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Bxrlnokober Eigener Verlag der Grogloge. Bfiro W62, Kleiststrafe 12. Telephon: Ami B 5 BarbaroBsa 4619. Nachdruck siimtlicher Artikel aus diesen Mitteilungen verboten. Festnummer zum Ordenstage Grofloge for Deutschland VIII :: Oktober 1933 Wanderung und Aufbau Die aufere und innere Haltung der Juden nach den grofen Katastrophen der juidischen Geschichte .l- .= .l-n F Das Hauptgebitude der hebriiischen Universitit Jerusalem U. O. B. B. In Amerika begrindet 13. Oktober 1843 in Deutschland 20. Marz 1882 Nunimer Berlin, Oktober 1933 '7 Wanderung und Aufbau Die dufiere und innere Haltung der Juden nach den groBen Katastrophen der j0dischen Geschichte Inhalt: E i n I e itung ................ Alfred Goldsdimidt-Berlin Noch der ersten Tempelzerst6rung ..... .Elias Auerbadz-Heafa Die Umwandlung in eine geistige Nation . Simon Dubnow-Riga Nach der Zersltrung des zweiten Tempels Nach den grofen geschichtlichen Katastrophen in Deutschland . . . . . . . Adolf Kober-Kdln Niederlassungen deutscher Juden in Polen . Majer-Balaban-IVarszawa Die jGdischen Einwanderungen in die Balkan- Staaten .................. Saul Mezan-Sofla Der Aufbau des hollindischen Judentums durch spanische und portugiesische Marranen . Georg Herlitz.Jerusalem Italien ... .................Cecil Roth-London Die Vertreibung der Juden aus Wien und ihre Einwanderung in Preufen . . . .. Selma Sern-Heidelberg Eipwonderung der Juden in Amerika nach 1882 MarWisdhnitzer-erBerlin .. .. .. .. .. .. . , iIN Einleitung Von Alfred Goldsch i dt, Berlin. Die Geschehnisse, die sich auf diesen Seiten neu unserer Erinnerung einpriigen, spreclen von tragischen Schicksalen, von Suchen nach Wohnsitzen und Beschiftigungen, von schwerem Druck und Leiden, aber auch von Lebeusmut und Entschlossenheit, von Zihigkeit und Beharrlichkeit, von neuem Aufhliihen nach tiefeni Sinken, von der Auffindung neuer Lebensniaglichkeilen, von Ankniipfen wertvoller Verbindungen, von niitzlichen Betiti- gungen in neuer Genmeinschaft nach Ausstolung aus einer friiieren, von Treue trotz Leid und bitteren Erfali- rungen. Ein Wandel von Schicksalen durch Jahrhunderte und Jahrlausende! In allem zeigt sich die iiuBere und innere Haltung der Juden nach den groBen Katastroplien der jiidisclen Geschichte, die sie durchgemacht und bestanden haben. La3t uns schauen, ob Beispielhaftes aus Vergangenheit fiir Gegenwart wid Zukunft sicli biedet. Nach der ersten Tempelzerstorung Von Elias Auerbach, Haifa. DaB ein Volk und sein Staal durch iibermichlige brutale Gewalt zertriimmert und als Baustein neuer Gebilde beuutzt wird, ist im Verlauf der Geschichle immer und iiberall gesche- hen. Audi dal ein Volk aus , Knechtung und Fremrdherr- -;* schaft durch die in der Sdcolle wurzelnde Kral't seiner Malsse sich zu neueim Eigenleben emporringt, ist ein alltaglicher V'organg. Wasaberdem judischen Volke nach der Zersl6rung seines Staates durcd die Ba- bylonier (586 v. Chr.) ge- schah, ist ohne Gleicfl'all in ' der Geschichte. DiesesVolk 1 erstand neu aus abgespreng- ten Splittern seines Volks- turns; es erlebte nidit eine S einfadce Forlsetzung seiner friiheren politischen Exis- tenz, sondern eine vbllige UJimsdaffung in Sprache, DenkenundZielsetzung;mit einer siebenhundertjiihrig Geschichte im Rficken setzte es sicl siegreich gegen seine Umwelt durdl und began eine neue secdshunderijah- rigeEpocheseinerCescdich- Jeremias. von Lesser-Ury te. Hier waren innereKriifte Aus der Kunssanimmi am Werk, die das auigere Schicksal iiberwanden und als gestaltende Ewigkeits- werte his heule fortwirken. Als Nebukadnezar Jerusalem und seinen Tempel un zerstirte, blieb die grol3e Masse des Volkes oauf dem heimatlichen Boden. Der Eroberer war nichl so tirichi, die neue Provinz seines Reiches zu entvilkern; die bab. lonische Politk ver- langie nur, dal". durch Weg- fiihrungen (,,Gola') eine Sicherung ihrer Herrschaft erreicht w urde. Die weitous gilte Zahl der erbaonnten geh6rte schon der ,,ersten Cola" hunter Ki;nig Jojachin 1597') an. Die Gesamntzall der 597-581 Weggefiihrten diirfte etwa 40C'-5CCCO Seelen gewesen sein, die Gesamtziffer der Bevolke- rung etwa dos Zelinfache dieser Zahl. Aber die Ver- bannten waren diel3iite des Volkes, K8nigslarnilie. Ilof- staat. Adel, Priester, Beamte, wehihafte Gruntdbesitzer und Kriegshandwerker. So % aren die im Lande Zurickgebliebenen eine dumpfe, hilllose iihrcrlose Masse, der politischen und kulturellen Ubei flutung durch vordringende Nach- barn widerstandslos preis- gegeben. Der Untergang des jiidischen Volkstums g der jddischen Genmeinde Berlin und seines Eigenlebens schien unvermeidlich. Die Erhaltung des Judentums ist von den Verbann- ten ausgegangen, obwohl ja die Wegfiihrung grade zu dem Zwecke erfolgte, um diesen lebenskrliftigsten Teil des Volkes zur raschen Auflbsung zu bringen. In der Tat waren auch die aus dem Nordreich Samaria andert- halb Jahrhunderte friiher (722) Fortgefiibrten spurlos untergegangen. Aber dazwischen lagen jetzt 150 Jahre der Prophetie, lebendigbter geistiger Entwicklung, un- geheurer Vertiefung der religiisen und sittlichen Ideen. Jesaja, licha, Zephanja. Jeremia hatten nicht umsonst gelebt und gelitien. Nord-Irael going hunter, weil es nicht genug geistiges Eigengut in die Verbannung mit- zunehmen halte: fir Juda aber flihrte das babylonisclie Exil nicht zum Tode, sondern zur Neugeburt, well ein reaches eigenes Gedankengut ihm ein atarkes, frisch pul- sierendes jiidisches Leben sieherte. Das entscheidende Erlebnis des Exils lag vor dem Exil. Es war die grof3e religiise Reform des Kiinigs Josin, die sich an die Auffindung des Gesetz- buches im Jahre 622 anschlol. Der Grundgedanke die- ser Reform war die Austilgung aller Reste kanaaniischen Heidentums aus dem religibsen Leben Judas. Darum entschloB sich Josia, konsequent his zum Letzlen, alle Kulttiitten im Lande (,.Bamot") zu schliel3en und den Opferdienst allein am Tempel von Jerusalem zu kon- zentrieren, damit hier. uiner seiner und der Priester Aufsichtl, ein reiner Dienst des Gottes Israels seine Stitte finde. Diese fiir das religiise Leben des ganzen Landes unmiilzcnde Neuordnung hate weitlrageude Folgen. Zu- ncilist die von Josia nicht gewollte und nicht vorher- vgelchene, dMaB die Priestersahaft von Jerusalem die ab- solute Fiihrerschaft des Volkes erhielt, dabl mit dem Verschwinden aller lokalen Heiligliimer der Tempel Mlittelpunkt und Symbol des ganzen Volkslebens wurde, und daB der Dienst am Tempel mindestens in der Ansehauung der Priesterschaft der einzige Weg zu Gott wurde. Am reinsten verkbrperle sich diese Ent- wicklung im Wirken des Priesters Jecheskel aus Jeru- salem, der mit dem Klinig Jojachin zur erslen Gola gehiirle. Noch tiefergreifend aber waren die Folgen fiir das Landvolk drau3en. Der Bauer und Hirte drau3en waren von der erdnalien Verkniipfung mit den zahlreichen Heiligtiimern losgerisen, und der Kult son Jerusalem bot keinen Ersatz dafiir. Selbst wenn der jiidisclie Bauer dreimal im Jahr zu den Wllallfahrtopfern nach Jerusalem km -- und das war nur den Wenigsten m6g- licli -, so geniigte das doch in keiner Weise dem tiefen rcligiiisen Drang eines Volkes, das durch die Schule der Prophetic gegangen war. Das Volk suchte einen neuen Wegg zu Gott, unabliingig von Kult, Opfer und Priester- gesetz, und es fand ilin in einer nenen, \erlieften Frnim- migkeit, die in Gotteswort, Sittlichkeit und Gebot wur- zelte. Es liste sich innerilich vom Kul- t u s o s. Auch diese Entwicklung war von Josia nicht gewollt und nicht vorausgesehen, und sie fand ilren reinsten Ausdruck in der gewaltigen Pers6nlichkeit des Landpriesters Jeremia aus Anatot. Als nun der Staat zerfel, und der Tempel sank, war das Volk, das ins Exil zog, nicht hilflos einem blind- wiitenden Schicksal preisgegeben. Es fand dieses Schick- sal in den Biichern der Propheten seit zweibundert Jahren verkiindet, und es nahm dieses Schicksal als Strafe fiir die Siinden der Viiter auf sich. Strafe aber siilmt und kann zu Ende gehen, Abfall von Gott durch Riickkehr zu Gott ausgetilgt werden. So gesehen, wurde das national Ungliick zur Priifung, die Verzweiflung zur Hoffnung. In diesem Gedanken schlossen sich die Juden des Exils eng zusammen und blieben eine Volksgemein- schaft, auch ohne Land und Tempel. Die Da\ididen blieben die Fiihrer, die ,.Alteslen" die Vorsteher, die Propheten und Priester die Lehrer der Gemeinden. Die Tradition wurde als kostbares Gut gepflegt, an die Stelle des Opfers trail das Gebet, an die Stelle der Entsiihnung die innere Umkehr, an die Stelle der Strafdrohung die Seelsorge fiir den Einzelnen. Ober allem stand ein Ziel: die Riickkehr, die Heim- kehr der Schwergepriiften und Geliuterten zu einem neuen Leben auf heimatlicher Scholle. Als die Umwil- zung der Well durch Kyros, den Perser, diese Miglichkeil niuher riickte, konnte der groBe Trister des Exil, den wir den Zweiten Jesaja nennen, seinem Volke zuruleu: ,,Tr6stet, trdstet mein Yolk! sprichl euer Gott; erfiillt ist sein Dienst. gesiihut seine Schuld, empfangen hal es aus der Hand des Herrn doppelte Strafe fir all seine Siiuden!" Die Riickkehr im Jahre 538 erfaf3le ein innerlich erstarktes und wohlvorbereitetes Volk. Oiber 42 000 Menachen sclilossen sicli der gewaltigeu Bewegung an, mindestens ein Drittel der inzwischen durch natiirliche Vermehrung und durch die Reste der nordisraelitischen Verbannten verstiirklen Gola. .,Und die zuriickblieben. siirkten die Hande der andernden." Aber der Neuanfang war furchlbar schwer. Zwar wurde sofori der Opferaltar auf dem Tempelplatz, wenige Jahre darauf der Tempel selbst wiedererrichtet. Aber zu den natiirlichen Schwierigkeiten der Neukolo- nisation in dem halbverwiisteten Lande traten schwere innere Hemnumisse. Die Riickkehrer warren inneriich serwandelt, mehr eine religi6se Gemeinde als ein politi- scher Volkskirper. Die im Lande Zuriickgebliebenen dagegen, durch tausend Beziehungen des tiglichen Lebens und durcl Verwandtschaft mit den umwohnen- dcn Volkern verbunden, waren weit entfernt, von den Idealen eines Gottesvolkes. Konflikte ergaben sich, be- sonders mit den Resten der Samarier, die den Anspruch erhoben, dem neuen Volk Israel zugereclmet zu werden. Das Schwergewicht der materiellen Interessen zog all- mihlich auch viele der Riickkehrer in die Kreise des halbheidnischleu Mischvolkes. Was das Exil nicht ver- mocht hatte, das drohte die heimische Erde zu voll- bringen: den Riickfall in religiiise Verwilderung und die Einstampfung in ein Vilkergemisch des persischen Weltreichs. Und wieder war es die babylonische Gola, die einen neuen Ansto3 zu klargerichteter Zukunftsformung brachte. Dort hatle der exilische Drang der Selbst- behauptung inzwischen zu inumer schirferer Auspriigung des priestergeselzlichen Judentums im Sinne Jecheskels gefiihrt. DaB diesem babylonischen Judentum, das in- dessen wirtschaftlich und politisch erstarkt war, die Ent- wicklung in Judaea ein Greuel war, ist begreiflich. So unternahmen im Auftrag der Gola kurz nach- einander zwei fromme MNInner, Esra und Nehemia, ge- stiitzt auf weitgehende Vollmachlen des persischen GroB- k6nigs den Versuch, die Juden Paliistinas nach den Idea- len des babylonischen Exils neu zu organisieren 1458 und 444). Sie formten \or allem das Volk als religiiase Gemeinschaft und verpflichbeten diese auf das Gesetz Mose's: wer sich nicht unterwarf, gehirte nicht zuim Volke Israel. Der Priester Jecheskel kam hundert Jahre nach seinen Tode zu einem vollen Siege. Weiter aber isolierten Esra und Nehemia in uner- bittlicher Kousequenz das Gottesvolk von den umwoh- nenden V61kern, indem sie schonungslos alle Ehen zwi- sehen Juden und Nichtjuden Palistinas aufllsten und die Samarier abstie8en. Wer will, mag es bedauern, daB1 so an die Stelle eines starken Volkes Israel, das noch immer Palistina von Dan his Beerseba beivlkerte, eine schwache und unduldsame Gemeinde trat, die sich auf Jerusalem und seine nichase Umgebung beschruinkte. Wer will, mag es beklagen, daB an die Stelle weltweiter Propheten-Ideale eine engherzige Gesetzesreligion getre- ten sei. Lelzten Endes, von der Erkenntnis spiterer Jalir- hunderte bis zu unseren Tagen her gesehen, hat sich der schmerzhafte Eingriff dieser Reformer als genial rich- tig, norwendig, erfolgreich erwiesen. Das Volk Israel konnte sich nur in die Zukunft retten, indem es sein geistiges Gut in roller Reinheit zur Richbschnur des Lebens machte. Die Katastrophe von 586 war erst wirk- Professor Simo n D u b no w stellt uns aus seiner fiihrungen zur Verfiigung: lich iiberwunden, der Bestand des Volkes gesichert, in- dem durch das Verbot der Mischehe die Foripflanzung der auBerordentlichen Eigenschaften dieses Viilkehens verbiirgt war. Beweis dafiir ist, daB alles, was sieb da- mals dem harten Gesetz nicbh unterworfen hat, dem geschichtlichen Tode verfallen ist. Hal es gelohnt? Wofiir lebte das jiidische Volk welter? Fir verknjcherten Formelkram? Nein. Im stillen wirkten die Krflte weiter, die das geistige Leben Israels auf den Boden Pallistinas vor dem Exil geformt hatten. War his Nehemia der beberr- schende EinfluB der Gola der Ausbildung einer Gesetzes- religion giinstig gewesen, so trat in der Folgezeit dieser EinfluB mehr und mehr zuriick gegeniiber der Eigen- gesetzlichkeit einer bodenstindigen Entwicklung. Fiir zweihundertfiinfzig Jahre versinkt die Geschichte des neuen Gemeinwesens ins Dunkel eines langaamen und miihsamen Werdens; und als sie daraus emportaucht, ist die Rolle der babylonischen Gola ausgespielt, wiireiid in Paljistina ein von naLionalen und geistigen Kriiften mit quellendem Leben gefiillter Organismus entstanden ist, der der michtigen Welt des Hellenismus siegreicl zu widerstehen vermocht hat. Unter der harten Schale des Gesetzes quoll im SLillcn %tieder die siiBe Frucht einer warren Frammnigkeit und Sittliclkeit, der ,,Neue Bund" zwischen Gott und Volk, den Jeremia in die Herzen geschrieben hatte (31, 28/30), war in Wahrheit gesehlossen worden. Die Gedanken dieses GroBen, im Ringen des Volkes um die Selbst- erhaltung zunichst scheinbar verloren, sind in Wirk- lichkeit die eigentlich lebenserhaltenden und zukunft- gestaltenden geblieben. Indem das jiidische Volk nach der Tempelzerstbrung, im Exil und nach dem Exil, den Weg zur eigenen Art zuriicksuchte, fand und going es beide Wege, bis zum heutigen Tage: den des Jecheskel und des Jeremia. Wellgeschichte des jiidischen Volkes die folgenden Aus- Die Umwandlung in eine geistige Nation Nach der Zerslirung des zweiten Tempels. Der national-politische Kampf des jiidischen Volkes war mit dem Untergang Jerusalems zu Ende, der natio- nal-geistige eutbrannte jedoch von neuem. Die Eiferer der politischen Freiheit, die fiir ihr Valerland zu ster- ben verstanden batten, waren niedergerungen: an ihre Stelle traten jetzt Eiferer der geistigen Freiheit, die fiir ihre Nation leben und sie neu beleben wollten, die die national Eigenart an die verinderten Verhillnisse an- zupassen suchten. Wie grauenvoll diese Verhillnisse auch sein moch- ten, so lieBen sie dennoch Raum fiir eine teilweise Restauration. Das tragische geschichtliche Fatum voll- fiihrte sein Werk gleichsam in Etappen, indem es dent jiidischen Volke nur nach und nach das nahm, was sonst einer Nation Riickhalt gewiihrt. Das Schicksal be- raubte die Juden ihres Staates, lieB ilinen aher ihre Heiwmat, ein allerdings geschmilertes und als Domiine der rimischen Kaiser geltendes Landgebiet. Das jiidicehe Volk war jetzt in seinem paliistinensischen Kern staaten- los, nicht aber landlos geworden: die Heimatlosigkeit sollte erst spiter kommen. Das Volk biifte Jerusalem ein, schuf sich aber statt dessen ein kleineres geistiges Zentrum auf heimatlichem Boden, in Jabne; es going des Tempels verlustig, ersetzte ihn aber durch Stitten der ) 9~:; i Synhedrion als eine slaatliche Institution verzichten, plellte es aher als ein Organ der inueren Selbstverwal- lung und Geselzgebung wieder her. Dieses Wiederherstellungswerk \ollbraclte der in dern verwiisteten Judia zuriiekgeblielene geringe Bruch- teil des \'olkes. und zwar eiue kleine Schar von geisti- gen Fihrern. von Gesetzeslehrern aus seiner Mitle. Da- bei blieben jedoch die Blicke der gesamten Nation auf lPallisina gericliet, denn die Hegemonie des palistinen- sisehen Judentuns war in der Diaspora nach wie vor allgemein anerkannt. Der Pilgerzug aus aller Herren Liinder nach Jerusalem, wo an der Ruinenstlitte des Temnipels sich nunnielir ein Sandlager rimischer Solda- ten befand, war allerdings versiegt: vielmehr schlug der Wanderstrom jeizt die entgegengesetzle Richtung ein: Titusbogen zu Rom. groa3e Auswandcerernassen zogen aits dent veridelen Judiia in die in der ganzen Well verslreuten Gemeinden der StamniesgFienossen, nacl Syrien, Kleinasien, Mesopo- tainien, -Agypten. Grieclenland, Italien and noch weiler incl dern Weslen hin. Allein auch diese erz\ ungene lbersiedluung wirkte als ein iiclitiges Werkzeng der nationalen Vereinigung. Die Fliichtlinge aoi Judiia, die Ilrlden oder Angenzeugen der elen zum Abschlul3 ge- langlen. verzweifelten Kinipfe in der Heiniat trugen niclit wcinig( dazu bei, den nationalen Geist hunter iliren 13ridern in der Frenide' zu lheben und zu stirken, wi\h- rend die in Judia zuriickgebliebenen geistigen Filirer dio innere Ordnung im Lande ind die \erhindiiun z\,ischen den zerstrenten 'olksleilen aulreclierliiellen. )iesen Fiirern stand dubei ein liingst breitgelhallene.s WVerkzeng zu Gebote: die Macht des Gesetzce. die Nomo- kralie. Von nun an wird die Nomokratie zum entscheiden- den Einigungsprinzip des jiidischen Volkelebens. Der viele Jalrhunderte hindurch herrschende Dualismus im geistlichen Stande. der einerseits aus der hierarchisch gegliederlen Tempelpriesierschaft IKohainii. anderer- seils aus den Gesetzeslehrern ISoferini bestand, nimmr jetzt ein Ende, da mit der Zerstarung des Jerusalemer Tempels die Tenipelpriesterechaft als eiu lestgefiigtcs Ganzes verschwand. Jelzt blieb \on der geistlichen Schicht nur noch eine Gruppe iibrig: die Gesetzeslehrer, die nunmehr auch die einzigen Gesetzgeber sind. An die Stelle der Hierokratie, die sich seit der Zeit der per- sischen Herrschaft von Reclhtswegen eingebiirgert hate. trilt endgiilig die Nomokratie, die allerdings achon da- mals. noch hunter Esra. mit der Prieslervorherrschaft zu welteifern begonnen hate. Zug der gefangenen Juden mit den Tempelgeriien Fir die des Sltaale berauble Nation hat die Herr- schaft oder die Zucht der autonomen Gesetzgebung die- selbe Bedeutung wvie die Waffenriisung und die militi- rische Zueht fiir den Staat. nimlich die einer Schutz- wehr fiir ilire Unersehrtheit und die Unverletzlichkeit ilires ,eistigen Besitzstandes. Schon liingst arbeitete man unerniiidlich an der Bereitstellung dieser geisligen Waffen in Form \on unzihligen ,,lniziunungei" und ,,iiiiudliclen GeseLzen"; nun werden sie aber mit ver- zehnfachlemn Eifer gechlimiedel, umn als ein unerschiipf- licher Vorrat in jenem riesigen Zeughause aulfestapell zu werden, das mniindliclhe Lehre (Thora sche'bal pei heiBi. Durch tausenderlei Fiden wird die miindliche Lehre, ungezmungen oder gekiinstell, auf logischem oder kasuistischem Wege, mit der ,,shriftlichen Lehre" oder der Thoraverfassung serkniipft, in ihr %erankert, von ilir die offizielle Weihe herleitend. Der Stoff fiir den Kodex der Mischna, d. i. die ,,Deuterothora", hiuft sich immer mehr. In Schule und Gesetzgebung findet die \on Hillel inaugurierte Auslegunugmetbode, derzufolge offeniicht- liche Ergainzungen der Thoravorschriften den Schein formgerechler SchluBfolgerungen aus diesen gewinneni soliten, immer weitergehende Anwendung. Auf dieser Grundlage wirken neue Volksfiihrer aus der Mitte der Schiller oder Nachkommen des Hillel: Joclianan ben Sakkai, Gamaliel II, Rabbi Akiba und viele andere. In Jabne, dem neuen Mlittelpunkte der jiidischen Selbtsver- waltung, schreitet die Arbeit des Gesetzeslehrerkolle- giums und des Synhedrion rastlos fort, darauf abzielend, die webrlose Nation mit dem ehernen Panzer des Ge- seizes aufs krlftigste zu schiitzen. Nach dem Aufstande des Bar Kochba gelangi da-s System der Nomokratie zu seinem vollen Triumph. Die weitestgelende uuiere Autononie, soweit diese bei der politischen Abblingigkeit iiberhaupt erreichbar ist, soil das Ziel all deines Strebens scin! dies war das erste Gebot, das diesem System zugrunde lag. Das zweite Ge- bot war aber: Widerstrebe allem, was zur Verschmel- zung mit den umgebenden Viilkern oder zur Assimilation iilirt! Das Prinzip der Selbstabsperrung kommt immer mehr zur Gellung. Besonders gait es dabei, sich gegen rdi chrislliche Sekte, dieses jiidisch-hellenistische Ge- mish,. abzuschlieBen, das seinem ganzen Wesen nacli dem nationalen Prinzip feindlich gegeniiberstand. So wird der Zaun des Geseizes, der Israel \on den \'6Ikern trennt, immier hlier und hiIher getiirmt. V'on ihrem Geisle nach fremden oder gar feindseligen Elementen gaiiz uniringt, verwandelt sich die Nation in eine geistige Armee, der die Zucht und das Regiment Liber alles gelit. Die Formen dieser Reglementierung werden in der immer mehr anschwellenden Gesetzgebung der Mischna und des Talmuds auf minutiiseste ausgearbeitet. Wo aber das Prinzip der militiirischen Zucht gilt, da ist es unstatthaft zu fragen, wozu das eine oder das andere nitig older warm es verbindlich ist. Es ist nitig, well es in Zucht halt. Alle diese unziiligen religios-rituellen Vorsclriften, diese gauze reichlich verzweigte Reglemen- tierung der Lebensweise, die jeden Schrilt aif dem Lebenspfade des Juden im voraus bestinint, sic sind einzig und allein darauf abgestellt, dem ganzen Leben der zerstreuten Nation strenge Uniformitit zu verleihen, damit ein Jude seinen Stammesbruder an der ibm eigenen Lebensfilirung stets und iiberall zu erkennen \erm6ge. Es ist dies gleichsamn die Uniform, an der die Soldaten einer in einem weit ausgedehntent Geliinde \erleilten Armee einander auf den ersten Blick erkennen. Im gesamten Gebiete Paliistinas und der Diaspora, mitten unter alien Rassen und Stammen, bilden die Juden eine einheitliche organisierte geistige Heeresmaclt, die den Artikeln ibres Militirreglements strengstens Folge leistet, Sie ist auf Abwehr, nicht aber auf Angriff hedacht; sie bewahrt ihr inneres Lehen vor dent Eindringen fremd- artiger Elemente: sie kiimpft um ilire Individualilit, unm ihr Reclit auf free, eigcugesetzliche Entwicklung. Nach den grolen geschichtlichen Katastrophen in Deutschland Von Adolf K o b e r, Koln. Hegel hat den Grundsalz aufgestellt: Ein Volk kiniie nicht zweimal in der Geschichte Epoche machen. ,,Welt- hislorisch kann ein Volk nur einmal das herrsehende sein, weil ihm im ProzeB des Geistes nur e i n Geschlft iibertragen werden kanu." Beziiglich des Judentums hat Oswald Spengler geiul3ert, daB es fiir dasselbe seit Jehuda Halevi keine Geschichte gilt. Dem gegeniiber hat Nacli- man Krochmal, wohl der erste originelle jiidische Den- ker der Neuzeit, betont. daB das jiidisclie Volk den Kreislauf der menselhlichen Geschichte A u f t i e g, Bliite, Verfall nicht einmal, sondern wieder- holt durchlanen ihabe. Damit ist fiir ihn die Iluner- giinglichkeit Israels auler Frage. Wenn aber nacl Ranke die Zeiten eben dartnm aifeinanderfolgen. damit in allen geschehe, was in keiner einzelnen miglich ist. damit die ganze Fiille des dent menchlichen Geschlechte \on der Goltheit eingehachteni geistigen Lebens in der Reihe der Jahrbhuderte zutage trete, so enttteht die Frage. warum in allen Stadieu der Gesehiclite sclwere Kata- strophen iiber das jidische Volk immer wieder herein- brechen. Sein Schicksal erscheint daher aucli christ- lichen Denkern vielleicht das erschiitterndsle Drama der Weltgeschichte IJ. Dillingeri und demgegeniiber alleyss , was uir vom Martyrium der Christen hunter den Heiden wirklich wissen, fast wie Kinderspiel" tIM. J. Schleiden). Der Rechtslistoriker Stobbe betrachtet es als ,,eine schauerlicie und undankbare Aufgabe durch den Ver- lauf vou Jalrlihunderten die Zeuguisse zu sanmmeln fiir die Unduldsamkeit, Barharei, Gewinnsuclih und den Aberglauben der Herrscher und des 'olks.. ." und be- tont, .,Deutscchland steht in dieser Bezicliung nicht niedriger als die iibrigen christlichen Lander, aber auch nicht iiler ihnen". Bis in das 11. Jalrhundert hinein sind die Juden Deutschlands die seil den R1Smerzeiten daselbst naci- weisbar sind, \on Verfolgungen im ganzen verschont ge- blieben: aber omni Ende des 11. Jalrluiiderts bis zum Be- ginn des 18. Jalrhuiiderts gibt es kaun ein Jahrzeluit. in dem nichl bald im Westen, bald im Siiden, bald inm Norden, bald im Osten Deutschlaids eine Verfolgung oder Austreibung stattgefundei hilte. W eder diese noch die unsinnigen Bescluldigungen, vie Blutbesehuldigung, Hostienschlindung, Brunnenvergiflung u. a.. die als Ur- sache der Katastrophen angegeben werden, um nacli- ~rr rat triglich die unmenschlichen Verfolgungen zu recht- fertigen, noch die lataiichlichen Ursachen, die religiiser, wirtechaftlicher und sozialer Art waren und die Bedeu- tung erkennen lassen, die die Juden im Leben Deutsch- lands batten, swollen hier nbher erartert werden, son- dern lediglich die Frage: Wie war die giufere und innere Hallung der Juden nach diesen Katastrophen? Wir fas- sen nur drei Zeilabschnilte bier ins Auge. Die Verfolgun- gen des Jahres 1096 gelegentlich des ersten Kreuzzuges, die vielen Tausenden ion Juden an Rhein und Donau das Leben kostete, die Katastrophen des Jahres 1348, 49 in Gefolge des schwarzen Todes, die an 300 Gemeinden vernichtete und schlieBlich die Vertreibungen aus den deuschlen Stiidten und Landschaften in Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts. Von den Verfolgmngen des 14. Jahrhunderts sagl Schudt: ..'ohl nienals, seit Juden in der Welt gelebt, ist ihnen ein hiirteres Siikulum als das 14. gewesen, daB zu verwundern, wie noch ein einziger Jude in Deutsch- land bei solchen massacre k6nnen fiber bleiben." Aber nicht besser sind fiir die Juden Deuischlaids das 15. und 16. Jahrhundert gewesen, in denen, um einige Beispiele anzuriilren, die Juden 1418 Trier, 1420 Osterreich, 1424 Kiiln. 1430 Sachsen, 1435 Speyer, 1438 Mainz, 1439 Augs- burg, 1442 Oherhayern, 1492 Wiirttemberg, 1493 Magde- burg und Mecklenburg, 1498 SaLzburg, 1499 Nirnherg und Ulm, 1507 N6rdlingen, 1519 Regensburg. seit 1527 Scllesien, 1551 Bayern, 1510 und 1573 die Mark Bran- denburg, 1579 den Rheingau verlassen muBten. Der Jude in Deulschland um 1100 ist naturgemaiB ein anderer als der des 14. oder der folgenden Jahr- hunderle. Als das Unheil im Jahre 1096 iiber die jiidi- schen Gemeinden an Rhein und Donau hereinbrach, er- gaben sie sich in den Willen Goltes, ,,sie wollten ilm nicht verleugnen"; es erfillte sie eine Opferfreudigkeit so gewaltig, daB sie nur mit dem Fanalismus der Kreuz- fahrer verglichen werden kann. Wobl griffen die Main- zer Juden zu den Waffen, um sich der Kreuzfahrer zu erwehren, im allgemeinen aber opferte man sich selbst, tiiete einer den andern, insbesondere die Familien- angehijrigen sich gegenseitig, ,,um der Einheit des gitt- lichen Namen willen". Das war aber auch die Haltung. die man den Verfolgungen der folgeuden Jahrhunderte entgegensetzle. R. Meir von Rolhenburg (1215-93), der selbst als kaiserlicher Gefangener auf der Burg Eusis- heim lim ElsaB) dahinschmachtete, hat sie charakleri- siert: ,,Hat jemand den EntschluB gefaBl, fir die Heili- gung des gittlichen Namens zu sterben, dann mag man ihm jede erdenkliche Qual zufiigen, er bleibt slumpf gegen sie. Wir seen docl bei den heiligen Miirtyrern, dao sie nicht schreien." Nur in das religi6se Lied strilm das unsiigliche Leid der Verfolgungen hinein und wird ,,ein aus der Erde dringender Schrei des Blules von Hunderltausendeu". ,,Sieh in Not und Drangsal uns der Hoffnung leben! Hiir' ins rufen an den Stufen Deines Throns mit Beben! LaB der Armen Dich erbarmen, die ihr Herz Dir geben! Darfst. aus Ketten uns zu retten, uns wie einst zu heben; Darfst, zu tristen die Erl6sten, daB in Lust sie schweben, darfst nur unsre Trinen fragen - Kaunsl Du, Herr! kannst Du's ertragen?" Die Verfolgungen im Anschlu.B an die Kreuzziige haben nicht nur die wirtschaftliche and politisebe Stel- lung der Juden im Staate tiefgehend gelindert und den Grid zur Kammerknechtschaft gelegt. Auch der tiefe Hall der Nichtjuden gegen die Juden bis in die Neu- zeit lhinein leitet daraus seinen Ursprung her. Um aber dem demoralisierenden EinfluJB des Druckes und der Verfolgung im Kreise der Juden entgegenzuarbeiten. suchte man daselbsa grade durch volkstiimliche Tugend- und Sittenlehren auf die breiten Nlassen zu wirken und erteilte Anleitungen zu einem gottesflirchligen Leben. Aus dem Zeitraum von 1050 bis 1490 werden in Deutsch- land und Frankreich wenigstens gegen 30 Werke auf die- sem Gebiete nambaft gemacht, die zur strengsten Recht- lichkeit gegen Nichtjuden wie Juden, zur Niechstenliebe, zu ungeteiltem Vertrauen und zu Demul gegen Gott, zur Erwerbung eines guten Namens herzergreifend mahnen. Das war die seelisehe Einstellung, mit der die Juden auf die Verfolgung Antwort gaben. So blieb ihre innere und IuBere Haltung auch als die Pest in den Jahren 1348,'49 von Land zu Land, von Ort zu Ort in furchtbarer Weise fortachritt und man die Juden t1tele, nicht well sie die Brunnen vergiftet hatten, sondern weil man viel Hab und Gut bei ihnen erwartete, wie ein zeitgeuassischer christlicher Chronist ehrlich bemerkt. Auch da zeigt sich, wie im Jahre 1096 ein Opferwille, eine geduldige Unterwerfung hunter ein unentrinnbares Schicksal. Man liiBt sich gemeinsam tten oder ziindet die eigenen Hiluser oder selbst das Gotteshaus an, in dem man sich versammelt, um nicht lebend in die Hiinde der Feinde zu fallen. Das Satyr- spiel ist der Kampf der christlichen Gewalten um die Verteilung des hinterlassenen Judengutes, der allent- halben anhebt. In der Folgezeit sind die Trinen versiegt, der Mund kann nicht mehr sprechen, was die Seele leidet, auf pas- siven Widerstand hat die jiidische Seele sich ziriiek- gezogen. Wohl bilden sich bald wieder neue Gemein- den, aber sie wissen, dao sie auf einem Vulkan sitzen, daB ilre Ansiedlungsdauer beschrlinkt ist, daB ihre Schuldner die Schulden vom Kaiser erlassen bekommen: am Ende des Miltelallers erfolgen die envibhnten Ver- treibungen aus den deulschen Landscbaften and Stidten nicht mehr in wilder Hast durch den Pibel, sondern mit Bedacht auf den Beschlul der Obrigkeit. So blei- ben deun im 16. Jahrbundert von griBleren Gemeinden im Westen nur Frankfurt und Worms, im Osten Prag und zunichst Wien iibrig. Lingst hate der Zug naeh dent judenfreundlichen Osten begonnen; allerdings hat- ten die Obdacelosen durch die ungeheure Zersplitterung Deulschlands in die kleinen und kleinsten Territorien 100 einen Unterschlupf in diesen gefunden, nicht, weil man sie gem mochte, sondern well man sie immer noch be- nitigte. Das Schwergewicht ihrer Geschichle hat sich also in diese kleinen und kleinsten Territorien verscho- ben, wobei die Judenschaft eines jeden Territoriums e i n e Gesamlheit bildet. Beim stirksten Willen hat man den Juden in Deutschland nicht ausrotten k5nnen; aber die Gesetzgebung battle ihn zum Paria erniedrigt. Und nun beginnt nach dem 30 jihrigen Religions- krieg, unter dem auch die Juden auBerordentlich litten, wieder der Auf&tieg. Nunmehr zlhlen die Juden zu den Pionieren des Handels, die das nahezu verniehtete Ver- kehrswesen Deutachlands wieder in Gang gebracht haben. ..Wie die Anieisen durch morsehes Holz ihre Ginge gra- ben, bahnen sie durch das Chaos des verwiisteten romi- schen Reiches von Crenze zu Grenze unsichtbarundgeriusch- los ihre Wege. Lange bevor Briefpost und Wagenexpedition die Lander und Kreise ver- binden,liefenjiidischeHausierer, die Mlitler zwischen Amsterdam und Frankfurt, Wien und War- schau, bin und her, Wechsel und Juwelen unter ihren Luim- pen, an ihrem Leibe verber- gend." ,,Unter den Lumpen sind Klumpen", erwiderte Bert- hold Auerbachs Grol'mutter, als man sie in Karlsruhe mit der Bitte um Unterstand hunter Hinweis auf ihr armliches Gewand abweisen will. Vor allem ist seit der zweiten Hillfte des 17. Jahrhunderis das Zeitalter der jiidischen Hof- Vormser Synagoge SiN ch ei faktoren angebrochen, mit deren Hilfe Gemeinden sich neu bildeu. Sie sind auch die Vertreter und Reprisentanten des Judentums vor Fiirsten und Beh6rden, die mit Oprerfreudigkeili Unermiidlich- keit, Klugheit und Gewandtheit wie schou Joselniann %on Rosheim im 16. Jahrhundert sicl fir ihre macht- losen und leidenden Brider einsetzen. Aber auch von einer Frau soll gesprochen werden, von Gliickel Hameln, bei deren Bild man das Gefiihl hat, ,,an der Quelle. an dem heiligen Ursprung zu stehen, aus dem die Ge- schlechter erhallende Kraft des Stammes. das Leben der Gesamtheit strmnt". Eine Fr6mniigkeit, welche die Ge- sundheit und Heiterkeil der Seele. das Geheimnis der Lebenskraft bedeutet, bildet den Grundzug in ihrem Wesen. ,Du groler Gott. du weilt es," so hiren wir sie ihr Herz beschwichtigen, ..wie ich mein' Zeit in grolen Sorgen und Betriibnis meines Herzens zubringe! ... Ich sitze noch his dato an m e i n e m Tisch, esse, was mich geliistet, lege mich zu Abend in m e i n Betl. habe noch einen Schilling zu zebren, so lang es dem groBen Gotte ine beJiebt. Ich habe meine lieben Kinder; ob es auch zu Zeiten dem einen oder andern nicht geht, wie es gehen soil, so leben wir doch und erkennen unsern Sch5p- fer - " Von solchen Mitemrn schreibt sich die Unverwiist- lichkeit des Judentums her; von hier aus kann die Frage beantwortet werden, ob nicht e i n e Linie in dem iiuBern und innern Verhalten der deulschen Juden durch alle Jahrhundcrte der Verfolgung, der Entrechtung und des Druckes gezogen werden kann. Denn eine Lebenszibig- keit gepaart mit Bediirfnislosigkeit sondergleichen, ein unzerbrechlicher Lebenswille ist das vorziiglichste Kenn- zeichen der jiidischen Gemeinden Deutschlands in diesen Jahrhunderten. Seine Wurzel aber zieht dieser Lebens- wille aus dem iiberlieferten Religions- und Geistesgut. In der Abgeschiedenheit der Ju- dengasse, wohin in friedlicher Zeit der Spott und Hohn der andersgliiubigen Zeitgenossen nicht drang, erbauren die lieb- los vom 6ffentlichen Leben und den Kulturbestrebungen ihrer Zeit ausdeschlossenen, zu Wucherern entwfirdigten Triiger eines uralten Glaubens und Erben einer ,uralten Literatur sich mitten hunter den Stammes- briidern ein ideals Reich, in welchem jeder uneingeschriink- tesBti rgerreclt erwerben konnte, der entschlossen war, Ireu zu sein und sich fir die tiiglich neu werdende Schmnach und den notgedrungenen Verzicht auf alle Menschenrechte ent- Innenansicht schadigen zu lassen durch die c alien Stifhi d in alien Suichl Aussicht auf eine Fiille der Freuden in der ewigen Seligkeir in den Zeiten des hlessias. Den Miitelpunkt dieses R e iei e s bildete das Got- teshaus, nit ihm verbunden die Schule, in welcher die Jugend der Gemeinde in der Sprache der Viiter been lerule und die ,,Judenstudenten'" das Studium des Tal- muds eifrig betrieben, bildeten ferner die Vereine, die, mochie die Gemeinde noch so klein sein, iiberall Liebes- pflichten an Lebenden und Toten forderten und iibten. Alan war im Innerslen iiberzeugt, dao durch die Leiden die Liuterung herbeigefiihrt wurde, die notwendig war fiir die Erliasung. Diese nie ruhende Hoffnung auf Er- lasung verlieh dem Juden eine ungeheure Spannkraft. Aber trotz des idealen Glaubens hielt das Elend des All- tags auch den Geist nie den Kijrper zur Nilchternheit an. Man zog selbst die sittlichen Grenzen fUr die wirt- schaftliche Betiitigung, fiir das GebarEn im Hfaus und in der Offentlichkeit. Man lieI3 den Geist nicht verdorren: Ausenviihlte sehiipften vom Wissen der Zeit auBlerhalb 1 -7 ."V'^o^^ ...... .. .. .- r .. ........ .- . .. . . -,-- l T -t .. des Ghettos und nutzlen den Glaubensgenossen wie Nichtjuden durch ihre irztliche Kunst. So harrte man demiltig und selmsiichtig des Sonneunurgangs der konm- menden Zeit, luBlerlich gebeugt und gedriiekt durcl die jahrhundertelange Klnechishaft, iunerlich gesund, auf- geschlossen und stark durch den Familiensinn. DaB man gegen Opfer von Katastrophen aulferhalb und innerhalb .Deutschlands sich roller Barniherzigkeit zeigt. da3 die von Verfolgungen Verschonten die Schick- salsgenossen bei sicl aufnahmen. obwohl die Judeugasse eng und der Lebensraum so beschriinkt war, war selbst- verslandlich. Als in Frankreich die Reihe der Kata- strophen mit dem Jahre 1181 beginui. ini Jahre 1306 hunter Philipp dem Schiinen lire Fortselzung findet und mit der endgiilligen Vertreibung der Juden 6us Frank- reich 1394 endet, ihaen franzijsische Juden in den jiidi- schen Gemeinden Deutschlands Aufnahnie gefundeu, und niancler \-on ilunen ist selbst wieder als Mlirtvrer in Deutschland gefallen. Als die Judenverfolgung in Poleu durch den Kosakenhetman Chmielnicki in den Jahren 1648 his 1658 zahllose Fliichtlinge nach Westeu tid Norden treibt, finden sie Zuflicht in den jiidi- schen Gemeinden Deutschlands: ihr Einflufl war unver- keninbar, sie haben manchen deulschen Gemeinden ilihr Friimmigkeit anufgeprligt. Es herrschte eben trotz vieler Zwistigkeiten in den jiidischen Gemeinden doch die Soli- daritit. das BewuBtsein, .,jeder Jude ist Biirge einer fiir den andern". Der Naturforscher Matlhias Jacob Schleiden hal.imn Jalre 1878 in Westermanns Mlonat-jeflen eine fiir die A.llgemeijneit sehr belebrende Abliandlung mit der stol- zen Ubersclrift ..Die Romantik des Martyriumni bei den Juden inm Mittelalter" erscheinen lassen. Das Marlyrium hat in der Gegenwarl fiir nis seinen Glorien;sclein eii- gebiil3t. Wir erlelenl wieder Geschichte. Lernen i ir ion denm ilu3erein lnd inueren Verhalten unserer Alinei. Niederlassung deutscher Juden in Polen \on M\ajer B a I a I a n W ar;ehau. VIeni nman onI der Einuandecring der Juden nach Polen priestt. kommt man lsets auf die alte Fraze zu- ruck: nolier kamen sie nach Polen? Ans- dem Osteni oder ans dem Westen? Die heutirge Wis-enslchaft steiht auf dein Slandpuinkt. daB sie ion hleiden Seiten ins Land kainnn, nur dal3 die ijstlicle Immi,,ration kulturell schwclicer iar und mit dem Ainlang des XIII. Jahrhuin- derts. d. i. mit dem Fall der Jiideliemneinde in Kiew. aufhiirte. iahlirend die Einiianderrwung aus dnem Wcsten bis ins XVII. Jahrhundert dauerte uinl erst im Jaire 1070 -- \Vrtreilbun)i aus Wien ihr einstwieili'es Ende iahlim, uni mit der Einverleibunig Grol3polen-. anl Preu- Ben und Galizien- an Osterreich atl's netie zu liegiinen. I. Diese Einandruniine der Judeln aius dem Wesen t liiu1 sich schcnli ti-chi in vier Epoclien einteilen: I. Die iilliste Zeil bis zurm crsltn Krez::ug. Inl diesem Zeilalischni t die Einwaniiderung sporadischl und liif'lt '.ahrIheiriciicli bereits irgendwelche ..Ost- juden" im Lande. II. Die :.1assenc-ini'andernng rom erst-n bis :umr letzrln Krvu::ug. die eher einer panislihen Fluclit als ciner Immigratiion gleichl uird mit den Tartareinin- briielen ilir Ende nimint. lII. Die jiidischte Mlfassenkolonisation iln Verhin- dun', mit der deultchen ion der zweiten Hilfte del 14. lhis geen Ende des 15. Jahrhunderts. IV. Sporradisrch Einiwandt rung im 16. und 1T. bis zur Mliite des 18. Jahrhunderts. d. i. bi, zu den Kosaken--. Tartaren-. Russen- undl Scclmedenkriegein 1048-16071, in Verfolg derer eine Malciisenfluht ans Polin IucJli Deutschland einsetzle. Einzelleiten dieser Eillnanderuingsperioden wic iuclh der Wandiierungen selber gehojren nicht zu unserem Tema. Eines steit fest. nlda ehiie jede Judenverfol- gungi' in Deutschland, -owohl wiihrend der Kreuzziige. wie auch naciher Schwlirzer Tod eine Einwande- runiig.ielle nach' Polen iher orrief, wiodurch hier alle Gemeiiideu gestiirkt rud neue gebildet itorden. Ah- hiinggi ion der -Ursaclie, die diese Wandterung hervorrief. war anul ihre Art: Flucht au- Deutschland older Ab- itanderun-i, in ruhiier Form, ainlieh der Abluanderun., deutrscher Koloiislten. die nacli der Vernichtulng polni- hlier Dijrflr ind tlidtle durch die Tartaren in grollen A.i-sen ii.rzogen. Mlit diesein dutschen Siedlern kamen ;iuch \icle deutsche Juden his Land und ularen hier an- ges-eh-ne. ja soar erwiminchte GCisle, denen man ilire Heiimalipri ilegien erneuerle, auch erweilrteie. Die dritte Epoche der jidischen Einwaiderung \\ar die tiirktre (13.-14. Jahrhundert : in dieser Zeit. be- sonders aber nach dem isog. Schwarzen Tod 'urden ganze deIult-che Gemeinden nach Polen ecrpflanzt. Alle diese Fliichtlinge hatten nur ein einziges Ziel \or Augen: Polen, wo fast jede deutsche Judenfamilie irgendeinenu erwandten hlnte. Am diclieteten machten sich in Polen brandenburgis-che, schlesisehe und tchie- chische Juden anslssig. anfangs in den westlichen Rand- gebiehten dee Staates: in Posen, Kalisz. Krakow u_'w.. nacIhhdr weiter nach Osten und ini Nordosten. Die \ie- lei: Spira. Askenasi. lMiinz tMeinz Prager. Wiener. Aloraitczyk, B;ihm. die wir in den Akten der Stadt- und SchloBgerichte Ides 15. und 16. Jahrhunderis finden, wie auch die i.-len Fraueinname nuit deulschen oder tseie- chisclem IKlani. bekunden die Massen-eiinanderung au.s Deut-icland. AuBer diesen indirekten besitzetn wir auch direkte Hinnweise der Immigralion. So empfiehilt Kaiser 102 Max denim polnischeii K6nige Siegismund I. seinen Hof- agenten Abrala m, denb llimischen J uden, der mit seinen Glaubensgenossen sein Vaterland ver- lassen .,mul3". Ein ander Mal 1517 nimmini Knig Siegismniid I. Hab und Gut der \ertriebenen iscliechi- schent Juden, die noch in Bihmen weilen, in seinen Schulz utid warnt den Kanzler der tciechchiselen Krone %or der Verrolgung dieser FliiUchlinge. ,die nach Polen zielen". Ein besonderer kiniglich-polnischer ErlaB be- zielit sich auf die aus Leitmeritz rertriebenen Juden, denen Siegismund nacl Polen einzuwandern erlaubl. Am 6. February und 31. Oklober 1518 erteilt derselbe Kinig Spezialpl)ise dent Juden Joseph und weinen zwei Sijhnen aus Komotau. wie auchl den Juden Lazarus trnd Jakob aus Biihmen. II. Diese deutsche.n tschechischen Einwanderer bringen aul3er fliesigen Kapitalien und katuf'ninnisclher Erfah- rung auch Kulturwerte nach Polen. die den ana-iseigen p[olnishcen Judeugemeinden eine e nee Frbiung ver- Ilihen. Diese Kulturwerte lassen sich in folgende drei Gruppen einreilien: Gemeinde\erw alltung ,untn Gerihlits- %es'en, Kultius, Kultur. Prihalleben. Schule, Erzichunig. iprache. Es wiirde zu nerit fiihrnii. eiie jede Gruppe hieir aus- Itihrlich zu behandeln. Es sei aul einen Aufiatz ides Verfassers auf denm VII. allheltlichen Hiisorikerkonierel3 01on 23. 8. 1933 verwie- en il. Es mag bemerkt werden. daB die Ein\\anderer sich in ilirei neuen Wohnsitzen niclit immer der Oberherr- cihaf't ilirer ainsissaigen Glatiihenlsgcnoiien unter\werfen wollieu und lie luit da einen lnuigjihrigen Kanilf umn die jurisdiklionelle und kulturelle IHegeinonie began- nen. So danerte die-er Kanipf in Krakau volle 10 Jailre 1151i9-15191 und niulte erst \om Kinig geselcelichtet %\erden. Die Einwanderung der 1542 aus Prag ertriebe- nei Judengemeinde lief3 den Streit \rieder aul'lteben. Die sogenannten Generalpri\ilegien der polnischeni Judenschaft basieren nuf einer irkunde des Herzogs Boleslaus Pius \on Kalisch, die den grol.ipoliisichen Juden 1264 'verliehen warden i. Den iuBler:-n Rahmien der jiidischen Gemreindtler- fas-ung in Polen bildet die sogenanute magdeburgi'chie \-erl'aistng polnisclier S idte lauif deutschein Relit). Der Inhall dieser Verfasiuig reiclit weit is 1 zu den ..Kon- slitutiouen" ITakkanot i der alien rheiniselien Gemein- den aus dent 12. uund 13. Jalhrhundr-rt zuriick. Der Ver- gleich der Krakauer Gemeindestatuteni auis dem Jalire 1595 mit den Bcsehli.ssen der oben ertuiialen rheini- selien Judentage. \iie auch mit der Verlfaclssu"i der deut- sclhen Judengemeinden im ati-iehlenden iMlitelalter. SI.)r I1Ganr dr Dl.Ji.-liih n Kuilur-lr iic.-ii.' .ii Rh. in li- n itd'i % lt i'-Iei und :,n tli:n Dhi.-pr. Il Il:'I..;rne I I gr." Iite'-- n.m ..nal de- -ien eL he I t. 1,J. Ill i I 1,1.. _1 0 l'-3. 'i Die-es Prv ilc L,.I.-ih einle .. rtih hle I p,r,ie ler %..n Frei-Jri.i 11. im Jahre 1244 dn N','rier Jidern erlihelinn n le'-I tenii u.il in ,ILr leiztc ren linlen R -:lc -hli. ...ril.e'r i. re SI ble mid -chlitrer LIu- mente ;: e.ln alien Piilt.:_nI.i. die Li.is a l Ba l..aro',sa I .i0',o IHerinr-ih I', ia -ogar aul LudJwis d.en Fr.:.nimen 1327 1 zuruii. krc.hen. liefert den Beweis fiir den Ursprung und den Wert der Kulturelemenie, welche die deischien Juden nach Polen mitbrachten. Die Gemeindeverfassung bildet aber nur die aluBere Mauter, innerhalb derer das Leben in zwei Zentren: in Synagoge und Haus pulsiert. Stil und Einrichlung der Synagoge in Polen zeugen von ihrer Herkunft. Die Wanderung der Juden und Judengemeinden %on Mainz nach Reensburg, Prag und Krakau wird durch die Golik ihrer S.?nagogen bezeich- net: den Abschlun einer anderen Wandergruppe. deren Zeit %wir niciht betimmen kunnen, finden wir in Molii- lew am Dniepr. wo in der Synagoge eine alte gotisehe Stadt mit vielen Tiirmen gemalt ist. Auf einem der Tiirme lesen wir die Aufschrift: Wirrmeisa. d. i. Worms. Alnlich wie im Bau finden wir auch iin Ritus der polnischein Synagoge ihren aschkenasischen Lirsprung. De-'ellen Ursprungs sind die meisteni Sitten tund.Braiuche im jiidischen Hause. Auf den K e ubot Heirats- verlriigel in Polen finden wir noch ieulte die Bemer- kung. .,daB alles so gesclehien, wie es autf den Gemenin- dcntagen ..S e h u n" ISpeier. \Xorms. Mlainzl beschllo.- -en w lrdte". Da-. wielitigate Kulturelement, w\ellche die deuts'heni Einwanderer nach Polen mitlraciten. \war das S c Ii c I- ws e e n, das elenleniare, wie das mittlere unid hohe. Die Verpilanzung ides Schlllnesens wmire aber un- mniilich Le'emen. hiitteu die deut-chle'n Juden ati, die WHanderung die deutsche I jid.-deulsclhei Sprallhe nichl mitigenomimen und it ie in ihrer neiien Heiniat belialten. ()hne Zweifel warren in Polen. wenigsteni umn die lWende dees X\. und XVI. J.hrluinderts, die Bedingunigen zur Wahrliing der deurit-hen Sprache ge:gibent: ein groBer Teil der StadtlemPilkerunAL m nar deutieh,. deuntrlh war die Am\nitsraehe der -iagistrate. der Schule. die Kirchen- prediit. Auich die altandia--i'.en Juden wart-n zumeist deutischcr Herkunl'f. Kein Wunder also, dal auch die Ankimnilinge siclh hier % ie zu Hau.se fiihlten und, nach- dein ie 'festen Fut1 geflilt. iire Kull urierte pflegen inid entl ickeln konnten. Gegen Ende des Jahlrhunderts. wo die Einwande- rung neuer ,mesilicher Elemente fast glinzlich autfhirt. und das Deultchlumn in denim polni-li'en Stadten erlisclit. b)egiiil sichl daas jildisch-deutsche Idiom der polnischen Ghelti tom dleut chen LitUrstanl zi eniferneni. Das gi'- sehlielit aber bereits in der Zeit. in der die rapide R ii c k- w a n d e r u n g tder polnischli Juden nach DeutisclhlawI hbeinint. Bi- dalin iildeten alle Juden voni Rhein bis an den Dniepr. von StraBhurg bis Sniolen;k cine ein- heitlliche Kulturgruppe und dies ernlilictie den Riick- mwanderr-rn nacl dem Jalire 1648 das Einleben in di.. deutsclien Geneinden und das Bilden neuer Ju den- gemeinden in den deutschen S.iidten. Nur dank dieser einheillichen Kultur konmten polnische Gelehrte Rabbi- nerstellen in Nalihren. an der Elbe, ami Rhein und IMain erlanu~en und unlgekehrt deutsche Rabbiner in Polen ihr Ant auiiiben. 103 Die judischen Einwanderungen in die Balkanstaaten Von Saul M e z a n, Sofia. Schon Jahrhunderte vor der Zerstiruug des zweiten Tcempels (70 n. Chr.) hatte die jiidische Diaspora Europa crreicht, in erster Reile Griechenland und Mazedonien. In der ersten Hilfte des ersten Jahrhunderts gab es jiidi- sche Gemeinden in Saloniki, Philippi, Beroa, Korintll Argos u. ii. Vor der christlichen Zeilrechnung waren halbjildische Kullgemeinden nach Norden zu bis nach Pautalia theute Kiistendil in BulgarienI und die Um- gegend von Sofia gelangt. Die Flut des Jahres 70 fiihrt neue Judenmassen tells gefangen, tells frei im Gefolge der rmiischen Legiouen his an die Donau. Durch spatere feindliche Invasionen burden die im Iinern des Landes von Juden bewohnten Slidte zerstirt. worauf sich die Fliichtlinge in den Hafengegenden nie- derlieBen. Ein byzantinischer GegenstoB fiihrt sie wie- der nach Norden. Die Gemeinde von Sofia wurde im Jahre 967 gegriindet. Seit alter Zeit befaBten sich die byzantinischen Juden mit Seiden-Industrie und Firberei. Normannen aus Sizilien brachten im Jahre 1147 Juden von Theben nach Palermo und wohl auch nach Korfu, Kaiser Fried- rich II. schuf mii ihrer Hilfe ein Seidennionopol. Un- gefihr um dieselbe Zeit brachten die K6nige der Dyna- stie Assen jiidische Kaufleute aus Italien und Ragusa nach Bulgarien 112. bis 13. Jahrhundert I. Deutsche Juden begannen ihre Einwanderung in die Balkan-Linder am Anfang der Kreuzziige. Ein getaulter deutscher Jude Leo Mung wurde im Jahre 1107 Bischof von Ochrida und das Haupt der selbstandigen bulga- rischen Kircle. Die Einwanderung bayerischer, unga- rischer, provenzalischer, sizilischer und apulischer Juden dauerte wlihrend des 13. und 14. Jahrhunderts an. Eine Feststcllung aus dem Jahre 1382 -eist auf Synagogen hin. die in ihrem Stil byzantinische, italienische, unga- rische Urspriinge aufzeigen. Das Jahr 1530 bringt die Niederlarsung ungarischer Juden in Bulgarien und Adria- nopel, 1542 kommen solche aus Bbhmen hinzu. Auf einen Appell. den der aschkenasische Rabbiner Isaac Sar- fali an schalhi'chle, mnllirisclie, rleinische und unga- rische Judengemeinden richlete. \erstirkte sich die Ein- ianderung in die Tiirkei. Das Erscheinen der Tiirken in Europa bewirkle einen Zusironi \on Juden in das Ottolmanische Reich. Gefirdert wurde die-er Zuwaclis durch die Sultane Orkhan 11326-13b01 und Murad I. 11360-13891. Be- sonders Adrianopel, damals Hauptstadl des Reiches, nahi viele Juden auf. Den Eroherungs.ziigen der Otto- manisclien Heere in Europa folgten die Juden werlstirtLs nacl RuIiinien. Bosnien, Ungarn. Besonlers zahlreich war die Einwanderung \on Juden in Konstantinopel auf 'eranlassung des Eroberers Mahomet II. Fast die ganze Gemeinde von Ochrida wurde durch iln iibergeleitet. Die kariische Gemeinde von Konstantinopel wurde durch zahlreiche Familien aus der Krim und aus Polen ver- siirkt. Die Einwanderung sephardischer Juden nach dem nahen Orient hat bereits 100 Jahre vor der Vertreibung aus Spanien eingesetzt. Unmittelbar nach den Massakers von Sevilla t13911 burden zahlreiche jiidische Sklaven in Kreta durch ihre Glaubenshriider durch Riickkauf der Freiheit zugefiihrt. Im Jahre 1492 wanderten spani- sche Juden in Massen in die Slidte. in die Inseln des Adriatischen, des Agiischen und des Ostlichen Mitlel- neeres, hauptsiichlich nacl Saloniki und Konstantinopel. Spiter nach der Austreibung aus Neapel (1540) und der Romagna gelangten portugiesische und italienische Juden dahin. Alle Provinzen des Ottomaniscben Reiches nah- men nach 1492 betrichtliche Judenmassen aus Spanien auf. Dies setzle sich in verlangsaniten Ablauf fort, bis die spanischen Juden sich nach Holland, Frankreich und England wandten. Die jiidischen Einwanderungen nach Asien und Nordafrika slehen in enger Beziehung zu dem Juden- schicksal in Pallislina. (Kaiser Heraclius i. J. 628.) Un- giinstige Verhiltnisse in Pallstina bewirken Flucht nach Agypten, wixhrend die Tore Jerusalems mit der musel- manischen Herrschaft i. J. 635 wieder gedffnet werden. Der erste Kreuzzug bedingt eine Zerstarung pallistinen- sischer Gemeinden und Flucht nach Damnaskus. Spaiter setzt die Einwanderung aus England und Nordfrankreich 112111 und aus alien westlichen Linderu einschlieBlich Spanien ein. Aschkenasische Juden kommen vielfacli nach dem 17. Jahrhundert aus BBhmen und besonders aus der Ukraine, im 18. Jahrhundert aus Polen. RuB- land und Galizien, auch marokkanische and tunesische Juden iandern nach Pallstina. Die Zerstreuung der spanischen Juden brachte in die Tiirkei Menschen, die in kulturellen, militirischen und maritime Dingen erfahren und auf den Gebieten der Medizin. der westlichen Sprachen, in der Buchdrucker- kunst, in der Fabrikation von Geschiitzen und SchieB- pulver, in der Industrie und dem intenialionalen Handel bewandert waren. Die spanitchen Juden befruchteten das Judentunm t.es listlichen Miltelnceres. Der groBe ZufluB polnischer und russischer Juden fillt.iin eine triibe Zeit des Zerl'alls und in eine Krise des sephardischen Judentums. Es ist das die Zeit des Sabalai Zewi, die das Judentum in der Tiirkei geistig bedeutend herabdriickte. Erst die zweite Hilfle des 19. Jahrhunderts brachte den Zustrom intelleklueller asclikenasischer Kreise in das tiirkische Reich und Irug dann wieder zu einer HI-he der Zivilisation der sephar- dischen Juden bei. i :4 Der Aufbau des hollandischen Judentums durch spanische und portugiesische Marranen Von Ceorg H er lit z, Jerusalem. Der alte talmudisehe Weisheitssatz ,,Got sendet die Heilung vor der Krankheit" hat in der Geschichte der Juden in der Diaspora eine vielfache Bestatigung gefun- den. So oft auch immer Juden aus einem Lande jahr- hundertelanger Niederlassung vertrieben wurden oder durch Gesetzgebung und Gewaltanwendung zur Auswan- derung gezwungen waren und es gibt kein Jahrhun- dert in der Diasporagesecichte des jiidischen Volkes, in dem sich diese bitter Zwangslage nicht wiederholte -, immer batten sich ini Zeitpunkte htichster Not und Ge- fahr die wirtschaftlichen und sozialen Verhithnisse eines oder mehrerer anderer Linder so entwickelt, daB das Einstromen groGerer Massen bedrohter Menschen in diese Lander nicht nur r--- m6glich, sondern oft geradezu 6kono- misch erwfinscht schien. Die Ceschichte der hollfindischen Judenheit, von der hier erzlhit werden soil, ist ein ihnliches Beispiel, das den Geschichtsverlauf der Juden in der Dias- pora charakterisiert. 1492 warren die Juden aus Spanien, 1497 aus Portugal vertrieben worden. In beiden Liindern blieben von den Zehntausenden von Juden, die dort seit Jahrhunderien ge- Manasse lebt hatten, nur die zuriick, die zu schwach waren, um den Bekebrungsversuchen Wider- stand entgegensetzeu zu kLnnen. oder die durch Anwen- dung von Gewalt in das Christentumn eingegliedert wor- den waren. Sie lebten HiuBerlich als Christen, iibten als Katholiken die Briuche und Zeremonien der herrechen- den Religion, aus ilreni Herzen aber war das Gefiihl der Verbundenheit mit ibreni Volke und seinem Glau- ben nicht herauszureil3en, und wo sich eine Miglichkeit hot, gingen sie im geheimen der Pflege der alten jiidi- schen Briuche nach, feierten in Kellern und Unter- schliipfen die Jiidischen Rulietage und Feste immer in der Gefahr. wegen dieses Festhallens am alten Glau- ben von der Inquisition aufgespiirt zu werden und den Tod auf 'dem Scheiterhaurfen zu erdulden, und daher iiimer aul der Suclie nach einem Lande, in das sie aus der Gefahr dauernder Lebenshedrohung entweichen kdnnten. Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderis hot sich diLsen spanischen und portiigiesischen Scheinclristen IMIarraneni als eine solche Zufluchtstlitte Holland dar. Dieses Land sprengle 1577 im ,.Abfall der Niederlande" die Fesaeln des spanisehen Jochs und schuf 1579 in der ..Utrechter Union" das erste Beispiel eines Grundgesetzes der Gewissenfreiheit, hunter dessen Herrschaft fir Men- schen jeden Glaubens Lebensraum war. Kein Wunder, daB sich die Freiheit*elnsuciht der hunter den stindigen Gefahren der Inquisition schmachtenden Marranen Spa- niens und Portugals, deren physische und psychische Situation im Laufe des 16. Jabrhunderts immer unertrig- licher geworden war, immer stirker auf das Land der neugeschaffenen Freiheit, die Niederlande, richtete, und daB von ihnen im letzten Jahrzemht des 16. Jahrhunderts immer neue und immer umfassendere Versuche gemacht burden, die H5lle der Glaubensverfolgung in Spanien und Portugal mit dem Paradiese der Geistesfreiheit in den Niederlanden zu vertauschen. Fiir jemanden, der die Gesetze geschichtlichen Werdens kennt, braucht wohl nicht betont zu werden, daB auf der Seite des staatlichen Gemeinwesens der niederlandischen lie- piiblik liir die Aufnahme der an der hollandischen Kistelandenden spanischen und portugiesischen Marranen nicht nur die Grundsiitze der neu proklamierten Gewissensfreieeit, sondern auch okono- mische Erwagungen mafgebend waren: in eben jene Zeit, in der die Marranen der Pyreniiischen Halbinsel an den Toren Hollands EinlaG begelrten, fPillt der Beginn der wirtschaftlichen Expan- sion der Niederlande nach Ubersee, ben Israel ein Wirtschaftsprozel ffir den die teil- weise reichen Mittel und die erprolbten Wirtschaftskrafte der einwandernden Juden nur er- -wiinscht sein konnten auch das eine geschichtliche Koinzidenz, die man nicht anders denn als providen- tielle Fiigung bezeiclmen kann. Die Geschichte der hollindisclen Judenheit im ersten Jahrhundert ibrer Niederlassung in der neuen Heimat soll hier nichl im einzelnen erzihit werden: jedes Geschichtswerk gibt dariiber hinreichend Auf- schluB. Es mag geniigen, festzustellen, daB die ersten Juden holljindicshen Boden etwa 1593 betraten, diB Amsterdam der Ort ihrer ersten Niederlassung war und daB bald weitere Niederlassungen fliichtender Marranen aus Spanien und Portugal in Alkmaar. Rotterdam, im Haag. und in den Pro\inzen Groningen iuid Friesland folgten. Hier soil vielmehr davon gesprochlen werden, welche starken Kraftie diese nenen Biirger der nieder- liindischen Republik, die als Katholiken ins Land kamen, in der Freiheit der neuen Heimat aher bald auch luBer- lich die Heimkehr zu iohrem Volke und Glauben soll- zogen, schon in den ersten Jalirzchlten ilires Aufent- haltes in Holland entflleten. Auf drei Gebieten vollzog sich dieser bewundernswerte WViederanfbau jiidischen Lebeus nach einem Jahrhundert der Not und Unter- driickung, in drei Richtungen Eri3nmte die in der Zeit der Fesselung gesammelte Kraft' jiidiclier Lebens- 105 I _wS - bejabung und -geslaltung auseinander: in das Gebiet des Glaubens ind Kultus, in den Bereich der Wirtschafts- hetlitigung und in das Gebiet des geistigen Schaffens. Die Gewinnnmg der naci den Niederlanden gekom- menen Marranen fir das iffentliche Wiederbekenninis zum Judentum war das Werk der heiden Rabbiner Moses Uri Halevi aus Emden, der mit einer Marranen- gruppe in Aisterdam landete, und Josef Pardo, der aus Saloniki nach Amsterdam berufen wurde. Der Wieder- anschluB der cin Jahrhundert lang dem Judentum ge- waltsam Entfremdelen vollzog sich sclnell, weil er frei- willig. aus der Sehnsucht des Herzens heraus erfolgte, und so eng war bald die Verbindung mit der alten Ge- meinscliaft, daB bereits 1598 die erste Synagoge errich- tt werden konnte. Sie hieB nacl dem Fiihrer der ersten Gemcinde in Amsterdam, dem an der Wegriumung vieler Iliidenieise hoch veirdienten Jakob Tirado ,,Beth Jakob". l)er Zustrom neuer Marranen lief aber niclit uach und 'a.r so groB, dar schon 1608 eine zweilt- Synagoge g?- -ritift nurde, die den Nanmen ,,Newe Schalom" fiihrie. llir Ribbiner. oder wie sein Titel nach dem Brauchel lder -panischien Juden lautete, ilir ,,Chaliam", war Isaak Usiel aus Fez. ein glaubeniisrenger Eiferer, der nicht zii Liiirecht erkannte, daB die seiner Fiihrung an\ertrauten, ..Neujudel'" nur durch strengmte Bindung an die Vor- clhriften des jiidischen Religionsgesetzes \on einem Riickfall in die Vorstellungen und 'ibungen des ihnen %erirauten und )equenieren katholischen Glauben- be- iwalirt werdeu kinnten. Der Eifer des Fiilrers hatte frei- lich zur Folge, daB sich 1618 cin Teil der Gemeinude oni dieser abspallete und mit einer written Synagoge ,,Bethl Irael'- eiue neue Gemeinde bildele. Der religiise Kulius aller drei Gemeinden \ollzog sich nach deni au, Spanien mitgebrachlen sefardischen Ritus. und aucl der organisalorische Aufbau tdes Gemeindelebens, das ra-sch ;iufbliihte, fand in den Formen stalt. \iie sie das spa- nische Judentum in jahlrhundertelangem Werden ent- wickelt halle. An der Spitze der Aniserdainer Genimeinde, die siich 1639 aus den drei Gemeinden des Anfangs zu- sn;iiiinellschilol und den andereu sich im Lande bilden- den Genminiden stand ein Gemeinderat IMalhamad). der aus weclthliclen ind geistlichen Fiihrern I Parnas-ini undi (Ch:achamniii gebildet wurde. Dieser Gemeinderal ver- 'iallele die Genieinde aultonomi atf' Grund eines \on den holliindisclien Behirden genehmigteii Gemneindestatut' I Askaniotl und besal3 sogar uber die Gemeindemitglie- der in Glaubensfragen eine Art Gerichtsbarkeit mit Strafrecht. Die schwerste Strafe, die er zu verhiuigeni bereclitigt war, war die Ausstolung aus der Gemeinde durch den Bann Clierem). Zu den Aufgaben der Ge- ,ieinde gehiare u'eben deni religitsen Kullus vor allem dlie religiise lUnterweisung der Jugend, fir die allerorten Talmud Tora-Schulen errichtet burden. Die beriihm- teste dieser Schulen war die in Anisterdam gegriindete Talmud Tora ,,Ez chajim", die wie die anderen fiir die Pflege und Weiterbildung der jiidischen Traditionsgiiter hunter den hollindiscien Juden GroBes geleistet hat. Auf dem Gebiete der Wirtsehaft kam, wie schon er- wi'hnt, die Eniwicklmung die Holland gerade in der Zeit der Einwanderung der spanischen und portugiesisehen Marranen erlebte, deren Anlagen und Kenntunisen, ihrem Betsitigungsdrange ind der Verweudungsmdglichkeit der von ilinen mitgefilirten Kapitalien entgegen. Die Juden warren in Spanien und Portugal groBenteils die Traiger des tVberseeliandels und des Finanzwesens gewesen. Wer also war geeigneter als sie, in dem nach liberseeischemn Verkelir und Handel strebenden Holland dem wirt- schaftlichen Bediirfnis des Landes zu geniigen, wer konnte besser als sie, die durch Familienbeziehungen mit den nach dem Orient ausgewanderten spanischen und portugiesischen Juden verkuiipft waren, Handels6erbin- dungen mil den Lindern des Orients aufnehmen? In all diese grade um die ende des 16. zum 17. Jahr- limderts in Holland enttehenenden iirsclhaftlichen Liicken fiiten sich die jildischen Einwanderer entechlos- sen ein und \crhalfen ihrem neuen Vaterlande zu einem rasclen wirtschaftlichen Aufslieg. Juden, Marranen aus Spanieni und Portugal, warren es, die durch Investierung ihres Kapitals in die West- uid Ostindische Kompani:i diesel zu StiitzpLnkten des holliindischen Welthlandelus machlten. Juden warren es, die denim hollindischen AuBen-i handel in Italien mid der Tiirkei neue Absatzmlirkte er- i;ffneten. Juden warren die Triger des Bank-. Birsen- und Speditioniwesens in Holland. Juden die Schbpfer neuer Industrien im Lande. Sie haben dem Lande. das sie so groBmiiitig aufnahm. wahrlicli reichen Dank abgestattet ilhi zu Gr;l63e und Bliite milverholfen, deren es sieh selt "Jalrhunderien erfreut. DaB dabei nuch ihnen reicher materieller Gewinn zuteil wurde, ist ge\iiB nicht zu ver- wundern. .Aber wie sie ihn venrandteu, zeugt \on der engen Verbundenheit mit den Bediirfnissen der eigenen Gemeiuschaft. die zu allen Zeiten das Charakteristikum der jiidischen Geschichte in der Diaspora gewesen ist. Die Synagoge, die die sefardischen Juden von A-rmsterdam im 17. Jahrhundert errichteten, und noch melr die von ihlnen erbaute neue Synagoge warren Prachtlauten, die neben den Palisten der jiidishlien Familien Pinto. Acoste, Texeira u. a. zu den Schmuckstiicken der Bau- kunst in Holland zihlten. Dal daneben freilich im Ge- folge des rasch wachsenden Reichtums einiger jiidischer Familien sici tiefgreifende soziale Differenzierungen und Schiden iherausbildeten und dan vor allen eine Scheidewand \on Hochmut und Verachtung die so liber- raschend schiell enporgestiegenen sefardischeu Juden 106 Hollands \on den spoiler eingewaniderten aschkenasischen Juden schied, soll um der geschichtlichen Wahrheit willen nicht verschwiegen werden. E. bleibt ein Letztes iiber die geistige und insbeson- dere geistig-jiidische Entwickluug der in Holland zur An- siedlung gelangien spanischen nud portugiesisclen Mar- ranen zu sagen iibrig. Das Charakteristische dieser Ent- \\icklung ist, dab auf deni Boden dieses niarranischen Judentunim in Holland sich zwei geistige SIr6mungen ver- schnolzen: das L e b e n s g e ii h I der von den Fesseln eines widernatiirlichen Glaubenizwanges befreilen See- len. das sich in den aus Erinnerung gespeisteni lyribchen Elegien iiber das Schicks-al der Vorfahren entlud, und die S e li n u c h t der ihrem Volke und Glauben einsii gewalsamn Enlfremdeten sicl dieseni durcl engste Ver- kiiiipfung mit seinen Kulturgiitern neu und besonders eng zu niihern, ein Strehen. das in eilrigstem Studiumn der Uherlieferungen des Judentunis uud peinlichster Hut der Vorsehrilfen des Religionsgesetzes einen Ausdruck fand. In Jakob Belmontes. David Abenatar Meloi und Reuel Jc..ssruns Dichtungen aus der 1. Hailfte des 17. Jallrhundert. versclihmilzt das Formgef'iihl einer hoch- cntwickelteu spanisehen ind portugiesiichen Diclitkuiint mil der Kraft jiidiclieii Erlebniissi zu dichteri'cheni Autdrnuck. ter W erke \on bleibender Bedeutuntm gechliaf- 'en hat. In Miinnern wiie Nlana'se len Israel, Saul Morteira und Isaak Aboal) de Fonseca andererseits wird die Tra- ditionsliteratur des Judentunis mit grof3er Kraft lebeulig. Je mehr die nach Holland gelangten Marranen, trotz aller iiuferen Wider'tiiude, die iirer \iilligen Eingliedc- rung in die Geiste.selt der Umgebung zuiimchist entgegen- stauden und erst allnimhlich iiUwrwunden burden. An- -chlul3 an das geistige Leben ilirer neuini Heiimat faudtin, desto nehlr begannen sie allerdiiigs nuch bald, sich mit den geistigen Bewegungen ihrer Zeit zu behcliaftigen ind a.lseinanderzusetzen. Uriel dl'Acosta und Baruch Spinoza sind die bekannte'alen Exponenten dieser geistigen Ent- wicklung ini hollindischen Judentum des 17. Jalrhun- derts. Ilir jiidisthes Schick.al ist charakteriistich fiir die geisiige Haltung des ais dem Marraneutum der pvreniisclen Halbinsel nach Holland gelangten, zumi Juidentum zuriickgekelirten jiidischen Menschen einer- seits und fiir das geistige Freiheilsstreben, das in Einzel- nen. Wenigen dieser Menschen als instinktiver Drang gegen die Ersetzung des Zwanges der Kirche durch den Zwang der Synagoge lebendig iwurde, auf der andern Seite. Lehuten sie sicl uid von dem geistigen Frei- heitsanspruche des iiberdurchchnittlichen Individuum; her gesehen. mit Recht gegen die Einschniirung de; Geistes in (lie Fesselu der Liberlieferung aut, so hate andererseits die Gemeinsciaft den richtizen Instinkt da- fiir, das letzle individuelle Freihieitsreclit grade im Kreise derer, die bereits einnial die Bindung an die Gemeinschaft verloren hatten, zur Aufrlinsng flibren muiite. Die Zeir fiir den Ausgleich des Freilieit- anspruches des Individuunis mit den hereehtigten An- spriiehen tder Gemeinchaft war noch nicht gekoiiimen. So 'erlor das liolluildisclie Judentum uni der iinmanen- ten Gesetze seiner eigenen Eutwicklung willcn scin- beiden erle-iesteun Geiter ini 17. Jabrlihundert, -chiied sic: selbst aus sich anus und glaubte es uni der eigeuen Er- haltung \\illen tun zu niinssen. Das Recht ter Genein- 'chaft tiefste W ahrlieit der Dias-porageshiidhite dec Judeiitnilus! nimute hjliher itelheu al- da- Recht de. Indiv iduunis. Das hollindische Judentiii hiat die-c e Wige \ ahlr- heit hereits in der Zeit der Schlaffiug seiner Gruniiidlgen iin 17. Jahrliuntert erkauit ind ist damit und mit all deci, was es in der Zeit seines Aunf)baus g-esiehalffen hat. richltunlig-ebeuid iuch fliir andere Zeiten gei esen. Aucli Iiir die um;ecre! '1 *1 -i R Ij Italien Von Cecil R ot h, London. Die Geschichte der Juden in Italien stellte zu jeder Zeit ein Miniaturbild der allgemeinjen jiidi-chen Ge- -chichte dar. Jedes Ereignis, das anderswo sich in grafe- rem MaBfstabe abspielle, land dort sein Gegenstiiek im Kleinen. Das erging so niiht nur in der Sphlire jiidi- scher Leistung. soudern auch in der jiidischen Leidens. Die Marranen Spaniens hatten ilir Gegenstiick in den Neophyten ion Apulien, die nach ibrer gewaltsameni Be- kehrung gegen Ende des dreizeluiten Jalrhunderts Hun- derte ion Jahren lang ihre geistige Eigenart bewahrien. deren Spuren sich sogar noch heute benierkbar machen. Die Inquisition begriindete nach spanisciem rMu-er einen Stiitzpniikt aif der Insel Sizilien, nid AutodafUs nilt jidischen Opfern i\aren auch in Italien nichts UIn- gewIuliIliches. Auch die Juden Italiens lernten alle Grade de- Leides ind der Verfolgung, nichlt selten auch die viillige VerLreibung keunen. Wie in Deutschland machle die verwirrende Mannigfaltigkeit der Verfassungen und die Vielst.aterei eine homnogene Politik in jiidischen \wie in allgeneiinei Dingen ganz unmiglich. Infolgedessen gil:' 107 es aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Ort in Italien (vielleicht mit der einzigen Ausnahme Roms), wo von den iitesten Zeiten an his zur Gegenwart ununterbrochen eine jiidische Bevdlkerung vorhanden gewesen ist. Andrerseits wurde auch zu keiner Zeit durchgehends eine antijiidische Politik befolgt. Als im friihen Mittelalter der nardliche Tell des Landes sich in halbanarchischem Zustande befand, war das gri58te jiidische Zentrum im Siiden. In spiter Zeit warf spanische Intoleranz ihre Schatten auf das Konig- reich Neapel, das die Inseln Sizilien und Sardinien um- faBte; die Vertreibung der Juden gegen Ende des 15. und im Anfang des 16. Jahrhunderts war die natiirliche Folge. Inzwischen hatte sich jedoch inn Norden eine gr5Bere Stabilitit der Verhiltnisse und ein duldsamerer Geist entwickelt, und die Gemeinden der Lombardei und der angrenzenden Provinzen traten nunmehr in den Vor- dergrund. So wurde z. B. Venedig, aus dem die Juden fast his zum 15. Jahrhundert aufs strengste ausgesehlos- sen waren, vom 16. Jahrhundert an eines der bedeutend- sten Zentren jiidisch-kulturellen Lebens und die wich- tigste Heimasillte der jiidischen Buchdruckerkunst. Wie bereits oben angedeutet wurde, war Rom wahr- scheinlich der einzige Tell des Landes, in dem ohne Unterbrechung seit friihesten Zeiten his zur Gegenwart eine jildische Bevilkerung ansiiig war. Diese Tatsache bezeugt die im wesentlichen tolerance Politik des Papst- iums, das den Juden zwar Schranken auferlegte, sie jedoch stets beschiitzte, keine Gewalhtitigkeit gegen sie sanklionierte oder gar jemals zu dem letzten Miltel der Vertreibung oder der Verhinderung des Broterwerbs griff. Dieses wohlwollende 'erhalten der katholischen Kircie zu den Juden verdient in Erinnerung gebracht zu werden. Eine Anzahl der Fliichtlinge aus Siiditalien suchte auf Korfu Zuflucht. Hier hiellen sie in fremder Um- gebung treu an der Sprache und Literatur ilirer \'iter fest, wie es ihre Nachkommen his zum heutigen Tage tun. Daher kommi es auch, daB die listen bekaunten Texte des apulischen Dialekts wohl die in hebriischen Letter, und zwar im korfiotischen Gebetbuch erhal- tenen sind. Gibt es einen schlagenderen Beweis fiir die auch sonst so oft erliirtcte Tatsache, daB jidische Treuc selbst angesichts von Bedriickungen unwandelbar ist? Italiens jiidiscie Geschichte war jedoch nicht nur Etes6 ein kleines Abbild des jiidischen Geschehens in aller Welt; die Halbinsel hat sich auch zu alien Zeiten als ein Land der Zuflucht bewihrt. Wenn sie auch nicht riesige Mengen von Fliichtlingen aufgenommen hat wie Polen und Amerika, so hat sie doch in alien Krisenzeiten Opfern der Verfolgung aus auderen Liindern eine Zu- fluchtstlitte bieten kiinnen. Ihre friihesten jiidischen Be- wohner warren vielleicht Opfer der Unruhen in Pallstina, die freiwillig oder unfreiwillig nach Europa kamen. Im spilen Mittelalter besonders nach den Verfolgungen von 1348 49 fanden deutsche Fliichtlinge in vielen Stid- ten der lomhardischen Ebene ein neues Heiim, wo sie eine Anzahl spiter beriihniter Gemeinden begriindeten. Ala die Juden im 14. Jahrhundert aus Frankreich ver- trieben wurdeu, kamen gleichfalls viele iiber die Alpen nach Pieniont, und his in *unsere Tage wurde der alte franzisische Gebetaritus von drei Gemeinden Asti, Fossano und Moncalvo dort beihehallen. Die Vertrei- bung der Juden aun Spanien verstarkte die Gemeinden Mittelitaliens und hinterlieB eine dauernde Spur in der beriihmiten Scuola Catalana in Rom. Splter ergoB sich infolge der Titigkeit der Inqui- sition ein andauernder Stronm marranischer Einwanderer nach Italien, die in Ancona, Ferrara und an anderen Orleu, sogar in Rom ihre eigenen Gemeinden bildeten. Als sich whirend der Gegenreformation die Tore dieser Orte fiir Juden schlossen, iffnete Venedig die seinen, und schlieBlich bot der Grofherzog von Toscana den Heimatlosen eine Zufluchtstiitte in Livorno, das bald eiies der Zentren der marranisclen Diaspora und vielen eine Heimat %wurde, denen die weniger duldsamen Teile des Landes versperrt wareu. Angesichts aller dieser Tatsachen, die die Ziige der jiidischeni Allgemeingeschiclie in ilirem italienischen Abbild widerspiegeln, kann der Forscher unmiglich sicl zu ciner flaalistischen oder agnosticiheu Weltanschau- ung bekeunen. hi der Geschichte unseres Volkes scheint iwirklich eine Vorsehung zu walten. Verfolgungen sind zwar so hiufig geviesen wie in der Geschichte keines anderen Volkes. Aber selbst in den dunkelsten Stunden war diese Verfolgung keine allgemeine, iiberall gleich- zeitige und daher nie vernichtend fir die Judenheit als Ganzes. Sellbs in den dunkelsten Stunden stand unseren Briidern ein Land als Zufluchtlstitte often, ein Ort, wo der Jude des Schutzes und der Sicierheit gewiB sein, wo er seine geistigen Ideale entwickeli und %on wo er si-ch von neuem in den Kampf um den Aufstieg begeben konnte, wean die Verhlltnisse sich besserten. IIT~r~ Die Vertreibung der Juden aus Wien und ihre Einwanderung in Preulen Von Selma S t e r n, Heidelberg. In der Geschichte der Diaspora bilden Ansiedlung, Vertreibung und Wanderung immer wieder Anfang, Mitte und Ende eines fast gesetzmli igen Geschehens. Wie in einem Kreislauf folgen auf Jahrhunderte der Eingliederung and der Einbiirgerung in das aufneh- mende Volk Epochen der Ausweisung und der Verfol- gung. Die inneren Motive und die psychologischen Griinde sind in allen Lindern und zu allen Zeiten von gleicher oder ihnlicler Art. Die iuBeren Ursachen wechseln, sie sind abhbingig von wirlschaftlichen Bedin- gungen und weltanschaulichen Bindungen, von der Struk- tur der Staatsformen and der Verschiedenartigkeit der Verfassungen, von historischen Konslellationen und poli- lischen Ereignisaen. So kam es vor, daB ein von Stinden beberrachter Territorialstaat oder ein von Ziinften oder Patriziern regierter Stadstanat seine Juden vertrieb, waih- rend zu gleicher Zeit der merkantilistische und kapita- listische Nachbarstaat sie ansiedelte, oder daB ein kon- fessionell gebundenes, auf der Einheit der Glaubens- bekenntnisse aufgebautes Staatagebilde sie als Ungliubige verstieB, whibrend sie bei toleranten, Konfession und Politik trennenden Herrachern Aufnahme fanden. Der religiise Mensch wird in diesem rhytlhmischen Wandel eines stets gleichen Geschehens den tieferen Sinn eines leidvollen Schicksals erkennen und deuten. Der Historiker vermag mit den kargeren Mitteln seiner Erkenmtnis nur das einmalige historische Ereignis ratio- nal und kausal zu erfassen, rund er wird im Spiegel der Vergangenheit Geschehnisse der Gegenwart schirfer und klarer betrachten. Neben den Jahren 1492 und 1648, den Jahren der Vertreibung der Juden aus Spanien and den Verfolgun- gen in Polen und in der Ukraine, bedeutet das Jahr 1670 das dritte umwiilzende Ereignis der neueren jiidischen Geschichte. Die Vertreibung der Juden aus Wien and Niederisterreich, die ZerstSrung des dritten groBen gei- stigen und kulturellen Mittelpunkts der damaligen jiidi- schen Welt, ist von der Dichlung und Literatur jener Zeit weniger einpriigsam fesagehalten worden ala die Flucht vor def spanischen Inquisition oder der Mir- tyrertod der von den Kosaken ermordeten polnischen und ukrainischen Juden. Der Grund liegt nicht darin, daB die aus Wien und Osterreich Vertriebenen ihre Hei- mat leichteren Herzens aufgaben als die andern. Noch viele Jahre haben sie in 6ffentlichen Dokumenten zu ihrem Namen die Worte ,,Exulanten von Wien" oder ,,Vertriebene aus Osterreich" hinzugesetzt und diese Be- zeichnungen selbst noch auf den Grabsteinen featgehal- ten. Aber wiihrend die spanischen und polnischen Juden ziellos und planlos bald in diesem, bald in jenem Lande um Aufnahme betteln muBlen und abhingig blieben von der Laune und Gnade der Herrachenden, traf die Wiener Juden ein besseres Los. Ein Teil von ihnen wurde be- wuBt dazu ausersehen, am Aufbau eines modernen, zu- kunfiavollen Staates mitzuwirken. Die Wiener Juden bildeten, besonders seit ihrer Obersiedlung nach dem unteren Werd (1624), eine der bliihendsten Gemeinden des Reichs. Sie wohnten gleich- sam als Staat im Staat auf eigenem Gebiet, besafen eigene Verwallung und Gerichtabarkeit und waren nur der kaiserlichen Obrigkeit unterstellt. Die Hofhefreiten blieben fiir alle Waren, die sie dem kaiserlichen Hof- halte lieferten, von Steuern, Maut und Zillen frei. Sie durften in 18 offenen Gew6lben in der inneren Stadt ihren Handel treiben, sie besaBen gute Schulen und iffentliche Synagogen, sie bildeten ihre Jugend durch Berufung bedeutender Gelehrter. Namhafte Arzte und Rabbiner, Talmudisten und Kabbaliaten trugen den Ruf des geordneten Gemeinwesens in alle Welt, im Wiener Ghetto machte der bekannte Polyhistor und Professor der Geschichte Wagensmil die Studien zu seinen jiidischenWer- ken. Als Kaufleute waren die Wiener tiichtig, gewandt und siel gereist. Sie standen in Handelsbeziehungen zu Ita- lien, Polen und der Tiirkei; als Miinzvenralter, alI Heereslieferanten und Salzfaktoren gebranibte sie der Staat, al Geldvermittler und Projektemacler der ewig rerachuldete Hof. Trotz der ungeheuern Abgaben an die kaiserliche Kasse, trotz aller Ausschreitungen der Wiener Biirger und aller Drohungen des stidtischen Magistrats war ihre Lage hunter der Regierung Ferdi- nand II. und Ferdinand III. recht giinstig. Auch der von Jesuiten erzogene, fanatisch fromme Kaiser Leo- pold I. war ilmen zu Anfang nicht feindlich gesiant. Er bestitigte 1659 den Wiener Juden ihre Pivilegien und gestattete ihnen wihrend der Tiirkenkriege den Auf- enthalt in der inneren Stadt. So iiberfiel sie der Aua- weisbefehl des Jabres 1670 unerwartet und unvor- bereitet. Allerlei Ungliickafllle am kaiserlichen Hof, ein Brand im Schlosse, der der kaiserlichen Familie fast das Leben kostete, eine Fehlgeburt der Kaiserin, der Tod des jungen Kronprinzen wurden von den juden- feindlichen Stinden, dem Wiener Magistrat, den Ziinf- ten, der Geistliclkeit zu einem wohlorganisierten Komni- plott gegen die Juden ausgeniitzt. Der Beichlvater der Kaiserin und Vertraute des Kaisers, der Bisclof Kollo- nitach, wurde beauftragt, dem Herrscher alle die Zeiclen und Wunder als Strafe des erziirnten Himmels fir die Duldung der Juden zu deuten und von dem aberglau- bischen Regenten und seinen Ratgebern die Vertreibuna der Ungliubigen zu erbitten. Fir den Ausfall, den die kaiserliche Kasse durch den Verlust der jiidischen Steuertriger erlitt, erboten sich die Wiener Birger, jihr- lich 14 000 Gulden und nocl dazu einen einnaligen Bei- trag von 15000 Gulden zu bezahlen. 109 * wr WV ~UW W WW W rw WW - Schon am 26. Juli 1669 wurde der 6sterreichischen Regierung angezeigtL da1 der Kaiser ,.aus sonderbaren beweglichen Ursachen, um Beschwerden. wie sie die Christen seit einiger Zeit fiilren. zu \erliiien, die Aus- weisung einer Anzabl Juden und Jiidinnen aus Wien und dem Lande Osterreich besehlossen habe". Und am 28. February 1670 erfolgte die kaiserliche Resolution, daB bis zum nichslen Pfingstfeste die gesamte Judeuschaft Wiens die Stadt zu rinumen habe; daB bis zum Fron- leichnamstage kein Jude sich mehr sehen lassen diirfe. David Kaufmann hat in seiner Chronik'i die sclreckcnsvollen Ereignisse jener Tage festgehalten. die Verzweiflung der so pll6zlich von Haus und Hot Verja,- ten, die Versuche der iibrigen jiidischen Wel., beson- ders des Hamburger portugiesischen Juden Texeira. dureh Vemnittlung des Papstes und der Kiinigin von Schweden den Kaiser unizustimmen, die Anstrengung der Wiener Juden. durch Geldangebote und Bittschrif- ten den Ausweisbefehl riickgangig zu machen, die ein- stimmige, entriistete Abwelr der als Rettung angebote- nen Taufe, den hastigen. verlustreichen Verkauf der Hiuser und der iffentlichen Gebaude und selliel3ich die fluchlartige Auswanderung nacli Mihren, Baihmen. Ansbach, Fiirth, Hamburg. Frankfurt und andern jiidi- schen Gemeinden des Reichs. Von allen diesen Vorgingen berichtete damals \on Wien aus der brandenburgische Resident Andreas Neu- mann nach Berlin. Es scheint. daB man dort schon lange die W iener Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgte, daB man von Anfang an daran dachte. die Vertreibung der Juden fiir den eigenen Staat auszuniiizen. Der Gro3e Kurfiirst hatte gleich nach seinem Regie- rungsantritt lbewiesen. daB er entschlossen war, in der Judenpolitik eigene und neue Wege zu gehen, indem er es unteniahm. einen bisher unbeachteten und verachte- ten Volksteil zum Werkzeug. ja zum Helfer seiner groa3- ziigigeu Handels-, Finanz- und Gewerbepolitik zu maclien. W ie er sich von den mittelalterlichen Formen loste, die intermediiren Gewalten zugunsten der Staats- einheit heseitigte, an Stelle des Sildnerlceres da- stehende Heer setzte, den Adel zuriickdringte iind den Beaten clhuf, so versuchte er die fiirstlichen Kammer- kneehte, die his dahin passive Pertiienzen des Herr- sehers waren. in persiiilichie Triger und selbstindige Glieder einer aufstrebenden W irtschaftsforn zu verwan- deln. Seine menschilic free persotiliche Auffa-sun..s daB die Duldung eben darin ilir Wesen habe, alle zu dulden, seine ganz moderne Vorilellung der Not'\endiz- keit einer Trennung \on Religion und Politik crrbanden -ich mit seinen realen beviilkeruiigsipolitiscien und wirt- shelftspolitischen Enviigungen. In der Absicht. den Ver- triel) on Luxuswaren und Malssenprodukteu durch Juden zu f6rdern, nehr Geld in Umlauf zu bringten i Die lenre \ertreibung deri Juden aoui Wien und NiediiL uc.c- reiih .... Wien 1889. den noch halb naturwirtschaftlichen Charakter seines Landes in den modernen geld- und kreditwirtschaftlichen umzugestalten. mit Hille des jiidischen Freihiudlers den fest umrissenen Rechten der Ziinfle und Gewerke Ab- bruch zu tun. durch die offense Konkurrenz das gewerb- liche Leben auf gesunderen Boden zu stellen, hate er schon im Jahre 1650 die Prihilegien d.r alten jiidischen Gemeinden in Kleve-Mark. Minden und Halberstadt er- neuert und erweitert, in den fisher judenfreien Provin- zen OslpreuBen and Pommern neue jiidische Kolonien begriindet, den Leibzoll aufgehoben und alien jiidisclen Untertanen das Recht zu kaufen und zu verkaufen und den Besitz oftener Laden und Buden gewhihrt. In der Abiceht die Frankfurter Messen neu zu beleben, den Handel mit Polen und RuBland zu erwei- tern, die Verkelirsreileit zwichlen Pomniern. Branden- burg und den mittleren Provinzen zu fIrdern, machte er jetzt den Versuch. die Wiener und Osterreicher Juden in der Mark Brandenburg anzusiedeln, trotzdem den markisclen Stainden 'vor hundert Jahren das feier- liche Ver|sprechen gegeben worden war. daB auf ,ewige Zeiten" kein Jude mehr in der Mark Brandenburg ge- duldet werden solle. So erging am 19. April 1670 an den Wiener Ge- sandten Andreas Neumann eiu Reskript, man sei geneigt, 40 bis 510 1sterreichische Judenfamilien, sofern es reiche und %iohlhabende Leute seien, die ihre Mittel ins Land bringen und hier anlegen wollten, in der Mark Branden- burg aufzunehmen. Oiber die einzelnen Verhandlungen des Residenten. der mit dem Judenrichter und den Vor- stehern der W iener Gemeinde sofort in Verbindung Irat, -ind \ir nichl unterrichtet. Es geht nur auii den Akten heroor. dal3 drei Abgesaudte der Osterreicier. Hirsehel Lazarus. Benedikt Veit und Abraham RieB in Berlin erclhienen, ium dort anzufragen, an welchen Orten der Monarchic -ie sich niederlassen diirften und Privilegien, wie sieie si e Klevener und Mindener Juden besalen, fir die Wiener Juden zu erbitten. Auf Befehl des Kur- fiir-ten erlhandellen die Geheimen Rite selbst mit den jiidischen Abgecaiidten. Die Verhandluigen verliefen friedlich. lMan kanm sich auf beiden Seiten weit entgegen. Den Vorschlag der Minister freilich. iiUste Felder zu be- -stlle 1111man hat hier offenbar an das Beispiel der Hol- Iaiindr ,edacht. die damals durch Austrocknen von Siimplen und loraistei, durch Bearbeilung des Botlens. durch die Anlage \on Giirtnereien und Milehwirtschaf- tien ilie beriihlmten Kolonien Crammen, Liebenwalde uld Oranienburg grindelen). schilugen die Abgesandten al) iln sie sich besser auf den Handel verstinden. Dagegen erkliirten ie sich mit der Hbhe der verlangten Abgaben -int.erstandtl-i. wiilrend man ihnen ihre Bitte. Hiiuser kaul,-n oder nmieteu zu liirfen, ge iihrte. Der Mangel an MIenschiin im Lande. die Notuendigkeit. die Konimerzien zu beleben. das betonten die Minister in ihrem Gut- achten an den Fiirsten iiber die Unterredung, lieBe iiien die Aufnahme der Juden als unbedingi notwendig er- 110 csheinen, selbst auf die Gefahr eines Widerslandes von seiten der Stande, den sie fiirchteten, den sie aber durcli allerhand Kompromisse. wie das Verbot des iffrenlichen Gotlesdienstes,.beheben zu kinnen glaubten. Am 19. Mai 1671 kamen die Verhandlungen zuni Abschllu. am 20. genelumigte der Kurfiirst einen ion Rabau von CanPlein, dent Direktor des Kanmnie-riweeni. konzipierlen Eulwurf eines Judenpri\ilese und am 21. wurde das heriihmte Edikt veriiffentlicht, das man die Magna Charta der Brandenburger Juden genanit hal. Fiinfzig Familien wurde fiir 20 Jahre der Aufenthalt in der Mark Brandenburg und im Herzogtum Krossen. der freie, ungehinderle Handel, der Besuch der Jahr-. der Wochenmiirkle und der NMessen. der Kauf, die Miete und der Bau ion Hiusern gestatlet. Am 6. September wurde das Edikt durch ein kurfiirstliches Reskript er- ginzt, nacl deni jeden Juden gegen Erlegung eines zweijiibrigen Schutzgeldes die Emigration ais der Mark freistehen sollte. Das Schuizgeld von acht Reichstalern fir jede Familie iollle nicht erhiiht werden diirfen, gleichgiiltig, ob die Zahl der 50 Familien erreicht werde oder nicht. Trotz der groBen Milde der Betimmnungen vollzog sich der Einbau in den Staat mid der Aifbau der Ge- meinden nur langsam und nur hunter Schwierigkeiten und KI(mpfen. Die Innimgen und die Gewerke, die Stiinde und die Magistrate, die Kauf- und die Handels- leute selzten sich sofort gegen die Aufnahme der Juden zur Wehr und suchten durch Worl und Tat. durch An- klagen und Drohungen die Ansiedluin zu hintertreiben. MIit dem Staate selbst blieben die Juden noch lange nir lose verkniipft. Das Aufnahmeedikt lautele nur fiir eine bestimnmle Frist von Jahren, die Schutzbriefe warden nur fir einzelne Personen ausgeslellt, eine feste staat- liche Organisation gab es nicht mnani unterstellte die Judenschaft wechselnd bald dieser. bald jener Behirde, dem Geheimen Rat. der Antiskammer. dem Kommiss.a- riat in Berlin, den Magistraten in der Proiinz. Hinzu kamen die inueren Sciwierigkeiten bei der Neubildung der Gemeinde in Berlin. Zn ar lastete der Grof3e Kurfiirst. durchdrungen ioondem mittelalterlichen Gedanken, daB das eigene mid inner Leben der sozial eeschiedenen Genossenschaften nicht zerBliirt uerden diirfte. die Autonomie der jiidischlen Geeinde nihlit an. Wie in Wien konnte sie sich auch in Berlin als selbstiin- dige Kirperschaft mil eigenem Rcht. eigener eraal- lung, eigenem Kult und eigener Gericltshlarkeit ceigenem .\rmen-, Erziehungs- und Bildungswesen konstituieren und die Wahil ihrer Rabbiner mid Vorstcler selbstaindig uid ohne staatliclie Einmischung \ollzielien. Aber das Besirebeu des Grofen Kurliirsten. sein durch Krieac uiin Hunger-snot verwirstees Land mi;glichst raech zu peuplie- ren, lockte jiidische Atiiedler ion iiberall nach Berlin. Zu den Osterreicheni gesellten sicl bald Einwandlrrer aus Poleu nid Litauen, aus Bhlnimen uid Malirei. aui den Siidten am Rhein und aus Siiddeutschll, d, aus Hamburg und Halberstadt. Es fanden sich die verschie- denarligsten Elemente zuisamenen, arme Hausierer, Hind- ler und Kramer. gewandte GroBkauflenie und Juweliere. Arzte, Gelehrie und Rabbiner. Es felilte ihben die ge- meinnsame Gemeindetradition, gemeinsame Erlebuisse in Freud und Leid. Die Osterreicher sonderten ich hocli- miilig von den andern ab, sich als.den Adel, die Ersten empfindend. Die .,Vergleitelen" kimpflen gegen die .,Un- vergleiteten". ihre Konkurrenz fiir den eigenen Handel befiirchtend. Energische fiirstliche Giinsllinge %on groBem Verniigen benutzten ihren EinfluB hei Hof zu einer Machtstellung auch in der Gemeinde. Es bildeten sich Kliquen und Schiclten, die sich in Wort und Schrift erbittert befeldeten und bis zum Throne selbst ihre Pro- zesse schleppten. Es liegt niciht im Rahmen dieser kurzen Skizze, zii schildern, wie diese Schwierigkeiten iiberwunden wur- den, \on seilen der Juden durch tatkrEiftige Vorsteher und kluge Beamle, denen der organische Zusammen- schluB der Judenschaft schlie3lich gelang, von seiten de- Staates durch die straffe Unterordnung des Judenwesens inter die hichsaen BehSrden des Landes, durch die Ein- selzung einer eigenen, aus Beamten des Kammergerichis gebildeten. mit der Judenschaft eng verbundenen Kom- uission. durch die bewu3te Bildung und Formung der Juden zu selbstbewuften Untertanen der Monarchie. durch die dauernden Versuche, die strenge Absonderung zu lisen. sie geislig, kulturell und wirtschaftlich mit dem Slaate zu ierbinden. Damit begiunt das fiir den Staat wie fiir die Judeii gleich bedeutsame Wechselverhilinis. das die neuere Epoche der Geschichie der Juden in Deutschland kenn- zeiclnet. Vom Staate her gesehen: der absolutistische und merkanlilistische Staat schlieBt sein festes Biindnis mit den Juden, schiitzt sie gegen alle Anfeindungen der Ge( ellschaft, kapitalisiert und industrialisiert mit ilirer Hilfe das Land. iibergibt ihnen die ersten grol3en Pacht- und Bank-. Lotterie- und Handelsunternelhmungen und gliedert sie sich dadurch wirtschaftlich, finanziell und political aud das engse ein. Von denden Jenu her gesehen: durch das Vorgelen des Staales ermutigt und durch das Beispiel vornehmer Hofjuden und reicher Fabrikanten uind Lieferanten wie Jost Liebmann und Martius Magnus, MIoses Levi, Gumperts und Meyer Ries. Da\id Hirscch und Daniel Itzig geleitel uid beeinfluft von den Ideen der Zeit. beginnen sie damals in Bildung, Hallung und Er- zielung sicl der Sprache. der Sitle und den Formen der Umwelt anzugleichen und damit jene Synthese ion deutscher uand jiidicher Kultur vorzubereiten, die Berlin zum Mittelpunkt jiidischer Gelehrsamkeit und zum Brennpuinkt der Au-seinandersetzung von deulscher und jiidischer Kultur maclen sollte. - - Die Wiener Hofkammer aher bat schon d rei J a re n a c der Vertreibung der Juden den Kaiser. er in ge die Riickkehr der J udenschaft schleunigst g e s t a t e n. Der Handel sei schwer geschiidigt, der Preis aller Waren gestiegen, Apotheker, Glaser, Tischler, Maurer, Zimmerlcule erlitten durch den Aiusfall der Hauszinse, des Fleisch., des Fisch- und Brolkonsunis unermel3lichen Schaden, das gauze Geldgeschiift stock, weil die Juden die einzigen brauchbaren Mittelspersonen zwischen Geldgebern und Geldbediirftigen gewesen seien. Ihr selbst aber sei es wochenlang niclt cinmal gegen grofie Versprechungen mioglicl, 10 000 his 15 000 Gulden anfzubringen, wiihrend sie friiher gegen ein nchlechltes Trinkgeld 50000 his 100000 und auch mehr binnen 24 Stunden von den Juden hitte erhalten knnnen. Und die alten Feinde der Juden, die isterreichischen Stande, die am erbittertsten ihre Ausweisung erbeten haluen, suchten nun bei dean Kaiserhore anzuregen, daBt den in den benachbarten Lindcrn wohnenden Juden, wenn nicht in Wien, so doch auf dem Lande das Kom- merziumn wieder gestattet were: denn es zeige die tug- liche Expericnz und Erfahrung ganz klar, daB, als die Judenschaft in diesem Lande wohnhaft gewesen sei, die liblichcn Landesmitglieder ihre erzengenden Wirt- schaflimiltel weit besser durch die Juden zu Geld brin- gen konnten als jelzt, wo sie aus der Stadt Wien und dem Lande geschafft worden seien. Der Kaiser gab den Bitten kein Gehbr. Er gewiihrte nur einzelnen reichen mid angesehenen Hofjuden aus dem Reich, wie Samuel Oppenheimer und Samson Wert- heimer das Wohnrecht in Wien, danit sie die kaiserliche Kasse mit Geld und die Armee mit Nahrungsmitteln ver- sorgten. Die Geschichte der isterreichiscben Juden des 18. Jahrhunderts ist die Geschichte dieser Hofjuden und einzelner tolerierter Familien. Zur Bildung einer Ge- meinde mit selbstandiger Verwaltung und Ordnung ihrer Angelegenheiten ist es in Wien erst wieder im Jahre 1849 gekonimen. Einwanderung der Juden in Amerika nach 1882 Von Mark W i schni t z er, Berlin. Vom eraten Tage seiner Entdeckumg an war Amerika tin Einwanderungsland fiir Juden geworden. Marranen und offense Bekenner des Judentums lenkten ihre Schritte dorthlin, unt Schutz vor religiiacn Verfolgungen zu fin- den und neue Existenzen zu griinden. Zuerst waren es Mittel. und Siidamerika, wo neue jiidische Siedlungen entstunden, spiiter, selt der Mine des 17. Jahrl., going der Strom der Auswandorer nach Nordamerika. Wihrend abor in Mittel- und Siidamerika die jiidischen Siedlun- gon hunter dem dauernden Druck der Inquisition und infolge der Vermisehung der Einwanderer mit der ein- heimiaehen Bcvl6kerung immer mehr zusammenschmol- zen, breiteten sie sichl in der nfirdlichen Hiilfte des Kon- tinents, namentlich in der ersten HIilfte des 19. Jahrh., immer mehr aus. Imn Jahre 1840 wurde die Zahl der Juden in den Vereinigten Staaten auf 15 000 geechiitzt, 1880, nclh vier Jahrzehnten ciner stetigen Einwande. rlng, vornehmlich deutscher Juden, betrug sie etwa 230 000. In den iibrigen amerikanischen Lindern waren Juden um 1880 in ganz geringer Zahl in Kanada z. B. 2400, in Argentinien einige hundert oder iiberhaupt nicht vertreten. Nnch dem Ausbruch der Pogrome in SiidruBland setzt i. J. 1882 eine jiidische Masseneinwanderung nach den ecreinigten Staaten ein, wie sie in der Diaspora nur nach derAustreibung ausSpanien vorgekonmien war. Der Lebensraum in den Liindern mit jiidischer Massensied- lung RuBland, Galizien und Rumiinien war zu eng geworden. Auf die Dauer konnten die im Ansiedlungs- Rayon zusamniengepferchten Massen keine Existenzmiig- lichkciten finden, insbesondere nachdem durch das ,,Pro- visorische Reglement" von 1882 alle aus den Stidten des Ansiedlungsrayons in die DSrfer fiihrenden Aus- giinge fete zugeriegelt worden waren. Die Pogromwelle im Jahre 1882 wurde durch ein System legaler Juden- verfolgungen, wie es in dem ,,Provisorischen Reglement" verankert war, abgelast. Das Elend nahm in den iiber- fiillen Stidten zu und bedriickte in gleicher Weise dau- ernd den Bestand der jiidischen Gemeinden in Gali- zien und Rumiinien. Ohne daB Ausweisungsdekrete er- lassen worden waren, setzlen sich Massen in Bewegung, in der Hoffnung, Brot und Frieden in der Fremde zu finden. Da die iibervblkerten westeuropiiischen LUnder nur Wenigen Unterkunft bieten konnten, wurden weite Zonen aufgesucht. Eine Reihe von Jahren bildete Lon- don in kleinerem Umfange Paris die Etappen, so- zusagen den Abstecher auf dem Wege iiber den Grol3en Teich. Das Eastend von London wurde zu einem Sam- melbecken der jiidischen Flichtlinge aus dem Osten. Bei dem ungeheuren Massenansturm wiren sicherlich schwerste wirtschaftliche Krisen nicht erspart geblieben, wenn nicht die Vereinigten Staaten damals uneinge- schriinkt offen gewesen wiren. Amerika, das Land der unbegrenzten MSglichkeiten, machete seinerzeit einen unglaublichen Aufachwung und konnte so die herein- strimenden groBen Menschenmassen aufuehmen. Es nahm die zahllosen jiidischen Fliichtlinge genau so willing auf, wie vorher die Iren und andere. Der amerikanische Schmelztiegel hot auch eine grole Chance fiir die poli- tisch verfolgten und wirtschaftlich geschwiichten jiidi- schen Massen des 6astlichen Europa. Die Heimatlosen fanden in den Vereinigten Staaten und bald darauf auch in einigen anderen anierikanisehen Gebieten Boden und Arbeit. So entetand in einer Generation in Amerika ein jiidisches Zentrum, das so groBe AusmaBe annahm, daB es zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Weltjudentum an 112 .............................. ......-;* . I- .; :; .... 'NT"' zweiter Stelle stand. Jetzt ist Amerika das griB3te jiidi- sche Zentrum der alien und neuen Welt. Diese Entwick- lung kann. wie Simon DLuhnow bemnerkt. im talmudischen Sinue so gekennzeichnet werden: ..Auf den Triimmern Rul31ands erstand Amerika.-' Der Stroni jiidiscler Wanderung konnte sich bis 1923 nach Amerika freilich nicht ganz ungehenimt - ergiel3en, worauf grade in lheutiger Zeit Iingewiesen werden soll. Schon i. J. 1890 regte sich in den Vereinia- ten Staaten eine fremdenfeindliche Stinmuni. die aller- dings praklisclh sich zunclihst nicht aus%%irkte. Ein Jahr daraul. 1891. nahmen die Vereiiigten Staaten noch 111 284 jiidische Einiw'anderer aus RufBland allein 42 1451 und 1892 136 712 lau. Ruil3and 76 4171 atu. Die Einwanderer. die ihre Heimat wegen religibser Verfol- gungen zu verlassen gezi wngen warren, \on der Bildumgs- priifluig befreit \wurd'n. ni Jahre 1914 erreichte die jiidische Einwanderung die Rekordziffer von 1380010. Wlihreud des Welikrieges kam die Einwanderung zuni Stillstand, 1921 aber dr ingten die AMassen, die durch Krieg. Hunger und Verfolguingen zur Verzweiflung ge- Irielen worden wanren, aufs neue \or. In dieseni Jahre suchteu 119 (000 jiidische Einwaud.erer in den Vereinig- ten Staaten eine unue Heimat. Ini Jahre 1921 kam die Tendenz. die Einwan- derung zu sperren. erneut zuni Durchbruch. Es nurde ein Quoten-Gesetz erlassen. woodurch eine Zulassungs- Quote \on 3. de. s BeiSlkerunisstatus. den die Nationa- Jiid.i, l.e Gus.., In N,.rt York f'Heter Strect) Jahre 1905-1907, in denen das russische Judentum wie- der in einer fiirchterlicen Weise heimgesucht wurde, brachten nahezu 4I0 I. u) jildische Einwanderer ins Land. Um diese Zahl richtig zu verstehen, muB man daran den- ken, daB die Zahl der jiidischen Einxwanderer.insgesamt 1 300 000 bis zum Jahre 1907 betragen hatte. In, dem- selben Jahre wurde ein Emigrantengesetz erlassen, das auf den weiteren Zustrom hemmend einwirken sollte : die Einwanderungs-Steuer wurde verdoppelt, die Einreise unbegleiteter Jugrndilieher unter 17 Jahren wurde unter- bunden. Die Einwanderung in den folgenden Jahren going zuriick. Die Bestrebungen, die Einwanderung zu drosseln, wurden 1913 wieder aufgenommen. Die ,,Na- tives" setzten in diesen Jahren eine Reihe von MaB- nahmen durch, so u. a. die Forderung, daB Analphabe- ten keinen EinlaB finden sollten. President Taft erhob sein Veto gegen die Bill; sie wurde aber unter seinem Nachfolger Wilson 1914 angenommen, freilich mit wesentlich mildernder Bestimmung, so z. B., daB die litat des betreffenden Eii.iianderers i. J. 1910 ausgemacht hatte, festgesetzt wurde. Im Jahre 1924 wurde die Quote auf 2%o und zwar vom Stande der Bevalkerung der betreffenden Nationalittit in den Vereinigten Staaten im Jahre 1890 reduziert. Die Bedeutung dieser Bestim- mung liBt sich am besten aus folgenden Zahlen erken- nen. Wiahrend nach dem ersten Quotengesetz die HiIchstzahl der Einwanderung 358000 pro Jahr be- tragen hatte, konnten laut dem zweiten Gesetz jihrlich nur 165 000 Menschen einwandern. Dementsprechend going die Zahl der jiidischen Einwanderer auf 50 000 nach dem ersten Quotengesetz und auf etwa 12 000 nach dem zweiten zuriick, aber auch diese kleinen Einwandercr- zahlen wurden seit 1930 noch geringer, seitdem durch die Hoover-Klausel die Konsulate das ausschliel3liche Recht erhielten zu bestimmen, wem der EinlaB nach den Vereinigten Staaten zu gewihren ist. Die jiidische Einwanderung going demnach auf einige Tausend im Jahre zuriick und kann, obwohl es jetzt so dringend 113 - ~ ': wiinschenswert wire sie zu erh6hen, nicht wesentlich steigen, wenn nicht die Regierung der Vereinigten Staa- ten durch Abschaffung der Hoover-Klausel oder durchl entgegenkommendere Auwendung in der Praxis die Ein- wanderung erleichtert und erweitert. Dem Beispiel der Vereiniglen Staaten waren aucl andere amerikanische Linder gefolgt, nach denen sich auch 1882 ebenfalls ein grof3er Strom jiidischer Aus- wanderung ergossen hatte. Im ganzen waren im Ver- lauf von 50 Jabren 1882 his 1932 iiber drei Mil- lionen Juden nach Amerika ausgewandert, von denen 90% aus Osteuropa stammten, 5-6%D aus Deutschland und isterreich (ohne Galizien) und 4--5%0 aus Lin- dern auferhalb Europas. Die Bedeutung dieser Zahleu wird am deutlichsten veranschaulicht durch den Ver- gleich mit den Zahlen der vorangegangenen fiinfzig Jahre. In den Jahren 1830-1880 iatte nimlich die Auswanderung nach Amerika nur 200 000 hetragen, wo- von 75.% aus Deutschland und Osterreich-Ungarn (ohne Galizien), 20%" aus Osteuropa und 5% aus Lindern auBerhalb Europas gekommen ivaren. Zurzeit hat Amerika eine jildische Bevilkerung von round 4 620 000, wovon 4 228 000 in den Vereinigten Staa- ten. ca. 200 000 in Argentinien und 127 000 in Kanada, 30000 in Brailien, 16000 in Mexiko und 8000 in Kuba leben. In den iibrigen amerikanischen Lindern sind die Juden mit 1-2000 bzw. mit mehreren hundert Personen vertreten. Die mirclhenhafte Schnelligkeit des Anwach- sens des jiidischen Zentrums in Amerika sei an drei Zahlen veranschaulicht: im Jahre 1880: 200000 Juden, 1914: 3000000 und 1930: 4 62)000. Es ist gar nicht auszudenken, wie sich diese Entwicklung vollzogen lihlte, liitte nichl der Krieg mit seinen eutsetzlichen, heute noch so stark \erspiirbaren Auswiirkmngen eine einscluiei- dende Zaesur bewirkt. Amerika hiatte heute sechs, sieben, vielleicht noch mehr Millionen Juden. Die Hilfte der Juden wire dort konzentriert. In dem so rasch entstandenen jiidisehen Zentrum pulsierte ein michliges Leben. Auf den Pampas you Argenlinien, in den Urwiilderu Brasiliens, auf den wei- ten Flichen von Kanada und der Vereinigten Staaten entstanden lindliche Sieduwigen. In den GroBfstidten wuchs liber Nacht ein groBer Arbeiterstand hervor, der Hunderttausende umfaBt. Auf allen Gebieten der Wirl- schaft, im Bankwesen, der Industrie, im Versicherungs- wesen, im Handel betltigten sich die neieingewande ten Element Schuller an Scliuler mit den bereits einge- sessenen Juden. Die unzahligen kleinen Gemeinden, Synagogenvereine und Landsmannschaften schlossen sici zu einheitliclien Verbiinden zusammen. Wohlfahrts- institutionen, soziale Einrichtungen, kulturelle Unter- nehmen, Schulen, Klubs usw. warden geschaffen und ent- wickellen sich rasch zu hoher Bliite. Neben einer weit- verbreiteten Presse in der jiddischen Umgangssprache, wurden englisch-jiidische Organe gegriindet. Die jiidische Wissenschaft fand liebevolle Pflege. Ein markantes Denkmal des kulturellen Schaffensdranges verbleibt fiir immer die 12 bindige ,,Encyclopaedia Judaica". Es ist nicht -verwunderlich, daB auf dem Boden jiidischer Massenansiedlung und des aufkeimenden jiidi- schen GemeinschaftsbewuBtseins der Orden Bne Briss - es ist gerade 90 Jahre her mit seinen menschheitlichen Zielen erwuchs. Es ist noch zu friih, um iiber den sozialen und kulturellen Aufbau in dem neuen Zentrum ein abschlie- Bendes Wort zu sagen; aber aul eines imuB hier hinge- wiesen werden: auf die enge Verbundenheit der neuen anierikaniselen Bilrger mit ihren in Europa zuriickge- bliebenen Stammesbriidern. Jede neue Kunde von einem Schicksalsschlag, der das Judentum in Europa getroffen hat, late bei den amerikanischen Briideru das wiirmste Mitempfinden aus. So war es nach Kiscliinew im Jahre 1903. nach den Pogromen inm Jahre 1905, nach den ukrai- nischen Metzeleien im Jahre 1918 usw. Das Amerika- nisch-Jiidische Komitee (1906 gegriindet) war einer der wirkungavollsten Sachwalter iir die in Osteuropa ver- folgten Juden geworden. Ibm ist es im wesentlichen zu verdanken, daB die Vereinigten Staaten im Jahre 1912 den Handelsvertrag mit RuBland listen aus Protest gegen die Diskriminierung \on Amerikanern wegen ihrer Zugehbrigkeit zum Judentum. Als der Welikrieg ungeheures Elend iiber die Juden des Osteus gebracht hate, entwickelte das amerikanische Judentum grolziigige charitative Titigkeit durch das be- sonders ins Leben gerufene ,.American Joint Distibution Commitite". GroB waren auch die Leistungen des ame- rikanischen Judentums fiir den Aufbau Paliistinas. Die wirtschaftliche Krise, die zurzeit auf den ameri- kanischen Juden schwer lasted, liihmt naturgemliB ihre Aktionskraft. Hoffentlich bessert sich die wirtschaft- liche Lage bald derart. daB das gesamte Judentum sich der titigen Mitarbeit des amerikanischen Judentums erfreut, deren es so dringend bedarf zur Liisung groBer, schwerer Aufgaben. Das Bild ,Jeremias" ist der Knnsrsammlung der Jiidischen Gemeinde, die iibrigen Bilder sind dem Jidisc hen Lexrion (Herlitz.Kirschner) enrnommen. Fiir die Oberlassung der Bilder sprechen wir der lJidischen Gemeinde und dem Jiidischen Verlag beaten Dank aus. Anschriften der Mitarbeiter Dr. Elias Auerbach, Haifa, Hadar Hacarmel Professbr Dr. Majer Balaban, Warszawa, Sienna 38 Professor Dr. Simon Dubnow, Riga Dr. Alfred Golds'chmidt, Berlin-Halensee, KOstriner Str. 24 Dr. Georg Herlitz, Jerusalem Gemeinderabbiner Dr. Adolf Kober, K8ln, Roonstr. 60 Dr. Saul Mezan, Sofia, Ex. Joseph 25 Cecil Roth, London N.W. 6, Compayne Gardens 65 Selma Stern, Heidelberg, Kapellenweg 11 Dr. Mark Wischnitzer, Berlin W15, Emser Str. 22 i - -. . ... . ..7 .. ,. . , ,-. ..1 '. .- = ,. _... ...- : : .; . .. ....: .. .'.-. :. . ,.- .- -, ". : : " . *I '": I A ~I *1 I '., I .1 *-9 r"' :2 .S .:z I-. r; I. tl 2*1~s C~in IT Nasaiu-Io0 h Aller Cjmforn Th crm, i,. 1 r Zinimer mil Pr i.ibuder J.pi DEat nhi r. Lveneil nl..El-re13rC.jOnl Wilheimbad-Slrand;dyll ZlC.i.rCC !r |.'il i. Onl-..i P Tn. ?l EC r -I1.VcrC I. Er,,vc. Iad Lo*jiam ~Or Tel E.nr.r.oit Berlin W35 Pe nsion v. Kessel Inll. Frau Stein Potidamer Sir. 118 CenrYalheizung. Iliceend \a-ier, Fahretuhl B 2 L loivr 4738 nm.u o elhrePl rnin narn pr.tlitEinel.rereSpra.Che 1 Hotels, Pensionen und Hei ie BisherigerRechtsanwalt Schn .n .- Br ,lt rr..,m.Tr m n - koblenz Pension Steinthal sam rrn .- r.r.Il s .rt. 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Dal, u,.hir i_,tri,-re- i, r\ ?"kiln, rr.hi I n1.n; (:Certrnd FeirlO g Penslonal Regina Bachrach Haushaltungsschule u.Pensionat loniera'laaeI Moderne Zimmer mil und Vorbereitungskurse for Palastina Nah-, Hauswirtschaftl., Diatkurse Hamburg 37. Tel 55 3t 13 Fremdenpension u.Diatkiche Klo;lerall[e4 Pension auch i3ge a e Aufnahme far Schiler u. Schnlerinnen fur judische Schulen Sorgsamste Betreuung PA R K HOTEL Bad Tolz odn. rfnjni:nlrle |i~didle llu.. blbragi-nIJ rulli e Uinterki .nli f.rb rA Ar ta.t e C ?ol r er 5iAAo oitc~ deneir., OBER-KRUMMHOBEL Im Pi; CLrn g bHlr.ia Haus RUBEZAHL S Harrhiche sIL. bl.ei Loag r:o.-er S Ga'I, D r.'is F('eiCrriaur.. Fu., I DJ.Inh. Fru Clai e PMrch ls . Inh. Frau Claire f Ilchaie k Lagerhauser mit Kabinen, Mottenkammern, Safes Umzuge In- und Ausland Palastina, Obersee von alien Orten Deutschlands Georg Silberstein & Co., Berlin SO 36 Fernsprecher. F8 Oberbaum 9191, Illegiarm-iAdresie: P ompt us, Berlin Nach langjlhrleer Tatigkeit als A-_i- sleni und Oberarzi an der I inn. AtI. des stidt Hnrst-Weii.el-Kran- kenhauses im Friedrichshain (Pr:i Dr Lippmanni h:be ich die Pr.li von Herrn Dr Falk Schlesingr uror- nonimen und mich Siegmundshof 15 tam Banhi. Tiergarlrn. Tel. C 9 7jhS Iiedergelassen Dr. Walter Friedlaender, Fatinr:! fjr inner hranioheilen. 9-l.i, 4-6 IoupI.Sorinnab-n.J I1 1. I'r t E uriE p, Schenkt JUGEND BUCHER der GroBloge -- Betriebsleiter Strumpf- Strick- oder Wirkwarenfabrik *. '.,' .. ti 1 , F.;L, .. ,, i n ." ,' . t.r, 'J. ., r', ,.'. ,' L's C' a J 1, n H- ,f. ;. E C. h.-' C. . EC EC,'E,, M, .'h,. U,', .',,, iC ,,-,.,i,, i ', ',:. ,,' ', ,,,' ,-,i i . l, i, ; q* '. '- T . ,.. -. . r, /' ,'i i'i_ r t.f/.~j, ',,i 1 ['lr ,,1 L','b i, , r , ', :l.r', .', I 1 I, i . Scd&leriniernai Jerusalem fur 'Knben en u NJddien im schulpflihrtiAen Alter. Pedaqogisdre, hCgieniJsc u. drz:tdfje Beireuung. L'orbereirunq zum Sdlulunterridch in allen F.ddern. Braulsidciigung und ,..dhd/hle bei den Sdiulauf/aben. Leitung: Dr. N a N .~l y e r, Jerusalem T.lpioth Bel Herzleden, Nrvostt, Dr Zu kers Schlafloslgkelt helfen Hofrat Ur. Zuckers BiOX-Sauerstoff-Bader Verlangen Sle per Posll'are ,,Ral- GR A schilge Ifr Badekuren Im Haus", *on Medlzlnalrat Dr. mad R Lur bea.belei durch Max Elb A.G.. Dresden-A 28 In franz. Universitatsstadt erbline ich in OKt. 19j3 ein He;m IUr junge NMaddlen, die Schulen, Hoch- oder Fachschulen I prakti. u kdinm.l Berule besuch. iollen Liebe\ Betreuung, vertilndni;v Forderung u We;ter- bildung 151 drrch mEine lahrel. Er- lahrung im blienllicher, Scnuldienst ge'.'.ahrliCrIilet Brste Reicrenzen. -4nfr. banint. in Dr. .Mrg. R.,wrc: Br-slau 1' Fri rb er. gerstr.. j. 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| 0 | sobekcm_page_globals.constructor | Application State validated or built |
| 0 | sobekcm_database.verify_item_lookup_object | |
| 0 | sobekcm_page_globals.constructor | Navigation Object created from URI query string |
| 0 | sobekcm_database.verify_item_lookup_object | |
| 0 | sobekcm_page_globals.display_item | Retrieving item or group information |
| 0 | sobekcm_page_globals.get_entire_collection_hierarchy | Retrieving hierarchy information |
| 0 | sobekcm_assistant.get_entire_collection_hierarchy | |
| 0 | cached_data_manager.retrieve_item_aggregation | |
| 0 | cached_data_manager.retrieve_item_aggregation | Found item aggregation on local cache |
| 0 | item_aggregation_builder.get_item_aggregation | Found 'all' item aggregation in cache |
| 0 | system.web.ui.page.page_load (ufdc.page_load) | |
| 0 | sobekcm_page_globals.constructor.on_page_load | |
| 0 | html_echo_mainwriter.add_style_references | Adding style references to HTML |
| 0 | html_echo_mainwriter.add_text_to_page | Reading the text from the file and echoing back to the output stream |
| 204 | html_echo_mainwriter.add_text_to_page | Finished reading and writing the file |