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Front Cover 1 Front Cover 2 Front Cover 3 Front Cover 4 Title Page Page 1 Page 2 Frontispiece Page 3 Page 4 Preface Page 5 Page 6 Main body Page 7 Page 8 Page 8a Page 8b Page 9 Page 10 Page 11 Page 12 Page 13 Page 14 Page 15 Page 16 Page 17 Page 18 Page 18a Page 19 Page 20 Page 21 Page 22 Page 23 Page 24 Page 24a Page 24b Page 25 Page 26 Page 26a Page 26b Page 27 Page 28 Page 29 Page 30 Back Cover Back Cover 1 Back Cover 2 Back Cover 3 Back Cover 4 |
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JL Ur r LibjKRY
The Isser and Rae Price Library of Judaica [- '. l at the University of Florida Libraries From the library of Rabbi Leonard C. Mibshkin GEDENKSCHRIFT 100 JAHRIGEN BESTEHI y^ ^'" * fl .o " SZUM DER ; .: . : i..' *!; t ^*' ZU SPEY1 VERFASST VON REINHOLD HERZ. HERAUSGEGEBEN V DER ISRAELITISCF KULTUSGEMEINDE SPEYER AM RHEIN. 1937 *^ .... .. -. SYNAGOGE SYN.AGOGE r, EN ||| 9-^ R.^ .... ^ -3; '.-r"'.- t"- ".:. ; .,";; -. :' .*-. S,..-. , /ON T, E -. r4 .'. -/ ..:., i B'? >1 -.I - .' ,,, A .- *- .. *.*. ~.. " -.-..y . -- :,' :. =^ ^ ^f'... l:[,, .. GEDENKSCHRIFT ZUM 100 JAHRIGEN BESTEHEN DER SYNAGOGE ZU SPEYER. DIE JODISCHE GEMEINDE SPEYER VON IHRER WIE- DERENTSTEHUNG UM DIE WENDE DES 18. JAHR- HUNDERTS BIS AUF DIE GEGENWART. VON REINHOLD HERZ. Herausgegeben von der Israelitischen Kultusgemeinde Speyer am Rhein 1937 .L/4pA jGAiy LJ&IaAV Sviij 1 *sy Die Synagoge zu Speyer I . .-. . _ .. ,.P . Sh-,::, Hc,,T, -.,n, Zum Geleit! Schon sinkt die Zeit hinter uns zuriick, aus der wir gekommen sind und das Alte bricht zusammen. Wir spiiren, da8 wir an einer Wende stehen, in der alles sich wandelt und das Vergessen droht der Erinnerung an die Vergangenheit. Da soil das Gedenken an unseren Ursprung in der alten Gemeinde Speyer bewahrt und aufo gerufen werden an dem Tage, da unser Gotteshaus ein Jahrhundert steht. Und in dem Gedenken soil das Verbindende wach werden zwischen allen Kindern unserer Gemeinde. SPE YER am Rhein, im Oktober 1937. Reinhold Herz. s > k- Klischee: Israelitisches Familienblatt Mauerreste der alten Speyerer Synagoge aus dem 11. Jahrhundert In der Geschichte unserer Gemeinde lassen sich drei Epochen unterscheiden: 1. Die Bliitezeit der Gemeinde, deren urkundlich verbiirg, ter Beginn im Jahre 1084 anzusetzen ist und die mit geringen Unterbrechungen das 12. und 13. Jahrhundert hindurch wihrte. 2. Die Zeit des Niederganges vom Ausgang des 13. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, ein halbes Jahrtausend, wahrenddessen die Gemeinde wiederholt, zuletzt beim Brand von Speyer im Jahre 1689, das Verderben ereilte. Diese beiden Epochen sind in zahlreichen wissenschaft' lichen und volkstiimlichen Arbeiten behandelt worden, die erstmals im Literaturverzeichnis meiner Schrift ,,Die Juden in der Pfalz" zusammengestellt wurden. 3. Der mit ihrer klassischen Zeit nicht vergleichbare Nelu aufstieg der Gemeinde im 19. und ihr erneuter Niedergang seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese bis jetzt noch nicht dargestellte Epoche unserer Gemeinde soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Die alte Kehilla kedoscha Speyer und ihre Synagoge fanden mit dem Brand von Speyer im Jahre 1689 ihr Ende. Nachdem die Stadt wieder aufgebaut war, erhielten die Juden in Speyer nur ,,temn porarische" Aufenthaltserlaubnis, sodaB sie sich in den umliegenden Dirfern ) ansiedelten. Erst nach iiber 100 Jahren und zwar vom Jahre 1794 ab, als die Pfalz mit Frankreich vereinigt wurde und die *) Berghausen, Dudenhofen, Harthausen, Otterstadt. Juden Gleichberechtigung und damit auch das Recht der Freiziigigkeit erlangten, konnten sich auch in Speyer wieder Juden niederlassen. In den auf das Jahr 1794 folgenden Jahren began die Wiedero entstehung der Speyerer Gemeinde durch Zuzug aus den umliegenden und auch aus ferner gelegenen pfilzischen D5rfern. Es besagt nichts iiber die Wiederentstehungszeit unserer Gemeinde, daB die im Get meinde-Archiv befindlichen Akten und Protokolle nicht hinter das Jahr 1828 zuriickgeheri. Schon 30 Jahre vorher, im Jahre 1798, ist in dem damals neu eingerichteten Standesamtsregister eine jiidische Geburt verzeichnet, 1804 wurde das erste und erhaltene Paroches gestiftet. Als im Jahre 1808 die Juden sich deutsche Namen geben matiten, wurden nach einem im hiesigen bayerischen Staats, archive befindlichen Verzeichnis bereits 80 jiidische Seelen in Speyer gez hlt, unter denen die Namen Roos, Cramer, Hildeso heimsr, Siissel, Adler, DreyfuB, besonders h1ufig sind. Es ist it Bestimmtheit anzunehmen, daB damals eine Gemeinde bereits schon mehrere Jahre, wohl seitdem ein Minjan vorhanden war, bestanden hat. Erst i Jahre 1815 erfaren wir aus einer Heirats, pmkund4, daB Simon Adler damals Vorsteher der israel. Gemeinde gowese ist. Im Jahre 1817 wurde das zweitilteste und erhaltene Pa. roches gestiftet. Ueber die drei Jahrzehnte vor 1828, wo erst unsere eigenen Gemeindeakten beginnen, wiirde besonders das Studium der einschbigigen Akten des ehemaligen kBnigl. Landeskommissao riats Speyer, dem die Aufsicht iiber die Gemeinde oblag, Material bieten. Aber auch eine Einsicht in die damaligen Standesamtsregister ist interessant. Nach diesen ist die Kinderzahl der jiidischen Familien in Speyer in jenen Jahrzehnten selten unter, oft fiber fiinf. Fast kein Jahr vergeht in diesem Zeitraum ohne eine oder mehrere Ehe- schliefungen in Speyer und die Zahl der Todesfille umfaBt nur einen fBruchteil der Geburtenzahl. Dabei geht die Zuwanderung so stark welter, daB schon im Jahre 1830 die Zahl der Speyerer Juden auf 209 angewachsen ist. Eine der ersten Akten die im Gemeindearchiv aus jenen Jahren vorhanden sind, ist eine aus dem Jahre 1828 stammende Abschrift I Photo: Ludi Moyer Eingang zum alten Friedhof Photo: Ludi Moyer Graber auf dem alten Friedhof . z. r r,1v w ^-^i^ Graber auf dem alten Friedhof Photo: Ludi Moyer des Anstellungsvertrags des ersten, uns bekannten Lehrers Josef Benedickt aus Albisheim an der Pfriem, der als Lehrer, Vorsinger und Schichter mit einem jahrlichen Gehalt von 160 fl. nebst freier Wohnung von der Gemeinde angestellt wurde. Er unterrichtete die Jugend im Hause der Gemeinde in der Hellergasse. Aus dem nichsten Jahr 1829 ist uns ein Buch mit dem hebr. Titel: -) hbnpi- m3pn ,,Statuten der israel. Gemeinde zu Speyer" erhalten, es geht daraus hervor, daB Jakob Adler, Carl David und Samuel Moses, damals die beh6rdlich bestatigten Vorstinde waren. Ein groBer Teil der folgenden Statuten betrifft entsprechend dem Bemiihen der Zeit,. das synagogale Leben ;uBierlich zu rego lementieren, die synagogale Ordnung und Disziplin. Die Gemeinde besaB damals bei dem Haus in der Hellergasse, das als Schulhaus benutzt wurde, eine Scheuer, die in diesem Jahre 1829 vermietet wurde. Im gleichen Jahre erwarb die Gemeinde auch den am St. Klara Kloster gelegenen Friedhof, der seit diesem Jahre als Leichenacker von ihr benutzt wurde. Das vor dem Friedhof gelegene Stiickchen Ackerfeld verpachteten sie ebenfalls 1829. Im gleichen Jahre beginnen auch die ersten uns erhaltenen Protokolle des Synagogenausschusses, die jedoch (bis 1862) unregelmiaig gefiihrt wurden. Klassifizierung der Umlagepflichtigen, Verpachtung der Synagogenplatze und Synagogenordnung waren immer wieder Gegen- stinde der Sitzungen. Im Jahre 1829 wurde auch der erste Bezirkso rabbiner Aron Merz in dem neugebildeten Rabbinatsbezirk gewiihlt. Als Amtssitz wurde Speyer vorgeschlagen, aber ,,in Abgang einer Synagoge" Neustadt gewahlt. In Speyer wurde der Gottesdienst mindestens schon seit 1811 in einem als Synagoge verwandten Lokale der Witwe A d e r abgehalten, von dem zwar nicht angegeben wird, wo es sich befand, wohl aber, daB es mehr einem Speicher zum Tabakaufhingen als einer Synagoge gliche. Aber das schnelle Wachstum der Gemeinde machte eine eigene Synagoge immer mehr erforderlich. Und wir lesen schon im Jahre 1828 von Verhandlungen mit dem Landkommissariat wegen Erbaum ung einer eigenen Synagoge, mit der auch ein Schulhaus und Frauenw bad verbunden sein sollte. Dem Vorstand wurde er6ffnet, daB er einen wohlgelegenen Bauplatz ermitteln, einen Kostenvoranschlag und den Nachweis dariiber, wie die Kosten gedeckt werden sollten, eino reichen m6ge. Aber erst zwei Jahre spiter, also 1830, wurde der Vorstand von den Gemeindemitgliedern bevollmachtigt, den Bauo platz zum Behuf der Errichtung einer Synagoge, Frauenbad pnd Schulhaus auszumitteln, den Kostenvoranschlag erstellen zu lassen und ,,das friiher schon gekaufte, durch die israel. Gemeinde besessene, zur Erbauung angeschaffte Terrain mittelst 6ffentlicher Versteiges rung zu verituBern". Die Erbauung der eigenen Synagoge mit Schulo haus und Frauenbad wurde auch deshalb immer dringlicher, weil die damals vorhandene Mikwe nicht mehr den sanitaren Vorschriften entsprach und 1829 von der Beh6rde eine hygienisch einwandfreie Anlage verlangt wurde. Am 1. November 1831 wurde unter Lei. tung von Lehrer Benedickt auch eine eigene israel. Volksschule errichtet, die 1833 bereits 42 Schulkinder umfafite. Fir diese aber war das Haus in der Hellergasse zu klein, die Stadt lehnte jedoch einen Antrag auf Ueberlassung eines Schulzimmers ab. So vero langten also die gemeinsamen Bediirfnisse von Gottesdienst, Schule und Mikwe immer dringlicher die Errichtung des Baues. Inzwischen war im Vorstand der Gemeinde eine Aenderung erfolgt: Fiir das ausgetretene Mitglied Jacob Adler wurde bereits vor 1831 Moritz DreyfuB gewihlt. 1831 wurde auch der Wunsch nach der Anstelb lung eines eigenen Rabbiners laut, der jedoch beh6rdlicherseits abo gewiesen wurde, dann schweigen wieder die Akten und Protokolle und nur in dem Rechnungsbuch dieser Jahre spiegelt sich undeutlich das Gemeindeleben in den ersten Jahren dieses 3. Jahrzehnts. Aber in diesen Jahren ist die Ausfiihrung des Planes intern sorgfiltig vorbereitet worden. 1833 h6ren wir, daf die Gemeinde bereits die St. JacobsoKapelle erworben hat, um in ihr Synagoge, Schulhaus und Bad herzurichten und es beginnen bereits die Verhandlungen mit den Beh6rden zwecks Genehmigung der Plane und Kostenvoro anschlage. Aber erst im Oktober des Jahres 1835 wird dem Vorstand Leon Mayer, Alexander Kahn und Moritz DreyfuB Vollmacht erteilt, die Bauarbeiten zu vergeben und nach den in dieser Voll macht niedergelegten Richtlinien zu handeln. Diesen Richtlinien gemiB wurde im Jahre 1836 das der Gemeinde geh6rende Wohno haus mit Scheuer in der Hellergasse versteigert, um fuir den neuen Synagogenbau Mittel frei zu bekommen. Im gleichen Jahre ist auch der Bau noch begonnen worden. Seine Vollendung ist aber erst gegen Ende des Jahres 1837 erfolgt. Nach den Bauplanen reichte die Synagoge damals nur bis zu dem Teil des heutigen Raumes, wo die Seitenwinde einen Winkel nach innen machen. Der Oron hakedesch war bereits an seinem heutigen Platz, allerdings in einfacherer Form, aber der Almemor stand in der Mitte des damals mehr breiten, als langen Raumes und an der Ostwand befand sich keine Estrade wie heute. Das Schulhaus mit dem Frauenbad befand sich an jenem Teil, wo heute das Langs schiff der Synagoge ist. Die Einweihung der neuen Synagoge fand statt am Freitag, den 24. November 1837, nachmittags 2 Uhr. Den Verlauf der Einweihungsfeier erfahren wir aus einem Programm, das noch erhalten ist. Die Feier began mit einem Zug, der von dem Lokale des Schulhauses an die Synagogenpforte fiihrte. Voran wurden die Seforim getragen, es folgte ein Musikchor, dann die eigens aus Griinstadt (eine der damals gr6Bten Gemeinden der Pfalz) enga- gierten Vorsinger Gebriider Frankel und die Schuljugend, die den Psalm 122 im Chor vortrug. Vor der Synagoge erwartete der Bezirksrabbiner Aron Merz den Zug und bei der Eraffnung der Pforte wurde der Psalm 118 ,,Se haschaar Ladonaj" gesungen. Beim Eintreten in die Synagoge sangen die Vorsanger das Ma Towu und dann folgte ein Umzug in der Synagoge mit den Thorarollen, bei dem die Chasonim ,,Ono haschem haschio no" sangen. Die Seforim, wurden zum ersten Mal in den neuen Oron hakedesch gestellt und nach einigen weiteren Gesangen weihte der Bezirksrabbiner mit einer Predigt, die uns leider nicht erhalten ist, das neue Bes haknesses ein. Seiner Predigt folgten weitere Gesinge von Chor und Kantoren unter Musikbegleitung vorgetragen und schlieilich die Freitagabendgebete. Schon nach dem Umfang des Programmes - es umfafte 18 Teile kann man erkennen, daB es eine eindruckso volle Weihe gewesen sein muB. Aus der ganzen Pfalz waren die Vertreter vieler Gemeinden anwesend. Das wissen wir aus dem Rechnungsbuch, in dem sorgfiltig verzeichnet ist, was jeder ein- zelne bei dem folgenden Schabbos* Gottesdienst geschnodert hat. Ein Jahr spiter, also 1838 wurde die Baurechnung erstellt. Aus ihr geht hervor, dab die Gesamtkosten des Baues 10687 fl. betragen haben. Diese wurden zum groiBten Teil durch aufgenoms mene Darlehen gedeckt, daneben aber durch den Gegenwert des veraiuferten Grundstiickes in der Hellergasse, ferner durch Gelder, die bei einer Kollekte, die in den jiidischen Gemeinden des ganzen bayerischen K6nigreiches durchgefiihrt wurde, zusammengeflossen waren und dann durch Einzelschenkungen, unter denen die des Bankhauses Rothschild in Frankfurt von 500 fl. ganz besonderes Interesse findet. Lehrer Benedickt war zur Zeit der Synagogenein- weihung bereits nicht mehr in Speyer, denn im Mirz 1837 wurde in der Speyerer Zeitung die Schullehrerstelle neu ausgeschrieben und darauf mit Lehrer Ludwig Schlo 13, der aus der Fiurther Gegend stammte, besetzt. Nach dem Synagogenbau wird das vorhandene Material wieder sehr liickenhaft. Die Protokolle betreffen in den nichsten Jahren immer wieder die ,,Repartition des Budgets" das z. B. 1839 bei 45 Zensiten 550 fl. betrigt und die alljahrliche Versteigerung der Synagogenplitze. Es ist anzunehmen, daB andere Gegenstinde in einem zweiten Protoo kollbuch niedergeschrieben wurden, das aber nicht mehr vorhanden ist. Im Jahre 1840 wurde Heinrich Hildesheimer die Aufsicht in der Synagoge iibertragen. Er sollte besonders dariiber wachen, daB wahrend der Thoravorlesung und nach der Mussav Schemono Essre bis Olenu der Gottesdienst nicht verlassen wird. Von 1842 ab erscheinen neue Unterschriften der Vorstinde hunter den Protoo kollen. Die Namen Adler und Mayer verschwinden, von dem alten Vorstand bleibt nur Moritz Dreyfuf und neben ihm treten Bernhard Liebmann und Josef Cramer. 1849 hbrte auch Moritz Dre y fu B Unterschrift auf und an seine Stelle tritt Carl D a v i d (der 1836 den alten, heute noch erhaltenen Kidduschbecher der Gemeinde gestiftet hat). Im Jahre 1850 wurde von der Chewras noschim ein'Paroches gestiftet, der Frauenverein hat also mindestens seit diesem Jahre, wenn nicht noch linger bestanden *). Im Jahre 1852 wird neben dem bereits seit 1828 bestehenden Wohltatigkeitsverein ,,Hanorim" durch Sigmund Herz ein zweiter Wohltitigkeitsverein ,,Gemillus chasodim" gegriindet. Seit 1855 unterschreibt an Stelle -von Josef Cramer das neue Vorstandsmitglied Moritz Roos die Protokolle mit und Carl David setzt unter seinen Namens- :zug die Bezeichnung ,,Vorstand". So wenig im Grunde die Protokolle in diesen Jahren seit dem Synagogenbau mitteilen, so viele Riickschliisse erlaubt es doch, die Quittungen fir Einkaufso gelder aus dieser Zeit zu lesen und nach dieser Lektiire iibers rascht es nicht mehr, zu erfahren, daB jetzt im Jahre 1855 die Seelenzahl der Gemeinde schon auf 370 angewachsen ist. Im Jahre 1858 erreichte der SynagogenausschuB einen BeschluB des Stadtrates, daB die israel. Volksschule, fiir die bisher die Gemeinde aufkommen muBte, von der Stadt iibernommen wurde. Drei Jahre spiter im Jahre 1861 hat sich die Zahl der Gemeindemitglieder auf 436 erh6ht. In dem starken halben Jahrhundert, das seit der ersten Zahlung von 1808 verflossen ist, hat sich die Seelenzahl der Geo meinde also mehr als verfiinffacht und seit dem Synagogenbau hat sich die Gemeinde schon wieder verdoppelt. In diesem Jahre 1861 wurde fiir den verstorbenen Bernhard Liebmann ein Mann in den SynagogenausschuB berufen, der spiter -die reprisentativste Gestalt in der Gemeinde wurde: Sigmund Herz. Wir wissen nicht, ob es mit seinem Eintritt auch in Zusammenhang 4) Die uns bekannten Vorsitzenden waren: Frau Levinger, Frau Klara Lehmann, z. Zt. Frau Sara Landenberger. zu bringen ist, daB erst von diesem Zeitpunkt an fortlaufende und sorgfiltige Protokolle niedergeschrieben sind. Man erf'ihrt jetzt, daB das Amt des Vorsangers von dem des Lehrers getrennt war, daB der Vorsainger der Gemeinde damals Moses M.osch' hieB. Der Schreibweise des Namens nach wohl ein Elsisser oder Franzose,. wodurch auch die starke Durchsetzung unseres Gottesdienstes mit Gesangen des Pariser Oberkantors N a u mb u r g neben den in spAterer Zeit eingefiihrten Kompositionen Lewandowskis und Kirschners zu erklaren ist. Das Jahresbudget betragt schon 1300 fl. Im February 1862 spendete der Verein ,,Gemillus chasodim" eine ThoramRolle fiir die Synagoge und legte diesen Akt in einer pergamentenen Urkunde nieder. Wir erfahren, daB eine Reihe von Kindern der Gemeindemitglieder bereits h6here Lehranstalten besuchen und der Synagogeni AusschuB leitet Schritte zur Ein- fihrung des Religionsunterrichts an diesen Anstalten ein. Es sind Jahre stirksten Wachstums der Gemeinde. Langst bietet die Synagoge der Gemeinde, die sich seit dem Bau mehr als verdoppelt hat, an Sabbath und Festtagen nicht mehr genii- gend Raum und im Mai 1862 beschliefit der SynagogenausschuB Plan und Kostenvoranschlag flir eine Erweiterung der Synagoge erstellen zu lassen, womit der stidt. Ingenieur von S i e b e r t be. auftragt wird. Es mag weniger mit der Enge der Synagoge, als mit dem Reglementierungsbestreben der Zeit zusammenhingen, daB damals 1863 auch die ,,Synagogenpolizeiordnung der Stadt Speyer" ver6ffentlicht wird. Im Mai 1864 waren die Plane fiir die Erweio terung fertig gestellt und es ergibt sich, daB ein Kapital von 10000 fl. zur Deckung der Kosten notwendig sein wird. Die Gemeinde aber verfiigt nicht iiber die notwendigen Mittel, der Bau drangt und so beschlieft der SynagogenausschuB ein in 25 Annuititen riickzahl* bares Darlehen von 10000 fl. aufzunehmen. Zum gleichen Zeit punkt muBte auch die Stelle des bisherigen Kantors M o s c h 6 neu besetzt werden und nach einem Probegottesdienst wurde Moritz Rosenhaupt von Cochem a. d. Mosel als Vorbeter angestellt. Seine Anstellung erwies sich immer mehr als eine besonders gute Wahl. Moritz Rosenhaupt besaB nicht nur eine ungewohnlich schane Stimme, sondern auch ein ebenso groBes Musikverstandnis und er hob gemeinsam mit dem Organisten Abraham Hildesheimer, der damals auch den Synagogenchor griindete, die Gestaltung des Gottes& dienstes auf eine hohe Stufe. Rosenhaupt, der sich zu einem der bedeutendsten Kantoren in Deutschland entwickelte, trat auch als Komponist synagogaler Gesinge und durch seine Aufzeichnungen der siiddeutschen Chassanuth hervor, die unter dem Namen ,,Schire ohel Jaakow" erschienen. Von ihm stammt z. B. auch die herrliche Melodie unseres Jomkippur Kaddisch, die jeden immer wieder neu ergreift. Rosenhaupts Anstellung erfolgte noch vor Erweiterung der Synagoge, denn diese wurde erst 1865 in Angriff genommen. Es war ein neuer Plan n6tig geworden, nachdem sich die Baukosten um weitere 3300 fl. erh6hten. Bei der Ausfiihrung des Erweiterungss baues ergab sich, daB insgesamt eine Summe von 18000 fl. zur Deckung der Kosten notig sein wiirde. Der SynagogenausschuB hunter Vorsitz von Carl David mui3te das aufgenommene Darlehen er, h8hen und je ein Darlehen bei den drei Privatvereinen der Gemeinde aufnehmen. Weitere Mittel wurden aus der Versteigerung und der Vermietung der Plitze gewonnen. Am 27. April 1866 konnte die erweiterte Synagoge wieder eingeweiht werden. Bei diesem Erweite' rungsbau, den der stadtische Ingenieur von Siebert leitete, bekam die Synagoge ihre heutige Grundform, indem an die Stelle des Schulhauses das Langschiff der Synagoge mit einer Orgel gebaut wurde. Dem Oron Hakodesch wurde die heute noch vorhandene Form gegeben, vor ibm an der ganzen Ostwand die Estrade errichtet, in deren Mitte eine breite Treppe hinauffiihrte. Der Almemor wurde aus der Mitte des Raumes entfernt und an seiner Stelle ein kleines Vorbeterpult vorn zwischen die ersten Bankreihen gestellt. Dort aber, wo heute von der HeydenreichstraBe aus ein Zugang zu der Synagoge besteht, befand sich damals eine groBe Scheuer. Die Schule, die durch diesen Erweiterungsbau ihren Raum verlor, wurde in das stidtische alte Volksschulhaus hinter die heutige Versicherungs, anstalt verlegt. Im nachsten Jahre 1867 ist die Seelenzahl der Gemeinde mit 441 seit der letzten Zihlung von 1861 mit 436 Seelen noch nicht weiter gestiegen. Im Marz 1869 wird ein dritter Wohltitigkeitsverein. in der Gemeinde unter dem Namen ,,Ez Chajim", gegriindet. 1871 richtet der SynagogenausschuB an das Rektorat des Gym-n nasiums das Ersuchen um Errichtung israelitischen Religionsunter-. richts. Er wurde aber erst 1893 eingefiihrt. Aus dem Ergebnis der Volks:ahlung dieses Jahres geht hervor, daB die Gemeinde jetzt 488 Seelen umfaBt, also wieder neu zugenommen hat. Am 13. Mai 1872 fand eine Neuwahl des Synagogenausschusses statt, bei der an Stelle von Carl D a vi d, Sigmund Her z zum Vorstand der Gemeinde und Jakob Annathan als neues Mitglied in den AusschuB gewihlt wurde. Sekretar und Rechner der Gemeinde war damals August R e g nault. 1873 beschloB der SynagogenausschuB ohne Angabe der Griinde ,,der bisher iibliche Gebrauch, daB einjaihrige Knaben die sogenannten Wimpel in die Synagoge tragen, ist aufgehoben. Doch darf dies von Knaben, die das vierte Lebensjahr zuriickgelegt haben, geschehen". Im nichsten Jahre 1874 wird von einem Konflikt des Synagogenausschusses mit dem Organisten berichtet.. Derselbe wurde wegen ,,Despektierlicho keit" seines Amtes enthoben. Es scheint aber kein glicklicher Schritt gewesen zu sein; denn wihrend der nachsten Jahre wurde der Orgas nist dauernd gewechselt und sechs Jahre spiter rief man Abraham Hildesheimer wieder an seinen Posten zuriick. In der Volks, zihlung von 1875 iiberschritt die Seelenzahl der Gemeinde zum ersten Mal ein halbes Tausend. In diesem Jahre ist hunter der Behandlung von Gehaltsfragen die Feststellung interessant, daB der Gehalt fiir Bedienung des Frauenbades sistiert werden k6nne, da das Bad nicht oder h6chst selten beniitzt werde. Es befand sich noch damals in der Synagoge. Zu dieser Zeit h6ren wir bereits von einer Raumnot auf dem Friedhof, im Mirz 1877 fand eine Gemeindeversammlung statt, in der man diese Frage besprach und einige Monate spiter wurde in einem Schreiben die Stadtverwaltung ersucht, bei Erwerbung eines neuen Begribnisplatzes ein Terrain fiir einen israelitischen Friedhof mit einzubeziehen. In diesen Jahren endete das dauernde Wachstum der Gemeinde, und in der VolkszAhlung von 1880 erreichte die Seelenzahl mit 539 ihren H6chstpunkt, den sie nach den Ergebnissen der nachsten Volksa zihlungen zwei Jahrzehnte lang, also bis zur Jahrhundertwende, ungefihr hielt. Dies zeigt sich in den uns vorliegenden Zahlungso ergebnissen dieser beiden Jahrzehnte: 1885 o 532 Seelen, 1890 o 535, 1895 a 508, 1900 o 520. 1881 wurde der Kantor Moritz Rosenhaupt als Oberkantor nach Niirnberg engagiert und an seine Stelle wmhlte eine Gemeindeversammlung H. Hi r s c h aus Saarlouis. 1886 schenkten die beiden Wohltatigkeitsvereine ,,Hanorim" und ,,Ez Chajim" gemeinsam eine Thorarolle. Die Einweihung fand am 6. November in feierlicher Weise statt. Am 1. April 1887 feierte Lehrer Ludwig SchloB sein 50 jhriges Dienstjubilium. Die Gemeinde ehrte Lehrer SchloB durch ein Geschenk. Im Mai dieses Jahres fand in der Synagoge die erste Midchenkonfirmation statt, fiber die ein Nachweis erhalten ist. Im Juni erfolgte eine Neuwahl des Syna, gogenausschusses, bei der Sigmund H e r z als Vorstand wiedero gewihlt wurde, an Stelle der bisherigen weiteren AusschuBmitglie- der Bernhard Roos und Jacob Annathan traten Isaak Miiller und Jakob Altschiiler. Wenige Monate spater legte der bisherige Syna- gogendiener Jacob Mayer sein Amt nieder und an seine Stelle kam im December 1887 Israel' Schatz aus Heidekrug in OstpreuBen, bisher Synagogendiener in Kaiserslautern. Mit seinem Amt wurde damals auch das des Schachters vereinigt, diese Funktion hatte bisher der Kantor versehen, man hielt sie jedoch mit'dessen Reputation nicht mehr fur vereinbar. Merkwiirdigerweise ist in den Protokollen von 1887 nicht des 50 jihrigen Bestehens der Synagoge gedacht, es scheint iibersehen worden zu sein. Im nichsten Jahr 1888 fanden in der Synagoge feierliche Trauergottesdienste ffir Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich statt, in denen die Anteilnahme an allgemeinen Ereignissen des Reiches zum Ausdruck kommt. Das Gleiche gilt auch fir friihere Jahre z. B. 1880, wo die Gemeinde an dem 7000 jihrigen Jubilium lder Wittelsbacher, und fiir das Jahr 1864, wo sie an der Trauer fiir den verstorbenen K6nig Maximilian II. von Bayern teilnimmt. Bis zum Jahre 1888 ist von der Gemeinde noch der alte Friedc hof beniitzt worden, inzwischen aber waren die Verhandlungen mit der Stadt zu einem positive AbschluB3 gelangt und am 4. November vormittags 9 Uhr fand auf dem alten Friedhof im St. Klarakloster eine Gemeindeversammlung statt, in der der alte Friedhof in wiir, diger Weise geschlossen wurde. Zwei Stunden spater wurde der neue Friedhof links der WormserstraBe durch den Vorstand und Bezirksrabbiner Dr. Salvendi eriffnet. Im AnschluB hieran fand die Beerdigung des Gemeindemitglieds Aron Mayer statt, der als erster auf dem neuen Friedhof bestattet wurde. Beide Ansprachen, von denen im Protokoll Jacob Altschiiler berichtet, daB sie alle Mitglieder der Gemeinde tief ergriffen hitten, sind im Wortlaut niedergeschrieben. Aus der starken Befassung in den Friedhofsfragen hat der SynagogenausschuB im April 1887 auch eine, als Broschiire gedruckte Friedhofsordnung geschaffen. - Immer wieder lesen wir auch in diesen Jahren, wie Mitglieder der Gemeinde Thoramlintelchen, Vorhlnge, Deuter usw. als Stiftungen und Schenkungen darbringen. Aus dieser Zeit stammen die meisten Sticke unseres Synagogenschmuckes. Fromme Beweggriinde z. B. Dankbarkeit fir die Errettung aus schwerer Krankheit waren die Motive jener Stiftungen, in denen enge Anhanglichkeit an die Geo meinde zum Ausdruck kommt. Wenn auch oft ein uns heute zu pathetisch erscheinender Stil die begleitenden Worte ziert, so stehen hinter ihnen gute und sch6ne Gefiihle, in denen wir die warmen Ziige der jiidischen Herzen spiiren. Auch im Jahre 1889 spiegelt sich die Anteilnahme der Gemeinde an den allgemeinen Ereignissen in einer Feier, in der die Gemeinde der 200 Jahre vorher erfolgten Niederbrennung unserer Heimatstadt Speyer gedenkt, der auch unsere alte Synagoge zum Opfer gefallen war. Im gleichen Jahr verlaitt Kantor Hirsch die Gemeinde und der durch mehr als ein halbes Jahrhundert mit der Gemeinde verwachsene Lehrer Schlo B wird pensioniert. Die Gemeinde sucht eine Persinlichkeit, die beide Funktionen, die des Lehrers und des Kantors verbindet und im January 1890 wird der Schulverweser in Hagenbach in der Pfalz Photo: Ludl Mayer Allee auf dem neuen Friedhof Photo: Ludi Moyer Grabreihen auf dem neuen Friedhof Leo Waldbott, dessen Zeugnis von allen Bewerbern das beste war und dessen Leistungen in musikalischer und gesanglicher Be,; ziehung als vorziiglich bezeichnet werden, als Lehrer und Kantor der Gemeinde bestellt. Im Marz 1891 fand aus Anlaf des 70. Geo burtstages des Prinzregenten Luitpold eine Feier in der Synagoge statt. Am 30. Mai 1891 wurde in der Synagoge der erste Jugendo gottesdienst abgehalten, nachdem aiber dessen Gestaltung Anfragen bei mehreren Rabbinern erfolgt waren. Und im Juni dieses Jahres lesen wir, wie auch in Speyer ein Hilfskomitee fir die Russischen Juden geschaffen wurde. Im Oktober 1891 beschlof eine Gemeindeversammlung fiir 9000 Mark die Heydenreichsche Scheuer zu erwerben, die an dem Platze stand, wo sich heute der Treppeneingang der Synagoge von der Heydenreichstrafie aus befindet. Und im November beschloB der SynagogenausschuB gemeinsam mit einer Reihe von Gemeindemitf gliedern, die zur Beratung zugezogen waren, daI durch den Abbruch dieser Scheuer die M6glichkeit eines zweiten Ausganges aus der Synagoge aus Griinden der Sicherheit bei Brandgefahr geschaffen werden sollte. Zur Verbesserung der Lichtverhailtnisse in der Syna- goge soluten auf der durch den Abbruch Licht gewinnenden Nordc wand Fenster angebracht werden. Der free Platz vor dieser Wand sollte mit Ziergestraiuch angepflanzt werden und ein schiner Eino und Ausgang von der HeydenreichstraBe aus geschaffen werden. Zugleich wurde auch das Bediirfnis nach einer Friedhofhalle er- 6rtert, die Inangriffnahme dieser Aufgabe aber noch zuriickgestellt. Mit der Erstellung des Bauplanes wurde Architekt J e s t e r beau:f tragt. Indessen erfolgte der Abbruch der Scheuer erst gegen das Ende des Jahres 1892, die eigentlichen Umbauarbeiten aber im Jahre 1893. Die Synagoge, die bisher nur durch enge GiiBchen zuganglich war, wurde damals auf der Nordseite durch Abbruch der Scheuer freigelegt und es entstanden die die Synagoge auf dieser Seite uma gebenden Anlagen. Aber auch an der Synagoge selbst wurden groBe Umbauarbeiten vorgenommen; das Stiegenhaus und der Vorraum erhielten ihre heutige Gestalt und das Innere wurde stark erneuert, u. a. wurde auch der Almemor an seiner heutigen Stelle auf der Estrade angebracht. Der Umbau kostete 28000 Mark. Dieses Ka- pital und die fur die Bezahlung der Heydenreichscheuer benotigten 9000 Mark dazu noch eine Reserve von 2000 Mark also zusammen 39000 Mark nahm die Gemeinde als eine innerhalb von 24 Jahren riickzahlbare Anleihe bei der stadtischen Sparkasse auf. Mit dem Ende des Jahres 1893 waren die Umbauarbeiten vollendet und am Freitag, den 12. January 1894 fand der Festgottesdienst zur Erbffo nung der restaurierten Synagoge statt, die im Mai des gleichen Jahres bei seinem Hiersein seine kgl. Hoheit Prinz Ludwig von Bayern, der Sohn des Prinzregenten Luitpold, mit seinem Besuch beehrte. Im Mai 1897 feierte Sigmund Herz sein 25jahriges Jubilium als Vorstand der Gemeinde. Aus diesem AnlaB fand am Abend des 12. Mai im Kaisersaal des Kaffee Schwesinger ein glanzvolles Bankett statt, iiber das am 13. und 14. Mai die Speyerer Zeitung und das Rheinische Volksblatt in groBen Artikeln berichteten. Es war ein Ereignis, an dem weite Kreise der Stadt Speyer Anteil nahmen. Die Zeitungen verzeichneten eine lange Liste wohlklingender Namen des alten Speyer, die den Vorstand und Stadtrat*) durch ihre Anwesenheit ehrten. Die Ansprachen, die die Zeitungen im Wortlaut veroffentlichten, schildern Sigmund Herz als einen Mann voll starker ZielbewuBtheit und Repr5sentativitit, der die Sache der Geo meinde mit auBerordentlicher Hingebung vertrat. Sigmund Herz gedachte in seinen Dankworten besonders ehrend seines Vorgangers Carl David und des Griinders und Dirigenten des damals schon 30 Jahre bestehenden Synagogenchors, Abraham Hildesheimer. Den wiirdigen Abschlug des Jubiliums bildete ein Festgottesdienst am Samstag, den 15. Mai in der Synagoge. Im Juli 1897 fand eine Neuwahl des Synagogenausschusses statt, bei der an Stelle des zuriicka tretenden Bernhard Roos Adolf Annathan in den AusschuB geo wihlt wurde. Sigmund Herz behielt weiter den Vorsitz. Am 13. *) Es ist fiir die Stellung der Speyerer Juden innerhalb der Stadt Speyer bis zum Jahre 1933 keanzeichnend, daB in dem in dieser Schrift daro gestellten Zeitraum auBer Sigmund Herz Jakob Mayer und Kommer* zienrat Siegmund DreyfuBi Mitglieder des Speyerer Stadtrates waren. September 1897 verstarb Abraham Hildesheimer, der langjihrige Organist der Gemeinde, Griinder und erster Dirigent des Synagogens chores. Die Gemeinde ehrte sein Andenken durch Bereitstellung eines Ehrengrabes. Sein Nachfolger wurde Karl August Krau8, der als K. A. K. spiter in der Gemeinde groBe Popularitat gewann. Zwei Jahre nach Abraham Hildesheimers Tod, im Anfang des Jahres 1900 schlossen sich die Mitglieder des Synagogenchors zu einem Synagogenchorverein unter Leitung von Isidor Roos zusammen. Der Verein fibernahm neben seinen bisherigen gottesdienstlichen Funk, tionen die Pflege der Geselligkeit in der Gemeinde. Dieser Aufgabe hatte sich friiher der damals nicht mehr bestehende Verein ,,Erho, lung" gewidmet. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts entf stand auch eine Ortsgruppe des Centralvereins, die bis 1933 be* stand *). Im Oktober 1901 erkennt der SynagogenausschuB die Not- wendigkeit eines Zusammenschlusses aller deutschen Juden an und beschlieBt den Beitritt der Gemeinde zum Deutschisraelitischen Gemeindebund, der damaligen Gesamtvertretung der jiidischen Geo meinden Deutschlands. Im Oktober 1902 erwarb die Gemeinde -ein den neuen Friedhof vergr6Berndes Gelinde. Zu Beginn des Jahres 1903 machen Robert und Oskar David zum Andenken an ihre verstorbenen Eltern Theodor und Emilie David der Gemeinde eine Stiftung, die in ihrer Hlhe aus den Schenkungen dieser Jahre herauso .ragt. Seit dem Jahre 1904 wird neuerdings wiederholt iiber den Bau einer Friedhofshalle beraten und Plane werden eingeholt, der Bau selbst aber gelangt nicht zur Ausfiihrung, obwohl bereits ein .geniigender Baufond vorhanden ist. Von ganz besonderem Interesse ist im nachsten Jahr 1905 die Tatsache, daB bei der Volkszahlung in diesem Jahre bereits eine riicklaufige Tendenz in der Seelenzahl der Gemeinde sichtbar wird. Die Zahl der Speyerer Juden, die 1900 noch 520 betragen hatte, ist auf 478 gesunken. Es beginnt bereits eine Entwicklung sich -*) Ihre Vorsitzende waren: Kommerzienrat Siegmund DreyfuB, Joseph DreyfuB, Max Mayer. zu iuBern, auf die man erst sehr viel spater aufmerksam geworden ist und die wir an den Ergebnissen der nichsten Volkszahlungen welter verfolgen werden. Im Mai 1907 fand eine Neuwahl des. Synagogenautsschusses statt, nach der an Stelle von Adolf A n a than Lazarus Scharff trat, der als einziger seine Generation iiberlebt hat und heute noch in k6rperlicher und geistiger Frische unter uns weilt. Im folgenden Monat machte Adolf Annathan vor seinem. Wegzug der Gemeinde eine bedeutende Stiftung, die als Grundstock eines Unterstiitzungsfonds gegeben wurde. Im Februar 1908 being der Vorstand der Gemeinde Sigmund Herz, seinen 80. Ge' burtstag. Die Gemeinde ehrte ihn durch einen Festgottesdienst und ein Stindchen. In diesem Jahre hSren wir auch, daB die Gemeinde der religi6s&liberalen Vereinigung und dem Centralverein einen Beitrag leistet, wodurch ihre religiose und innerjiidische Position, die ganz dem Zuge ihrer Zeit entsprach, gekennzeichnet werden. - Und im gleichen Jahre ist die Rede von einem geplanten Zusammeno schluB aller israelitischen Gemeinden der Pfalz im Interesse einer vlligen rechtlichen Gleichstellung, die in gewissen Fragen, z. B. Besoldung der Rabbiner, noch nicht vorhanden war. Gegen Ende dieses Jahres trat Bezirksrabbiner Dr. Salvendi in den Ruhestand und im folgenden Jahr 1909 wurde an seine Stelle Dr. Steckel. macher berufen. Im November dieses Jahres legte Hauptlehrer Karl August KrauB nach nahezu 10jahriger Titigkeit seine Stelle als Organist und Chordirigent nieder. Sein Nachfolger wurde nach kurzer interimistischer Besetzung Musikdirektor Marcus Stah'l aus Mei3en. Aus diesem Jahre liegt auch wieder eine ZMhlung der Ge- meindemitglieder vor. Die Seelenzahl der Gemeinde ist in dem Zeit- raum von 1905 bis 1910 von 478 auf 403 weitergesunken. Am 25. December 1910 schlossen sich die drei in der Gemeinde bestehenden Wohltitigkeitsvereine ,,Hanorim", ,,Gemillus chasodim" und ,,Ez chajim" unter dem Namen ,,Vereinigte israel. Wohltatigkeitsvereine" zu einem Verein zusammen*). Am 15. January 1911 war der *) Seine Vorsitzende waren: Sigmund Herz, Jakob Altschiiler, Bene, dikt Cahn, z. Zt. Max Bottigheimer. laB fand am Samstag, den 14. January 1911 ein Festgottesdienst in der Synagoge statt, der von der ganzen Gemeinde und einer Reihe in-, und auswirtiger Giste besucht war. Die Reihe der Festansprachen wurde durch Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher erbffnet, an den sich nach dem ausfiihrlichen Bericht der Speyerer Zeitung eine groBe Reihe weiterer Gratulanten anschloB. Als iuBieres Zeichen des Dankes wurde Sigmund Herz von der Gemeinde ein Geschenk iiberreicht. Der deutsch israelitische Gemeindebund gratulierte .schriftlich durch Philippsohn, die Regierung der Pfalz durch den Regierungsprisidenten v. Neuffer. Neben dem Altveteran Herz gehbrte aber auch Jakob Altschiiler im Juni des nichsten Jahres 1912 dem SynagogenausschuB bereits schon seit 25 Jahren an. Auf seinen Wunsch wurde davon Abstand genommen, die ihm zugedachte Feier abzuhalten. Im nichsten Jahr konnte auch Israel Schatz sein 25jihriges Dienstjubilium als Gemeindebeamter begehen. Es waren die Jahre der Jubilien. Aber in den langen Amtszeiten, die man feierte, driickt sich nicht nur die Ausdauer der Personen aus, sondern auch die ganze Sicherheit der Vorkriegszeit und man hatte Grund, dariiber froh zu sein. Im Marz 1913 fand eine Neuwahl des Synagogenausschusses statt, bei der Sigmund Herz und Lazarus Scharff nicht mehr kandidierten. Vorstand der Gemeinde wurde Jakob Altschiiler. An seine Stelle und fiir Lazarus Scharff traten jetzt Benedikt Cahn und Leopold Klein in den Synagogenause schuB ein. Der erste BeschluB des neuen Synagogenausschusses war die Ernennung von Sigmurd Herz zum Ehrenvorsitzenden der Gemeinde. In diesem Jahr erfolgte die Freilegung der Synagoge durch Abbruch des dort befindlichen Burdyschen Anwesens auch auf der .Siidseite, indem von der HeydenreichstraBe aus eine StraBe als ZuS gang zur Rofimarktschule gebaut wurde. Die Gemeinde erwarb das der Synagoge auf dieser Seite vorgelagerte GelindeStiick, lieB es girtnerisch anlegen und mit einer Mauer, auf der sich ein schmiede, eisernes Gitter erhebt, umgeben. Zugleich wurde die Synagoge auBen neu angestrichen und verschiedene Innenarbeiten durchgefiihrt. Die gesamten Kosten beliefen sich auf 10000 Mark, die durch eine Ano leihe aus dem Friedhofhallenfonds gedeckt wurden. Dies war die letzte der vier grolenr Bau5nderungen (1837, 1836, 1893, 1913), durch die die Synagoge ihre heutige Gestalt erhielt. Im Mai 1914 regte Jakob Altschiuler im SynagogenausschuB an mit der Stadtver, waltung wegen Erwerbung des alten Judenbades in Verbindung zu treten. Die Angelegenheit wurde aber wegen anderer bautechnischer Verhandlungen noch zurickgestellt. In der gleichen Sitzung gedachte der SynagogenausschuB der Verdienste von Leopold Klein um das Zustandekommen des israel. Altersheims in Neustadt a. d. H. Schon im September 1914 erinnert die Verlegung der israel. \olksschule aus dem stadtischen Zeppelinschulhaus in den Syna- gogensaal an den Beginn des grofen Krieges. Im letzten Kriegsjahr wurde im RoBmarktschulhaus ein Raum fir die jiidische Schule freigemacht, nach Beendigung des Krieges kehrte sie wieder in das Zeppelinschulhaus zuriick. Im April 1915 widmete die Gemeinde einem in einem Speyerer Lazarett untergebrachten jiidischen Sol- daten, der hier seinen Kriegsverletzungen erlegen war, ein Ehrengrab. Am 25. Juni 1915 being Lehrer und Kantor Leo Waldbott seine Silberhochzeit und :ugleich sein 25 jahriges Dienstjubilaum in Speyer. Die Gemeinde ehrte ihn durch eine Feier in der Synagoge und durch ein Geschenk. Besonders gewiirdigt wurden die \erdienste von Leo \\aldbott um das Zustandekommen des israel. Altersheims fir die Pfalz. Mit Leo Waldbott und Leopold Klein fiihrte Dr. Sigmund R e i s die von Speyer ausgegangene Idee der Griindung eines israel. Altersheims fur die Pfalz zur Verwirklichung. In diesen drei Mainnern stellte unsere Gemeinde drci ihrer besten Begabungen in den Dienst des fur die pfal:ischen Juden so wichtigen Werkes. Ihre Tatigkeit \wurde von einer Reihe weiterer Mitglieder unserer Gemeinde gefordert. '$1 4j~~'Fl i,7~ rw Klischee: Israelitisches Familienblatt Wartehalle der Mikwe in Speyer (1104-1534) i Y - Klischee: Israelitisches Famillenblatt Aus- und Ankleidehalle der Speyerer Mikwe Nach fast 30 jahriger Dienstzeit starb im November 1916 der zweite Kantor und Schichter Isaak Schatz. Sein Nachfolger wurde zu Beginn des folgenden Jahres Benno Griinberg, der bis dahin als Kultusbeamter in Schifferstadt titig war. Im Juni 1917 wurden die zinnenen Orgelpfeifen der Synagogenorgel beschlagnahmt, um zu Kriegszwecken Verwendung zu finden. Im gleichen Monat be, schloB der SynagogenausschuB alle Mitglieder der Gemeinde auf- zufordern, ihre Bestinde an Gold, Goldschmuck und Juwelen dem Vaterland zu opfern. Der Vorstand der Gemeinde, Jakob Alt- schiller, der seit fast 30 Jahren dem SynagogenausschuB angehbrte, vollendete im August 1917 sein 75. Lebensjahr.. Die Gemeinde ehrte ihn in einer dem Ernst der Zeit gemiBen, stillen Weise. Am 17. Oktober des Jahres zeichnete die Gemeinde 2000 Mark fur die 7. Kriegsanleihe aus dem Fonds fir Erbauung einer Friedhofshalle. Am 3. January des Kriegsjahres 1918 being der Ehrenvorsitzende der Gemeinde,. Sigmund Herz, seinen 90. Geburtstag. Der Synao gogenausschuB brachte zum Gedenken an diesen Tag ein Bild des fiir die Gemeinde so representative Mannes im Sitzungssaal der Synagoge an. Am 12. February 1918 starb mitten aus seiner Arbeit heraus der Vorstand der Gemeinde, Jakob Altschiiler. An seinem Grabe gelobte Benedikt Cahn fiir die Gemeinde, das Andenken dieses schlichten und bescheidenen Mannes nicht zu vergessen. Sein Amt iibernahm Benedikt Cahn und als drittes Mitglied des Aus: schusses trat Julius Seligmann ein. Aber auch der alte Repr'e- sentant der Gemeinde, der so sehr die Vorkriegszeit verk6rperte, sollte das Ende des Krieges nicht mehr erblicken. Am 9. Juli 1918 wurde Sigmund Herz im 91. Lebensjahr aus dem Leben gerufen. Die Todesanzeige der Gemeinde schloB mit den Worten: ,,Sein Name wird mit der Geschichte unserer Gemeinde unauslischlich verbuno den bleiben". An seinem Grabe fand die ibm oft und gern erwiesene Verehrung ihren letzten, feierlichen Ausdruck. Die Familie machte zum Andenken an ihn eine Stiftung. Die diistere Zeit des Krieges entriB der Gemeinde neben ihren beiden representative Pers6ns lichkeiten 12 S6hne, deren Namen unvergessen bleiben: Ludwig Adler Julius Kleinberger Ludwig Altschul Max Lehmann Ludwig Cahn Emil Siegel Fritz Hirsch Julius Sii3el Karl Isaac Karl Weil Otto Kahn Felix Wolf. Insgesamt waren etwa 40 Manner unserer Gemeinde an der Front. Die aus dem Feld heimgekehrten schlossen sich im Jahre 1919 zu einer Ortsgruppe des Reichsbundes jiid. Frontsoldaten zusammen*). Die Wirkungen der Kriegszeit auf die finanzielle Kraft der Gemeinde werden charakterisiert durch die Tatsache, daB im Jahre 1920 die notwendigen Ausgaben die Einnahmen um 59 0/o iiber, stiegen. Aber die Arbeit der Gemeinde mufite fortgefiihrt werden. Um in der von allem Geistigen entfernten Zeit das Jiidische neu in den Menschen zu befestigen, began Leo Waldbott'eine Ge& meindebibliothek zu begriinden und sorgte als deren Bibliothekar fiir einen dauernden Ausbau. Damals ist auch der jiidische Jugend' verein begriindet worden **). Im Mirz 1920 gab der Vorstand einer Gemeindeversammlung bekannt, daB auf Grund der demokratischen Gesetzgebung eine Trennung von Staat und Kirche erfolgt sei, auf Grund deren die bisherige Aufsicht des Bezirksamtes aufhare und die Gemeinde nun vollstindige Selbstverwaltung zu iiben habe. In dieser Gemeindeversammlung wurde beschlossen, an Stelle des bis, herigen Klassifizierungsverfahrens bei der Besteuerung diese kiinftig als jeweils zu bestimmenden Prozentsatz auf Grund der Staatssteuern zu erheben. In diesem Jahr 1920 wurden von ruchloser Hand auf dem alten Friedhof der Gemeinde eine Anzahl von Grabsteinen umgeworfen und zum Teil beschadigt. Ihre Wiederherstellung wurde sofort veranlaft. Im gleichen Jahr fand eine Neuwahl des Syna, gogenausschusses statt, bei der zum ersten Mal auf Grund der Wahl, ordnung des Gemeindeverbandes 5 Mitglieder zu wahlen waren. *) Ihr Vorsitzender war: Max Cramer z. Zt. Dr. Ludwig We'il. O) Seine Vorsitzenden waren: Sally Siissel, Fritz Weil, Reinhold Her:. Karl Haas, : Zt. Lehrer Siegmund Marx. Ostwand der Synagoge Photo: Ludi Mayer Inneres der Synagoge Photo: Fred Blom Inneres der Synagoge Photo: Fred BlOm Damals burden Isidor Roos und Albert M ii hI a u s e r neben die bisherigen drei Mitglieder gewhhlt. Im Jahre 1922 hat der Synaa gogenrat eine damals noch bestehende Hypothekenschuld in Hohe von 15000 Mark bei der Stadtischen Sparkasse getilgt. Am 16. Juni 1923 wurde in einer Feier die an der Nordwand der Synagoge eingelassene Gedenktafel fur die im Weltkrieg gefallenen 12 Sohne der Gemeinde eingeweiht, welche Benno Elk an, Frankfurt, geo schaffen hat. In diesem Jahre trat Leo JWa d b ott nach iiber 30 jahriger Wirksamkeit als Lehrer und Kantor der Gemeinde mit Riick* sicht auf seinen Gesundheitszustand in den .Ruhestand. Der Synagogenausschui wiirdigte Leo Waldbotts Verdienste um die Era ziehung der Jugend und um die Gestaltung des Gottesdienstes und bat ihn, dem Synagogenrat seine Mitarbeit zu schenken. Als Nach- folger von Leo Waldbott iibernahm am 16. November 1923 Hauptf lehrer Jakob K r mer aus Rockenhausen die israel. Volksschule Speyer. Das Kantorat iibernahm Benno Gr iinberg, die Leitung des Synagogenchors Leo Waldbott, Organist wurde Lehrer Linn. Im November 1924 trat der Sekretir und Rechner der Gemeinde P. Ba 1r eich in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Georg Zech ner. Im Jahre 1925 trat im Synagogenrat an die Stelle des verstorbenen Isidor Roos Max Cramer bis zur Neuwahl im gleichen Jahre, nach der dieses Amt von Max Mayer angetreten wurde. Aus diesem Jahr liegt auch wieder eine Zahlung der Gemeinde vor. Die Zahl der Gemeindemitglieder sank seit der letzten Volkszihlung von 1910 bis 1925 von 403 auf 355 Seelen. Im Februar 1928 going die Titigkeit des Rechners und Sekretirs von Zechner auf Stahl fiber. Im gleichen Jahre legte Hauptlehrer Kramer die Leitung der israel. Volksschule nieder, um einem Ruf nach Miinchen zu folgen. Zu Beginn des Jahres 1929 trat Benedikt C a h n mit Riicksicht auf seinen Gesundheitszustand von seinem treu verwalteten Amt als Voro stand der Gemeinde zuriick. Sein Nachfolger wurde Leopold Klein, der sich bereits wahrend der vergangenen Jahre als stellvertretender Vorstand in ungewohnlicher \eise eingesetzt hatte, das Amt des stell vertretenden Vorstandes iibernahm jetzt Julius Seligmann, Ludwig Gudenberg trat in den Synagogenausschuf neu ein. Nachfolger von Hauptlehrer Krimer wurde im Mgrz dieses Jahres Hauptlehrer Leopold Schwarz aus Edenkoben. Im Januar 1931 trat Ludwig Gudenberg aus dem SynagogenausschuB zuriick und an seine Stelle riickte Max B ttigheimer. Mitte 1931 erkrankte Hauptlehrer Schwarz und wurde spater pensioniert. Als Stellvertreter iibernahm Lehrer J a c o b aus Ludwigshafen den Religionsunterricht, der nichto jiidische Schulamtsbewerber R o t h a a r aus -Pirmasens den iibrigen Unterricht. Im November dieses Jahres trat an die Stelle des bison herigen Rechners und Sekretirs Stahl Obersteuersekretar P f a d t. Im January 1932 iibernahm der Schulamtsbewerber Richard S e if aus Urspringen den gesamten Unterricht, verlieB aber bereits im Sep, tember dieses Jahres Speyer und der Unterricht wurde wieder geteilt, indem der nichtjiidische Lehrer Geib, Speyer die allgemeinen Ficher und Lehrer S c h o t t a nd, Frankenthal, den Religionsunterricht erteilte.' Erst im September 1933 endete das zweijahrige Provisorium durch die Anstellung von Lehrer Sigmund M a r x aus Rothenburg o. d. Tauber, der den gesamten Unterricht und die Funktion des Predigers in der Synagoge iibernahm. In diesem Jahr 1933 ist auch wieder die Seelenzahl der Gemeinde in der Volkszahlung festge, stellt worden. Die Zahl der Gemeindemitglieder going nach diesem Ergebnis in dem Zeitraum von 1925 bis 1933 von 335 auf 269 zuriick, In den seit der Jahrhundertwende verflossenen drei starken Jahrt zehnten hat sich die Seelenzahl der Gemeinde also bereits nahezu halbiert. Dieser zahlenmifige Niedergang der Gemeinde vor 1933 ist bis zu diesem Zeitpunkt durch die starke Einschrinkung der Kinderzahl bzw. dem damit -verbundenen. Sterblichkeitsiiberschuf3 und durch starke Binnenwanderung besonders in GroBstadte (Manns heim und Frankfurt) bewirkt worden. Zu Beginn des Jahres 1933 ehrte die Gemeinde ihren ehemaligen Vorstand Benedikt C a h n anlii3lich seines 80. Geburtstages durch Stiftung eines Thoramantel chens. Die gleiche Ehre wurde im Jahre 1934 Lazarus Scharff bei seinem 80. Geburtstag erwiesen. Im Januar des Jahres 1934 verstarb plotzlich der Vorstand der Gemeinde, Leopold Klein, ein Mann, der zeit seines Lebens seine hohen Geistesgaben unermiidlich fiu .seine Gemeinde eingesetzt hat. Mit ihm sank einer der besten jener Generation dahin, die den H6hepunkt der Gemeinde, ihre Bliite und .ihren Glanz geschaut haben. Sein Amt iibernahm in schwerer Zeit Julius Seligma nn bis zum Ende des Jahres, wo eine Neuwahl des Synagogenrates erfolgte, bei der Julius Seligmann mit Riicksicht .auf seinen Gesundheitszustand leider nicht mehr kandidierte. Bei dieser Wahl wurde das langjihrige und bewaihrte Mitglied des Syna- gogenrats Albert M ii lhh aus e r zum Vorsitzenden der Gemeinde gewihlt. Stellvertretender Vorsitzender wurde Max Ma ye r. 'Max Bbittighoeimer blieb im Synagogenrat. Eugen Loeb und Siegniund Marx traten neu ein. Im Juni 1935 iibernahm Karl Hi r s ch das Amt des Rechners und Sekretirs der Gemeinde. Im Juli trat an die Stelle des bisherigen Organisten Linn Karl Haas. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal ein Winterhilfswerk durchgefiihrt. Im April 1936 kam wie seinerzeit im Kriege die jiidische Schule, die wihrend der Amtszeit von Lehrer Kramer in die Pestalozzischule gekommen und dort geblieben war, wieder in die Synagoge zuriick. Im gleichen MVonat iibernahm Felix Hildesheimer das Amt des Organisten. Im Mai dieses Jahres starb in Berlin Benedikt Ca h n, der ehemalige Vorstand unserer Gemeinde. Er wurde im Familiengrab auf dem jiid. Friedhof in Speyer bestattet. Im Jahre 1937 feierte Leo Waldbott seinen 70. Geburtstag. Es war ein Feiertag fur die ganze Gemeinde und in einer Feierstunde in der Synagoge fand der Dank fur Leo Waldbott seinen Ausdruck in der Verleihung des ,,Chower",Titels .an ihn durch Bezirksrabbiner Dr. Steckelmacher. Im April 1937 trat Dr. Ludwig Well an Stelle des verzogenen Max Mayer das Amt des zweiten Vorsitzenden der Gemeinde an. Es ist in diesen Jahren seit 1933 ihnlich wie in der Zeit des Krieges. AeuBerlich going das Leben der Gemeinde welter,. aber in ihrem Innern vollzogen sich umstirzende Wandlungen. Seit diesen vier Jahren haben bereits 114 Mitglieder unserer Gemeinde Speyer verlassen und sind in 15 Lander der Erde zerstreut worden. 45 sind nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ausgewandert, 7 nach Palistina, 5 nach Argentinien, 5 nach Italien, 4 nach Schwe- den, 3 nach Frankreich, 3 nach der Schweiz, 2 nach England, 2 nach Siidafrika, 1 nach Holland, 1 nach Ruminien, 1 nach Belgien, 1 nachl Australien, 1 nach St. Domingo, 33 haben innerhalb Deutschlands einen neuen Wohnort gesucht. Die Gemeinde umfaBt nur noch rund 160 Mitglieder und es ist bereits so, daB in der Ferne weit mehr Menschen aus unserer Gemeinde leben, als in ihr. Schon gehen die Linien unseres Lebens immer mehr auseinander. Da wird uns alle ein Tag im Geiste sammeln und vereinen: Der 24. November 1937, an dem unsere Synagoge 100 Jahre an ihrem Platze steht. Unser Blick wird sich riickwZrts wenden, in jene Tage, wo wir alle in diesem Raume gestanden haben, die Tage der Kindheit werden in uns wach werden, es wird uns wohl tun jener Zeiten zu gedenken und jeder von uns wird spiiren: Das ist der Boden, aus dem wir gekommen sindl VergeBt ihn nicht, diesen Boden, unsere alte Gemeinde, was. immer auch kommen m6ge, bewahrt das Erinnern und bewahrt es in der Briiderlichkeit mit alien, die Kinder unserer Gemeinde sindI Wir griiBen Euch iiber die Ferne und bleiben mit Euch verbunden durch Riume und Zeiten. Druck von Heinrich Wildmann, Philippsburg in Baden t . 3 1262 04078 7680 I |
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