Die wirtschaftlichen verhältnisse der republik Haiti einst und jetzt : by Karl Kemp, 101p + 1 l tables,

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Die wirtschaftlichen verhältnisse der republik Haiti einst und jetzt : by Karl Kemp, 101p + 1 l tables,
Physical Description:
Mixed Material
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Bonn, Ludwig, 1909. (

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4-tr-Kemp
General Note:
CRL – Dissertations – P-00446337

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P-00446337



Die wirtschaftlichen Verhailtnisse
der
Republik Haiti einst und jetzt.



Inaugural-Dissertation ?
zur C
Erlangung der Doktorwiirde H'7 u.,t
genehmigt
voWnTe HAe n Fakultiit

"Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universitit

zu Bonn.

Von
Karl Kemp
aus Elmpt (Bez. Aachen).

Promoviert am 14. August 1909. / 4


V1503659

BONN 1909.
Buch- und Kunstdruckerei Heinrich Ludwig.





























Berichterstatter:
Prof. Dr. J, J. Rein, Geh. Reg.-Rat.



















Dem Andenken
meines verstorbenen Vaters.




I














Vorwort.


Die wirtschaftliche Lage der Republik Haiti war
und ist mit der Natur und Geschichte der Insel so
eng verbunden, daB ihrer Betrachtung ohne deren
Kenntnis die Grundlage fehlen wiirde. Eine geogra-
phische Skizze des Negerstaates verwoben mit der
Darstellung der natiirlichen wirtschaftlichen Verhiltnisse
stellte ich dem historischen Teile der Arbeit voran.
Bei diesem standen mir zwei Wege offen, entweder
jedes einzelne Produkt von seinem Auftreten in Haiti
bis zur Jetztzeit zu verfolgen, oder nach Zeitabschnitten
ein Gesamtbild der wirtschaftlichen Entwicklung zu
geben. Ich wahlte den letztern Weg; er bot mir auch
Gelegenheit, kulturelle Verhiiltnisse zu streifen. Die
Zusammenfassung der wirtschaftlichen Zustiinde am
Ende des 19. Jahrhunderts mag in den meisten Punkten
noch heute der Wirklichkeit entsprechen. Eine er-
sch6pfende Benutzung der zahlreichen, sich oft wider-
sprechenden Literatur war mir unmiglich. Die meisten
neueren Biicher sind in deutschen Bibliotheken nicht
vorhanden. Abweichende statistische Angaben, denen
ich mich nicht verschloB, fiigte ich nicht ein, um nicht
die Darstellung mit einer Unmenge von Anmerkungen
zu belasten. Zu Dank bin ich verpflichtet dem Herrn
Kapitanleutnant Hasenknopf und dem Herrn Fahnrich
zur See Canaris, welche mir freundlichst einige der
neuesten haitianischen Biicher iiberlieBen und einzelne
interessante Privatmitteilungen mir machten, sodann
auch dem Herrn Generalkonsul Martin Burchardt,
welcher so liebenswiirdig war, mir einzelne Angaben
und mehrmals Pakete neuerer haitianischer Zeitungen
zukommen zu lassen.




r






















Als am 5. December des Jahres 1492 vor den
erwartungsvollen Augen des Kolumbus am fernen
Horizonte ein hohes, ausgedehntes Gestade auftauchte,
trat die von der Natur reichgesegnete Insel Haiti in
den Gesichtskreis der alten Welt, deren V8lker in
unersittlichem Verlangen nach den Schiitzen des Ei-
landes zahllose Opfer von Gut und Blut brachten.
Eine vielk6pfige Urbev6lkerung going dabei zu Grunde.
Aus Europas und Afrikas V6lkerschof erwuchsen der
Insel neue Nationen, Staaten entwickelten sich unter
den blutigsten Kiimpfen, und romanische Sprache und
Wesen, die dem jetzigen Geschlechte sein besonderes
Gepriige geben, legen beredt Zeugnis ab fiir die
wechselvolle, greuelreiche Geschichte der Insel.
Bekanntlich zerfallt sie politisch in zwei Staaten,
die dominikanische Republik im Osten und die Republik
Haiti im Westen. Von letzterer soil hier ausschlieBlich
die Rede sein.
Ihre Grenzen werden bestimmt durch das Welt-
meer und eine Linie, die im allgemeinen dem Meridian
71" 40' W. L. Greenwich folgt. Diese Ostgrenze fihrt
von Norden her erst dem Massacre entlang bis zu
dessen Quellgebiet dem Mt. Bayaha und folgt ost-
wirts dem Gebirgskamme. Sie wendet sich alsdann
nach Siiden zu dem 2160 m hohen Nalgo de Maco
und iiberschreitet den Artibonite zwischen dem









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dominikanischen Dorfe Banica und dem haitianischen
Grenzposten Fort Biassou. Von hier strebt die Grenz-
linie in fast gerader Richtung dem Etang Saumdtre
zu, auf den sie an der Wurzel des schwanzihnlichen
Fortsatzes in der Nthe von Tierra Nueva (dominikanisch)
trifft, fiihrt iiber den See und betritt im Siiden des-
selben das unfruchtbare Kalkgebirge zwischen Fond
Parisien (haitianisch) und Jimani (dominikanisch). Am
Mt. Mexique und am Rio Pedernales vorbei weitet
sich alsdann ein nach Osten bis 710 20' W. L. aus-
greifender Bogen, welcher am Cap Rojo das karibische
Meer erreicht.
Diese Angaben fuBen auf der Karte von
D. Fortunat. In den Grenzstreitigkeiten mit der
Dominikanie wurden in den Jahren 1874 und 1895
Vorvertrige abgeschlossen, aber eine Grenzregulierung
hat hat noch nicht stattgefunden. In dem strittigen
Terrain, welches ich der Republik Haiti zusprechen
m6chte, ist die wirtschaftliche Uberlegenheit der
Haitianer offensichtlich. Die veraltete noch die
franz5sische Kolonialgrenze bringende Karte, welche
in Petermanns Mitteilungen 1874 ver6ffentlicht ist,
wird dem Leser vorliegender Arbeit geniigen.
Den auBersten Westpunkt markiert in der siid-
lichen c. 240 km langen Halbinsel das Cap des Irois
unter 180 24' N. Br. und 740 29' 40" W. L. In n6rd-
lichen c. 89 km langen Landvorsprung ragt das Cap
a Foux unter 190 44' N. Br. und 730 28' W. L. am
weitesten ins Meer hinein. Das Cap Rojo 170 57'
N. Br. und 710 40' W. L. und das Vorgebirge Pointe
a Gravois 180 1' 3" N. Br. und 730 55' 31" W. L. als
siidlichste Punkte ferner Port de Paix 19" 57' 4" N. Br.
und 72' 46' W. L. als n5rdlichster Punkt weisen der
Republik eine tropische Lage zu.
Von der Insel Cuba trennt die tiefe und v6llig
gefahrlose Windwardpassage in einer Breite von 85 km.









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Die Entfernung von Jamaika iibersteigt jene um 100 km.
Ein Blick auf die Karte l3Bt die zentrale Lage
Haitis sowohl dem Nord- und Siidkontinente Amerikas
als auch der westindischen Inselwelt gegeniiber klar
erkennen In dieser giinstigen Lage fehlt es der Republik
Haiti nicht an Ankerplitzen und Hifen, deren Einfahrt
zwar vielfach von Sandbinken und Riffen erschwert ist,
die dafiir aber auch am Strande Schutz und Ruhe bieten.
Die ausgebuchtete Form verschafft dem Neger-
staate eine grofle Kiistenentwickelung (nach
H. Wagner, Lehrbuch berechnet 601,876:1800 = 1:3)
Kein Ort befindet sich weiter als 85 km vom Meere
entfernt. Der schiffbare Artibonite verbindet das
Binnenland mit dem Ozean. In verkehrspolitischer
Hinsicht ist also die Lage der Republik eine gfinstige
zu nennen, zumal wenn man bedenkt, dab nach gliick-
licher Vollendung des Panamakanals die Gewasser um
Haiti zu einer Durchfahrtstra3e ersten Ranges und
internationalster Bedeutung werden.
Das Areal der Republik Haiti umfaBt 28884 qkm
einschlieBlich der Inseln Gonave, Tortue, Les Caimites,
Navase, Iles-a-vaches und Grol-Caille.
Die Bev6lkerung zahlt nach der kirchlichen
Schitzung im Jahre 1906 1500000 Seelen. Die Be-
v6lkerungsdichte betrigt demnach 52 auf 1 qkm. Die
haitianische Angabe im Almanach du bon Haitien fiir
das Jahr 1908 ist wohl sehr iibertrieben. Sie spricht
von 2800000 Einwohnern. Die Mehrzahl bekennt sich
zur r6misch-katholischen Kirche, doch huldigt sie zum
Teil daneben noch dem Fetischismus, dem Vaudoux-
aberglauben. Die Neger machen "/i, der Bev6lkerung
aus, die Mulatten '/lo. Die Weil3en verschwinden
ginzlich unter der schwarzen Masse. Ihre Zahl betrigt
etwa 200; dazu kommen noch etwa 500 im Lande
zerstreutlebende franzbsische Kleriker und einige
protestantische Geistliche.









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,,Haiti", d. h. das hohe, das gebirgige Land, nannten
die Eingeborenen ihre Insel recht treffend; denn sie
ist fast ganz mit Gebirgen erfiillt. Als Zentralsystem
aller Antillen und Riickgrat der Insel zieht sich von
Ost nach West die Cordillera de Cibao. Die
Haupterhebungen derselben liegen im Gebiete des
Nachbarstaates. Nach Westen hin fallen die H6hen
stetig, erbreitern sich aber von der Nordebene bis
zum Artibonitetal. Ich nenne von den n6rdlichen
Ausliiufern der Centralkette nur den Mt. Bayaha, den
ehemaligen Vulkan Morne d'Or und den Bonnet-a-
1'Eveque. Weiter siidlich vom Gebirgsknoten von
Marmelade aus schwenken die Mtgnes. Noires (c. 1400 m)
und die Mts. Cahos (c. 1550 m) von der Richtung der
Centralkette ab. Sie umspannen die Savanne de
Guaba von Westen her. Bei Marmelade schlielt sich
in nordwestlicher Richtung n6rdlich des Flusses Trois
Rivieres die Chaine de Plaisance (c. 1300 m) an. Eine
nur bis 300 m ansteigende Senke, welche von Gonaives
fiber Gros-Morne nach Port de Paix zieht, trennt die
Nordwesthalbinsel topographisch vom Rumpfe der
Insel. Westwirts erhebt sich der Mt. St. Nicolas, der
im Cap-a-Foux und in der M61e St. Nicolas sein
Ende findet.
Siidlich des Artibonite vom Cap St. Marc aus
erstrecken sich die Chaine des Matheux, der Mt.
Terrible, der Morne Pensez-y-bien, der Mt. des
Rangers und andere. Fiir alle schligt G. Tippenhauer
den Namen ,,Kanalberge" vor, weil in priihistorischer
Zeit ein Meeresarm die Buchten von Port au Prince
und Neyba verband.
Die Siidwesthalbinsel triigt den h6chsten Gipfel
der Republik den Mt. La Selle (c. 2600 m) in dem
Morne la Selle. Dieses michtige Gebirge steht im
Osten durch den Mt. Mexique und den Mt. des
Commissaires mit dem dominikanischen Bahoruco in









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Verbindung; im Norden sind ihm die Mtgne. Noir mit
dem Pic de Port au Prince (1522 m), der Mt. Grand
Fond und die Mtgne. des Enfants Perdus vorgelagert;
im Westen schiebt sich das Senkungsdreieck Miragoane-
Aquin-Jacmel ( 317 m) zwischen ihm und den
Mts. de la Hotte ein. Letztere kulminieren im
Morne de la Hotte (2255 m). Nordwirts sind ihnen
die Mts. Cartaches und die Mtgnes. de Macaya vor-
gelagert, wahrend der Abfall zum karibischen Meere
hin wie auf der ganzen Siidhalbinsel jih und
steil ist, sodaB in geringer Entfernung von der Kiiste
schon 3000 m gelotet werden.
Die geologische Erforschung der Republik
Haiti liat viel zu wiinschen iibrig. Nach G. Tippen-
hauer und E. Suess ist die Insel als eine verhaltnis-
miBig junge Bildung anzusehen. In der jiingeren
Tertiarzeit wurden infolge eines von NO. wirkenden
Druckes die Gebirgsketten aufgefaltet, welche von
SO. nach NW. streichen. Diese Richtung genau
N40"W lait sich verfolgen durch den ganzen Nord-
westen von den Mts. D6serts aus. Hier in dem
eigentlichen Cibao, dem altesten und innersten Teile
der Insel, war der Hauptherd der altern Eruptionen,
deren Spuren wir in nordwestlicher Richtung in den
Granitstacken von Dondon, Port Margot, Borgne und
La grande Rivi6re treffen. GroBern Raum als dieser
Granit nehmen die sedimentiiren eokiinen Tonschiefer
und Sandsteine ein, die bei Ranquite, Marmelade,
Plaisance, Gros Morne und Borgne zu Tage treten.
Auf diese altern Schichten lagerte sich das Kalk-
gestein ab, welches eine grol3e Verbreitung gefunden
hat; es soll "'/ der Insel bedecken. Dieses Kalk-
gebirge wurde in spittertiirer Zeit von jungeruptivem
Gestein vielfach durchbrochen. Es bildeten sich Basalt-
decken fiber dem Kalk, Schiefer und Alteruptiv, welche
sich, soweit aus G. Tippenhauers Karten zu ersehen









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ist, in acht von Kalken, Schiefern und Sandsteinen
flankierte Basaltstreifen anordnen, fiir die wieder obige
NW.-Richtung charakteristisch ist. Diese jungen Erup-
tivlinien sind wirtschaftlich von Bedeutung, da auf
ihnen die Erzfundstitten liegen, wihrend die iiltern
plutonischen und auch die jungen porphyrischen Ge-
steine keine Mineralien fiihren. Am ergiebigsten
scheinen die Eisen und Kupferminen von Terreneuve
zu sein, welche nach dem neuesten Berichte des
Staatssekretiirs fir 6ffentliche Arbeiten jetzt ausgebeutet
werden. Besonders gfinstige Funde ergaben bei der
Analyse 63,50/0 reines Eisen. Bei der Besitzung
Fourmi in der Niihe von Plaisance findet man Schwefel-
kupfer. In den Bergen von Dondon, von Limonade
- der Morne a Bekly soil zu %/, aus Eisen bestehen
- und in dem Vulkangebiet des Morne d'Or liegt
vielfach Mineralerz zu Tage. Kiistenfliisse des Nordens
fiihren Goldsand mit sich. Noch vor drei Jahrzehnten
befanden sich hier unbedeutende Goldwiischereien.
Die Savanne de Guaba, das 200-400 m hohe
Centralbecken, ist ein ehemaliger Meeresboden,
der von Sanden, Tonen und Mergeln bedeckt ist.
Jungvulkanische Gesteine und Erze finden wir hier
nicht, wohl aber Kohlenbezirke in der Niihe von Las
Caobas, Hinche und St. Michel de l'Attalaye. Das
Lignitlager von Maissade enthilt angeblich 50 Mill.
tons abbauwiirdiger Braunkohle, deren Analyse 23,650/
fixe Kohle ergab. Auch Kupferminen fand man in
diesem der Entwickelung flihigen Gebiet und zwar in
der Gemeinde St. Michel, Die Konzession zu ihrer
Ausbeutung wurde 1905 erteilt. Der englische Kon-
sularbericht desselben Jahres spricht von Kupfer-,
Gold-, Silber-, Eisen- und Petroleumfunden in jener
Gegend, welche durch die nunmehr im Bau befindliche
Linie Gonaives-Hinche aufgeschlossen werden soll')
1) Vergleiche Anmerkung zur Literaturangabe Nr. 71.









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Bei der Auffaltung der Erdrinde wurde in der
Antillenwelt, wie schon ausgefihrt ist, vom Central-
gebirge Haitis aus eine Gebirgskette durch die Nord-
westhalbinsel fiber Cuba nach Yukatan gebildet. Ein
gleich machtiger Ast des Gebirgsystems strebt von
dessen Zentrum fiber die Siidwesthalbinsel und
Jamaika auf Honduras zu. Diese Gebirgsziige werden
jah durch eine von der Neybabucht zum Golf von
Port au Prince sich erstreckende Senke unterbrochen.
Das Einbruchsgebiet hat folgende geologische Ver-
gangenheit. Infolge zu grol3er Spannung barst die
Erdrinde langs der Achse der hochaufgefalteten La
Selle Berge, das Meer trat in den Spalt und trennte
die Siidhalbinsel vom Rumpfe. Dann trat eine Hebung
des Meeresbodens ein, und Reliktenseeen wurden
vom Ozean abgeschniirt. In jiingster Zeit ist nun
dieses gehobene Gebiet der Seeen in einer Reihe von
Kesselbriichen abgesunken. (Der salzige Enriquillo-
See 34 m; der brackige Etang Saumatre oder Lac
Azuey + 24 m hoch gelegen).
Wohl gleichzeitig etwa gegen Schluf des Pliokins
quollen in der Sfidhalbinsel machtige parallel
Basaltmassen empor, die begrenzt von Sandsteinen
und pliokanen Kalken die Siidhalbinsel von OSO nach
WNW durchziehen. In ihnen finden sich geringe
Eisenerzspuren z. B. in der grande Savanne bei
Anse-a-Veau. Die Goldfunde in den Basaltfelsen im
Oberlaufe des Flusses Gosseline enthalten auf die
Tonne 3 g Gold. Man hofft noch reichere Gesteine
anzutreffen. Der Lignit im Tale Asile bei Aquin ist
nicht abbauwiirdig. Die Lignitschichten im Camp
Perin bei Les Cayes sind zwar besser, fallen aber
bis zu 800 ein.
Manche Mineralquellen besitzt die Republik
so im Siidwesten bei Tiburon und im Zentrum der
Insel bei Banica. Am bekanntesten sind die Sources









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puantes bei Port au Prince und die c. 500 C. heiBen
Schwefelquellen die Eaux de Boynes.
Der Kiistenkalk, der sich in schmalen Streifen
vielfach lings dem Meeresgestade erhebt, ist nichts
anderes als trocken gelegte Korallenriffe. Er verdankt
seine Entstehung einer Hebung der Kiisten, die heute
noch andauert.
Durch Riffbildungen abgeschlossene Meeres-
becken sind natiirliche Salzpfannen, in denen das
Seesalz leicht gewonnen werden kann. Salzgarten
finden wir an der Flachkiiste der groBen Westbucht
besonders in der regenarmen Umgebung von Gonaives
Coridon und Grande Saline.
Seit der Zeit des Kolumbus ist Haiti vielmals
ein mineralreiches Land genannt worden. Die
zu Tage tretenden Erzadern hat manche wissenschaft-
liche Untersuchungskommission mit mehr oder weniger
Ziihigkeit und Erfolg durchforscht. Ein Bergbau aber,
wie man ihn nach den Schilderungen der Haiti-Ver-
ehrer erwarten muI, hat nie bestanden. Auch nicht
in neuester Zeit sind Mineralien in betrdchtlicher
Menge gef6rdert worden. Infolgedessen ist die
Republik Haiti nicht als ein mineralreiches Land an-
zusehen. Damit soil aber nicht das Vorhandensein
grbBerer Bodenschitze geleugnet werden, die nach
besserer Erforschung und ErschlieBung des Landes
durch Eisenbahnen dem Weltmarkt zugefiihrt werden
kSnnten.

,,La vraie mine c'est l'agriculture". Dieses Wort,
das Al. Bonneau den Haitianern zurief, hat auch noch
heute seine Geltung. Auf die Bewirtschaftung des
reichen Bodens beruht die Entwickelung der
Republik. In ihren von zahlreichen Fliissen durch-
strimten Ebenen sind ihr weite Striche zur Kultur
des Zuckerrohrs, der Baumwolle und anderer Kolonial-









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produkte gegeben, in ihren schattigen Mornen schenkte
ihr die Natur Platze, wo der Kaffee gern und gut
wichst, in den kiihlen H6henlagen der Gebirge ge-
deihen europiische Gemiise.
Die fruchtbare Ebene von Cap Haiti, auch Nord-
ebene genannt, ist der westlichste Auslaufer der
dominikanischen Yaquiebene. Sie wird von der
Riviere de Limb&, der Grande Riviere du Nord und
dem Massacre bewissert. Das groBe baum- und
strauchlose Flachgebiet der Savanne de Guaba
ist fiir die Landwirtschaft nicht von solcher Wichtig-
keit wie die Nordebene. Nur in den Erosionsfurchen
finden wir Zuckerrohrplantagen und Wilder von
Mahagony und Kampesche. Wenn auch der von den
umliegenden Kalkgebirgen abgetragene por6se Boden
hier sowohl wie auch an andern Stellen der Republik
grole Wassermassen verschluckt, so bildete sich doch
das aderreiche Flufsystem des Guayamuco, welcher
aus dem Bouyaha und dem Canot entsteht. Er flieBt
in den Artibonite, der noch vor seinem Knie bei
Mirebalais den Todo del Mundo, den Rio Cafias und
den Fer-i-Cheval aufnimmt. Unterhalb Mirebalais
beginnt die Artiboniteebene, derUberschwemmungen
Fruchtbarkeit verleihen. Ohne jene ware die Gegend
zu trocken; denn die n6rdlich vorgelagerten Berge
entziehen den regenbringenden Nordwinden ihre
Feuchtigkeit. Schon an den Kulturen erkennt
man die klimatischen Verschiedenheiten; wiihrend
nimlich in der feuchten Nordebene und in der zum
Teil kiinstlich bewisserten Ebene Cul-de Sac Zucker-
rohr gebaut wird, verlegt man sich hier hauptsichlich
auf die Baumwollkultur. Mit der Ebene des Artibonite
hangt die Sandfliche von Gona'ives zusammen. Die
Grande Riviere de la Quinte und der L'Estere miinden
hier in das von Strandsiimpfen umgiirtete Meer, d. h.
sie erreichen es nur zur Regenzeit. In dem









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Depressionsgebiet liegt die fruchtbare Ebene Cul-de-
Sac. Da die Schichten der Kanalberge gegen den
Abbruchkessel aufgerichtet sind, kommen die Fliisse
wie Riviere de Cul-de-Sac, Boucan-Brou, Riviere
Creuse nur von Siiden. Sie haben von den Kalk-
gipfeln des La Selle Gebirges Lehm, Mergel und
kalkige Elemente hinabgefiihrt, welche einen recht
ergiebigen Boden darbieten, der aber bewissert sein
mu.l Zur Zeit der franzisischen Kolonialherrschaft
bestanden grofartige Wasserleitungen, und diese Ebene
war mit der Nordebene die Schatzkammer der
Kolonialwirtschaft. Heute sind die Aquidukte zer-
fallen und der Nordrand der Ebene trigt statt der
Zuckerrohrfelder einen breiten Waldgiirtel. An diesen
schlieBt sich nordwirts von Port au Prince lings des
Meeres die kleine fruchtbare Ebene von Arcahaie
an; siidwirts dehnt sich das Miindungsgebiet der
Grande RiviBre de L6ogane aus. Durch die kleine
Ebene von Les Cayes flielt die Ravine du Sud,
welche der Stadt Les Cayes grofe Dberschwemmungs-
gefahr bereitet. Zu erwiihnen sind noch einige
Fliisse der Pedernales, die Grande Riviere de Jacmel
mit der Gosseline, der Grand Anse, die Riviere de
Nippes und die sehr wasserreiche aber doch nicht
weit schiffbare Trois Rivieres. Abschliefend will ich
G. Tippenhauer fiber die wirtschaftliche Bedeutung
der haitianischen Fliisse sprechen lassen. Es ,,eignen
sich die haitianischen Fliisse nicht zu VerkehrsstraBen;
denn ihre Schiffbarkeit ist nur licherlich gering; ihr
starkes Gefdlle jedoch dringt geradezu auf die Aus-
niitzung ihrer Kraft durch die Industrie", und es ,,sollten
industrielle und ackerbaubeflissene K6pfe an eine
ausgiebige Ausbeutung der Wasserkraft denken" ).
Fiir das ewige Griinen und Bliihen einer tropischen
Vegetation ist neben der Warme eine ausgiebige
1) s. 70, pag. 73.









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Niederschlagsmenge Hauptbedingung. Haiti besitzt
diese ffir den gr6l3ten Teil seines Gebietes im vollsten
Ma8e. Man kann zwei Regen- und zwei Trocken-
perioden unterscheiden, von welchen je eine um vieles
heftiger auftritt als die andere. Die Regenverteilung
ist je nach der geographischen Lage sowohl was die
Zeit als auch was die Menge betrifft verschieden. Nur
fiir Port au Prince kann man genauere meteorologische
Angaben bringen. [Station am Petit Seminaire College
St. Martial. 18" 34' N. Br. 72" 21' W. L. H6he 37 m.
Mittlerer Luftdruck 762,3 mm.] Folgende Tabelle gibt
eine Obersicht ffir die Anordnung der Regen- und
Trockenzeiten im Jahre an verschiedenen Orten. Die
horizontalen Striche mit iibergeschriebenem R sollen
die Regenzeiten bedeuten. Doppelte Striche zeigen
die Hauptregenzeit an. Die leeren Felder sind die
Monate der Trockenheit. (s. folgende Seite).
Ausgesprochen niederschlagslos ist die Neben-
trockenzeit Anfang des Jahres im Norden nicht immer,
da in manchen Jahren anhaltende Nordwinde Regen
bringen. (saison des Nords.). Ferner ist noch folgendes
hinzuzufiigen. Oberschreiten wir von der Nordebene
aus siidwarts den Gebirgskamm, so betreten wir mit
der Windschattenseite ein niederschlagarmes Gebiet.
Unfruchtbare Kalkberge bieten ihre kahlen Umrisse
dem Auge dar. Dasselbe wiederholt sich im Norden
der Siidhalbinsel, wo der Kiistenstrich zwischen Leogane
und Baraderes von den Nordwinden keine Nieder-
schlige zugefiihrt erhailt; denn die vorgelagerte Insel
Gonave entzieht jenen die Feuchtigkeit. Das Jahres-
mittel des Niederschlags betragt in Port au Prince
1394 mm, in Cap Haiti etwa 3000 mm und in der
etwa 1000 m hoch gelegenen Gemeinde Borgne etwa
9000 mm, Wichtig fiir die wirtschaftliche Entwickelung
ist, daB die Wege, die sich in iuBerst schlechtem
Zustande befinden, nur in der Trockenzeit so ziem-
lich fahrbar sind. Zur Regenzeit kann man unm6g-
















Cap Haiti


oo

Port
au Prince


Les Cayes


January Febr.


Mirz


April


Mai


Juni


R R R:





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R R R


Juli August Sept.


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:R R


Okt. Nov.


Dez.


R R R:


R


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lich Lasten per Achse bef6rdern. Die Bauern bringen
ihre Waren auf dem Kopfe tragend in die Stadt.
Die mittlere Jahrestemperatur betrigt in Port
au Prince 26,2" C., in Cap Haiti 26,8" C., in Marme-
lade (500 m hoch) 24, 40 C. und in einer H6henlage
von 1500-2000 m 15 C.
Das Klima zeigt je nach der Lage des Ortes in
Bezug auf seine Ozeannahe, auf seine Erhebung fiber
dem Meeresspiegel und auf seine Lage den herrschen-
den Winden gegeniiber eine auffallende Verschieden-
heit. Wenn auch die Kiistenstdidte schmutzig und
verwahrlost, die Kiistenniederungen fieberreich sind,
so ist doch das Klima Haitis gesund und das des
bergigen Innern sehr gesund zu nennen. In den
H6henlagen kann der Europaer sogar arbeiten.
Die Republik wird haufig von Orkanen (Hurri-
canes) heimgesucht besonders im August und Sep-
tember. Treffen diese verheerenden Cyklone Haiti,
so ziehen sie gew6hnlich der Siidkiiste entlang. In
dem Bruchgebiet der Ebene Cul-de-Sac fibte manches
Erdbeben seine zerstarende Wirkung aus.

Gemiif der Verschiedenheit des Klimas finden
sich Produkte der heifen und der gemlaigten Zone
auf Haiti. Man kann vier grofe bodenwirtschaft-
liche Regionen in der Republik unterscheiden:
1. Die heiBe Zone der Ebene bis zu 200 m,
a) die trockene der Baumwolle,
b) die feuchte des Zuckerrohres.
2. DieHiigelzone oderKaffeeregionin gemLiBigterer
Temperatur 200-1200 m.
3. Die Bergzone oder Gemiiseregion mit einem
Klima, das dem unserer Breiten ihnelt. 1200
bis 2000 m.
4. Die Alpenzone oder Farrnregion fiber 2000 m.
Der humusreiche Boden bedarf kaum des Diingers;
die nach der Verbrennung der Pflanzenreste zuriick-









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bleibende Asche ersetzt ihn. Erst in neuester Zeit
scheint eine rationelle Diingung an einzelnen Stellen
einzusetzen. Bis vor kurzem kannte man im ganzen
Lande kaum einen Pflug, und noch heute scheinen
die Neger an der ,,manchette" einem langen, breiten
Messer, einer Art Universalinstrument zum Graben,
Schneiden und Mdhen festhalten zu wollen. Von den
staatlichen Mustergiitern hofft die Nation das Beste,
und sie hofft auch auf die Wiederherstellung der
Bewiisserungsanlagen, welche die Regierung in Aus-
sicht stellte. Man muB nicht meinen, ganz Haiti sei
ein Paradies. Wie ich schon bei der klimatischen
Betrachtung hervorhob, gibt es auch vegetationsarme,
ja wiistenartige Gegenden. Alle Landstriche, die den
Nord-Ost- und Westwinden ausgesetzt sind, tragen eine
frische, kriftige Vegetation, wahrend die Siidhinge
der Gebirge fast stets kahl sind. Wo die Feuchtig-
keit fehit, bildet sich die Savanne.
Die Flora Haitis zeigt eine echt tropische Arten-
fiille. G. Tippenhauer bringt eine reichhaltige Auf-
stellung; ich beschriinke mich auf die wichtigsten, fir
die wirtschaftlichen Verhiltnisse in Betracht kommenden
Pflanzen. Da sind vor allem zu nennen: Der Kaffee
Coffea arabica L. (Rubiaceae), der Kakao Theobroma
cacao L. (Sterculiaceae), die Baumwolle Gossypium
barbadense L. (Malvaceae), das Zuckerrohr Saccharum
officinale L. (Gramineae), der friiher viel ausgeffihrte
Indigo Indigofera tinctoria L. (Leguminosae), der den
Orleansfarbstoff liefernde Roukou Bixa Orellana L.
(Bixaceae), der Tabak Nicotiana Tabacum L. (Sola-
nanae), welcher sich in Bezug auf Qualitat neben den
von Cuba stellen kann. Ferner sind zu erwiihnen die
Farbhblzer: Blau- oder Kampescheholz Haematoxylon
campechianum L. (Leguminosae), Rot- oder Brasilholz
Coulteria tinctoria D. C. (Leguminosae) auch Caesal-
pinia tinctoria Domb. genannt, und Gelb- oder Fustik-
holz Maclura tinctoria Don. (Moraceae). Nutz- und









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Bauh6lzer gibt es eine Meneg.Ihc flihre nur an den
Mahagony Swietenia mahagony Jacq. (Meliaceae), der
hier in erster Qualitiit wiichst. Das vom Gayak- oder
Pockholz Guajacum officinale L. (Zygophyllaceae)
gewonnene Harz wird viel von Port au Prince ex-
portiert. Die Republik ist enorm reich an Holz. Es
wird wahllos weggeschlagen und zwar zunichst dort,
wo die Transportverh~ltnisse giinstig sind. Bezeich-
nend fiir diese ist, daB die Landleute lieber die Wurzeln
der friiher erfolgten Abschlagungen, die dem Hafen
nihier liegen ausgraben und zur Stadt bringen, als
die gefiillten Stimme aus entlegenen Gebieten herbei-
schaffen. Ob die Regierung dadurch, daB sie jetzt
Privatleuten die Konzession zur Abholzung des Do-
manialgutes gegen gewisse Leistungen erteilt, dem
Waldraubbau Einhalt tut, mochte ich bezweifeln. -
Die Palme leitet die Reihe der Fruchtbiiume ein. Es
gibt dort verschiedene Spezies Palmen (Principes).
Ich nenne nur die Kokospalme Cocos nucifera L., die
Dattelpalme Phoenix dactylifera L. und die Zwerg-
palme Chamaerops humilis L. Bei den Eingeborenen
heift diese latanier; ihre Fasern, die zu Besen ver-
arbeitet werden, fiihrt man hauptsdichlich von Port
au Prince aus. Musa sapientum L. (Musaceae), die
Banane, und Musa paradisiaca, der Pisang, sind
weitverbreitet. Ihre Friichte nennt P. Vibert
,,eine der groBen Grundlagen der nationalen Er-
nahrung" '). Dasselbe gilt vom Mangobaum Mangifera
indica L. (Anacardiaceae). Die Schalen der Frucht des
Apfelsinenbaumes Citrus aurantium L. (Rutaceae)
werden zur Herstellung des Curacaolik6rs benutzt und
besonders von Jacmel exportiert. Aufer dieser
kleinen Auslese von den vielen Obstbdiumen sind fuir
die Ernihrung des Volkes ferner von Wichtigkeit:
Die Batate Ipomea Batatas Lam. (Convolvulaceae) und


') Siehe 72, pag. 45.









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der Maniok Jatropha Manihot L. (Euphorbiaceae) auch
Manihot utilissima Pohl genannt. Aus dessen mehl-
reichen Wurzeln wird Tapioka, Kassave- oder Neger-
brot bereitet. Starkemehl liefern auch die Knollen des
Arrowroot Maranta arundinacea L. (Marantaceae).
Ferner werden noch gebaut: Die Pistache-ErdnuB
Arachis hypogaea L. (Leguminosae), die Tayowurzel
der Canna edulis Ker. (Cannaceae), der Mais Zea
Mays L. (Gramineae) und der Reis Oryza sativa L,
(Gramineae) welcher in r6tlicher, groBk6rniger Qualitit
besonders gut in der Artiboniteebene wichst. -
Unsere europiischen Gemiisepflanzen werden in der
dritten Kulturzone gezogen. Die Gemiisezucht bluht
siidlich von Port au Prince auf dem Hochlande von
Kenskoff und Furcy. Wenn P. Vibert den Hafen
von Port au Prince den ersten Gemiise- und Friichte-
markt der Antillen nennt, so iibertreibt er sehr. Nach
dem Bulletin official de l'agriculture et de I'industrie iiber-
treffen Cuba, Jamaika und die Bahamas ihre Nachbarinsel
Haiti weit im Export dieserMarktartikel. Und doch k6nnte
der national Handel Millionen an diesen Produkten
verdienen, wenn man anfinge, von Haiti New-York und
die Vereinigten Staaten mit Gemfisen zu beschicken.
Der Dividivi Caesalpinia Coriaria Wild. (Leguminosae)
liefert einen guten Gerbstoff. Jedoch wurde seine
Ausfuhr durch die der Rinde des Mangrovebaumes
Rizophora Mangle L. (Rizophoraceae) v6llig ver-
driingt.
In den letzten Jahren began die Ausfuhr des
Pittohanfes. Diese Fasern der Pittaloe Agave ameri-
cana L. (Amaryllideae) werden meist von St. Marc
verschifft. Sie dienen zur Herstellung von Tauen. Die
Kautschuk- und Teekultur scheinen trotz Ermahnungen
der Regierung zum Anbau noch keinen Boden gefaBt
zu haben. Die Heilfaktoren, welche die Republik in
ihren Mineralquellen besitzt, vermehrt manche Medi-
zinalpflanze, z. B. der Rizinus Ricinus communis L.









23 -


(Euphorbiaceae) und die Ipekakuanha Cephaelis Ipeca-
cuanha Wild. (Rubiaceae).
Die Fauna ist lange nicht so artenreich wie die
Flora. Unsere Haustiere kommen dort vor, wenn auch
ihre Art recht verschieden von der hiesigen ist. Maul-
tiere, Esel und besonders Schweine sind in groBer
Zahl vertreten. Abgesehen von den Siugetieren, die
als Haustiere gelten, gibt es kaum noch andere auf
der Insel. So leben in den H6hlen eine Unmenge
von Fledermiusen z. B. Vespertilio molossus Gmel.
Der Boden der bekanntesten Grotte Vofite a Mignet
bei Dondon ist mit ihren Exkrementen bedeckt, die
eine Art Guano bilden. Es sei mir gestattet, an dieser
Stelle auf den geringen Guanoexport im Jahre 1901
hinzuweisen. Dieses Diingmittel wird aber wahr-
scheinlich auf den die Insel umgiirtenden Eilanden
gewonnen, wo viele Seev6gel nisten. Andere be-
merkenswerte Vogel sind der Flamingo Phoenicop-
terus ruber L. (Phoenicopteridae) und die reizende
Kolibrispezies Mellisuga minima L. (Trochilidae). Sie
haben aber keine wirtschaftliche Bedeutung. Die das
Schildpatt liefernden Schildkr6ten werden besonders
bei der Insel Tortue oder Tortuga gefangen, aber wie
Vibert klagt, nicht von haitianischen, sondern von
englischen Fischern. Der haitianische Schildpatt-
export geht von der Siidseite von Jacmel aus. Der
Fischreichtum ist bedeutend, besonders in dem Kanal
zwischen Tortuga und der Hauptinsel. Auch Muscheln
bietet das Meer in Menge, und bei Aquin gibt es
Austern. Eines der wichtigsten Tiere ist die Biene.
Ihr Wachs und Honig werden sehr viel exportiert.
In der nunmehr folgenden historischen Betrachtung
der wirtschaftlichen Entwickelung der Republik Haiti
werden sich die Ausfuhrzahlen dieses wichtigen Aus-
fuhrartikels wiederfinden.









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Die wirtschaftliche Entwickelung Haitis
seit seiner Entdeckung.

Die spanische Epoche.
Die Gebriider Pinzon sind wahrscheinlich die
ersten Europdier gewesen, die den Boden Haitis be-
traten. In ihrem Bestreben, das Goldland Cibao zu
suchen, waren sie, als Columbus an der Nordseite
Cubas ankerte, auf eigene Faust der Richtung gefolgt,
welche die Eingeborenen angaben. Columbus betrat
am Nikolausfeste (6. December) des Jahres 1492 die
Nordwestspitze der Insel bei M61e St. Nicolas. Von
Tag zu Tag wuchs sein Erstaunen fiber die Sch6nheit
des Landes, fiber die gute Bebauung und herrliche
Vegetation, fiber die grole Bevalkerungsdichte. Mit
Freuden h6rte der Entdecker jetzt etwas von Gold-
minen, die sich im Innern des Landes befinden sollten.
Die Sucht nach dem gleilenden Metall, welche die
Spanier leitete, wirkte auf die wirtschaftlichen Ver-
hiltnisse Hispaniolas bestimmend ein. Sie flihrte den
Admiral weiter ostwiirts der Kiiste entlang. In der
Weihnacht strandete die Santa Maria in der Nihe
von Cap Haiti, und Columbus sah sich gen6tigt, 40
Mann in dem Fort La Navidad zuriickzulassen. Sie
sollten die ffir die Insel so verhiingnisvolle Jagd nach
dem Golde beginnen und die gefundenen Schiitze
vergraben. Gegen Gl1ckchen, Glas und andere wert-
lose Gegenstlinde tauschten die Neuangekommenen
Goldplittchen und Goldschmuck ein. Bald war der
Goldvorrat der Wilden an der Kiiste ersch5pft. Die









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Lebensmittel wie Bananen, Yams und Bataten, welche
sie den WeiBen boten, geniigten deren Habsucht nicht.
Deshalb machten sich die Spanier auf die Goldsuche
ins gebirgige Innere. Columbus fuhr inzwischen nach
Spanien, um dorthin die Kunde von der Entdeckung
des Goldlandes Cipangu das er mit Cibao identi-
fizierte zu bringen. Als Beweismittel wies er die
mitgebrachten Produkte vor: ,,Goldk6rner, Erzstufen,
Bernstein, Baumwolle, Zweige und Wurzeln von aro-
matischen Pflanzen angeblich auch Aloe, Mastix und
Rhabarber, ferner die Nahrpflanzen der neuen Welt:
Mais, Yams, Bataten; er fiihrte fiber 70 praichtig ge-
farbte Papageien und endlich seine 6 Indianer vor" ).
AuBer der Baumwolle hatte kein vegetables Produkt
besonderen Wert in den Augen der Europiier. Die
Mengen Goldes sind nicht sehr groB gewesen. Harisse
stellte hieriiber kritische Untersuchungen an und kam
zu dem Schlusse, daB Columbus nicht nur im Jahre 1493
sondern auch spiiter nur eine sehr geringe Menge
Goldes mit nach Spanien gebracht hat.
In der wohlausgeriisteten zweiten Reise strebte
der Entdecker der neuen Welt wieder dem vielver-
sprechenden Hispaniola zu. Er fand, daB die Zuriick-
gebliebenen der Rache des im Goldbezirke herr-
schenden Kaziken Caonabo zum Opfer gefallen waren.
Deshalb konnte er nicht unermelliche Reichtiimer und
Goldmengen, wie er es verheil3en hatte, sondern meist
nur Landesprodukte durch Torres nach Spanien
bringen lassen. Ja er verlangte Unterstiitzung aus
dem Mutterlande, indem er um Lebensmittel, Berg-
leute und Haustiere bat, daffir aber empfahl, Sklaven
aus der neuen Welt zu beziehen, wie es spater denn
auch geschah. Wenn die Spanier auch Bergbau
in der Nihe von Terreneuve, Jacmel, Les Cayes,


J) siehe 57, pag. 165.









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Fort Dauphin und Limonade betrieben, wenn auch
eine grausame Verordnung von jedem erwachsenen
Bewohner der Minenbezirke forderte, daB er viertel-
jihrlich eine kleine flandrische Glocke voll Goldstaub
bringen sollte, so war doch die Menge des von den
Eingeborenen erprelten Goldes gering. Der Osten
der Insel freilich, das Gebiet der heutigen domini-
kanischen Republik, bot eine reichlichere Goldausbeute;
ihm gebiihrt der weitaus gr6l3te Teil einer wohl fiber-
trieben auf 370 Millionen Frcs. geschitzten Goldaus-
fuhr wihrend der spanischen Epoche.
In den Gebieten, die von den Minen entfernt
lagen, verlangten die Spanier eine Kopfabgabe von
einer Arrobe (25 kastil. Pfund = 11,502 kg) Baum-
wolle in jedem Quartal. Das Zuckerrohr, welches
Columbus 1493 einfihrte, gedieh vortrefflich, wie der
Admiral sich im Sommer 1494 selbst iiberzeugen
konnte. Jedoch vorliufig wurde diese Kultur nicht
von sorcher Wichtigkeit fiir den Westen der Insel wie
in spitern Jahrhunderten. Die Spanier verlegten sich
fiberhaupt nicht auf die Landwirtschaft. Als sie ihren
Golddurst im Westen nicht stillen konnten, verlielen
sie die Wiege ihrer Kolonialmacht, das Gebiet der
heutigen Republik Haiti, und wandten sich dem Osten
der Insel und dem festlindischen Amerika zu. Nur
in einzelnen gr8l3eren Niederlassungen, besonders im
Siiden, blieben sie. Die fruchtbaren Tiler Westhaitis
harrten fast ein Jahrhundert lang auf die bebauende
Hand. Ungestbrt konnte sich das von den Spaniern
eingefiihrte Vieh vermehren, und bald fanden sich
zahlreiche wilde Herden vor.
Die Ausfuhrzahlen der spanischen Epoche (1492
bis c. 1600) beziehen sich auf die ganze Insel; sie
sind deshalb hier nicht zu verwerten. Selbstverstiindlich
hatte der Osten den L8wenanteil am Export. Haute,
Zucker und Farbholz waren die Hauptversandartikel.
Der Tabak folgte erst in weitem Abstande.









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In ethnographischer Beziehung ist noch
hervorzuheben, daB die schwichlichen Eingeborenen,
deren Zahl bei der Entdeckung auf eine Million ge-
schditzt wurde, binnen dreier Jahrzehnte auf kiimmer-
liche Reste im Gebirge zusammengeschmolzen waren.
Der harte Frondienst, das Schwert der Spanier und
Hungersn6te vertilgten das Inselvolk. Neger fiihrte man
ein, welche die Indianer ersetzen sollten und auch
nach und nach an deren Stelle in Haiti traten.
Falt man das Ergebnis der spanischen
E p o c he fiir die Entwickelung der Wirtschaft des
Westens der Insel zusammen, so muB man sagen, daB
auf die ersten Jahre des Aufschwunges ein Erstarren
des wirtschaftlichen Lebens folgt, welches anhielt bis
zum Ende des 16. Jahrhunderts, als sich auf der
nordwestlichenHalbinsel Abenteurer meist franz6sischer
Nationalitiit einnisteten.



Die franz6sische Epoche.

Schon vorher wihrend des 16. Jahrhunderts
hatten Freibeuter oder Flibustier den spanischen
Handel und EinfluB untergraben. Ihre Schlupfwinkel
waren die unbewohnten Eilande Westindiens besonders
die felsige Nordwestkiiste Haitis und das vorgelagerte
Tortuga. Wirtschaftlich bedeutsamer war die noma-
disierende Bevalkerung der Bukaniere, welche
ihren Lebensunterhalt durch Jagd auf die Unmenge
der wilden Rinderherden sich verschafften. Das
Fleisch der erlegten Tiere d6rrten sie in Riiucherhiitten
oder Bukans. Die Haiute brachten sie an bestimmte
Kiistenplitze, wo Flibustier und andere Kaufleute
besonders Hollander anlegten und Waren ein- und
austauschten. Nur ein geringer Teil der sich gegen









28 -


den Willen der spanischen Regierung eindringenden
Fremdlinge hatte sich dem Ac k erbau zugewandt.
Zuerst unbehelligt von der spanischen Landeshoheit
konnte sich also im Nordwesten eine Abenteurerge-
sellschaft bilden, welche das Handelsmonopol der
Spanier zu brechen suchte und die wirtschaftlichen
Hiilfsquellen des Landes ausbeutete, nimlich die
wilden Rinder jagte und das Land bebaute. Die
seefahrenden Vilker Europas fanden zum nicht ge-
ringen Arger der Spanier hier willkommene Handels-
verbindung und Bundesgenossenschaft. Jedoch bald
gingen die Spanier besonders gegen den Schmuggel
und das Freibeutertum vor. Mit Gewalt erreichten
sie aber nichts, da die Macht der Flibustier zu zer-
splittert war. Deshalb beschlossen sie im Jahre 1606
t6richterweise, daB alle kleinen Kiistenplatze Haitis
zerstbrt, die grBflern von spanischen Schiffen strong
bewacht werden sollten. Nur alle drei Jahre sollte
ein Regierungsschiff anlegen. Die Folge war, daB jede
Betriebsamkeit gehemmt wurde, die kapitalkriiftigen
Einwohner Haiti verlieBen, die Bev6lkerung verarmte,
und die ganze Westkiiste nun vollstandig von den
Spaniern verlassen den Fremden zur Kolonisation
offen stand. Die tatsichliche Herrschaft iiber West-
haiti war fibergegangen an eine kein staatliches Ganze
bildende, vollstiindig unabhiingige, bunt zusammen-
gewiirfelte Gesellschaft, an die Bauern, Bukaniere
und Flibustier. Wie kam es nun, daB Frankreich
spiter das Erbe Spaniens antrat?
Die schon ziemlich starke franz6sische Kolonie
wurde im Jahre 1630 verstirkt durch die von Spaniern
vertriebenen Fliichtlinge aus St. Christoph. Je nach
ihrem Geschmack wandten sich diese den Bauern,
Bukanieren oder Flibustiern zu. Noch hatte keine
Nationalitat die Oberhand. Die unruhigen Gesellen
befehdeten einander. Nur im HaB gegen die Spanier









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waren sie einig. Diese hemmten die wirtschaftliche
Entwickelung der jungen Ansiedlung durch stetige
Beunruhigung der Eindringlinge. Sie bestritten den
Bauern ihr Land, auf dem diese besonders die Tabak-
kultur pflegten. Sie hinderten der Flibustier Handel
und Schiffahrt und vertrieben sie 1638 von Tortuga.
Sie lieBen spiiter die Rinderherden der Bukaniere in
groBen Treiben abschieBen. So ihres Unterhaltes be-
raubt gingen diese zu den Flibustiern fiber, oder
wurden erst recht seBhaft, da sie sich nun der Be-
bauung des Bodens zuwandten.
Dadurch daB sich Levasseur 1640 mit 49 Huge-
notten Tortuga erkimpfte, die fibrigen Abenteurer zur
Anerkennung zwang und sich den Spaniern gegeniiber
zu behaupten wulte, war das fibergewicht der Fran-
zosen gesichert, war der Grund zu einer fran-
z6sischen Kolonie gelegt. Rechtlich hatte
Spanien noch nicht verzichtet, aber es war zu be-
schiiftigt, um gegen die Franzosen ernstlich Front zu
machen. Zum letzten Male umspannte die spanische
Landeshoheit von 1654-59 die ganze Insel. Von da
ab ist Westhaiti franz6sisch geblieben, und Du Rausset
trat die Wiirde eines offiziellen Gouverneurs von
St. Domingue wie die Kolonie genannt wurde an.
Bis jetzt waren Haute der Hauptexport-
artikel, Lebensmittelund Sklaven dieHaupt-
importartikel, Bemerkenswert ist dieser Sklaven-
handel insofern, als es sich auch um WeiBe handelt,
die als sogenannte Engages einen harten, dreijiihrigen
Dienst bei den Bukanieren antraten und spater meist
selber Bukanier wurden. Fiir die wirtschaftliche
Leistungsfiihigkeit der Kolonie war eine recht groBe
Zufuhr von Menschenmaterial n6tig, da es fast keine
Frauen dort gab. Diese lieB der zweite Gouverneur
Dogeron kommen, dem die schwierige Aufgabe be-









30 -


schieden war, aus der zusammenhanglosen Abenteurer-
gesellschaft eine vom Mutterlande abhiingige Kolonie
zu schaffen, und die bis jetzt gewissermal3en nach
dem Faustrecht lebenden Gesellen an geordnete Zu-
stande zu gew6hnen. Ohne mehrmalige Revolten going
es nicht ab. Der Entwickelung schadete aber noch
mehr, daB die eifersiichtigen Englinder und Spanier
in die inneren Wirren eingriffen. Wider ihren Willen
sorgten jene fiir die Ausbreitung der Franzosen so im
Jahre 1665, als diese zeitweilig aus Tortuga vertrieben
gegeniiber auf der Hauptinsel Port de Paix griindeten.
Mit der Zeit entstanden immer mehr Kiistenplitze,
Cap Haiti (1670), Saint Louis du Nord (1675), Petit
Goave (1659), LUogane (1663) und spiter noch St.
Marc (1716) und Port an Prince (1749).
In der Folgezeit sehen wir, wie St. Domingue
sich immer mehr zur Plantagenkolonie um-
wandelt, und wie Kolonialprodukte die Aus-
fuhr bilden. Die franz6sische Regierung scheute sich
nicht, ihre friiheren Bundesgenossen, die seeriuber-
ischen Flibustier, jetzt zu bekimpfen, sie unterstiitzte
aber die Landbauern; denn sie hatte den Wert der
ihr zugefallenen Kolonie erkannt. Der Gouverneur
Ducasse riihmt (1692) die sch6nen Hifen, die groBen
Weideplitze, die goldfiihrenden Bache und hebt her-
vor, wie die Kolonie dem Mutterlande Haute, Indigo,
Tabak, Baumwolle, Wolle und Seide zu liefern im-
stande sei. Dogeron pflanzte 1665 zuerst den Kakao-
baum in der Nahe von Port de Paix; alle Baume der
Insel gingen 1715 ein, und die Kakaokultur wurde
zwei Jahrzehnte lang nicht mehr aufgenommen. Du-
casse ermunterte die Pflanzer, die vernachlissigten
Tabakpflanzungen wieder zu pflegen Der Baumwoll-
bau, auf den man sich in erster Zeit viel verlegt
hatte, lieB nach. Im Jahre 1684 wurden die Pflanzungen
ausgerissen, da sie nicht gewinnbringend genug









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schienen. Man wandte sich doch spiter wieder ihrem
Anbau zu. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der
Indigo eingefiihrt und zuerst bei 1'Acul angebaut;
ferner wurden in der Nahe von M61e St. Nicolas die
ersten Kampeschebaumchen gepflanzt.
Die handelspolitischen MaBnahmen der
franzosischen Regierung sind nicht giinstig
fiir die Entwichelung der Kolonie gewesen. Sie ver-
lieh ndmlich das Handelsmonopol an Handelskom-
pagnien, welche die Kolonisten auszusaugen suchten,
anstatt ihre kommerziellen Bediirfnisse zu befriedigen.
Die Bewohner, die friiher frei mit alien Nationen ge-
handelt hatten, muBten jetzt europiiische Waren um 2/,r
teurerbezahlen, als wie sie sie friiher von den Hollandern
bezogen hatten. Es kamen weniger Schiffe an, welche
Lebensmittel und Industrie erzeugnisse brachten und den
OberschuB der kolonialen Produktion wegfiihrten. Die
kommerzielle Abhingigkeit der Kolonisten von den
Handelskompagnien schlof eine grofe wirtschaftliche
Gefahr in sich. Haiti bedurfte namlich stets der Zu-
fuhr von Lebensmitteln aus Europa. Versagte nun
die Kompagnie z. B. in den vielen Kriegen des
17. Jahrhunderts, so waren die Kolonisten auf den
hollandischen und englischen Schleichhandel angewiesen,
und wenn dieser von den blokierenden Kriegsschiffen
unterbunden wurde, so war St. Domingue stets der
Hungersnot ausgesetzt. So muBte sich ein das fran-
z6sische Handelsmonopol umgehender Schleichhandel
ausbilden, welchen die Einwohner unterstiitzten, die
Gouverneure nicht hindern konnten. Kurz und gut
die drei Handelskompagnien, deren Titigkeit und wirt-
schaftlichen EinfluB in St. Domingue A. Zimmermann
genugsam dargetan hat, waren recht unbeliebt bei der
Bevalkerung wegen der Beschrinkung der Handels-
freiheit, die nach und nach (1674, 1722, 1784, 1790)
aufzuheben, die Regierung sich gezwungen sah.









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Die diufern politischen Verhiiltnisse im
17. Jahrhundert st6rten die wirtschaftliche
Entwickelung von St. Domingue noch mehr als
die MiBwirtschaft der Handelskompagnien. Die euro-
piiischen Kriege finden ihr Spiegelbild im kleinen auf
der Insel Haiti. Spanien, England und Holland waren
die Hauptwidersacher der Franzosen, die sich oft aller
zusammen erwehren muBten. Die feindlichen Kriegs-
schiffe kaperten die franz6sischen Transporte, unter-
gruben den Handel der Kompagnien und isolierten
die Insel, indem sie das Meer sperrten. Diese un-
sichern Verhiltnisse auf der See und die Kriegswirren
wichen mit dem Frieden von Ryswijk (1697) ver-
hiltnismiBig ruhigen Zeiten, die zum Gliick
fiir die Kolonie im 18. Jahrhundert andauerten.
Frankreich wurde als Besitzer des Westens von Haiti
allseitig anerkannt. Die Grenze gegen den spanischen
Osten, in den die Savanne de Guaba einbezogen
wurde, bestimmte man erst 1777.
Im 17 Jahrhundert fiihrten die Handelskompagnien
folgende Waren aus: Rohzucker, Tabak, Baumwolle,
Kakao, Roukou, Schildpatt und Hiute. Von Europa
erhielten die Kolonisten: Mehl, Salzfleisch, Getrinke,
kleine Eisen- und Kupferwaren, Linnen, Seide, Kleidung,
Bequemlichkeiten und Luxusartikel. Statistische An-
gaben der Ein- und Ausfuhrmengen lassen sich nicht
bringen. Bedeutsam war noch der Handel mit den
Sklaven. Diesen seinen grofen Arbeitsbedarf deckte
die Kolonie an der Guineakiiste. Die Negereinfuhr
wurde vom Mutterlande begiinstigt, und sie wuchs
von Jahr zu Jahr. Wahrend zu Anfang des 17. Jahr-
hunderts nur wenige Neger in franz6sisch Haiti lebten,
hielten sich 1687 die WeiBen mit einer Seelenzahl
von 4411 und die Neger (eingeschlossen die wenigen
Mulatten) mit einer von 3582 beinahe die Wagschale.
Ende des 17. Jahrhunderts zihlen wir in St. Domingue









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7000 Weile und 20000 Neger. In der Folgezeit ver-
schiebt sich das Verhiltnis der WeiBen zu den Schwarzen
noch mehr zu Ungunsten der erstern.
Wahrend des 18. Jahrhunderts nahm St.
Domingue einen riesenhaften Aufschwung in
wirtschaftlicher Beziehung. Eine neue Quelle des
Reichtums er6ffnete sich den Kolonisten mit der
Verpflanzung des Kaffeebaumes nach der Insel. Schon
1716 hatte der Arzt Isambert auf Martinique den
ersten Anbauversuch ohne dauernden Erfolg gemacht.
Dieser war erst 1723 dem Kapitan De Clieux be-
schieden, welcher eine Kaffeepflanze sorgsamst unter
persinlichen Opfern nach Martinique brachte. Von
hier kam der Kaffeebaum nach franz6sisch Haiti, und
er wurde 1727 zuerst in Terrier Rouge bei Cap Haiti
angepflanzt. Die Besitzer der Zuckerrohrplantagen
begniigten sich nicht mehr mit der Herstellung von
Rohzucker, sie wandten sich allmihlich der Produktion
der Kassonade zu. Diese oder der gereinigte Zucker
wurde zuerst 1711 von dem Quartier Morin bei Petite
Anse in der Nordebene versandt.
Die groBen Kriege des 18. Jahrhunderts gingen
mit ihren unmittelbaren Kriegswehen fast spurlos an
St. Domingue voriiber, die mittelbaren Folgen der
Kimpfe machten sich aber sehr bemerkbar; denn
Frankreichs Handel mit seiner Kolonie wurde zu
Kriegszeiten durch die iibermaichtige Flotte Gro8-
britanniens einfach unm6glich gemacht. Die Einwohner
waren auf spanische und englische Schmuggelschiffe
angewiesen. Mehrmals forderte eine Hungersnot
Tausende von Opfern und raubte weiten Landstrecken
die bebauende Hand. Auferdem taten noch Erd-
beben z. B. in den Jahren 1751 und 1770 das Ihrige
dazu, um in einzelnen Teilen des Landes den Fort-
gang des Aufschwungs zu hemmen. Trotz dieser
Hindernisse ffir die wirtschaftliche Entwickelung, trotz









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Aufstande derKolonisten gegen die Handelskompagnieen,
trotz Negerrevolten, trotz willkiirlicher BeamtenmaB-
regeln, trotz der Ausbeutung der Kolonie zu Gunsten
des Mutterlandes kann man behaupten, daB der
Wohlstand von St. Domingue sich im 18. Jahrhundert
doch noch in aufsteigender Linie stets bewegte.
Dies zeigt umstehende Tabelle, welche die Ausfuhr
der Kolonie nach dem Mutterlande in ver-
schiedenen Jahren bringt. (Siehe folgende Seite.)
Auler diesen Exportmengen, welche nach Frank-
reich gingen, holten die Hollinder, Englander und
Amerikaner noch viele Produkte. Es war namlich
seit 1784 das Monopol des Mutterlandes abgeschafft
worden, und vier Hafen, M6le St. Nicolas, St. Louis
du Sud, Cap Haiti und Port au Prince standen aus-
landischen Schiffen offen.
Die Gesamtproduktion des Jahres 1789
stellt sich nach den glaubwiirdigsten Autoren also:
Zucker (roh) .. 107000000 livr.
,, (gereinigt) 54000000
Kaffee .88000000
Baumwolle .. 8400000
Farbh6lzer 9000000
Indigo 1800000
Kakao .. .... 600000
Der Konsum im Lande wird nicht sehr hoch zu ver-
anschlagen sein. Der Wert des Gesamtexportes
betrug etwa 170 Mill. frcs. Die Produktion hatte um
diese Zeit ihren H6hepunkt erreicht; und nie mehr
hat Westhaiti einen solchen Wohlstand aufzuweisen
als kurz vor der grofen Umwilzung und Revolution.
Der beste Beweis dafiir, daB kein bedeutender
Bergbau betrieben wurde, ist das Fehlen der
Mineralien in den Ausfuhrlisten. M o r e a u de St. Mery,
der die Minen des Landes getreulich aufzihlt, be-









Ausfuhr der Kolonie nach dem Mutterlande.

1720 1767 1775 1789 1791


Rohzucker
Gereinigter Zucker
Kaffee
Baumwolle
Kakao
Indigo
H6lzer
Schildpatt
Haute
Roukou

Gesamtwert


21000000 livr.
1400000



1200000


73000000livr.
52000000
12000000
3000000


S123067370 livr.

45933941
2689282
578764
1808629
9274692
4346
14124
51816


93573300
47516531
76835219
7004274


758628


c. 95 Mill. frcs. I c. 150 Mill. frcs.


93091112livr.
70227698
68151180
6286126
150000
930016
1500000
50000









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richtet nichts von einer Ausbeutung. In der Savanne
de Guaba, welche damals noch spanisch war, haben
die Spanier die Ausbeutung einer Goldmine in der
Nahe von St. Michel de l'Attalaye Ende des 18. Jahr-
hunderts vergeblich versucht. Der Aufschwung von
Westhaiti war also nur begriindet in der intensive
Bewirtschaftung des Bodens.
Wie er ausgenutzt wurde, mag folgende Tabelle
zeigen, welche Zahl und Art der Plantagen und
auBerdem den Viehbestand angibt.

1754 1775 1791
f. Zuckerrohr roh i 385 362
,, ,, gereinigt 592 263 451
S,,Indigo 3379 2586 3151
S,, Kakao 30 mit 100000 Baumen 7 mit 657 Mill. Baumen 69
,, Baumwolle ,, 6400000Str.uch. ? 40 Mill. Striuch. 789
,,Kaffee ? ,,14000000Baumen ? ,, 93 Mill. Baumen 3117

" Pferde 40000
} 66000
W Maultiere 50000
SHornvieh 78000
)250000
S Schafe, Ziegen, Schweine ?

Die Industrie war durch 182 Branntwein-, 370
Kalk- und 26 Ziegelbrennereien, 29 Topfereien und
und 6 Gerbereien vertreten. Ihre Erzeugnisse dienten
dem Verbrauch im Lande. Nur Rum wurde noch
ausgefiihrt,
Alle sonstigen Industrieerzeugnisse muBten ein-
geffihrt werden. Die Importe bestanden meisten-
teils aus Lebensmitteln, aus tiglichen Gebrauchsgegen-
stinden und aus Luxusartikeln. Wie bei der Ausfuhr
so stand auch bei der Einfuhr Frankreichs Handel
obenan. Neben diesem kam noch der von Nord-
amerika in Betracht, welches Lebensmittel und Bau-









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holz lieferte. Statistische Angaben fiir die Einfuhr
habe ich nicht gefunden. Der Gesamtimport re-
prisentierte kurz vor der Revolution einen Wert
von etwa 130 Mill. frcs.
Wdhrend der franz6sischen Kolonial-
epoche inderte sich die Wirtschaft in
St. Domingue von den primitivsten Ver-
hiltnissen zu auBerordentlichem Wohl-
stand. Die Arbeit der Franzosen hatte das Land
zu einem der bedeutensten Kolonialgebiete
der Welt gemacht. Frankreichs Verbrauch an west-
indischen Produkten deckte es vollstindig, ja noch weit
mehr, so daB die Franzosen sogar halb Europa mit
dessen Kolonialprodukten versorgen konnten.

Zum SchluBe der franz6sischen Kolonialepoche
ist noch der Zustand Westhaitis zur Zeit seiner
hochsten Entwickelung zu betrachten. Der Reich-
tum erzeugte in den Stidten und auf den Landsitzen
der Pflanzer einen gewissen Luxus. Neue StraBen,
Plitze mit bffentlichen Monumentalbrunnen und
priichtige Gebiude entstanden. Die franzasische Ver-
waltung, welche riesige Steuern und Abgaben bezog,
baute Paliste, von denen heute nur noch Triimmer
iibrig sind. Man errichtete Hospitaler, Theater und
Bider. Besonders Cap Haiti glanzte durch seinen
Reichtum und seine sch6nen Steinbauten, sodaf es
sich stolz das Paris von St. Domingue nannte. Die
Hauptstadt war Port au Prince, das wegen der Erd-
bebengefahr fast nur aus Holzbauten bestand und
deshalb 6fters grolen Feuersbriinsten ausgesetzt war.
Anfang des 18. Jahrhunderts war Petit Goave die
Hauptstadt des Siidens. Hier verweilten im Jahre 1735
drei Monate lang die franz6sischen Akademiker
Godin, de la Condamine und Bouguer auf dem Wege
zu ihren Aufgaben in Peru und Ekuador. AuBer









- 38 -


anderen wissenschaitlichen Versuchen nahmen sie
eine Messung des tapion von Petit Goave vor.
- Die HauptstraBen, welche die Regierung an-
legte, so von Fort Dauphin fiber Cap Haiti nach
M61e St. Nicolas, ferner von Cap Haiti fiber die
,,escaliers" von Gonaives nach Port au Prince und
weiter nach Les Cayes, erinnern an unsere R6mer-
straBen. Mancher FluB wurde mit groBem Kosten-
aufwande fiberbriickt. Man kann ruhig behaupten,
daB die Verkehrsverhuiltnisse sich damals in
besserem Zustande befanden als heutzutage, wenigstens
ermoglichten, mit grBlerer Leichtigkeit die Er-
zeugnisse des Binnenlandes in die Kiistenstadte zu
bringen. Die groBartigsten und wirtschaftlich wert-
vollsten Bauten waren die Bewisserungsanlagen
mit ihrem System von Kanilen. Die Ebene von
Arcahaie durchquerten etwa 80 Bewisserungsgraben.
Bei Verettes befruchteten die vielen Zufliisse des
Artibonite durch ein Kanalsystem 14 Zuckerplantagen.
Oberhaupt waren auf den meisten Habitationen Bassins
gebaut worden. Das Hauptwerk war die kiinstliche
Bewisserung der Ebene Cul de Sac. Alle ihr tribu-
tiren Fliisse muBten ihre Wasser dem groBen Werke
zur Verfiigung stellen. Am bedeutendsten war das
groBe Bassin, welches vom Grande Rivibre de Cul
de Sac gespeist, wurde. 7988 quarreaux oder mehr
als 10000 Hektar, die zu 58 Plantagen geh6rten, ver-
sorgte es. Die Fertigstellung dieses grofen Unter-
nehmens erforderte nach der Schitzung von Moreau
de St. M6ry mehr als 3 Mill. livr.

Ftir die Erziehung des Volkes war nichts
geschehen. AuBer Port au Prince und Cap Haiti
hatte keine einzige Stadt eine Elementarschule. Der
Reiche lieB seine Kinder in Frankreich erziehen, den
Armen ward keine Bildung zuteil.











Die Kolonialregierung hatte es wihrend
zweier Jahrhunderte nicht verstanden, sich bei den
Pflanzern beliebt zu machen. Die Abneigung war
durch die handelspolitischen MaBnahmen der Re-
gierung entstanden, wie oben geschildert wurde.
Diese Tatsache und der Reichtum der Kolonie lieBen
in den Pflanzern das Unabhingigkeitsgefiihl von Frank-
reich aufkommen, welches beim Ausbruch der Re-
volution sofort zum Vorschein kam. Die h6chste
Militir- und Polizeigewalt besal der Generalgouver-
neur. Er war gewissermaBen der Vertreter des
KSnigs, er erlieB die Gesetze. An der Spitze der
Civilverwaltung stand der Intendant, dessen Haupt-
titigkeit im Zoll- und Steuerwesen lag.
Zwischen den Schwarzen und WeiBen hatte
sich mit der Zeit die Klasse der Mulatten ge-
schoben, welche vielfach von ihren weiBen Herren
freigelassen wurden und die dritte Bev6lkerungsklasse
ausmachten. Fir uns Deutsche ist interessant, daB in
den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts in der
Nahe von M61e St. Nicolas 2400 Deutsche angesiedelt
wurden. Diese Kolonie going bald zu Grunde, aber
noch heute kann man ihre Abk6mmlinge unter den
dortigen Mischlingen erkennen. Folgende Tabelle gibt
eine fibersicht fiber die S e ele n z ahl von St. Domingue
zu verschiedenen Zeiten und fiber die Rassen v e r-
teilung.

1687 1701 1754 1789

Weife 4411 7000 13700 30831
Freigelassene 4700 24000
Neger 3582 20000 173000 480429


Zusammen


7993


27000


191 400


535 260









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Die Zahl der Skiaven war furchtbar gestiegen.
Wenn auch die Sterblichkeitsziffer unter den Negern
sehr hoch war, so wurde doch durch eine jihrliche
Zufuhr von etwa 30000 Afrikanern jeder Verlust wett
gemacht. Ein erstklassiger Sklave kostete kurz vor
der Revolution 2000-2200 frcs., der akklimatisierte
Neger sogar 3000 frcs. Der Sklavenbesitzer Malenfant
wertet die Arbeit eines Negers mit 1000 frcs. in einem
Jahre. Dieser machte sich also durch seine eigene
Arbeit in kurzer Zeit bezahlt.
Die erste Klasse der Bevolkerung waren selbst-
verstindlich die WeiBen. In sozialer Hinsicht teilte
man sie in drei Gruppen: die grol3en WeiBen, die
kleinen Weil3en, und zwischen ihnen die mittleren
Grundbesitzer und Kaufleute, AuBerhalb stand die
aus Frankreich stammende Beamtenwelt, DaB kaum
ein Kreole Beamter werden konnte, verdrol3 be-
sonders die reichen Pflanzer, welche ihr Land gerne
selbst verwaltet hitten. Die groBen WeilBen waren
die Plantagenbesitzer, die Grofgrundbesitzer, die
kleinen Weilen waren die Gewerbetreibende, die
Plantagenaufseher, kurz der Mittelstand. Die zweite
Klasse bildeten die Farbigen, welche zum weitaus
groB3ten Teil Mulatten waren. Pers6nlich frei und
berechtigt, Verm5gen zu erwerben, iiberragten einzelne
von ihnen die Mehrzahl der WeiBen an Reichtum und
Bildung; doch politisch waren sie machtlos, ja durch
gr8Bere Staatslasten bedriickt, gesellschaftlich ver-
achtet. Weit unter ihnen stand die dritte Volks-
klasse, die fiberwaltigende Zahl der Sklaven, eine
rechtlose, in charter Arbeit geknechtete Masse stumpfen
Geistes und rohen Sinnes. Welche Gegensitze hatten
sich aufgehauft! Der Reichtum zeitigte ein fiirstliches
Wohlleben erfiillt von ziigelloser Ausschweifung, er
lieB die Sucht nach Unabhiingigkeit vom Mutterlande
in den Pflanzern aufkommen. Das Bewuftsein Sklave









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zu sein, brachte nur Arbeit erschwert durch grau-
samste Behandlung. Der Geist der Aufklirung, welchen
der Farbige zu Paris in sich aufgenommen hatte, lieB
ihn ergrimmen fiber die stete Zuriicksetzung; denn er
war sich seines Wertes bewuBt, und er strebte nach
Gleichheit mit dem Weilen. Es bedurfte nur eines
Anlasses, und der lang aufgespeicherte Haf gegen die
bestehende Ordnung machte sich furchtbar Luft.
Diesen AnlaB bot die Kunde vom Ausbruch der
franz6sischen Revolution. Sofort suchten die
Pflanzer, sich die Kolonialbeh6rden vom Halse zu
schaffen und selbst die Ziigel der Regierung in einem
von der Metropole maglichst unabhaingigen Staate zu
ergreifen. Die Generalversammlung des franz6sischen
Teiles von St. Domingue schaffte. sofort die noch
teilweise bestehende Bevorzugung des franz6sischen
Handels ab und 6ffnete alle Hafen den auslindischen
Schiffen. Spiter wurden die driickenden Z6lle herab-
gesetzt, sodaB sie fiir Kaffee, Zucker und Kakao nur
noch 3"/, betrugen. Die sozialen und parteipolitischen
Gegensiitze spielte man in schiirfster Art aus gegen
die Regierung einerseits, gegen diese oder jene Partei
andererseits. Nur die Schwarzen beteiligten sich nicht
an dem Kampfe, sie muBten fiir ihre streitenden
Herren arbeiten. Mit dem Falle des tapfern Roya-
listen, des Obersten Manduit (Marz 1791) lag die
Partei der Metropole am Boden, und die Pflanzer
hatten die Revolution durchgefiihrt, jedoch nur zu
ihrem Vorteile.
Als aber imMai 1791 fiir St. Domingue die Mulatten-
emanzipation von Paris aus nochmals besonders dekre-
tiert wurde, und die Farbigen auch ihrerseits die Friichte
der Revolution zu ernten suchten, erhoben die WeiBen
Widerspruch, und der erbittertste Kampf mit dem
,,entarteten Bastardengeschlecht" stand bevor. Da
emp6rten sich die Schwarzen vorliufig ohne ein









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politisches Ziel zu haben. In der Nacht des 22. August
1791 brach bei Cap Haiti der Aufstand aus und ver-
breitete seine Schrecken ungemein schnell. Der wilden
Wut, dem durch den Vaudouxkult bis zur Todesver-
achtung gesteigerten Fanatismus konnten die WeiBen
nicht widerstehen, sie muBten sich den Farbigen nihern,
denen sie endlich politische Gleichberechtigung zu-
billigten.
Der Krieg zwischen Weifen und Farbigen ent-
brannte von neuem, als die Pariser Nationalversamm-
lung im September 1791 das Maidekret zuriicknahm.
Es wiirde zu weit fiihren, den blutigen Kimpfen zu
folgen, die sich fiber ganz St. Domingue erstreckten,
und an denen die Neger im Dienste ihrer Herren all-
gemein teilnahmen. Die Kommissare des Mutterlandes
griffen gegen Pflanzer, Royalisten und Farbige zu
Gunsten der Sklaven ein. Der Kampf sah bald diese,
bald jene Parteikombination, sogar England und
Spanien beteiligten sich an ihm, und immer mehr
hiufte er neue Ruinen auf alte, bis die Kolonie ihre
weltwirtschaftliche Bedeutung verloren hatte. Anfang
des Jahres 1792 waren schon 200 Zuckerfabriken,
1200 Kaffeeplantagen, viele Indigopflanzungen und
andere landwirtschaftliche Anlagen zerstart worden.
Man schitzte den Schaden auf 600-800 Mill. Frcs.
Die Zahl der unbebauten Landereien wuchs von Jahr
zu Jahr. Das reiche Cap Haiti sank vor der Brand-
fackel der Schwarzen im Juli 1793 in Asche. Von
einer Ein- und Ausfuhr war kaum noch die Rede.
Zuerst miBtrauten die Neger den republikanischen
Kommissaren, von welchen einer, Sonthonax, auf
eigene Faust am 29. August 1793 die Sklaverei fiir
abgeschafft erklarte. Der hervorragendste Negerfiihrer
Toussaint Louverture sah ein, daB von einer
anderen Oberhoheit als der franz6sischen nur die
Wiedereinfiihrung der Sklaverei zu erwarten sei, des-









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halb stellte er sich entschieden auf die Seite der
Franzosen und vertrieb die Spanier aus dem Norden.
Diese traten sogar die 6stliche Inselhilfte im Frieden
zu Basel (1795) an Frankreich ab. Inzwischen waren
auch die Mulatten im Siiden gegen die Englander
vorgegangen. Diese verlieBen Haiti nicht, ohne den
Versuch zu machen, Frankreich die Insel auf diplo-
matischem Wege zu entreiBen, indem ihr Befehlshaber
Maitland die K6nigskrone und Flottenschutz Toussaint
zusicherte, wenn er einen ausschlieBlichen Handels-
vertrag mit ihm schl6sse. Toussaint widerstand dem
Antrage. Mit den Englandern verliefen viele Pflanzer
besonders die Royalisten Haiti und wandten sich
Jamaika, Kuba oder Nordamerika zu. Die WeiBen
hatten ihre Rolle auf Westhaiti ausgespielt, die nicht
get6tet oder geflohen waren standen vor ihrem Ruin.
Kaum war das weiBe Element aus dem Rassen-
kampfe ausgeschieden, als der HaB zwischen den
Negern des Nordens und den Mulatten des Siidens
zum Ausbruch kam, und ein grausiger B ii r g e r k r i e g
entbrannte. Der Suiden wurde furchtbar verheert.
Ober 20000 Mulatten biiften ihr Leben ein, ihre Rasse
wurde zur Bedeutungslosigkeit herabgedriickt. Ganz
Westhaiti beugte sich den Schwarzen.
Jetzt gait es, die darniederliegende wirt-
schaftliche Lage zu heben. Es hatten namlich die
Revolution und der RassenhaB zahllose Menschen-
leben dahingerafft und die wohlhabenden Uberlebenden
zur Auswanderung getrieben. Die Acker lagen un-
bebaut, die Pflanzungen waren vernichtet und die
Niederlassungen zerst6rt und verlassen. Jetzt zeigte
sich die Genialitit des schwarzen General Toussaint,
welcher sich als ein zweiter Napoleon fiihlte. Als
franz6sischer Generalgouverneur schaltete und waltete
er in Wirklichkeit wie ein Souverain. Die Weifen
suchte er als Lehrmeister der Neger im Lande zu









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halten. Die Hifen 5ffnete er den Schiffen aller
Nationen, er proklamierte vollstindigen Freihandel
ohne irgendeine Begiinstigung Frankreichs. Die herren-
losen Pflanzungen verschenkte oder verpachtete er.
Um die Produktion im Lande zu steigern, muf8ten
vor allem die entlaufenen Neger zur Arbeit ange-
halten werden. Im Gegensatz zu Sonthonax, welcher
mit dem Argumente: ,,En France tout le monde est
libre, et tout le monde travaille"') die ehemaligen
Sklaven an die Arbeit gew6hnen wollte, wandte er
Zwangsmittel an. In diesem Sinne erlieB er im
Oktober 1800 seinen Code rural. Er fesselte die
vagabondierenden Neger flinf Jahre lang an die Scholle.
Der Lohn ihrer Arbeit war der vierte Teil des Er-
trages. Ungehorsam, Faulheit, Flucht wurden hart
bestraft. Das Heer versah den Polizeidienst und den
Wachtdienst auf den Arbeitsstitten. An die Stelle
der Peitsche des franz5sischen Pflanzers war der
Sabel getreten. Der Erfolg dieser Strenge blieb nicht
aus, wie aus folgender Tabelle zu ersehen ist.

Export nach Frankreich in Gesamtexport in
12 Monaten 261/2 Monaten 12 Monaten
789 {14. Juli 1794 bis
(1789 31. Sept. 1796) (1801)

Zucker (roh) 93573000 livr. 3923000 livr. kaum
,, (gereinigt) 47517000 16000 ,, 19000000 livr.
Kaffee 76835000 5014000 43420000
Baumwolle 7004000 ,, 171000 ,, 2480000
Indigo 759000 ,, 12000 ,, 804
Kakao ? ? 540000

Doch Zeit zur weitern friedlichen Entwickelung
war dem Lande nicht beschieden. Kaum hatte Tous-
saint seinen Kriegszug gegen die Osthalfte der Insel


L) siehe: 3. Bd. III. pag. 78.









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zu Ende gefiihrt, als Napoleon seinen Schwager Le-
clerc mit etwa 20000 Mann nach St. Domingue sandte
(1802). Seine Instruktion war, die Neger durch Ge-
walt oder List zu unterwerfen und dann zu entwaffnen,
die Negeremanzipation aber unangetastet zu lassen.
Alle Reformen des Handelswesens sollten abgeschafft,
also Frankreich die kolonialen Reichtiimer wieder
allein zugefiihrt werden. Fast verzweifelnd gab
Toussaint den Befehl, die aufbliihenden Kiistenplatze
zu zerstbren, die Liindereien zu verwiisten, einen
Guerillakrieg zu fiihren und im Gebirge das Fieber
abzuwarten. Osthaiti eroberten die Franzosen in
kurzer Zeit, es blieb bis 1808 unter ihrer Herrschaft,
fiel 1814 an Spanien und erklarte sich 1821 fiir un-
abhingig. Auch im Westen schritten die siegge-
wohnten Truppen von Triumph zu Triumph. Sie
konnten es aber nicht hindern, daB verschiedene
Kiistenstidte, ich nenne nur L6ogane, St. Marc und
Cap Haiti, diese Stadt seit der Revolution sogar
zum zweiten Male (Febr. 1802) in Feuer aufgingen.
Nach dreimonatlichem Waffengange schloB Toussaint
Frieden (Mai 1802). Die wirtschaftliche Lage war
wieder hoffnungslos. Leclerc zwang die Neger zur
Arbeit; infolgedessen hob sich die Produktion des
Landes und die verwiisteten Wohnstatten erstanden
neu. Die Mal3regeln aber, die der General gemil3
seiner Instruktion traf, fachten die Emparung wieder
an, und trotz der Schreckensherrschaft, welche er
und sein Nachfolger Rochambeau fiihrten, sahen sich
die Franzosen bald auf die Stdidte beschriinkt. Als
die Englinder den Negern Geld, Waffen und Munition
lieferten und mit ihrer Flotte die Hifen blockierten,
war der Widerstand der Franzosen gebrochen und
ihre Kolonie fiir immer verloren (November 1803).
Die Bevalkerung hatte um mehr als ein Viertel
abgenommen, sie zihlte nur noch ca. 375000 Seelen.
Der Wohlstand des Landes war furchtbar zuriickge-









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gangen. Al. Bonneau ftillt folgendes Urteil: ,,Das
Land war nur noch eine ungeheure Ruine, die Be-
sitzungen waren meist verbrannt oder zerst6rt, und
es blieben den freien Schwarzen nur Stadte, D6rfer,
ein fruchtbarer Boden, einige gewerbliche Anlagen
und kriftige Arme aber kein Kapital, um *die Reich-
tiimer der Insel im GroBen auszubeuten, und um den
industriellen Aufschwung, welcher zur Zeit der Ko-
lonisten begonnen hatte, fortzusetzen" ').



Die haitianische Epoche.
Am 1. January 1804 erklarten die Neger feier-
lichst ihre Unabhiingigkeit und griindeten nach dem
alten Inselnamen die Republik Haiti. Unter dem
Generalgouverneur J. J. Dessalines setzte ein blinder,
blutiger HaB gegen die Weilen, besonders gegen die
Franzosen und ihre Herrschaft ein. Nur Arzte,
Priester, Polen und Deutsche schonte man. Die Furcht
vor Frankreich diktierte den letzten Artikel der
Konstitution, nach welchem die Neger wiederum ent-
schlossen waren, bei einer Expedition einer aus-
wartigen Macht, die wirtschaftliche Bliite ihres Vater-
landes mit eigener Hand zu vernichten. Im Gegen-
satz zu Toussaint, der die WeiBen als bildendes
Element schitzte, schloB Dessalines sie aus dem
Staate aus. Nach der Verfassung konnten sie keinen
Besitz erwerben. ,,Aucun blanc quelle que soit sa
nation ne mettra le pied sur ce territoire a titre de
maitre ou de propri6taire et ne pourra a l'avenir y
acqu6rir aucune propri6t6" ).
Toussaints Staat stiitzte sich auf die Stadte und
Pflanzungen, nur in der Not zog er sich ins Gebirge

') siehe: 6. pag. 12.
2) siehe: 3 Bd. VI, pag. 148.









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zuriick, ,,der Schwerpunkt des Staates von Dessalines
lag in den schattigen Wildern und fruchtbaren Tilern
des innern Gebirges"'). Die wirtschaftliche Entwickelung
muBte diese Gegensitze zeitigen. Der Krieg hatte
die zahlreichen Zuckerpflanzungen zerstbrt und die
Fabriken meist in Ruinen gelegt; die Neger sahen in
dem miihevollen Zuckerrohrbau das Symbol der
Sklaverei und hatten keine Lust, die schwere Arbeit
in den heiBen Kiistenstrichen sich aufzuladen, sondern
sie wandten sich dem Kaffeebau in den schattigen
Mornen zu. So kam es ganz natiirlich, daB der
Kernpunkt des Staates im Gebirge lag, und daB nach
der Unabhingigkeitserklarung die Ausfuhr des
rohen Zuckers immer mehr zuriickging, die des
gereinigten Zuckers ganz aufh6rte, daB ferner
der Export des Kaffees zunahm und die Holz-
ausfuhr sich bedeutend hob, da die Neger mit
der systematischen Abholzung der Gebirgswalder
begannen.
In handelspolitischer Beziehung war es fiir den
jungen Staat von gruilter Wichtigkeit, daB Gro3-
britannien sich wiederum eine Art Handelsmonopol
und Protektorat, wenn auch vergeblich verschaffen
wollte. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika
boten Kriegsmaterial an und suchten die Handels-
beziehungen zu festigen. Es waren dies die ersten
Zeichen, daB GroBmachte gewillt waren, in die be-
stehenden Verhiltnisse auf der Insel nicht einzugreifen,
une quasi-reconnaissance de l'ind6pendance sagt
Ardouin. Leider ergriff die Regierung hartere MaB3-
regeln gegen den Handel, da im Zollwesen Beamten-
bestechungen vorkamen, und die Finanzen bald
zerriittet waren. Wie konnte es anders sein, wenn
der Regierungsgrundsatz von Dessalines war: Plumez
la poule, mais prenez garde qu' elle ne crie!


') siehe: 24, pag. 99.









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Die Agrarpolitik seines groBen Vorgingers
setzte er fort; doch es war ihm nicht verg6nnt, die
Friichte seiner Wirtschaftspolitik zu schauen. Sein
Militirstaat, der zu einem despotischen Kaisertum
auswuchs, erzeugte allgemeine Unzufriedenheit. Port
au Prince folgte im Oktober 1806 dem revolutioniren
Beispiele von Les Cayes und Jean Jacques I. fiel
unter den Schiissen seiner Soldaten.
Das Kaisertum war gestiirzt, und an die Spitze
der Republik wurde der Negergeneral Christoph be-
rufen. Die Farbigen als die befihigteren Elemente
suchten ihm seine Rechte zu schmilern. Deshalb
entbrannte der Biirgerkrieg zwischen ihm nebst
seinen Negern des Nordens einerseits und Pktion,
dem Fiihrer der Mulatten des Westens und S i dens
andererseits. Die landwirtschaftliche Produktion ver-
minderte sich durch diesen Krieg, firderlich war auch
nicht der latente Kriegszustand, welcher im Mai 1812
eintrat, als beide Parteien kriegsmiide die Streitig-
keiten ruhen lieBen.
Zwischen den beiden nunmehr auf Westhaiti
bestehenden Reichen treten bald bedeutende wirt-
schaftliche Unterschiede auf, die in der politischen
Titigkeit der Herrscher begriindet sind.
Im Negerstaate des Nordens sicherte sich
Christoph umfassende Rechte und umgab sich 1811
mit k6niglichem Glanz. Er schuf als Despot Henri I.
einen neuen Adel, dem er grole Plantagen und ganze
Distrikte zu Lehen gab. Die industrielle Titig-
keit des Volkes f6rderte er durch Anlage einer
KugelgieBerei, einer Glashiitte und einer Wagenfabrik.
Drei Druckereien gab es, die unaufhBrlich arbeiten
konnten. Die Ausstattung und die Waffen des Heeres
stammten aus k6niglichen Werkstiitten. Die Fabri-
kation des gereinigten Zuckers konnte er aber nicht
mehr ins Leben zuriickrufen. Christophs Agrar-









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politik fuBte wie die von Dessalines auf Toussaints
Ideen. Wie friiher wurden die Neger zur Arbeit
gezwungen. Sie waren H6rige, an die Scholle ge-
gebunden und muBten unter Aufsicht des Heeres zum
Nutzen des vom K6nige geschaffenen GroBgrund-
besitzes arbeiten. Der Staat des Nordens war also
ein Feudalstaat, in welchem der Bau der Kolonial-
produkte wie vor der Revolution im GroBen getrieben
und durch militirische Disziplin gef6rdert wurde.
Die Uberproduktion von Kaffee und Zucker
flihrten die Nordamerikaner und Englander weg,
welche den franz6sischen Handel an sich gerissen
hatten. Aus Nordamerika bezog der Negerstaat Bau-
holz, Nigel, Pulver, Blei, Stiefel, Mehl und eingesalzene
Waren. GroBbritannien brachte Woll- Baumwoll- und
Seidenstoffe, Stahlwaren, Goldarbeiten, Bier, Wein,
Kise, Butter und Salzfische. Deutschland konnte
nach Ritters Ansicht damals mit Gewinn Leinwand,
eiserne Kessel, Beile und Glaswaren einfiihren. Die
Franzosen durften erst nach Christophs Tode wieder
in die Hilfen einlaufen und ihre Weine und Parfumerien
absetzen.
Des K6nigs Finanzverwaltung war gut. Bei
seinem Selbstmorde, gelegentlich eines Aufstandes,
der sich auf die Garde ausdehnte (Okt. 1820), hinter-
lieB er einen Staatsschatz von 9 Mill. frcs.
In der Mulattenrepublik des Siidens schuf
der Prdsident P6tion den Kleingrundbesitz, indem
er seinen Offizieren und Veteranen Staatslindereien
in kleinen Stuicken fiberwies. Der iibrigbleibende
Rest wurde sehr billig verkauft. Dadurch verpflichtete
er sich die Beschenkten und machte das Staatsinteresse
zu ihrem persanlichen. Staatserhaltend war diese
Malregel, aber die Produktion des Landes mehrte
sie nicht. Denn mit der Zerstiickelung des Grund-
besitzes und mit der Aufhebung des Gebotes an die









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Neger zu arbeiten, war die Grolkultur unm6glich
geworden, zumal da den Einwohnern die Kapitalien
zu ihrem Betriebe fehlten. So going also im Westen
und Siiden der Bau des Zuckerrohrs, des Indigos
und der Baumwolle mit Riesenschritten abwarts, ja
sogar die Kaffeeproduktion verminderte sich. Petion
hatte sich getiiuscht, wenn er den Schwarzen zutraute,
sie wiirden in ihrem eigenen Interesse von selbst
Kolonialprodukte bauen. Sie begniigten sich mit der
Kultur von Maniok und Bananen und zogen es in
ihrer Faulheit vor, die wertvollen Wilder abzuholzen.
Auch in der Finanzpolitik war Petion nicht der
Erfolg seines schwarzen Nebenbuhlers beschieden.
Der Kapitalmangel machte sich bei dem Riickgang
des Exportes und der Z1lle fiihlbarer denn je. Des-
halb wurde die Ausfuhr von barer Miinze verboten;
sie muBte in haitianische Produkte umgesetzt werden.
Trotzdem sah Petion sich zur ersten Ausgabe von
haitianischem Papiergeld genatigt (1813). Die neue
Verfassung von 1816 erteilte ihm die unumschrinkte
Gewalt eines Diktators auf Lebenszeit, welche ihm
zeitweise durch Rigaud streitig gemacht wurde. Ver-
bittert, daf er trotz seiner wohlgemeinten AgrarmaB-
nahmen MiBerfolg hatte, da seine Untertanen jene
nicht befolgten, schied er aus dem Leben, indem er
eines freiwilligen Hungertodes starb (1818).
Sein Nachfolger wurde Boyer, welcher zuerst
ganz in den Spuren seines Vorgingers wandelte, in-
dem er dem ,,Systeme Petions, individuelle Freiheit
bei der Arbeit und republikanische Zerstiickelung des
Grundbesitzes"'), allgemein, also auch im Norden,
Geltung verschaffte. Ubrigens war hier auch Christoph
ein Jahr vor seinem Tode schon dazu iibergegangen,
kleine Landlose an seine Getreuen zu verteilen. Nach


1) siehe: 24, pag, 130.









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dessen Sturze riickte Boyer in den Negerstaat ein
und konnte sich schon im Oktober 1820 zum Pri-
sidenten der Republik ausrufen lassen, welche jetzt
wieder den ganzen ehemals franzisischen Kolonialbesitz
umfaAte.
Bevor ich mich den rein statistischen Angaben,
den Exportzahlen Westhaitis im Anfange der Herr-
schaft von Boyer zuwende, schicke ich voraus, daB
fiur Westhaiti die Zeit von der Unabhiingigkeits-
erklirung bis 1820 eine Zeit wirtschaftlichen
Niederganges war, wie ein Vergleich mit der Aus-
fuhr des Jahres 1801 sofort zeigt. Es konnte niimlich
der Aufschwung im Norden den rapiden Niedergang
im Siiden nicht aufwiegen.

1819 1820 1821

Zucker (roh) 875243 W 413463 W 600934 I
Zucker (gereinigt) 0 0 0
Kaffee 22526745 ,, 25192912 29925951
Baumwolle 214926 345341 820653
Kakao 283313 435282 264792
Kampescheholz 3003781 1870837 3648524
Gayak- u. Brasilholz 90628 28511 16337
Mahagony 141577 pieds 129509 pieds 55005 pieds
Tabak 39698 S 97600 f ?
Rizinus61 ? 157 gallons ?


Boyer stellte die territorial Einheit der Insel
her (Febr. 1822). Doch man tiuschte sich in der
Hoffnung, daB nunmehr eine Periode wirtschaftlichen
Aufschwunges anheben wiirde. Statistische Angaben
kann man fir die Ausfuhr der heutigen Republik
Haiti wihrend der Vereinigung des Ostens und Westen
(1822-44) nicht bringen, da sie sich auf den geeinten
Inselstaat beziehen. Anstatt dessen such ich den








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Gang der wirtschaftlichen Entwickelung zu verfolgen
an Hand der auf die Wirtschaft beziiglichen MaB-
nahmen Boyers.
Solange' Frankreich nicht offiziell auf seine ehe-
malige Kolonie verzichtet hatte, blieb es ein Wagnis,
Geldsummen zur Ausbeutung der wirtschaftlichen
Schatze der Insel anzulegen, da jederzeit eine Ex-
pedition Frankreichs und damit fast sichere Vernichtung
jeder Kapitalanlage von seiten der Neger zu befiirchten
war. Mehrere Versuche Frankreichs die Haitianer
zu bewegen, seine Hoheit wieder anzuerkennen, waren
fehlgeschlagen. Die Anerkennung der Unab-
hiingigkeit Haitis von ihm zu erlangen, gliickte
Boyer (April 1825). Jetzt hitte auch jener beriihmte
Artikel der Verfassung, welcher die WeiBen vom
Grundbesitz ausschloB, billigerweise aufgehoben, und
das Land dem Kapital und der Arbeitskraft der
WeiBen riickhaltlos geaffnet werden miissen. Aber
im Gegenteil die Regierung legte des WeiBen Kon-
kurrenz lahm, da dieser fiir ein nur ein Jahr giiltiges
Handelspatent dreimal soviel zahlen mul3te wie ein
Haitianer. Die Republik sollte an Frankreich in
5 Raten 150 Mill. frcs. Entschidigung zahlen und
ihm Befreiung von den halben Z6llen gewihren. Diese
Bevorzugung fiel bald wieder fort; denn Haiti hatte
sich seine Haupteinnahmequelle abgeleitet. Die Re-
publik war so in Geldnot, daB Boyer Papiergeld
ausgeben muBte (1826), welches nicht durch Metall-
bestand oder Nationalverm6gen garantiert war. Sein
Kurswert sank bald tief unter dem Nominalwert, und
es wurde zum Schaden der Inhaber zum Kurswert
eingelist. Da Haiti die Ratenzahlungen an Frank-
reich nicht einhalten konnte, ermiiligte ein Vertrag
die Schuld auf 60 Mill. frcs. (1838).
Im Jahre 1826 erlieB Boyer den Code rural.
Vom Prinzip des kleinen Grundbesitzes which er nicht









- 53


ab, er nahm aber von der Agrarpolitik Christophs die
militdrische Organisation, die Anwendung von Zwangs-
mitteln heriiber. Derjenige, welcher keine Existenz-
mittel nachweisen konnte, ein Minimalgrundbesitz
war durch das Gesetz festgelegt, mu8te als Land-
arbeiter gegen den vierten Tell des Ertrages jahre-
langen Dienst nehmen. Dafiir war der Bauer von
militirischen Dienstleistungen befreit. Diese letzte,
anscheinend weise MaBregel verfehlte ihren Zweck;
denn diese Befreiung wurde als AusschlieBung ge-
deutet. Die Meinung, daB der Ackerbau und besonders
der Zuckerrohrbau etwas Entehrendes sei, eine
Reminiszenz aus der Sklavenzeit erhielt neue
Nahrung. Sie war Ende des vorigen Jahrhunderts
noch nicht ganz geschwunden. Der Code rural wurde
nicht strong durchgefiihrt. Die kleinen Besitzer kauften
so viel Land, als das Gesetz vorschrieb, und hatten
dann das Recht, nichts oder wenigstens nur das Aller-
notwendigste zu tun. Das Volk versank in wirt-
schaftliche Untltigkeit.
Lepelletier de St. Remy sagt von der Herrschaft
Boyers, sie sei ein langer Schlaf gewesen. Zwar
ist diesem Prisidenten die ganze Schuld nicht zuzu-
messen, wenn das Land wirtschaftlich nicht vorwiirts
kam. Sein Handeln wurde zu sehr durch die Lage
der Verhiltnisse bestimmt. Der FremdenhaB war zu
eingewurzelt bei den Negern, unter denen die ultra-
afrikanische Partei ihr Haupt erhob (vgl. der Neger-
hordenfiihrer Goman und der Kommunist Acaau an
der Spitze seiner ,,piquets" oder Pfahlminner). Jede
Mafnahme zu Gunsten der Weilen wiirde einen all-
gemeinen Aufstand hervorgerufen haben, wie schon
der diplomatisch zu rechtfertigende Vertrag mit
Frankreich Unzufriedene geniigend geschaffen hatte,
da auf ihn die Schuldenwirtschaft der Republik zuriick-
geffihrt wurde. Die Zahl der MiBvergniigten wuchs;









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als in den letzten Jahren seiner Prisidentenschaft die
leidlich geordneten Finanzen regelmiiige Abschlags-
zahiungen an Frankreich gestatteten. Seit 1835 machten
sich Aufstande bemerkbar, deren Wogeu immer h6her
gingen, bis Ende des Jahres 1842 dic Verschwarer
im Manifest von Praslin offen die Revolution predigten,
der Boyer im Mirz des folgenden Jahres weichen
muBte.
Aus der Revolution der Mulatten gegen das
Mulattenregime going der Mulatte H6rard-RiviBre
als Prisident hervor. Er lieB das System Boyers
bestehen, infolgedessen erhob sich auch gegen ihn
eine Opposition sowohl der Mulatten, als auch der
Ultraafrikaner. WKhrend er den Osten der Insel,
welcher sich von der faulen Republik losgesagt hatte,
vergeblich zum Gehorsam zuriickfiihren wollte, wurde
er fiir abgesetzt erklirt (Mai 1844). Aus dieser
Revolution gegen das Mulattenregime going die Herr-
schaft der Schwarzen hervor.
Die Regierungszeiten der drei ersten schwarzen
Priisidenten Guerrier, Pierrot und Rich6 waren zu
kurz, als daB sie groBen EinfluB auf die Entwickelung
haben konnten.
Mit dem beschriinkten, schwarzen General Faustin
Soulouque bestieg die Reaktion den Prisidenten-
stuhl (Mirz 1847). Zuerst iiberlieB der Neugewiihlte
die Leitung des Staates den Mulatten. Als er aber
merkte, daB die gebildeteren Farbigen fiber ihn als
Anhiinger des Vaudouxkultes mit seinen Zaubereien
sp6ttelten, wandte er sich gekriinkt der ultraafri-
kanischen Partei zu, began die Gebildeten, das waren
hauptsdichlich die Mulatten, mit seinem Hasse zu ver-
folgen und richtete im April 1848 unter ihnen ein
furchtbares Blutbad an. Unter den Verfolgten ent-
stand eine Panik. Jedes Geschiiftsleben stockte mit
einem Schlage. Selbst die Magazine der Schwarzen,









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in denen fremde Waren aufgehiuft lagen, blieben
geschlossen. Die Konsulate konnten kaum Lebens-
mittel bekommen, da die Furcht die Landleute zuriick-
hielt. Wohlhabende Mulatten, welche mit dem Leben
davon gekommen waren, verlieBen ihre Heimat. In
dem BewuBtsein, daB das haitianische Papiergeld nichts
wert sei, machten sie alles zu Gold und nahmen
dies mit aufer Landes. So wurde der Vorrat an
Edelmetall bedeutend vermindert. Da die Mulatten
aus dem Handelsverkehr ausschieden, hielten sich die
GroBkaufleute und Importeure wegen der mehr als
zweifelhaften Aussichten dem Lande fern.
In den Jahren 1849 und 1855 suchte Soulouque
den Osten zu unterjochen, er wurde jedoch mit
blutigem Kopfe heimgeschickt. Einen Erfolg hatte er
doch. Die Distrikte Las Caobas, Hinche und die
reiche Savanne de Guaba wurden nunmehr endgiiltig
von den Schwarzen besetzt.
Nachdem er als Diktator die Kaiserwiirde ange-
nommen hatten, schuf er einen neuen Adel jedoch
im Gegensatz zu Christoph ohne Grundbesitz und
ohne ein geniigendes Einkommen. So kam es, daB
die Grafen, Ritter und Generile noch nebenbei ein
Gewerbe treiben multen. Sie wandten sich meist
dem Kleinhandel zu, dessen Betrieb in unansehnlichen
Kaufliden sie ihren Frauen iiberlieBen. Um die wirt-
schaftliche Lage des Landes zu heben, tat der brutale
Herrscher fast nichts. Das demokratische Prinzip des
Kleingrundbesitz blieb selbstverstiindlich bestehen, wie
ja auch die Mulattenverfolgungen nur den Zweck
hatten, den Begiiterten zu enteignen und den Ge-
bildeten mundtot zu machen. Der Bauer war dazu
da, die Taschen der Gewalthaber zu fiillen vom
Staatsoberhaupt angefangen bis zum untersten Be-
amten. Das bare Geld sammelte der Kaiser in seine
Privatkasse, und dann gab er dem Papiergelde Zwangs-









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kurs. Da ersteres immer seltener wurde, gab er un-
heimlich viel Papiergeld aus, an einem Tage manch-
mal 15-20000 Piaster oder Gourden -. Infolge-
dessen sank die Papiergourde auf 1/,,, ja auf 1/,1 ihres
Nominalwertes.
So heillos wie Soulouques Finanzwirtschaft war
auch seine Handelspolitik. Um die einheimischen
Produkte zu preissteigern und die eingefiihrten Waren
zu verbilligern, fiihrte er Monopole ein, verbot den
Import der auch in Haiti wachsenden Produkte und
entzog dem weiBen Kleinhandler das Handelspatent.
Er sperrte einige Hiifen und behielt die Kiisten-
schiffahrt der einheimischen Marine vor. Der Staat
kaufte zu einem ein ffir allemal festgesetzten Preise
die Landesprodukte an, um sie mit hohem Aufschlag
weiter zu verkaufen. Dieser Versuch, die Ausfuhr-
werte zu steigern, schlug aber selbstverstindlich fehl,
Die Hauptexportartikel waren Kaffee, Kam-
pesche und Mahagony. Es existieren wohl keine
genauen statistischen Angaben, was nicht zu ver-
wundern ist, da die Zollbeamten die ,,offiziellen Listen"
falschten. Importe waren Mehl, Fleisch, gesalzene
Fische, Kleiderzeuge, Toilettengegenstinde und be-
sonders Seife, nach der von jeher bis heutzutage
groBe Nachfrage herrschte. Sogar weiBer Zucker
muBte zu medizinischen Zwecken eingefiihrt werden.

Werte 1855 1856
der Einfuhr 25337700 frcs. 24 949 380 frcs.
SAusfuhr 15891913 23579200
Schmuggelwaren c. 5000000 ,, c. 5000000
SGesamthandels c. 46229613 ,, c. 53528580

Soulouques Herrschaft war ein Autokratismus in
krassester Form gepaart mit wahnwitzigem Aber-
glauben, eine Niederhaltung des wirtschaftlichen Auf-









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schwunges verbunden mit systematischer Aussaugung
des Landes. WAhrend einer wirtschaftlichen Krisis
im Jahre 1858 fiel das verarmte Volk vom Kaiser ab.
Das Heer rief den Mulatten Fabre Geffrard zum
Prisidenten der wiedererstehenden Republik aus.
(Januar 1859).
Es folgt jetzt eine kurze Periode des Auf-
schwunges wiihrend der ersten sechs Regierungs-
jahre des neuen Herrschers. Dann hemmen innere
Wirren wieder langere Zeit die weitere giinstige Ent-
wickelung. Geffrard war gebildet, tatkriftig, mit
organisatorischem Talent begabt, voll guter Absicht,
kurz ein Mann, welcher sich die Kraft zutraute, in
kiirzester Zeit Haiti umzuwandeln. Den Stillstand der
landwirtschaftlichen Produktion suchte er zu besei-
tigen, indem er die Kleinbauern ohne Zwang zur
Arbeitsamkeit auf eigener Scholle erzog. Er bot ihnen
Gelegenheit, Staatshindereien in Parzellen von 6,5 Hek-
taren zu kaufen. Geffrard stellte zerfallene Be-
wisserungsanlagen wieder her und erweckte den
Zuckerrohrbau wieder, so daB der Rohzucker 1861
wieder auf der Ausfuhrliste erscheint. Er besaB selbst
eine Zuckerrohrplantage und going seinem Volke mit
gutem Beispiele voran. Einen die Wirtschaft der
Republik umwilzenden EinfluI hatte Geffrards Zucker-
baupolitik nicht; denn das Kapital fehlte, und die
geniigenden Arbeitskriifte liefen sich nicht finden. -
GrB3ern und auch von Erfolg gekr6nten Eifer ent-
faltete der Prisident, um den Baumwollexport zu
heben, welcher nach Jahrzehnten der Abnahme sich
jetzt mehrte. Er nutzte namlich die Gunst der Zeit
aus, welche sich ihm mit dem Biirgerkriege in den
Vereinigten Staaten Nordamerikas bot. Er zog
amerikanische Emigranten durch Vergiinstigungen in
sein Land und wies ihnen das fiir die Baumwoll-
kultur geeignete Artibonitetal als Wohnsitz an. Diese









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geiibten Arbeiter trugen viel zur Ausbildung des
haitianischen Bauern bei. Leider konnte Geffrard
nicht alle Vorteile aus dem gfinstigen Zeitumstande
ziehen, da" mit dem Biirgerkriege des Jahres 1865
die Feldarbeiten wieder stockten. Gleichzeitig trat
ein riesiger Preissturz der Baumwolle ein; denn auch
andere Lander wie Indien, Agypten und Brasilien
lieferten zum Ersatz des Ausfalles der amerikanischen
Baumwollernte ihre vermehrte Produktion auf den
Markt, und mit dem Ende des Sezessionskrieges er-
holte sich die Baumwollkultur in den Siidstaaten
Nordamerikas rasch. Damit war jede Konkurrenz
unmaglich, und die Bliite der haitianischen Baum-
wollkultur, trotzdem ihre Produkte sehr gut waren,
pl6tzlich vernichtet. Als abschlieBendes Urteil fiber
den Stand der Bodenwirtschaft wihrend der ersten
Jahre der Herrschaft von Geffrard will ich A. Bonneaus
Worte zitieren. ,,La culture du cafe s'augmenta,
celle du cotonnier a progress dans ces dernieres
annees, les plantations de cannes et de cacaotiers
sont revenues plus nombreuses, tandisque l'exporta-
tion des bois de teinture et de l'6b6nisterie acquerait
une importance toujours croissante" 1)
Fir die Industrie war Haiti noch nicht reif,
Der Prisident legte zwar in Port au Prince eine
GieBerei (Fonderie national) an, sie florierte aber nicht
recht; denn es fehlte an geschickten Arbeitskriften. Die
einzigen gewerblichen Erzeugnisse waren einfache
Tischler- und T6pfer-, Seil- und Flechtarbeiten. Wie
die englischen Gesellschaften, welche sich unter
Boyer 1825 und 1836 gebildet hatten, um den Gold-
reichtum des Landes auszubeuten, nicht fiber das
Schiirfen hinauskamen, so began man mit einem
Bergbau auch jetzt nicht, wo die Regierung die Erz-


') siehe 6, pag. 38.









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minen und Kohlenlager der Republik untersuchen lieB.
Es fehlte das Kapital. Dies war niimlich so selten im
Lande, daB man pro Monat 3 / Zinsen gab. Die
Abschlagszahlungen an Frankreich hielt Geffrard bei.
Die schlechte Finanzlage des Staates zu beseitigen,
war ihm jedoch unm6glich.
Einige handelspolitische MaBnahmen des
Prisidenten sind noch erwiihnenswert. Er 6ffnete die
Hafen wieder, welche Soulouque geschlossen hatte.
Es waren jetzt 10 Hifen: Port au Prince, Cap Haiti,
Les Cayes, Jacmel, Gonaives, J&ermie, Miragoane,
Aquin, Port de Paix und St. Marc dem Ausland-
verkehr ge6ffnet. Die Kiistenschiffahrt war auch jetzt
noch nicht den Auslindern gestattet, trotzdem die
haitianische Handelsmarine nur aus ein paar Fahr-
zeugen bestand. Noch immer konnten die WeiBen
weder Eigentum noch Biirgerrecht erwerben. Handels-
hiuser durften sie griinden aber nur mit Genehmigung
der Regierung, welche wohl ihnlich wie die Handels-
patente zur Zeit Boyers erteilt wurde.
Haiti erlangte von den Vereinigten Staaten Nord-
amerikas als der letzten Macht die Anerkennung seiner
Unabhingigkeit (1865). Das Verhiiltnis zur Dominikanie
hatte sich zu einem friedlicheren gestaltet. Den Ge-
danken an eine Wiedereroberung liefen die inneren
Wirren nicht aufkommen. Diese muften leider auch
unter dem Prasidenten, welcher wohl am meisten fuir
die wirtschaftliche Entwickelung des Landes tat, aus-
brechen. Er unterdriickte sie mit Strenge. Die Ent-
schiedenheit, womit er den Vaudouxkult verfolgte,
daB er sogar Priester dieses Schlangendienstes (zwei
Papalois und eine Mamanloi) wegen Kindermord und
Kannibalismus hinrichten lieB, schaffte ihm auch
manchen geheimen Feind. Die gefihrlichste Ver-
schw6rung leitete Salnave von Cap Haiti aus (1865).
Geffrard konnte diesen Platz nur mit der zufalligen











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Hiilfe eines englischen Kriegsschiffes einnehmen. Im
Miirz 1867 muBte Geffrard sich nichtlicherweile nach
Jamaika einschiffen.


Folgende Tabelle zeigt den Aufschwung der
landwirtschaftlichen Produktion wiihrend der
ersten Jahre der Herrschaft von Geffrard. Zum
Vergleich sind die Ausfuhrmengen des Jahres 1845
vorangesetzt. Man beachte den Zucker-, Baumwoll-
und Holzexport, sowie die Erschlielung neuer wirt-
schaftlicher Hiilfsquellen des Landes. Die geringen
Ausfuhrmengen von Kokosniissen, Bohnen, Arrow-
root, Tabak und Rum sind nicht besonders angefiihrt.



1845 1860 1861 1862


Zucker (roh)
,, (gerein.)
Kaffee
Baumwolle
Kakao
Kampescheholz
Gayakholz
Brasilholz
Mahagony
Hiute
Gayakholzgummi
Orangeschalen
altes Kupfer
Schildpatt
Wachs
Honig


0
0
41712106 9
557480
?285


68181588 ,,


7904285 pieds
?


0
0
60514829 Sf
668735 ,,
1581806 ,,
104321200 ,,
696900 ,,
157925 ,,
2264037 KubikfuB
10 398 Stick


189513 9*
0
45425918 ,,
1184286 ,,
1292502 ,,
106101800 ,,
1141540
78600
1705 828 KubikfuB
7747 Stick
100 W
7320
4390 ,,
1079
65224 ,,


410133 9
0
53672215
1487283 ,,
1768261
166596450
57150
106300 ,,
2402 493 Kubikfufl
3896 Stiick
1000 E
23173 ,,
3892 ,
383
35197


74207 Gallonen 84020 Gallonen









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Im Jahre 1862 wertete die:
Ausfuhr Einfuhr
35186070 M. 31370235 M.
Davon entfielen auf:
Frankreich 39 /, 13 0/
Vereinigte Staaten 19%/, 49 /,,
England 50/0 25,50/0
Deutschland 210/o 8/,
In Bezug auf den Schiffsverkehr, welcher mit
Haiti gepflogen wurde, stand Deutschland mit
133 Schiffen (26770 Tonnengehalt) an vierter Stelle.

Seit der Unabhdingigkeitserklirung sah die Ge-
schichte Haitis kaum einen Herrscher, der nicht durch
eine revolutionire Bewegung gestiirzt worden ware.
Jede einzelne hielt selbstverstiindlich die wirtschaft-
liche Leistungsfihigkeit des Landes hintan. Abgesehen
von den vier Vorgingern des Kaisers Soulouque hatte
jeder Gewalthaber Zeit genug, sein wirtschaftliches
Program zu verwirklichen. Nach dem Sturze von
Geffrard aber jagt eine Revolution die andere. Der Pri-
sidenten Hauptbestrebung ist, sich und seine Partei
zu halten. Es hebt eine Periode des Stillstandes oder
gar des Riickganges in wirtschaftlicher Beziehung an,
die hervorgerufen wurde durch die fast nie ruhenden
inneren Wirren.
Kaum hatte Salnave die Ziigel der Regierung
ergriffen (Juni 1867), als auch schon ein verheerender
Biirgerkrieg zwischen dem Priisidenten und der Partei
der Cacos ausbrach. Die geradezu anarchischen Zu-
stinde legten ganze Landstrecken wiifte und mehrten
die Triimmerstaitten im Lande. L. J. Janvier gibt
eine genaue Schilderung des allgemeinen Elendes.
Der Prisident wurde gefangen und erschossen (Jan.









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1870). Er hinterlieB eine Staatsschuld von 1 Mill.
Dollars. Infolge der schlechten Finanzlage bewilligte
Frankreich einen Aufschub der Ratenzahlungen bis 1883.
An die Spitze des Staates trat der Mulatte
Nissage-Saget, dessen zwar ziemlich friedliche Amts-
zeit doch keinen wirtschaftlichen Aufschwung brachte.
Unter ihm erschien 1870 ein gutes Gesetz, welches
den Verkauf von Staatsdominen verbot, es war nam-
lich nicht mehr der Standpunkt malgebend, dem kleinen
Manne den Grunderwerb zu erleichtern und seine
Arbeitsfreudigkeit zu wecken, sondern es hatte sich
ein Belohnungssystem fiir die Dienste der Parteigiinger
ausgebildet. Da infolge der Kriegswirren das Eigentum
deutscher Reichsbiirger verletzt worden war, und diese
ihre Verluste nicht ersetzt erhielten, schickte unsere
Regierung zwei Kriegsschiffe unter Kommodore Batsch
nach Port au Prince, welche sich zweier auf der
Reede ankernder Avisos bemichtigten und dadurch
die Haitianer zur Zahlung einer Entschidigung von
15000 Dollars n6tigten (1872).
Nissage-Saget ebnete dem Neger Domingue den
Weg zum Priisidentenstuhl (Juni 1874). Jetzt began
eine haltlose Finanzwirtschaft, welche den Ruin des
Staatskredites im Auslande zur Folge hatte. Im Mirz
1875 nahm er eine Millionenanleihe auf, die heute
noch das Land driickt. Sie sollte teils die Schuld an
Frankreich abtragen, teils durch den Bau von Eisen-
bahnen Landwirtschaft, Handel und Industrie begiin-
stigen. Jedoch nichts davon geschah. Auch die
Staatsliindereien wurden wieder verschleudert. Der
Stillstand der wirtschaftlichen Entwicklung war offen-
sichtlich, Das Volk machte der gewalttitigen Herr-
schaft des habgierigen Domingue ein Ende, indem es
ihn zu Gunsten des Mulatten Boisrond-Canal ver-
trieb (April 1876), welchem aber schon nach drei
Jahren die Herrschaft verleidet war (Juli 1879).









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Unter seiner Regierung wurde der Antrag gestellt,
jenen beriihmten Artikel der Verfassung, welcher den
Fremden das Recht, Grundbesitz zu erwerben, vor-
enthielt, zu streichen. Jedoch brachte die Partei der
Nationalen diese Verfassungsrevision zu Fall.
Es gab zwei Parteien, fiir welche die konven-
tionellen Namen Liberale und Nationale in Gebrauch
waren. Die liberal Partei, welche den Grundsatz
,,Le pouvoir aux plus capables!") auf ihre Fahnen
geschrieben hatte, strebte darnach, die lotterige Staats-
verwaltung zu bessern, die Finanzen zu sanieren und
besonders die wirtschaftliche Lage des Landes zu
heben. Zu diesem Zwecke verschmihte sie es nicht,
mit den WeiBen in Verbindung zu treten. Dieser
gebildeteren und auch wohlhabenderen Minderheit
stand die demokratische Nationalpartei gegeniiber,
welche unter keinen Umstanden den WeiBen irgend
einen tiefgehenden Einfluf im Negerstaate zubilligen
wollte. ,,Haiti aux Haitiens!"") ,,Le plus grand bien
au plus grand nombre!"") waren ihre Schlagworte.
Sie stiitzte sich auf die unteren Klassen, auf die rohe
schwarze Masse, die blindlings jeder Parole ihrer
Fiihrer gehorchte. Auf diese Parteigegensitze beruhen
die innern Wirren der Republik bis zum heutigen
Tage. Hier ist auch der Grund zu manchen bewaff-
neten Interventionen der Weltmichte zu suchen, welche
durch Entsendung von Kriegsschiffen das Leben ihrer
Staatsangeh6rigen und das der in den Konsulaten
Schutz suchenden politischen Fliichtlinge beschirmen.
Mit der Abdankung von Boisrond-Canal hatten
die Unruhen noch lange nicht ihr Ende erreicht, sie
wurden noch gr6Ber, als der neugewihlte, national

') Siehe 4. pag, 126.
2) siehe 29. pag. 266.
3) siehe 4. pag. 126.









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gesinnte Negergeneral Salomon gewisse Mulatten,
einfluBreiche liberal Parteiminner, hinrichten liei3.
Ganze Haiuserviertel von Gonaives und Port au Prince
gingen in Flammen auf, der Materialschaden betrug
30 Mill. frcs. Der Verm6gensverlust der WeiBen
betrug allein schon mehrere Mill. frcs. Diesen muBte
die Regierung spiiter ersetzen. Nach dem Falle der
liberalen Stadte des Siidens besonders von Miragoane
war Salomon wieder unbestrittener Herr der Republik.

Jetzt beginnt eine Zeit, die ich als den Obergang
zur neuesten Epoche der wirtschaftlichen Entwickelung
Haitis bezeichnen machte.
Der Prisident erliel wieder ein Ackergesetz,
nach welchem jeder fleiBige Bauer auf sein Gesuch
hin eine Besitzung von 4-6 Hektaren Staatsland er-
halten konnte. Die Tatsache, daB sich nur Senatoren,
Generile und Staatssekretire, welche sich bereichern
wollten, meldeten, und kaum der Name eines Bauern
auf der Liste der Bodenerwerber stand, richtet das
Gesetz vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus.
Der Artikel 5 des Gesetzes ist von groler Wichtig-
keit. ,,Les usines fond6es pour la preparation des
dites denr6es, les soci6tes anonymes par actions,
months pour l'exploitation en grand du domaine
public, juiront, en tant que personnel morale, du
privilege de naturalite."'). Damit gab also Salomon
allen fremden Kompagnien, welche den Boden Haitis
industriell oder landwirtschaftlich ausbeuten wollten,
Naturalisationsrecht. Es war dies der erste Schritt
zur Aufhebung des Artikels 7 der Konstitution. Da-
durch war dem auslandischen Kapital Raum zur Be-
titigung gegeben.
Um jenes noch mehr nach Haiti zu ziehen, ge-
wann der Prisident franz6sische Geldleute zur
1) siehe 37. Jahrgang 1900. 1. August.











Griindung der Banque national d' Haiti. (1880.)
Sie leistete Zahlung fiir den Staat und zog dessen
Einnahmen, Z611e' und sonstige Gefalle ein. Durch
ihre Titigkeit sollten die Staatsfinanzen geregelt
werden. Wirklich konnten jetzt endlich von 1883-86
die letzten Raten der Entschidigungssumme an
Frankreich bezahit werden. Die Bank suchte den
Export zu heben, um mehr Z6lle einzubekommen.
Sie hatte das Recht, Kassenscheine auszugeben. Noch
immer war das Metallgeld knapp in der Republik.
Zur Bekampfung der Revolution hatte Salomon ein
Notpapier ausgeben miissen, dessen regelmiiBige Zu-
riicknahme den Staatssickel sehr belastete. Den
innern Verkehr beherrschte fast ausschlieBlich das
entwertete Papiergeld. Deshalb lieB Salomon durch
die Bank auf Rechnung der Regierung in verschiedenen
Jahren (1881, 1882, 1884, 1887) Silber- und Kupfergeld
ausgeben, im ganzen eine Summe von 2 675 000 Gourden.
Der WeiBe war der GroBkaufmann. Seine
Handelstitigkeit wurde aber dadurch sehr beschriinkt,
daB er nicht unmittelbar mit den Produzenten in
Verbindung treten konnte, sondern er nur aus zweiter
Hand kaufen durfte. Auch drohte ihm steter Verlust
sowohl von seiten der unzuverliissigen, schwarzen
Schuldner als auch von den finanziellen MaBnahmen
der Regierung. Nach einem Gesetz (27. Okt. 1876)
muBte der Fremde ein Handelspatent erwerben, das
ihn weit mehr als den Haitianer belastete, Ein sub-
marines Kabel verband seit 1887 Port au Prince mit
M6le St. Nicolas und Cuba, wo es AnschluB an das
Weltnetz fand. Die Republik schlof sich im Jahre
1881 dem Weltpostverein an, trat der lateinischen
Miinzkonvention bei und fiihrte an Stelle des alt-
franz6sischen MaBsystems das Meter ein. Salomon
wollte das Land auf gesetzgeberischem Wege platzlich
zu einem den europiiischen Staaten gleichen Staats-









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wesen machen, und so durfte denn auch eine National-
ausstellung nicht fehlen, die ,,zur Hebung und Ver-
doppelung der haitianischen Industrie"1) 1881 veran-
staltet wurde.
Die meisten sch6nen Plane Salomons scheiterten
an dem Geldmangel des Staates. Sir Spenser
St. John, hatte nicht Unrecht, wenn er behauptete,
die Haitianer seien groB im Plane machen. ,,Donnez
A ces 16gislateurs un peu de la science 6cono-
mique"2), ruft P. Del6age mit vollem Recht aus.
Jeder Antrieb zur erh6hten wirtschaftlichen Betitigung
going von den WeiBen aus. Nicht allein daB dem
Neger das Kapital fehlte, es mangelte ihm besonders
die Initiative. Er wuBte ferner nur zu gut, daB bei
den leicht ausbrechenden Revolutionen sein Eigentum
nicht vor Konfiskation und Zerstbrung sicher war.
AuBerdem ermunterte der zweifelhafte Erfolg einiger
Besitzer von Zuckermiihlen nicht zur Nachahmung.
Eine deutsche Firma, Gebriider Simmonds, errich-
tete mit grolen Kosten 1883 in Petit Goave eine
Kaffeereinigungsfabrik mit Maschinenbetrieb. Diese
,,Usines centrales" hoben den Verkehr in Petit Goave
so sehr, daB seitdem deutsche Dampfer regelmiiaig
anliefen. Oberhaupt schwang sich die deutsche
Schiffahrt anfangs der achtziger Jahre an die
Spitze des europiiischen Handelsverkehrs mit
Haiti. Innerhalb 20 Jahren hatte der deutsche Handel
den englischen und franz6sischen iiberfliigelt und stand
im Jahre 1888 an zweiter Stelle. Der GroBhandel
lag fast ausschliellich in deutschen Hinden, und die
deutsche Kaufmannskolonie iibertraf an Kopfzahl jede
andere.
An der Einfuhr waren die Vereinigten Staaten
Nordamerikas wegen der billigeren Fracht naturgemai
1) siehe 4. pag. 131.
2) siehe 10. pag. 134.









- 67


am stiirksten beteiligt; von dort kamen Nahrungsmittel
aller Art, raffinierter Zucker, Manufakturwaren und
Bauholz. Haiti konnte nimlich seine Halzer nicht
verarbeiten und fiihrte jihrlich fir etwa 100000Dollars
Bauholz ein. Von Frankreich kamen Wein, Spiritu-
osen, Leder und Modeartikel; von England Leder-,
Stahl- und Manchesterwaren, von Deutschland Bier,
Reis, Seife, Stearinkerzen, Korbflaschen, Baumwoll-
und Manufakturwaren, Spiegel, Lampen und kleine
Eisenwaren wie Gehiinge, Schl6sser, Scharniere, Riegel,
Drahtstifte, Bohrer, Schrauben, Schaufeln, Spaten,
Scheren und Haumesser (manchettes). Aus dieser
Aufzihlung ersieht man, daB eine industrielle Tatig-
keit gar nicht vorhanden war, und der Negerstaat
auf die Einfuhr der gewahnlichsten Arbeitszeuge und
tiglichen Gebrauchsgegenstiinde angewiesen war.
Bemerkenswert ist, daB viele Erzeugnisse deutscher
Herkunft von franz6sischen Plitzen mit franzbsischen
Etiketten versehen von deutschen Schiffen nach Haiti
gebracht wurden.
Um ein Bild von der Ausfuhr des Landes zu
geben, bring ich die Exportlisten des Jahres 1880
und der Erntejahre 1887/88, 1888/89 und 1889/90.
Die drei letzten sind den Jahresberichten der Banque
national d'Haiti entnommen und beziehen sich auf
ein Rechnungsjahr, das vom 1. Oktober bis 30. September
wiihrt. Von der haitianischen Regierung sind weder
Import- noch Exportzahlen zu erlangen. Die Jahre
1888 und 1889 waren Revolutionsjahre, und die Aus-
fuhrwerte des Erntejahres 1888/89 weisen bei einem
Vergleiche mit den andern schlagend nach, wie sehr
die wirtschaftliche Entwickelung der Republik unter
den inneren Wirren litt.










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1880 1887/88 1888/89 1889/90

Zucker (roh) 2397 9 374279 S 8097 9 98958
,, (gereinigt) 0 0 0 0
Kaffee 55562897 ,, 84028538 ,, 57567741 ,, 56692039 ,
Baumwolle 957962 ,, 1986530 ,, 942798,, 2561145,,
Kakao 2729853 ,, 3927089 ,, 874319 ,, 4270145,,
Kampescheholz 240232946 ,, 133184713 ,, 190861248,,
Gayakholz 321729800 ,, ? ? ?
Brasilholz -
Fustikholz 84725 ,, 33824 ,, 34250 ,,
Mahagony 71478 pieds 39263 pieds 10098 pieds 38948 pieds
Ochsenhdute 154791 132054 S 129789
Ziegenhaute 47000 ,, 8829 ,, ?
Gayakgummi 8584,, 2400 ,, 36671 ,,
Baumwollsamen 168700 ,, 107140 ,, 42500,,
Orangeschalen 208853,, 43236,, 37304,,
Kupfer 12668,, 1042,, 5739,,
Schildpatt -167 ,, 676 ,,
Wachs 1144 ,, -
Honig 16727 Gall. 2190 Gall. 7080 Gall.


Der Wert der Exporte, wohl der Hachstwert seit
der Unabhingigkeit, betrug im Erntejahr 1887/88
87220550 frcs.
Im Allgemeinen ist seit Geffrard ein Still-
stand wenn nicht ein Riickgang in der Pro-
duktion eingetreten. Der Ackerbauminister
D, LUgitime bestitigt dies im Jahre 1881, wenn er
sagt: ,,Sous le rapport materiel, aucun progress n'a
&t6 obtenu en Haiti, elle n'a fait que marcher de
l'arri&re"l). In demselben Geiste ist eine Presse-
stimme vom August 1893 aus Port au Prince gehalten,
welche behauptet, daB die Produktion seit 1863 eine
fallende Tendenz zeige.
Der inzwischen wiedergewahlte Salomon wurde
im August 1888 durch Aufstande vertrieben. Natiir-
1) siehe: 70, pag. 472.









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ich entspann sich jetzt wieder ein Parteikampf. Es
kam sogar abermals zu einer Spaltung zwischen Siid
und Nord unter dem liberalen Legitime und dem
nationalen Hyppolite. Letzterer blieb Sieger
(August 1889). Er stellte die Einheit wieder her und
verkiindete am 9. Oktober 1889 die noch heute
geltende Verfassung. Sowohl er, wie auch Legitime
hatten zur Bekampfung des Nebenbuhlers Millionen-
anleihen aufgenommen, sodaI die Passiva des Staates
wohl 100 Mill. frcs. betrugen, welchen Aktiva kaum
gegeniiberstanden. Mit diesem ewigen Staatsbankerott
wurstelte man weiter, so gut es going, bis am 27. Sep-
tember 1895 eine 6prozentige Anleihe kontrahiert
wurde, um die 18prozentigen Anleihescheine der
innern Schuld zu konvertieren und das Papiergeld
zuriickzuziehen. Sie wurde garantiert durch einen
Kaffeezoll von 1 doll. 20 cent. auf 100 w. Diese zweite
grole Anleihe wurde in 100000 Obligationen A
500 frcs. Nominalwert zu 80/o, unter Vermittlung der
Banque national ausgegeben. Innerhalb 37 Jahren
sollte vom Staate diese Schuld von 50 Mill. frcs.
amortisiert werden.
Unter Hyppolite wurden die ersten Zuckerfabriken
im Negerstaate gegriindet. Schon Ende der neunziger
Jahre konnte G. Tippenhauer vier Landgiiter der Ebene
Cul-de-Sac aufzihlen, auf denen gereinigter Zucker
fabriziert wurde. Seit dem Jahre 1895 wurde kein
Rohzucker mehr den amerikanischen Raffinerieen zu-
gefiihrt, die neugegriindeten Fabriken zogen den von
der Bevalkerung nicht konsumierten Rohzucker an
sich und befreiten das Land von der beschimenden
Einfuhr raffinierten Zuckers. An eine Ausfuhr war
aber nicht zu denken. Unter Hyppolite empfahl die
Regierung die Schafzucht, den Anbau von Maniok
und die Pflanzung von Kautschuk. Es wurden jetzt
wieder einige 6ffentliche Bauten ausgefiihrt, in Port









- 70 -


au Prince das Ministerpalais und das Dock, in Cap
Haiti die Markthallen, in der Ebene Cul-de-Sac ein
paar Bricken. Ein Tberlandtelegraph wurde 1892/93
errichtet, welcher die bedeutendsten Stdidte mit ein-
ander verband, Das submarine Kabel wurde 1891
von M61e St. Nicolas nach Port au Prince und nach
Cap Haiti durch die franz5sische Kabelkompagnie
welter gelegt.
Wahrend der Regierungszeit des Hyppolite blieb
die Ruhe im Lande nicht gewahrt. Es schien gerade-
zu unm6glich zu sein, daB die wirtschaftliche Ent-
wickelung durch eine lingere Friedenszeit begiinstigt
werde. Ein Putschversuch der Liberalen wurde blutig
unterdriickt (1891). Fiinf Jahre spiter brachen in
Jacmel Unruhen aus, welche der Prisident pers6nlich
niederschlagen wollte. Es ereilte ihn aber ein pl6tz-
licher Tod, als er gerade zu Pferde die Hauptstadt
verlassen wollte (Mirz 1896).
Die Entwickelung des haitianischen Staates ist
jetzt an einem Haltepunkt angelangt. Es hatte
namlich infolge einer Ubereinkunft mit der Do-
minikanie die Grenzfrage ihre vorliufige Erledigung
gefunden; die Modernisierung des Staatswesens unter
Salomon war mit dem NeuerlaB der Verfassung zu
einem gewissen AbschluB gekommen; die politische
Parteikonstellation hatte sich schon eher vollzogen;
die beiden Hauptschuldenlasten, welche die wirt-
schaftliche Leistungsfihigkeit der Republik nieder-
driicken, waren aufgenommen, und die Ausbeutung
der hauptsdichlichen wirtschaftlichen Ressourcen des
Landes waren in Angriff genommen, wie denn auch
seit der Zeit kein bedeutendes, in gr6leren Mengen
ausgefiihrtes Erzeugnis auf der Ausfuhrliste neu auf-
tritt. Jetzt hebt eine neue Phase des wirtschaftlichen
Lebens an. Sie wird gekennzeichnet durch die An-
lage von Eisenbahnen. Diese sollten die Konkurrenz-











fahigkeit der Landwirtschaft heben und einer gewinn-
bringenden Ausbeutung der Mineralschitze die Wege
ebnen. Von jetzt ab tritt uns das moderne Haiti
entgegen.

Ehe wir uns diesem zuwenden, wollen wir einen
Riickblick auf das verflossene Jahrhundert
werfen. Folgende Tabelle, eine Zusammenfassung
schon gegebener Werte, bringt in Millionen Pfund die
Hauptexportziffern. Die Liste des Erntejahres 1894/95
ist der Vollstindigkeit halber hinzugefiigt.

1801 1821 1845 1861 1880 1889/90 1894/95
Zucker 19,0 0,6 0 0,2 0,002 1,0 0
Kaffee 43,4 29,9 41,7 45,4 55,6 56,7 75,0
Baumwolle 2,5 0,8 0,6 1,2 1,0 2,6 0,2
Kakao 0,5 0,3 ? 1,3 2,7 4,2 2,3
Kampescheholz 3,6 ? 106,1 ? 190,8 138,0
Mahagony 0,06p. 7,9p. 1,7p. 0,07p. 0,04p. 0,003p.

Die Gesamtproduktion des Landes stellte sich
wiihrend des Jahrhunderts h6her; denn der S chmuggel,
welcher ja von jeher im Lande getrieben wurde,
bliihte noch in demselben MaBe. In den letzten
Jahren wurde '/, der deklarierten Kaffeeausfuhr ge-
schmuggelt; mit den andern Exportartikeln wird es
wohl nicht viel besser gewesen sein.
Wihrend des Jahrhunderts verschwindet der
Zucker zweimal von den Exportlisten. Die Werte
der Baumwollausfuhr gehen auf und ab, wahrend der
Export von Kaffee, Kakao und besonders der von H6lzern
eine Zunahme erkennen lI 3t. Man kann behaupten,
wenn man den Export als Wertmesser fiir die wirt-
schaftliche Entwickelung Haitis ansieht, daB diese
wiihrend des 19. Jahrhunderts nicht gleichen Schritt
mit dem Aufschwunge der Weltwirtschaft ge-
halten hat.









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Seit der Vertreibung der Franzosen hatte die
Industrie keinen Boden auf Haiti fassen k6nnen,
ja in den landlichen Bezirken, wo die Schwarzen
kaum in irgendwelchen geschlossenen D6rfern lebten,
fehlte ,,eine wenn auch miifige Arbeitsteilung"1) v6llig.
Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts began
man wieder Zucker zu raffinieren. Die Rumfabrikation
betrieb man stets; doch verbrauchte das'Land diesen
Schnaps selber. Von einer Ausbeutung der Erz-
adern harten wir seit Bestehen des Negerstaates
nichts. Bei der Aufzihlung der Importe trat die Ohn-
macht der haitianischen Industrie und die Abhangig-
keit vom Auslande klar zu Tage. Mit der Herstellung
von Seilen, KSrben, Flechtwerken, gr6beren Leder-
und Holzarbeiten war die gewerbliche Titigkeit des
Volkes erschSpft.
Sein ErwerbsfleiB erstreckte sich hauptsichlich
auf eine landwirtschaftliche Benutzung des
reichen Bodens. Im Laufe des Jahrhunderts hatte
der Haitianer keine neue Kulturpflanze und Kultur-
methode gefunden oder iibernommen. Nur dieMengen
der Bodenerzeugnisse hatten sich nicht unmerklich
zu ungunsten des Zuckers und zu gunsten des Kaffees
und Kakaos verschoben. Der Anbau wertvoller
Kolonialerzeugnisse, mit denen Haiti einst die halbe
Welt versorgte, hatte einer ausgedehnten Lebens-
mittelkultur Platz machen miissen; denn das Land
durch die Kriege seiner Zufuhr und Einnahmequellen
beraubt, mufte sich selbst zu ernahren suchen. Diese
Verschiebungen waren bedingt durch die Zunahme
der Bevblkerung, deren Selbsterhaltungstrieb den faulen
Neger zwang, mehr Lebensmittel zu bauen, und deren
kulturelle Bediirfnisse ihn, der der Zuckerrohrkultur
abhold war, veranlaften, sowohl den Anbau von


') siehe 60, pag. 72.









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Kaffee und Kakao mehr als bisher zu betreiben, wie
auch die Abholzung der Wilder in weit starkerem
MaBe in Angriff zu nehmen.
Beschimend ist die Tatsache, da3 die Neger
noch auf demselben Standpunkt der Kultur-
methode standen, wie vor hundert Jahren. Ob-
schon der Pflug schon 1830 auf einer Pflanzung
Digneron bekannt war, wurde er nach Marcelin
60 Jahre spiter auf nicht flinf Giitern verwandt.
Die ,,manchette" behauptete sich. Das zur franz6-
sischen Kolonialzeit mit so grofen Kosten angelegte
Sammelbassin der Ebene Cul-de-Sac wurde im Jahre
1816 durch einen Hurrikan zerst6rt. Trotz der Aus-
besserung, welche man erst unter Geffrard vornahm,
geriet es immer mehr in Verfall und verlor seine
alte Bedeutung v6llig. Heute noch werden die Wasser
der Fliisse zur Bewisserung abgeleitet, aber so un-
6konomisch, daB sie zur Trockenzeit versiegen.
Wir verfolgten die Entwickelung der Besitz-
verhiiltnisse wihrend des vergangenen Jahrhunderts
und sahen, wie der Staat seinen Dienern die konfis-
zierten Giiter der weilen Grolgrundbesitzer in kleinen
Landlosen verlieh. Trotz der von der Regierung
vorgenommenen Zerstiickelung der Lindereien hatten
sich in der Ebene grole Giiter erhalten; denn die
Unwissenheit und Untaitigkeit der Neger gab dem ge-
bildeteren und regsameren Mulatten aber auch dem
schwarzen Gewalthaber die Mittel, den Kleinbauern
an die Wand zu driicken. Diese groBen Giiter waren
ausnahmslos Zuckerplantagen verbunden mit Schnaps-
brennereien. Aber auch hier betrieb man keine Land-
wirtschaft groBferen Stiles, vielmehr teilte der Besitzer
sein Ackerland meist in kleine Stiicke, die er den
Schwarzen gegen eine Pacht in H6he der Hilfte des
Bodenertrages liberlieB. Die Erzeugnisse der Gemiise-
und Lebensmittelkultur gehBrten dem Pachter ganz,









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und so kam es, daB dieser sich jener vorzugsweise
zuwandte und die Zuckerrohrkultur vernachlissigte.
Im Gebirge gab es nur Kleingrundbesitz. Die hier
liegenden Kaffeeplantagen waren verhiltnismiBig viel
bliihender als die Zuckerrohrfelder der Ebene.
Der wirtschaftliche Zustand des Landes
war immer schlechter geworden. Welcher Gegensatz
zu der Bliite zur Zeit der franz6sischen Kolonial-
herrschaft enthiillt sich, wenn wir in einer Reisebe-
schreibung lesen, ,,der Weg flihrt an zerbrackelnden
Mauern vorbei, an verwiisteten HMusern und um-
wachsenen Torwegen; Briickenreste hier und dort
zeigen das Zeitalter vergangener Zivilisation an .
Biirgerkriege, Kapitallosigkeit und die Indolenz der
jetzigen Bev6lkerung haben alle Pracht zerfallen lassen,
Die Landgiiter zeigen einen erbiirmlich vernachlissigten
Eindruck" ).
Die Verkehrswege hatten sich seit einem Jahr-
hundert nicht verbessert, sie waren vielmehr noch
schlechter geworden. Die von den Franzosen an-
gelegten Landstrafen waren schon in den ersten
Jahrzehnten der Unabhiingigkeit v6llig verwahrlost.
V. Scholcher fillt ein vernichtendes Urteil fiber die
Nachlissigkeit der Verwaltung in dieser Beziehung.
Anfang der neunziger Jahre hatte man zur Aus-
besserung der Wege keine Zeit gefunden. Sie waren
im Gebirge zu abschiissigen Saumpfaden geworden,
waren in der Ebene zur Trockenzeit riesig staubig
und zur Regenzeit fiir Fuhrwerk unbrauchbar. Wenn
es vorkam, daB eine neue StraBe gebaut wurde, so
war die Anlage verfehlt; man kann sie mit einer Art
von Kniippelwegen vergleichen, welche mit Erde und
Steinchen bedeckt wurden, die der erste beste Regen
wegspiilte. Briicken fand man selten, es waren fast
nur noch wackelige Oberreste vergangener Pracht
1) siehe 69. pag. 108.











vorhanden. Eisenbahnen gab es noch nicht; sie zu
bauen, blieb dem modernen Haiti iiberlassen. Als
Transportmittel kannten die Landleute ,,nur ihren Kopf
oder den Riicken eines Esels, eines Pferdes oder eines
Maultieres"'). Der beschrinkte Fuhrverkehr wurde
durch zweiraderige Karren, ,,cabrouets", mangelhaft
aufrecht erhalten.
Der wirtschaftliche Zustand der Stidte hatte
sich nicht gebessert. Lesen wir die Reisebeschreibungen
eines K. Ritter, welcher 1820 Nordhaiti durchwanderte,
oder eines V. Schalcher, welcher sich Anfang der
vierziger Jahre in Haiti aufhielt, oder eines E. La Selve,
welcher 30 Jahre spiiter dort verweilte, stets tritt uns
die Klage iiher den verwahrlosten Zustand der Stidte
entgegen. Ein Zustand, der hervorgerufen wurde von
groBen Feuersbriinsten, (Port au Prince, 1820, 1822,
1870) von Zerst6rungen in all den Biirgerkriegen,
und auch von vielen Erdbeben (Cap Haiti, Mai
1842). Marcelin fuihrt die Worte eines Parlaments-
mitgliedes aus dem Jahre 1875 an ,,Partout que de
ruines! Port au Prince ville en ruines! Les Cayes,
ville en ruines! Gonaives, ville en ruines!"') und fiigt
hinzu, daB die Kriegsjahre in Port au Prince (1879,
1883, 1888, 1889), in Miragoane (1883), in Gonaives
und andern Orten (1879) die Ruinen mehrten. Kurz
und gut die Stadte machten in den neunziger Jahren
einen traurigen Eindruck sowohl im Norden, wo die
Hiiuser meist aus Stein in engen, schlecht gepflasterten
Stralen zusammenlagen, wie auch im Westen, wo
nichts wie Holzbauten an breiten, ungepflegten Wegen
standen. Die StraBen waren entsetzlich schmutzig und
zeigten oft ein orientalisches Aussehen. Hunde und
Schweine in groBer Zahl trieben auf ihnen ihr Un-


11 siehe 41. Bd. I. pag. 30.
2) siehe 7. Bd. I, pag. 332.









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wesen. Die Polizeiverordnung, welche die Stadt Port
au Prince Februar 1896 erliel, war nur zu sehr be-
rechtigt. Cap Haiti hatte sich in einem halben Jahr-
hundert noch nicht von dem furchtbaren Erdbeben
erholt. Die Hauser befanden sich in einem unsag-
baren Zustande. Ihrem Verfalle sah der faule Neger
ruhig zu. Die Behausung wurde welter bewohnt oder
verlassen, aber ans Reparieren dachte keiner. Der
englische Ministerresident Spenser St. John beschreibt
Port au Prince als eine unordentliche, schmutzige
Stadt voller Unrat, welcher einen ekelhaften Gestank
verbreite. Es tat sich hier zwar eine Pferdebahn
auf, aber im Laufe der Zeit hinderte sie den Verkehr
mehr, als daB sie ihn gef6rdert hitte. Denn die
Wasser der Regengiisse, welche sonst liber die Stralen
ihren AbfluB fanden, waren dem soliden Bahnunter-
bau gegeniiber machtlos. Deshalb gruben sie ihr Bett
langs desselben ein, und so lief die Pferdebahn bald
auf einer dammartigen Erh6hung. Obrigens stellte sie
im Jahre 1888 den Betrieb ein. Der Hafen von Port
au Prince wie fiberhaupt die Hifen der Republik waren
in schlechtem Zustande. Nur Jacmel und die Haupt-
stadt besafen zu der Zeit eine Wasserleitung.
Die Bev6lkerung Haitis hatte seit dem opfer-
reichen Unabhingigkeitskriege stetig zugenommen.
Jahr 1804 1845 1860 1879 1888
1000 Einwohner 375 520 650 800 900
So hatte Haiti in knapp einem Jahrhundert um
'/, Mill. Einwohner zugenommen. Diese Zunahme
hitte noch gr6Ber sein k6nnen das Land hatte leicht
Tausende mehr ernahrt wenn der sittliche Tiefstand
wahrend der ganzen Zeit eine regelrechte Ehe hitte
aufkommen lassen. V. Sch6lcher spricht von einem
organisierten Konkubinat, von dem selbst die Geist-
lichen nicht frei waren. Dies mag besser geworden









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sein, seitdem Geffrard durch das Konkordat die Ver-
bindung mit der Kurie hergestellt hat. Der Klerus
besteht heutzutage nur aus Franzosen. Die sittlichen
Zustande unter den Laien sind heute nicht viel besser
als damals. Nach einer Privatmitteilung (Mai 1908) hat
der Kriegsminister zwanzig Frauen. EheschlieBungen
sind selten. Der Almanach du bon Haitien riihmt
sein Land auf folgende naive Weise: ,,On nait beau-
coup, on ne se marie presque pas et l'on meurt peu" ).
GroBen EinfluB auf das Volk hatten zum Nach-
teile der Weifen und der Entwickelung des Landes
wahrend des verflossenen Jahrhunderts die Zauber-
priester des Vaudouxkultes gewonnen. Einzelne
Herrscher schritten zwar gegen sie ein, aber andere
waren Anhtinger, ja Priester dieser Sekte. Die
Schlangenverehrung mit ihren geheimnisvollen Festen
- welche iibrigens heute noch nicht ausgerottet ist -,
liefert einen Beweis fiir den Tiefstand der Moral und
Bildung innerhalb der schwarzen Majoritat.
Die Erziehung des frei gewordenen Negervolkes
war fiuBerst langsam vorangeschritten. Der brutale
Dessalines hatte sechs Schulen fur das ganze Land
als geniigend erachtet. Christoph und Petion starben
fiber ihre Plane, die Boyer auszufiihren, nicht gewillt
war, und ,,Soulouque war ein zu groler Ignorant, um
die Bedeutung des Unterichtes einzusehen" ). Nur
Geffrard und Salomon fbrderten ihn energisch.
Geffrard griindete viele Volksschulen und einige
Mittelschulen, er reorganisierte das Lyceum von
Petion, die pharmazeutische und medizinische Schule,
er rief eine Rechts-, Musik- und Zeichenschule ins
Leben. Im Jahre 1861 gab es 235 staatliche Schulen
mit 15000 Schiilern, gegen Ende der Herrschaft von

') siehe 2, pag. 22.
2) siehe 70, pag. 550.









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Salomon gab es 600 national Schulen, welche leider
schlecht unterhalten wurden. Ein Gesamtfortschritt
in geistiger Beziehung ist wihrend des 19. Jahr-
hunderts zu erkennen, ein Fortschritt der unge-
bildeten Sklavenmasse zu einem modern sein wollenden
Volke, dessen prahlerischen Pline scheitern an der
Kapitallosigkeit und Armut, an Verkommenheit und
Unwissenheit, an dem FremdenhaB und der lotterigen
Staatsverwaltung, besonders aber an den inneren
Wirren.
Zusammenfassend kann man das Urteil
abgeben, daB Haiti von seiner Unabhingigkeit
ab bis zum Eintritt in die neueste Zeit seiner
Entwickelung in handelspolitischer, industri-
eller, landwirtschaftlicher und kultureller, kurz
in allgemein wirtschaftlicher Beziehung keinen
nennenswerten, der Freiheit und all des um
sie vergossenen Blutes wiirdigen Fortschritt
gemacht hat.

Die moderne Zeit wurde glficklich eingeleitet,
da bei dem Prisidentenwechsel ,,zum Staunen Europas"
keine Unruhen ausbrachen. Die fast einstimmige
Wahl fiel auf den schwarzen General Tiresias Simon
Sam. (31. Marz 1896). Unter ihm wuchs die Geld-
not des Staates bedeutend. Die Regierung nahm
zahllose Anleihen auf und verpffindete die ZSlle,
um die Anleihen zu garantieren. So sah sie sich fast
ohne besondere Einkiinfte, da eine direkte Be-
steuerung nicht beliebt wurde. Um die Exportzille
ertragreicher zu machen, suchte die Regierung die
landwirtschaftliche Produktion nach Kraften zu
fbrdern. Schon in den siebziger Jahren waren in den
Handelskreisen lebhafte Klagen laut geworden fiber
die schlechte Kaffeeaufbereitung in der Republik. In
den mir zur Verfiigung stehenden Jahrgingen des









- 79


offiziellen Organs ,,Le Moniteur" findet man 6fters
Mahnworte der Regierung an die Bev6lkerung, doch
sorgsam bei der Kaffeeernte zu verfahren, Der
haitianische Kaffee erreicht nicht den Preis des Kaffees
anderer Lander trotz seiner guten Qualitat, da die
Neger reife und unreife Friichte pfliicken, die Bohnen
nicht ordentlich entrinden, zum Trocknen anstatt auf
Cementbaden auf die Erde ausschiitten, und spiter
Erdkliimpchen und Steine mit einsacken. Auf die
Vorstellungen der Regierung ist es wohl zuriickzu-
fiihren, daf in der Exportliste des Erntejahres 1895/96
zum ersten Male caf6 noir, spiter triages oder
pickings genannt, auftritt. Von diesem ausgelesenen
Kaffee wurden damals 2727 s verschickt. Bedeutende
Anpflanzungen von Tabak und Bananen entstanden
bei Diquini und Bayeux. Die Zuckerindustrie nahm
in der Ebene Cul-de-Sac weitere Ausdehnung. Es
wurde angeregt, die ausgeprelten Rohre nicht mehr
als Brennmaterial, sondern nach amerikanischem Bei-
spiele zur Papierfabrikation zu benutzen. Zwei
Eisenbahnlinien wurden konzessioniert, mit deren
Bau man alsbald began. Eine amerikanische
Gesellschaft legte 1899 eine Drahtseilbahn an,
um das Blauholz der Gegend von GroB Morne
nach Port de Paix, das die beste Qualitit verschickt,
zu bringen. Es machte sich von jetzt an iiberhaupt
eine gr6iBere Spekulation ausliindischer Gesellschaften
bemerkbar, welche Eisenbahnen anlegten und den
Boden ausnutzten. Der Staatssekretir fiir Land-
wirtschaft referiert also; ,,Fremde und Haitianer
griinden Fabriken, sowohl Zuckerraffinerien als auch
andere, denken an Eisenbahnen und suchen neue
Ausbeutungen z. B. Kautschuk und Tabak" ). Man
wandte seine Aufmerksamkeit jetzt auch wieder den
Bodenschitzen des Landes zu. Der Erfolg des
1) siehe 37. Jahrgang 1901. 1, Mai.









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Minenbetriebes war gering, und die Terre-neuve-
Compagnie flog nach oberflichlichen Versuchen auf.
Die Tiitigkeit der Fremden war noch immer gebunden
an eine Lizenz, welche der Prisident fiir ein Jahr
erteilte. Das Staatswesen krankte wie friiher an der
lodderigen Verwaltung und BeamtenmiBwirtschaft.
Der Schmuggel stand in hoher Bliite. Die Schwin-
deleien wurden so allgemein getrieben, daf ein Fi-
nanzminister 15000 Dollars zu unterschlagen den
Mut hatte. Auch der Prisident schien unsauberen
Manipulationen nicht fern gestanden zu haben. Als
ihm der ,,Boden zu heil" wurde, verlieB er das Land,
obschon seine Amtszeit noch nicht abgelaufen war.
Im Jahre 1897 gab die Republik Haiti in der so-
genannren Affaire Liiders unserer Reichsregierung
Anlal zu einer bewaffneten Intervention. Zwei Schul-
schiffe Charlotte und Stein unter dem Kapitin zur
See Thiele erschienen vor Port au Prince. Das Ul-
timatum stellte die Bedingungen, binnen 4 Stunden
20000 Dollars dem geschidigten Kaufmanne Liiders
auszuzahlen, und dem deutschen Reiche voile Ge-
nugtuung zu listen. Die haitianische Regierung
muBte sich nach einigem Striuben den Bedingungen
unterwerfen. Im Juli 1901 sah sich der deutsche
Vertreter wiederum veranlaBt, wegen Verluste seiner
Reichsangehbrigen wihrend eines Aufstandes ernstlich
vorstellig zu werden.
Frankreich schloB am 30. Juli 1900 mit Haiti
einen Meistbegiinstigungsvertrag ab. Diese Bevor-
zugung franz6sischer Waren wollte die haitianische
Regierung Erzeugnissen deutscher Herkunft nicht zu-
billigen. Infolgedessen erhob nach einer Kaiserlichen
Kabinettsordre vom 17. April 1901 Deutschland einen
Zoll auf Blauholz und einen Zollzuschlag auf Kaffee
und Kakao. Seit der Zeit sanken die Handelsbe-
ziehungen zwischen beiden Ldndern riesig.









- 81


Wert der 1900 1902
deutschen Einfuhr v. Haiti 4656000 M. 547000 M.
S Ausfuhr nach ,, 1054000 ,, 736000 ,
Am 1. September 1908 wurde der Zollkrieg bei-
gelegt.
Bei der Abdankung von Sam (12. Mai 1902) brach
ein Biirgerkrieg, der sieben Monate das Land driickte,
fast allgemein aus. Die Ermahnungen der Regierung,
doch Frieden zu halten, hatten nichts gefruchtet. In
Cap Haiti entwickelte sich der Wahlkampf bald zu
ernsthaften Unruhen. Morde und ErschieBungen waren
an der Tagesordnung. Der Kommandant des Nordens
General Nord Alexis stellte im Norden und Nord-
westen die Ruhe wieder her und schlug in der
Artiboniteprovinz die Anhangerschaft des liberalen
Kandidaten Firmin nieder. Dieser mufte nach Gonaives
fliichten und begab sich an Bord des Kanonenbootes
Crete-A-Pierrot, welches den deutschen Dampfer
Markomannia, der von Port au Prince nach Cap Haiti
bestimmt war, in Prise nahm. Unser Kanonenboot
Panther erhielt Befehl, den Frevel an der deutschen
Handelsflagge zu richen. Der Korvettenkapitin
Eckermann fiberraschte das seeriuberische Schiff auf
der Reede von Gonaives und nahm es in Beschlag.
Als der haitianische Admiral sein Schiff in die Luft
sprengen wollte, school der Panther es in den Grund.
Dieses Eingreifen der deutschen Regierung und der
Fall von Petit Goave, wo viele liberal Parteiginger
saflen, lieB die Sache der Nationalen siegen. Nord
Alexis war vom Artibonited6partement nach Port au
Prince gezogen und erklirte einfach in seiner riick-
sichtslosen Weise: ,,Mo' ici, mo' president!"') Obschon
er nicht auf der Kandidatenliste gestanden hatte, wurde
er doch am 21. December 1902 auf 7 Jahre zum
Prisidenten gewihlt.
1) siehe 51. Jahrgang 1908. 19. Mdirz,









- 82 -


Der Biirgerkrieg hatte dem Lande schwere wirt-
schaftliche Wunden geschlagen. Alexis Nord sagt
in seiner Botschaft an die Kammer: ,,Der Material-
schaden hat die Unordnung und Verpflichtungen des
States vermehrt. Ganze Stadte mit dem Vermagen
ihrer Biirger wurden zerst6rt und die national Flotte
vernichtet" 1), Zur Prfifung der von den Auslindern ge-
forderten Entschidigungssumme muBten Kommissionen,
eingesetzt werden (u. a. die commission mixte Alle-
manno-Haitienne). Der Senat bezeichnet die Lage
des Staates ,,vielleicht als die schwierigste seit seines
Bestehens"2). ,,Partout le d6sarroi et la ruine. Les
services publics d6organis6s Les resources de
l'6tat presque toutes aux mains des pr6teurs intrai-
tables. Le Gouvernement r6duit i la presque im-
possibilit& de r6pondre i ses engagements les plus
sacr6s. Le commerce national aux abois, I'agriculture
abandonn6e et .. la misere et la desolation dans
presque tous les foyers""). Der Zustand der Land-
wirtschaft ist in neuester Zeit noch immer beklagens-
wert. Die Produktion zeigt augenblicklich nicht die
Tendenz eines Aufschwunges, wie die folgende Export-
liste zeigt. So erreichte die Kaffeeausfuhr der
letzten Jahre den gew6hnlich angenommenen Durch-
schnittswert des haitianischen Exportes, von 70 Mill, a
noch lange nicht. Es sind in letter Zeit neue Kaffee-
aufbereitungsfabriken entstanden so in L6ogane, Anse
a Veau, J6r6mie (Gebr. Simmonds) und in Petit Godve
(F. Herrmann et Co.). Trotzdem lassen die Klagen
der Regierung fiber die nachlissige Behandlung des
haitianischen Hauptproduktes nicht nach. Die Tat-
sache, daB der haitianische Kaffee infolge der zu-
nehmenden Weltproduktion und der schlechten Auf-
1) siehe 37. Jahrgang 1909. 7. February.
2) siehe 37. Jahrgang 1903. 28. February.
3) siehe ebenda.









83 -


bereitung im Preise sinkt, daB ferner die haitianischen
Kaffeeernten an Ertragen abnehmen, lilBt den Staats-
sekrettir darauf hinweisen, daB die Kultur des Kakaos,
fiir die sich nicht soviel Lander eignen, mehr zu
pflegen ja an die Stelle der des Kaffees zu
setzen sei. Gleichzeitig bedauert er, daB die
Landleute den Kakao schlecht trocknen. Auch
die Baumwolle behandeln sie schlecht, sie kommt
mangelhaft gereinigt und verpackt auf den Markt.
Bemerkenswert ist, daB mit der Preissteigerung des
Kaffees die miihsamere Baumwollkultur zuriickgeht.
Es ist dies die beste Illustration der Faulheit der
Neger. Der englische Konsularbericht vom Jahre 1907
erwiihnt, daB in der Umgebung von Les Cayes eine
Zuckerraffinerie mit Maschinenbetrieb seit 1904 be-
steht. Der Reisbau der Neger reicht nicht hin fiir
den Landesverbrauch. Rangoon- und Patnareis werden
hauptsiichlich fiber Hamburg und Antwerpen ein-
gefiihrt. Dagegen konnten 1905/06 annihernd 10000 a
Mais zumeist von Jacmel ausgefiihrt werden und im
folgenden Jahre sogar 21500 a. Die Ausfuhr von
Tabak und Cigarren ist gering (1904/05 580 w resp.
300 w) und hat in den letzten Jahren ganz aufgehirt.
Die Viehzucht ist in der Republik vollstiindig ver-
nachllssigt. 75'0/ des Schlachtviehes kommen aus der
Dominikanie. Wihrend noch 1903/04 1521 Stick
Rindvieh und 1414 Pferde und Maulesel ausgefiihrt
wurden, geht in den letzten Jahren kein Vieh mehr
fiber die Grenze.
Trotzdem noch unter Sam ein Gesetz erlassen
worden war, welches bestimmte, die Schulen sollten
vom Staate ordnungsmai3ig unterhalten werden, befinden
sich heute die Nationalschulen (mehr als 700) in vallig
unzulinglichem Zustande sowohl was Lehrkrifte als
auch was Schulmaterialien angeht. Die Folge davon
ist, daB das Volk dem verderblichen EinfluB der









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Vaudouxpriester nicht entzogen ist. Auf die Fach-
schulen komme ich spiter noch zu sprechen.
Die Verkehrsmittelwaren nach wie vor schlecht.
Ober deren Zustand berichtet ein Artikel im deutschen
Handelsarchiv also: ,,Simtliche Anlagen und Einrich-
tungen, die das Verkehrs- und Wohlfahrtswesen zu
fardern bestimmt sind, befinden sich in einem seinem
Zweck wenig oder gar nicht entsprechenden Zustande.
Landtelegraph, Telephon, Wasserleitung und Stadt-
beleuchtung bestehen teilweise nicht mehr. Die Hafen-
anlagen verfallen und versanden und der urspriinglich
sch6ne Kai (Port au Prince ist gemeint) droht in kurzer
Zeit giinzlich unbrauchbar zu werden'). Nach einer
Privatmitteilung hat die Nachlassigkeit der Neger es
heutzutage soweit kommen lassen, daB die Landungs-
briicke in Port au Prince in nichster Zeit zusammen-
fallen muB; ,,man muB jetzt (Mirz 1908) mit Lebens-
gefahr an Land kommen". Im Jahre 1903 wurde die
erste Eisenbahn der Republik fertiggestellt. Sie
fihrt von Port au Prince nach dem Etang Saumatre.
Im folgenden Jahre wurde die Bahn von Cap Haiti
nach La Grande RiviBre du Nord dem Verkehr fiber-
geben. Sie sollte bis Port au Prince ausgebaut werden
aber es ist noch nicht soweit gekommen. Die Re-
gierung erteilte in jiingster Zeit noch mehrere Kon-
zessionen zum Bau von Eisenbahnlinien.
Die Industrie hat sich bis jetzt nicht so recht
im Lande festgesetzt. Bis vor ein paar Jahren kannte
man nur die ,,Fabrikation von Rum, Seife, Stearin-
lichten und Mauersteinen"2), ferner die schon seit
langer Zeit bestehenden Handwerke der Seller, Korb-
macher, Schuster und Schreiner. Die Rumfabrikation
hat ihren Hauptsitz in Les Cayes. Das Volk ver-


1) siehe 13. Jahrgang 1904. Bd. II. pag. 994.
') siehe ebenda.











braucht den hier und an andern Orten der Republik
gebrannten Schnaps selbst; nur im Rechnungsjahr
1906/07 wurden 970 Gallonen Rum ausgefiihrt. Von
den vier Seifenfabriken multen die in Cap Haiti und
St. Marx den Betrieb einstellen, da sie der nord-
amerikanischen Konkurrenz nicht standhalten konnten.
Fabriken begiinstigt die Regierung sehr, so erhielt die
in Les Cayes gegriindete Seifenfabrik von ihr Import-
freiheit von Harz und Talg. AuBer einer Seifenfabrik
besitzt Port au Prince noch eine Streichholz- und
Kerzenfabrik, welch letztere aber den Bedarf des
Landes lange nicht decken kann, so daB Deutschland
Streichh6lzer in grolen Mengen liefert. Vom Ham-
burger Hafen wurden im Jahre 1906 498 Doppelzentner
Ziindh6lzer im Werte von 34700 M. nach Haiti ver-
schifft. Je zwei Ziegelwerke gibt es bei Arcahaie und
bei Cap Haiti. Vor ein paar Jahren wurde eine neue
Industrie durch die Anlage einer Gerberei in Port au
Prince erschlossen. 1906/07 wurden 23351 Pfd. ge-
gerbtes Leder ausgefiihrt. Die Mineralschitze des
Landes scheint man jetzt auch auszubeuten; dafiir
sprechen die vermehrten Ausfuhrmengen des Kupfers.
Tatsichlich hat die Regierung mehrere Konzessionen
zur Anlage von Minen erteilt. Ebenso vergab sie im
Jahre 1906 Konzessionen, um Petrolenm zu raffinieren,
um Reservoire fuir das Roh6l zu bauen, um das
Farbemittel aus dem Kampescheholz zu ziehen und
um in Port au Prince und Cap Haiti elektrische Be-
leuchtung anzulegen. Aber infolge des Kapitalmangels,
des gr6l3ten Hindernisses der industriellen Entwicke-
lung auf Haiti, blieben diese Projekte vorliufig noch
auf dem Papier. Ob die 1907 konzessionierte Papier-
fabrik wirklich angelegt wurde, ist mir unbekannt.
Die Regierung kann industrielle Unternehmungen nicht
subventionieren, sind doch ihre eigenen schlecht aus-
gestattet, nimlich die Nationaldruckereien und die









- 86 -


Forges et Chantiers de Bizoton, mit welchen die
Fonderie national verschmolzen worden war.
Die Finanzlage der Regierung war und ist bis
heutzutage iuBerst schlecht. Alexis Nord berief gleich
im Anfange seiner Prisidentschaft die Kammer wegen
der schlechten Finanzlage des Staates. In seiner Bot-
schaft an die Mitglieder setzt er auseinander, wie die
Staatsschuld angewachsen sei, und die Staatskasse
ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konne. Es
waren nimlich im Laufe des Jahres 1902 die Amor-
tisationen der beiden grofen Anleihen nicht bezahlt
worden. Dies kam daher, weil die Revolutionire
einige Hifen in Besitz gehabt und die Zlle fiir ihre
Zwecke gebraucht hatten. Am 13. August 1903 kam
ein Gesetz zustande, welches eine Ausgabe von fiber
3 300 000 Papiergourden vorsah, hauptsachlich an Stelle
der von Hyppolite ausgegebenen Kassenscheine. Ein
anderes Gesetz von demselben Tage bestimmte, daB
alles andere in Umlauf befindliche Papiergeld nach
und nach zurfickgezogen werden sollte. Um dies zu
k6nnen, belastete man das Volk durch Stempelgeld
und Besteuerung der Staatspapiere, die Fremden
durch Abgaben fiir Handelspatente und Auslandspisse.
Gleichzeitig wurde trotz der schlechten Finanzlage
ein auBerordentlicher Kredit von 30000 Dollars be-
willigt fiir die Zentenarfeier der Unabhangigkeit,
welche in Gonaives mit groBem Pomp gefeiert wurde.
Im February 1904 wurde wieder eine riesige Papier-
ausgabe von nahezu 6100000 Gourden gesetzlich
sanktioniert. Von diesem Geld sollten 2 Mill. verwandt
werden zum Besten der Landwirtschaft durch Ankauf
von Werkzeugen und geeigneten Maschinen, durch
Griindung von Mustergfitern usw., ferner zur Anlage
und Ausbesserung der Staatswege, zur Griindung
von Handwerker- und Gewerbeschulen. Die Finanz-
gesetzgebung unter Nord ist auBerst fruchtbar ge-









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wesen und doch der Erfolge ein mehr als zweifel-
hafter. Erwihnenwert ist, daB die Regierung der
Banque national vom 1. August 1905 ab den Dienst
als Schatzamt des Staates entzog, sodal diese sich
auf die Einkassierung der fiir die innere und iiuBere
Schuld verwandten Z6lle beschrinkt sieht. Die Staats-
schuld zeigt unter Nord Alexis ,,keine Zeichen von
Abnahme" '). Ende des Jahres 1907 setzte sie sich


also zusammen:
,,I. Auswirtige Anleihen:

1. Anleihe Domingue vom Jahre
2. ,, von 50 000 000 frcs.
vom Jahre 1896 .

II. Innere Schuld:
1. 6/,ige Konsols .
2. 3 /,ige ,, .
3. 2'/2/o Obligationen .
4. Unbezahlte Zinsen

Am 31. December 1907 w;
Geld in Zirkulation:
Papiergourden .


Doll. Cent.
1875 3288611 25


8513250
11801861


. 6301328 90
S 1351638 66
5377216 28
55178 21
13085362 14
ar folgendes national

. 7495248 00


Nickelmiinzen von 50, 20, 10 u. 5 cent. 4 600 000 00
Kupfermiinzen von 2 und 1 cent. 225000 00
12320248 00"2)
Unter Salomon hatte, wie schon erwiihnt ist, die
Regierung fir 2675000 Gourden Silber- und Kupfer-
geld ausgegeben. Durch splitere Pragungen stellte
sich der Wert des Metallvorrates an Silber- und
Kupfermiinzen auf 4677000 Gourden; davon waren
4452000 Gourden in Silber vorhanden. Dieses


1) siehe 14. Jahrgang 1906. No. 3815.
2) siehe 14. Jahrgang 1907. No. 4044.









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wanderte aber bei der Papiergeldwirtschaft auBer
Landes, und obschon Nord Alexis durch ein Gesetz
vom 5. Miirz 1904 ermichtigt war, noch fir
1400000 Gourden Silbergeld schlagen zu lassen, und
gleichzeitig die Ausfuhr von Silber-, Kupfer- und
Nickelmiinzen verboten wurde, so war doch, wie wir
aus vorstehender Tabelle ersehen, Ende 1907 alles
Silbergeld abgeflossen. Die Silbergourden oder Piastre,
deren Wert gleich einem Dollar war, existiert also
augenblicklich in der Republik kaum mehr. So hat
der Negerstaat faktisch Papierwiihrung; denn die nicht
vollwertigen Scheidemiinzen kommen nicht in Betracht.
Zum Wertmesser ist der Dollar geworden, das
amerikanische Gold, von dem ungefihr fiir 600 000 Doll.
am 31. Dez. 1907 in Umlauf waren. Gleichen Nominal-
wert mit der Silbergourde hat die Papiergourde, deren
Kurs aber kolossal gesunken ist. So betrug ihr tat-
slchlicher Wert im Mai 1908 nur etwa 0,60 M.1 Die
grolen Papiergeldemissionen veranlalten den Kurssturz
und das Anwachsen der Goldprimie, die 1903 im
Durchschnitt 158%0/, 1904 im Durchschnitt 364,50/o,
1905 im Durchschnitt 507,25%/o und 1906 im Durch-
schnitt 433,50/o betrug. Nehmen wir eine Goldprimie
von 5000/, an, so erhiilt man fur 1 Dollar nicht nur
1 Papiergourde, sondern mit 5000/, Aufschlag im
ganzen 6 Papiergourden, sodaB eine einzelne nur
0,65-0,70 M. wertet. Diese Goldprimie ist eine
Last fiir das Land; auBerdem driicken die Z61le die
Preise der Produkte. Es sind jetzt belastet:
Doll.
100 Pfd. Kaffee mit 3,60
100 ,, ausgelesenerKaffee mit 2,75
100 ,, Kakao mit 2,20
100 ,, Kampesche mit 1,50 Zoll.
Merkwiirdiger oder besser gesagt schmiihlicher
Weise verlangt die Regierung von dem Auslhnder











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Bezahlung der Z6lle in Gold, sie nimmt also ihr
eigenes Papiergeld nicht an.
Die Ausfuhr zeigte in den letzten Jahren folgende
Werte, welche den Berichten der Banque national
und den der englischen Konsulate entnommen sind.
Die Angaben des haitianischen Staatssekretiirs fir
Handel in seinem Expos6 general weichen nicht er-
heblich von jenen ab; jedoch wie er selbst sagt, lai3t
der haitianische Zolldienst viel zu wiinschen fibrig;
infolgedessen sind die offiziellen Angaben wohl nicht
so zuverlissig.

1903/04 1904/05 1905/06 1906/07


Kaffee
Kaffee ausgelesener
Baumwolle
Kakao
Kampesche (StAimme)
Kampesche (Wurzeln)
Gayakholz
Brasilholz
Fustikholz

Cedernholz
Mahagony

Ochsenhiute

Ziegenhaute

Gayakgummi
Baumwollsamen

Orangeschalen
Kupfer
Schildpatt
Wachs

Honig

Pittohanf

Pistacheserdniisse
Zink
Arrowrootstlirkemehl

Rizinussamen
Mangroverinde


81407346 S
5028615 ,,
3017014,,
5028615,,
102540151 ,
51920567 ,,
4982502,,

770650,,

1499750 ,,
30576pieds
37pieces
252392 9
18 peaux
224786 ,,
9 paquets
30774 ,,
275847 ,,
2875 sacs
132001 ,,
24356 ,,
664 ,,
228612 ,,
20 sacs
22 044 gall.

63825 S
30 balls


55barils
4 sacs
134 sacs
372 ,


38853718
4924383 ,,
3287669,,
4924383,,
78141728 ,,
33909030,,
9268494 ,,
5000 ,,
497975 ,,

740000 ,,
14646 pieds

197718 a

238485 ,,

15758,,
51086,,
42553 sacs
458580 ,,
14420 ,,
787 ,,
190339 ,,

15717gall.
1050 a
1209428 i

23442 ,
510 ,,
7114 ,,

3887 ,,
576 ,,


50584554 F
5810722,,
3865216,,
4582403,,
87790000,,
32462960,,
4837560 ,,

1097000 ,,

613000 ,,
1759pieds
5793 a
171793 ,,

226686,,

9228 ,,
6208289,,
1818sacs
494492 ,,
10945 ,,
1125 ,,
149095 ,,
7 caisses
6707 gall.

669853 a

29388 ,




643 ,,


59 824869 F

4501578,,
4839787 ,,
114458880
44076320 ,,
9393369 ,,

611000,,
(inkl. Wurzeln)
550330,,
30195 pieds

283328 F

289370 ,,

11193 ,,
7909960,,

408802 ,,
35037 ,,
992 ,,
183998,,

451428 gall.

274005 S

10744,,
16452 ,,
1532 ,,

4732 ,,
5689 ,,









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Der Wert der Exporte betrug in den Jahren:
1903/04 17 874 926 Dollars
1904/05 8967862
1905/06 16668790
1906/07 14330888
Der groBte Teil der haitianischen Exportwerte
geht nach Frankreich zumal jetzt nach AbschluB der
Convention Franco-haitienne am 30. January 1907.
Nach diesem Handelsvertrag werden haitianische Er-
zeugnisse in Frankreich nach dessen Minimaltarif
behandelt, wihrend franz6sische Waren eine Zoll-
ermifigung von 331/3 /o in Haiti genieBen. Der Markt
von Havre ist der beste Abnehmer des Negerstaates
besonders von Kaffee, Kakao, Baumwolle, Kupfer
und Erdniisse. Nordamerika fiihrt hauptsachlich
H6lzer aller Art von Haiti ein, sodann noch beispiels-
weise im Jahre 1906/07 fast alle Ausfuhrmengen von
Baumwollsamen, Orangeschalen, Wachs und Hiute.
GroBbritannien erhilt in seinem Hafen Liverpool
haitianische Baumwolle. Deutschlands Einfuhr von
Haiti aus hat sehr stark abgenommen infolge der hohen
deutschen Zollsitze auf Blauholz, Kaffee und Kakao.
Es macht sich aber in den letzten Jahren eine er-
freuliche Zunahme der haitianischen Einfuhr nach
Deutschland bemerkbar. Sie wird voraussichtlich
andauern, zumal da der deutsche Kampfzoll aufge-
hoben wurde.
Der Wert der Importe belief sich in den Jahren:
1903/04 auf 3753935 Dollars
1904/05 ,, 3871061
1905/06 ,, 5714831
1906/07 ,, ?
Von dem Totalimportwert des Jahres 1905/06
entfallen etwa 60 / auf die Vereinigten Staaten, niim-
lich 3419194 Dollars. Von dort kommen vor allem
Lebensmittel wie Mehl, Salzfleisch, Butter, Fische,









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ferner Bauholz, Seife und Petroleum. An zweiter
Stelle steht GroBbritannien, es sei denn, daB es im
letzten Jahre von Frankreich iiberholt worden sei,
Es verschickte fiir 999532 Dollars in das Gebiet der
Republik und zwar besonders Baumwollwaren von
Manchester, sodann allerhand Zeuge, Kattune, Hemden-
tuche, galvanisierte Eisenwaren, Strohhiite usw. In
demselben Jahre lieferte Frankreich fur 726 624 Dollars
hauptsichlich Luxus- und Modeartikel, Parfiimerien,
Schreibwaren, feine Schuhe und Weine. Deutschland
fuihrt in den Negerstaat ein: Bier, Wein, Reis, Farben,
Chemikalien und Drogen, Steingut, grobe und feine
Eisenwaren, Garne, Baumwollwaren, Striimpfe, Sacke,
Ziindhblzer usw. Die im Jahre 1905/06 gebrachten
Waren reprisentieren einen Wert von 210071 Dollars,
die des Jahres 1904/05 nur 88116 Dollars. So ist
wie bei der Ausfuhr auch bei der Einfuhr eine all-
mihliche Besserung der deutsch-haitianischen Handels-
beziehungen zu verzeichnen. Im allgemeinen ist zu
bemerken, daB die wirtschaftliche Lage der Republik
Haiti sich nicht bessert. Dies bestatigen verschiedene
Artikel im deutschen Handelsarchiv und die englischen
Konsulatsberichte der letzten Jahre.
Die Zeitschrift Export warnt schon seit lingerer
Zeit die mit den haitianischen Verhiiltnissen nicht ver-
trauten Kaufleute vor Handelsverbindungen mit
kleineren Firmen. Es gibt dort grofe Handelshiuser,
welche sich meist in Hinden von deutschen Staats-
angeh6rigen befinden. Sie beherrschen den fiber-
seeischen Handel und setzen mehr auslkndische als
deutsche Waren um. Das Kleingeschift wird von
,,Syriern" mit dem ihnen innewohnenden Handels-
genie wahrgenommen. Sie sind Individuen tiirkischer
Nationalitat und stammen hauptsichlich aus Klein-
asien. Da sie dem haitianischen Kleinkaufmanne das









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Brot wegnehmen, bekiimpft die haitianische Regierung
sie und iiberwacht sie strong.
Die deutsche Schiffahrt hat sich den haiti-
anischen Handelsverkehr erobert. Gegen 2/.
aller eingefiihrten und fast 1/, aller ausge-
fiihrten Waren werden auf deutschen Schiffen
bef6rdert. Der englische Generalkonsul teilt der
Hamburg-Amerika-Linie 75/, des Transportes zu. Die
von New-York ausgehende, der Hamburg-Amerika-
Linie geharende Atlaslinie verschifft die Halfte aller
Waren; sie bringt fast nur amerikanische Erzeugnisse,
Von der britischen Handelsflotte lauft kaum ein Schiff
in irgend einen Hafen der Republik ein. Zwalf Hifen
sind dem internationalen Handel ge6ffnet: Port au
Prince, Cap Haiti, Gona'ives, Les Cayes, Jacmel,
Aquin, St. Marc, Port de Paix, J6r6mie, MiragoAne,
Petit Goave und der tiefe, fiir den Weltverkehr be-
deutsam werdende, seit dem 1. Oktober 1905 geiffnete
Naturhafen M61e St. Nicolas. Kein einziger Hafen
ist in gutem Zustande. Die haitianische Marine be-
steht aus 4 kleinen Fahrzeugen. Sie beaufsichtigen
den Kiisten- Hafen- und Zolldienst. Folgende
Dampferlinien verkehren in Haitis Hiifen.
1. Hamburg-Amerika-Linie von und nach Europa.
Zeitabschnitte unbestimmt.
2. Hamburg-Amerika-Linie (Atlas-Dienst) von New-
York nach Haiti und weiter wachentlich einmal.
3. Dieselbe nach St. Thomas und Santo Domingo
monatlich einmal.
4. Koninklijke Westindische Maildienst alle 14 Tage
von New-York fiber Haiti nach Curagao und weiter,
ebenso alle 14 Tage zuriick.
5. Compagnie g6n6ral transatlantique einmal
monatlich von und nach Havre, einmal monatlich von
und nach Santo Domingo.









93 -


Eigentliche Postanstalten gibt es 14 im Neger-
staate, (Kiirschner sagt 31) jedoch ist fur alle selbst
sehr kleine Orte ein Postdienst eingerichtet nach
Angabe des Berliner haitianischen Konsulates. Die
franz5sische Kabelkompagnie, welche von Haiti jihr-
lich eine Subvention erhilt, die jiingst auf
24000 Dollars ermaiBigt wurde, hat fiir die tele-
graphische Verbindung mit Nordamerika fiber
Cuba und mit Siidamerika fiber Puerto Plata gesorgt.
Nach Andrees Handatlas steht Cap Haiti auch in
direkter Verbindung mit New-York. Der Oberland-
telegraph, welchen die Regierung 1899 kaufte, ist in
schlechtem Zustande, und der Dienst hat eine griind-
liche Reform n6tig. Die Privatspekulation bemichtigte
sich des Fernsprechverkehrs und legte von St. Marc
aus ein Telephonnetz von 120 km an. Ober den
Zustand der staatlichen Fernsprecherleitungen konnte
ich nichts erfahren. Die haitianischen Beh6rden
schweigen sich aus; von ihnen war auch nicht die
Angabe der Telegraphenlinge zu erhalten.
In alien Zweigen der Verwaltung tritt der
Geldmangel der Durchfiihrung der sch6nsten Pline
und auch der schon angenommenen Gesetze entgegen.
In verkehrspolitischer Beziehung macht sich dies am
meisten fiihlbar, da kein Geld vorhanden ist, auch
nur einige Wege in tadellosem Zustande zu erhalten.
Hatte die Regierung die Eisenbahnen bauen miissen,
so hditte das Volk noch lange auf dies Verkehrsmittel
warten k6nnen. Vom Auslande mit seinem Kapital
muBte hier wie auch sonst der Fortschritt kommen.
Folgende Eisenbahnen sind im Gebiete der Republik
fertiggestellt beziehungsweise im Bau.
1. Chemin de fer du Nord von Cap Haiti nach
La Grande Riviere du Nord. 22 km.
2. Compagnie des chemins de fer de la Plaine
de Cul de Sac, a) von Port au Prince nach dem









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Etang Saumatre, 43,5 km, b) Tramways von Port au
Prince 10,0 km, c) von Port au Prince nach Carrefour
7,5 km, d) von Carrefour nach L6ogane 25,0 km [1908
im Bau],
3. National Railroad of Haiti von Gonaives nach
Hinche [1908 im Bau, 23 km bis Sasse-Reine schon
fertig].
Die nichsten Jahre werden zeigen, ob Haiti sich
infolge der Eisenbahnen wirtschaftlich aufrafft, ob die
Landwirtschaft gr8Bere Produktionsmengen auf den
Markt wirft, und ob die allem Anscheine nach reichen
Mineralschiitze zur Ausbeutung gelangen. Der
Staatssekretir fiir Ackerbau hat freilich guten Mut
und glaubt, daB der schwarze Bauer endlich aus
seinem Schlaf erwacht sei: ,,Les habitants de la
Plaine de Cul de Sac qui semblaient someiller,
, se sont reveillks de leur torpeur, depuis que
le chemin de fer s'y est 6tabli" ), Amerikanische
Kapitalisten scheinen sich fiir die Bodenschitze zu
interessieren. Sie schickten 1907 einen Geologen und
einen Chemiker zur Untersuchung der Minen des
Landes. In der Umgebung von L'Ause a Veau
wurden im Mirz Kohlenminen entdeckt.
Der Kulturzustand des Volkes liBt leider nicht
sehr viel fiir die allernichste Zeit zu erhoffen. Sein
Bildungszustand ist noch recht tief. In den letzten
Jahren sind ein paar neue Schulen entstanden, die
wohl Einfluf3 auf Gewerbe und Landwirtschaft haben
kinnen, die Ackerbauschule, das Mustergut bei
Turgeau und die Handwerker- und Gewerbe-
schule in Port au Prince. Von beiden Anstalten
sollen noch mehrere an verschiedenen Orten ins Leben
gerufen werden. Sodann gibt es noch eine Art
Technikum, welches Ackerbaukundige, Leiter 6ffent-
licher Arbeiten und Maschinenbauer ausbilden soil.
1) siehe 20. Jahrgang 1907. pag. 77.









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,,L'Ure de l'activit6 &conomique semble se lever
en Haiti"') sagte der Staatssekretir in seinem Ex-
pos6 g6n6ral. Wir kinnen nur den Wunsch aus-
driicken, daB er wahr gesprochen haben m6ge, und
Haiti endlich im Wettbewerb der V6lker den Rang
einnehme, der ihm gemaiB seiner Reichtiimer an boden-
wirtschaftlichen Schitzen zukommt.
Jedoch schwindet diese Hoffnung fast, wenn wir
die neueste Geschichte Haitis betrachten. Da lebte
das Hauptiibel des haitianischen Staatswesens, das
Haupthindernis der wirtschaftlichen Entwickelung, die
Revolution wieder auf, indem die Liberalen mehrmals
Verschw6rungen anzettelten. Mitte Januar vergangenen
Jahres brach die revolutionare Bewegung in Gonaives
wieder aus und pflanzte sich nach St. Marx und Port
de Paix fort. Blutig wurde der Aufstand unterdriickt.
St. Marx soil dabei halb in Asche gesunken sein.
46 Fiihrer der Liberalen wurden in Gonaives er-
schossen. Die Konsulate fiillten sich mit Fliichtlingen,
das Geschaftsleben stockte, die Straflen waren
menschenleer. Schon schien sich die Wut der
schwarzen Gewalthaber und ihrer Anhinger auf die
Konsulate zu richten, als die pl6tzliche Ankunft der
europiischen Kriegsschiffe die Gefahr von den Aus-
lindern abwandte. Unsere Landsleute schiitzte S. M.
S. der Kreuzer ,,Bremen" unter Kapitanleutnant
Hasenknopf, Anfang Dezember des vorigen Jahres
waren auch die Tage des autokratischen Regimentes
von Nord-Alexis gezaihlt, eine kurze Revolution, die
Folge der Schreckensherrschaft im Miirz, stiirzte den
etwa neunzigjiihrigen Priisidenten.
Diese neuesten Ereignisse haben gezeigt, daB die
inneren Wirren in Haiti leider vorliufig noch nicht
ruhen, und man kann es begreifen, ,,daB der Prasi-
dent der Vereinigten Staaten Roosevelt seinerzeit dem
1) siehe 20. Jahrgang 1907. pag, 85.









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KongreB erklirte, die Vereinigten Staaten wiirden
schliel3ich dauernd dort intervenieren miissen" ). Im
Export wurde darauf hingewiesen, daB die Finanz-
kontrolle etwa der Vereinigten Staaten in dem ,,durch
Unverstand und Unfahigkeit herabgekommenen Lande
geordnete Zustinde schaffen kann, ,,die es den
Schwarzen erm6glichen, unter Leitung der Fremden
das Land zu kultivieren und seine groBen Natur-
schitze zu heben" ). Schon vor Jahren hatte der
haitianische Patriot Janvier darauf aufmerksam ge-
macht, daB von Nordamerika aus die Unabhingigkeit
der Negerpolitik bedroht sei. Er macht mit alien
Mitteln scharf gegen ein Protektorat der Vereinigten
Staaten. Er sah sein Vaterland in rosigem Licht,
seine Erwartungen wurden getiuscht, und mit der
wachsenden Unordnung schien die Gefahr immer
niher zu riicken, zumal da der vermeintliche Feind
sich auch auf Cuba und Portoriko festsetzte. Der
Furcht ist wohl die Anfrage des haitianischen Ge-
schaftstrigers in Washington entsprungen, ob die
Vereinigten Staaten ihre Annexionsgeliiste auch auf
die Negerrepublik ausdehnen wolle. Es wurde dies
aber von dem weiBen Hause aus verneint, ,,weder
durch Gewalt noch durch Vertrage"") lautete die
Antwort. Man braucht kein Prophet zu sein! Aber
wenn man sieht, daB immer mehr amerikanisches
Kapital in Haiti angelegt wird, daB besonders in den
letzten Jahren immer mehr amerikanische Kaufleute
sich niederlassen, so wird die Zeit dem ruhelosen
Negervolk eine ,,dauernde Intervention der Vereinigten
Staaten" bringen miissen.



1) siehe 51, Jahrgang 1908. 21. Mirz.
2) siehe 19, Jahrgang 1903. 5. Mirz. Nr. 10. pag. 128.
") siehe 37. Jahrgang 1905. 22. February.









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Lebenslauf.

Geboren wurde ich, Heinrich Karl Kemp,
katholischer Konfession am 29. January 1882 zu Elmpt
bei M.-Gladbach als Sohn des 1883 verstorbenen
Lehrers Johann Kemp und der Anna Margarete
geb. Buscheinen. Bis zu meinem dreizehnten Lebens-
jahre besuchte ich die Elementarschule zu Elmpt und
trat nach private Vorbildung Ostern 1897 in die
Untertertia des Gymnasiums zu M.-Gladbach ein, das
ich am 21. February 1903 mit dem Zeugnis der Reife
verlieB. Darauf bezog ich die Universitat Bonn und
widmete mich dem Studium von Deutsch und Geschichte.
Mein drittes, das Sommersemester 1904 brachte ich
in Miinchen zu; alsdann kehrte ich nach Bonn zuriick,
wo ich seitdem aufer obigen Fachern noch Geographie
und Philosophie studierte. Die miindliche Priifung
bestand ich am 16. Juni 1909.
Meine akademischen Lehrer waren die Herren
Professoren und Dozenten:
In Miinchen: Paul, Simonsfeld, G6tz, Mayr.
In Bonn: von Bezold, Drescher, Dyroff,
Erdmann, F6rster, Geyser, Gaufinez, Kiintzel,
Levison, Litzmann, Nissen, Rein, Ritter, Schulte,
Schultze, Steinmann, Trautmann, Wentscher,
Wilmanns.
Ihnen allen fiihle ich mich zu Dank verpflichtet,
ganz besonders aber meinem verehrten Lehrer Herrn
Geheimrat Prof. Dr. Rein, der mir seine schitzens-
werte Hiilfe bei Abfassung vorliegender Arbeit in
liebenswiirdigster Weise stets zu teil werden lieB.




















Literaturangaben.


1. Gustave d'Alaux, L'empereur Soulouque et son empire er-
schienen in der Revue des deux mondes. Jahrgang XX.
tome VIII. Paris 1850. tome IX. 1850. tome X. 1851.
2. Almanach du bon Haitien fiir das Jahr 1908. Port au
Prince 1907.
3. B. Ardouin, Etudes sur l'histoire d'Haiti. Paris 1856. 11 Bde.
4. W. Bellegarde und J. Lh&risson, Manuel d'histoire d'Haiti.
Port au Prince. 1907.
5. Freiherr von Benko, Reise S. M. Schiffes Zrinyi fiber Malta,
Tanger und Teneriffa nach Westindien. Pola 1887.
6. Alexandre Bonneau, Haiti, ses progrts son avenir.
Paris 1862.
7. Bulletin official de l'agriculture et de l'industrie. Heft 4
und 5. Port au Prince 1901.
8. Don Miguel Colmeiro, Diccionario de los diversos nombres
vulgares de muchas plants usuales 6 notables del antiguo
y nuevo munde. Madrid 1871.
9. Contzen, Haiti und seine Rassenkimpfe. C61n 1863.
10. Paul Del6age, Haiti en 1886. Paris 1887.
11. Deutsche Bergwerkszeitung, Essen. 9. Jahrgang, 1908. No. 154.
3. Juli.
12. Deutsche Reichszeitung, Bonn. Jahrgang 1908.
13. Deutsches Handelsarchiv, Zeitschrift fiir Handel und Gewerbe
herausgegeben im Reichsamt des Innern. Berlin. Ver-
schiedene Jahrginge.
14. Diplomatic and Consular Reports. London. Verschiedene
Nummern.
15. G. Dragendorff, Die Heilpflanzen. Stuttgart 1898.
16. J. B. Ducasse de Bearn, Lettre de J. B. Ducasse, Gouverneur
de St. Domingue erschienen in der Revue maritime et colo-
niale. V. Paris 1862.
17. J. B. Ducasse de Beam, Saint-Domingue en 1692. Documents
in6dits sur l'histoire de la marine et des colonies erschienen
in der Revue maritime et colonial. V. Paris 1862.











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18. Jules Duval, La situation 6conomique d'Haiti, rapport lu A
la society de G6ographie, in Bulletin de la Soci6t6 de G6o-
graphie. Paris 1862.
19. Export, Organ des Centralvereins fiir Handelsgeographie und
Farderung deutscher Interessen im Auslande zu Berlin. Ver-
schiedene Jahrgiinge.
20. Expos6 g6n6ral de la situation de la r6publique d'Haiti.
Port au Prince. Verschiedene Jahrgiinge.
21. Dantes Fortunat, Abreg6 de la geographie de File d'Haiti.
Paris 1890.
22. G. des Fosses, St. Domingue sous Louis XV. Paris 1886.
23. Hamburgs Handel und Schiffahrt zusammengestellt vom
handelsstatistischen Bureau. Hamburg. Bd. 1902/04 und
Bd. 1905/06. Hamburg 1904 u. 1906.
24. H. Handelmann, Geschichte der Insel Haiti. Kiel 1856.
25. J. Hann, Das Klima von Port au Prince (Haiti), Meteoro-
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26. Henri Harrisse, Christoph Colomb. 2 Bde. Paris 1884.
27. A. Herzfeld, Haiti Klima und Krankheiten, New-Yorker
Medizinische Monatsschrift. 1903. XV.
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(1840-82). Paris 1883.
29. Louis Joseph Janvier, Les affaires d'Haiti. (1883-84).
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30. Jiilfs und Balleer, Die Seehiifen. I. Bd. Oldenburg 1870.
31. J. G. Kohl, Spezielle Analyse der beiden iiltesten General-
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32. Kl6nische Zeitung. C61n. Jahrgang 1908.
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34. La Fraternit6, Paris. Jahrgang 1896.
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XXXVIII. Paris 1879.
36. H. Lecomte, La culture du caf6 dans le monde, La G6o-
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37. Le Moniteur, Journal official de la R6publique d'Haiti, Port
au Prince. Die letzten zwanzig Jahrgange.
38. R. Lepelletier de St. Remy, La r6publique d'Haiti, ses der-
nieres revolutions et sa situation actuelle. Paris 1845 er-
schienen in der Revue des deux mondes. Jahrgang 1845.
tome XII.
39. L'Opinion national. Jahrgang 1893. Port au Prince.