahren, ist ihr Ziel. Bei den Wahlen im Herbst 1929
zu. den Gemeindeinstanzen wurden zwei. Synagogenrite und
12 Gemeindevertreter, die von der Gemeindevereinigung auf-
gestellt waren, gewdihlt, unabhbingige Vertreter, da die Ge-
meindevereinigung von jedem Fraktionszwang Abstand nimmt.
Ihr Wollen, in den Geme.indeinstanzen fur einen Ausgleich der
Gegensitze zu sorgen und die Entwicklung der Gemeinde im
positiv-jiidischen Sinn zu beeinflussen, hat ihr Erfolge ein-
gebracht. Die Zukunft der Vereinigung bei einer etwaigen Neu-
gestaltung der Instanzen der Kultusgemeinde kann aber nicht
vorausgesagt werden, da die Ereignisse seit 1933 eine tiefe
Umwandlung alles Gewesenen auch hier mit sich gebracht
haben.
Die weiter in dieser Zusammenfassung aufgeffihrten Ver-
eine sind nur Ortsgruppen von Vereinigungen, die sich fiber
das Reichsgebiet erstrecken.
Der Verein selbstdindiger jfidischer Hand-
werker und Gewerbetreibender Mannheim
IiBlt sich dem Gedanken der politisch oder religi6s gerichteten
Vereine nicht einordnen, da er eine reine Interessenvertre-
tung darstellt, nur bestimmte Berufskreise erfalt und erfassen
will. Im Jahre 1914 mit 20 Mitgliedern gegriindet, ist die Mit-
gliederzahl nach 1933 bis auf 156 angewachsen. Der derzeitige
Mitgliederbestand betrigt 120. Oberorganisation ist der Zen-
tralverband jildischer Handwerker und Gewerbetreibender in
Berlin. Seit 1933 unterhilt der Verein in Mannheim eine be-
sondere Geschaftsstelle, die sowohl das Gesamtinteresse der
zusammengeschlossenen Berufsgruppen, wie die Einzelinter-
essen der Mannheimer Mitgiieder im Verkehr mit der Um-
welt wahrnimmt, ihre Mitglieder wirtschaftlich berdit und be-
treut und die Verbindung mit der Berliner Zentrale besorgt.
Der Verein bemflht sich mit Hilfe seiner Zentrale, dem hand-
werklichen jiidischen Nachwuchs, der in Deutschland nicht
mehr untergebracht werden kann, im Ausland neue Betditi-
gungsm6glichkeiten zu eriffnen.
Der Reichsbund jfidischer Frontsoldaten
unterhalt seit 1919 hier eine Ortsgruppe. die sich aus einer An-
fangsmitgliederzahl von 180 bis zu 550 Miticern entwickelt
hatte und heute noch ohne Sportgruppe 410 M Pieder zihlt.
Der Bund, der sich die Zusammenfassung der eLeiiWgen jildi-
schen Frontkdimpfer zum Ziel ge!etzt hat, ist seit 1933 die
offizielle Vertretung fur alle uid schlen Kries.:.pfcr-Ifinterblie-
benen gegenilber Behdrden ohne Riicksicht auf die Mitgl:ed-
schaft beim Reichsbund. Fir Mannheim hat die M..:riheimiier
Ortsgruppe die Betreuung dieses Personenkreises fibernom-
men. Darfiber hinaus uiinttcritui' sie biedurii ze Kriegsteil-
nehmer, pflegt die Kameradschaft aller Froii'kiiiipier und hat
in den Jahren 1934 und 1935 mit Erfolg einen Austausch von
Ferienkindern vorgenommen. In den Gemeindeinstanzen ist
der Reichsbund jildischer Frontsoldaten nicht unmittelbar ver-
treten, doch sind Frontkimpfer in fast i'en Frnakionein der
Gemeindevertretung vertreten.
Der Umbruch des Jahres 1933 hat eine teilweise Aende-
rung des Arbeitsgebiets des Central Verei n s mit sich
gebracht, der seit langen Jahren (1S93) in M:innheiii durch
eine Ortsgruppe, die dem Landesverband Baden unterstellt ist,
vertreten ist. Wie die Zentrale bezweckt auch die hiesige
Ortsgruppe die Pflege des jifdischen Lebens, sowie die see-
lische, rechtliche und wirtschaftliche Betreuung der in Deutsch-
land leblenden Juden. Der Central-Verein Manii~kiim widmet
sich seit 1933 in verstirktem Ma8e der Berattiun auf juristi-
schem, wirtschaftlichem Gebiet und stellt Spezialsachbearbei-
ter und -berater fuir die verschiedenen Berufskategorien zur


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Israelitisches Gemeindeblatt


Verfiigung. 1933 wurde eine besondere Beratungsstelle der
Aerzte und sonstiger freier Berufe eingerichtet. Ueber die
Mitgliederbewegung sind mir keine Zahlen zur Verfilgung ge-
stellt worden, doch ist die Ortsgruppe zweifellos eine der
stdirksten Vereine hier. Eine Fraktion in der Gemeindevertre-
tung hat der Central-Verein in Mannheim nicht. Durch Vor-
trage, Kundgebungen usw. hat der Verein das jlidische Ge-
meindeleben in vielfacher Weise befruchtet.
Die folgenden vier Organisat'onen haben gemeinsam, daBl
sie in der Gemeindevertretung und im Synagogenrat durch
offizielle Vertretung unmittelbar EinfluB nehmen und ihre Mit-
glieder im Jahre 1929 zur Wahl stellten.
So wurde aus der im Jahre 1908 gegriindeten ii d i -
schen religibs-liberalen Vereinigung Mann-
heim, die urspriinglich e-ne Wahlvereinigung war, im Laufe
der Zeit und durch die Ereignisse im Jahre 1933 bedingt, eine
bestimmte Kulturrichtung. Sie ist eine Untergruppe der Ver-
e'nigung fir das religios-liberale Judentum e. V. in Berlin und
zihlt heute 210 Mitglieder, hat 5 Synagogenratssitze und 17
Sitze in der Gemeindevertretung inne. Sie will das jiidische
Gemeindeleben und dessen Ausbau auf religios-liberaler und
sozialer Grundlage vertiefen, in diesem Sinne die Jugend er-
ziehen und das Interesse weitester Kreise ffir jiidische Fragen
wecken und pflegen; so hat sie in Mannheim ffir die Einfiihrung
des Schawuot- und des Hoschano-Rabba-Lernens im religi0-
sen liberalen Kreise gesorgt. Durch Vortrage, Aufsitze in dem
Gemeinde.blatt und in sonstiger Weise erzieht die religi6s-
liberale Vereinigung ihre Mitglieder zu ihren Ideen.
Wenige Jahre nach dem ersten Zionisten-,KongreB in Basel
wurde im Jahre 1899 eine Ortsgruppe der Zionisti-
schen Vereinigung ffir Deutschland in Mann-
heim gegriindet. Aus kleinen Anfangen (Griindungsmitglieder-
zahl 25) und teilweise unter schweren Kimpfen hat die hiesige
Ortsgruppe ihre Ideen in die jiidische Bevilkerung Mannheims
getragen. Sie zlihlt heute 375 Mitglieder, ohne die ihr ange-
schlossenen Untergruppen, d'e Junggruppe der Zionistischen
Ortsgruppe, Hechaluz und Bachad. Mit groBer Rfihrigkeit und
Eindringlichkeit wirbt die Zionistische Ortsgruppe in Mann-
heim bei Erwachsenen und Jugendlichen fur die Erfiillung des
Basler Programms. Die Arbeit wird ergdnzt durch die Wer-
bung fur die nationalen Fonds, den Keren Hajessod und den
Keren Kajemeth und fur das Erlernen der hebraischen Sprache.
Die Gemeindearbeit wurde nicht vernachlissigt. Die zionisti-
schen Gedankengdinge werden zurzeit durch 3 Synagogenrite
und 6 Gemeindevertreter vertreten.
Die sttirkste gesetzestreue Organisation in Mannheim ist
die Mitgliedergruppe des Vereins zur Wahrung der
Interessen des gesetzestreuen Judentums in
Baden. Diese Vereinigung entstand 1903, sie tritt far die Werte
und Infhalte der Ueberlieferung und des gesetzestreuen Juden-
tums eln. Ihre Arbieit geht fiber lokale Verhiltnisse hinaus. Sie
will jiidsches Wissen und die Aufrechterhaltung der Thora
verwirkrchen. Ueber die Entwicklung des Vereins in Mann-
heim liegen keine Zahlen vor. doch hat die sehr akt've Ver-
e'nigung immer starken EinfluB auf die Gemeinde ge-
nommen; sie ist ebenfalls mal3gebend im Synagogenrat und
der Oemeindevertretung vertreten. Bis zu ihrer AuflSsung im
Jahre 1933 bestand eine Vereinigung der Ostjuden
in Mannheim. die im Jahre 1920 gegriindet wurde. Sie war
sowohl als Zweckverband wie auf religi.osem Gebiet tdtig. auf
sie ist die Schaffung und vor allem die Unterhaltung des Bet-
lokals in F 3 zurtickzufiihren. Auch auf die Gemeindearbeiten
hatte die. Vereinigung E;nfluB genommen durch Entsendung
von Vertretern in die Gemeindevertretung.
Diese Auf- und Zusammenstellung soil ein kleiner Aus-
schnitt aus dem Leben jUidischer Vere'ne sein, d'ie auf die Ge-
staltung des geistigen, religi6sen, kulturellen und jiidisch-poli-
tischen Lebens in Mannheim EinfluB genommen haben.
Dr. Wilhelm Buchsweiler.


Das kulturelle und gesellige Leben
derjiidischen Bevolkerung Mannheims
Zur Einfiihrung.
Die jiidischen Bevblkerungskreise in Mannheim haben von
jeher groBes Interesse fur k u t u r e 11 e Dinge gezeigt. Dieses
Interesse going fiber das rein Jiidische hinaus und umfa8te alle
Teile des Kulturlebens, das eine Stadt wie Mannheim zu bieten
hatte. Ein bedeutender Faktor des Mannheimer Kulturlebens
war schon immer ein jiidischer Verein, der ,,Liederkranz", der
als Gesangverein mit Konzerten auf chorischem und instru-
mentalem Gebiet un'd mit hervorragenden Solisten 'Bedeuten-
des bot und der heute die Funktionen eines Kulturbundes in
Mannheim fibernommen hat. (Nachstehend wird hierfiber in
einem besonderen Artikel berichtet werden.)
Die besonders groBe Musikfreudigkeit der jfidischen Be-
volkerung in Mannheim hat von jeher ein vielseitiges, leben-
diges Musikleben erm6glicht. In vielen Privathausern wurde
die Musik so gepflegt, dal es miglich war, im Jahre 1933 ein
Orchester ins Leben zu rufen, das sich zum gr3Bten Teil aus
den Kreisen dieser Musikliebhaber zusammensetzt, ein leben-
diges Zeugnis fiir die hohe Musikkultur, die schon immer unter
den Juden Mannheims geherrscht hat. Diese hohe Musikkultur
nuBerte sich auch in den Anforderungen an die musikalischen
Darbietungen im Gottesdienst. Welche Entwicklung das got-
tesdienstliche und das profane Musikleben in Mannheim ge-
nommen haben, wird in besonderen Artike'n geschildert
werden.
Neben dem kulturellen Leben hat das g e s e i g e Leben
unter den Juden Mannheims stets eine bedeutsame Rolle ge-
spielt. AuBer im Familienkreise fanden sich die jildischen Men-
schen in Vereinen zusammen, die dieser Geselligkeit besonders
dienten oder auch in den Vereinen, die neben caritativen, ji-
disch-politischen oder anderen Aufgaben auch die Geselligkeit
pflegten. Das gesellige Leben hat sich auch unter den verdn-
derten Umstdnden in gleich hohem oder wachsendem MaBe
erhlalten. Als nerue Form geselligen Zusammenseins sind die
Nachbarschaftsabende zu nennen, die dazu dienen
sollen, Gruppen nachbarlich wohnender jiidischer Menschen
far einige Stunden zu vereinen und mit Darbietungen heraus-
zuheben aus den Sorgen des Alltags. Diese Nachbarschafts-
abende sollen kiinftig in stdirkerem MaBe gepflegt werden
Dr. Paul Lussheimer.



Liederkranz e. V.

(Jiidischer Kulturbund Mannheim)
Im Jahre 1856 schlossen sich 33 kunstbegeisterte Minner
aus den Reihen des Synagogenchors zusammen, um neben
dem synagogalen Gesang auch das weltliche Lied zu pflegen.
Dem ersten V o r s t a n d gehorten an David Aberle sen.,
Louis Oppenheimer, Moritz Dinkelspiel, Samuel Noether und
J. Hirschbach.
Die bisherigen ersten Vorsitzenden waren David Aberle,
Julius Lion, J. Hirschbach, Israel Aberle, Isidor Haas, Her-
mann Waldeck und seit 1922 der Unterzeichnete.
Die enge Verbindung und Zusammenarbeit mit der Ge-
me!nde kommt dadurch zum Ausdrack, daB im Vorstand sich
verschiedene Mitglieder des Synagogenrates und der Ge-
meindevertretung befinden.
Der Liederkranz wurde als Minnergesangverein begriin-
det. Seit 7 Jahren hat er einen gemischten Chor, der
sich zuletzt bei der glanzvollen Aufffihrung der Hindelschen
Oratorien ,,Joseph und seine Brfider" und ,,Saul" bewdihrt hat.
Unter den Sdingern und Stingerinnen sind alle Schichten
der jildischen Bevolkerung vereinigt. Der Idealismus unseres


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Chors ist vorhildlich wie die Treue der Ehrenmitglieder, von
denen einzelne dem Verein fiber 50 Jahre angeh6ren.
Zum gemischten Chor ist das Orchester, die ,,Instrumen-
talgemeinschaft", hinzugekommen, deren hervorragende Lei-
stungen auch in anderen Stadten anerkannt werden, sowie ein
Jugendchor und ein Jugendorchester.
Chor und Orchester werden von Kapellmeister Max
S i n z h e i m e r geleitet, der gleichzeitig Organist und Diri-
gent des Synagogencohors ist.
Mit Theaterau ff i hru n g e n ist ein Anfang gemacht
worden; auf der Biihne des neuen Hauses sollen sie fortgesetzt
werden.
Der Verein hat stets die Ge s e lli g k e it gepflegt und
den jungen Leuten, die aus der Fremde hierher kamen, Heim
und Familie ersetzt. Briefe ausgewanderter Mitglieder be-
weisen deren dauernde Anhlinglichkeit und die Dankbarkeit
ffir sch6ne Stunden.
Der Liederkranz, der jetzt 800 Mitglieder zahlt, hat seit
Jahrzehnten an fiihrender Stelle gestanden. Als der Zusam-
menschluB der jiidischen Vereinigungen mit kulturellen Zwek-
ken erfolgte, iibernahm er die Aufgaben des K u t u r b u n d s.
Gerade in den letzten Jahren hat er einem gro'Ben Teil der
Gemeinden Mannheim und Ludwigshafen, sowie zahlreichen
auswartigen Juden Erbauung, Erholung und Freude bereitet;
dieser edlen Sendung wird er treu bleiben.
Der Verein will m6glichst viele Veranstaltungen auch den
Minderbemittelten und der Jugend zuganglich machen und so
der Allgemeinheit dienen. Aufstrebende Begabungen hat er
immer gef6rdert.
Eine stolze Reihe groBer Ktinstler ist in der V e r e i n s -
c h r o n i k unter den Mitwirkenden bei unseren Konzerten
verzeichnet.
Das Gesellschaftshaus in E 5, 4, das unsere Vater
vor mehr als 50 Jahren erbauten, wird jetzt wegen des Plan-
kendurchbruchs niedergerissen. Im Hause 0 2, 16, das wir als
Ersatz erworben haben, soil die segensreiche Tatigkeit fort-
gesetzt und erweitert werden. Unsere herzlichsten Wiinsche
gelten unserem neuen Heim. M6ge in ihm immerdar der Geist
der Eintracht und selbstlosen Menschenliebe herrschen.
M6ge an uns aber sich das Dichterwort verwirklichen:
,,Wohl dem, der seiner Vater gern gedenkt,
Der froh von ihren Taten, ihrer Gr6Be
Den HSrer unterhalt und, still sich freuend,
Ans Ende dieser sch6nen Reihe sich
Geschlossen sieht."
Dr. Gustav Hecht.


Musikalische Aufbauarbeit im Liederkranz
(Jiidischer Kulturbund) Mannheim
Der ,,Liederkranz" hat im Jahre 1929 mit der Umwand-
lung seines Mannerchors in einen gemischten Chor begonnen.
Es ist bemerkenswert, daB man zugleich mit der Form auch
den Inhalten der Vereinsarbeit eine neue Richtung sich zu
geben bemiihte. Die von dem neuen Chor von 150 Sangern
und Sangerinnen bewiltigten Aufgaben sprechen fnir das an-
gestrebte Ziel:.
1931: Heinrich Schalit, ,,In Ewigkeit" (Hymnus von Je-
huda Halevy).
1931: Arthur Honegger, ,,Kbnig David" (Sinfonischer
Psalm).
1932: Josef Haydn, ,,Die Sch6pfung".
1933: G. F. Handel, ,,Samson" (Oratorium).
Man erkennt die bewuBte Hinwendung zu ernsthafter Aus-
einandersetzung mit GroBwerken der klassischen und moder-
nen Chormusik, verbunden mit der fuir einen jiidischen Ge-
sangverein sinnvollen Wahl biblischer Stoffe. So wird es deut-
lich, daB der ,,Liederkranz" wesentliche Voraussetzungen als
Trager eines ,,Jiidischen Kulturbundes" mitbrachte. Darfiber
hinaus ist in seinem jahrzehntelangen Wirken als Singgemein-
schaft ein besonders wertvolles Element der Aktivierung wei-
tester musiktreibender Kreise gegeben, das in unserer Zeit des
Aufsichselbst-Gestelltseins von nicht zu unterschatzender Be-
deutung ist.
Die Arbeit der jiidischen Kulturbiinde seit 1933 ist nach
zwei nicht leicht zu vereinbarenden Zielen ausgerichtet: dem
Publikum Ersatz zu bieten fUr die ihm nicht mehr zuganglichen
offentlichen Veranstaltungen eine Aufgabe, die bei den ge-
wohnheitsmaBig gestellten hohen Ansprfichen mit den zur Ver-
fiigung stehenden Mitteln an ausfibenden Pers6nlichkeiten,
Geld und geeigneten Aufffihrungsraumen oft schwer durch-
fiihrbar ist. Die Beschaftigung der freigesetzten juidischen
Kiinstler be.deutet in diesem Zusammenhang eine besonders
wichtige soziale Aufgabe. Andererseits besteht die jtidische
Kulturaufgabe nicht nur im ,,Ersatz" des verlorengegangenen,
vielfach gesellschaftlich bedingten Veranstaltungslebens, son-
dern in der Pflicht zur Herausstellung jiidischer Inhalte, wo
solche in giiltiger Form und kiinstlerisch hochwertiger Gestal-
tung sich bieten. Die Arbeit der ersten Art kann sich mit
R e k la me begnuigen, der jedes Publikum, wenn sie richtig
gemacht wird (und halt was sie verspricht), Folge leistet. Die
Arbeit der zweiten Art erfordert E r z i e h u n g des Publikums
- wenigstens des gro6eren Teiles der gewohnheitsmaBigen
Besucher ist also mit persinlichen Anstrengungen verbun-
den, macht sich weniger schnell bezahlt, bringt Enttauschun-
gen und Fehlschlige mit sich.
Unseres Erachtens sind beide Wege zu gehen notwendig;
eine geschickte Verwaltung wird den Ausgleich suchen mfis-


Generalprobe zu einer OratoriensAuffiihrung


14. Jahrgang / Nummer 17


Israelitisches Gemeindeblatt


Seite 31


Photo Tllmann-Matter. Mannheim







Seite 32 Israelitisches Gemeindeblatt 14. Jahrgang I Nummer 17


sen und dem Publikum geben, was des Publikums ist, ohne
dabei die Pflicht zu erzieherischer Beeinflussung im Sinne der
Pflege jfidischer und fiberhaupt geistig hochstehender Inhalte
der Veranstaltungen hintanzusetzen. Selbst auf die Gefahr
einer zunachst nicht immer befriedigenden Anteilnahme un-
serer Horerschichten hin, die eben mit der Zeit lernen miissen,
daB die Arbeit der Kulturblinde nicht nur von den ,,Ausfiihren-
den", sondern auch vom Publikum selbst zu listen ist, wenn
anders iiberhaupt von Kulturarbeit geredet werden darf!
Es leuchtet ein, daB ein Kulturbund wie der:aus dem ,,Lie-
derkranz" Mannhelm hervorgewachsene, sein Aufgabengebiet
aus dem Bestehenden abgeleitet hat. Das Bestehen des ge-
mischten Chores und die Griindung eines leistungsfahigen
Orchesters gibt der inneren Arbeit ihre Richtung. Dem steht
auf der anderen Seite ein groBstadtisch verwOhntes Publikum
gegeniiber, dessen Bediirfnisse stark nach sensationelleren
Formen der Darbietungen gerichtet sind. Diesem Publikum gilt
es klarzumachen, daB wir mit unserer Kulturarbeit unsere
Grenze nicht im ,,Ersatzbieten" finden diirfen; unser Ziel muB
vielmehr die Schaffung der jildischen Kultur-
gemeinschaft sein, in der sich der Horer genau so als
,,Mitarbeiter" fuhlt,, wie die Ausfiihrenden selbst. Und wer
wollte bestreiten, auf diesem Gebiete noch Manches lernen zu
k6nnen?
Wenn der ,,Liederkranz" seine hohe Aufgabe so versteht,
wird er nicht nur bemfiht bleiben, seinen Mitgliedern m6glichst
vollendete ,,Leistungen" zu bieten, er wird auch um die Seele
der H,6rer werben und versuchen, sie durch unermiidliche
Arbeit bereit zu machen fur die Verwirklichung einer jfidi-
schen Kulturgemeinschaft.
Max Sinzheimer.



Das Biindische Leben in Mannheim
Als im Jahre 1925 auf Anregung von Rabbiner Dr. Max
Griinewald die ,,Jugendgemeinde" gegriindet wurde, bestan-
den in Mannheim nur kleine biindische Gruppen (,,Blau-WeiB",
,,Kameraden" u. a.). Sie alle waren aus der Jugendbewegung
hervorgegangen, aber bereits mehr oder weniger jiidisch-po-
litischen Zwecken dienstbar gemacht. Da unternahm es die
,,Jugendgemeinde", die ause:nanderstrebenden Richtungen zu-
sammenzufuihren, ihnen einen gemeinsamen Impuls zu geben
und auch die indifferent Jugend der Gemeinde zu gewinnen.
Allmahlich aber dringten die aktiveren Elemente auf Bildung
von bfindisch organis*erten Gruppen.
Wahrend wir es sonst in unserem kurzen Bericht aus
mehrfachen Griinden vermeiden wollen Namen zu nennen, so
miissen wir doch die Hauptwortfiihrer dieser entschieden bun-
dischen Richtung erwahnen, weil sie es verdienten auch von
den Jiingeren gekannt zu werden, die nicht mehr Gelegenheit
hatten, sie pers6nlich kennen zu lernen: wir meinen S:egbert
Stahl und Marie Jacobi, die uns beide ein hartes Geschick
friih entrissen hat. Unter ihrer Ffihrung ist wie gesagt die
,,Jugendgemeinde" in ihre zweite Entwicklungsphase eingetre-
ten. Pfadfindertum (Zofiuth) hieB die neue Parole. Doch der
Gedanke der Zofiuth war es gleichzeitig, der in der ,,Jugend-
gemeinde" neue Spaltungen hervorrief. War sie bisher neutral
im besten Sinne gewesen, d. h. konnten sich in ihr alle Grup-
pen nach ihrem individuellen Charakter entfalten, so forderte
nunmehr eine bestimmte Richtung die alleinige FiPhrung. Aber
auch diese Str6mung war einigen nicht entschieden genug,
der national-judische Charakter trat hier in den Hintergrund
und sollte mehr allgemein-sozialen Tendenzen das Feld rau-
men. Die Trennung war offenbar unvermeidlich geworden
und so spaltete sich eine Gruppe nach der andern ab. Zwar
blieb die ,,Jugendgemeinde" noch geraume Zeit bestehen,
aber eben das, was sie gewollt hatte, eine Gemeinde im Kleinen
mit all ihren yerschiedenen Richtungen zu sein, war dadurch
unmoglich geworden. Immexhin war der Versuch, die gesamte
lpemeinde-Jugend zu vereinigen, neu und wenn auch der


auBere Erfolg auf die Dauer versagt bleiben muBte -- keines-
wegs unfrachtbar.
Die Erfahrungen und zum Teil auch der Geist der ,,Ju-
gendgemeinde" lebte in fast allen aus ihr hervorgegangenen
Biinden fort, die auch zunachst auBerlich noch in einem
,,Ring", als einer Art technischer Arbeitsgemeinschaft, zu-
sammengeschlossen blieben. Freilich hatte die Gemeinde selbst
nun nicht mehr sozusagen das Protektorat wie bei der ,,Ju-
gendgemeinde" (weshalb wir auch in diesem Zusammenhang
ausfiihrlicher von dieser gesprochen haben). Sie arbeitete aber
dennoch eng mit den Biinden zusammen. Sie stellte ihnen ein
Jugendheim (F 2, 14) zur Verfiigung und lieB ihnen auch sonst
mancherlei Unterstiitzung angedeihen. Besonders eng waren,
wie natiirlich, die Beziehungen zum Jugendamt der Gemeinde.
Von kleineren Gruppen abgesehen sind heute die meisten
Biinde, deren Namen wir gar nicht alle aufzihlen wollen,
zionistisch eingestellt. Um so bedauerlicher erscheint es, daB
sie in Ueberbetonung des Trennenden vielfach das Einende
aus dem Auge iu verlieren Gefahr laufen.
Die Biinde umfassen heute den weitaus groBten Teil der
Gemeindejugend; nur wenige stehen noch bewuBt abseits, von
den Gleichgfiltigen, auf die es hier nicht ankommt, zu schwei-
gen. Es kann daher fur die Gemeinde und gerade in Mann-
heim war man sich dessen dank ihrer Leitung friih bewuBt -
nichts Nebensachliches sein, auch fernerhin mit den Biinden,
und besonders solchen, in denen ein neuer jiidischer Geist
nach den ihm gemaBen Lebensformen ringt, in enger Fiihlung
zu bleiben.
Dr, Kurt Berg.


Der Sport
Bei der Er6rterung der Erziehung und Ausbildung unserer
jifdischen Jugend und der Fiirsorge ffir diese junge Generation
darf die korperliche Ertiichtigung nicht unberiicksichtigt blei-
ben. Neben einem guten und aufrechten Charakter, neben
einem umfassenden geistigen Riistzeug, neben einer soliden
beruflichen Ausbildung muB der junge jiidische Mensch einen
widerstandsfihigen K6rper besitzen. Die sportliche Ausbildung
ist daher ein wichtiges Kapitel auch der jildischen Jugend-
erziehung.
AuBer der Durcharbeitung aller K6rperteile bei
einer fachgemaB und verantwortungsbewuBt- angeleiteten
Austibung sportlicher Uebungen warden auch gute seelische
und charakterliche Auswirkungen .erzielt. Ein gesunder Ehr-
geiz, Willenskraft, die Hergabe der letzten Kraft und damit
PflichtbewuBtsein werden gestarkt. Der Mannschaftssport
f6rdert Unterordnung und Disziplin und IaBt beim Jugendlichen
d'e Notwendigkeit des Blickes auf das Ganze vor egoistischem
Eigendenken erkennen.
Getragen wird dieses Arbeitsgebiet von den jiidischen
Sportorganisationen innerhalb der jiidischen Gemeinde Mann-
heim. Zwei Vereine geben sich dabei die erdenklichste Miihe
und eifern sich gegenseitig durch gute Leistungen an. Da
arbeitet der Jiidische Turn- und Sport-Vereii Bar Kochba -
Mitglied des deutschen Makkabikreises seit fiber 23 Jahren
an der Aufgabe der korperlichen Ertiichtigung der jiidischen
Jugend. Seit Juli 1933 ist auch die Sportgruppe des Reichs-
bundes jiidischer Frontsoldaten Mitglied des Sportbundes
des RIF. im gleichen Sinne tiitig. Turnen in Schiiler-, Ju-
gend- und Altersriegen, Leichtathletik, FuBball, Handball, Jiu-
Jitsu, Ringen und Boxen, Tisch-Tennis werden in beiden Ver-
einen betrieben. Der RjF. hat dazu noch eine Hockey-Abtei-
lung. Beide Vereine haben Schach-Abteilungeit. eingerichtet.
Ein Bild von der groBen Arbeit solcher Sportvereine kann
man sich machen, wenn man weiB, daB der Bar Kochba etwa
400 uid der RjF. 420 Mitglieder zhlt und jeweils mehrere
FuBblall-, Handball-, Hockeymannschaften und Turnriegen un-
terhalt. Alle diese Mannschaften etwa 15 je Verein -
wolleri Sonntags ihren Sport treiben, dazu kommen alle die
Einzelturner und Leichtathleten, die zu Wettkimpfen wollen.


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14. Jahrgang / Nummer 17


. Israelitisches Gemeindeblatt







14. Jhrgag I ununr 17Israelitisches Gemein-deblatt Sie3


Eine groBe und gut durchdachte Organisation und viele Mittel
sind notwendig, um diese Arbeit fiberhaupt durchffihren zu
k6nnen. Beide Vereine haben provisorische Turnhallen.
Mit vieler Mfihe wurde in den letzten Monaten ein Sport-
platz geschaffen. Neben der selbstlosen Arbeitsleistung durch
Sportier des Bar Kochba und durch sportkameradschaftliches
Zusammenarbeiten beider Vereine konnte dieses Sportgelindne
geschaffen und vor wenigen Wochen der Oeffentlichkeit fiber-
geben werden.
Eines aber muB besonders hervorgehoben werden. Viel-
leicht nirgends so wie in Mannheim herrscht Eintracht und
Frieden zwischen den Leitungen und Sportlern der beiden
jiidischen Vereine. Der Sportplatz wird abwechslungsweise
von beiden benfitzt, bei Wettspielen eines Vereines ist die Un-
terstfitzung auch des anderen Selbstverstiindlichkeit. Die
schblnsten Treffen aber sind jeweils die des RjF. gegen Bar
Kochba. So zeigt auch hier der Sport seine guten Wirkungen.
Die Pflicht an der Allgemeinheit ist oberstes Ziel.
Dr. Hans GQtzl Arthur LUwenbaum.


Dank
Es ist uns ein Bediirfiis, an dieser Stelle all denen unseren
Dank auszusprechen, die durch ihre Mitarbeit das Zustande-
kommen dieser Nummer ermoglicht und gefordert haben.
Neben den Autoren und redaktionellen Mitarbeitern danken
wir besonders auch Herrh Julius Guggenheimer, Memmin-
gen; ebenso der Arbeitsgemeinschaft jiidischer Amateur-
photographen, Mannheim,, die sich fur die Beschaffung des
groBten Teils des in dieser Nummer erschienenen Bildmaterials
zur Verftigung gestellt hat.
Die Schriitleltung.


Sportplatz Photo Arbeitsgameinschaft


Verantwortilch fflr den redaktionellen Tell: Dr. Franz-Ludwig Auerbach, Mannheim, B 7, 7. Verantwortlich fflr die Anzeigen
Fritz Neubauer, Ludwigshafen a.Rh. Druck: Gebt. Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Verlag: Israel. Gemeinde Mannheim.
D.-A. 2. VJ. 2071 Exemplare. Gfilltige Anzeigenpreisliste Nr. 3 vom 1.Januar 1936.


14. Jahrgang / Nununer 17


Istaelitisches Gemeinaeblatt


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