Der Orden Bne Briss

MISSING IMAGE

Material Information

Title:
Der Orden Bne Briss Mitteilungen der Grosloge fur Deutschland VIII U.O.B.B
Physical Description:
115 pages
Language:
German
Creator:
B'nai B'rith. Grossloge fur Deutschlang
Publisher:
Eigener Verlag der Grossloge, 1921-1936
Publication Date:

Subjects

Genre:
newspaper   ( sobekcm )
Spatial Coverage:
Europe -- Germany

Record Information

Source Institution:
University of Florida
Rights Management:
All applicable rights reserved by the source institution and holding location.
Resource Identifier:
GS8
System ID:
AA00013428:00001


This item is only available as the following downloads:


Full Text











Bxrlnokober intge tragener e r ein.
Eigener Verlag der Grogloge. Bfiro W62, Kleiststrafe 12. Telephon: Ami B 5 BarbaroBsa 4619.
Nachdruck siimtlicher Artikel aus diesen Mitteilungen verboten.


Festnummer zum Ordenstage
Grofloge for Deutschland VIII :: Oktober 1933


Wanderung und Aufbau
Die aufere und innere Haltung der Juden nach den grofen
Katastrophen der juidischen Geschichte
.l- .= .l-n F


Das Hauptgebitude der hebriiischen Universitit Jerusalem
U. O. B. B. In Amerika begrindet 13. Oktober 1843 in Deutschland 20. Marz 1882


Nunimer


Berlin, Oktober 1933





'7


















Wanderung und Aufbau

Die dufiere und innere Haltung der Juden nach den groBen Katastrophen
der j0dischen Geschichte




Inhalt:

E i n I e itung ................ Alfred Goldsdimidt-Berlin
Noch der ersten Tempelzerst6rung ..... .Elias Auerbadz-Heafa
Die Umwandlung in eine geistige Nation Simon Dubnow-Riga
Nach der Zersltrung des zweiten Tempels
Nach den grofen geschichtlichen Katastrophen
in Deutschland . Adolf Kober-Kdln
Niederlassungen deutscher Juden in Polen Majer-Balaban-IVarszawa
Die jGdischen Einwanderungen in die Balkan-
Staaten .................. Saul Mezan-Sofla
Der Aufbau des hollindischen Judentums durch
spanische und portugiesische Marranen Georg Herlitz.Jerusalem
Italien ... .................Cecil Roth-London
Die Vertreibung der Juden aus Wien und ihre
Einwanderung in Preufen .. Selma Sern-Heidelberg
Eipwonderung der Juden in Amerika nach 1882 MarWisdhnitzer-erBerlin


.. .. .. .. .. .. ,





iIN




Einleitung
Von Alfred Goldsch i dt, Berlin.
Die Geschehnisse, die sich auf diesen Seiten neu unserer Erinnerung einpriigen, spreclen von tragischen
Schicksalen, von Suchen nach Wohnsitzen und Beschiftigungen, von schwerem Druck und Leiden, aber auch von
Lebeusmut und Entschlossenheit, von Zihigkeit und Beharrlichkeit, von neuem Aufhliihen nach tiefeni Sinken,
von der Auffindung neuer Lebensniaglichkeilen, von Ankniipfen wertvoller Verbindungen, von niitzlichen Betiti-
gungen in neuer Genmeinschaft nach Ausstolung aus einer friiieren, von Treue trotz Leid und bitteren Erfali-
rungen.
Ein Wandel von Schicksalen durch Jahrhunderte und Jahrlausende!
In allem zeigt sich die iiuBere und innere Haltung der Juden nach den groBen Katastroplien der jiidisclen
Geschichte, die sie durchgemacht und bestanden haben.
La3t uns schauen, ob Beispielhaftes aus Vergangenheit fiir Gegenwart wid Zukunft sicli biedet.




Nach der ersten Tempelzerstorung
Von Elias Auerbach, Haifa.


DaB ein Volk und sein Staal durch iibermichlige
brutale Gewalt zertriimmert und als Baustein neuer
Gebilde beuutzt wird, ist im Verlauf der Geschichle
immer und iiberall gesche-
hen. Audi dal ein Volk aus ,
Knechtung und Fremrdherr- -;*
schaft durch die in der
Sdcolle wurzelnde Kral't
seiner Malsse sich zu neueim
Eigenleben emporringt, ist
ein alltaglicher V'organg.
Wasaberdem judischen
Volke nach der Zersl6rung
seines Staates durcd die Ba-
bylonier (586 v. Chr.) ge-
schah, ist ohne Gleicfl'all in '
der Geschichte. DiesesVolk 1
erstand neu aus abgespreng-
ten Splittern seines Volks-
turns; es erlebte nidit eine
S einfadce Forlsetzung seiner
friiheren politischen Exis-
tenz, sondern eine vbllige
UJimsdaffung in Sprache,
DenkenundZielsetzung;mit
einer siebenhundertjiihrig
Geschichte im Rficken setzte
es sicl siegreich gegen seine
Umwelt durdl und began
eine neue secdshunderijah-
rigeEpocheseinerCescdich- Jeremias. von Lesser-Ury
te. Hier waren innereKriifte Aus der Kunssanimmi
am Werk, die das auigere
Schicksal iiberwanden und als gestaltende Ewigkeits-
werte his heule fortwirken.
Als Nebukadnezar Jerusalem und seinen Tempel


un


zerstirte, blieb die grol3e Masse des Volkes oauf dem
heimatlichen Boden. Der Eroberer war nichl so tirichi,
die neue Provinz seines Reiches zu entvilkern; die
bab. lonische Politk ver-
langie nur, dal". durch Weg-
fiihrungen (,,Gola') eine
Sicherung ihrer Herrschaft
erreicht w urde. Die weitous
gilte Zahl der erbaonnten
geh6rte schon der ,,ersten
Cola" hunter Ki;nig Jojachin
1597') an. Die Gesamntzall
der 597-581 Weggefiihrten
diirfte etwa 40C'-5CCCO
Seelen gewesen sein, die
Gesamtziffer der Bevolke-
rung etwa dos Zelinfache
dieser Zahl. Aber die Ver-
bannten waren diel3iite des
Volkes, K8nigslarnilie. Ilof-
staat. Adel, Priester, Beamte,
wehihafte Gruntdbesitzer
und Kriegshandwerker.
So % aren die im Lande
Zurickgebliebenen eine
dumpfe, hilllose iihrcrlose
Masse, der politischen und
kulturellen Ubei flutung
durch vordringende Nach-
barn widerstandslos preis-
gegeben. Der Untergang
des jiidischen Volkstums
g der jddischen Genmeinde Berlin und seines Eigenlebens
schien unvermeidlich.
Die Erhaltung des Judentums ist von den Verbann-
ten ausgegangen, obwohl ja die Wegfiihrung grade zu
dem Zwecke erfolgte, um diesen lebenskrliftigsten Teil









des Volkes zur raschen Auflbsung zu bringen. In der
Tat waren auch die aus dem Nordreich Samaria andert-
halb Jahrhunderte friiher (722) Fortgefiibrten spurlos
untergegangen. Aber dazwischen lagen jetzt 150 Jahre
der Prophetie, lebendigbter geistiger Entwicklung, un-
geheurer Vertiefung der religiisen und sittlichen Ideen.
Jesaja, licha, Zephanja. Jeremia hatten nicht umsonst
gelebt und gelitien. Nord-Irael going hunter, weil es
nicht genug geistiges Eigengut in die Verbannung mit-
zunehmen halte: fir Juda aber flihrte das babylonisclie
Exil nicht zum Tode, sondern zur Neugeburt, well ein
reaches eigenes Gedankengut ihm ein atarkes, frisch pul-
sierendes jiidisches Leben sieherte.

Das entscheidende Erlebnis des Exils lag vor
dem Exil. Es war die grof3e religiise Reform des
Kiinigs Josin, die sich an die Auffindung des Gesetz-
buches im Jahre 622 anschlol. Der Grundgedanke die-
ser Reform war die Austilgung aller Reste kanaaniischen
Heidentums aus dem religibsen Leben Judas. Darum
entschloB sich Josia, konsequent his zum Letzlen, alle
Kulttiitten im Lande (,.Bamot") zu schliel3en und den
Opferdienst allein am Tempel von Jerusalem zu kon-
zentrieren, damit hier. uiner seiner und der Priester
Aufsichtl, ein reiner Dienst des Gottes Israels seine
Stitte finde.
Diese fiir das religiise Leben des ganzen Landes
unmiilzcnde Neuordnung hate weitlrageude Folgen. Zu-
ncilist die von Josia nicht gewollte und nicht vorher-
vgelchene, dMaB die Priestersahaft von Jerusalem die ab-
solute Fiihrerschaft des Volkes erhielt, dabl mit dem
Verschwinden aller lokalen Heiligliimer der Tempel
Mlittelpunkt und Symbol des ganzen Volkslebens wurde,
und daB der Dienst am Tempel mindestens in der
Ansehauung der Priesterschaft der einzige Weg zu
Gott wurde. Am reinsten verkbrperle sich diese Ent-
wicklung im Wirken des Priesters Jecheskel aus Jeru-
salem, der mit dem Klinig Jojachin zur erslen Gola
gehiirle.
Noch tiefergreifend aber waren die Folgen fiir das
Landvolk drau3en. Der Bauer und Hirte drau3en waren
von der erdnalien Verkniipfung mit den zahlreichen
Heiligtiimern losgerisen, und der Kult son Jerusalem
bot keinen Ersatz dafiir. Selbst wenn der jiidisclie
Bauer dreimal im Jahr zu den Wllallfahrtopfern nach
Jerusalem km -- und das war nur den Wenigsten m6g-
licli -, so geniigte das doch in keiner Weise dem tiefen
rcligiiisen Drang eines Volkes, das durch die Schule der
Prophetic gegangen war. Das Volk suchte einen neuen
Wegg zu Gott, unabliingig von Kult, Opfer und Priester-
gesetz, und es fand ilin in einer nenen, \erlieften Frnim-
migkeit, die in Gotteswort, Sittlichkeit und Gebot wur-
zelte. Es liste sich innerilich vom Kul-
t u s o s. Auch diese Entwicklung war von Josia nicht
gewollt und nicht vorausgesehen, und sie fand ilren
reinsten Ausdruck in der gewaltigen Pers6nlichkeit des
Landpriesters Jeremia aus Anatot.


Als nun der Staat zerfel, und der Tempel sank, war
das Volk, das ins Exil zog, nicht hilflos einem blind-
wiitenden Schicksal preisgegeben. Es fand dieses Schick-
sal in den Biichern der Propheten seit zweibundert
Jahren verkiindet, und es nahm dieses Schicksal als
Strafe fiir die Siinden der Viiter auf sich. Strafe aber
siilmt und kann zu Ende gehen, Abfall von Gott durch
Riickkehr zu Gott ausgetilgt werden. So gesehen, wurde
das national Ungliick zur Priifung, die Verzweiflung
zur Hoffnung.
In diesem Gedanken schlossen sich die Juden des
Exils eng zusammen und blieben eine Volksgemein-
schaft, auch ohne Land und Tempel. Die Da\ididen
blieben die Fiihrer, die ,.Alteslen" die Vorsteher, die
Propheten und Priester die Lehrer der Gemeinden. Die
Tradition wurde als kostbares Gut gepflegt, an die Stelle
des Opfers trail das Gebet, an die Stelle der Entsiihnung
die innere Umkehr, an die Stelle der Strafdrohung die
Seelsorge fiir den Einzelnen.
Ober allem stand ein Ziel: die Riickkehr, die Heim-
kehr der Schwergepriiften und Geliuterten zu einem
neuen Leben auf heimatlicher Scholle. Als die Umwil-
zung der Well durch Kyros, den Perser, diese Miglichkeil
niuher riickte, konnte der groBe Trister des Exil, den
wir den Zweiten Jesaja nennen, seinem Volke zuruleu:
,,Tr6stet, trdstet mein Yolk! sprichl euer Gott; erfiillt
ist sein Dienst. gesiihut seine Schuld, empfangen hal es
aus der Hand des Herrn doppelte Strafe fir all seine
Siiuden!"
Die Riickkehr im Jahre 538 erfaf3le ein innerlich
erstarktes und wohlvorbereitetes Volk. Oiber 42 000
Menachen sclilossen sicli der gewaltigeu Bewegung an,
mindestens ein Drittel der inzwischen durch natiirliche
Vermehrung und durch die Reste der nordisraelitischen
Verbannten verstiirklen Gola. .,Und die zuriickblieben.
siirkten die Hande der andernden."
Aber der Neuanfang war furchlbar schwer. Zwar
wurde sofori der Opferaltar auf dem Tempelplatz,
wenige Jahre darauf der Tempel selbst wiedererrichtet.
Aber zu den natiirlichen Schwierigkeiten der Neukolo-
nisation in dem halbverwiisteten Lande traten schwere
innere Hemnumisse. Die Riickkehrer warren inneriich
serwandelt, mehr eine religi6se Gemeinde als ein politi-
scher Volkskirper. Die im Lande Zuriickgebliebenen
dagegen, durch tausend Beziehungen des tiglichen
Lebens und durcl Verwandtschaft mit den umwohnen-
dcn Volkern verbunden, waren weit entfernt, von den
Idealen eines Gottesvolkes. Konflikte ergaben sich, be-
sonders mit den Resten der Samarier, die den Anspruch
erhoben, dem neuen Volk Israel zugereclmet zu werden.
Das Schwergewicht der materiellen Interessen zog all-
mihlich auch viele der Riickkehrer in die Kreise des
halbheidnischleu Mischvolkes. Was das Exil nicht ver-
mocht hatte, das drohte die heimische Erde zu voll-
bringen: den Riickfall in religiiise Verwilderung und die
Einstampfung in ein Vilkergemisch des persischen
Weltreichs.







Und wieder war es die babylonische Gola, die einen
neuen Ansto3 zu klargerichteter Zukunftsformung
brachte. Dort hatle der exilische Drang der Selbst-
behauptung inzwischen zu inumer schirferer Auspriigung
des priestergeselzlichen Judentums im Sinne Jecheskels
gefiihrt. DaB diesem babylonischen Judentum, das in-
dessen wirtschaftlich und politisch erstarkt war, die Ent-
wicklung in Judaea ein Greuel war, ist begreiflich.
So unternahmen im Auftrag der Gola kurz nach-
einander zwei fromme MNInner, Esra und Nehemia, ge-
stiitzt auf weitgehende Vollmachlen des persischen GroB-
k6nigs den Versuch, die Juden Paliistinas nach den Idea-
len des babylonischen Exils neu zu organisieren 1458
und 444). Sie formten \or allem das Volk als religiiase
Gemeinschaft und verpflichbeten diese auf das Gesetz
Mose's: wer sich nicht unterwarf, gehirte nicht zuim
Volke Israel. Der Priester Jecheskel kam hundert
Jahre nach seinen Tode zu einem vollen Siege.
Weiter aber isolierten Esra und Nehemia in uner-
bittlicher Kousequenz das Gottesvolk von den umwoh-
nenden V61kern, indem sie schonungslos alle Ehen zwi-
sehen Juden und Nichtjuden Palistinas aufllsten und die
Samarier abstie8en. Wer will, mag es bedauern, daB1
so an die Stelle eines starken Volkes Israel, das noch
immer Palistina von Dan his Beerseba beivlkerte, eine
schwache und unduldsame Gemeinde trat, die sich auf
Jerusalem und seine nichase Umgebung beschruinkte.
Wer will, mag es beklagen, daB an die Stelle weltweiter
Propheten-Ideale eine engherzige Gesetzesreligion getre-
ten sei.
Lelzten Endes, von der Erkenntnis spiterer Jalir-
hunderte bis zu unseren Tagen her gesehen, hat sich der
schmerzhafte Eingriff dieser Reformer als genial rich-
tig, norwendig, erfolgreich erwiesen. Das Volk Israel
konnte sich nur in die Zukunft retten, indem es sein
geistiges Gut in roller Reinheit zur Richbschnur des
Lebens machte. Die Katastrophe von 586 war erst wirk-



Professor Simo n D u b no w stellt uns aus seiner
fiihrungen zur Verfiigung:


lich iiberwunden, der Bestand des Volkes gesichert, in-
dem durch das Verbot der Mischehe die Foripflanzung
der auBerordentlichen Eigenschaften dieses Viilkehens
verbiirgt war. Beweis dafiir ist, daB alles, was sieb da-
mals dem harten Gesetz nicbh unterworfen hat, dem
geschichtlichen Tode verfallen ist.
Hal es gelohnt? Wofiir lebte das jiidische Volk
welter? Fir verknjcherten Formelkram?
Nein. Im stillen wirkten die Krflte weiter, die das
geistige Leben Israels auf den Boden Pallistinas vor
dem Exil geformt hatten. War his Nehemia der beberr-
schende EinfluB der Gola der Ausbildung einer Gesetzes-
religion giinstig gewesen, so trat in der Folgezeit dieser
EinfluB mehr und mehr zuriick gegeniiber der Eigen-
gesetzlichkeit einer bodenstindigen Entwicklung. Fiir
zweihundertfiinfzig Jahre versinkt die Geschichte des
neuen Gemeinwesens ins Dunkel eines langaamen und
miihsamen Werdens; und als sie daraus emportaucht, ist
die Rolle der babylonischen Gola ausgespielt, wiireiid
in Paljistina ein von naLionalen und geistigen Kriiften
mit quellendem Leben gefiillter Organismus entstanden
ist, der der michtigen Welt des Hellenismus siegreicl
zu widerstehen vermocht hat.
Unter der harten Schale des Gesetzes quoll im SLillcn
%tieder die siiBe Frucht einer warren Frammnigkeit und
Sittliclkeit, der ,,Neue Bund" zwischen Gott und Volk,
den Jeremia in die Herzen geschrieben hatte (31, 28/30),
war in Wahrheit gesehlossen worden. Die Gedanken
dieses GroBen, im Ringen des Volkes um die Selbst-
erhaltung zunichst scheinbar verloren, sind in Wirk-
lichkeit die eigentlich lebenserhaltenden und zukunft-
gestaltenden geblieben. Indem das jiidische Volk nach
der Tempelzerstbrung, im Exil und nach dem Exil, den
Weg zur eigenen Art zuriicksuchte, fand und going es
beide Wege, bis zum heutigen Tage: den des Jecheskel
und des Jeremia.



Wellgeschichte des jiidischen Volkes die folgenden Aus-


Die Umwandlung in eine geistige Nation
Nach der Zerslirung des zweiten Tempels.


Der national-politische Kampf des jiidischen Volkes
war mit dem Untergang Jerusalems zu Ende, der natio-
nal-geistige eutbrannte jedoch von neuem. Die Eiferer
der politischen Freiheit, die fiir ihr Valerland zu ster-
ben verstanden batten, waren niedergerungen: an ihre
Stelle traten jetzt Eiferer der geistigen Freiheit, die fiir
ihre Nation leben und sie neu beleben wollten, die die
national Eigenart an die verinderten Verhillnisse an-
zupassen suchten.
Wie grauenvoll diese Verhillnisse auch sein moch-
ten, so lieBen sie dennoch Raum fiir eine teilweise
Restauration. Das tragische geschichtliche Fatum voll-


fiihrte sein Werk gleichsam in Etappen, indem es dent
jiidischen Volke nur nach und nach das nahm, was
sonst einer Nation Riickhalt gewiihrt. Das Schicksal be-
raubte die Juden ihres Staates, lieB ilinen aher ihre
Heiwmat, ein allerdings geschmilertes und als Domiine
der rimischen Kaiser geltendes Landgebiet. Das jiidicehe
Volk war jetzt in seinem paliistinensischen Kern staaten-
los, nicht aber landlos geworden: die Heimatlosigkeit
sollte erst spiter kommen. Das Volk biifte Jerusalem
ein, schuf sich aber statt dessen ein kleineres geistiges
Zentrum auf heimatlichem Boden, in Jabne; es going des
Tempels verlustig, ersetzte ihn aber durch Stitten der


)
9~:;
i







Synhedrion als eine slaatliche Institution verzichten,
plellte es aher als ein Organ der inueren Selbstverwal-
lung und Geselzgebung wieder her.

Dieses Wiederherstellungswerk \ollbraclte der in
dern verwiisteten Judia zuriiekgeblielene geringe Bruch-
teil des \'olkes. und zwar eiue kleine Schar von geisti-
gen Fihrern. von Gesetzeslehrern aus seiner Mitle. Da-
bei blieben jedoch die Blicke der gesamten Nation auf
lPallisina gericliet, denn die Hegemonie des palistinen-
sisehen Judentuns war in der Diaspora nach wie vor
allgemein anerkannt. Der Pilgerzug aus aller Herren
Liinder nach Jerusalem, wo an der Ruinenstlitte des
Temnipels sich nunnielir ein Sandlager rimischer Solda-
ten befand, war allerdings versiegt: vielmehr schlug der
Wanderstrom jeizt die entgegengesetzle Richtung ein:


Titusbogen zu Rom.


groa3e Auswandcerernassen zogen aits dent veridelen
Judiia in die in der ganzen Well verslreuten Gemeinden
der StamniesgFienossen, nacl Syrien, Kleinasien, Mesopo-
tainien, -Agypten. Grieclenland, Italien and noch weiler
incl dern Weslen hin. Allein auch diese erz\ ungene
lbersiedluung wirkte als ein iiclitiges Werkzeng der
nationalen Vereinigung. Die Fliichtlinge aoi Judiia, die
Ilrlden oder Angenzeugen der elen zum Abschlul3 ge-
langlen. verzweifelten Kinipfe in der Heiniat trugen
niclit wcinig( dazu bei, den nationalen Geist hunter iliren
13ridern in der Frenide' zu lheben und zu stirken, wi\h-
rend die in Judia zuriickgebliebenen geistigen Filirer
dio innere Ordnung im Lande ind die \erhindiiun
z\,ischen den zerstrenten 'olksleilen aulreclierliiellen.
)iesen Fiirern stand dubei ein liingst breitgelhallene.s
WVerkzeng zu Gebote: die Macht des Gesetzce. die Nomo-
kralie.


Von nun an wird die Nomokratie zum entscheiden-
den Einigungsprinzip des jiidischen Volkelebens. Der
viele Jalrhunderte hindurch herrschende Dualismus
im geistlichen Stande. der einerseits aus der hierarchisch
gegliederlen Tempelpriesierschaft IKohainii. anderer-
seils aus den Gesetzeslehrern ISoferini bestand, nimmr
jetzt ein Ende, da mit der Zerstarung des Jerusalemer
Tempels die Tenipelpriesterechaft als eiu lestgefiigtcs
Ganzes verschwand. Jelzt blieb \on der geistlichen
Schicht nur noch eine Gruppe iibrig: die Gesetzeslehrer,
die nunmehr auch die einzigen Gesetzgeber sind. An
die Stelle der Hierokratie, die sich seit der Zeit der per-
sischen Herrschaft von Reclhtswegen eingebiirgert hate.
trilt endgiilig die Nomokratie, die allerdings achon da-
mals. noch hunter Esra. mit der Prieslervorherrschaft zu
welteifern begonnen hate.


Zug der gefangenen Juden mit den Tempelgeriien


Fir die des Sltaale berauble Nation hat die Herr-
schaft oder die Zucht der autonomen Gesetzgebung die-
selbe Bedeutung wvie die Waffenriisung und die militi-
rische Zueht fiir den Staat. nimlich die einer Schutz-
wehr fiir ilire Unersehrtheit und die Unverletzlichkeit
ilires ,eistigen Besitzstandes. Schon liingst arbeitete man
unerniiidlich an der Bereitstellung dieser geisligen
Waffen in Form \on unzihligen ,,lniziunungei" und
,,iiiiudliclen GeseLzen"; nun werden sie aber mit ver-
zehnfachlemn Eifer gechlimiedel, umn als ein unerschiipf-
licher Vorrat in jenem riesigen Zeughause aulfestapell
zu werden, das mniindliclhe Lehre (Thora sche'bal pei
heiBi. Durch tausenderlei Fiden wird die miindliche
Lehre, ungezmungen oder gekiinstell, auf logischem oder
kasuistischem Wege, mit der ,,shriftlichen Lehre" oder
der Thoraverfassung serkniipft, in ihr %erankert, von ilir
die offizielle Weihe herleitend. Der Stoff fiir den Kodex








der Mischna, d. i. die ,,Deuterothora", hiuft sich immer
mehr. In Schule und Gesetzgebung findet die \on Hillel
inaugurierte Auslegunugmetbode, derzufolge offeniicht-
liche Ergainzungen der Thoravorschriften den Schein
formgerechler SchluBfolgerungen aus diesen gewinneni
soliten, immer weitergehende Anwendung. Auf dieser
Grundlage wirken neue Volksfiihrer aus der Mitte der
Schiller oder Nachkommen des Hillel: Joclianan ben
Sakkai, Gamaliel II, Rabbi Akiba und viele andere. In
Jabne, dem neuen Mlittelpunkte der jiidischen Selbtsver-
waltung, schreitet die Arbeit des Gesetzeslehrerkolle-
giums und des Synhedrion rastlos fort, darauf abzielend,
die webrlose Nation mit dem ehernen Panzer des Ge-
seizes aufs krlftigste zu schiitzen.

Nach dem Aufstande des Bar Kochba gelangi da-s
System der Nomokratie zu seinem vollen Triumph. Die
weitestgelende uuiere Autononie, soweit diese bei der
politischen Abblingigkeit iiberhaupt erreichbar ist, soil
das Ziel all deines Strebens scin! dies war das erste
Gebot, das diesem System zugrunde lag. Das zweite Ge-
bot war aber: Widerstrebe allem, was zur Verschmel-
zung mit den umgebenden Viilkern oder zur Assimilation
iilirt! Das Prinzip der Selbstabsperrung kommt immer
mehr zur Gellung. Besonders gait es dabei, sich gegen
rdi chrislliche Sekte, dieses jiidisch-hellenistische Ge-
mish,. abzuschlieBen, das seinem ganzen Wesen nacli
dem nationalen Prinzip feindlich gegeniiberstand. So
wird der Zaun des Geseizes, der Israel \on den \'6Ikern


trennt, immier hlier und hiIher getiirmt. V'on ihrem
Geisle nach fremden oder gar feindseligen Elementen
gaiiz uniringt, verwandelt sich die Nation in eine geistige
Armee, der die Zucht und das Regiment Liber alles gelit.
Die Formen dieser Reglementierung werden in der
immer mehr anschwellenden Gesetzgebung der Mischna
und des Talmuds auf minutiiseste ausgearbeitet. Wo
aber das Prinzip der militiirischen Zucht gilt, da ist es
unstatthaft zu fragen, wozu das eine oder das andere
nitig older warm es verbindlich ist. Es ist nitig, well
es in Zucht halt. Alle diese unziiligen religios-rituellen
Vorsclriften, diese gauze reichlich verzweigte Reglemen-
tierung der Lebensweise, die jeden Schrilt aif dem
Lebenspfade des Juden im voraus bestinint, sic sind
einzig und allein darauf abgestellt, dem ganzen Leben
der zerstreuten Nation strenge Uniformitit zu verleihen,
damit ein Jude seinen Stammesbruder an der ibm
eigenen Lebensfilirung stets und iiberall zu erkennen
\erm6ge. Es ist dies gleichsamn die Uniform, an der
die Soldaten einer in einem weit ausgedehntent Geliinde
\erleilten Armee einander auf den ersten Blick erkennen.
Im gesamten Gebiete Paliistinas und der Diaspora, mitten
unter alien Rassen und Stammen, bilden die Juden eine
einheitliche organisierte geistige Heeresmaclt, die den
Artikeln ibres Militirreglements strengstens Folge leistet,
Sie ist auf Abwehr, nicht aber auf Angriff hedacht; sie
bewahrt ihr inneres Lehen vor dent Eindringen fremd-
artiger Elemente: sie kiimpft um ilire Individualilit, unm
ihr Reclit auf free, eigcugesetzliche Entwicklung.


Nach den grolen geschichtlichen Katastrophen in Deutschland
Von Adolf K o b e r, Koln.


Hegel hat den Grundsalz aufgestellt: Ein Volk kiniie
nicht zweimal in der Geschichte Epoche machen. ,,Welt-
hislorisch kann ein Volk nur einmal das herrsehende
sein, weil ihm im ProzeB des Geistes nur e i n Geschlft
iibertragen werden kanu." Beziiglich des Judentums hat
Oswald Spengler geiul3ert, daB es fiir dasselbe seit Jehuda
Halevi keine Geschichte gilt. Dem gegeniiber hat Nacli-
man Krochmal, wohl der erste originelle jiidische Den-
ker der Neuzeit, betont. daB das jiidisclie Volk den
Kreislauf der menselhlichen Geschichte A u f t i e g,
Bliite, Verfall nicht einmal, sondern wieder-
holt durchlanen ihabe. Damit ist fiir ihn die Iluner-
giinglichkeit Israels auler Frage. Wenn aber nacl Ranke
die Zeiten eben dartnm aifeinanderfolgen. damit in allen
geschehe, was in keiner einzelnen miglich ist. damit die
ganze Fiille des dent menchlichen Geschlechte \on der
Goltheit eingehachteni geistigen Lebens in der Reihe
der Jahrbhuderte zutage trete, so enttteht die Frage.
warum in allen Stadieu der Gesehiclite sclwere Kata-
strophen iiber das jidische Volk immer wieder herein-
brechen. Sein Schicksal erscheint daher aucli christ-
lichen Denkern vielleicht das erschiitterndsle Drama der


Weltgeschichte IJ. Dillingeri und demgegeniiber alleyss ,
was uir vom Martyrium der Christen hunter den Heiden
wirklich wissen, fast wie Kinderspiel" tIM. J. Schleiden).
Der Rechtslistoriker Stobbe betrachtet es als ,,eine
schauerlicie und undankbare Aufgabe durch den Ver-
lauf vou Jalrlihunderten die Zeuguisse zu sanmmeln fiir
die Unduldsamkeit, Barharei, Gewinnsuclih und den
Aberglauben der Herrscher und des 'olks.. ." und be-
tont, .,Deutscchland steht in dieser Bezicliung nicht
niedriger als die iibrigen christlichen Lander, aber auch
nicht iiler ihnen".
Bis in das 11. Jalrhundert hinein sind die Juden
Deutschlands die seil den R1Smerzeiten daselbst naci-
weisbar sind, \on Verfolgungen im ganzen verschont ge-
blieben: aber omni Ende des 11. Jalrluiiderts bis zum Be-
ginn des 18. Jalrhuiiderts gibt es kaun ein Jahrzeluit. in
dem nichl bald im Westen, bald im Siiden, bald inm
Norden, bald im Osten Deutschlaids eine Verfolgung
oder Austreibung stattgefundei hilte. W eder diese noch
die unsinnigen Bescluldigungen, vie Blutbesehuldigung,
Hostienschlindung, Brunnenvergiflung u. a.. die als Ur-
sache der Katastrophen angegeben werden, um nacli-




~rr rat


triglich die unmenschlichen Verfolgungen zu recht-
fertigen, noch die lataiichlichen Ursachen, die religiiser,
wirtechaftlicher und sozialer Art waren und die Bedeu-
tung erkennen lassen, die die Juden im Leben Deutsch-
lands batten, swollen hier nbher erartert werden, son-
dern lediglich die Frage: Wie war die giufere und innere
Hallung der Juden nach diesen Katastrophen? Wir fas-
sen nur drei Zeilabschnilte bier ins Auge. Die Verfolgun-
gen des Jahres 1096 gelegentlich des ersten Kreuzzuges,
die vielen Tausenden ion Juden an Rhein und Donau
das Leben kostete, die Katastrophen des Jahres 1348, 49
in Gefolge des schwarzen Todes, die an 300 Gemeinden
vernichtete und schlieBlich die Vertreibungen aus den
deuschlen Stiidten und Landschaften in Laufe des 15.
und 16. Jahrhunderts.
Von den Verfolgmngen des 14. Jahrhunderts sagl
Schudt: ..'ohl nienals, seit Juden in der Welt gelebt,
ist ihnen ein hiirteres Siikulum als das 14. gewesen, daB
zu verwundern, wie noch ein einziger Jude in Deutsch-
land bei solchen massacre k6nnen fiber bleiben." Aber
nicht besser sind fiir die Juden Deuischlaids das 15. und
16. Jahrhundert gewesen, in denen, um einige Beispiele
anzuriilren, die Juden 1418 Trier, 1420 Osterreich, 1424
Kiiln. 1430 Sachsen, 1435 Speyer, 1438 Mainz, 1439 Augs-
burg, 1442 Oherhayern, 1492 Wiirttemberg, 1493 Magde-
burg und Mecklenburg, 1498 SaLzburg, 1499 Nirnherg
und Ulm, 1507 N6rdlingen, 1519 Regensburg. seit 1527
Scllesien, 1551 Bayern, 1510 und 1573 die Mark Bran-
denburg, 1579 den Rheingau verlassen muBten.
Der Jude in Deulschland um 1100 ist naturgemaiB
ein anderer als der des 14. oder der folgenden Jahr-
hunderle. Als das Unheil im Jahre 1096 iiber die jiidi-
schen Gemeinden an Rhein und Donau hereinbrach, er-
gaben sie sich in den Willen Goltes, ,,sie wollten ilm
nicht verleugnen"; es erfillte sie eine Opferfreudigkeit
so gewaltig, daB sie nur mit dem Fanalismus der Kreuz-
fahrer verglichen werden kann. Wobl griffen die Main-
zer Juden zu den Waffen, um sich der Kreuzfahrer zu
erwehren, im allgemeinen aber opferte man sich selbst,
tiiete einer den andern, insbesondere die Familien-
angehijrigen sich gegenseitig, ,,um der Einheit des gitt-
lichen Namen willen". Das war aber auch die Haltung.
die man den Verfolgungen der folgeuden Jahrhunderte
entgegensetzle. R. Meir von Rolhenburg (1215-93), der
selbst als kaiserlicher Gefangener auf der Burg Eusis-
heim lim ElsaB) dahinschmachtete, hat sie charakleri-
siert: ,,Hat jemand den EntschluB gefaBl, fir die Heili-
gung des gittlichen Namens zu sterben, dann mag man
ihm jede erdenkliche Qual zufiigen, er bleibt slumpf
gegen sie. Wir seen docl bei den heiligen Miirtyrern,
dao sie nicht schreien." Nur in das religi6se Lied
strilm das unsiigliche Leid der Verfolgungen hinein und
wird ,,ein aus der Erde dringender Schrei des Blules von
Hunderltausendeu".
,,Sieh in Not und Drangsal uns der Hoffnung leben!
Hiir' ins rufen an den Stufen Deines Throns mit Beben!


LaB der Armen Dich erbarmen, die ihr Herz Dir geben!
Darfst. aus Ketten uns zu retten, uns wie einst zu heben;
Darfst, zu tristen die Erl6sten, daB in Lust sie schweben,
darfst nur unsre Trinen fragen -
Kaunsl Du, Herr! kannst Du's ertragen?"
Die Verfolgungen im Anschlu.B an die Kreuzziige
haben nicht nur die wirtschaftliche and politisebe Stel-
lung der Juden im Staate tiefgehend gelindert und den
Grid zur Kammerknechtschaft gelegt. Auch der tiefe
Hall der Nichtjuden gegen die Juden bis in die Neu-
zeit lhinein leitet daraus seinen Ursprung her. Um aber
dem demoralisierenden EinfluJB des Druckes und der
Verfolgung im Kreise der Juden entgegenzuarbeiten.
suchte man daselbsa grade durch volkstiimliche Tugend-
und Sittenlehren auf die breiten Nlassen zu wirken und
erteilte Anleitungen zu einem gottesflirchligen Leben.
Aus dem Zeitraum von 1050 bis 1490 werden in Deutsch-
land und Frankreich wenigstens gegen 30 Werke auf die-
sem Gebiete nambaft gemacht, die zur strengsten Recht-
lichkeit gegen Nichtjuden wie Juden, zur Niechstenliebe,
zu ungeteiltem Vertrauen und zu Demul gegen Gott, zur
Erwerbung eines guten Namens herzergreifend mahnen.
Das war die seelisehe Einstellung, mit der die Juden
auf die Verfolgung Antwort gaben.
So blieb ihre innere und IuBere Haltung auch als
die Pest in den Jahren 1348,'49 von Land zu Land,
von Ort zu Ort in furchtbarer Weise fortachritt und man
die Juden t1tele, nicht well sie die Brunnen vergiftet
hatten, sondern weil man viel Hab und Gut bei ihnen
erwartete, wie ein zeitgeuassischer christlicher Chronist
ehrlich bemerkt. Auch da zeigt sich, wie im Jahre 1096
ein Opferwille, eine geduldige Unterwerfung hunter ein
unentrinnbares Schicksal. Man liiBt sich gemeinsam
tten oder ziindet die eigenen Hiluser oder selbst das
Gotteshaus an, in dem man sich versammelt, um nicht
lebend in die Hiinde der Feinde zu fallen. Das Satyr-
spiel ist der Kampf der christlichen Gewalten um die
Verteilung des hinterlassenen Judengutes, der allent-
halben anhebt.
In der Folgezeit sind die Trinen versiegt, der Mund
kann nicht mehr sprechen, was die Seele leidet, auf pas-
siven Widerstand hat die jiidische Seele sich ziriiek-
gezogen. Wohl bilden sich bald wieder neue Gemein-
den, aber sie wissen, dao sie auf einem Vulkan sitzen,
daB ilre Ansiedlungsdauer beschrlinkt ist, daB ihre
Schuldner die Schulden vom Kaiser erlassen bekommen:
am Ende des Miltelallers erfolgen die envibhnten Ver-
treibungen aus den deulschen Landscbaften and Stidten
nicht mehr in wilder Hast durch den Pibel, sondern
mit Bedacht auf den Beschlul der Obrigkeit. So blei-
ben deun im 16. Jahrbundert von griBleren Gemeinden
im Westen nur Frankfurt und Worms, im Osten Prag
und zunichst Wien iibrig. Lingst hate der Zug naeh
dent judenfreundlichen Osten begonnen; allerdings hat-
ten die Obdacelosen durch die ungeheure Zersplitterung
Deulschlands in die kleinen und kleinsten Territorien


100








einen Unterschlupf in diesen gefunden, nicht, weil man
sie gem mochte, sondern well man sie immer noch be-
nitigte. Das Schwergewicht ihrer Geschichle hat sich
also in diese kleinen und kleinsten Territorien verscho-
ben, wobei die Judenschaft eines jeden Territoriums
e i n e Gesamlheit bildet. Beim stirksten Willen hat
man den Juden in Deutschland nicht ausrotten k5nnen;
aber die Gesetzgebung battle ihn zum Paria erniedrigt.
Und nun beginnt nach dem 30 jihrigen Religions-
krieg, unter dem auch die Juden auBerordentlich litten,
wieder der Auf&tieg. Nunmehr zlhlen die Juden zu den
Pionieren des Handels, die das nahezu verniehtete Ver-
kehrswesen Deutachlands wieder in Gang gebracht haben.
..Wie die Anieisen durch morsehes Holz ihre Ginge gra-
ben, bahnen sie durch das
Chaos des verwiisteten romi-
schen Reiches von Crenze zu
Grenze unsichtbarundgeriusch-
los ihre Wege. Lange bevor
Briefpost und Wagenexpedition
die Lander und Kreise ver-
binden,liefenjiidischeHausierer,
die Mlitler zwischen Amsterdam
und Frankfurt, Wien und War-
schau, bin und her, Wechsel
und Juwelen unter ihren Luim-
pen, an ihrem Leibe verber-
gend." ,,Unter den Lumpen
sind Klumpen", erwiderte Bert-
hold Auerbachs Grol'mutter,
als man sie in Karlsruhe mit
der Bitte um Unterstand hunter
Hinweis auf ihr armliches
Gewand abweisen will. Vor
allem ist seit der zweiten
Hillfte des 17. Jahrhunderis das
Zeitalter der jiidischen Hof- Vormser Synagoge
SiN ch ei
faktoren angebrochen, mit deren
Hilfe Gemeinden sich neu bildeu. Sie sind auch die
Vertreter und Reprisentanten des Judentums vor Fiirsten
und Beh6rden, die mit Oprerfreudigkeili Unermiidlich-
keit, Klugheit und Gewandtheit wie schou Joselniann
%on Rosheim im 16. Jahrhundert sicl fir ihre macht-
losen und leidenden Brider einsetzen. Aber auch von
einer Frau soll gesprochen werden, von Gliickel Hameln,
bei deren Bild man das Gefiihl hat, ,,an der Quelle. an
dem heiligen Ursprung zu stehen, aus dem die Ge-
schlechter erhallende Kraft des Stammes. das Leben der
Gesamtheit strmnt". Eine Fr6mniigkeit, welche die Ge-
sundheit und Heiterkeil der Seele. das Geheimnis der
Lebenskraft bedeutet, bildet den Grundzug in ihrem
Wesen. ,Du groler Gott. du weilt es," so hiren wir sie
ihr Herz beschwichtigen, ..wie ich mein' Zeit in grolen
Sorgen und Betriibnis meines Herzens zubringe! ... Ich
sitze noch his dato an m e i n e m Tisch, esse, was mich
geliistet, lege mich zu Abend in m e i n Betl. habe noch
einen Schilling zu zebren, so lang es dem groBen Gotte


ine


beJiebt. Ich habe meine lieben Kinder; ob es auch zu
Zeiten dem einen oder andern nicht geht, wie es gehen
soil, so leben wir doch und erkennen unsern Sch5p-
fer "
Von solchen Mitemrn schreibt sich die Unverwiist-
lichkeit des Judentums her; von hier aus kann die Frage
beantwortet werden, ob nicht e i n e Linie in dem iiuBern
und innern Verhalten der deulschen Juden durch alle
Jahrhundcrte der Verfolgung, der Entrechtung und des
Druckes gezogen werden kann. Denn eine Lebenszibig-
keit gepaart mit Bediirfnislosigkeit sondergleichen, ein
unzerbrechlicher Lebenswille ist das vorziiglichste Kenn-
zeichen der jiidischen Gemeinden Deutschlands in diesen
Jahrhunderten. Seine Wurzel aber zieht dieser Lebens-
wille aus dem iiberlieferten
Religions- und Geistesgut. In
der Abgeschiedenheit der Ju-
dengasse, wohin in friedlicher
Zeit der Spott und Hohn der
andersgliiubigen Zeitgenossen
nicht drang, erbauren die lieb-
los vom 6ffentlichen Leben
und den Kulturbestrebungen
ihrer Zeit ausdeschlossenen, zu
Wucherern entwfirdigten Triiger
eines uralten Glaubens und
Erben einer ,uralten Literatur
sich mitten hunter den Stammes-
briidern ein ideals Reich, in
welchem jeder uneingeschriink-
tesBti rgerreclt erwerben konnte,
der entschlossen war, Ireu zu
sein und sich fir die tiiglich
neu werdende Schmnach und
den notgedrungenen Verzicht
auf alle Menschenrechte ent-
Innenansicht schadigen zu lassen durch die
c alien Stifhi d
in alien Suichl Aussicht auf eine Fiille der
Freuden in der ewigen Seligkeir in den Zeiten des hlessias.

Den Miitelpunkt dieses R e iei e s bildete das Got-
teshaus, nit ihm verbunden die Schule, in welcher die
Jugend der Gemeinde in der Sprache der Viiter been
lerule und die ,,Judenstudenten'" das Studium des Tal-
muds eifrig betrieben, bildeten ferner die Vereine, die,
mochie die Gemeinde noch so klein sein, iiberall Liebes-
pflichten an Lebenden und Toten forderten und iibten.
Alan war im Innerslen iiberzeugt, dao durch die Leiden
die Liuterung herbeigefiihrt wurde, die notwendig war
fiir die Erliasung. Diese nie ruhende Hoffnung auf Er-
lasung verlieh dem Juden eine ungeheure Spannkraft.
Aber trotz des idealen Glaubens hielt das Elend des All-
tags auch den Geist nie den Kijrper zur Nilchternheit
an. Man zog selbst die sittlichen Grenzen fUr die wirt-
schaftliche Betiitigung, fiir das GebarEn im Hfaus und in
der Offentlichkeit. Man lieI3 den Geist nicht verdorren:
Ausenviihlte sehiipften vom Wissen der Zeit auBlerhalb


1 -7




."V'^o^^ ...... .. .. .- r .. ........ .- .. -,-- l T -t
..


des Ghettos und nutzlen den Glaubensgenossen wie
Nichtjuden durch ihre irztliche Kunst. So harrte man
demiltig und selmsiichtig des Sonneunurgangs der konm-
menden Zeit, luBlerlich gebeugt und gedriiekt durcl die
jahrhundertelange Klnechishaft, iunerlich gesund, auf-
geschlossen und stark durch den Familiensinn.
DaB man gegen Opfer von Katastrophen aulferhalb
und innerhalb .Deutschlands sich roller Barniherzigkeit
zeigt. da3 die von Verfolgungen Verschonten die Schick-
salsgenossen bei sicl aufnahmen. obwohl die Judeugasse
eng und der Lebensraum so beschriinkt war, war selbst-
verslandlich. Als in Frankreich die Reihe der Kata-
strophen mit dem Jahre 1181 beginui. ini Jahre 1306
hunter Philipp dem Schiinen lire Fortselzung findet und
mit der endgiilligen Vertreibung der Juden 6us Frank-
reich 1394 endet, ihaen franzijsische Juden in den jiidi-
schen Gemeinden Deutschlands Aufnahnie gefundeu,
und niancler \-on ilunen ist selbst wieder als Mlirtvrer


in Deutschland gefallen. Als die Judenverfolgung in
Poleu durch den Kosakenhetman Chmielnicki in den
Jahren 1648 his 1658 zahllose Fliichtlinge nach Westeu
tid Norden treibt, finden sie Zuflicht in den jiidi-
schen Gemeinden Deutschlands: ihr Einflufl war unver-
keninbar, sie haben manchen deulschen Gemeinden ilihr
Friimmigkeit anufgeprligt. Es herrschte eben trotz vieler
Zwistigkeiten in den jiidischen Gemeinden doch die Soli-
daritit. das BewuBtsein, .,jeder Jude ist Biirge einer fiir
den andern".
Der Naturforscher Matlhias Jacob Schleiden hal.imn
Jalre 1878 in Westermanns Mlonat-jeflen eine fiir die
A.llgemeijneit sehr belebrende Abliandlung mit der stol-
zen Ubersclrift ..Die Romantik des Martyriumni bei den
Juden inm Mittelalter" erscheinen lassen. Das Marlyrium
hat in der Gegenwarl fiir nis seinen Glorien;sclein eii-
gebiil3t. Wir erlelenl wieder Geschichte. Lernen i ir
ion denm ilu3erein lnd inueren Verhalten unserer Alinei.


Niederlassung deutscher Juden in Polen
\on M\ajer B a I a I a n W ar;ehau.


VIeni nman onI der Einuandecring der Juden nach
Polen priestt. kommt man lsets auf die alte Fraze zu-
ruck: nolier kamen sie nach Polen? Ans- dem Osteni
oder ans dem Westen? Die heutirge Wis-enslchaft steiht
auf dein Slandpuinkt. daB sie ion hleiden Seiten ins
Land kainnn, nur dal3 die ijstlicle Immi,,ration kulturell
schwclicer iar und mit dem Ainlang des XIII. Jahrhuin-
derts. d. i. mit dem Fall der Jiideliemneinde in Kiew.
aufhiirte. iahlirend die Einiianderrwung aus dnem Wcsten bis
ins XVII. Jahrhundert dauerte uinl erst im Jaire 1070
-- \Vrtreilbun)i aus Wien ihr einstwieili'es Ende
iahlim, uni mit der Einverleibunig Grol3polen-. anl Preu-
Ben und Galizien- an Osterreich atl's netie zu liegiinen.
I.
Diese Einandruniine der Judeln aius dem Wesen t liiu1
sich schcnli ti-chi in vier Epoclien einteilen:
I. Die iilliste Zeil bis zurm crsltn Krez::ug. Inl
diesem Zeilalischni t die Einwaniiderung sporadischl
und liif'lt '.ahrIheiriciicli bereits irgendwelche ..Ost-
juden" im Lande.
II. Die :.1assenc-ini'andernng rom erst-n bis :umr
letzrln Krvu::ug. die eher einer panislihen Fluclit als
ciner Immigratiion gleichl uird mit den Tartareinin-
briielen ilir Ende nimint.
lII. Die jiidischte Mlfassenkolonisation iln Verhin-
dun', mit der deultchen ion der zweiten Hilfte del
14. lhis geen Ende des 15. Jahrhunderts.
IV. Sporradisrch Einiwandt rung im 16. und 1T. bis
zur Mliite des 18. Jahrhunderts. d. i. bi, zu den Kosaken--.
Tartaren-. Russen- undl Scclmedenkriegein 1048-16071,
in Verfolg derer eine Malciisenfluht ans Polin IucJli
Deutschland einsetzle.
Einzelleiten dieser Eillnanderuingsperioden wic


iuclh der Wandiierungen selber gehojren nicht zu unserem
Tema. Eines steit fest. nlda ehiie jede Judenverfol-
gungi' in Deutschland, -owohl wiihrend der Kreuzziige.
wie auch naciher Schwlirzer Tod eine Einwande-
runiig.ielle nach' Polen iher orrief, wiodurch hier alle
Gemeiiideu gestiirkt rud neue gebildet itorden. Ah-
hiinggi ion der -Ursaclie, die diese Wandterung hervorrief.
war anul ihre Art: Flucht au- Deutschland older Ab-
itanderun-i, in ruhiier Form, ainlieh der Abluanderun.,
deutrscher Koloiislten. die nacli der Vernichtulng polni-
hlier Dijrflr ind tlidtle durch die Tartaren in grollen
A.i-sen ii.rzogen. Mlit diesein dutschen Siedlern kamen
;iuch \icle deutsche Juden his Land und ularen hier an-
ges-eh-ne. ja soar erwiminchte GCisle, denen man ilire
Heiimalipri ilegien erneuerle, auch erweilrteie.
Die dritte Epoche der jidischen Einwaiderung \\ar
die tiirktre (13.-14. Jahrhundert : in dieser Zeit. be-
sonders aber nach dem isog. Schwarzen Tod 'urden ganze
deIult-che Gemeinden nach Polen ecrpflanzt.
Alle diese Fliichtlinge hatten nur ein einziges Ziel
\or Augen: Polen, wo fast jede deutsche Judenfamilie
irgendeinenu erwandten hlnte. Am diclieteten machten
sich in Polen brandenburgis-che, schlesisehe und tchie-
chische Juden anslssig. anfangs in den westlichen Rand-
gebiehten dee Staates: in Posen, Kalisz. Krakow u_'w..
nacIhhdr weiter nach Osten und ini Nordosten. Die \ie-
lei: Spira. Askenasi. lMiinz tMeinz Prager. Wiener.
Aloraitczyk, B;ihm. die wir in den Akten der Stadt- und
SchloBgerichte Ides 15. und 16. Jahrhunderis finden, wie
auch die i.-len Fraueinname nuit deulschen oder tseie-
chisclem IKlani. bekunden die Massen-eiinanderung au.s
Deut-icland. AuBer diesen indirekten besitzetn wir auch
direkte Hinnweise der Immigralion. So empfiehilt Kaiser


102








Max denim polnischeii K6nige Siegismund I. seinen Hof-
agenten Abrala m, denb llimischen J uden,
der mit seinen Glaubensgenossen sein Vaterland ver-
lassen .,mul3". Ein ander Mal 1517 nimmini Knig
Siegismniid I. Hab und Gut der \ertriebenen iscliechi-
schent Juden, die noch in Bihmen weilen, in seinen
Schulz utid warnt den Kanzler der tciechchiselen Krone
%or der Verrolgung dieser FliiUchlinge. ,die nach Polen
zielen". Ein besonderer kiniglich-polnischer ErlaB be-
zielit sich auf die aus Leitmeritz rertriebenen Juden,
denen Siegismund nacl Polen einzuwandern erlaubl.
Am 6. February und 31. Oklober 1518 erteilt derselbe
Kinig Spezialpl)ise dent Juden Joseph und weinen zwei
Sijhnen aus Komotau. wie auchl den Juden Lazarus trnd
Jakob aus Biihmen.
II.
Diese deutsche.n tschechischen Einwanderer bringen
aul3er fliesigen Kapitalien und katuf'ninnisclher Erfah-
rung auch Kulturwerte nach Polen. die den ana-iseigen
p[olnishcen Judeugemeinden eine e nee Frbiung ver-
Ilihen. Diese Kulturwerte lassen sich in folgende drei
Gruppen einreilien: Gemeinde\erw alltung ,untn Gerihlits-
%es'en, Kultius, Kultur. Prihalleben. Schule, Erzichunig.
iprache.
Es wiirde zu nerit fiihrnii. eiie jede Gruppe hieir aus-
Itihrlich zu behandeln. Es sei aul einen Aufiatz ides
Verfassers auf denm VII. allheltlichen Hiisorikerkonierel3
01on 23. 8. 1933 verwie- en il.
Es mag bemerkt werden. daB die Ein\\anderer sich
in ilirei neuen Wohnsitzen niclit immer der Oberherr-
cihaf't ilirer ainsissaigen Glatiihenlsgcnoiien unter\werfen
wollieu und lie luit da einen lnuigjihrigen Kanilf umn
die jurisdiklionelle und kulturelle IHegeinonie began-
nen. So danerte die-er Kanipf in Krakau volle 10 Jailre
1151i9-15191 und niulte erst \om Kinig geselcelichtet
%\erden. Die Einwanderung der 1542 aus Prag ertriebe-
nei Judengemeinde lief3 den Streit \rieder aul'lteben.
Die sogenannten Generalpri\ilegien der polnischeni
Judenschaft basieren nuf einer irkunde des Herzogs
Boleslaus Pius \on Kalisch, die den grol.ipoliisichen
Juden 1264 'verliehen warden i.
Den iuBler:-n Rahmien der jiidischen Gemreindtler-
fas-ung in Polen bildet die sogenanute magdeburgi'chie
\-erl'aistng polnisclier S idte lauif deutschein Relit).
Der Inhall dieser Verfasiuig reiclit weit is 1 zu den ..Kon-
slitutiouen" ITakkanot i der alien rheiniselien Gemein-
den aus dent 12. uund 13. Jalhrhundr-rt zuriick. Der Ver-
gleich der Krakauer Gemeindestatuteni auis dem Jalire
1595 mit den Bcsehli.ssen der oben ertuiialen rheini-
selien Judentage. \iie auch mit der Verlfaclssu"i der deut-
sclhen Judengemeinden im ati-iehlenden iMlitelalter.
SI.)r I1Ganr dr Dl.Ji.-liih n Kuilur-lr iic.-ii.' .ii Rh. in li- n itd'i
% lt i'-Iei und :,n tli:n Dhi.-pr. Il Il:'I..;rne I I gr." Iite'--
n.m ..nal de- -ien eL he I t. 1,J. Ill i I 1,1.. _1 0 l'-3.
'i Die-es Prv ilc L,.I.-ih einle .. rtih hle I p,r,ie ler %..n Frei-Jri.i 11.
im Jahre 1244 dn N','rier Jidern erlihelinn n le'-I tenii u.il in
,ILr leiztc ren linlen R -:lc -hli. ...ril.e'r i. re SI ble mid -chlitrer LIu-
mente ;: e.ln alien Piilt.:_nI.i. die Li.is a l Ba l..aro',sa I .i0',o
IHerinr-ih I', ia -ogar aul LudJwis d.en Fr.:.nimen 1327 1 zuruii. krc.hen.


liefert den Beweis fiir den Ursprung und den Wert der
Kulturelemenie, welche die deischien Juden nach Polen
mitbrachten.
Die Gemeindeverfassung bildet aber nur die aluBere
Mauter, innerhalb derer das Leben in zwei Zentren: in
Synagoge und Haus pulsiert.
Stil und Einrichlung der Synagoge in Polen zeugen
von ihrer Herkunft. Die Wanderung der Juden und
Judengemeinden %on Mainz nach Reensburg, Prag und
Krakau wird durch die Golik ihrer S.?nagogen bezeich-
net: den Abschlun einer anderen Wandergruppe. deren
Zeit %wir niciht betimmen kunnen, finden wir in Molii-
lew am Dniepr. wo in der Synagoge eine alte gotisehe
Stadt mit vielen Tiirmen gemalt ist. Auf einem der
Tiirme lesen wir die Aufschrift: Wirrmeisa. d. i. Worms.
Alnlich wie im Bau finden wir auch iin Ritus der
polnischein Synagoge ihren aschkenasischen Lirsprung.
De-'ellen Ursprungs sind die meisteni Sitten tund.Braiuche
im jiidischen Hause. Auf den K e ubot Heirats-
verlriigel in Polen finden wir noch ieulte die Bemer-
kung. .,daB alles so gesclehien, wie es autf den Gemenin-
dcntagen ..S e h u n" ISpeier. \Xorms. Mlainzl beschllo.-
-en w lrdte".
Da-. wielitigate Kulturelement, w\ellche die deuts'heni
Einwanderer nach Polen mitlraciten. \war das S c Ii c I-
ws e e n, das elenleniare, wie das mittlere unid hohe.
Die Verpilanzung ides Schlllnesens wmire aber un-
mniilich Le'emen. hiitteu die deut-chle'n Juden ati, die
WHanderung die deutsche I jid.-deulsclhei Sprallhe nichl
mitigenomimen und it ie in ihrer neiien Heiniat belialten.
()hne Zweifel warren in Polen. wenigsteni umn die lWende
dees X\. und XVI. J.hrluinderts, die Bedingunigen zur
Wahrliing der deurit-hen Sprache ge:gibent: ein groBer
Teil der StadtlemPilkerunAL m nar deutieh,. deuntrlh war die
Am\nitsraehe der -iagistrate. der Schule. die Kirchen-
prediit. Auich die altandia--i'.en Juden wart-n zumeist
deutischcr Herkunl'f. Kein Wunder also, dal auch die
Ankimnilinge siclh hier % ie zu Hau.se fiihlten und, nach-
dein ie 'festen Fut1 geflilt. iire Kull urierte pflegen inid
entl ickeln konnten.
Gegen Ende des Jahlrhunderts. wo die Einwande-
rung neuer ,mesilicher Elemente fast glinzlich autfhirt.
und das Deultchlumn in denim polni-li'en Stadten erlisclit.
b)egiiil sichl daas jildisch-deutsche Idiom der polnischen
Ghelti tom dleut chen LitUrstanl zi eniferneni. Das gi'-
sehlielit aber bereits in der Zeit. in der die rapide R ii c k-
w a n d e r u n g tder polnischli Juden nach DeutisclhlawI
hbeinint. Bi- dalin iildeten alle Juden voni Rhein bis
an den Dniepr. von StraBhurg bis Sniolen;k cine ein-
heitlliche Kulturgruppe und dies ernlilictie den Riick-
mwanderr-rn nacl dem Jalire 1648 das Einleben in di..
deutsclien Geneinden und das Bilden neuer Ju den-
gemeinden in den deutschen S.iidten. Nur dank dieser
einheillichen Kultur konmten polnische Gelehrte Rabbi-
nerstellen in Nalihren. an der Elbe, ami Rhein und IMain
erlanu~en und unlgekehrt deutsche Rabbiner in Polen
ihr Ant auiiiben.


103









Die judischen Einwanderungen in die Balkanstaaten
Von Saul M e z a n, Sofia.


Schon Jahrhunderte vor der Zerstiruug des zweiten
Tcempels (70 n. Chr.) hatte die jiidische Diaspora Europa
crreicht, in erster Reile Griechenland und Mazedonien.
In der ersten Hilfte des ersten Jahrhunderts gab es jiidi-
sche Gemeinden in Saloniki, Philippi, Beroa, Korintll
Argos u. ii. Vor der christlichen Zeilrechnung waren
halbjildische Kullgemeinden nach Norden zu bis nach
Pautalia theute Kiistendil in BulgarienI und die Um-
gegend von Sofia gelangt. Die Flut des Jahres 70 fiihrt
neue Judenmassen tells gefangen, tells frei im Gefolge
der rmiischen Legiouen his an die Donau.

Durch spatere feindliche Invasionen burden die im
Iinern des Landes von Juden bewohnten Slidte zerstirt.
worauf sich die Fliichtlinge in den Hafengegenden nie-
derlieBen. Ein byzantinischer GegenstoB fiihrt sie wie-
der nach Norden. Die Gemeinde von Sofia wurde im
Jahre 967 gegriindet.
Seit alter Zeit befaBten sich die byzantinischen
Juden mit Seiden-Industrie und Firberei. Normannen
aus Sizilien brachten im Jahre 1147 Juden von Theben
nach Palermo und wohl auch nach Korfu, Kaiser Fried-
rich II. schuf mii ihrer Hilfe ein Seidennionopol. Un-
gefihr um dieselbe Zeit brachten die K6nige der Dyna-
stie Assen jiidische Kaufleute aus Italien und Ragusa
nach Bulgarien 112. bis 13. Jahrhundert I.
Deutsche Juden begannen ihre Einwanderung in die
Balkan-Linder am Anfang der Kreuzziige. Ein getaulter
deutscher Jude Leo Mung wurde im Jahre 1107 Bischof
von Ochrida und das Haupt der selbstandigen bulga-
rischen Kircle. Die Einwanderung bayerischer, unga-
rischer, provenzalischer, sizilischer und apulischer Juden
dauerte wlihrend des 13. und 14. Jahrhunderts an. Eine
Feststcllung aus dem Jahre 1382 -eist auf Synagogen
hin. die in ihrem Stil byzantinische, italienische, unga-
rische Urspriinge aufzeigen. Das Jahr 1530 bringt die
Niederlarsung ungarischer Juden in Bulgarien und Adria-
nopel, 1542 kommen solche aus Bbhmen hinzu. Auf
einen Appell. den der aschkenasische Rabbiner Isaac Sar-
fali an schalhi'chle, mnllirisclie, rleinische und unga-
rische Judengemeinden richlete. \erstirkte sich die Ein-
ianderung in die Tiirkei.
Das Erscheinen der Tiirken in Europa bewirkle
einen Zusironi \on Juden in das Ottolmanische Reich.
Gefirdert wurde die-er Zuwaclis durch die Sultane
Orkhan 11326-13b01 und Murad I. 11360-13891. Be-
sonders Adrianopel, damals Hauptstadl des Reiches,
nahi viele Juden auf. Den Eroherungs.ziigen der Otto-
manisclien Heere in Europa folgten die Juden werlstirtLs
nacl RuIiinien. Bosnien, Ungarn. Besonlers zahlreich
war die Einwanderung \on Juden in Konstantinopel auf
'eranlassung des Eroberers Mahomet II. Fast die ganze
Gemeinde von Ochrida wurde durch iln iibergeleitet. Die


kariische Gemeinde von Konstantinopel wurde durch
zahlreiche Familien aus der Krim und aus Polen ver-
siirkt.

Die Einwanderung sephardischer Juden nach dem
nahen Orient hat bereits 100 Jahre vor der Vertreibung
aus Spanien eingesetzt. Unmittelbar nach den Massakers
von Sevilla t13911 burden zahlreiche jiidische Sklaven
in Kreta durch ihre Glaubenshriider durch Riickkauf
der Freiheit zugefiihrt. Im Jahre 1492 wanderten spani-
sche Juden in Massen in die Slidte. in die Inseln des
Adriatischen, des Agiischen und des Ostlichen Mitlel-
neeres, hauptsiichlich nacl Saloniki und Konstantinopel.
Spiter nach der Austreibung aus Neapel (1540) und der
Romagna gelangten portugiesische und italienische Juden
dahin. Alle Provinzen des Ottomaniscben Reiches nah-
men nach 1492 betrichtliche Judenmassen aus Spanien
auf. Dies setzle sich in verlangsaniten Ablauf fort, bis
die spanischen Juden sich nach Holland, Frankreich und
England wandten.

Die jiidischen Einwanderungen nach Asien und
Nordafrika slehen in enger Beziehung zu dem Juden-
schicksal in Pallislina. (Kaiser Heraclius i. J. 628.) Un-
giinstige Verhiltnisse in Pallstina bewirken Flucht nach
Agypten, wixhrend die Tore Jerusalems mit der musel-
manischen Herrschaft i. J. 635 wieder gedffnet werden.
Der erste Kreuzzug bedingt eine Zerstarung pallistinen-
sischer Gemeinden und Flucht nach Damnaskus. Spaiter
setzt die Einwanderung aus England und Nordfrankreich
112111 und aus alien westlichen Linderu einschlieBlich
Spanien ein. Aschkenasische Juden kommen vielfacli
nach dem 17. Jahrhundert aus BBhmen und besonders
aus der Ukraine, im 18. Jahrhundert aus Polen. RuB-
land und Galizien, auch marokkanische and tunesische
Juden iandern nach Pallstina.

Die Zerstreuung der spanischen Juden brachte in die
Tiirkei Menschen, die in kulturellen, militirischen und
maritime Dingen erfahren und auf den Gebieten der
Medizin. der westlichen Sprachen, in der Buchdrucker-
kunst, in der Fabrikation von Geschiitzen und SchieB-
pulver, in der Industrie und dem intenialionalen Handel
bewandert waren. Die spanitchen Juden befruchteten
das Judentunm t.es listlichen Miltelnceres.

Der groBe ZufluB polnischer und russischer Juden
fillt.iin eine triibe Zeit des Zerl'alls und in eine Krise
des sephardischen Judentums. Es ist das die Zeit des
Sabalai Zewi, die das Judentum in der Tiirkei geistig
bedeutend herabdriickte. Erst die zweite Hilfle des
19. Jahrhunderts brachte den Zustrom intelleklueller
asclikenasischer Kreise in das tiirkische Reich und Irug
dann wieder zu einer HI-he der Zivilisation der sephar-
dischen Juden bei.





i
:4


Der Aufbau des hollandischen Judentums durch spanische
und portugiesische Marranen
Von Ceorg H er lit z, Jerusalem.


Der alte talmudisehe Weisheitssatz ,,Got sendet die
Heilung vor der Krankheit" hat in der Geschichte der
Juden in der Diaspora eine vielfache Bestatigung gefun-
den. So oft auch immer Juden aus einem Lande jahr-
hundertelanger Niederlassung vertrieben wurden oder
durch Gesetzgebung und Gewaltanwendung zur Auswan-
derung gezwungen waren und es gibt kein Jahrhun-
dert in der Diasporagesecichte des jiidischen Volkes, in
dem sich diese bitter Zwangslage nicht wiederholte -,
immer batten sich ini Zeitpunkte htichster Not und Ge-
fahr die wirtschaftlichen und sozialen Verhithnisse eines
oder mehrerer anderer Linder so entwickelt, daB das
Einstromen groGerer Massen bedrohter
Menschen in diese Lander nicht nur r---
m6glich, sondern oft geradezu 6kono-
misch erwfinscht schien.
Die Ceschichte der hollfindischen
Judenheit, von der hier erzlhit werden
soil, ist ein ihnliches Beispiel, das den
Geschichtsverlauf der Juden in der Dias-
pora charakterisiert. 1492 warren die
Juden aus Spanien, 1497 aus Portugal
vertrieben worden. In beiden Liindern
blieben von den Zehntausenden von
Juden, die dort seit Jahrhunderien ge- Manasse
lebt hatten, nur die zuriick, die zu
schwach waren, um den Bekebrungsversuchen Wider-
stand entgegensetzeu zu kLnnen. oder die durch Anwen-
dung von Gewalt in das Christentumn eingegliedert wor-
den waren. Sie lebten HiuBerlich als Christen, iibten als
Katholiken die Briuche und Zeremonien der herrechen-
den Religion, aus ilreni Herzen aber war das Gefiihl
der Verbundenheit mit ibreni Volke und seinem Glau-
ben nicht herauszureil3en, und wo sich eine Miglichkeit
hot, gingen sie im geheimen der Pflege der alten jiidi-
schen Briuche nach, feierten in Kellern und Unter-
schliipfen die Jiidischen Rulietage und Feste immer
in der Gefahr. wegen dieses Festhallens am alten Glau-
ben von der Inquisition aufgespiirt zu werden und den
Tod auf 'dem Scheiterhaurfen zu erdulden, und daher
iiimer aul der Suclie nach einem Lande, in das sie aus
der Gefahr dauernder Lebenshedrohung entweichen
kdnnten.
Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderis hot sich
diLsen spanischen und portiigiesischen Scheinclristen
IMIarraneni als eine solche Zufluchtstlitte Holland dar.
Dieses Land sprengle 1577 im ,.Abfall der Niederlande"
die Fesaeln des spanisehen Jochs und schuf 1579 in der
..Utrechter Union" das erste Beispiel eines Grundgesetzes
der Gewissenfreiheit, hunter dessen Herrschaft fir Men-
schen jeden Glaubens Lebensraum war. Kein Wunder,
daB sich die Freiheit*elnsuciht der hunter den stindigen


Gefahren der Inquisition schmachtenden Marranen Spa-
niens und Portugals, deren physische und psychische
Situation im Laufe des 16. Jabrhunderts immer unertrig-
licher geworden war, immer stirker auf das Land der
neugeschaffenen Freiheit, die Niederlande, richtete, und
daB von ihnen im letzten Jahrzemht des 16. Jahrhunderts
immer neue und immer umfassendere Versuche gemacht
burden, die H5lle der Glaubensverfolgung in Spanien
und Portugal mit dem Paradiese der Geistesfreiheit in
den Niederlanden zu vertauschen. Fiir jemanden, der
die Gesetze geschichtlichen Werdens kennt, braucht wohl
nicht betont zu werden, daB auf der Seite des staatlichen
Gemeinwesens der niederlandischen lie-
piiblik liir die Aufnahme der an der
hollandischen Kistelandenden spanischen
und portugiesischen Marranen nicht nur
die Grundsiitze der neu proklamierten
Gewissensfreieeit, sondern auch okono-
mische Erwagungen mafgebend waren:
in eben jene Zeit, in der die Marranen
der Pyreniiischen Halbinsel an den
Toren Hollands EinlaG begelrten, fPillt
der Beginn der wirtschaftlichen Expan-
sion der Niederlande nach Ubersee,
ben Israel ein Wirtschaftsprozel ffir den die teil-
weise reichen Mittel und die erprolbten
Wirtschaftskrafte der einwandernden Juden nur er-
-wiinscht sein konnten auch das eine geschichtliche
Koinzidenz, die man nicht anders denn als providen-
tielle Fiigung bezeiclmen kann.

Die Geschichte der hollindisclen Judenheit im
ersten Jahrhundert ibrer Niederlassung in der neuen
Heimat soll hier nichl im einzelnen erzihit werden:
jedes Geschichtswerk gibt dariiber hinreichend Auf-
schluB. Es mag geniigen, festzustellen, daB die ersten
Juden holljindicshen Boden etwa 1593 betraten, diB
Amsterdam der Ort ihrer ersten Niederlassung war und
daB bald weitere Niederlassungen fliichtender Marranen
aus Spanien und Portugal in Alkmaar. Rotterdam, im
Haag. und in den Pro\inzen Groningen iuid Friesland
folgten. Hier soil vielmehr davon gesprochlen werden,
welche starken Kraftie diese nenen Biirger der nieder-
liindischen Republik, die als Katholiken ins Land kamen,
in der Freiheit der neuen Heimat aher bald auch luBer-
lich die Heimkehr zu iohrem Volke und Glauben soll-
zogen, schon in den ersten Jalirzchlten ilires Aufent-
haltes in Holland entflleten. Auf drei Gebieten vollzog
sich dieser bewundernswerte WViederanfbau jiidischen
Lebeus nach einem Jahrhundert der Not und Unter-
driickung, in drei Richtungen Eri3nmte die in der Zeit
der Fesselung gesammelte Kraft' jiidiclier Lebens-


105


I




_wS -


bejabung und -geslaltung auseinander: in das Gebiet des
Glaubens ind Kultus, in den Bereich der Wirtschafts-
hetlitigung und in das Gebiet des geistigen Schaffens.

Die Gewinnnmg der naci den Niederlanden gekom-
menen Marranen fir das iffentliche Wiederbekenninis
zum Judentum war das Werk der heiden Rabbiner
Moses Uri Halevi aus Emden, der mit einer Marranen-
gruppe in Aisterdam landete, und Josef Pardo, der aus
Saloniki nach Amsterdam berufen wurde. Der Wieder-
anschluB der cin Jahrhundert lang dem Judentum ge-
waltsam Entfremdelen vollzog sich sclnell, weil er frei-
willig. aus der Sehnsucht des Herzens heraus erfolgte,
und so eng war bald die Verbindung mit der alten Ge-
meinscliaft, daB bereits 1598 die erste Synagoge errich-
tt werden konnte. Sie hieB nacl dem Fiihrer der ersten
Gemcinde in Amsterdam, dem an der Wegriumung vieler
Iliidenieise hoch veirdienten Jakob Tirado ,,Beth Jakob".
l)er Zustrom neuer Marranen lief aber niclit uach und
'a.r so groB, dar schon 1608 eine zweilt- Synagoge g?-
-ritift nurde, die den Nanmen ,,Newe Schalom" fiihrie.
llir Ribbiner. oder wie sein Titel nach dem Brauchel
lder -panischien Juden lautete, ilir ,,Chaliam", war Isaak
Usiel aus Fez. ein glaubeniisrenger Eiferer, der nicht zii
Liiirecht erkannte, daB die seiner Fiihrung an\ertrauten,
..Neujudel'" nur durch strengmte Bindung an die Vor-
clhriften des jiidischen Religionsgesetzes \on einem
Riickfall in die Vorstellungen und 'ibungen des ihnen
%erirauten und )equenieren katholischen Glauben- be-
iwalirt werdeu kinnten. Der Eifer des Fiilrers hatte frei-
lich zur Folge, daB sich 1618 cin Teil der Gemeinude oni
dieser abspallete und mit einer written Synagoge ,,Bethl
Irael'- eiue neue Gemeinde bildele. Der religiise
Kulius aller drei Gemeinden \ollzog sich nach deni au,
Spanien mitgebrachlen sefardischen Ritus. und aucl der
organisalorische Aufbau tdes Gemeindelebens, das ra-sch
;iufbliihte, fand in den Formen stalt. \iie sie das spa-
nische Judentum in jahlrhundertelangem Werden ent-
wickelt halle. An der Spitze der Aniserdainer Genimeinde,
die siich 1639 aus den drei Gemeinden des Anfangs zu-
sn;iiiinellschilol und den andereu sich im Lande bilden-
den Genminiden stand ein Gemeinderat IMalhamad). der
aus weclthliclen ind geistlichen Fiihrern I Parnas-ini undi
(Ch:achamniii gebildet wurde. Dieser Gemeinderal ver-
'iallele die Genieinde aultonomi atf' Grund eines \on den
holliindisclien Behirden genehmigteii Gemneindestatut'
I Askaniotl und besal3 sogar uber die Gemeindemitglie-
der in Glaubensfragen eine Art Gerichtsbarkeit mit
Strafrecht. Die schwerste Strafe, die er zu verhiuigeni
bereclitigt war, war die Ausstolung aus der Gemeinde
durch den Bann Clierem). Zu den Aufgaben der Ge-
,ieinde gehiare u'eben deni religitsen Kullus vor allem
dlie religiise lUnterweisung der Jugend, fir die allerorten


Talmud Tora-Schulen errichtet burden. Die beriihm-
teste dieser Schulen war die in Anisterdam gegriindete
Talmud Tora ,,Ez chajim", die wie die anderen fiir die
Pflege und Weiterbildung der jiidischen Traditionsgiiter
hunter den hollindiscien Juden GroBes geleistet hat.

Auf dem Gebiete der Wirtsehaft kam, wie schon er-
wi'hnt, die Eniwicklmung die Holland gerade in der Zeit
der Einwanderung der spanischen und portugiesisehen
Marranen erlebte, deren Anlagen und Kenntunisen, ihrem
Betsitigungsdrange ind der Verweudungsmdglichkeit der
von ilinen mitgefilirten Kapitalien entgegen. Die Juden
warren in Spanien und Portugal groBenteils die Traiger
des tVberseeliandels und des Finanzwesens gewesen. Wer
also war geeigneter als sie, in dem nach liberseeischemn
Verkelir und Handel strebenden Holland dem wirt-
schaftlichen Bediirfnis des Landes zu geniigen, wer
konnte besser als sie, die durch Familienbeziehungen mit
den nach dem Orient ausgewanderten spanischen und
portugiesischen Juden verkuiipft waren, Handels6erbin-
dungen mil den Lindern des Orients aufnehmen? In
all diese grade um die ende des 16. zum 17. Jahr-
limderts in Holland enttehenenden iirsclhaftlichen
Liicken fiiten sich die jildischen Einwanderer entechlos-
sen ein und \crhalfen ihrem neuen Vaterlande zu einem
rasclen wirtschaftlichen Aufslieg. Juden, Marranen aus
Spanieni und Portugal, warren es, die durch Investierung
ihres Kapitals in die West- uid Ostindische Kompani:i
diesel zu StiitzpLnkten des holliindischen Welthlandelus
machlten. Juden warren es, die denim hollindischen AuBen-i
handel in Italien mid der Tiirkei neue Absatzmlirkte er-
i;ffneten. Juden warren die Triger des Bank-. Birsen- und
Speditioniwesens in Holland. Juden die Schbpfer neuer
Industrien im Lande. Sie haben dem Lande. das sie so
groBmiiitig aufnahm. wahrlicli reichen Dank abgestattet
ilhi zu Gr;l63e und Bliite milverholfen, deren es sieh selt
"Jalrhunderien erfreut. DaB dabei nuch ihnen reicher
materieller Gewinn zuteil wurde, ist ge\iiB nicht zu ver-
wundern. .Aber wie sie ihn venrandteu, zeugt \on der
engen Verbundenheit mit den Bediirfnissen der eigenen
Gemeiuschaft. die zu allen Zeiten das Charakteristikum
der jiidischen Geschichte in der Diaspora gewesen ist.
Die Synagoge, die die sefardischen Juden von A-rmsterdam
im 17. Jahrhundert errichteten, und noch melr die von
ihlnen erbaute neue Synagoge warren Prachtlauten, die
neben den Palisten der jiidishlien Familien Pinto.
Acoste, Texeira u. a. zu den Schmuckstiicken der Bau-
kunst in Holland zihlten. Dal daneben freilich im Ge-
folge des rasch wachsenden Reichtums einiger jiidischer
Familien sici tiefgreifende soziale Differenzierungen
und Schiden iherausbildeten und dan vor allen eine
Scheidewand \on Hochmut und Verachtung die so liber-
raschend schiell enporgestiegenen sefardischeu Juden


106









Hollands \on den spoiler eingewaniderten aschkenasischen
Juden schied, soll um der geschichtlichen Wahrheit
willen nicht verschwiegen werden.
E. bleibt ein Letztes iiber die geistige und insbeson-
dere geistig-jiidische Entwickluug der in Holland zur An-
siedlung gelangien spanischen nud portugiesisclen Mar-
ranen zu sagen iibrig. Das Charakteristische dieser Ent-
\\icklung ist, dab auf deni Boden dieses niarranischen
Judentunim in Holland sich zwei geistige SIr6mungen ver-
schnolzen: das L e b e n s g e ii h I der von den Fesseln
eines widernatiirlichen Glaubenizwanges befreilen See-
len. das sich in den aus Erinnerung gespeisteni lyribchen
Elegien iiber das Schicks-al der Vorfahren entlud, und
die S e li n u c h t der ihrem Volke und Glauben einsii
gewalsamn Enlfremdeten sicl dieseni durcl engste Ver-
kiiiipfung mit seinen Kulturgiitern neu und besonders
eng zu niihern, ein Strehen. das in eilrigstem Studiumn
der Uherlieferungen des Judentunis uud peinlichster Hut
der Vorsehrilfen des Religionsgesetzes einen Ausdruck
fand. In Jakob Belmontes. David Abenatar Meloi und
Reuel Jc..ssruns Dichtungen aus der 1. Hailfte des
17. Jallrhundert. versclihmilzt das Formgef'iihl einer hoch-
cntwickelteu spanisehen ind portugiesiichen Diclitkuiint
mil der Kraft jiidiclieii Erlebniissi zu dichteri'cheni
Autdrnuck. ter W erke \on bleibender Bedeutuntm gechliaf-
'en hat. In Miinnern wiie Nlana'se len Israel, Saul Morteira
und Isaak Aboal) de Fonseca andererseits wird die Tra-
ditionsliteratur des Judentunis mit grof3er Kraft lebeulig.
Je mehr die nach Holland gelangten Marranen, trotz
aller iiuferen Wider'tiiude, die iirer \iilligen Eingliedc-
rung in die Geiste.selt der Umgebung zuiimchist entgegen-
stauden und erst allnimhlich iiUwrwunden burden. An-
-chlul3 an das geistige Leben ilirer neuini Heiimat faudtin,
desto nehlr begannen sie allerdiiigs nuch bald, sich mit
den geistigen Bewegungen ihrer Zeit zu behcliaftigen ind
a.lseinanderzusetzen. Uriel dl'Acosta und Baruch Spinoza


sind die bekannte'alen Exponenten dieser geistigen Ent-
wicklung ini hollindischen Judentum des 17. Jalrhun-
derts. Ilir jiidisthes Schick.al ist charakteriistich fiir
die geisiige Haltung des ais dem Marraneutum der
pvreniisclen Halbinsel nach Holland gelangten, zumi
Juidentum zuriickgekelirten jiidischen Menschen einer-
seits und fiir das geistige Freiheilsstreben, das in Einzel-
nen. Wenigen dieser Menschen als instinktiver Drang
gegen die Ersetzung des Zwanges der Kirche durch den
Zwang der Synagoge lebendig iwurde, auf der andern
Seite. Lehuten sie sicl uid von dem geistigen Frei-
heitsanspruche des iiberdurchchnittlichen Individuum;
her gesehen. mit Recht gegen die Einschniirung de;
Geistes in (lie Fesselu der Liberlieferung aut, so hate
andererseits die Gemeinsciaft den richtizen Instinkt da-
fiir, das letzle individuelle Freihieitsreclit grade im
Kreise derer, die bereits einnial die Bindung an die
Gemeinschaft verloren hatten, zur Aufrlinsng flibren
muiite. Die Zeir fiir den Ausgleich des Freilieit-
anspruches des Individuunis mit den hereehtigten An-
spriiehen tder Gemeinchaft war noch nicht gekoiiimen.
So 'erlor das liolluildisclie Judentum uni der iinmanen-
ten Gesetze seiner eigenen Eutwicklung willcn scin-
beiden erle-iesteun Geiter ini 17. Jabrlihundert, -chiied sic:
selbst aus sich anus und glaubte es uni der eigeuen Er-
haltung \\illen tun zu niinssen. Das Recht ter Genein-
'chaft tiefste W ahrlieit der Dias-porageshiidhite dec
Judeiitnilus! nimute hjliher itelheu al- da- Recht de.
Indiv iduunis.

Das hollindische Judentiii hiat die-c e Wige \ ahlr-
heit hereits in der Zeit der Schlaffiug seiner Gruniiidlgen
iin 17. Jahrliuntert erkauit ind ist damit und mit all
deci, was es in der Zeit seines Aunf)baus g-esiehalffen hat.
richltunlig-ebeuid iuch fliir andere Zeiten gei esen. Aucli
Iiir die um;ecre!


'1







*1

-i

R
Ij


Italien
Von Cecil R ot h, London.


Die Geschichte der Juden in Italien stellte zu jeder
Zeit ein Miniaturbild der allgemeinjen jiidi-chen Ge-
-chichte dar. Jedes Ereignis, das anderswo sich in grafe-
rem MaBfstabe abspielle, land dort sein Gegenstiiek im
Kleinen. Das erging so niiht nur in der Sphlire jiidi-
scher Leistung. soudern auch in der jiidischen Leidens.
Die Marranen Spaniens hatten ilir Gegenstiick in den
Neophyten ion Apulien, die nach ibrer gewaltsameni Be-
kehrung gegen Ende des dreizeluiten Jalrhunderts Hun-
derte ion Jahren lang ihre geistige Eigenart bewahrien.
deren Spuren sich sogar noch heute benierkbar machen.


Die Inquisition begriindete nach spanisciem rMu-er
einen Stiitzpniikt aif der Insel Sizilien, nid AutodafUs
nilt jidischen Opfern i\aren auch in Italien nichts UIn-
gewIuliIliches.

Auch die Juden Italiens lernten alle Grade de-
Leides ind der Verfolgung, nichlt selten auch die viillige
VerLreibung keunen. Wie in Deutschland machle die
verwirrende Mannigfaltigkeit der Verfassungen und die
Vielst.aterei eine homnogene Politik in jiidischen \wie in
allgeneiinei Dingen ganz unmiglich. Infolgedessen gil:'


107









es aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Ort in Italien
(vielleicht mit der einzigen Ausnahme Roms), wo von
den iitesten Zeiten an his zur Gegenwart ununterbrochen
eine jiidische Bevdlkerung vorhanden gewesen ist.
Andrerseits wurde auch zu keiner Zeit durchgehends
eine antijiidische Politik befolgt.
Als im friihen Mittelalter der nardliche Tell des
Landes sich in halbanarchischem Zustande befand, war
das gri58te jiidische Zentrum im Siiden. In spiter Zeit
warf spanische Intoleranz ihre Schatten auf das Konig-
reich Neapel, das die Inseln Sizilien und Sardinien um-
faBte; die Vertreibung der Juden gegen Ende des 15. und
im Anfang des 16. Jahrhunderts war die natiirliche
Folge. Inzwischen hatte sich jedoch inn Norden eine
gr5Bere Stabilitit der Verhiltnisse und ein duldsamerer
Geist entwickelt, und die Gemeinden der Lombardei und
der angrenzenden Provinzen traten nunmehr in den Vor-
dergrund. So wurde z. B. Venedig, aus dem die Juden
fast his zum 15. Jahrhundert aufs strengste ausgesehlos-
sen waren, vom 16. Jahrhundert an eines der bedeutend-
sten Zentren jiidisch-kulturellen Lebens und die wich-
tigste Heimasillte der jiidischen Buchdruckerkunst.

Wie bereits oben angedeutet wurde, war Rom wahr-
scheinlich der einzige Tell des Landes, in dem ohne
Unterbrechung seit friihesten Zeiten his zur Gegenwart
eine jildische Bevilkerung ansiiig war. Diese Tatsache
bezeugt die im wesentlichen tolerance Politik des Papst-
iums, das den Juden zwar Schranken auferlegte, sie
jedoch stets beschiitzte, keine Gewalhtitigkeit gegen sie
sanklionierte oder gar jemals zu dem letzten Miltel der
Vertreibung oder der Verhinderung des Broterwerbs
griff. Dieses wohlwollende 'erhalten der katholischen
Kircie zu den Juden verdient in Erinnerung gebracht zu
werden.
Eine Anzahl der Fliichtlinge aus Siiditalien suchte
auf Korfu Zuflucht. Hier hiellen sie in fremder Um-
gebung treu an der Sprache und Literatur ilirer \'iter
fest, wie es ihre Nachkommen his zum heutigen Tage
tun. Daher kommi es auch, daB die listen bekaunten
Texte des apulischen Dialekts wohl die in hebriischen
Letter, und zwar im korfiotischen Gebetbuch erhal-
tenen sind. Gibt es einen schlagenderen Beweis fiir die
auch sonst so oft erliirtcte Tatsache, daB jidische Treuc
selbst angesichts von Bedriickungen unwandelbar ist?
Italiens jiidiscie Geschichte war jedoch nicht nur
Etes6 ein kleines Abbild des jiidischen Geschehens in


aller Welt; die Halbinsel hat sich auch zu alien Zeiten
als ein Land der Zuflucht bewihrt. Wenn sie auch nicht
riesige Mengen von Fliichtlingen aufgenommen hat wie
Polen und Amerika, so hat sie doch in alien Krisenzeiten
Opfern der Verfolgung aus auderen Liindern eine Zu-
fluchtstlitte bieten kiinnen. Ihre friihesten jiidischen Be-
wohner warren vielleicht Opfer der Unruhen in Pallstina,
die freiwillig oder unfreiwillig nach Europa kamen. Im
spilen Mittelalter besonders nach den Verfolgungen
von 1348 49 fanden deutsche Fliichtlinge in vielen Stid-
ten der lomhardischen Ebene ein neues Heiim, wo sie
eine Anzahl spiter beriihniter Gemeinden begriindeten.
Ala die Juden im 14. Jahrhundert aus Frankreich ver-
trieben wurdeu, kamen gleichfalls viele iiber die Alpen
nach Pieniont, und his in *unsere Tage wurde der alte
franzisische Gebetaritus von drei Gemeinden Asti,
Fossano und Moncalvo dort beihehallen. Die Vertrei-
bung der Juden aun Spanien verstarkte die Gemeinden
Mittelitaliens und hinterlieB eine dauernde Spur in der
beriihmiten Scuola Catalana in Rom.

Splter ergoB sich infolge der Titigkeit der Inqui-
sition ein andauernder Stronm marranischer Einwanderer
nach Italien, die in Ancona, Ferrara und an anderen
Orleu, sogar in Rom ihre eigenen Gemeinden bildeten.
Als sich whirend der Gegenreformation die Tore dieser
Orte fiir Juden schlossen, iffnete Venedig die seinen,
und schlieBlich bot der Grofherzog von Toscana den
Heimatlosen eine Zufluchtstiitte in Livorno, das bald
eiies der Zentren der marranisclen Diaspora und vielen
eine Heimat %wurde, denen die weniger duldsamen Teile
des Landes versperrt wareu.

Angesichts aller dieser Tatsachen, die die Ziige der
jiidischeni Allgemeingeschiclie in ilirem italienischen
Abbild widerspiegeln, kann der Forscher unmiglich sicl
zu ciner flaalistischen oder agnosticiheu Weltanschau-
ung bekeunen. hi der Geschichte unseres Volkes scheint
iwirklich eine Vorsehung zu walten. Verfolgungen sind
zwar so hiufig geviesen wie in der Geschichte keines
anderen Volkes. Aber selbst in den dunkelsten Stunden
war diese Verfolgung keine allgemeine, iiberall gleich-
zeitige und daher nie vernichtend fir die Judenheit als
Ganzes. Sellbs in den dunkelsten Stunden stand unseren
Briidern ein Land als Zufluchtlstitte often, ein Ort, wo
der Jude des Schutzes und der Sicierheit gewiB sein, wo
er seine geistigen Ideale entwickeli und %on wo er si-ch
von neuem in den Kampf um den Aufstieg begeben
konnte, wean die Verhlltnisse sich besserten.


IIT~r~








Die Vertreibung der Juden aus Wien und ihre Einwanderung in Preulen
Von Selma S t e r n, Heidelberg.


In der Geschichte der Diaspora bilden Ansiedlung,
Vertreibung und Wanderung immer wieder Anfang,
Mitte und Ende eines fast gesetzmli igen Geschehens.
Wie in einem Kreislauf folgen auf Jahrhunderte der
Eingliederung and der Einbiirgerung in das aufneh-
mende Volk Epochen der Ausweisung und der Verfol-
gung. Die inneren Motive und die psychologischen
Griinde sind in allen Lindern und zu allen Zeiten von
gleicher oder ihnlicler Art. Die iuBeren Ursachen
wechseln, sie sind abhbingig von wirlschaftlichen Bedin-
gungen und weltanschaulichen Bindungen, von der Struk-
tur der Staatsformen and der Verschiedenartigkeit der
Verfassungen, von historischen Konslellationen und poli-
lischen Ereignisaen. So kam es vor, daB ein von Stinden
beberrachter Territorialstaat oder ein von Ziinften oder
Patriziern regierter Stadstanat seine Juden vertrieb, waih-
rend zu gleicher Zeit der merkantilistische und kapita-
listische Nachbarstaat sie ansiedelte, oder daB ein kon-
fessionell gebundenes, auf der Einheit der Glaubens-
bekenntnisse aufgebautes Staatagebilde sie als Ungliubige
verstieB, whibrend sie bei toleranten, Konfession und
Politik trennenden Herrachern Aufnahme fanden.
Der religiise Mensch wird in diesem rhytlhmischen
Wandel eines stets gleichen Geschehens den tieferen
Sinn eines leidvollen Schicksals erkennen und deuten.
Der Historiker vermag mit den kargeren Mitteln seiner
Erkenmtnis nur das einmalige historische Ereignis ratio-
nal und kausal zu erfassen, rund er wird im Spiegel der
Vergangenheit Geschehnisse der Gegenwart schirfer und
klarer betrachten.
Neben den Jahren 1492 und 1648, den Jahren der
Vertreibung der Juden aus Spanien and den Verfolgun-
gen in Polen und in der Ukraine, bedeutet das Jahr 1670
das dritte umwiilzende Ereignis der neueren jiidischen
Geschichte. Die Vertreibung der Juden aus Wien and
Niederisterreich, die ZerstSrung des dritten groBen gei-
stigen und kulturellen Mittelpunkts der damaligen jiidi-
schen Welt, ist von der Dichlung und Literatur jener
Zeit weniger einpriigsam fesagehalten worden ala die
Flucht vor def spanischen Inquisition oder der Mir-
tyrertod der von den Kosaken ermordeten polnischen
und ukrainischen Juden. Der Grund liegt nicht darin,
daB die aus Wien und Osterreich Vertriebenen ihre Hei-
mat leichteren Herzens aufgaben als die andern. Noch
viele Jahre haben sie in 6ffentlichen Dokumenten zu
ihrem Namen die Worte ,,Exulanten von Wien" oder
,,Vertriebene aus Osterreich" hinzugesetzt und diese Be-
zeichnungen selbst noch auf den Grabsteinen featgehal-
ten. Aber wiihrend die spanischen und polnischen Juden
ziellos und planlos bald in diesem, bald in jenem Lande
um Aufnahme betteln muBlen und abhingig blieben von
der Laune und Gnade der Herrachenden, traf die Wiener
Juden ein besseres Los. Ein Teil von ihnen wurde be-


wuBt dazu ausersehen, am Aufbau eines modernen, zu-
kunfiavollen Staates mitzuwirken.

Die Wiener Juden bildeten, besonders seit ihrer
Obersiedlung nach dem unteren Werd (1624), eine der
bliihendsten Gemeinden des Reichs. Sie wohnten gleich-
sam als Staat im Staat auf eigenem Gebiet, besafen
eigene Verwallung und Gerichtabarkeit und waren nur
der kaiserlichen Obrigkeit unterstellt. Die Hofhefreiten
blieben fiir alle Waren, die sie dem kaiserlichen Hof-
halte lieferten, von Steuern, Maut und Zillen frei. Sie
durften in 18 offenen Gew6lben in der inneren Stadt
ihren Handel treiben, sie besaBen gute Schulen und
iffentliche Synagogen, sie bildeten ihre Jugend durch
Berufung bedeutender Gelehrter. Namhafte Arzte und
Rabbiner, Talmudisten und Kabbaliaten trugen den Ruf
des geordneten Gemeinwesens in alle Welt, im Wiener
Ghetto machte der bekannte Polyhistor und Professor der
Geschichte Wagensmil die Studien zu seinen jiidischenWer-
ken. Als Kaufleute waren die Wiener tiichtig, gewandt und
siel gereist. Sie standen in Handelsbeziehungen zu Ita-
lien, Polen und der Tiirkei; als Miinzvenralter, alI
Heereslieferanten und Salzfaktoren gebranibte sie der
Staat, al Geldvermittler und Projektemacler der ewig
rerachuldete Hof. Trotz der ungeheuern Abgaben an
die kaiserliche Kasse, trotz aller Ausschreitungen der
Wiener Biirger und aller Drohungen des stidtischen
Magistrats war ihre Lage hunter der Regierung Ferdi-
nand II. und Ferdinand III. recht giinstig. Auch der
von Jesuiten erzogene, fanatisch fromme Kaiser Leo-
pold I. war ilmen zu Anfang nicht feindlich gesiant.
Er bestitigte 1659 den Wiener Juden ihre Pivilegien
und gestattete ihnen wihrend der Tiirkenkriege den Auf-
enthalt in der inneren Stadt. So iiberfiel sie der Aua-
weisbefehl des Jabres 1670 unerwartet und unvor-
bereitet.
Allerlei Ungliickafllle am kaiserlichen Hof, ein
Brand im Schlosse, der der kaiserlichen Familie fast
das Leben kostete, eine Fehlgeburt der Kaiserin, der
Tod des jungen Kronprinzen wurden von den juden-
feindlichen Stinden, dem Wiener Magistrat, den Ziinf-
ten, der Geistliclkeit zu einem wohlorganisierten Komni-
plott gegen die Juden ausgeniitzt. Der Beichlvater der
Kaiserin und Vertraute des Kaisers, der Bisclof Kollo-
nitach, wurde beauftragt, dem Herrscher alle die Zeiclen
und Wunder als Strafe des erziirnten Himmels fir die
Duldung der Juden zu deuten und von dem aberglau-
bischen Regenten und seinen Ratgebern die Vertreibuna
der Ungliubigen zu erbitten. Fir den Ausfall, den die
kaiserliche Kasse durch den Verlust der jiidischen
Steuertriger erlitt, erboten sich die Wiener Birger, jihr-
lich 14 000 Gulden und nocl dazu einen einnaligen Bei-
trag von 15000 Gulden zu bezahlen.


109




* wr WV ~UW W WW W rw WW -


Schon am 26. Juli 1669 wurde der 6sterreichischen
Regierung angezeigtL da1 der Kaiser ,.aus sonderbaren
beweglichen Ursachen, um Beschwerden. wie sie die
Christen seit einiger Zeit fiilren. zu \erliiien, die Aus-
weisung einer Anzabl Juden und Jiidinnen aus Wien
und dem Lande Osterreich besehlossen habe". Und am
28. February 1670 erfolgte die kaiserliche Resolution, daB
bis zum nichslen Pfingstfeste die gesamte Judeuschaft
Wiens die Stadt zu rinumen habe; daB bis zum Fron-
leichnamstage kein Jude sich mehr sehen lassen diirfe.

David Kaufmann hat in seiner Chronik'i die
sclreckcnsvollen Ereignisse jener Tage festgehalten. die
Verzweiflung der so pll6zlich von Haus und Hot Verja,-
ten, die Versuche der iibrigen jiidischen Wel., beson-
ders des Hamburger portugiesischen Juden Texeira.
dureh Vemnittlung des Papstes und der Kiinigin von
Schweden den Kaiser unizustimmen, die Anstrengung
der Wiener Juden. durch Geldangebote und Bittschrif-
ten den Ausweisbefehl riickgangig zu machen, die ein-
stimmige, entriistete Abwelr der als Rettung angebote-
nen Taufe, den hastigen. verlustreichen Verkauf der
Hiuser und der iffentlichen Gebaude und selliel3ich
die fluchlartige Auswanderung nacli Mihren, Baihmen.
Ansbach, Fiirth, Hamburg. Frankfurt und andern jiidi-
schen Gemeinden des Reichs.

Von allen diesen Vorgingen berichtete damals \on
Wien aus der brandenburgische Resident Andreas Neu-
mann nach Berlin. Es scheint. daB man dort schon lange
die W iener Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgte,
daB man von Anfang an daran dachte. die Vertreibung
der Juden fiir den eigenen Staat auszuniiizen.

Der Gro3e Kurfiirst hatte gleich nach seinem Regie-
rungsantritt lbewiesen. daB er entschlossen war, in der
Judenpolitik eigene und neue Wege zu gehen, indem er
es unteniahm. einen bisher unbeachteten und verachte-
ten Volksteil zum Werkzeug. ja zum Helfer seiner groa3-
ziigigeu Handels-, Finanz- und Gewerbepolitik zu
maclien. W ie er sich von den mittelalterlichen Formen
loste, die intermediiren Gewalten zugunsten der Staats-
einheit heseitigte, an Stelle des Sildnerlceres da-
stehende Heer setzte, den Adel zuriickdringte iind den
Beaten clhuf, so versuchte er die fiirstlichen Kammer-
kneehte, die his dahin passive Pertiienzen des Herr-
sehers waren. in persiiilichie Triger und selbstindige
Glieder einer aufstrebenden W irtschaftsforn zu verwan-
deln. Seine menschilic free persotiliche Auffa-sun..s
daB die Duldung eben darin ilir Wesen habe, alle zu
dulden, seine ganz moderne Vorilellung der Not'\endiz-
keit einer Trennung \on Religion und Politik crrbanden
-ich mit seinen realen beviilkeruiigsipolitiscien und wirt-
shelftspolitischen Enviigungen. In der Absicht. den Ver-
triel) on Luxuswaren und Malssenprodukteu durch
Juden zu f6rdern, nehr Geld in Umlauf zu bringten

i Die lenre \ertreibung deri Juden aoui Wien und NiediiL uc.c-
reiih .... Wien 1889.


den noch halb naturwirtschaftlichen Charakter seines
Landes in den modernen geld- und kreditwirtschaftlichen
umzugestalten. mit Hille des jiidischen Freihiudlers den
fest umrissenen Rechten der Ziinfle und Gewerke Ab-
bruch zu tun. durch die offense Konkurrenz das gewerb-
liche Leben auf gesunderen Boden zu stellen, hate er
schon im Jahre 1650 die Prihilegien d.r alten jiidischen
Gemeinden in Kleve-Mark. Minden und Halberstadt er-
neuert und erweitert, in den fisher judenfreien Provin-
zen OslpreuBen and Pommern neue jiidische Kolonien
begriindet, den Leibzoll aufgehoben und alien jiidisclen
Untertanen das Recht zu kaufen und zu verkaufen und
den Besitz oftener Laden und Buden gewhihrt.
In der Abiceht die Frankfurter Messen neu zu
beleben, den Handel mit Polen und RuBland zu erwei-
tern, die Verkelirsreileit zwichlen Pomniern. Branden-
burg und den mittleren Provinzen zu fIrdern, machte
er jetzt den Versuch. die Wiener und Osterreicher
Juden in der Mark Brandenburg anzusiedeln, trotzdem
den markisclen Stainden 'vor hundert Jahren das feier-
liche Ver|sprechen gegeben worden war. daB auf ,ewige
Zeiten" kein Jude mehr in der Mark Brandenburg ge-
duldet werden solle.
So erging am 19. April 1670 an den Wiener Ge-
sandten Andreas Neumann eiu Reskript, man sei geneigt,
40 bis 510 1sterreichische Judenfamilien, sofern es reiche
und %iohlhabende Leute seien, die ihre Mittel ins Land
bringen und hier anlegen wollten, in der Mark Branden-
burg aufzunehmen. Oiber die einzelnen Verhandlungen
des Residenten. der mit dem Judenrichter und den Vor-
stehern der W iener Gemeinde sofort in Verbindung Irat,
-ind \ir nichl unterrichtet. Es geht nur auii den Akten
heroor. dal3 drei Abgesaudte der Osterreicier. Hirsehel
Lazarus. Benedikt Veit und Abraham RieB in Berlin
erclhienen, ium dort anzufragen, an welchen Orten der
Monarchic -ie sich niederlassen diirften und Privilegien,
wie sieie si e Klevener und Mindener Juden besalen, fir
die Wiener Juden zu erbitten. Auf Befehl des Kur-
fiir-ten erlhandellen die Geheimen Rite selbst mit den
jiidischen Abgecaiidten. Die Verhandluigen verliefen
friedlich. lMan kanm sich auf beiden Seiten weit entgegen.
Den Vorschlag der Minister freilich. iiUste Felder zu be-
-stlle 1111man hat hier offenbar an das Beispiel der Hol-
Iaiindr ,edacht. die damals durch Austrocknen von
Siimplen und loraistei, durch Bearbeilung des Botlens.
durch die Anlage \on Giirtnereien und Milehwirtschaf-
tien ilie beriihlmten Kolonien Crammen, Liebenwalde uld
Oranienburg grindelen). schilugen die Abgesandten al)
iln sie sich besser auf den Handel verstinden. Dagegen
erkliirten ie sich mit der Hbhe der verlangten Abgaben
-int.erstandtl-i. wiilrend man ihnen ihre Bitte. Hiiuser
kaul,-n oder nmieteu zu liirfen, ge iihrte. Der Mangel an
MIenschiin im Lande. die Notuendigkeit. die Konimerzien
zu beleben. das betonten die Minister in ihrem Gut-
achten an den Fiirsten iiber die Unterredung, lieBe iiien
die Aufnahme der Juden als unbedingi notwendig er-


110






csheinen, selbst auf die Gefahr eines Widerslandes von
seiten der Stande, den sie fiirchteten, den sie aber durcli
allerhand Kompromisse. wie das Verbot des iffrenlichen
Gotlesdienstes,.beheben zu kinnen glaubten.

Am 19. Mai 1671 kamen die Verhandlungen zuni
Abschllu. am 20. genelumigte der Kurfiirst einen ion
Rabau von CanPlein, dent Direktor des Kanmnie-riweeni.
konzipierlen Eulwurf eines Judenpri\ilese und am 21.
wurde das heriihmte Edikt veriiffentlicht, das man die
Magna Charta der Brandenburger Juden genanit hal.
Fiinfzig Familien wurde fiir 20 Jahre der Aufenthalt in
der Mark Brandenburg und im Herzogtum Krossen. der
freie, ungehinderle Handel, der Besuch der Jahr-. der
Wochenmiirkle und der NMessen. der Kauf, die Miete
und der Bau ion Hiusern gestatlet. Am 6. September
wurde das Edikt durch ein kurfiirstliches Reskript er-
ginzt, nacl deni jeden Juden gegen Erlegung eines
zweijiibrigen Schutzgeldes die Emigration ais der Mark
freistehen sollte. Das Schuizgeld von acht Reichstalern
fir jede Familie iollle nicht erhiiht werden diirfen,
gleichgiiltig, ob die Zahl der 50 Familien erreicht werde
oder nicht.
Trotz der groBen Milde der Betimmnungen vollzog
sich der Einbau in den Staat mid der Aifbau der Ge-
meinden nur langsam und nur hunter Schwierigkeiten
und KI(mpfen. Die Innimgen und die Gewerke, die
Stiinde und die Magistrate, die Kauf- und die Handels-
leute selzten sich sofort gegen die Aufnahme der Juden
zur Wehr und suchten durch Worl und Tat. durch An-
klagen und Drohungen die Ansiedluin zu hintertreiben.
MIit dem Staate selbst blieben die Juden noch lange nir
lose verkniipft. Das Aufnahmeedikt lautele nur fiir eine
bestimnmle Frist von Jahren, die Schutzbriefe warden
nur fir einzelne Personen ausgeslellt, eine feste staat-
liche Organisation gab es nicht mnani unterstellte die
Judenschaft wechselnd bald dieser. bald jener Behirde,
dem Geheimen Rat. der Antiskammer. dem Kommiss.a-
riat in Berlin, den Magistraten in der Proiinz.
Hinzu kamen die inueren Sciwierigkeiten bei der
Neubildung der Gemeinde in Berlin. Zn ar lastete der
Grof3e Kurfiirst. durchdrungen ioondem mittelalterlichen
Gedanken, daB das eigene mid inner Leben der sozial
eeschiedenen Genossenschaften nicht zerBliirt uerden
diirfte. die Autonomie der jiidischlen Geeinde nihlit an.
Wie in Wien konnte sie sich auch in Berlin als selbstiin-
dige Kirperschaft mil eigenem Rcht. eigener eraal-
lung, eigenem Kult und eigener Gericltshlarkeit ceigenem
.\rmen-, Erziehungs- und Bildungswesen konstituieren
und die Wahil ihrer Rabbiner mid Vorstcler selbstaindig
uid ohne staatliclie Einmischung \ollzielien. Aber das
Besirebeu des Grofen Kurliirsten. sein durch Krieac uiin
Hunger-snot verwirstees Land mi;glichst raech zu peuplie-
ren, lockte jiidische Atiiedler ion iiberall nach Berlin.
Zu den Osterreicheni gesellten sicl bald Einwandlrrer
aus Poleu nid Litauen, aus Bhlnimen uid Malirei. aui
den Siidten am Rhein und aus Siiddeutschll, d, aus


Hamburg und Halberstadt. Es fanden sich die verschie-
denarligsten Elemente zuisamenen, arme Hausierer, Hind-
ler und Kramer. gewandte GroBkauflenie und Juweliere.
Arzte, Gelehrie und Rabbiner. Es felilte ihben die ge-
meinnsame Gemeindetradition, gemeinsame Erlebuisse in
Freud und Leid. Die Osterreicher sonderten ich hocli-
miilig von den andern ab, sich als.den Adel, die Ersten
empfindend. Die .,Vergleitelen" kimpflen gegen die .,Un-
vergleiteten". ihre Konkurrenz fiir den eigenen Handel
befiirchtend. Energische fiirstliche Giinsllinge %on
groBem Verniigen benutzten ihren EinfluB hei Hof zu
einer Machtstellung auch in der Gemeinde. Es bildeten
sich Kliquen und Schiclten, die sich in Wort und Schrift
erbittert befeldeten und bis zum Throne selbst ihre Pro-
zesse schleppten.
Es liegt niciht im Rahmen dieser kurzen Skizze, zii
schildern, wie diese Schwierigkeiten iiberwunden wur-
den, \on seilen der Juden durch tatkrEiftige Vorsteher
und kluge Beamle, denen der organische Zusammen-
schluB der Judenschaft schlie3lich gelang, von seiten de-
Staates durch die straffe Unterordnung des Judenwesens
inter die hichsaen BehSrden des Landes, durch die Ein-
selzung einer eigenen, aus Beamten des Kammergerichis
gebildeten. mit der Judenschaft eng verbundenen Kom-
uission. durch die bewu3te Bildung und Formung der
Juden zu selbstbewuften Untertanen der Monarchie.
durch die dauernden Versuche, die strenge Absonderung
zu lisen. sie geislig, kulturell und wirtschaftlich mit dem
Slaate zu ierbinden.
Damit begiunt das fiir den Staat wie fiir die Judeii
gleich bedeutsame Wechselverhilinis. das die neuere
Epoche der Geschichie der Juden in Deutschland kenn-
zeiclnet. Vom Staate her gesehen: der absolutistische
und merkanlilistische Staat schlieBt sein festes Biindnis
mit den Juden, schiitzt sie gegen alle Anfeindungen der
Ge( ellschaft, kapitalisiert und industrialisiert mit ilirer
Hilfe das Land. iibergibt ihnen die ersten grol3en Pacht-
und Bank-. Lotterie- und Handelsunternelhmungen und
gliedert sie sich dadurch wirtschaftlich, finanziell und
political aud das engse ein. Von denden Jenu her gesehen:
durch das Vorgelen des Staales ermutigt und durch das
Beispiel vornehmer Hofjuden und reicher Fabrikanten
uind Lieferanten wie Jost Liebmann und Martius Magnus,
MIoses Levi, Gumperts und Meyer Ries. Da\id Hirscch und
Daniel Itzig geleitel uid beeinfluft von den Ideen der
Zeit. beginnen sie damals in Bildung, Hallung und Er-
zielung sicl der Sprache. der Sitle und den Formen der
Umwelt anzugleichen und damit jene Synthese ion
deutscher uand jiidicher Kultur vorzubereiten, die Berlin
zum Mittelpunkt jiidischer Gelehrsamkeit und zum
Brennpuinkt der Au-seinandersetzung von deulscher und
jiidischer Kultur maclen sollte. -
Die Wiener Hofkammer aher bat
schon d rei J a re n a c der Vertreibung
der Juden den Kaiser. er in ge die
Riickkehr der J udenschaft schleunigst







g e s t a t e n. Der Handel sei schwer geschiidigt, der
Preis aller Waren gestiegen, Apotheker, Glaser, Tischler,
Maurer, Zimmerlcule erlitten durch den Aiusfall der
Hauszinse, des Fleisch., des Fisch- und Brolkonsunis
unermel3lichen Schaden, das gauze Geldgeschiift stock,
weil die Juden die einzigen brauchbaren Mittelspersonen
zwischen Geldgebern und Geldbediirftigen gewesen
seien. Ihr selbst aber sei es wochenlang niclt cinmal
gegen grofie Versprechungen mioglicl, 10 000 his 15 000
Gulden anfzubringen, wiihrend sie friiher gegen ein
nchlechltes Trinkgeld 50000 his 100000 und auch mehr
binnen 24 Stunden von den Juden hitte erhalten knnnen.
Und die alten Feinde der Juden, die isterreichischen
Stande, die am erbittertsten ihre Ausweisung erbeten
haluen, suchten nun bei dean Kaiserhore anzuregen, daBt
den in den benachbarten Lindcrn wohnenden Juden,
wenn nicht in Wien, so doch auf dem Lande das Kom-
merziumn wieder gestattet were: denn es zeige die tug-


liche Expericnz und Erfahrung ganz klar, daB, als die
Judenschaft in diesem Lande wohnhaft gewesen sei, die
liblichcn Landesmitglieder ihre erzengenden Wirt-
schaflimiltel weit besser durch die Juden zu Geld brin-
gen konnten als jelzt, wo sie aus der Stadt Wien und
dem Lande geschafft worden seien.

Der Kaiser gab den Bitten kein Gehbr. Er gewiihrte
nur einzelnen reichen mid angesehenen Hofjuden aus dem
Reich, wie Samuel Oppenheimer und Samson Wert-
heimer das Wohnrecht in Wien, danit sie die kaiserliche
Kasse mit Geld und die Armee mit Nahrungsmitteln ver-
sorgten. Die Geschichte der isterreichiscben Juden des
18. Jahrhunderts ist die Geschichte dieser Hofjuden und
einzelner tolerierter Familien. Zur Bildung einer Ge-
meinde mit selbstandiger Verwaltung und Ordnung ihrer
Angelegenheiten ist es in Wien erst wieder im Jahre 1849
gekonimen.


Einwanderung der Juden in Amerika nach 1882
Von Mark W i schni t z er, Berlin.


Vom eraten Tage seiner Entdeckumg an war Amerika
tin Einwanderungsland fiir Juden geworden. Marranen
und offense Bekenner des Judentums lenkten ihre Schritte
dorthlin, unt Schutz vor religiiacn Verfolgungen zu fin-
den und neue Existenzen zu griinden. Zuerst waren es
Mittel. und Siidamerika, wo neue jiidische Siedlungen
entstunden, spiiter, selt der Mine des 17. Jahrl., going der
Strom der Auswandorer nach Nordamerika. Wihrend
abor in Mittel- und Siidamerika die jiidischen Siedlun-
gon hunter dem dauernden Druck der Inquisition und
infolge der Vermisehung der Einwanderer mit der ein-
heimiaehen Bcvl6kerung immer mehr zusammenschmol-
zen, breiteten sie sichl in der nfirdlichen Hiilfte des Kon-
tinents, namentlich in der ersten HIilfte des 19. Jahrh.,
immer mehr aus. Imn Jahre 1840 wurde die Zahl der
Juden in den Vereinigten Staaten auf 15 000 geechiitzt,
1880, nclh vier Jahrzehnten ciner stetigen Einwande.
rlng, vornehmlich deutscher Juden, betrug sie etwa
230 000. In den iibrigen amerikanischen Lindern waren
Juden um 1880 in ganz geringer Zahl in Kanada z. B.
2400, in Argentinien einige hundert oder iiberhaupt
nicht vertreten.
Nnch dem Ausbruch der Pogrome in SiidruBland
setzt i. J. 1882 eine jiidische Masseneinwanderung nach
den ecreinigten Staaten ein, wie sie in der Diaspora nur
nach derAustreibung ausSpanien vorgekonmien war. Der
Lebensraum in den Liindern mit jiidischer Massensied-
lung RuBland, Galizien und Rumiinien war zu eng
geworden. Auf die Dauer konnten die im Ansiedlungs-
Rayon zusamniengepferchten Massen keine Existenzmiig-
lichkciten finden, insbesondere nachdem durch das ,,Pro-
visorische Reglement" von 1882 alle aus den Stidten
des Ansiedlungsrayons in die DSrfer fiihrenden Aus-


giinge fete zugeriegelt worden waren. Die Pogromwelle
im Jahre 1882 wurde durch ein System legaler Juden-
verfolgungen, wie es in dem ,,Provisorischen Reglement"
verankert war, abgelast. Das Elend nahm in den iiber-
fiillen Stidten zu und bedriickte in gleicher Weise dau-
ernd den Bestand der jiidischen Gemeinden in Gali-
zien und Rumiinien. Ohne daB Ausweisungsdekrete er-
lassen worden waren, setzlen sich Massen in Bewegung,
in der Hoffnung, Brot und Frieden in der Fremde zu
finden. Da die iibervblkerten westeuropiiischen LUnder
nur Wenigen Unterkunft bieten konnten, wurden weite
Zonen aufgesucht. Eine Reihe von Jahren bildete Lon-
don in kleinerem Umfange Paris die Etappen, so-
zusagen den Abstecher auf dem Wege iiber den Grol3en
Teich. Das Eastend von London wurde zu einem Sam-
melbecken der jiidischen Flichtlinge aus dem Osten.
Bei dem ungeheuren Massenansturm wiren sicherlich
schwerste wirtschaftliche Krisen nicht erspart geblieben,
wenn nicht die Vereinigten Staaten damals uneinge-
schriinkt offen gewesen wiren. Amerika, das Land der
unbegrenzten MSglichkeiten, machete seinerzeit einen
unglaublichen Aufachwung und konnte so die herein-
strimenden groBen Menschenmassen aufuehmen. Es
nahm die zahllosen jiidischen Fliichtlinge genau so willing
auf, wie vorher die Iren und andere. Der amerikanische
Schmelztiegel hot auch eine grole Chance fiir die poli-
tisch verfolgten und wirtschaftlich geschwiichten jiidi-
schen Massen des 6astlichen Europa. Die Heimatlosen
fanden in den Vereinigten Staaten und bald darauf auch
in einigen anderen anierikanisehen Gebieten Boden und
Arbeit. So entetand in einer Generation in Amerika ein
jiidisches Zentrum, das so groBe AusmaBe annahm, daB
es zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Weltjudentum an


112


.............................. ......-;* I- .; :; ....


'NT"'









zweiter Stelle stand. Jetzt ist Amerika das griB3te jiidi-
sche Zentrum der alien und neuen Welt. Diese Entwick-
lung kann. wie Simon DLuhnow bemnerkt. im talmudischen
Sinue so gekennzeichnet werden: ..Auf den Triimmern
Rul31ands erstand Amerika.-'
Der Stroni jiidiscler Wanderung konnte sich bis
1923 nach Amerika freilich nicht ganz ungehenimt -
ergiel3en, worauf grade in lheutiger Zeit Iingewiesen
werden soll. Schon i. J. 1890 regte sich in den Vereinia-
ten Staaten eine fremdenfeindliche Stinmuni. die aller-
dings praklisclh sich zunclihst nicht aus%%irkte. Ein
Jahr daraul. 1891. nahmen die Vereiiigten Staaten
noch 111 284 jiidische Einiw'anderer aus RufBland allein
42 1451 und 1892 136 712 lau. Ruil3and 76 4171 atu. Die


Einwanderer. die ihre Heimat wegen religibser Verfol-
gungen zu verlassen gezi wngen warren, \on der Bildumgs-
priifluig befreit \wurd'n. ni Jahre 1914 erreichte die
jiidische Einwanderung die Rekordziffer von 1380010.
Wlihreud des Welikrieges kam die Einwanderung zuni
Stillstand, 1921 aber dr ingten die AMassen, die durch
Krieg. Hunger und Verfolguingen zur Verzweiflung ge-
Irielen worden wanren, aufs neue \or. In dieseni Jahre
suchteu 119 (000 jiidische Einwaud.erer in den Vereinig-
ten Staaten eine unue Heimat.
Ini Jahre 1921 kam die Tendenz. die Einwan-
derung zu sperren. erneut zuni Durchbruch. Es nurde
ein Quoten-Gesetz erlassen. woodurch eine Zulassungs-
Quote \on 3. de. s BeiSlkerunisstatus. den die Nationa-


Jiid.i, l.e Gus.., In N,.rt York f'Heter Strect)


Jahre 1905-1907, in denen das russische Judentum wie-
der in einer fiirchterlicen Weise heimgesucht wurde,
brachten nahezu 4I0 I. u) jildische Einwanderer ins Land.
Um diese Zahl richtig zu verstehen, muB man daran den-
ken, daB die Zahl der jiidischen Einxwanderer.insgesamt
1 300 000 bis zum Jahre 1907 betragen hatte. In, dem-
selben Jahre wurde ein Emigrantengesetz erlassen, das
auf den weiteren Zustrom hemmend einwirken sollte :
die Einwanderungs-Steuer wurde verdoppelt, die Einreise
unbegleiteter Jugrndilieher unter 17 Jahren wurde unter-
bunden. Die Einwanderung in den folgenden Jahren
going zuriick. Die Bestrebungen, die Einwanderung zu
drosseln, wurden 1913 wieder aufgenommen. Die ,,Na-
tives" setzten in diesen Jahren eine Reihe von MaB-
nahmen durch, so u. a. die Forderung, daB Analphabe-
ten keinen EinlaB finden sollten. President Taft erhob
sein Veto gegen die Bill; sie wurde aber unter seinem
Nachfolger Wilson 1914 angenommen, freilich mit
wesentlich mildernder Bestimmung, so z. B., daB die


litat des betreffenden Eii.iianderers i. J. 1910 ausgemacht
hatte, festgesetzt wurde. Im Jahre 1924 wurde die Quote
auf 2%o und zwar vom Stande der Bevalkerung der
betreffenden Nationalittit in den Vereinigten Staaten im
Jahre 1890 reduziert. Die Bedeutung dieser Bestim-
mung liBt sich am besten aus folgenden Zahlen erken-
nen. Wiahrend nach dem ersten Quotengesetz die
HiIchstzahl der Einwanderung 358000 pro Jahr be-
tragen hatte, konnten laut dem zweiten Gesetz jihrlich
nur 165 000 Menschen einwandern. Dementsprechend
going die Zahl der jiidischen Einwanderer auf 50 000 nach
dem ersten Quotengesetz und auf etwa 12 000 nach dem
zweiten zuriick, aber auch diese kleinen Einwandercr-
zahlen wurden seit 1930 noch geringer, seitdem durch
die Hoover-Klausel die Konsulate das ausschliel3liche
Recht erhielten zu bestimmen, wem der EinlaB nach
den Vereinigten Staaten zu gewihren ist. Die jiidische
Einwanderung going demnach auf einige Tausend im
Jahre zuriick und kann, obwohl es jetzt so dringend


113


-
~ ':









wiinschenswert wire sie zu erh6hen, nicht wesentlich
steigen, wenn nicht die Regierung der Vereinigten Staa-
ten durch Abschaffung der Hoover-Klausel oder durchl
entgegenkommendere Auwendung in der Praxis die Ein-
wanderung erleichtert und erweitert.
Dem Beispiel der Vereiniglen Staaten waren aucl
andere amerikanische Linder gefolgt, nach denen sich
auch 1882 ebenfalls ein grof3er Strom jiidischer Aus-
wanderung ergossen hatte. Im ganzen waren im Ver-
lauf von 50 Jabren 1882 his 1932 iiber drei Mil-
lionen Juden nach Amerika ausgewandert, von denen
90% aus Osteuropa stammten, 5-6%D aus Deutschland
und isterreich (ohne Galizien) und 4--5%0 aus Lin-
dern auferhalb Europas. Die Bedeutung dieser Zahleu
wird am deutlichsten veranschaulicht durch den Ver-
gleich mit den Zahlen der vorangegangenen fiinfzig
Jahre. In den Jahren 1830-1880 iatte nimlich die
Auswanderung nach Amerika nur 200 000 hetragen, wo-
von 75.% aus Deutschland und Osterreich-Ungarn (ohne
Galizien), 20%" aus Osteuropa und 5% aus Lindern
auBerhalb Europas gekommen ivaren.
Zurzeit hat Amerika eine jildische Bevilkerung von
round 4 620 000, wovon 4 228 000 in den Vereinigten Staa-
ten. ca. 200 000 in Argentinien und 127 000 in Kanada,
30000 in Brailien, 16000 in Mexiko und 8000 in Kuba
leben. In den iibrigen amerikanischen Lindern sind die
Juden mit 1-2000 bzw. mit mehreren hundert Personen
vertreten. Die mirclhenhafte Schnelligkeit des Anwach-
sens des jiidischen Zentrums in Amerika sei an drei
Zahlen veranschaulicht: im Jahre 1880: 200000 Juden,
1914: 3000000 und 1930: 4 62)000. Es ist gar nicht
auszudenken, wie sich diese Entwicklung vollzogen lihlte,
liitte nichl der Krieg mit seinen eutsetzlichen, heute
noch so stark \erspiirbaren Auswiirkmngen eine einscluiei-
dende Zaesur bewirkt. Amerika hiatte heute sechs,
sieben, vielleicht noch mehr Millionen Juden. Die Hilfte
der Juden wire dort konzentriert.
In dem so rasch entstandenen jiidisehen Zentrum
pulsierte ein michliges Leben. Auf den Pampas you
Argenlinien, in den Urwiilderu Brasiliens, auf den wei-
ten Flichen von Kanada und der Vereinigten Staaten
entstanden lindliche Sieduwigen. In den GroBfstidten
wuchs liber Nacht ein groBer Arbeiterstand hervor, der
Hunderttausende umfaBt. Auf allen Gebieten der Wirl-
schaft, im Bankwesen, der Industrie, im Versicherungs-
wesen, im Handel betltigten sich die neieingewande ten
Element Schuller an Scliuler mit den bereits einge-


sessenen Juden. Die unzahligen kleinen Gemeinden,
Synagogenvereine und Landsmannschaften schlossen sici
zu einheitliclien Verbiinden zusammen. Wohlfahrts-
institutionen, soziale Einrichtungen, kulturelle Unter-
nehmen, Schulen, Klubs usw. warden geschaffen und ent-
wickellen sich rasch zu hoher Bliite. Neben einer weit-
verbreiteten Presse in der jiddischen Umgangssprache,
wurden englisch-jiidische Organe gegriindet. Die jiidische
Wissenschaft fand liebevolle Pflege. Ein markantes
Denkmal des kulturellen Schaffensdranges verbleibt fiir
immer die 12 bindige ,,Encyclopaedia Judaica".
Es ist nicht -verwunderlich, daB auf dem Boden
jiidischer Massenansiedlung und des aufkeimenden jiidi-
schen GemeinschaftsbewuBtseins der Orden Bne Briss -
es ist gerade 90 Jahre her mit seinen menschheitlichen
Zielen erwuchs.
Es ist noch zu friih, um iiber den sozialen und
kulturellen Aufbau in dem neuen Zentrum ein abschlie-
Bendes Wort zu sagen; aber aul eines imuB hier hinge-
wiesen werden: auf die enge Verbundenheit der neuen
anierikaniselen Bilrger mit ihren in Europa zuriickge-
bliebenen Stammesbriidern. Jede neue Kunde von einem
Schicksalsschlag, der das Judentum in Europa getroffen
hat, late bei den amerikanischen Briideru das wiirmste
Mitempfinden aus. So war es nach Kiscliinew im Jahre
1903. nach den Pogromen inm Jahre 1905, nach den ukrai-
nischen Metzeleien im Jahre 1918 usw. Das Amerika-
nisch-Jiidische Komitee (1906 gegriindet) war einer der
wirkungavollsten Sachwalter iir die in Osteuropa ver-
folgten Juden geworden. Ibm ist es im wesentlichen zu
verdanken, daB die Vereinigten Staaten im Jahre 1912
den Handelsvertrag mit RuBland listen aus Protest
gegen die Diskriminierung \on Amerikanern wegen
ihrer Zugehbrigkeit zum Judentum.
Als der Welikrieg ungeheures Elend iiber die Juden
des Osteus gebracht hate, entwickelte das amerikanische
Judentum grolziigige charitative Titigkeit durch das be-
sonders ins Leben gerufene ,.American Joint Distibution
Commitite". GroB waren auch die Leistungen des ame-
rikanischen Judentums fiir den Aufbau Paliistinas.
Die wirtschaftliche Krise, die zurzeit auf den ameri-
kanischen Juden schwer lasted, liihmt naturgemliB ihre
Aktionskraft. Hoffentlich bessert sich die wirtschaft-
liche Lage bald derart. daB das gesamte Judentum sich
der titigen Mitarbeit des amerikanischen Judentums
erfreut, deren es so dringend bedarf zur Liisung groBer,
schwerer Aufgaben.


Das Bild ,Jeremias" ist der Knnsrsammlung der Jiidischen Gemeinde, die iibrigen Bilder sind dem Jidisc hen Lexrion (Herlitz.Kirschner)
enrnommen. Fiir die Oberlassung der Bilder sprechen wir der lJidischen Gemeinde und dem Jiidischen Verlag beaten Dank aus.


























Anschriften der Mitarbeiter


Dr. Elias Auerbach, Haifa, Hadar Hacarmel
Professbr Dr. Majer Balaban, Warszawa, Sienna 38
Professor Dr. Simon Dubnow, Riga
Dr. Alfred Golds'chmidt, Berlin-Halensee, KOstriner Str. 24
Dr. Georg Herlitz, Jerusalem
Gemeinderabbiner Dr. Adolf Kober, K8ln, Roonstr. 60
Dr. Saul Mezan, Sofia, Ex. Joseph 25
Cecil Roth, London N.W. 6, Compayne Gardens 65
Selma Stern, Heidelberg, Kapellenweg 11
Dr. Mark Wischnitzer, Berlin W15, Emser Str. 22


i -
-. ... .
..7 .. ,. ,-. ..1 '. .- = ,. _... ...- : : .; .. ....: .. .'.-. :. ,.- .- -, ". : : .


*I





'":
I
A





~I



*1


I
'.,





I











.1







*-9
r"'





:2


.S

.:z


I-.






r;

I.
tl


2*1~s






C~in




IT


Nasaiu-Io0 h
Aller Cjmforn Th crm, i,. 1 r
Zinimer mil Pr i.ibuder J.pi DEat


nhi r. Lveneil nl..El-re13rC.jOnl
Wilheimbad-Slrand;dyll
ZlC.i.rCC !r |.'il i. Onl-..i P Tn. ?l EC r -I1.VcrC I.
Er,,vc. Iad Lo*jiam ~Or Tel E.nr.r.oit


Berlin W35 Pe nsion v. Kessel Inll. Frau Stein
Potidamer Sir. 118 CenrYalheizung. Iliceend \a-ier, Fahretuhl
B 2 L loivr 4738 nm.u o elhrePl rnin narn pr.tlitEinel.rereSpra.Che 1


Hotels, Pensionen und Hei ie BisherigerRechtsanwalt
Schn .n .- Br ,lt rr..,m.Tr m n -
koblenz Pension Steinthal sam rrn .- r.r.Il s .rt.
HOTEL CONTINENTAL Berlin-CharloHenburg r h,,lkl,, iD.Cl In i
Am llaurbfi. linker Aurgang V'I r ._a E Hausve rwaltunge n
A4m Ilau~lbl. linker Auagan6 Druern.lm f{, h'I. Damr .. Er.-onle
Io Z.m0 er mrl Illub nem V .siir. .'. Ilr .'", MC.In. 6J6, ,r -.v,,-. C ,C..=c cc a ,;hru,j ? S..I ,ls i J. 5,'I,,
Moaerr-a Benall3cnCill Err.sL ,. M5,eer 51or ,ur. lu Mn. En,-Ladr) O M, I r, r. F Oi : EafCn rn u,.=r.,jr, er C r r, .
Wiesbaden "t \\'ollersdorfer Schleise u.- *ir ..:. orn .: u,,
KURHOTEL KONPRINZ I .. r L-r


Taunus -
BAD natoriB Dr.Go.ds.cmidt






BAD HOMBURGv. D. H


Landschul- und Kinderheim Caputh
bei Poiijam Prsjd.iuni r SirLni. 18 Fernruf: (I iputh 3ol
Jiidisches Lanldschlllieiim ifr Knaben undAllidchEn
mit Grunds,.hul-e, Linrer- und MiNiilriul'e der lb' .:herrn Schule
\':.rberearluiag ur.. Im I-ilril.-IJi laIl B. rut.. ni ,llJitung rl T ju ...-ilr u
kinderpil.g ,A, t..i l, I r .11,- T ll.kcr.r r, Htna.r.r, I lI.u: t.I.l u.-n rir :h .
ki.,:-.hern. Dal, u,.hir i_,tri,-re- i, r\ ?"kiln, rr.hi I n1.n; (:Certrnd FeirlO g


Penslonal Regina Bachrach
Haushaltungsschule
u.Pensionat loniera'laaeI
Moderne Zimmer mil und
Vorbereitungskurse for
Palastina
Nah-, Hauswirtschaftl.,
Diatkurse


Hamburg 37. Tel 55 3t 13
Fremdenpension
u.Diatkiche Klo;lerall[e4
Pension auch i3ge a e
Aufnahme far
Schiler u. Schnlerinnen
fur judische Schulen
Sorgsamste Betreuung


PA R K HOTEL
Bad Tolz
odn. rfnjni:nlrle |i~didle llu..
blbragi-nIJ rulli e Uinterki .nli
f.rb rA Ar ta.t e C ?ol r er
5iAAo oitc~ deneir.,


OBER-KRUMMHOBEL
Im Pi; CLrn g bHlr.ia
Haus
RUBEZAHL
S Harrhiche sIL. bl.ei Loag r:o.-er
S Ga'I, D r.'is F('eiCrriaur.. Fu., I
DJ.Inh. Fru Clai e PMrch ls .
Inh. Frau Claire f Ilchaie k


Lagerhauser mit Kabinen, Mottenkammern, Safes


Umzuge
In- und Ausland Palastina, Obersee
von alien Orten Deutschlands

Georg Silberstein & Co., Berlin SO 36
Fernsprecher. F8 Oberbaum 9191, Illegiarm-iAdresie: P ompt us, Berlin


Nach langjlhrleer Tatigkeit als A-_i-
sleni und Oberarzi an der I inn.
AtI. des stidt Hnrst-Weii.el-Kran-
kenhauses im Friedrichshain (Pr:i
Dr Lippmanni h:be ich die Pr.li
von Herrn Dr Falk Schlesingr uror-
nonimen und mich Siegmundshof 15
tam Banhi. Tiergarlrn. Tel. C 9 7jhS
Iiedergelassen
Dr. Walter Friedlaender, Fatinr:!
fjr inner hranioheilen. 9-l.i, 4-6
IoupI.Sorinnab-n.J I1 1. I'r t E uriE p,


Schenkt

JUGEND

BUCHER

der GroBloge


-- Betriebsleiter

Strumpf- Strick- oder Wirkwarenfabrik
*. '.,' .. ti 1 F.;L, .. ,, i n ." ,' t.r, 'J. ., r', ,.'. ,'
L's C' a J 1, n H- ,f. ;. E C. h.-' C. .
EC EC,'E,, M, .'h,. U,', .',,, iC ,,-,.,i,, i ', ',:. ,,' ', ,,,'
,-,i i l, i, ; q* '. '- T ,.. -. r,
/' ,'i i'i_ r t.f/.~j, ',,i 1 ['lr ,,1 L','b i, r ', :l.r', .', I 1 I, i .


Scd&leriniernai Jerusalem fur 'Knben en u NJddien im schulpflihrtiAen
Alter. Pedaqogisdre, hCgieniJsc u. drz:tdfje Beireuung. L'orbereirunq
zum Sdlulunterridch in allen F.ddern. Braulsidciigung und ,..dhd/hle bei
den Sdiulauf/aben. Leitung: Dr. N a N .~l y e r, Jerusalem T.lpioth


Bel Herzleden, Nrvostt, Dr Zu kers
Schlafloslgkelt helfen Hofrat Ur. Zuckers

BiOX-Sauerstoff-Bader
Verlangen Sle per Posll'are ,,Ral- GR A
schilge Ifr Badekuren Im Haus", *on
Medlzlnalrat Dr. mad R Lur bea.belei
durch Max Elb A.G.. Dresden-A 28


In franz. Universitatsstadt erbline
ich in OKt. 19j3 ein He;m IUr junge
NMaddlen, die Schulen, Hoch- oder
Fachschulen I prakti. u kdinm.l Berule
besuch. iollen Liebe\ Betreuung,
vertilndni;v Forderung u We;ter-
bildung 151 drrch mEine lahrel. Er-
lahrung im blienllicher, Scnuldienst
ge'.'.ahrliCrIilet Brste Reicrenzen.
-4nfr. banint. in Dr. .Mrg. R.,wrc:
Br-slau 1' Fri rb er. gerstr.. j. Ti I -';,"C'


100 x BiOXULTRA-ZAHNPAS TA = 50A
Mil einer klelnen Tube au 60 j kOnnen SIl mehr als 100X lhre Zihne pulzen, wall BIOX-ULTRA hechkonzenlrlerl let und nie hart wirA



'Verjniworrihch fur den irnhail Dr. A 'Ired Golddclinmidi. Berlin W, Klesrstr 12 Druck Crr.ahiiche Kuonr.i..nr l[ A.rnold We-ylndr G m. b H b..rlin SO 1,. Ru.,nesrr I'
Allenige Ari2eien-.Anrnhme a ntd serTanEs orlich tur die ArZLei r,. Leo "ilber-lemn, Berlio \ '5.0 Spi:chrrr.C r I-


kiiiderpension \\Vill
L'Untr ir:11nthir A.4fsit.lit
Berlin 0"27. Iloupacli-lrdal-e 11
Tel: E 4 Fi e.dril-h.haii 1 I'lh
Lnij, ri. n. -i T I '.': i '
iCt.rri i..,J, r Ejb.,C r rii..i, j O.J E.J,
S-cIulC'n in ,rb.'l.. r ,nJIhC.
Z.r lg'niu1Ii PrtI;.


F. 3u T-n- i .'. ir, r EI... r: tI ri
zwei jungen,
studierenden Madchen
al ;j,1 i ill r ^ j 1 Hli I.mH
T. I..,:.Cr _: l. : 1ur lll3 -{ rl
n L.,l.l.l' ,, l r 1 3 ,3 -
4nnie La'elzL.y, W I e n 2
Hernlr :I.,I


I~l~smrgl7 Fn 7! 'I~la


!




Full Text
xml version 1.0 encoding UTF-8
REPORT xmlns http:www.fcla.edudlsmddaitss xmlns:xsi http:www.w3.org2001XMLSchema-instance xsi:schemaLocation http:www.fcla.edudlsmddaitssdaitssReport.xsd
INGEST IEID EHD46VLSH_H0XJVE INGEST_TIME 2013-02-07T17:24:04Z PACKAGE AA00013428_00001
AGREEMENT_INFO ACCOUNT UF PROJECT UFDC
FILES